Psychologie im Jugendsport - Sigurd Baumann - E-Book

Psychologie im Jugendsport E-Book

Sigurd Baumann

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Beschreibung

Grundkenntnisse über körperliche und psychische Veränderungen in der Pubertät und ihre gegenseitigen Wechselwirkungen gehören heute zum Rüstzeug eines erfolgreichen Trainers und Jugendbetreuers. Unstrittig ist, dass gerade bei jugendlichen Sportlerinnen und Sportlern die individuelle Lebenssituation und die persönlichen Voraussetzungen eine wesentliche Rolle für die Art, die Intensität und die Richtung sportlichen Handelns darstellen. In diesem Buch geht es im Wesentlichen um die spezifischen Entwicklungsmerkmale in der Pubertät, um Ihre Bedeutung für sportliches Lernen und Leisten und um die Rolle der Trainer und Betreuer für die sportliche und personale Entwicklung Jugendlicher. Das Buch beleuchtet das spezifische Verhalten Jugendlicher, das durch entwicklungsbedingte Prozesse zwischen Kind sein und Erwachsen werden durch vielerlei Konflikte geprägt wird. Betreuerverhalten und Trainingsgestaltung verlangen die pädagogische Berücksichtigung der schwierigen Entwicklungsprozesse um den Jugendlichen Spaß und Freude für aktuelles und zukünftiges Sporttreiben zu vermitteln. Ausführlich werden die Rollen des Trainers und Betreuers dargestellt. Jeder Trainer und jede Trainerin sind, ob es ihnen bewusst ist oder nicht, auch Pädagogen, da sie nachhaltig in das Leben von Jugendlichen eingreifen. In ihren verschiedenen Rollen als sportliche Fachperson als Vorbild und Erwachsener, als Vertrauensperson und als Coach, beeinflussen sie Einstellungen und Lebenserfahrung jugendlicher Sportler und Sportlerinnen in nachhaltiger Weise. Auch die Eltern spielen eine wesentliche Rolle und werden in ihrem Einfluss auf das sportliche Verhalten ihrer Kinder angesprochen.

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Sigurd Baumann

Psychologie im Jugendsport

Der Einfluss der Pubertät – Die Auswirkungen auf das Lernen – Die Rolle des Trainers

