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Magisterarbeit aus dem Jahr 2001 im Fachbereich Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media, Note: 2,0, Universität Duisburg-Essen, Sprache: Deutsch, Abstract: Wir, als Angehörige der westlichen Industrienationen, leben in einer Zeit, in der Schall als Abfallprodukt einer (post-)industriellen und mobilen Gesellschaft toleriert wird. Die Klanglandschaft, die uns heute umgibt, ist siebenmal lauter als die vor hundert Jahren und damit die lauteste, die es jemals auf diesem Planeten gegeben hat – mit steigender Tendenz. Gleichzeitig werden die natürlichen Umgebungsgeräusche seltener: Circa 70 Prozent der heutigen Klanglandschaft sind künstlich erzeugt. Die Wirtschaft hat inzwischen damit begonnen, ihren Produkten mit Hilfe des Sound-Engineering gezielt ein akustisches Design zu verleihen. Für viele Unternehmen ist es lebensnotwendig geworden, ihren Kunden, Lieferanten, Finanzgebern und auch Mitarbeitern durch eine einzigartige, unverwechselbare Identität Orientierung und Sicherheit zu bieten und sich von anderen Unternehmen abzuheben. Der Klang von Kommunikationsmaßnahmen und Produkten ist immer wichtiger geworden. Klänge formen Produkte, geben ihnen Persönlichkeit und sind schon jetzt, neben der Funktionalität und dem visuellen Design, der dritte wichtige Entscheidungsfaktor beim Kauf geworden. Diese Tatsache muss im Konzept der Corporate Identity Berücksichtigung finden. Die vorliegende Arbeit geht der zentralen Frage nach, was Unternehmen tun, um Menschen über das Hören in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dazu werden die wichtigsten Ergebnisse der relativ jungen Disziplin der Psychoakustik kurz vorgestellt. Im Anschluss daran wird gezeigt, in welchem Maße Sound-Engineering diese Ergebnisse anwendet. Zum Abschluss geht es um Verantwortung. Grundlegend ist dabei die Frage, wer die Verantwortlichen für die „akustischen Müllhalden“ sind und was getan werden kann, um zukünftige Entwicklungen zu steuern. Dabei soll die Aufmerksamkeit auf eine neue Disziplin gelenkt werden: die "akustische Ökologie".
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Veröffentlichungsjahr: 2009
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Psychoakustik und Sound-Engineering Marcus Herrmann
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Psychoakustik und Sound-Engineering Marcus Herrmann
Wir, als Angehörige der westlichen Industrienationen, leben in einer Zeit, in der Schall als Abfallprodukt einer (post-) industriellen und mobilen Gesellschaft toleriert wird. Die Klanglandschaft, die uns heute umgibt, ist siebenmal lauter als die vor hundert Jahren (vgl. Ait Ichou 1999, 33) und damit die lauteste, die es jemals auf diesem Planeten gegeben hat - mit steigender Tendenz.
Privatsphäre wird durch zahlreiche Schallereignisse aufgehoben, die Menschen rund um die Uhr belästigen. Liedtke prägte den Begriff der „akustischen Glocke“, unter der man lebt und leidet. Unausweichlich tönt es auf uns ein und macht ein Leben immer unmenschlicher (vgl. Liedtke 1996, 119). Gleichzeitig werden die natürlichen Umgebungsgeräusche seltener: circa 70 Prozent der heutigen Klanglandschaft sind künstlich erzeugt.
Die Wirtschaft hat inzwischen damit begonnen, ihren Produkten mit Hilfe des Sound-Engineering gezielt ein akustisches Design zu verleihen. Ausgangspunkt hierfür war (und ist) die in den letzten Jahren schwieriger gewordene Situation der Unternehmen: Wettbewerbsbedingungen unterliegen einem permanenten Wandel, das Güterangebot wächst stetig und auf Seite der Konsumenten ist längst ein hoher Grad der Sättigung entstanden (vgl. Bruhn 1992, 2).
