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Prügel aus erster Hand E-Book

Theodor Horschelt

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Beschreibung

Zunächst sollten Mac Dolan und sein Partner eigentlich nur den vermeintlichen Selbstmord des jungen Jerry Dolton aufklären, doch plötzlich stecken sie mitten in den Ermittlungen gegen eine Jugend-Gang, die von jemanden sehr geschickt manipuliert wird. Aber wer ist es, der für gleich mehrere Tote sorgt, den Privatdetektiv töten will und schließlich sogar June, die Sekretärin, entführt hat?

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Table of Contents

Prügel aus erster Hand

Copyright

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Prügel aus erster Hand

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 205 Taschenbuchseiten.

 

Zunächst sollten Mac Dolan und sein Partner eigentlich nur den vermeintlichen Selbstmord des jungen Jerry Dolton aufklären, doch plötzlich stecken sie mitten in den Ermittlungen gegen eine Jugend-Gang, die von jemanden sehr geschickt manipuliert wird. Aber wer ist es, der für gleich mehrere Tote sorgt, den Privatdetektiv töten will und schließlich sogar June, die Sekretärin, entführt hat?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

 

 

Prolog

Jimmy und ich waren selbst von den Socken, als wir erfuhren dass sich ein Selbstmord durch Blausäure in einen brutalen Mord verwandelte. Mister Dolton, der Vater des ermordeten Jungen bat uns um unsere Hilfe, und wir halfen nach besten Kräften. Sie kennen uns ja. Jimmy und ich nahmen kein Blatt vor den Mund, und Dolton kam dann später als unser Auftraggeber in die wenig erfreuliche Lage, sich einen bestimmten Raum von innen anzusehen.

Und dieser Mord an Jerry Dolton war der Beginn einer Kette verrücktester Abenteuer. Langsam aber sicher schälte sich im Laufe der Tage heraus, dass wir es mit einer jugendlichen Gangsterbande zu tun hatten, deren Durchschnittsalter etwa 17 Jahre betrug. Und die gemäß ihrer Clubsatzungen alles teilten, auch die Girls. Na, Sie wissen ja schon.

Ich muss ehrlich zugeben, dass Jimmy und ich selten mit solch einer verworrenen Situation zu tun hatten. Man schüttete mir Blausäure in meinen Gin und versuchte mich ein paarmal umzulegen. Und Jimmy wurde von einem kleinen Mädchen niedergeschlagen und landete später wie ich in einem Matschkeller, an den ich noch lange zurückdenken werde. In diesem Keller machten wir die erste Bekanntschaft mit einem Kapuzenmann, der sich später als Mister ... Nee, ich sag den Namen nicht. Sie sollen die Story ja lesen.

Am Rande sei erwähnt, dass wir mit der echten Gangsterwelt in Konflikt gerieten. Es begann auch dort mit harmlosen Prügeleien und endete in einer Straßenschlacht, bei dem die Gegenseite Haare lassen musste und in der mein Ohrläppchen etwas gestutzt wurde. Und als dann sogar June Traven – Sie wissen, meine Sekretärin – verschwand, da gingen wir alle auf Kriegspfad, und selbst der dicke Teller vergaß seine Raunzereien. Wie wir June fanden? Soviel will ich verraten, dass wir gerade noch rechtzeitig eintrafen und zwar wie die Feuerwehr.

Das Ende dieses Liedes war ein Massenandrang zum elektrischen Stuhl. Das Ende dieser Story war eine schnell ausgeführte Flucht, die June und ich inszenierten. Warum, wollen Sie wissen? Und vor wem? Nee, sage ich wieder nicht. Man muss bei passender Gelegenheit auch mal seinen Mund halten können. Finden Sie nicht auch?

 

1. Kapitel

„Himmel, was’n Kitschpalast“, sagte ich zu Jimmy, als wir vor dem Haus standen. Der Besitzer dieser Hütte, ein Mister Dolton, hatte uns vor ein paar Stunden angerufen und um unseren umgehenden Besuch gebeten. Nun standen wir in der Nähe des Washington Parks vor seiner Bude und waren leicht beeindruckt. Sogar Jimmy stellte für einen Moment das Kauen auf einem Sandwich ein und sah mich entgeistert an.

„Der Architekt war reif fürs Irrenhaus“, sagte er. „Er hat’s aber bestimmt nicht gewusst.“

„Wenn Dolton so aussieht, wie er wohnt, können wir gleich wieder abdrehen“, sagte ich. „Wahrscheinlich haben sie ihm ’ne Gipsfigur geklaut, die wir jetzt suchen sollen.“

„Bei soviel Gipsfiguren an seiner Bude würde er ’nen Verlust erst nach drei Jahren angestrengten Suchens entdecken“, sagte Jimmy. Er kaute immer noch nicht, was bei dem Kiemen ’ne Menge bedeutet.