Meyer & Meyer Fachverlag & Buchhandel GmbH

Inhaltsübersicht

Vorwort1 Die Pubertät und der Sport1.1 Die körperliche Entwicklung bei Jungen und Mädchen1.2 Spätentwickler und Frühentwickler2 Die Suche nach einer neuen Identität2.1 Die Suche nach dem Kick und dem Risiko2.2 Baustelle Gehirn2.3 Sport muss herausfordern2.4 Die Jugend braucht „Urhebererlebnisse“3 Konflikte in der Pubertät3.1 Der eigene Körper – das Körperschema3.2 Veränderung des Körperschemas in der Pubertät3.3 Ambivalenz – „hin oder her?“3.4 Zum Trainerverhalten3.5 Veränderung der Muskelspannung4 Die Eltern – Zuwendung gegen Ablösung4.1 Kinder und Jugendliche brauchen freie Zeit4.2 Gleichaltrige – eine Hilfe bei der Identitätsfindung4.3 Warum schaffen Jugendliche einen eigenen Sprachstil?4.4 Der Gruppendruck4.5 Der Einfluss sportlicher Eltern auf die Identitätsentwicklung5 Erwachsen werden – Ziel und Widerspruch5.1 Die Theorie der symbolischen Selbstergänzung5.2 Identifikation5.3 Wohin führt der Weg nach der Pubertät?5.4 Die übernommene Identität5.5 Die erarbeitete Identität5.6 Die diffuse Identität6 Der Trainer ist mehr als nur Könnensvermittler6.1 Der Trainer als Erwachsener6.2 Der Trainer als Vertrauensperson6.3 Zuwendung6.3.1 Positive Zuwendung6.3.2 Abwendung – Ignoranz6.3.3 Negative Zuwendung6.3.4 Zu viel Zuwendung6.4 Hinweise zum Betreuerverhalten6.5 Hilfen6.5.1 Schlechte Hilfen6.6 Der Trainer als Vorbild6.7 Der Trainer als Fachmann6.8 Der Trainer als Sportler6.9 Der Trainer als Coach6.9.1 Maßnahmen des Coachs7 Motivieren – wozu?7.1 Grundsätzliches7.2 Was macht Jugendlichen Spaß?7.3 Basismotive7.3.1 Bewegungslust – Spielfreude7.3.2 Das Neugiermotiv – Basis für Herausforderungen7.3.3 Das Aggressionsmotiv – Motor für Leistung7.3.4 Wozu Anerkennung?7.3.5 Formen der Anerkennung7.4 Gewalt7.5 Das Gemeinschaftsmotiv7.5.1 Was der Trainer tun kann7.5.2 Sich gegenseitig Anerkennung aussprechen7.6 Motive bedingen einander7.6.1 Wann sind Jugendliche bereit, sich anzustrengen?7.6.2 Verschiedene Zielsetzungen8 Sprache und Körpersprache8.1 Die Körpersprache8.2 Der Trainer als Schauspieler8.3 Der Gesichtsausdruck8.4 Die Stimme8.5 Blick und Blickkontakt8.6 Die Sprache8.6.1 Vermeiden Sie Vermeidungsanweisungen!8.6.2 Die Beeinflussung der Handlung8.6.3 Das Lob8.6.4 Die Entwertung des Lobs8.6.5 Korrektur an der Handlung – Kritik an der Person8.6.6 „Ich“, „du“, „man“, oder „wir“?9 Lernen im Sport9.1 Gedächtnisstufen und Lernen9.1.1 Das Ultrakurzzeitgedächtnis (UKG)9.1.2 Das Kurzzeitgedächtnis9.1.3 Das Langzeitgedächtnis10 Biologisch begründete Lernregeln10.1 Lernziele setzen10.2 Sinn und Zweck erkennen10.3 Neues alt verpacken10.4 Realitätsbezug herstellen10.5 Skelett vor Detail10.6 Interferenz vermeiden10.7 Zusätzliche Assoziationen schaffen10.8 Mehrere Eingangskanäle nutzen10.9 Lernspaß10.10 Wiederholen11 Warum Jugendliche nicht immer das tun, was der Trainer verlangt11.1 Diskrepanzen im Rollenverständnis11.2 Position und Rolle11.3 Das Rollenverständnis des Trainers und des Spielers11.4 Die Rückmeldung des Spielers11.5 Das Rollenverständnis aus der Sicht des Trainers11.6 Das Rollenverständnis des jugendlichen Spielers11.7 Die Aufgaben des Trainers11.8 Das Rollenverständnis der MitspielerLiteraturBildnachweis

„Ich kann’s trotzdem!“Finn Baumann, 6 Jahre

Hinweise:

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit haben wir uns entschlossen, durchgängig die männliche (neutrale) Anredeform zu nutzen, die selbstverständlich die weibliche mit einschließt.

Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder der Autor noch der Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch vorgestellten Informationen resultieren, Haftung übernehmen.

Vorwort

Ein bekannter Fußballtrainer hat in einem Interview beklagt, dass von den Sportverbänden zu viele „Laptoptrainer“ ausgebildet werden. Aus seiner Sicht werde zu viel Wert auf taktische Schwerpunkte gelegt.

Inhalte wie individuelles Lernen, persönliche Voraussetzungen oder psychologische Verhaltensbedingungen kämen zu kurz. Er erntete von mehreren Seiten entschiedenen Widerspruch, da eine pauschale Kritik an der Trainerausbildung nicht gerechtfertigt sei.

Unstrittig ist, dass gerade bei jugendlichen Sportlern die individuelle Lebenssituation und die persönlichen Voraussetzungen eine wesentliche Rolle spielen für die Art, die Intensität und die Richtung sportlichen Handelns.

In diesem Buch geht es im Wesentlichen um die spezifischen Entwicklungsmerkmale in der Pubertät, um ihre Bedeutung für sportliches Lernen und Leisten und um die Rolle der Trainer und Betreuer für die sportliche und personale Entwicklung Jugendlicher.