Zudem werden Produkte in punkto Aussehen, Funktionalität und Qualität immer austauschbarer und die Öffentlichkeit kritischer. Für viele Unternehmen ist es daher lebensnotwendig geworden, ihren Kunden, Lieferanten, Finanzgebern und auch Mitarbeitern durch eine einzigartige, unverwechselbare Identität Orientierung und Sicherheit zu bieten und sich von anderen Unternehmen abzuheben.
Das Konzept der Corporate Identity gibt Organisationen Mittel dazu an die Hand und ist seit Jahrzehnten bei (multi-)nationalen Konzernen üblich.
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Corporate Identity beinhaltet u.a. das Corporate Design. Während seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts das visuelle Design allein im Vordergrund stand, ist in neuester Zeit der Klang von Kommunikationsmaßnahmen und Produkten immer wichtiger geworden. Klänge formen Produkte, geben ihnen Persönlichkeit und sind schon jetzt, neben der Funktionalität und dem erwähnten visuellen Design, der dritte wichtige Entscheidungsfaktor beim Kauf geworden. Diese Tatsache muss im C.I.-Konzept Berücksichtigung finden.
Die vorliegende Arbeit geht der zentralen Frage nach, was Unternehmen tun, um Menschen über das Hören in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dazu werden die wichtigsten Ergebnisse der relativ jungen Disziplin der Psychoakustik kurz vorgestellt. Im Anschluss daran wird gezeigt, in welchem Maße Sound-Engineering diese Ergebnisse anwendet. Fragen, die diese Arbeit aufwirft, aber nicht beantworten kann, stehen in engem Zusammenhang mit der zukünftigen Entwicklung der Klanglandschaft: leitet sich mit dem Sound-Engineering eine Trend-Wende ein? Werden die Klangdesigner den Lärm um uns herum mindern und eine humanere Klangwelt erzeugen, wie sie selber behaupten? Dies wird erst die Zukunft zeigen.
Zum Abschluss soll es um Verantwortung gehen. Grundlegend ist dabei die Frage, wer die Verantwortlichen für die „akustischen Müllhalden“ (ebenfalls ein Begriff von Rüdiger Liedtke) sind und was getan werden kann, um zukünftige Entwicklungen zu steuern. Was kann die Wirtschaft, was kann Politik, was kann jeder Einzelne leisten, damit unsere Lautsphäre ein menschenwürdiges, gesundes Leben ermöglicht. Dabei soll die Aufmerksamkeit auf eine neue Disziplin gelenkt werden: die „Akustische Ökologie“.
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Begriffe wieIdentitätskriseoderIdentitätsverlustgehören inzwischen zum alltäglichen Wortschatz. Eine eigenständige Literaturgattung befasst sich mit Problemen der Identitätssuche und ist deutliches Zeichen für die Nachfrage der Menschen nach Lösungen des Problems. Aus dem wissenschaftlichem Diskurs derIch-Identitätder Psychoanalyse und Individualpsychologie entwickelte sich einerseits die Diskussion um dieGruppen-Identitätvon Organisationen, welches Gegenstand der Organisationssoziologie und der Politologie ist, andererseits entwickelte sich innerhalb der Wirtschaftswissenschaften der Begriff derUnternehmens-Identität.
Um zu erklären, warum Identität für Unternehmen zum Problem wurde, müssen zwei Schlüsselbegriffe Max Webers genannt werden:Traditionalitätund der Prozess derRationalisierung.Unternehmen nehmen Teil an der generellen Entwicklung der Gesellschaft. Traditionalität meint in diesem Zusammenhang ein Eingebettetsein des Individuums, „ein Selbstverständnis des sozialen Subjekts in seinem je eigenem sozialen Zusammenhang“ (Birkigt/Stadler 1992, 15). Verhalten wird in diesem Sinne traditionsgeleitet gesteuert, soziale Rollen stehen fest und bestätigen sich immer wieder aufs Neue:„[...] kraft Glaubens an die Heiligkeit der von jeher vorhandenen Ordnungen und Herrengewalten.“ (Weber 1964, 295).Unternehmen der traditionalen Stufe erhalten ihre Identität durch die Inhaber- bzw. Managerpersönlichkeit (z.B. Krupp, Siemens, Grundig, Burda, Opel oder Ford). Die Organisationsstruktur wird in diesen Fällen als „gewachsen“ und gegeben angesehen und ist personenbezogen mit stark patriarchalischen Zügen.