„Vielleicht sind drei Jahre heute um“, erwiderte ich lachend. „Los, sehen wir uns den Mister Dolton mal näher an. Man lernt nie aus.“

„Mir ist der Appetit vergangen“, sagte Jimmy Er legte das angebissene Brötchen in die flehend ausgestreckten Hände einer Gipsputte, die gleich neben der Tür zu sehen war und klingelte schüchtern. Aber wenn ich schüchtern sage, dann dürfen Sie das nicht wörtlich nehmen. Er drückte so auf den Klingelknopf, als wäre er der autorisierte Vertreter eines städtischen Löschzugs, der zu einem Großbrand ausgerückt ist. Er hatte den Finger noch nicht ganz wieder weggenommen, als ein schwarzer Junge in der hastig geöffneten Tür erschien und erschreckt mit den Augen rollte.

„Mister Dolton erwartet uns“, sagte ich.

„Wir warten auf Mister Dolton“, präzisierte Jimmy unser Erscheinen näher. „Wir haben nicht viel Zeit.“

„Sin’ Sie von die Polizei?“, fragte der schwarze Boy.

„Wieso?“, fragte ich.

„Sehen wir so aus?“, wollte Jimmy beleidigt Müssen. „Wir tragen immerhin Maßanzüge.“

„Ist denn hier was passiert?“, setzte ich nach.

„Ich sagen Mister Dolton sofort Bescheid“, sagte der erschreckte Junge und ließ uns eintreten. Wir traten also ein und setzten uns in Sessel, die gut und gern ihre fünfzig bis sechzig Jahre auf den Sprungfedern hatten. Das Innere der Gipsputtenhütte war manierlich, wenn man zwei Augen zudrückte. Es gab allerdings ’ne Menge Plüsch und Samt und soviel Blumentischchen und Ständer, dass man an eine Hindernisbahn erinnert wurde. Trotz der Sonne, die draußen auf den Asphalt knallte, war es kalt-muffig in dem Wartezimmer.

Ich packte mir meine Zigaretten aus der Tasche und brannte mir eine an. Und kaum hatte ich den ersten Zug getan, da räusperte sich etwas hinter einer Samtportiere, und ein magerer Hecht erschien.

Es konnte sich dem Auftritt nach nur um Mister Dolton handeln. Er trug einen Pfeffer-und-Salz-Anzug altmodischen Schnitts, er trug einen steifen Eckkragen, und er trug rissige Lackschuhe, die früher mal bestimmt viel Geld gekostet haben mussten. Und er trug schließlich einen randlosen Kneifer, der mit einer Schnur an seinem Rockrevers befestigt war.

„Ich hatte Sie eigentlich früher erwartet“, sagte Dolton, nachdem wir uns alle vorgestellt hatten. „Ich war schon versucht, ein paar andere Herren zu bemühen.“

„Mein Gott, wir reißen uns nicht um Ihren Auftrag“, sagte ich kalt. „Es hat uns nicht sonderlich gefreut.“

Mit diesen ehrlich gemeinten Worten stand ich auf, und auch Jimmy krabbelte aus den Tiefen seines Sessels hervor. Kurz, wir wollten wieder die Platte putzen. Der magere Hecht sah uns entgeistert an.

„Ich bin es nicht gewohnt, dass man ...“

Er hatte bestimmt vor, uns noch eine Menge zu sagen. Aber ich unterbrach ihn.

„Sollen wir Ihnen mal erzählen, was wir nicht gewohnt sind?“, fragte ich.

„Allein fürs erste Aufzählen brauchten wir gut ’ne halbe Stunde“, schaltete sich Jimmy ein.

„So war es ja nicht gemeint“, lenkte Mister Dolton ein.

„Sie haben genau das ausgedrückt, was wir dachten“, sagte ich verbindlich. „Dann könnten wir ja zur Sache kommen, wie?“

„Mein Junge hat sich erhängt“, sagte der magere Hecht da kühl wie eine Hundeschnauze. Ich dachte, mich hätte der Schlag getroffen. Nicht wegen der Tatsache, dass sich sein Junge aufgehängt hatte. Nein, wegen der unbeteiligten Tonart, in der er davon sprach. So redet man vom Wetter, von der Politik oder von der Börse, wenn man mit all diesen Dingen nichts zu tun hat.

„Sprechen Sie von Ihrem Sohn?“, fragte ich daher.

Jetzt schien er weich zu werden. Seine Mundwinkel flatterten wie Fahnen im Wind, und er musste sich seinen Zwicker putzen. Dann gab er sich einen innerlichen Ruck und versteinerte wieder.

„Würden Sie bitte mitkommen“, sagte er mit neutraler Stimme. „Ich werde Ihnen zeigen, wo es geschah.“

„Das hat Zeit“, sagte ich. „War die Polizei schon bei Ihnen?“

„Ich werde Ihnen alles Wissenswerte mitteilen“, sagte Mister Dolton.

„Mein Sohn Jerry – er war gerade siebzehn Jahre alt – wurde von Sam, meinem farbigen Aufwärter, heute morgen erhängt in einem Gartenschuppen aufgefunden. Jerry hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Als Motiv für seinen Freitod gab er an, er sei seines Lebens überdrüssig geworden und wolle jetzt Schluss machen. Die Polizei bestätigte, dass Selbstmord vorliegt.“

„Sind Sie Witwer?“, fragte ich.

„Meine Frau lässt sich aus begreiflichen Gründen entschuldigen“, sagte Mister Dolton. „Sie hing sehr an Jerry, obwohl er’s wirklich nicht immer verdient hat.“

„Jerry ist tot“, sagte Jimmy vorwurfsvoll.

„Ich bemühe mich immer sachlich zu bleiben“, verteidigte sich der magere Hecht, der keine Gefühle zu kennen schien oder sie nicht zeigte.

„Da wir von Sachlichkeit reden“, sagte ich. „Wenn die Polizei einwandfrei Selbstmord festgestellt hat, was sollen wir dann für Sie tun?“

„Haben Sie Gründe anzunehmen, dass kein Selbstmord vorliegt?“, wurde Jimmy noch deutlicher.

„Ich habe eine andere Arbeit für Sie“, sagte Dolton und sah uns ernst an. „In der Nachbarschaft redet man.“

„Und worüber?“

„Man sagt, ich hätte meinen Jungen in den Tod getrieben“, sagte Dolton ohne Bewegung. Der Mann war wie ein Eisklotz. „Finden Sie heraus, wer dieses Gerücht ausgestreut hat. Ich werde dagegen vorgehen. Das ist es, was Sie tun sollen.“

„Sehen wir uns den Schuppen mal näher an“, sagte ich ausweichend. Dolton nickte und führte uns durch eine Reihe von Zimmern die alle wie eingemottete Gräber aussahen. Schließlich standen wir im Garten und stießen wieder auf Legionen von Gipsputten, die sich in allen Stellungen auf dem Rasen, hinter Büschen und Sträuchern herumtummelten. Dolton schien unsere sauren Mienen gesehen zu haben.

„Sie interessieren sich für diese Dinge?“, fragte er und zum ersten Mal belebten sich seine Gesichtszüge. „Sie sind mein Hobby. Ich war früher Richter, und nach meiner Pension habe ich mich mit der Gipsarbeit befasst.“

„Ist das der Schuppen?“, lenkte Jimmy schnell ab. Er zeigte auf einen Geräteschuppen, der tadellos in Ordnung gehalten war. Vor ein paar Tagen hatte man sogar noch einige Kilo Farbe daran verwendet.

„Jerry hing hier“, sagte Dolton, und wieder wurden seine Mienen eisig. Er zeigte auf einen starken Haken, der im Längsstützbalken des flachen Daches eingeschraubt worden war.

„Wo ist Jerry jetzt?“

„Die Gerichtsärzte untersuchen ihn“, sagte Dolton. „Ich bestand auf einer Obduktion. Schon wegen der Gerüchte. Ich will festgestellt wissen, dass einwandfreier Selbstmord vorliegt.“

„Wer reißt denn seinen Mund auf?“, fragte Jimmy. „Bestimmt haben Sie einen Verdacht.“

„Jerry verkehrte bei einer Familie Dale“, sagte Dolton. „Und meiner Meinung nach werden dort die Gerüchte ausgestreut.“

„Wo wohnen die Dales?“, wollte ich wissen.

„In der Drexel Street“, erklärte Dolton. „Das ist die Parallelstraße zu dieser Straße hier. Die

Grundstücke beider Häuser stoßen dort zusammen.“

„Sie sind also Nachbarn, was?“, fragte ich.

„Mit den Dales will ich nichts zu tun haben“, sagte Dolton scharf. „Ich hatte Jerry verboten, mit den beiden Dales zu verkehren.“

„Meinen Sie die Eltern Dale, oder?“

„Die Dale haben Zwillinge“, sagte Dolton. „Einen Jungen und ein Mädchen. Beide sind in Jerrys Alter. Wollen Sie die Sache für mich erledigen? Welchen Vorschuss brauchen Sie?“

„Reichen Sie uns hundertfünfzig Dollar ’rüber“, sagte Jimmy kalt. „Später rechnen wir ab.“

„Ich werde es Ihnen zuschicken“, sagte Dolton. „Und jetzt entschuldigen Sie mich wohl bitte. Sam wird Sie zurückbringen.“

Sam erschien und brachte uns wieder zurück auf die Straße. Jimmy vergaß das Brötchen in der Hand der Putte. Er hatte andere Sorgen.