Grundkenntnisse über körperliche und psychische Veränderungen in der Pubertät und ihre gegenseitigen Wechselwirkungen gehören heute zum Rüstzeug eines erfolgreichen Trainers und Jugendbetreuers.

Das Buch erhebt nicht den Anspruch, eine erschöpfende Jugendpsychologie anzubieten. Es soll wesentliche Aspekte aufzeigen, die für eine erfolgreiche und zufriedenstellende Kommunikation zwischen Erwachsenen und Jugendlichen notwendig sind.

Dazu gehören u.a. die psychischen Veränderungen im Verlauf der Pubertät, ihre Auswirkungen auf sportliches Lernen und Leisten, die verschiedenen Funktionen des Trainers als Fachmann und Coach oder neue Erkenntnisse über Gedächtnis, Wahrnehmung und Lernen.

Nur wenn es dem Trainer gelingt, sportliche Anreize zu schaffen, die zum aktiven Handeln motivieren, kann es gelingen, die Jugendlichen vom passiven Konsum digitaler Medien wegzulocken. Hierzu möchte dieses Buch einen Beitrag liefern.

Prof. Dr. Sigurd Baumann

1 Die Pubertät und der Sport

Jeder Betreuer kennt die Probleme, die im Umgang mit Jugendlichen zwischen 11 und 16 Jahren auftauchen. Was bisher gültig war, wird plötzlich infrage gestellt. Bewährte Trainingsweisen und Aufgabenstellungen lösen plötzlich Unzufriedenheit aus. Was bisher Spaß gemacht hat, wird abgelehnt. Die Pubertät stellt eine Phase des Umbruchs in der Persönlichkeitsentwicklung dar. Neue Bedürfnisse verändern das Verhalten, neue Ziele werden gesucht, aber noch nicht gefunden. Das Streben nach Unabhängigkeit geht einher mit der Ablehnung und Hinterfragung elterlicher Standards und höherer Bewertung der Meinung von Freunden.

Im Bereich der Emotionen ist die Pubertät eine Phase der Instabilität und der Konflikthaftigkeit. Gefühle der Zuwendung und der Ablehnung stehen miteinander im Widerspruch, ein neues Selbstwertgefühl beginnt sich zu entwickeln.

Im Sport und im täglichen Leben stellen sich Jugendlichen zentrale Fragen:

Wer bin ich?

Welche Rolle spiele ich für die anderen?

Wie sehen mich die anderen?

Wie werde ich einmal aussehen?

Wie leistungsfähig werde ich sein?

Welche Bedeutung hat der Sport für mich?

Bin ich schon ein Erwachsener?

Die zunehmende Veränderung des eigenen Körpers, sich verändernde Gehirnstrukturen, die beginnenden Beziehungen zum anderen Geschlecht schaffen eine neue, komplexe Gefühlssituation, bei der der Jugendliche auf keine Vorerfahrungen aus der Kindheit zurückgreifen kann. Doch nicht bei allen Jugendlichen setzen diese Entwicklungen der körperlichen und emotionalen Neuorientierung zur gleichen Zeit ein. Daraus ergeben sich für Jugendtrainer und Jugendbetreuer mannigfache Schwierigkeiten. Um ihnen gewachsen zu sein und sie angemessen bewältigen zu können, sollte der Trainer über wesentliche Merkmale dieser Entwicklungsstufe Bescheid wissen.

„Hole den jugendlichen Sportler dort ab, wo er steht!“

Dieser abgewandelte pädagogische Leitsatz (Rousseau) erhält in der Phase der Pubertät besondere Bedeutung. In keiner Entwicklungsstufe des menschlichen Lebens gibt es zwischen Gleichaltrigen so deutliche Unterschiede wie in der Pubertät. Dem Trainer stellt sich die Aufgabe, seine Anforderungen, sowohl in sportlicher Hinsicht als auch im persönlichen Verhalten, auf die jeweilige Entwicklungsphase des Jugendlichen abzustimmen.

Das bedeutet im Einzelnen:

Holen Sie den Jugendlichen in seinem aktuellen Könnensstand ab. Unterfordern Sie ihn nicht mit zu leichten Aufgaben, überfordern Sie ihn nicht mit zu hohen Schwierigkeiten.

Holen Sie ihn in seiner aktuellen Motivation ab. Nutzen Sie hohe Motivation zur Durchführung schwieriger und belastender Aufgaben. Berücksichtigen Sie die Ursachen von Demotivation und Unlust. Stellen Sie Aufgaben, die motivierend und herausfordernd wirken, auch wenn sie nicht in den beabsichtigten Trainingsplan passen.

Stellen Sie Aufgaben, die Entscheidungsfähigkeit und Selbstverantwortung verlangen und berücksichtigen Sie dabei den individuellen Entwicklungsstand des Jugendlichen.

Berücksichtigen Sie äußere Lebensumstände. Anfahrtswege, Zusatzaktivitäten, Konflikte persönlicher, elterlicher, schulischer oder beruflicher Art, sofern es im Rahmen des Trainings und der Wettkampforganisation möglich ist.

1.1 Die körperliche Entwicklung bei Jungen und Mädchen

Während Mädchen und Jungen sich vor der Pubertät körperlich etwa gleich entwickeln, ändert sich dies mit der Pubertät gravierend. Die ersten Zeichen der Pubertätsentwicklung treten bei Mädchen durchschnittlich etwas früher, in der Regel zwischen 11 und 14 Jahren, auf. Bei den Jungen setzt diese Phase in der Regel zwischen 12 und 15 Jahren ein.

Allerdings sind dies nur Durchschnittswerte und der Beginn der Pubertät kann ebenso wie deren Dauer höchst unterschiedlich sein. Bei beiden Geschlechtern ist in der Phase der Pubertät ein deutlicher Wachstumsschub zu beobachten. Die Jungen durchlaufen allerdings nach Einsetzen der Geschlechtsreife eine längere Wachstumsperiode, während sie bei Mädchen in der Regel wesentlich früher endet.

Das Wachstum der einzelnen Körperteile verläuft dabei, sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen, asynchron. Das bedeutet, dass viele Jugendliche, insbesondere Jungen, oft einen unproportionalen, schlaksigen Eindruck machen, da zuerst die Gliedmaßen Hände, Füße und anschließend Arme, Beine und zuletzt der Rumpf wachsen.

Mit der Zunahme der Körpergröße ist grundsätzlich auch eine Zunahme des Körpergewichts verbunden. Bei Jungen ist dies vor allem darauf zurückzuführen, dass die Muskulatur sowie die Knochenmasse erheblich zunehmen. Bei Mädchen hingegen kommt es während der Pubertät vor allem zu einer Zunahme des Körperfettanteils.

Heranwachsende Jungen befinden sich gegenüber Mädchen im Vorteil, weil sie die Begleiterscheinungen der Pubertät – breitere Schultern, kräftigere Muskeln, tiefere Stimme – automatisch den männlichen Idealvorstellungen näherbringen.

Mädchen stellen demgegenüber häufig fest, dass sie körperlich nicht dem aktuellen Schönheitsideal entsprechen. Pubertierende Mädchen leiden daher, beispielsweise, häufiger unter der Gewichtszunahme, die die Pubertät begleitet. Nicht selten führt diese Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper zu einem destruktiven Essverhalten. Mit der unterschiedlichen Zunahme an Kraft – bzw. Körperfettanteil bei pubertierenden Jungen und Mädchen sind entsprechende Leistungsunterschiede bei Schnelligkeits-, Ausdauer- und Kraftleistungen zu beobachten. Derartige Unterschiede lassen sich jedoch hinsichtlich der koordinativen Steuerung bei feinmotorischen Leistungen zwischen Jungen und Mädchen nicht feststellen.

1.2 Spätentwickler und Frühentwickler

Der unterschiedliche Zeitpunkt und der unterschiedliche Verlauf der pubertären Erscheinungsformen stellt den Trainer vor schwierige Aufgaben im Hinblick auf die Auswahl der Trainingsinhalte, deren Organisation und ihre methodischen Vermittlung.

Es gibt Jugendliche, die deutlich früher in die Pubertät eintreten als der Altersdurchschnitt. Man nennt sie Frühentwickler, im Gegensatz zu Spätentwicklern, bei denen die körperliche Reifung später erfolgt.

In manchen Sportarten, z.B. beim Basketball, wo die Körpergröße eine große Rolle spielt oder bei Wurfdisziplinen, bei denen Hebel- und Kraftverhältnisse mitentscheidend für die Leistung sind, zeigen sich die Entwicklungsunterschiede sehr deutlich.

PROBLEM

Seit Jahren kann man beobachten, dass Jugendliche körperlich immer früher erwachsen werden, während die soziale Verantwortlichkeit gegenüber Familie und Beruf immer später erfolgt.

Frühentwickler werden aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung eher als Erwachsene behandelt. Bei ihnen zeigt sich häufig das Problem, dass die emotionale und soziale Reife hinter der körperlichen hinterherhinkt. Deshalb kann man beobachten, dass Frühreife sich eher dem Erwachsenenstatus anpassen. Sie übernehmen z.B. gerne die Rolle berühmter Sportler als Vorbild, da das „Hineinschlüpfen“ in die Persönlichkeit des Vorbilds Halt und Sicherheit verleiht. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass sie „falsche Vorbilder“ wählen und anfälliger für Drogen werden oder zu extrem abweichenden Verhaltensweisen neigen.

Spätentwickler haben mehr Zeit, sich auf die Rolle des Erwachsenen vorzubereiten. Sie erarbeiten sich sozusagen ihre eigene Identität, während die Frühreifen eher die Identität anderer übernehmen.

Gemeinsam für normal entwickelte Jugendliche, für Spätentwickler und für Frühentwickler, ist die Suche nach einer neuen, persönlichen Identität.

2 Die Suche nach einer neuen Identität

Nicht mehr Kind – Jugendlicher – noch nicht Erwachsener

Die kindliche Identität löst sich auf. Das Jugendalter ist nur eine Durchgangsstation zum Erwachsenwerden. Es ist ein fortwährender Prozess der Veränderung. Deshalb ist es für den Jugendlichen schwierig, eine verlässliche Identität zu finden.

Die Suche nach einer neuen Identität wird erschwert durch die unterschiedliche Entwicklung im körperlichen, im psychischen und im sozialen Bereich. Neuere Erkenntnisse weisen darauf hin, dass auch die Entwicklung des Gehirns für typische Verhaltensweisen in der Pubertät verantwortlich ist. Insbesondere sind es extreme Verhaltensweisen der Risikosuche, deren Ursachen gehirnphysiologisch zu erklären sind.

2.1 Die Suche nach dem Kick und dem Risiko

Es sind nicht nur innere Konflikte, die das Verhalten in der Pubertät beeinflussen. Auch die Veränderungen im Gehirn spielen eine wesentliche Rolle. Jugendliche in der Pubertät handeln oft impulsiv, ohne die Folgen ihrer Taten abzuschätzen.

Beispiel

Ein Vater unternimmt mit seinem 15-jährigen Sohn eine Paddelfahrt auf einem mittelschweren Fluss.

Vor einer Brücke kommt es zu Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Durchfahrt zu wählen ist. Der Sohn besteht auf einer riskanten Variante, der Vater ist dagegen, da er sich die Folgen eines Kenterns ausmalt. Um dem Streit ein Ende zu setzen, überlässt der Vater letztendlich dem Sohn das Steuer. Die Durchfahrt misslingt, das Boot schrammt an die Brücke und kentert.

Kommentar des Sohns: „Aber wir haben‘s probiert!“ Von Schuldgefühlen keine Spur. Kommentar des Vaters: „Du kommst mir nicht mehr ans Steuer!“

Die meisten Unfälle im Jugendalter lassen sich auf Fehleinschätzungen der Handlungsfolgen zurückführen.

Eine Ursache für den Hang zu unüberlegtem Handeln in der Pubertät sehen Forscher in nicht abgeschlossenen Reifungsvorgängen mancher Gehirnbereiche.

2.2 Baustelle Gehirn

Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hat man geglaubt, dass das menschliche Gehirn mit etwa 12 Jahren ausgereift sei. Tatsächlich vollzieht sich jedoch danach noch einmal ein gewaltiger Umwandlungsprozess, das Gehirn wird erwachsen. Man war der Meinung, dass die abweichenden Verhaltensweisen Jugendlicher in der Pubertät auf die Veränderungen im Hormonhaushalt zurückzuführen seien.

„Wer hier nur die Hormone anführt, liegt falsch!“ (Spitzer, 2010).

Mit dem Beginn der Pubertät sterben Milliarden Zellen und Kontaktstellen im Gehirn ab. Bis zu 30.000 Nervenverbindungen gehen bei diesem Ausleseverfahren pro Sekunde zugrunde. Entsorgt werden vor allem jene, die selten gebraucht werden. Zeitgleich mit dem Schwund dieser Zellen werden durch die Bedingungen, unter denen wir leben, neue Verbindungen geschaffen.

„Use it or lose it!“, lautet die Devise.

Offenbar trennt sich das Gehirn von Störendem, um fit zu werden für die Herausforderungen des Erwachsenenlebens. Doch nicht alle Teile des Gehirns wachsen gleichzeitig heran. Während die Baustellen in den Arealen, die an der Bewegungssteuerung und der Wahrnehmung beteiligt sind, relativ bald wieder abgeschlossen sind, dauern die Umbauarbeiten in den Regionen, die für Sprache und räumliche Orientierung zuständig sein, weitaus länger.

Auch die oberste Kommandozentrale des Gehirns, der präfontale Kortex, ist von der Verzögerung betroffen. Dieser Stirnlappen ist für lebenspraktische Leistungen, wie Planung und Abschätzen der Folgen einer Handlung, verantwortlich. Hirnforscher haben herausgefunden, dass dieser Frontallappen bei Jugendlichen nicht immer voll funktioniert. Daraus wird erklärbar, das Jugendliche oft impulsiver handeln als Erwachsene und sich keine Gedanken über die womöglich fatalen Folgen ihrer Handlungen machen.

Auch Gehirnregionen, die an der Steuerung des Strebens nach Belohnung beteiligt sind, weisen bei Jugendlichen eine wesentlich geringere Aktivität auf, als bei Erwachsenen.

Das heißt, dass Jugendliche höhere Reize als Erwachsene benötigen, um einen gleich starken Kick zu empfinden.

Die Lust an ausschweifenden Partys, Drogenexperimente, extreme „Jugendstreiche“, überlaute Musik, extravagantes Outfit, die Lust an lauten Motoren oder aggressives Verhalten, das gesellschaftliche Normen missachtet, können teilweise auf die Besonderheiten der unterschiedlichen Entwicklung von Gehirnregionen zurückgeführt werden. Glücklicherweise werden Reifungsprozesse des Gehirns aber auch durch praktische Erfahrungen beeinflusst. Hirnforscher glauben, dass die praktischen Lebenserfahrungen eines Jugendlichen enorme Rückwirkungen auf die Strukturbildung unterm Schädeldach haben. Die biologischen Prozesse im Gehirn der Jugendlichen sind einander ähnlich. Sie sind jedoch nur der Motor der Entwicklung. Wohin die Entwicklung den Jugendlichen führt, hängt zum einen von den Widerständen ab, die ihm Gesellschaft und Kultur, Psyche und Familie entgegensetzen und zum anderen von den Wegen, die sie ihm weisen. So können z.B. auch Erfahrungen im Sport dazu beitragen, die Gehirnregionen in einer bestimmten Weise in ihrer Reifung und Entwicklung zu beeinflussen. Dazu gehört z.B. auch, die Folgen riskanten Handelns besser abschätzen zu lernen. Daraus kann sich ein realistisches Könnensbewusstsein entwickeln, das wesentlich zu einer Stabilisierung des emotionalen Persönlichkeitsbereichs beiträgt.

2.3 Sport muss herausfordern