Den wachsenden und sich weiterentwickelnden Unternehmen bieten sich Chancen, neue Märkte zu erschliessen oder in neue Betätigungsfelder
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einzutreten. Umgekehrt ist Wachstum erst möglich, wenn neues Terrain erschlossen wird. Neue Technologien und sich wandelnde Branchen bringen Konzerne dazu, die Grenzen ihres bisherigen Know-Hows zu überschreiten und das bisherige Selbstverständnis aufzugeben. Die traditionale Maxime wird in diesem Fall ersetzt durch ein rationales Operieren in einer sich verändernden Umwelt: Zweckrationalität bestimmt das Handeln. Je mehr sich ein Unternehmen neuen „unternehmensfremden“ Chancen zuwendet, umso mehr ist es von rationalen Entscheidungen abhängig. Erst an zweiter Stelle treten traditionalunternehmensphilosophische Überlegungen. Heute expandieren Unternehmen durch die Eroberung von „Neuland“. Dies hat nicht nur starkes Wachstum, sondern auch die Zersplitterung der Organisation oder die Bildung von Konglomeraten (wie z.B. bei Stinnes, Thyssen-Krupp, AEG) zur Folge. Es kommt zu Konflikten verschiedener Teilziele, das Unternehmen benötigt neue Orientierungshilfen. Werden neue Märkte erschlossen, müssen neue Strategien gegen ebenfalls neue Konkurrenten entwickelt werden. Eventuell sagt das bisherige Firmen-Image den Kunden nichts oder etwas Falsches, und wenn z.B. bestehende logistische Abläufe nicht mehr ausreichen, muss sich das Unternehmensverhalten gegenüber Partnern ändern. Zudem sehen sich Unternehmen häufiger mit einer entscheidenden Anforderung konfrontiert: sie müssen sich von ihren Wettbewerbern deutlich unterscheiden. Je ausgeprägter und zahlreicher die Unterschiede (im positiven Sinne) sind, desto grösser die Erfolgschancen eines Unternehmens. Wenn schon vorhandene technologische oder ökonomische Vorteile einen Vorsprung garantieren, können diese Erfolgsfaktoren ausgespielt werden. Die dann trotz
Verdrängungsstrategien und Konzentrationseffekten verbleibenden Konkurrenten verfügen alle über eine ähnliche Preis-, Anwendungs- und Qualitäts-Struktur. M.a.W.: die Produkte, die auf dem Markt sind, ähneln sich stärker als zuvor. Eine rein produktbezogene Kommunikation bringt den Kunden keine neuen Erkenntnisse und läuft ins Leere. Deshalb müssen Informationen vermittelt werden, die über Produktaussagen
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hinausgehen und vielmehr das Unternehmen selbst betreffen: seine Ziele, Pläne und Philosophie.
Das Konzept der Corporate Identity soll Unternehmen helfen, sich aus der Masse der Wettbewerber abzuheben und ihre eigene Identität zu stärken. Sie definiert die Unternehmensvision, -Ziele und -Kompetenzen und wirkt richtungsweisend. Dabei soll in der Öffentlichkeit ein Image gebildet werden, das der Vorstellung des Absenders entspricht.
