Prothesengötter - Frank Hebben - E-Book

Prothesengötter E-Book

Frank Hebben

0,0

Beschreibung

»Sie kam aus der Gilde der Künstler; ihre Haut brachte Schichten von Onamut hervor, schillernd wie Öl, und ihre Stimme – oh ihre Stimme! – wie das Meer, das dunkle Lieder singt, wie schwarzes Flüstern, das einem den Rücken runterlief, sobald sie zu einem sprach. Illaine; selbst ihr Name war das Gegenteil von mir: leicht, schön – wie sie. Ich war nur ein Wühler, fettleibig und schwitzend, mit Maschinen als Händen, als Augen und Ohren, als Lungen und als Herz. Ein Arbeiter, zum Arbeiten gemacht.« Aus: »Der Wühler« Dark Industrial bis Cyberpunk – dreizehn Erzählungen in einem Sammelband, vom Autor persönlich zusammengestellt, darunter seine für den Deutschen Science Fiction Preis nominierten Werke: Memories (2005) und Das Fest des Hammers ist der Schlag (2006). »Frank Hebben, der Senkrechtstarter des Jahres.« Helmuth W. Mommers, 2006 »Knapp, flott, erfrischend und wortgewaltig. Hebben bläst wie ein frischer Wind durch die deutschsprachige Science Fiction.« Andreas Gruber »Die Zukunft der deutschen Science Fiction heißt Frank Hebben.« Michael K. Iwoleit

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 306

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



-

FRANK HEBBEN

PROTHESENGÖTTER

SF-Storys

PROTHESENGÖTTER

fantastic episodes XIV

Die Erstausgabe dieses Buches erschien 2008 im Wurdack Verlag, Nittendorf

Text © 2013 Frank Hebben

© 2016 diese Ausgabe – Begedia Verlag

Lektorat – Armin Rößler

Satz und Gestaltung – Hardy Kettlitz

Umschlagbild – Carsten Dörr

ISBN – 978-3-95777-082-0 (epub)

Besuchen Sie uns im Internet:

http://verlag.begedia.de

Inhalt

Titel

Impressum

Vorwort

MEMORIES

IM LABYRINTH DER NEONROSE

GELÉE ROYALE

DER WÜHLER

DAS BILD IM LEEREN RAHMEN

MARIONETTENTHEATER

OFF

AMETHYST

[002:32:45]

EXODUS 1906 AD

IMPERIUM GERMANICUM

DAS FEST DES HAMMERS IST DER SCHLAG

Ω

Quellen

Über den Autor

Weitere Bücher aus dem Begedia Verlag

Für Elli und für Jan

»Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen [...]«

(Freud: Das Unbehagen in der Kultur, 1930)

-

Vorwort

Alle Autoren kennen diesen Typen: Eines Tages steht er, ein »Manuskript« unterm Arm, mit flackerndem Blick vor deiner Tür.

Bevor du denken kannst Wieso rücken diese Beknackten immer mir auf die Pelle? Warum nerven sie nicht mal Uwe Anton? sitzt er schon in deinem Bureau, schlappt deinen Kaffee, pafft dir die Bude voll, knallt das »Manuskript« aufn Tisch und fordert dich auf, den sechshundert Seiten umfassenden ersten Band seiner gerade im Entstehen befindlichen Roman-Tetralogie zu lesen.

Das, Alter, ist der Augenblick, in dem du den Tag verwünschst, an dem du dem ersten Clown in den Sattel geholfen hast, der heute Bestseller schreibt und so tut, als hätte er noch nie von dir gehört.

Ja, alle Autoren kennen diesen Typen: Er ist von dem Wahn besessen, Schriftsteller zu werden – obwohl er Triumph mit »pf«, Standard standardmäßig mit »t« schreibt und nicht weiß, welchen Zweck Bindestriche erfüllen und dass man Eigennamen nicht dekliniert.

Er ist doof wie ein Meter Feldweg, schreibt pausenlos Sätze wie »Ich war sichtlich irritiert« und lässt Figuren in der dritten Person über sich selbst nachsinnen (Er hätte in der Grundschule besser aufpassen sollen, dachte er). Dass seine Figuren sich in einer Sprache unterhalten, die im wirklichen Leben gar nicht vorkommt, hat folgenden Grund: Seine Inspirationen entstammen TV-Serien, die von gemeinen amerikanischen Schwachmaten geschrieben und von stiltauben deutschen Schwachmaten »übersetzt« werden. Zum Beispiel so:

EDDIE: Möchtest du noch ein Bier?

FREDDIE: Nicht wirklich.

Dieser Typ hat nix Originelles drauf. Er ist wie zehntausend andere – kein bissken kreativ. Er käut nur wieder. Er traut sich nix. Seine Charaktere sind Pappcharaktere. Er weiß nicht, was Neologismen sind, und würde sie nicht mal erkennen, wenn sie an seinem Schniedel nuckeln. Er hat keinen Klassiker gelesen. Bradbury hält er bestenfalls für Schokolade. Trotzdem ist er davon überzeugt, dass er die SF erfunden hat. Und überhaupt: Sind nicht Lektoren für Kommata zuständig?

Ja, ja, wir kennen diese Typen. Wenn sie mit ihrem »Manuskript« vor der Tür stehen, geht jeder Autor, der was auf sich hält, sofort stiften.

Aber, du ahnst es schon: Frank Hebben gehört nicht dazu! Dieser Typ hat was auf dem Kasten! Er hat Witz. Er ist geistreich. Er hat ausgeflippte Ideen. Er ist zuverlässig. Er ist ein fleißiger Arbeiter. Er sieht teuflisch gut aus. [Momentan errötet er bis unter die Haarwurzeln.] Er hat eine Braut, der ich, wäre ich nicht anderweitig gebunden, sofort den Hof machen würde. Ich wette, er kommt noch mal groß raus. Im Gegensatz zu vielen Krampen, die in unserem Lande Bestseller schreiben, hat er es verdient.

Neulich traf ich in einer der Gossen, die wir SF-Autoren so frequentieren, meinen lieben Freund Michael, der die Stirn hatte, mir Folgendes ins Gesicht zu sagen: »Wennu dir ’n bissken anstrengen tust, könnte aus disch irschendwann eventuell auch mal ’n Frank Hebben werden.« *)

Danach lasset uns alle streben. Woll, Horsti?

Ronald M. Hahn

Wuppertal, am 7. 1. 2008

*) Woran man erkennen kann, welche Lektoratsarbeit diese SF-Preise abstaubenden Kanaillen ihren Lektoren wirklich machen.

MEMORIES

Die Stimme eines alten Films

Dumpfes Mono, zwei Takte Musik

Ein Regenlicht am Fenster

»Ich kaufe sie«, sagte das Mädchen mit den Schmetterlingsaugen. »Wie viele Fragmente wird das kosten?«

Der Händler beugte sich über den Transmitter, ein Gerät in der Form eines Kubus, links und rechts die Drähte und goldene Haftungen für die Stirn. »Fünfzehn.«

»Was, fünfzehn?« Mit zwei Fingern knibbelte das Mädchen die Haftung ab. »Das sind ja mehr als drei Erinnerungen.«

»In bester Qualität«, ergänzte der Händler und setzte sein Verkaufslächeln auf. »Glasklare Bilder, saubere Gefühle. Wir nehmen nur Alpha-Memories.«

»Teuer, teuer.«

»Und zu Recht!« Der Händler öffnete die Hände. »Diese Erinnerung stammt aus dem Jahr 1964, Westeuropa, Frankreich vielleicht; sie ist mehr als zweihundert Jahre alt.« Sein Lächeln wurde breiter. »La Bohème, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»La Bohème«, wiederholte das Mädchen nachdenklich. »Gut, okay, tauschen Sie auch schlechte?«

»Kommt drauf an.«

»Ich habe ein Erlebnis aus der Schulfabrik, zwei Nächte im Gefängnis und den Mord an meiner Mutter.«

Der Händler sog Luft durch die Zähne. »Mord? Wir sind ein seriöses Geschäft, so etwas können Sie hier nicht tauschen. Erinnerungen an Bücher, an Filme, die unsere Regierung vernichten ließ, das nehmen wir gerne. Sonnenuntergänge, Erinnerungen an Tiere und Pflanzen. Ein Picknick im Wald. Haben Sie solche Fragmente?«

»Nein«, antwortete das Mädchen traurig, und ihre Augen schillerten in tausend Farben. »Oh, ich hatte mal einen Hund.«

»Einen Hund? Dafür gibt es Sammler. Welche Rasse?«

»Weiß ich nicht. Er hatte ein königsblaues Fell.«

Der Händler winkte ab. »Keine Schöpfungen, tut mir leid.«

»Ich überleg es mir noch mal«, flüsterte das Mädchen. Sie stülpte die Kapuze ihres Plastikmantels über den Kopf und zerrte an den Bändern. »Auf Wiedersehen.«

»Beehren Sie uns, sobald Ihnen etwas Gutes widerfahren ist.« Der Händler nahm die Haftung ab. »Schönen Abend wünsche ich!«

Tropfen für Tropfen

Saurer Regen, manchmal Blut

Rotgefärbt durch Neonlicht

Ein Club in den Schatten

Drinnen waren die Stimmen künstlich abgedämpft, nur angenehmes Murmeln drang aus den Sitznischen. Das Mädchen hatte sich ans Schaufenster gesetzt und beobachtete die vorüber drängenden Menschen. Es regnete in Strömen.

»Was darf ich dir bringen?«, fragte die Kellnerin und stellte das Tablett mit den Tassen ab, um die Hände freizuhaben. Sie zückte Zettel und Stift, wartete.

»Sunburn ohne Eis.« Das Mädchen schaute sie nicht an. »Doppelt.«

»Schlechter Tag, was?«

»Schlechtes Leben.«

Der Regen fiel.

Zwei Männer gingen vorüber, eine Frau, ein Mann, ein Polizist. Hastig drehte sich das Mädchen weg.

»Wie heißt du?«, fragte die Kellnerin.

»Céline.«

»Kopf hoch Céline, bloß nicht unterkriegen lassen.«

»Sunburn ohne Eis, doppelt.«

»Kommt sofort.«

Céline streifte ihre Tasche und den Plastikmantel ab, hängte beide am Haken auf. Als die Kellnerin mit dem Drink zurückkam, bezahlte sie direkt und passend, gab kein Trinkgeld und verkroch sich dann im Winkel zwischen Polsterung und Fenster. Ihr Atem beschlug die Scheibe. Vorsichtig setzte sie das Glas an die Lippen und nippte daran. Sie schloss die Augen und dachte an ihre Lieblingserinnerung, die einzig schöne, die sie noch hatte; alle anderen waren verkauft:

Das Meer

Blau und weit

So kalt und klar

Sein gleichmäßiges Atmen

Ein und aus

Oben Vögel und die Sonne

Der Cocktail zeigte Wirkung, ein warmes Kribbeln im Bauch, wie Liebe, und Céline seufzte lustvoll; jetzt ging es ihr viel besser. Sie bestellte noch ein Glas.

»Sunburn?«, fragte die Kellnerin.

»Doppelt.«

»Kommt sofort.«

»Warte mal«, sagte Céline. »Ich suche jemanden, einen, der schlechte Memories eintauscht.«

»Willst sie loswerden, nicht wahr, Kleines? Was ist es, eine unglückliche Liebe? Herzchen, damit plagen wir uns doch alle rum!«

»Kennst du da jemanden?«, fragte Céline leise.

»Vielleicht nimmt sie die Nadel. Schlechte Erinnerungen und neue Rauschgifte, das hält sie am Leben, selbst kann sie nichts mehr fühlen. Probier es, biete sie ihr an. Sie lungert am Hafen, auf dem Flohmarkt der Träume.«

»Ich weiß, wo das ist.«

»Such hinter den Ständen. So, ich bring dir mal den Cocktail.«

»Danke.«

Als die Kellnerin zurück an den Tisch kam, kippte Céline das Getränk hinunter, bezahlte und stand auf. Sie griff nach ihrem Mantel und zog ihn über, nahm ihre Tasche und verließ die Bar. An der nächsten Ecke bog sie links ab und folgte den Straßen, bis sie den Flohmarkt am Hafen erreichte. Nach kurzem Suchen fand sie die Nadel, müde an eine Laterne gelehnt, eine Frau in den letzten Jahren, ausgemergelter Körper, die Wangen traten hervor.

»Man nennt dich die Nadel?«

»Wer will das wissen?« Ihre kristallblauen Augen durchbohrten sie; Neon-Implantate.

»Schlechte Memories, tauschst du sie?«, fragte Céline.

»Hast du dein Stofftier verloren?« Die Nadel zog die Lippen breit.

»Ich rede von Mord, an meiner Mutter.«

Kurzes Schweigen.

»Du dummes Ding«, sagte die Nadel. »Blutjung, und schon dein Leben versaut.«

»Nein, nein, ich war das nicht.«

»Ach so. Gute Qualität?«

»Denke schon.«

»Okay«, sagte die Nadel, »lass mal sehen.« Sie langte hinter die Laterne, wo ihre Habseligkeiten standen, holte einen Kubus hervor und klebte die Haftung an die Stirn. »Komm her, ich schau’s mir an.« Die Nadel winkte; Céline tastete nach ihrer Waffe, zögerte kurz und trat heran. »Ich will etwas Schönes dafür.«

»Was Schönes willst du? Eine Erinnerung an Schnee?«

»So etwas hast du?«, fragte Céline verblüfft.

»Ich?« Ein Lachen schüttelte die Nadel. »Na klar!«

»Was hast du dann?«

»Wie wär’s mit Clowns? Ein alter Traum mit Clowns.«

»Gut, warum nicht.«

»Komm näher.«

Nacht, dunkel ist die Gasse

Ein Skalpell, nein zwei

Gravierte Klingen

Ein Drache auf dem einen

Ein Teufel auf dem andern

Ritsch, ratsch!

Und Blut überall

»Jetzt ich«, sagte die Nadel und drückte auf den zweiten Transmitter-Knopf.

Haha!

Die Clowns

Bunt und lachend

Die Torten fliegen

Tatütata Tatütata

Seht da kommt

Die Feuerwehr!

Céline kicherte vergnügt. Sie wusste nicht, warum, doch sie fühlte sich erleichtert. Ein Schatten war von ihrer Seele gewichen. Entspannt nahm sie die Haftung ab. »Ein guter Tausch«, sagte sie zur Nadel.

»Gefällt’s dir? Ich bin auch zufrieden, starke Emotionen, Angst.« Sie dachte an die Nacht. »Ah, gut«, sagte sie und dann: »Moment mal, ich kenne diesen Kerl!«

»Wen?«

»Den mit den Skalpellen.«

»Keine Ahnung, wovon du redest.« Céline wandte sich zum Gehen.

»Vom Mörder, der deine Mutter auf dem Gewissen hat.«

Sie hielt inne. »Was?« Die Wirkung des Sunburns verpuffte.

»Salvador Dalí.«

»Dalí?«, fragte Céline und öffnete beiläufig den Verschluss ihrer Tasche.

»Ist sein Straßenname.« Die Nadel griff in ihren Mantel und kramte nach einer Dose, öffnete sie und steckte sich drei Pillen in den Mund. Ihre Pupillen flackerten, wurden erst gelb, danach blutrot. »Seit Jahren wildert er im goldenen Viertel, sammelt Organe und Haut für seine Kreationen. Es gibt Käufer für diese Art von ... Kunstwerken. Ich habe eine Ausstellung gesehen, erst neulich.«

»Ich will sämtliche Erinnerungen.«

»Mädchen, lass es, der ist wirklich gefährlich.«

»Ich will sie alle.« Céline zog ihre Pistole hervor. »Alle will ich, alle! Und meine will ich auch zurück!«

Blaues, weites Meereslicht

In der Halle

Bilder

Klar und kalt

Organe, Fett

Sein gleichmäßiges Atmen

Er lacht

Er lächelt

Gieriges Entzücken

Eine Frau

Will und kauft sie

Für DeLanys

Oben

Vögel und die Sonne

»Nein!«, schrie Céline, während sie die Haftung abriss. »Du hast sie mir versaut mit deinem Schrottgerät!« Sie setzte der Nadel die Pistole auf die Kehle.

»Ich …«, keuchte die Nadel. »Was habe ich ...«

Céline entsicherte die Waffe. »Nicht sie, alles nur nicht sie!«

»Es tut mir leid, ich wollte nicht ...« Langsam ging die Nadel auf die Knie. »Bitte.«

»Verfluchter Dreck!«, brüllte Céline und nahm die Waffe zurück. Zwei Tränen sickerten aus ihren Augen. »Ich hatte doch sonst nichts.« Weinend drehte sie sich um und rannte davon.

Häuser, Straßen, Menschen

Alles Schatten hinter Glas

Wut und Trauer

Und kein Weg

Aus dem Labyrinth

Die junge, stahlblonde Verkäuferin des DeLanys trug einen Arztkittel; warum, war für den gewöhnlichen Kunden nicht ersichtlich. Céline öffnete die gläsernen Türen des Ateliers und trat an das erste der ausgestellten Bilder heran; Der Magier, Tusche auf Karton, 2134.

»Ein wundervolles Porträt«, sagte die Verkäuferin hinter ihr. »Das Gesicht ist ausdrucksvoll, obwohl es leer erscheint, diese brennenden Augen, die skelettierten Wangen, hohl, aber markant.«

»Was kostet es?«, fragte Céline.

Die Verkäuferin lächelte künstlich. »Oh, das kannst du dir nicht leisten. Bei einer Versteigerung würde es mehr als achtundzwanzigtausend bringen.«

»Fragmente?«

»Ach was!«, lachte die Verkäuferin, »Cash!« Sie deutete auf einen Ständer mit 3D-Postkarten. »Aber wir führen erstklassige Abzüge, die du an deine Freunde schicken kannst.«

Céline wandte sich ab. »So gut gefällt mir das gar nicht.« Sie spähte zu einem arztgrünen Vorhang, der diesen Raum vom nächsten trennte. »Ich steh mehr auf organische Kunst.«

»Aah!«, machte die Verkäuferin, wobei sie ihr künstliches Lächeln aufsetzte; Céline fragte sich, wie viel das wohl gekostet hatte. »Du hast davon gehört?«

»Von Dalís Bildern?«

»Ja, genau.«

»Ich war Gast der letzten Ausstellung.«

»Und du willst sie noch mal sehen«, ergänzte die Verkäuferin. »Das verstehe ich. Er ist ein wahrer Künstler, macht einem eine Gänsehaut.«

»Besser kann man’s nicht beschreiben«, bejahte Céline. Sie versuchte, das Lächeln zu kopieren. »Kann ich sie mir jetzt anschauen?«

»Heute bin ich alleine im Laden, weißt du, ich habe keine Zeit für diese Art von Gefälligkeiten.«

»Bitte.«

»Okay, für dich mach ich mal ne Ausnahme.« Die junge Frau im Kittel zwinkerte ihr zu. »Aber nur kurz.«

»Vielen Dank«, sagte Céline.

»Keine Ursache, komm.« Sie teilte den Vorhang und ließ Céline passieren; beide gingen einen langen Korridor entlang, danach zwei Treppen hinab. Seitlich öffnete sich ein Atelier, das arktisblau ausgeleuchtet war. An den Wänden hingen Glaskästen, jeder war mit einem Tuch verhangen. Céline wurde zum größten der Exponate geführt.

»Davon haben wir keine Abzüge, also präg es dir gut ein«, lachte die Verkäuferin. »Hier.« Ruckartig riss sie das Tuch beiseite.

Eine schlechte Erinnerung mehr, dachte Céline noch, bevor der Schock sie übermannte. Es blieb nur ein Rauschen in ihrem Kopf, wie bei einem Fernseher ohne Bild. Sie starrte einfach auf den Kasten, unfähig etwas zu sagen.

»... ist natürlich vakuumversiegelt, die Haltbarkeit wäre sonst ...«

Kalter Schweiß auf ihrer Stirn.

»... Tod als Kunst, das ist eine Hauptaussage seiner ...«

Die Hände zitterten.

»... in der frühen Periode vor etwa sieben Jahren ...« Die Verkäuferin brach ab. »Hey, geht’s dir nicht gut?«

Céline nahm den Blick vom Kunstwerk und schaute zu ihr auf. »Was?«

»Ich sagte: Geht es dir nicht gut?«

»Oh … doch, doch, hier drin ist es nur so schrecklich kalt.«

Die Verkäuferin zog das Tuch über den Kasten. »Wir müssen diesen Raum kühlen, auch wegen der Haltbarkeit.« Sie ging zur Tür; Céline folgte ihr. »Mehr Zeit habe ich leider nicht, vielleicht morgen wieder.«

»Danke«, brachte Céline hervor, während sie versuchte, den Schwindel wieder abzuschütteln. »Ich hätte gern ein Autogramm.«

»Von mir?« Die Frau zwinkerte ihr zu. »Du meinst von ihm. Autogrammkarten führen wir leider nicht, da musst du ihn schon selber bitten.«

»Wann ist die nächste Ausstellung, heute?«

»Du meinst Vernissage. Nein, wie kommst du darauf?«

»Wo kann ich denn Salvador Dalí finden?«

»Mann, du bist wirklich schwer begeistert von ihm, was?« Die Verkäuferin lachte. »Ist selten, dass sich junge Mädchen so stark für moderne Kunst interessieren.«

Sie stiegen die erste Treppe hinauf; am Absatz der zweiten blieb Céline plötzlich stehen. »Wo finde ich den Künstler? Wo?«

»Namen und Adressen dürfen wir leider nicht herausgeben, nächste Woche hast du Gelegenheit ...«

Céline zog ihre Waffe aus der Tasche, zielte zuerst auf die Brust, dann auf den Hals der Verkäuferin. »Die Adresse von diesem Irren, sofort, das sage ich kein zweites Mal.«

»Du bist ja verrückt«, sagte die Frau gelassen. »Jetzt steck die Pistole weg und verschwinde, ansonsten hol ich die Polizei.« Sie drehte sich zur Treppe und stieg etwas höher, bis Céline ihr die Beine wegtrat. Hart knallte ihr Kinn auf die Stufen, sie schrie vor Schmerzen.

»Wo lebt dieses Schwein?«, presste Céline durch die Zähne. »Raus damit!«

»Er ist Arzt im St. John Hospital«, keuchte die Verkäuferin. Sie betastete ihr Nasenbein, um zu sehen, ob es vielleicht gebrochen war. »Er lebt und arbeitet dort.«

»Sein Name?«

»Dr. Randell, er heißt Dr. Randell.« Zögernd stand die Frau von der Treppe auf. »Du bist ja fanatisch, lass ihn in Ruhe!«

»Runter«, zischte Céline und streckte die Waffe vor. »Los!« Sie drängte die Verkäuferin die Treppe abwärts und in den Raum mit den Kunstwerken hinein. »Stell dich an die Wand.«

»Nein, bitte nicht«, flehte die Frau.

»An die Wand!«, schrie Céline. »Den Rücken zu mir.« Hastig griff sie in die Tasche und holte einen kleinen Kubus hervor. »Nimm die Haftung … du sollst die Haftung nehmen, verdammt! Kleb sie an die Stirn.«

Céline drückte sich selbst die Haftung fest. »So, ich will alle Erinnerungen an mich, die ganze letzte Viertelstunde! Hast du das kapiert?«

»Ja«, antwortete die Verkäuferin kleinlaut, und Céline betätigte den Knopf.

Ein Mädchen

Mit Tasche, Mantel

Schmetterlingsaugen

Traurig scheint sie

Allein in der Welt

Wie so viele andere

Auch

»Dreh dich nicht um.«

»Wer sind Sie?«, fragte die Verkäuferin verwirrt.

»Ich habe eine Waffe auf dich gerichtet; wenn du dich umdrehst, bist du tot.«

»Sie wollen die Bilder stehlen!«

»Diesen Dreck könnt ihr behalten!« Rückwärts schritt Céline auf den Ausgang zu. »Ich mache jetzt die Tür zu, du zählst bis hundert, danach kannst du die Bullen rufen. Bleib an der Wand, ich will dich nicht erschießen.«

»Ja, gut.«

Céline schloss die Tür hinter sich. Und dann rannte sie, die Stufen hinauf, durch den Laden, durch die Tür und hinaus in den Regen, links ab, rechts ab und weiter, immer weiter zum goldenen Viertel.

Leere Gesichter

Glänzend wie Glas

Das Neonlicht

Malt bunte Masken

Schamanen, Engel

Und Dämonen

Im Regen wirkte das Krankenhaus wie eine Kirche, ein breiter Bau, über allem leuchtete das Kreuz. Entschlossen schritt Céline auf das Hauptportal zu, durchquerte es und fragte nach der Rezeption. Dort sprach sie eine Schwester an. »Ich suche Dr. Randell.«

»Um was handelt es sich?«

»Er ist mein Vater, ich muss ihn sprechen. Meine Mutter ist gestorben.«

»Oh, herzliches Beileid.« Die Krankenschwester griff nach einer Liste, fuhr mit ihren langen Nägeln an den Zeilen entlang. »Dr. Randells Schicht ist gerade vorbei, wenn du dich beeilst, kannst du ihn vielleicht am Personalausgang abfangen, rechts raus und einmal um die Ecke.«

Céline hastete zurück, durch die Drehtür und an Werbesäulen vorbei in die Seitengasse. Ein Arzt lief ihr entgegen; sie hielt an. »Dr. Randell?«

»Ja?«

»Ich habe deine Bilder geseh’n, deine Kunstwerke aus Fleisch.«

»Und gefallen sie dir?« In einer Ahnung ging Dr. Randell auf Abstand.

»Nein«, erwiderte Céline und zog ihre Waffe. »Sie stoßen mich ab!«

»Das geht vielen so«, erklärte Dr. Randell, der sich Schritt für Schritt entfernte. Kurz spähte er zu einem geparkten Kleinbus an der Ecke. »Sie verstehen die Aussage nicht. Die umfassende Schönheit des Menschen, das will ich zeigen. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Dafür tötest du Menschen? Das ist doch krank!« Céline verringerte die Distanz. »Bleib da stehen.«

»Töten? Ich nehme Leichen als Ausgangsmaterial.«

»Lüg mich nicht an!«, schrie Céline, worauf sie noch näher kam. »Du wilderst in der Nacht, suchst dir neue Opfer wie ein Tier! Ich hab’s gesehen, du perverses Schwein!«

Dr. Randell setzte eine freundliche Miene auf. »Unsinn, du verwechselst mich.«

»Gravierte Klingen, ein Drache und ein Teufel.«

»Verflucht«, rief Dr. Randell und eilte zum Kleinbus, dessen Tür er hektisch aufriss.

»Stopp!«

Zwei Schüsse hallten durch die Gasse, einer zersplitterte die Autoscheibe, der zweite ging in Dr. Randells Bein.

»Gott, was willst du von mir?«, schrie er, während er seinen Körper mühsam auf den Fahrersitz hievte.

Céline schoss ihm in den Arm.

Randell keuchte, zitterte und sackte auf dem Rinnstein zusammen.

»Was ich will?«, schrie sie heiser. »Endlich ein Leben, eine Bleibe, Familie und Freunde. Und all das hier vergessen! Sag dieser Welt Lebwohl, du irrer Psychopath!«

Ein Blutfleck auf der Brust

Groß wie eine Faust

Die Augen leer und weiß

Wie Plastik

Noch ein Atemzug

Und aus

»Meine Schwester, möchtet Ihr noch mehr loswerden?«, fragte der Priester sanftmütig. »Ich nehme sie alle, die traurigen, bösen, schlechten.« Er hob die Hände zum Himmel. »Für euch bin ich das Auffangbecken!«

»Nein, danke«, sagte Céline lächelnd und zog ihre Kapuze über den Kopf. »Mehr hab ich nicht zu beichten.«

IM LABYRINTH DER NEONROSE

Ein Hochhaus

Nasse Wände, Beton

So alt und voller Tage

Wie eine Couch

Im Regen

Das Mädchen mit den Schmetterlingsaugen schloss die Lider und ließ den Regen über ihre Wangen laufen. Wind zerrte an ihren Haaren und einer Wolldecke, die sie um den nackten Oberkörper geschlungen hatte.

Ein Song drang auf den Balkon hinaus.

»Du wirst krank, komm rein!« Die Stimme kam aus dem Raum hinter ihr, männlich, jung.

»Gleich«, sagte das Mädchen und öffnete die schillernden Augen. »Die Luft ist sauber heute Nacht.«

»Liegt am Regen!«

»Nee, nicht immer.«

Links wurde ein Schatten größer.

Das Mädchen drehte sich um. »Die Ratten der Stadtwerke streiken, Öfen und Schornsteine sind abgeschaltet.«

»Komm rein«, wiederholte der Junge, diesmal fester – ein Punk, verkniffene Augen, prismatische Haarspikes; außer einer Narbe am Ohr war nichts Besonderes an ihm. Er führte das Mädchen zurück ins Zimmer. »Du musst jetzt gehen.«

»Schon?« Sie ließ die Wolldecke fallen und suchte nach ihrer Hose und dem Longshirt, beides schwarz.

»Muss gleich los«, erklärte der Punk, während auch er nach seinen Klamotten suchte, Ledermantel und Nietenhose. »Besorgungen machen.«

Das Mädchen zog ihren Plastikmantel über. »Du?«

»Ja?«

»Sehen wir uns … Ich meine …«, begann sie.

»Möglich«, erwiderte der Punk und grinste. »Wie heißt du eigentlich?«

»Céline.«

»Hübscher Name, passt zu dir.«

»Ich hau dann mal ab.« Céline verschnürte die Schuhe, nahm ihre Tasche und stand auf. Zügig ging sie auf die Haustür zu.

»Warte!« Der Punk kam herüber, umarmte sie. »Pass auf dich auf, okay?«

»Aber klar«, sagte Céline. Sie löste sich von ihm. »Mach’s gut.« Schnell öffnete sie die Tür und lief den Korridor entlang zum Fahrstuhl.

In Musik gebrannt

Ein Stuhl, ein Fenster

Buntes Licht

In Musik gebrannt

Atem, Haut

Zwei Risse an der Wand

»Also, an deiner Stelle würd ich sie behalten.« Die Verkäuferin zog die Haftung von der Stirn, ehe sie die Drähte um den goldenen Kubus wickelte; ein Transmitter für Memories. »Eine schöne Erinnerung, nette Musik. Von letzter Nacht?«

»Wie viel?«, fragte Céline und streifte die zweite Haftung ab.

»Fünfzig bar auf die Kralle, zweihundertfünfzig, wenn ich vorher einen Käufer ausfindig mache.«

»Was, nur?« Céline senkte den Kopf. »Ich dachte, die laufen immer, ich …«

»Sicher, werden gern genommen«, antwortete die Verkäu-ferin und nickte gutmütig. »Schau mal, erst gestern kamen zwei Jungs rein, bisschen älter, fünfzehn vielleicht, und …«

»Ich verstehe.«

»Aber wenn du ’ne Woche wartest, könnte ich jemanden finden, der auf Direktübertragung steht, Koreaner, Japse.« Sie lächelte ihr zu. »Nun?«

»Nein, danke«, sagte Céline und streifte die Kapuze über. »Ich versuch’s noch woanders.« Kurz schaute sie die Verkäuferin an: eine Kubanerin, sandgelbe Dreadlocks. »Wiederseh’n.« Ohne ein weiteres Wort verließ Céline den Krämerladen und lief an Bars und einer Spielhalle vorbei zur Bernsteingasse. Der Regen wurde stärker; Céline rannte noch ein Stück und stellte sich dann an einem Studio für Flüssigtattoos unter. Etwa fünf Meter entfernt kniete ein Penner auf der Straße und malte mit Sprühdosen wässrige Bilder auf den Asphalt. Sein Mantel und die Haare waren durchnässt, doch es schien ihn nicht zu stören.

»Hey!«, rief Céline und schüttelte die Tropfen ab. »Was soll’n das sein? Sieht wie ’ne Tarotkarte aus!«

Der Penner drehte den Kopf und lächelte; ihm fehlte ein Schneidezahn. »Kennste Miró nicht?«

»Miró?«, fragte Céline nach. »Doch, kommt mir bekannt vor.«

»Elvira Miró, 2189 bis 2218. Begründerin des Neoschock. Gestorben letzte Woche.«

»Was bist du? So ’ne Art Künstler?«

»Ich?«, grinste der Penner. »Nicht mehr.«

Zögernd trat Céline in den Regen hinaus. »Suche Arbeit, weißt du was?«

»Frag den Flamen, wie alle hier.« Der Penner zeigte auf eine alte Diskothek – ein Zentaur als Neonschild, halb erleuchtet. »Hat bestimmt ’n Botenjob für dich.«

»Danke.« Céline studierte sein fertiges Bild, die Figuren, Farben. Dann überquerte sie die Straße, klingelte an der Tür und wurde reingelassen.

Der Schädel

Wie ein Cadillac lackiert

Zwei Münzen

In den Augenhöhlen

Patronen als Zähne

Dahinter Krieg

»Was traust du dir denn zu, Mädchen?« Der Flame, ein Rothaariger mit Sommersprossen hinter der Brille, legte die Hände auf den Glastisch. Geklebte Poster an den Wänden, Pin-ups, Motorräder, Palmen am Meer, dazwischen ein Schrank.

»Weiß nicht.« Céline biss sich auf die Unterlippe. »Botenjobs und so?«

»Botenjobs«, wiederholte der Flame und nahm die Brille ab – links ein Auge, rechts ein konvexer Monitor, der ein Auge simulierte: Pupillenverengung und Wimpernschlag. »Kuriere habe ich genug.«

»Dann vielleicht …« Ihre Schmetterlingsaugen schillerten unruhig.

»Setz dich erst mal«, sagte der Flame und deutete auf den zweiten Sessel vor sich.

»Ja, gut.« Céline zögerte, dann nahm sie Platz, legte die Knie aneinander.

»Rauchst du?«

»Nee.«

»Also, ich hätte tatsächlich einen Job für dich«, erklärte der Flame, wobei er eine Zigarette in seinen Mundwinkel schob und anzündete. »Nicht ganz leicht, wird aber gut bezahlt.«

»Wie viel?«

»Fünfzehnhundert, wenn du alles richtig machst.«

Céline starrte auf die blassen Poster. Ihr Mund wurde schmal. »Nein, so Sachen mach ich nicht.«

»Was?«, fragte der Flame, ihrem Blick folgend. Sein Lachen war hart, aber offen. »Scheiße, was glaubst du von mir, Mädchen, dass ich Zuhälter bin! Du solltest wissen, bei wem du vorstellig wirst.«

»Ich …«

»Jetzt pass mal auf, ich hatte einen guten Tag, einen echt guten Tag, verstehst du? Die Geschäfte laufen, gute Nachrichten, viel Profit. Deshalb geb ich dir ’ne Chance.« Er hob den Zeigefinger. »Eine Chance, drin oder draußen?«

»Drin«, sagte Céline und sah ihn an.

»Okay.« Der Flame zog eine Schublade auf, bevor er einen Kubus mit zwei Haftungen, eine Gasmaske, eine Keycard und eine Pistole auf den Tisch legte. »Wie gesagt, der Job ist nicht ganz einfach. Du wirst mir Memories beschaffen.«

»Von wem?«

»Die Frau heißt Eva Conklin, lebt im goldenen Viertel, Haus Nummer 253, erstes Geschoss. Du steigst nachts bei ihr ein, verwendest diese Gaspatrone …« Mit spitzen Fingern legte er einen Zylinder zu den Sachen. »… benutzt den umgebauten Kubus und haust ab. Eigentlich ein Kinderspiel.«

»Wozu die Waffe?«, fragte sie und beugte sich vor. In ihrem Kopf rasten die Gedanken; sie ließ sich nichts anmerken.

Der Flame lächelte dünn. »Wenn’s schiefgeht, Mädchen.«

»Ich mach’s.« Vorsichtig begann sie, die Sachen in ihre Tasche zu stecken. »Was brauchst du?«

»Conklin arbeitet als Putzfrau bei Nova Medicals, hol mir alles, was sie weiß: Zugangscodes, die Korridorwege. Alles.«

»Wofür denn?« Céline bereute die Frage sofort, als der Flame das Lächeln fallen ließ und sie mit dem Monitor fixierte:

»Die Erinnerungen sind morgen hier, ansonsten gehst du leer aus. Wird der Kubus beschädigt, schuldest du mir Geld, viel Geld. Alles klar?«

»Sicher«, sagte Céline und stand auf. »Keine Angst, ich mach das schon.«

Frauen auf Papier

Blass, gelb verfärbt

Leergesaugt

Von tausend Augen

Ein Klebestreifen

Über Brüsten

Nachts ließ der Regen nach und es war mehr los auf den Straßen; zwielichtige Gestalten, manche gefährlicher als andere: Gangs prügelten sich mit Gangs, Harlekine gegen Molotows, später Polizei.

Céline kauerte hinter dem Rahmen eines ausgeschlachteten Motorrads. Immer noch brannte die kahle Glühbirne am Fenster von Haus Nummer 253. Sie fror; ihre Finger waren steif vor Kälte. »Geht ins Bett«, flüsterte sie, zum wievielten Mal. »Geht bitte ins Bett.«

Noch einmal rieb sie ihre Handflächen aneinander, als plötzlich das Fenster schwarz wurde und Céline im Dunkeln saß. »Endlich«, sagte sie befreit, lächelte; dann zog sich ihr Magen zusammen. Noch eine Viertelstunde ließ sie verstreichen, bevor sie ihre Tasche öffnete und die Gasmaske hervorholte. Céline zog die Kapuze runter, band ihr schwarzes Haar zu einem Knoten, atmete tief durch. Zerrend stülpte sie die Maske übers Gesicht und drückte den Rücken an der Wand hoch.

Ihr Keuchen drang dumpf an ihre Ohren, sie atmete in kurzen Zügen, ein, aus; Céline versuchte, an nichts zu denken, während sie in den Hauseingang trat und die Stufen zur Wohnung emporstieg. Conklin – das Metallschild war rostig, der Name kaum im Schatten des Korridors zu lesen. Mit fahriger Hand holte Céline die Keycard hervor und schob sie durch den Leseschlitz; eine Diode wurde grün.

Célines Atem ging jetzt stockend und ließ die Gasmaske beschlagen, sodass sie kaum etwas sehen konnte. Schweiß brannte in ihren Augen. Lautlos tastete sie sich in den Flur vor – tiefe Decke, schmale Wände, die mit einer vergilbten grünen Tapete bedeckt waren. Drei Türen, ein Spiegel; Céline vermied es, hineinzusehen, als sie zur ersten Tür schlich und sie öffnete: ein Wohnzimmer, unaufgeräumt und muffig, überall lagen Bücher auf dem Boden verstreut; weiter hinten erkannte Céline eine alte Couch und einen verstaubten 5Sense-Fernseher. Sie schloss die Tür.

Die zweite Tür, die Céline öffnete, war das Schlafzimmer. Eine Frau lag im Bett, allein; ihre großen Brüste hoben und senkten sich im Schlaf. Mit hämmerndem Herzen kam Céline heran und musterte die Gestalt: üppig, dicker Hals und graues Haar, das über ihrem Nachthemd lag; Eva Conklin schnarchte.

Vorsichtig griff Céline in ihre Tasche, holte den Kubus heraus und stellte ihn auf der Bettkante ab. Sie hielt die Luft an, sammelte sich, ehe sie eine der Haftungen an der Stirn anbrachte. Schlagartig fiel ihr ein, dass sie die Gaspatrone bis jetzt nicht eingesetzt hatte.

Egal, dachte sie. Ich mach das so. Céline schob die zweite Haftung unter die Gasmaske, schloss die Augen und drückte den Transmitter-Knopf:

Unterm Neonschild, die Frau

Den Blick gesenkt

Das Mädchen auf dem Bordstein

Gleiche Augen, gleiches Haar

Das Kind in den Ruinen

Lachen, irgendwo

Der Regen fällt

Céline schlug die Augen auf; ihr Herzschlag ging jetzt ruhiger, fast normal. Im Raum war es dunkler geworden. Motorengeräusche von draußen, die Jalousien flatterten.

Das ist es noch nicht, dachte sie verbissen, während sie zum Kubus langte. Ich muss ihr Kurzzeitgedächtnis finden, die Erinnerungen von heute. Erneut drückte sie den Knopf.

Grüne Götter

mit Vogellippen

5643843

Im OP-Saal

Kopf zu Kubus

Und zurück

Tote Namen, jeder ein …

»Was geht hier ab, verdammt!« Ein Mann stand schwankend im Türrahmen, groß und hager, kurzes Haar. Er hielt eine abgesägte Flinte in den Händen. »Rede, du Pisser, sonst puste ich dir dein verschissenes –!«

»Ich … ich weiß nicht!«, rief Céline starr vor Schreck; die Drähte des Kubus baumelten von ihrer Schläfe.

Der Mann kam näher, drohend den Lauf der Waffe auf sie richtend. »Dir werd ich’s zeigen, Punk!«

»Bitte nicht!« Céline wich zurück. »Das ist alles … ein Missverständnis.«

»Klar, hast dich nur verlaufen, was?« Ein bellendes Lachen, dann blieb der Mann stehen. »Runter auf den Boden, das sag ich kein zweites Mal!«

»Ja, gut«, keuchte Céline und überlegte fieberhaft, ob sie die Waffe oder die Gaspatrone einsetzen sollte. Ihre Finger glitten in die Tasche – etwas zu hastig; noch ehe sie einen der Gegenstände packen konnte, schoss der Mann ihr eine Ladung Schrot ins Bein.

Die Gasmaske dämpfte den Schrei, als Céline das Gleichgewicht verlor und auf dem Teppich zusammensackte. Heftiger Schwindel kreiste durch ihren Kopf, drehte sich schneller – Wand, Kommode, Tür, Mann, Bett. Wie in Zeitlupe holte Céline die Patrone heraus, zerdrückte sie zwischen den Fingern. Sofort explodierte Dampf im Zimmer und verteilte sich rasch. Eva Conklin, die soeben vom Knall aufgewacht war, sank betäubt aufs Bett zurück; auch der Mann kippte nach hinten und prallte bewusstlos gegen einen Schrank.

Céline versuchte, flach zu atmen, doch der Schock war zu stark. Sie keuchte, kämpfte gegen das Flimmern vor ihren Augen an. »Werd mir jetzt bloß nicht ohnmächtig«, flüsterte sie, wobei ihr Tränen in die Augen stiegen. »Nimm den Kubus und … hau ab!«

Unter Schmerzen zwang sie sich, aufzustehen und zum Bett zu taumeln. Sie griff nach dem Transmitter. Steckte ihn ein. Schleppte sich zur Tür. Den Korridor entlang. Die Treppe runter. Auf die Straße hinaus. Alles wirkte verschwommen und traumhaft. Céline tastete sich an einer Wand entlang; am Ende der Häuserschlucht bog sie rechts ab und riss sich schreiend die Maske vom Kopf. Ihr Bein gab nach, sie hatte mehr Blut verloren.

Rote Gänge

Schwarze Pforten

Stiergesichter

Huf und Nüstern

Lachend, höhnend

Nur ein Faden

Céline fiel ihm entgegen, als die Tür beiseiteglitt. Fast hätte sie der Punk nicht aufgefangen, das eingeworfene Twisted lähmte seine Reflexe; er sah nur einen spektralen Schatten auf sich zufließen. Schwerfällig breitete er die Arme aus, und Céline sank in seinen Ledermantel.

»Ich wusste nicht, wohin«, keuchte sie und klammerte sich an seiner Schulter fest. »Mein Bein … Ich bin angeschossen worden.«

»He, Mädchen«, sagte der Punk benebelt. Er sackte in die Knie, warf Céline auf den Teppich. Nur schleppend kamen ihm neue Worte über die Lippen: »Ist echt ungünstig … gerade.«

»Kapierst du nicht? Ich verblute!«, schrie Céline panisch und streckte das Bein vor, damit er die blutnasse Hose sehen konnte.

Mit großen Pupillen glotzte der Punk auf den bunt schillern-den Fleck. »Mann, was willst du von mir?«, hörte Céline ihn noch fragen, dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Die nächsten Stunden verliefen ruckweise, wie ein Diaprojektor, der auf Automatik stand, ein Foto nach dem nächsten: Taschenlampe vor ihren Augen. Eine Frau, die ihr das Hosenbein aufschnitt. Stimmen. Jemand steckte eine Kanüle in ihren Arm. Klare Flüssigkeit rann durch einen Schlauch. Drei Spritzen, danach taube Dämmerung. Die Frau vernähte ihre Wunden, eisblaue Fäden. Der saure Geruch von Erbrochenem. Zigarettenrauch, eine Kaffeetasse. Von irgendwo Musik. Noch immer Nacht.

»Wie fühlst du dich?«, fragte der Punk und lächelte. Er strich Céline eine Strähne aus den Schmetterlingsaugen. »Hast du Schmerzen?«

»Geht so«, erwiderte sie leise; ihre Stimme war spröde und kaum zu verstehen. »Danke.«

»Schon okay.« Der Punk, er saß jetzt neben Céline auf der Bettkante, trank einen Schluck vom Kaffee. »Du schuldest mir dreihundert für die Schwarze Ambulanz und hundert extra für die Präparate.«

»Hast mir das Leben gerettet, ähm …«

»Ska, mein Straßenname.« Ein schiefes Grinsen. »Na, so schlimm war’s ja nicht. Ein Überfall oder so?«

Céline hustete. »Kann ich was zu trinken haben?«

»Sicher«, sagte der Punk und ging zu einer Kochnische, die im selben Raum stand. Unter fließendem Wasser säuberte er ein Glas, füllte es auf und kehrte damit ans Bett zurück. »Also, was ist mit dir passiert?«

Ehe sie antwortete, nahm Céline das Glas und trank einen Schluck.

Dann erzählte sie alles.

»Was, du hast Memories geklaut?« Ska schüttelte den Kopf, seine Prismastacheln wackelten. »Bist doch viel zu jung für so’n Scheiß!«

»Na ja«, begann Céline und schlug die Decke zurück; eine Bandage am Bein, Blutflecken drangen durch den Stoff. »Der Flame will mehr über einen Pharmakonzern wissen, Nova oder so. Pläne und Zugangscodes.«

»Nova Medicals?«

»Kann sein«, sagte Céline, die ihren Verband betastete. »Da drin gehen komische Sachen ab.«

»Hm, hab davon gehört … künstliche Neuronen, Gedächtnisspeicherung.«

Vorsichtig zog Céline ihren Rücken aufs Kissen und richtete sich auf. Sie musterte seine Narbe am Ohr. »Sagt dir der Name Elvira Miró etwas?«

»Schaust wohl kein 5Sense, he?« Ska griff nach der Kaffeetasse. »Miró war Anführerin der Schocksprayer: Künstler, Terroristen, die sich seit Jahren mit den Bullen ein Katz-und-Maus-Spiel liefern. Ist letzte Woche erschossen worden, auf offener Straße.«

»Ihr Kopf liegt bei Nova im Cryotank.«

Prustend spie Ska seinen Kaffee in die Tasse. »Was?«

»Wie, was?«, gab Céline zurück. »Die arbeiten an ihr.« Mit einer Hand stützte sie sich auf, schwang beide Beine zum Bettrand. »Muss langsam los. Das Geld kriegst du morgen, versprochen.«

Ska hielt sie zurück. »Warte mal, wo willst du denn hin?«

»Zum Flamen, die Memories tauschen, die Kohle abgreifen. Was sonst?« Céline hob ihre zerschnittene Hose vom Fußboden auf und zog sie umständlich über.

»Hör zu«, sagte Ska und ein seltsamer Unterton schwang in seiner Stimme mit, halb nervös, halb aggressiv. »Denk doch mal nach, was du da hast, könnte unsere Fahrkarte raus aus diesem Rattenloch sein!« Die letzten Worte überschlugen sich fast. »Das Gedächtnis von Elvira Miró … Mann, das ist zwanzigtausend wert, bestimmt sogar mehr! Müssen es nur an die richtigen Leute verhökern.«

Céline schob seinen Arm beiseite. »Na und? Ich hol jetzt mein Geld und hau –«

So hastig hatte Ska sein Messer gezogen, dass Céline es erst bemerkte, als sie auf einem Bein stand, das andere angewinkelt. »Was denn?«, zischte sie. »Erst lässt du mich flicken, jetzt willst du mich abstechen?« Wütend griff sie nach ihrer Tasche.

Ska ließ die Waffe sinken. »Mann, Céline, diese Chance kriegst du nie wieder. Wir beide nicht.«

»Du redest Mist«, sagte sie und hinkte zur Tür. »Da spiel ich nicht mit.«

»Céline, warte! Hey, du schuldest mir was!«

Die Tür schloss sich; öffnete sich wieder. Céline humpelte zurück ins Zimmer. »Okay, Ska, du hast fünf Minuten, mir zu erklären, wie du’s anstellen willst.«

Konzentriert verfolgte Ska ihre Bewegungen, von der Tür zum Stuhl, auf dem sie Platz nahm. Sein Gesicht war ernst, die Lippen schmale Striche. »Ich kenne Leute, mit denen ich solche Sachen abziehen kann, Einbrüche, kleinere Überfälle.«

»Mit wem?«, fragte Céline; sie streckte das verletzte Bein aus.

»Techniker vom goldenen Viertel, Schutzwehr.«

»Schutzwehr?« Sie erwiderte seinen Blick.

»Na Typen, die schießen können«, erklärte Ska. »Wenn’s schiefgeht.«

»Das habe ich heute schon mal gehört. Bringt Unglück, das zu sagen.« Céline atmete tief durch. »Also … ich weiß nicht.«

Langsam knöpfte Ska seinen Mantel zu, während er herüber kam und ihr Gesicht in die Hand nahm, ihr Kinn anhob. »Es wird laufen, ich habe Kontakte und ein Fahrzeug, kann einen Mittler für uns finden.«