„Wir müssen unbedingt einen nehmen“, sagte er und rieb sich den Magen. „Mir ist selten so ein Bursche über den Weg gelaufen.“

„Ein Schluck könnte nicht schaden“, sagte ich. „Donnerwetter, der Dolton ersetzt glatt eine Eisfabrik. Mit Liebe scheint er seinen Jungen gerade nicht überschüttet zu haben.“

Es war ’ne trockene Gegend, in die wir geraten waren. Wir mussten mit unserem Straßenkreuzer

um ein paar Häuserblocks rauschen, bis wir eine Bar gefunden hatten. Dort ließen wir uns nieder und tranken ein paar anständige Schlucke.

„Die Sache wird schnell ausgestanden sein“, meinte Jimmy. „Es ist ja klar, dass Dolton die Dales auf dem Kieker hat. Er scheint genau zu wissen, woher die Gerüchte kommen.“

„Man soll’s nicht sagen“, meinte ich. „Mit siebzehn Jahren hat einer das Leben über und erhängt sich. Kaum zu glauben. Mit siebzehn weiß man doch noch gar nicht, was Leben ist.“

„Fahren wir ’rüber zu den Dales“, sagte Jimmy. „Ich habe heute Abend ’ne Verabredung.“

„Schön, steigen wir ein“, sagte ich. Ich war auch dafür, dass wir die Sache hinter uns brachten. Sie gefiel mir durchaus nicht, weil mir Dolton nicht gefiel. Aber wenn man in unserem Beruf danach gehen würde, was einem gefällt oder nicht, dann könnte man bald nicht mehr die Einkommensteuer bezahlen. Wir setzten uns also in den Wagen und fuhren zurück zum Washington Park. Es handelte sich um die Nummer 158, in der die Dales wohnten. Es war ein modernes Häuschen, aber ohne Originalität. Aber im Gegensatz zu Doltons Kitschpalast war es eine Beruhigung der Nerven.

Auf Jimmys Klingeln hin erschien ein nettes, frisches Mädchen in der Tür. Es war so knapp siebzehn oder achtzehn Jahre alt, hatte blondes Haar, das wie ein Pferdeschwanz gebunden war, und hatte trotz seiner Jugend außergewöhnlich ausgereifte Formen. Und zwar in jeder Beziehung. Sie war nicht mehr frühreif, sie schien sogar überreif zu sein. Sie sah uns schweigend und fragend an, als wir unsere Namen genannt hatten. Unter ihren blauen Augen lagen dunkle und tiefe Schatten.

„Wir kommen wegen Jerry Dolton“, sagte ich. Sie nickte und ließ uns eintreten. Und als sie sich wieder zu uns herumdrehte, sah ich, dass sie weinte. So ganz vorsichtig und still, wenn Sie mich verstehen.

„Sie kannten Jerry, Maud?“, fragte ich und setzte mich.

„Sie fanden ihn heute morgen“, sagte sie. „Er soll Selbstmord begangen haben. Sagen sie. Aber es war kein Selbstmord. Wenigstens kein echter. Er wurde zum Wahnsinn getrieben. Sein Vater …“

„Stopp, Kleines“, sagte ich schnell. „Also käme Selbstmord doch in Frage, oder?“

„Ich weiß nicht“, sagte sie und schluchzte sofort los. Jimmy verzog den Mund und suchte Zuflucht bei einem Kaugummi, das er sich schnell in den Mund schob. Und als sie weitersprechen wollte, öffnete sich eine Tür, und ein Baum von einem Mann trat ins Zimmer. Dieser Mann hatte ein offenes Gesicht, braune Augen und strahlte Selbstsicherheit und Lässigkeit aus. Er sah auf Maud herunter, die verkrümmt und weinend in einem Sessel saß.

„Was geht denn hier vor?“, fragte er dann scharf.

„Wir kommen wegen Jerry“, erwiderte ich. „Jerry Dolton. Sie haben ja sicher schon davon gehört, was?“

„Sind Sie auch von der Polizei?“, fragte Dale. Wir sagten, dass wir nicht von der Polizei waren und nannten mal wieder unsere Namen. Dale setzte sich, nachdem er seine Tochter vor die Tür geschickt hatte.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er dann.

Mich kotzte der Kram plötzlich an. Ich zückte die Scheine, die wir von Dolton bekommen hätten und drückte sie Jimmy in die Hand.

„Bring sie Dolton, falls er uns schon die Überweisung gemacht hat“, sagte ich zu ihm. „Ich will mit dem Kram nichts zu tun haben.“

Jimmy atmete sichtlich auf und rauschte ab durch die Mitte. Dale sah mich fragend an.

„Dolton wollte uns engagieren. Wir sollen gegen Leute vorgehen, die behaupten oder ausstreuen, Jerrys Tod sei durch ihn verschuldet worden. Deshalb kamen wir zu Ihnen. Dolton sagte, Sie seien der Mann.“

„Bin ich auch“, erwiderte Dale ruhig.

„Haben Sie echte Gründe, so etwas anzunehmen?“. fragte ich.

„Asach Dolton ist ein Sadist“, sagte Dale erregt. „Er schikaniert seine Familie, wo er nur kann. Als Richter teilte er die höchsten Strafen aus, die zu vergeben waren. Jerry wurde von ihm wie ein Hund gehalten. Er bekam Prügel. Eine Zeitlang sprach sich Jerry bei uns aus. Bis Dolton auch das verbot. Er hatte die Frechheit zu behaupten, meine Tochter Maud hätte ein Verhältnis mit Jerry. Ich habe Dolton daraufhin niedergeschlagen. “

„Prozessieren Sie miteinander?“

„Auch das“, sagte Dale. „Und wenn Jerry sich ’nen Strick genommen hat, dann nur, weil er nicht mehr aus noch ein wusste. Unterhalten Sie sich mal mit Doltons Frau. Oder sehen Sie sie sie nur mal an. Sie gleicht einer alten Frau und ist doch nur knapp fünfundfünfzig Jahre alt. Dolton ist im ganzen Viertel als Querulant und Eigenbrötler bekannt. Ich bin der Meinung, dass sich die Jugendbehörden für die Sache interessieren sollten.“

„Ein privater Rat“, sagte ich. „Halten Sie in Zukunft lieber den Mund. Ein Mann wie Dolton ist hartnäckig. Und gefährlich. Er kann Ihnen ‘ne Menge Schwierigkeiten machen. Sie werden ihm nie etwas anhängen können. Den Eindruck machte er mir gerade nicht.“

Es klingelte, und nach kurzer Zeit erschien Jimmy wieder im Zimmer. Die Scheinchen wedelten in seiner Hand.

„Er hatte noch nichts überwiesen“, sagte er.

„Hat er’s mit Fassung aufgenommen?“

„Er war kalt wie eine Hundeschnauze“, berichtete Jimmy.

„Du brauchst dich erst gar nicht zu setzen“, sagte ich zu dem Kleinen. „Wir können gleich gehen.“

„Alles in Ordnung hier?“, wollte er wissen und sah Dale an.

„Alles in Ordnung“, sagte ich. Wir verabschiedeten uns von Dale und marschierten aus dem Haus. Wir setzen uns in unseren Schlitten und fuhren in unser Büro. June erwartete uns bereits.

June werden Sie ja wohl kennen, nicht wahr? Rein äußerlich ist sie eine Frau, die jede Schönheitskonkurrenz deklassieren würde. Und innerlich hat sie Werte, die ... Aber das geht wohl nur mich etwas an. Auf jeden Fall ist sie das Ideal einer Privatsekretärin, die man eigentlich heiraten sollte. Im Vertrauen, wir stehen schon seit geraumer Zeit dicht vor diesem Schritt, aber wir finden vor lauter Arbeit nicht die richtige Kurve dazu. Aber das wird eines Tages bestimmt einmal nachgeholt.

„Major Teller möchte dich sprechen, Mac“, sagte sie. „Er rief vor einer halben Stunde an.“

„Was hat der Fettkloß auf dem Herzen?“, wollte ich wissen.

„Er war überraschend zurückhaltend“, meinte June lächelnd.

„Dann wollen wir ihn mal auftauen“, sagte ich und langte mir das Telefon. Kaum hatte ich die Verbindung, da grollte der Dicke bereits durch den Draht, dass mein Trommelfell vibrierte.

„Lautstärke eins würde ausreichen“, sagte ich freundlich. „Vergessen Sie nie, dass Sie telefonieren, Major.“

„Ich habe einen Job für euch Hungerkünstler“, sagte Teller und dämpfte seine Stimme so ab, dass ich den Hörer höchstens einen Viertelmeter vom Ohr abzuhalten brauchte.

„Wie sieht der aus?“, fragte ich.

„Mord“, sagte Major Teller, der uns hin und wieder aus reiner Freundschaft einen netten Tipp gab. „Unsere Metzger haben einen Selbstmörder obduziert. Wurde heute eingeliefert.“

„Sind Sie Anhänger des Ratensystems?“, fragte ich.

„Warum?“, wollte er wissen.

„Weil Sie auf Teilzahlung sprechen“, sagte ich grinsend. „Wer ist es?“

„Der Junge heißt Jerry Dolton und hatte Blausäure im Leib ...“

 

2. Kapitel

„Warum sagen Sie nichts, Mac?“, fragte mich der dicke Teller, als ich einen ziemlich langen Moment nach Luft schnappte. „Oder ist irgend etwas?“

„Der Kleine lutscht gerade wieder an der Ginflasche“, redete ich mich heraus, obwohl er gerade diesmal nicht trank. „Mal sehen, Major, ob wir uns den Job an Land ziehen können.“

„Nun rede mal keinen Quatsch“, sagte Teller und ich hörte, dass er Anstalten machte zu lachen.

Entsetzt legte ich den Hörer schnell auf die Schreibtischplatte und deckte ein Handtuch darüber. Und kam damit gerade noch zurecht. Er lachte so wonnig und laut auf, dass das Handtuch verzweifelte Luftsprünge nach oben machte. Dann schnarrte es in der Hörmuschel, und hoffnungsvoll nahm ich den Hörer wieder in die Hand. Es konnte ja sein, dass sein dröhnender Bass die technische Einrichtung demoliert hatte.

Aber man soll über solche Dinge nie schlecht reden. Sie sind für Belastungen konstruiert, die selbst Tellers Bierbass nicht übertrumpfen kann. Allerdings hatte er die Membran empfindlich geschädigt. Seine Stimme war nur noch leise zu hören. Er wollte mir auf den Zahn fühlen. Er war sicher, dass Jimmy und ich bereits etwas wussten.

Ich überlegte schnell und sah nicht ein, dass ich ihm unseren Besuch bei Dolton verschweigen sollte. Ich gab also zu, dass wir bereits von dem Selbstmord erfahren hatten.

„Wir lassen uns gleich mal bei Ihnen sehen, Major“, sagte ich. „Wenn Sie Ihre Karten auf den Tisch legen, haben wir vielleicht auch ein paar nette Karten für Sie.“

„Kommt ruhig ’rüber, Jungens“, piepste Tellers Bass manierlich an mein Ohr. Nun, Jimmy und ich kamen zu ihm hinüber. Er erwartete uns bereits in seinem Office und überfiel uns gleich bei unserem Erscheinen mit Fragen, als ob ein Büffel sich seinen Feinden entgegenwirft.

„So haben wir nicht gewettet“, sagte ich. „Zuerst wollen wir mal Ihre Karten sehen, Dicker.“

„Viel ist es nicht, was wir wissen“, sagte Teller und fuhr sich mit dem Zeigefinger zwischen Halsspeck und Kragen.

„Wir sind ja so genügsam“, meinte Jimmy „übrigens, Major, ich habe Magenschmerzen.“

„Dann geh zum Doktor“, sagte Teller und warf dem Kleinen einen misstrauischen Blick zu.

„Ein Rezept habe ich bereits“, sagte Jimmy unschuldig.

„Dann nimm’s doch ein“, schmetterte der dicke Teller ihm entgegen. Man sah ihm deutlich an, dass er Unheil witterte.

„Es steht in Ihrem Schreibtisch, im linken Seitenfach“, sagte Jimmy. „Oh, wie das wieder schmerzt.“

„Im linken Seitenfa ... Da steht mein Gin“, sagte Teller und stellte eines seiner stämmigen Elefantenbeine gegen die Rolltür.

„Eben“, sagte ich. „Ich habe auch Magenschmerzen. Nun rücken Sie als Gastgeber schon mit dem Stoff heraus. Haben Sie Ihre Manieren in Washington gelassen?“

„Preisfrage, kann man etwas vergessen, was man gar nicht hat?“, wurde der Kleine spitzfindig. Aus Gründen der Vorsicht ging er aber in Deckung.

„Du Lausebengel hast es gerade nötig“, sagte Teller wütend. Er war ein netter Kerl und wir waren und werden immer gut mit ihm auskommen, aber wenn er sich die Spendierhosen anziehen soll, dann sträubt er sich mit Händen und Füßen dagegen.

„Hilfe, er will mich schlagen“, jammerte Jimmy auf, als Teller seine Massen in Marsch setzte, um den Kleinen zur Ordnung zu rufen. Dadurch gab Teller das linke Seitenfach frei, und ich konnte die bewusste Flasche in aller Ruhe herausfischen.

„Wollen wir nicht besser einen trinken und zur Sache kommen?“, fragte ich die beiden Raufbolde. „Benimmt sich so ein Major?“

„Einen Dreck benehme ich mich“, schnauzte Teller wütend und maß den Ginspiegel in seiner Flasche.

„Er gibt selbst zu, dass er einen Dreck von Benimm hat“, sagte Jimmy. Teller wollte seine Massen wieder auf die Reise schicken. Aber ich klopfte auf den Tisch.

„Herein“, sagte Jimmy. Teller, immer im Dienst und immer Vorbild als Beamter, nahm an, wir bekämen Besuch. Er huschte wie eine erschreckte Feldmaus zum Schreibtisch hinüber und zupfte an seiner Uniform herum.

„Na endlich“, sagte ich. „Nehmen wir einen Versöhnungsschluck, Teller.“

„Aber nur einen“, sagte Teller und warf mir einen bittenden Blick zu.

„Für uns alle drei nur einen?“, fragte Jimmy.

„Halt jetzt den Rand“, sagte ich zu dem Kleinen. „Wir wollen ernsthaft arbeiten. Jerry Dolton ist also einwandfrei vergiftet.“

„Mit Blausäure“, sagte Teller und überwachte argwöhnisch, wie ich drei Gläschen voll schüttete.

„Also einwandfreier Mord?“

„Muss man annehmen“, sagte Teller. „Allerdings könnte man spitzfindig sein und sagen ...“

„Seien wir mal nicht spitzfindig“, unterbrach ich ihn. „Es ist nicht anzunehmen, dass Jerry sich zuerst die Schlinge um den Hals legte, dann das Gift nahm und sich dann fallen ließ. So viel Nerven hat kaum der geübteste Selbstmörder.“

„Sage ich ja auch“, meinte Teller. „Also für mich ist’s ein Mord. Er hatte übrigen eine Dosis im Magen, die dicke für zehn Mann ausgereicht hätte.“

„Motive bekannt?“

„Was wisst ihr eigentlich?“

„Ich fragte nach den Motiven“, sagte ich.

„Lebensüberdruss“, sagte der dicke Teller und musste grienen. „Unsere Schriftgelehrten haben inzwischen auch schon herausgefunden, dass der sogenannte Abschiedsbrief von dem Jerry geschrieben worden ist.“

„Komische Geschichte“, sagte Jimmy. „Da liegt ein Mord mit ’nem echten Abschiedsbrief vor.“

„Hören Sie, Teller“, sagte ich. „Mehr haben wir auch nicht herausgefunden. Dolton, der Vater Jerrys, hat uns angerufen und um unseren Besuch gebeten. Er wollte, dass wir uns gegen Gerüchtemacher wenden, die behaupten, er habe seinen Sohn in den Tod getrieben.“

„Mit Blausäure“, sagte Jimmy, und man sah ihm an, dass er den Versuch machte, nachzudenken. Man sieht ihm so etwas immer sehr deutlich an, denn dann schwitzt er, als müsste er Schwerstarbeit leisten. „Meint ihr, dass der alte Hecht, ich meine, dass Dolton seinen Jungen ...?“

„Das ist ’ne ziemlich perverse Vorstellung“, sagte Teller und verzog sein Gesicht.

„Mörder pflegen pervers zu sein“, sagte ich. „Was haben Sie eigentlich inzwischen über den alten Dolton herausbekommen?“

„Nach außen hin ist das Haus und die Familie gut renommiert“, meinte Teller. „Dolton war Richter im achtzehnten Bezirk. Er war zwar scharf wie ein Küchenmesser, aber immer korrekt.“

„Und was war mit Jerry?“

„Wir sind ja auch keine Zauberer“, sagte Teller. „Das muss erst noch ausgegraben werden. Die Sache ist ja erst vor ein paar Stunden passiert. Aber ihr habt da eben von Gerüchten gesprochen. Wer hat die denn auf die Beine gestellt?“

„Wenn wir’s sagen, haben Sie’s schneller“, erwiderte ich. „Dolton sprach von einem Mister Dale, der sein Nachbar ist. Wir haben uns inzwischen mit Dale unterhalten. Er gibt offen zu, dass er Dolton eine Menge zutraut. Er sagte, Dolton habe seinen Jungen wie einen Gefangenen gehalten, nachdem Jerry sich angeblich mit Dales Tochter Maud herumgetrieben haben soll.“

„Interessant“, sagte Teller. „Das sieht nach einer unglücklichen Liebe aus.“

„Warum betonen Sie das so?“, wollte der Kleine wissen.

„Unglücklich Verliebte bringen sich meist ziemlich originell um die Ecke“, sagte Teller. „So als hätten sie die Absicht, sich ’nen wirkungsvollen. Abgang zu sichern.“

„Sie denken an den Strick und die Blausäure?“

„Arbeitet ihr für Dolton“, fragte der Major, ohne auf unsere Fragen weiter einzugehen.

„Wir wollten, aber wir haben’s wieder zurückgezogen“, sagte ich. „Dolton gefiel uns nicht.“

„Schade um meinen Gin“, sagte Teller. „Ich dachte, ich hätte euch interessieren können.“

„Kommen Sie allein mal wieder nicht klar?“, fragte Jimmy.

„Gut für dich, Kleiner, dass ich heute meinen friedlichen Tag habe“, sagte der dicke Teller. Wir frotzelten uns noch eine Weile und verschwanden dann aus seinem Hauptquartier. Ich hatte wirklich nicht die Absicht, an die Sache auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Es wurden viele in der Stadt ermordet, und wenn wir uns um jeden gekümmert hätten, zum Teufel, wir wären nie zum Schlafen gekommen.

„Gehst du mit zum Essen?“, fragte mich Jimmy.

„Wir machen für heute Schluss“, sagte ich. „Wir sehen uns morgen wieder, Jimmy.“

„Das ist Musik für meine Ohren“, sagte Jimmy. „Ich habe da eine tolle Frau kennengelernt. Die Frau ...“

„... meines Lebens“, vollendete ich seinen altbekannten Satz. „Teste sie aus und lass mich in Ruhe.“

Der Kleine schob sich unternehmungslustig den Hut ins Genick und stiefelte zu einem leeren Taxi hinüber. Und als er fast die Taxe erreicht hatte, kreuzte ein weibliches Wesen mit geschwungenen Waden seinen Weg. Er pfiff recht laut und animiert, ließ Taxi Taxi sein und folgte ihr. Wahrscheinlich hatte er schon wieder die Frau seines Lebens entdeckt. Ich grinste ihm nach und setzte mich in den Schlitten. Ich wollte June zum Essen abholen und dann mit ihr ausgehen. Für heute hatte ich mich bereits überarbeitet.

„Fertig zum Essen gehen?“, fragte ich June. Sie schüttelte den Kopf.

„Du hast Besuch, Mac“, sagte sie und zeigte mit dem Kopf zum Wartezimmer hinüber.

„Wer ist denn da?“, fragte ich.

„Sie wollte mir ihren Namen nicht nennen, erwiderte June lächelnd. „Sie ist vielleicht knapp achtzehn Jahre alt.“

„Hallo“, sagte ich. „Die Kleine muss ich mir mal ansehen. Lange wird es aber bestimmt nicht dauern, June.“

Ich sah sie mir an, und ich sah die kleine Maud Dale, die verschüchtert in einem der großen Sessel hockte.

„Was ist denn los, Kindchen?“, fragte ich sie. Sie stand auf, spielte verlegen und hilflos mit einem Taschentuch herum und begann dann plötzlich zu weinen. Ich ließ sie weinen, und sie beruhigte sich wieder sehr schnell.

„Ich komme wegen Jerry“, sagte sie.

„Was ist mit ihm?“, fragte ich zurückhaltend. Ich bot ihr eine Zigarette an, und sie rauchte sie.

„Jerry hat niemals Selbstmord begangen“, erwiderte sie und warf trotzig ihren Kopf in den Nacken.

„Woher wissen Sie das so genau?“

„Jerry wollte ... wir wollten doch heiraten“, sagte sie. „Gestern Abend sprachen wir noch darüber.“

„Wäre Mister Dolton denn damit einverstanden gewesen?“

„Danach hätten wir nicht gefragt“, sagte sie. „Wir liebten uns doch.“

„Das erklärt natürlich vieles“, sagte ich ernst. „Aber wenn’s kein Selbstmord gewesen ist, dann kann’s doch nur ...“

„... ein Mord gewesen sein“, vollendete sie meinen Satz. „Gerade das wollte ich Ihnen sagen.“

„Damit sagen Sie aber allerhand“, meinte ich. „Wer soll Jerry denn ermordet haben?“

„Ich weiß nicht“, sagte sie hilflos.

„Wirklich keine Ahnung?“, drang ich in sie ein.

„Vielleicht ...“, begann sie und brach dann ab.

„Sie haben sich bestimmt eine Theorie zurechtgelegt“, sagte ich zu ihr.

„Er war in letzter Zeit so ganz verändert“, brach sie plötzlich aus, „So fahrig, wissen Sie, Mister Dolan? Und Hank hatte mir auch verboten, mich weiter mit Jerry zu treffen.“

„Hank ist Ihr Bruder?“

„Zuerst mochte er Jerry, aber dann später wollte er nicht, dass ich ihn noch traf“, sagte sie. „Er hat mir aber nie gesagt, warum er seine Ansicht so schnell geändert hat.“

„Und was soll ich Ihrer Meinung nach nun tun?“

„Den Mörder finden“, sagte sie und richtete sich kampfbereit auf.

„Ich will sehen, was ich für Sie tun kann“, sagte ich. „Und jetzt gehen Sie schön nach Hause

und überschlafen Sie die Sache. Weiß man bei Ihnen, dass Sie bei mir sind?“

„Auf keinen Fall“, sagte sie. „Das braucht keiner zu wissen.“

Ich brachte sie zur Tür, lieferte sie bei June ab, und dann waren June und ich wieder allein.

„Was sagst du zu dem Mädchen?“, fragte ich sie.

„Sie schien sehr sicher gewesen zu sein, dass Jerry Dolton ermordet wurde“, erwiderte June, die das Gespräch auf Band geschnitten hatte. Was wollte Teller von euch?“

Ich erzählte ihr, was er von uns gewollt hatte. June hörte schweigend zu und machte sich dann daran, ihre Lippen nachzuziehen. Sie war noch nicht ganz fertig damit, als das Telefon ging. Ich nahm den Hörer ab und nannte unsere Firma. Am anderen Ende des Drahtes meldete sich Asach Dolton.

„Mister Dolan“, sagte seine beherrschte Stimme. „Ich erfahre eben von der Polizei, dass mein Sohn aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet worden ist. Werden Sie jetzt für mich arbeiten?“

„Warum legen Sie solchen Wert auf unsere Firma?“, wollte ich wissen.

„Weil ich Sie als Fachmann kenne“, sagte Dolton. „Wenn Sie zusagen, kann ich Ihnen einige Details nennen, die bisher unerheblich waren.“