„Identität <lat.> : a) vollkommene Gleichheit od. Übereinstimmung (in Bezug auf Dinge od. Personen); Wesensgleichheit; das Existieren von jmdm., etw. als ein Bestimmtes, Individuelles, Unverwechselbares; b) die als Selbst erlebte innere Einheit der Person (Psychol.).“ (Duden 1990: Band 5, Fremdwörterbuch)
„Identität [...] Gefühl andauernden Einsseins der Person mit den eigenen Vorstellungen, die als beständig erlebte Kontinuität u. Gleichheit des Ich;[...]“(Brockhaus Wahrig 1981: Deutsches Wörterbuch)Die Corporate Identity wird in Parallele zur Ich-Identität gesehen: als schlüssiger Zusammenhang von Erscheinung, Worten und Taten eines Unternehmens mit seinem „Wesen“, seiner Persönlichkeit1. Die grundlegende Frage, ob es generell zulässig ist, Kollektiven Eigenschaften zuzuschreiben, die nur Individuen aufweisen, beantwortet Achterhold. Sie sieht in der Kulturanthropologie viele Beispiele dafür, dass Menschen eine starke Neigung dazu haben, Vorgänge ihrer Lebenswelt auf andere Bereiche zu übertragen und so die Welt zu deuten (z.B. in der
1Der Begriff „Person“ stammt vom lateinischen. „per sona“, welches „durch den Klang“ bedeutet.
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Mythologie). Dazu gehört auch, dass Kollektiven Eigenschaften zugeschrieben werden wie z.B. Ziele, Motive, Absichten und Identität.„So ist es zutreffend, daß Kollektive keine Individualeigenschaften haben können, ebenso richtig ist es aber auch, daß Menschen Kollektiven Individualeigenschaften zuschreiben. Damit stellt diese Behauptung einewenn auch nirgends ausdrücklich genannte - Basisannahme der Theorie der Corporate Identity dar, die die Übertragung des Identitätskonzeptes auf Unternehmen erklärt und rechtfertigt.“ (Achterhold 1988, 32).Wenn diese Annahme zulässig ist, ist es auch der Begriff der „Unternehmens-Identität“ bzw. „Corporate Identity“. Zu Beginn der wissenschaftlichen Diskussion zum Thema wurden die Begriffe „Corporate Identity“ und „Image“ nicht immer klar voneinander getrennt. Die Sachverhalte waren noch nicht präzise unterschieden, doch inzwischen wird als „Corporate Identity“ das Selbstbild des Unternehmens bezeichnet, das Fremdbild als „Corporate Image“. Image stellt also die Projektion der Identity im sozialen Feld dar (vgl. Birkigt/Stadler 1992, 22), oder m.a.W. das Bild, welches in den Köpfen der Öffentlichkeit besteht2. Ziel ist es, eine Harmonie von Fremd- und Eigenbild zu schaffen.„In der wirtschaftlichen Praxis ist demnach Corporate Identity die strategisch geplante und operativ eingesetzte Selbstdarstellung und Verhaltensweise eines Unternehmens nach innen und außen auf Basis einer festgelegten Unternehmensphilosophie, einer langfristigen Unternehmenszielsetzung und eines definierten (Soll-)Images - mit dem Willen, alle Handlungsinstrumente des Unternehmens in einheitlichem Rahmen nach innen und außen zur Darstellung zu bringen.“(Birkigt/Stadler 1998, 18).
2Selbstverständlich existiert ein Image auch von Unternehmen, die über kein CI-Konzept verfügen. Dieses Image ist weder gesteuert noch geplant. Ein Identitätskonzept hat
immer auch die Aufgabe, diesen „Spielraum“ einzugrenzen und das gewünschte Image
zu erzeugen.
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Das Konzept der Corporate Identity beruht auf einer zentralen Unternehmens-Persönlichkeit. Auf sie bauen die einzelnen Elemente Unternehmens-Verhalten, - Kommunikation und - Erscheinungsbild auf. Alle Elemente bedingen sich wechselseitig und wirken sowohl nach aussen als auch nach innen.
Die folgende Grafik stellt die Struktur der CI, auch Identitäts-Mix genannt, schematisch dar:
Abb.1: Schematische Darstellung der Corporate Identity (Identitäts-Mix)
(Birkigt/Stadler 1992, 19)
Der Zusammenhang der C.I.-Elemente drückt sich für den Designer Wally Olins wie folgt aus:
