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An Halloween wird das Haus des alten Charles Keenan jedes Jahr zu einer Attraktion. Aberhunderte selbstgeschnitzte Kürbislaternen zieren seinen Vorgarten. Doch mit den Jack-o'-lanterns hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Sie sollen die Bewohner des Ortes vor Old Notch-foot schützen, der in der Nacht von Halloween nach ungeschützten Seelen Ausschau hält. Nur wer einen eigenen Kürbis hat, ist vor dem unheimlichen Dämon sicher. Je näher die Halloween-Nacht kommt, desto mehr drängen die Geister der Vergangenheit nach außen, und schon bald stellt sich die Frage, ob die düsteren Legenden um Old Notch-foot wirklich nur aus dem Reich der Mythen stammen. In dieser packenden Geschichte über den wahren Ursprung von Halloween kommt das Grauen in leisen Schritten näher, sodass dir am Ende kalte Schauer über den Rücken laufen. Besser kann die Nacht der Lebendigen und der Toten nicht zu Papier gebracht werden.
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Chad P. Brown
DAS HAUS DER 1000 KÜRBISSE
Chad P. Brown
DAS HAUS DER 1000 KÜRBISSE
Aus dem Englischen von Almuth Braun
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/ abrufbar.
Originalausgabe
2. Auflage 2024
© 2021 by Scream Time Publishing, ein Imprint der
DelRay Publishing GmbH, An der Dornwiese 2, 82166 Gräfelfing Alle Rechte vorbehalten.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Vertreibung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Redaktion: Rainer Weber
Umschlaggestaltung: Julia Jund
Umschlagabbildung: © Abigail Larson
Druck: CPI books GmbH, Leck
ISBN Print 978-3-9496360-0-4
ISBN E-Book (PDF) 978-3-9496360-1-1
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-39496360-2-8
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Teil eins: 25. Oktober, noch sechs Tage bis Halloween
Teil zwei: 26. Oktober, noch fünf Tage bis Halloween
Teil drei: 27. Oktober, noch vier Tage bis Halloween
Teil vier: 28. Oktober, noch drei Tage bis Halloween
Teil fünf: 29. Oktober, noch zwei Tage bis Halloween
Teil sechs: 30. Oktober, der Tag vor Halloween
Teil sieben: 31. Oktober, Halloween-Nacht
Nachwort
Über den Autor
Am meisten fürchten wir uns vor dem, was in unserem Innersten schlummert. Und das größte Entsetzen empfinden wir, wenn wir erkennen, dass dieses Ungeheuer entfesselt wurde.
Als Ronnie Lancaster hörte, wie die Fliegengittertür zuschnappte, kehrten seine Gedanken abrupt in die Gegenwart zurück und verschafften ihm eine kurze Ablenkung von der Grübelei über seine familiären Probleme zu Hause.
In der vergangenen Viertelstunde hatte er mit den anderen Kindern im Vorgarten von Mr. Keenans verwittertem alten Farmhaus gestanden (das dringend einen Anstrich gebrauchen konnte, dachte Ronnie). Die Kinder hatten mit der für ihr Alter üblichen Ungeduld darauf gewartet, dass Mr. Keenan aus der Tür treten und ihnen ihre diesjährigen Pflichten im »Kürbishaus« erklären würde.
Jedes Jahr zu Halloween dekorierte Charles Keenan die ganze Fläche seines Vorgartens mit Hunderten von ausgehöhlten und sorgfältig geschnitzten Jack-o’-lanterns – Kürbislaternen mit eingeschnitzten, furchterregenden Fratzen –, die sein Haus in einem Umkreis von mindestens fünfzig Meilen zur größten Attraktion der Gegend machten. Diese Halloween-Tradition, die in der ländlichen Kleinstadt Smith’s Grove fast so liebevoll gepflegt wurde wie der Kinderbrauch, sich als Hexen und Gespenster zu verkleiden und in Gruppen von Haus zu Haus zu ziehen und »Trick or Treat« anzudrohen, »Süßes oder Saures«, lockte Besucher aus der gesamten Tri-State-Region West Virginia, Ohio und Kentucky an, die neugierig herbeiströmten, um das »Pumpkin House« zu sehen – das »Kürbishaus« –, wie es irgendwann im Laufe der Jahre genannt wurde.
Jedes Jahr lud Mr. Keenan Freiwillige ein, die ihm beim Aushöhlen und Schnitzen der ausgestellten Kürbisse zur Hand gingen. Da die Vorbereitungszeit in die Herbstferien fiel, fehlte es Mr. Keenan nie an eifrigen Helfern. Aber nicht nur die Kinder drängten sich darum, ihm helfen zu dürfen, auch die Erwachsenen, denen Halloween und das Pumpkin House lieb und teuer waren, unterstützten ihn nach Kräften.
Ronnie war immer schon von Halloween begeistert gewesen. Seit er sich erinnern konnte, wartete er jedes Jahr im Oktober auf den großen Tag und überlegte in gespannter Vorfreude auf die Trick-or-Treat-Tradition, wie er sich verkleiden würde. Seit einigen Jahren hatte er jedoch das Gefühl, er sei für dieses kindliche Vergnügen allmählich zu alt, und seit er nicht mehr an dem Kostümwettbewerb teilnahm, bei dem die gruseligste Verkleidung mit Süßigkeiten belohnt wurde, hatte Halloween für ihn an Attraktion verloren.
Dieses Jahr aber war auch Ronnie als freiwilliger Helfer ins Pumpkin House gekommen, und das aus dem einzigen Grund, dass er auf diese Weise Rick, dem Freund seiner Mutter, aus dem Weg gehen konnte.
Als Mr. Keenan auf die Veranda seines Hauses humpelte, fiel Ronnie auf, dass sich der alte Mann auf einen Stock stützte, um das leichte Nachziehen seines linken Beins auszugleichen. Der Stock sah allerdings nicht aus wie eine medizinische Gehhilfe, sondern eher wie ein Wanderstock, nur dass er nicht ganz so hoch war. So wie er beschaffen war, stellte sich Ronnie vor, dass Mr. Keenan von einem alten Baum einen dicken, knorrigen Ast abgeschlagen hatte, um ihn als improvisierte Gehhilfe zu benutzen. Der grobe Stock hatte keinen Handgriff, und Ronnie fragte sich, ob das Aufstützen auf seinen unbearbeiteten Knauf Mr. Keenan womöglich mehr Schmerzen bereitete als seine Gehbehinderung.
Gemächlich schlurfte Mr. Keenan über seine Veranda. Dicht auf seine Fersen folgte ein Labrador Retriever. Das helle Fell des Hundes, der sich mühsam auf wackeligen Pfoten fortbewegte, war vom Alter vergilbt und fleckig. Am Geländer der Veranda hielt Mr. Keenan inne und machte eine kurze Kopfbewegung zur Seite. Gehorsam ließ sich der alte Hund vor zwei Schaukelstühlen auf den Boden fallen, zufrieden, dass er sich ausstrecken konnte, während sein Herrchen sich um die Besucher kümmerte. Dann wandte sich Mr. Keenan mit prüfendem Blick den Kindern zu, die sich vor seiner Veranda versammelt hatten.
Ronnie schätzte, dass es mindestens vierzig Kinder waren, im Alter zwischen acht und siebzehn Jahren. Einige, die gleich neben ihm standen, sagten ihm nichts, andere kannte er jedoch: Sally Roberts, Mark Owens (seine Mutter arbeitete mit Ronnies Mutter in einem Secondhandshop an der Route 60), Beth Michaels, Krissy Neil und Scott Sanders und sein kleiner Bruder Tony.
Mr. Keenan räusperte sich und bat die Kinder um Aufmerksamkeit. Seine tiefe, weit tragende Stimme erinnerte Ronnie an Baumbart, den »Ent« aus Der Herr der Ringe.
»Bevor wir beginnen, möchte ich ein paar Dinge sagen. Erstens möchte ich euch allen dafür danken, dass ihr gekommen seid und mir dieses Jahr helfen wollt. Ich hoffe, ihr seid genauso aufgeregt wie ich. Wir werden diese Woche viel Spaß haben, aber es ist auch viel harte Arbeit. Wenn also irgendeiner von euch nicht bereit ist, mit 125-prozentigem Einsatz zu arbeiten, dann sagt es frei heraus. Für irgendwelche Albernheiten haben wir keine Zeit.«
Mr. Keenan machte eine Pause. Sein prüfender Blick wanderte durch die Menge und verharrte einen Moment bei jedem einzelnen Kind. Ronnie erwartete, dass eines der jüngeren Kinder anfangen würde zu kichern, aber alle blieben stummen – wild entschlossen, Mr. Keenan nichts weniger als die 125 Prozent Einsatz zu geben, die er von ihnen verlangte.
»Gut«, fuhr Mr. Keenan mit einem zufriedenen Lächeln fort. »Bevor ich jedem Einzelnen von euch seine Pflichten erkläre, möchte ich euch eine Frage stellen. Wer kann mir sagen, wie viele Seelen in Smith’s Grove leben?«
So merkwürdig diese Frage auch erschien, fand Ronnie es noch merkwürdiger, dass Mr. Keenan die Einwohner von Smith’s Grove als »Seelen« bezeichnete. Man hätte fast meinen können, er sei in jüngeren Jahren ein bibelschwingender Provinzprediger gewesen.
Gerade als Ronnie glaubte, keines der Kinder wüsste die Antwort, sah er einen kleinen Jungen – nicht älter als acht oder neun – der ganz vorne stand und mit erhobenem Arm herumfuchtelte.
Mr. Keenan deutete auf den Jungen. »Ja, Pete Jordan?«
»Auf dem Schild am Ortseingang, gleich bei unserem Trailer, da steht, glaube ich, dass es ungefähr 700 sind.«
»Wenn es nach diesem Schild geht, dann hat Smith’s Grove genau 705 Einwohner«, erwiderte Mr. Keenan, wobei er Pete Jordan zuzwinkerte. »Das war vor fünfzehn Jahren. Inzwischen sind wir ein wenig gewachsen. Genau in dieser Minute leben in Smith’s Grove exakt 853 Seelen. Das heißt für uns, dass wir dieses Jahr 853 Jack-o’-lanterns schnitzen und in den Vorgarten stellen müssen.«
Als Mr. Keenan die Anzahl der Kürbislaternen laut aussprach, erschien Ronnie die Aufgabe, die vor ihnen lag, geradezu überwältigend, um nicht zu sagen unmöglich. Außerdem war er neugierig, warum die Zahl der Kürbislaternen genau der Zahl der Einwohner – der »Seelen«, wie Mr. Keenan sie nannte – von Smith’s Grove entsprechen musste.
»Wahrscheinlich fragt ihr euch jetzt, warum es genau 853 Kürbislaternen sein müssen und warum diese Zahl der Einwohnerzahl entspricht.«
Ronnie beäugte den alten Mann neugierig, als habe er seine Gedanken gelesen. Er war sich jedoch sicher, dass er nicht der Einzige war, der sich diese Frage stellte.
»Nun«, fuhr Mr. Keenan fort, »Ich kann euch versichern, dass es einen wichtigen Grund dafür gibt und es nicht einfach eine merkwürdige Zahl ist, die sich mein müder Kopf jedes Jahr ausdenkt. Wie viele von euch kennen die Geschichte der Jack-o’-lanterns?«
Ein Mädchen, das links von Ronnie stand, hob seine Hand, aber Mr. Keenan winkte ab.
»Das ist unfair, Sarah. Du warst letztes Jahr schon hier. Weiß es jemand, der noch nicht als Helfer hier war?«
Niemand hob die Hand. Ronnie bemühte sich, das Mädchen, das sich gemeldet hatte, besser sehen zu können. Sie kam ihm bekannt vor, aber er konnte ihr Gesicht nicht genau erkennen, sodass er nicht sagen konnte, wo er sie schon einmal gesehen hatte.
Nachdem niemand Mr. Keenans Frage beantworten konnte, begann er, ihnen die Geschichte der Kürbislaternen zu erzählen.
»Ich will euch nun eine kurze Geschichte erzählen. Vor langer Zeit sahen die Menschen in der Halloween-Nacht beziehungsweise der Nacht vor Allerheiligen Lichter am Himmel. Das waren aber keine Ufos oder irgendein Raumschiff aus Star Wars. Man glaubte, die Seelen der Verstorbenen würden diese Lichter im Dunkeln herumtragen, auf der Suche nach Lebenden, die sie in ihr Reich entführen könnten – so etwas wie Fackeln also. Der Grund, warum man diese Lichter sehen konnte, die Totenkerzen oder Geisterlichter genannt wurden, war, dass sich der Schleier, der die Welt der Toten von der Welt der Lebenden trennt, zu Halloween öffnete, sodass die Geister der Verstorbenen in unsere Welt eintreten konnten.«
Mr. Keenan machte eine kurze Pause, um sich zu vergewissern, dass ihm alle Kinder aufmerksam zuhörten. Zwar machten einige der jüngeren Kinder eine erschrockene Miene, aber alle (einschließlich Ronnie) waren von Mr. Keenans Geschichte fasziniert und warteten gespannt auf die Fortsetzung.
»Daraufhin stellten die Menschen ihre eigenen Laternen mit schrecklichen Fratzen auf, um die Geister in der Nacht von Halloween von ihren Häusern zu vertreiben. Sie schnitzten die Fratzen in alles, was sie zur Hand hatten – Rüben, Rettichwurzeln oder was auch immer sie auf ihren Feldern anbauten, um ihre Familien zu ernähren. Schließlich wurden hier, in den Vereinigten Staaten, als Halloween mit den umtriebigen Geistern in Verbindung gebracht wurde, die Jack-o’-lanterns oder Jack mit der Laterne, wie sie schließlich genannt wurden, aus Kürbissen geschnitzt. Und zum Glück für den alten Mr. Keenan wachsen auf meinen Feldern zufällig Kürbisse. Andernfalls müsste ich jedes Jahr eine große Stange Geld für die mehr als 800 Kürbisse ausgeben!«
Alle Kinder lachten über seinen Scherz. Ronnie fand den alten Mann sympathisch. Mr. Keenan hatte den gleichen gutmütigen Humor wie sein Großvater.
Sobald das Lachen der Kinder verebbt war, veränderte sich allerdings Mr. Keenans Gesichtsausdruck und die heitere Unbeschwertheit wich einer feierlichen Ernsthaftigkeit, die allen signalisierte, dass er ihnen nun etwas besonders Wichtiges mitzuteilen hatte.
»Der alte Mr. Keenan möchte für jede Seele in Smith’s Grove eine Kürbislaterne schnitzen. Für die Erwachsenen habe ich große Kürbisse, für euch Kinder gibt es mittelgroße Kürbisse und für die ganz Kleinen Minikürbisse. Einige halten mich für töricht oder exzentrisch, aber das macht mir nichts aus. Es gibt einen Grund, warum ich das mache, und dieser Grund ist von äußerster Wichtigkeit. Ich möchte sicherstellen, dass jede Seele in Smith’s Grove an Halloween in Sicherheit ist.
Um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit und der Ernsthaftigkeit der Situation auszuräumen, betonte Mr. Keenan diese letzten Worte, indem er mit seinem knorrigen Stock nachdrücklich auf den Boden der Veranda klopfte.
Ronnie fand die Geschichte der Jack-o’-lanterns zwar interessant und unterhaltsam, fragte sich aber zugleich, wie viel davon Mr. Keenan selbst wirklich glaubte, und wie viel einfach eine Show für die Kinder war.
»Wenn niemand eine Frage hat, kann ich jedem von euch seine Aufgaben zeigen.«
Mit diesen Worten entlud sich die gespannte Aufmerksamkeit der Kinder in begeisterte Aufregung. Ronnie war es egal, welche Aufgabe er übernahm, solange er nicht die Kürbisse aushöhlen musste – ein mühseliges Unterfangen, mit dem er allzu vertraut war. Als Kind hatte es seine Mutter stets ihm überlassen, das Kürbisfleisch herauszukratzen, während sie es sich vorbehielt, die Gesichter zu schnitzen.
Mr. Keenan rief alle namentlich auf und teilte ihnen ihre Aufgaben mit. Die Gruppe von ungefähr vierzig Kindern, die auf ihre Einteilung warteten, wurde immer kleiner, und Ronnie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als Mr. Keenan Sally Roberts, Scott, Tony Sanders und zwei weitere Kids damit beauftragte, die Kürbisse auszuhöhlen. Hätte Mr. Keenan seinen Namen aufgerufen, hätte er sich umgedreht und wäre gegangen, selbst wenn ihm die freiwillige Unterstützung von Mr. Keenan die Gelegenheit bot, Rick, dem Freund seiner Mutter, nicht über den Weg zu laufen.
Je mehr Kinder aufgerufen wurden, desto größer wurde Ronnies Anspannung und das flaue Gefühl in seinem Magen. Schließlich standen nur noch er, Krissy Neil, ein Junge, den er nicht kannte, und Sarah, die im Jahr zuvor schon dabei gewesen war, erwartungsvoll vor der Veranda.
»Mal sehen«, sagte Mr. Keenan und musterte die vier Kinder. »Krissy Neil und Brandon Nelson. Ihr zwei sorgt dafür, dass die Kürbislaternen frisch bleiben.«
Während Mr. Keenan den beiden Kindern erklärte, wie sie die Laternen davor bewahrten, sich noch vor Halloween in einen Haufen verfaultes, modriges Kürbisfleisch zu verwandeln, betrachtete Ronnie aufmerksam das Mädchen namens Sarah.
Er hatte sich geirrt; er hatte sie noch nie gesehen. Trotzdem kam sie ihm irgendwie bekannt vor. Sie sah um einiges jünger aus, als sie vermutlich war. Ihr langes, dunkles Haar reichte fast bis zur Taille, bekleidet war sie mit einer Jeans und einem Wonder-Woman-T-Shirt. Eigentlich ein ganz normales junges Mädchen; allerdings fand Ronnie ihre Flipflops, auf denen riesige lila Sterne prangten, etwas merkwürdig. Sie schienen eher für heiße Sommertage als für einen kühlen Oktobertag geeignet.
Als hätte sie Ronnies musternden Blick gespürt, wandte sich Sarah zu ihm um und blickte ihn einen Moment aufmerksam an, bevor sie auf Mr. Keenan deutete und etwas sagte. Ronnie war jedoch viel zu sehr von ihrem Äußeren abgelenkt, um auf ihre Worte zu achten.
»Was?«, fragte Ronnie perplex. »Ich habe dich nicht gehört.«
»Sarah hat dich darauf aufmerksam gemacht, dass ich mit dir spreche, Ronnie Lancaster.« Abrupt wandte Ronnie seinen Kopf Mr. Keenan zu und errötete heftig. »Bist du bereit zu erfahren, was eure Aufgabe sein wird?«
Ronnie bejahte und sah aus den Augenwinkeln, wie Sarah über ihn kicherte.
»Gut.« Mr. Keenan stieg bedächtig die kleine Treppe in den Vorgarten hinab. »Denn die Aufgabe, die ich für euch beide habe, die ist die wichtigste hier.«
***
Kaum dass Mr. Keenan sie zur Rückseite seines Hauses geführt hatte, musste er auch schon wieder umkehren, um einem der Kinder, die die Kürbisse aushöhlen sollten, bei einem Problem zu helfen. Mr. Keenan sagte Ronnie und Sarah, er würde gleich wiederkommen, und murmelte vor sich hin, dass der erste Tag doch immer der hektischste sei.
Ronnie und Sarah setzten sich an einen Kartentisch, der im Hinterhof stand. Keiner von beiden sagte ein Wort. Auf dem Tisch vor ihnen stand eine kleine flache Schachtel. Ronnie war versucht, sie zu öffnen und hineinzusehen, aber er wollte seine Mithilfe bei den Halloween-Vorbereitungen nicht riskieren. Sie bot ihm nicht nur eine Ausrede, um Rick eine ganze Woche lang nicht zu sehen, sie bot ihm außerdem die Gelegenheit, Seite an Seite mit diesem Mädchen zu arbeiten, das ihn aus irgendeinem Grund faszinierte.
»So«, sagte Ronnie und unterbrach die Stille, als klar wurde, dass Sarah schweigsam bleiben würde. »Du heißt also Sarah, oder?«
»Ja, Sarah Bowen. Und du bist Ronnie Lancaster.«
»Ich habe dich noch nie gesehen.«
»Nein, wahrscheinlich nicht. Ich habe dich allerdings schon mal gesehen, aber wahrscheinlich hast du nicht auf mich geachtet.«
»Was soll das heißen?«, kicherte Ronnie. Er mochte dieses Mädchen auf Anhieb, war sich aber nicht sicher, wie er sie einschätzen sollte. Sie hatte so eine unverblümte Art, aber er konnte nicht sagen, ob es sich dabei um spielerische Ironie handelte oder ob sie einfach nur sehr direkt war.
»Es heißt nichts weiter, als dass du wahrscheinlich mit anderen Dingen beschäftigt warst, als wir uns begegnet sind. Außerdem warst du in der neunten Klasse, und ich bin in der siebten. Die meisten aus der neunten Klasse achten nicht auf Schüler der unteren Klassen.«
Ronnie gab es nur ungern zu, aber Sarah hatte recht. In der Middle School bildeten sich sofort Cliquen und unsichtbare Mauern, selbst zwischen Kindern, die in der Grundschule noch dick befreundet gewesen waren.
»Kann sein.« Ronnie zuckte mit den Achseln. »Wie sich die Schüler gegenüber anderen Schülern verhalten, kann manchmal ganz schön bescheuert sein.« Er fand es lächerlich, dass die Middle School Jungs, mit denen er zuvor befreundet gewesen war, in arrogante Schnösel verwandelte.
»Ja«, stimmte Sarah zu und lächelte ihn an. »Und was hat dich dazu gebracht, hier mitzuhelfen? Stehst du auf Halloween?«
»Eigentlich nicht – zumindest nicht mehr, seit ich aus dem Süßes-oder-Saures-Klamauk herausgewachsen bin. Ich habe nur eine Ausrede gebraucht, um nächste Woche nicht zu Hause sein zu müssen.« Ronnie wechselte schnell das Thema, weil er befürchtete, das Gespräch könne sonst auf die Probleme zwischen seiner Mutter und Rick abgleiten. »Hast du hier schon mal mitgemacht?«
»Ja, habe ich«, antwortete Sarah, und ihre Augen blitzten kurz auf. »Halloween ist mein Lieblingsfest – es ist einfach cool. Als wir vor ein paar Jahren hierhergezogen sind und ich von diesem Haus erfahren habe, habe ich mich sofort gemeldet. Außerdem ist Mr. Keenan ein richtig netter alter Mann. Er kann sehr lustig sein, findest du nicht?«
»Ja, das ist er.« Ronnie lächelte bei dem Gedanken an die Scherze, die Mr. Keenan gemacht hatte, während er zu den Kindern sprach.
Es trat eine Gesprächspause ein – keine verlegene Stille, die eintritt, wenn zwei Menschen sich nichts zu sagen haben, sondern eher die Art von Stille, wenn alles gesagt ist und beide Gesprächspartner zufrieden und still nebeneinandersitzen und ihre gegenseitige Gesellschaft genießen.
Ronnie erinnerte sich vage daran, dass er das Gleiche empfunden hatte, wenn er mit seinem Vater zusammen war, bevor dieser verschwunden war, und gelegentlich empfand er es auch in der Gesellschaft seiner Mutter. Zumindest, wenn Rick nicht da war.
Ronnie blickte auf und sah, dass Mr. Keenan um die Ecke kam. »Da ist Mr. Keenan.«
»Gott sei Dank. Ich dachte schon, er kommt überhaupt nicht mehr. Ich glaube nicht, dass ich es hier noch länger nur mit dir allein ausgehalten hätte.«
Zunächst war Ronnie leicht verdutzt, aber dann sah er an Sarahs Gesichtsausdruck, dass sie ihn nur veralberte.
Ja, diese Sarah Bowen gefiel ihm definitiv.
Mr. Keenan setzte sich zu ihnen an den Tisch. Ronnie wusste nicht, wie alt er war, aber er schien weit in seinen Achtzigern zu sein. Sein Gesicht und seine Hände waren stark verrunzelt, aber seine stahlgrauen Augen waren immer noch quicklebendig.
Ronnie musterte aufmerksam Mr. Keenans Gehstock. Die ungewöhnliche Form des Stocks erweckte den Anschein, als sei Mr. Keenan einen ganzen Tag im Wald herumgelaufen, habe dann plötzlich angefangen zu humpeln und daraufhin den nächstbesten Ast abgeschnitten und ihn in einen behelfsmäßigen Gehstock verwandelt und das knorrige Stück Holz dann nach seiner Rückkehr einfach weiterbenutzt, anstatt sich einen richtigen Gehstock zu besorgen. Dem verwitterten Aussehen und den vielen Kratzern nach zu urteilen, hatte Mr. Keenan den Stock schon seit mindestens zwanzig Jahren in Gebrauch.
Zumindest war das die Geschichte, die Ronnie sich zusammengereimt hatte.
»Also«, fing Mr. Keenan an, nachdem er sich auf dem Stuhl zurechtgerückt hatte, »nun zu euch beiden. Sarah, du hast diese Aufgabe letztes Jahr schon übernommen, obwohl du damals neu dabei warst, stimmt’s?«
Sarah nickte. Ronnie nahm einen freudigen, um nicht zu sagen dankbaren Ausdruck in ihrem Blick wahr.
»Richtig«, setzte Mr. Keenan fort. »Ronnie, ich weiß, es ist dein erster Einsatz. Normalerweise würde ich keinen neuen Helfer mit einer derart wichtigen Aufgabe betrauen, aber ich habe so ein Gespür, was deine Person betrifft – das hatte ich auch bei Sarah letztes Jahr. Und mein Instinkt sagt mir, dass ihr zwei bei dieser überaus wichtigen Aufgabe hier im Pumpkin House sehr gut zusammenarbeiten werdet.«
Mr. Keenan hielt kurz inne und warf beiden abwechselnd einen prüfenden Blick zu. Ronnie war sich nicht sicher, ob der alte Mann versuchte, ernsthaft oder dramatisch oder beides zu sein.
»Ihr beiden«, fuhr Mr. Keenan schließlich fort, »werdet dafür sorgen, dass jede Seele von Smith’s Grove eine eigene Kürbislaterne bekommt.« Dann öffnete er die Schachtel auf dem Tisch und nahm einige Kugelschreiber und einen Stapel Papier heraus, die von einer Büroklammer zusammengehalten wurden.
Als Mr. Keenan den Blätterstapel auf den Tisch legte, bemerkte Ronnie, dass die linke Seite der Blätter von oben bis unten mit Namen beschrieben war (mit einem kurzen Blick stellte er fest, dass es die Namen der Einwohner von Smith’s Grove war) und sich auf der rechten Seite hinter jedem Namen drei Kästchen mit der Beschriftung GROSS, MITTEL, KLEIN befanden.
»Das ist eure Aufgabe. Sarah, dir würde eine Auffrischung guttun, also pass gut auf. Ihr werdet den Namen jeder einzelnen Person auf der Liste auf die Unterseite der Kürbislaternen schreiben und den Namen anschließend auf der Liste abhaken. Dabei müsst ihr genau aufpassen, dass die jeweilige Person eine Kürbislaterne in der richtigen Größe bekommt. Ihr könnt euch mit der Beschriftung der Kürbisse und dem Abhaken der Namen abwechseln, damit es nicht zu monoton wird und ihr nicht aus Langeweile möglicherweise jemanden überseht oder vergesst, die Person auf der Liste abzuhaken. Egal ob ihr gerade Kürbisse beschriftet oder Namen abhakt, achtet darauf, dass ihr sorgfältig arbeitet, und macht keine Fehler!«
Ronnie fand Mr. Keenans Ermahnung ziemlich übertrieben, ja, schon fast an der Grenze zur Besessenheit oder leicht verrückt. Er warf Sarah einen Blick zu und zog dabei die Augenbrauen hoch, in der Erwartung, von ihr die gleiche Reaktion zu erhalten. Ihre zuvor unbeschwerte und scherzhafte Miene war jedoch höchster Konzentration und Ernsthaftigkeit gewichen, als hinge ihr Leben davon ab, Mr. Keenans Anweisungen bis ins kleinste Detail zu befolgen. Ronnie musste sich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen.
Wenn Mr. Keenan für jeden Einwohner (oder jede »Seele«, wie er zu sagen pflegte) von Smith’s Grove eine Kürbislaterne basteln wollte, war das gut und schön – soll doch jeder seinen Spleen ausleben dürfen. Aber die Jack-o’-lanterns mit dem Namen eines jeden Empfängers zu beschriften und die Namen auf einer Liste abzuhaken, um sicherzugehen, dass jede Person tatsächlich eine Kürbislaterne in der ihr zugedachten Größe erhielt? Nach Ronnies Auffassung hätte man vielleicht mal Mr. Keenans Geisteszustand überprüfen sollen.
»Sie machen Witze, oder?«, platzte Ronnie heraus, noch bevor ihm bewusst wurde, dass er seine Zweifel laut aussprach.
»Nein, mir ist todernst«, erwiderte Mr. Keenan. »Und wenn dies etwas ist, das du nicht genauso ernst nimmst wie ich, dann habe ich dich vielleicht überschätzt, Ronnie Lancaster.
Ronnie warf Sarah erneut einen Blick zu und nahm etwas Flehendes in ihrem Blick wahr, so als bitte sie ihn stumm darum, die Aufgabe nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Ronnie wusste nicht, warum, aber wenn er irgendetwas unbedingt wollte, dann Sarahs Anerkennung.
»Na gut«, lenkte er ein und wandte sich wieder Mr. Keenan zu. »Ich nehme das Ganze schon ernst. Aber erst möchte ich wissen, warum es so wichtig ist. Dass man dafür sorgt, dass jeder Einwohner von Smith’s Grove eine Kürbislaterne bekommt, die ihn an Halloween vor bösen Geistern schützt, das geht ja noch. Aber jeden Kürbis mit einem Namen zu beschriften und den Namen auf einer Liste abzuhaken? Irgendetwas verschweigen Sie uns doch!«
»Na gut, Ronnie. Ich weiß, dass du Zweifel an der ganzen Sache hast. Und ich weiß auch, dass du Halloween kindisch und albern findest.«
Verblüfft fragte sich Ronnie, woher Mr. Keenan wusste, wie er über Halloween dachte. Aber bevor er seiner Verwunderung Ausdruck verleihen konnte, sprach Mr. Keenan weiter.
»Sarah liebt Halloween. Einer der Gründe, aus denen ich euch beide zusammen eingeteilt habe, ist, dass ich hoffe, dass ein wenig von ihrer Einstellung auf dich abfärben wird. Wir werden sehen, ob das geschieht oder nicht. Aber um deine Frage zu beantworten: Hast du jemals von Old Notch-foot gehört?«
Ronnies verwirrte Miene verriet, dass er keine Ahnung hatte, um wen es sich dabei handelte.
»Es hätte mich auch sehr überrascht, wenn du von Old Notch-foot gehört hättest. Der Name wird in dieser Gegend möglichst nicht laut ausgesprochen, und ich vermeide es für gewöhnlich, ihn zu erwähnen, vor allem gegenüber Helfern. Aber ab und zu stellt eine neugierige Person Fragen – so wie du, Ronnie.« Mr. Keenan beugte sich zu Ronnie hinüber und begann, verschwörerisch zu flüstern. »Es geht nicht nur darum, die Menschen an Halloween vor den Geistern zu schützen, die aus dem Reich der Toten kommen und sich unter uns Lebende mischen, sondern auch darum, sie vor Old Notch-foot zu schützen, der gefährlicher werden kann als jeder Totengeist, der sein Unwesen treibt. Jede Seele von Smith’s Grove muss in der Halloween-Nacht eine Kürbislaterne mit ihrem Namen haben, denn wenn nicht, kann Old Notch-foot Besitz ergreifen von den Seelen der schutzlosen Menschen. Und wir wollen nicht, dass den guten Seelen von Smith’s Grove irgendetwas passiert, oder?«
Sarah schüttelte heftig den Kopf, kaum dass Mr. Keenan seinen Satz beendet hatte. Ronnie las ihr von den Augen ab, dass sie jedes einzelne Wort des alten Mannes für bare Münze nahm.
Ronnie fand die Geschichte spannend und hätte gerne mehr über Old Notch-foot erfahren, aber er war keinesfalls so überzeugt davon wie Sarah. Dennoch beschloss er, mitzuspielen, bis es ihm gelang herauszufinden, was hinter der ganzen Sache steckte. Immerhin war er hier, um Rick und den Problemen zu Hause aus dem Weg zu gehen, und nicht, um sich Gedanken über örtliche Monsterlegenden und dämonische Seelenfresser zu machen.
»Nein, das wollen wir eher nicht«, antwortete Ronnie und erhielt dafür von Mr. Keenan und Sarah ein zustimmendes Lächeln.
Am nächsten Tag traf Ronnie schlecht gelaunt bei Mr. Keenan ein. Die Ereignisse des Abends zuvor erfüllten ihn noch immer mit heiligem Zorn, den er kaum im Zaum halten konnte. Sarah merkte sofort, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte.
»Alles okay?«, fragte sie schüchtern.
»Geht schon«, murmelte Ronnie und zerrte ungehalten einen Stuhl herbei, auf den er sich fallen ließ.
Sarah warf ihm einen zweifelnden Blick zu, zuckte dann aber mit den Achseln.
»Wie Mr. Keenan uns gestern gesagt hat, müssen wir uns konzentrieren«, bemerkte sie und nahm die Liste vom Tisch. »In wenigen Tagen ist Halloween, und wir müssen jeden Tag mehr als zweihundert Kürbislaternen mit Namen beschriften. Wenn du dich mal genauer umschaust, siehst du, dass die anderen heute Morgen schon fleißig Kürbisse geschnitzt haben.«
Ronnie warf einen Blick über Sarahs Schulter auf die wachsende Zahl an Jack-o’-lanterns, die auf ihre Beschriftung warteten. Zu seiner Linken erblickte er ein kleines Zeltdach, unter dem die Kürbislaternen anschließend aufbewahrt werden sollten.
»Möchtest du zuerst lieber die Kürbisse beschriften oder möchtest du lieber die Namen abhaken?«, fragte Sarah.
»Ist mir egal.« Ronnie starrte auf den Boden, die Arme auf den Knien aufgestützt und die Hände so fest zusammengepresst, dass sich die Fingerknöchel auf seinen Handrücken weiß färbten.
Er spürte Sarahs unverwandten Blick und wusste, dass sie auf eine Erklärung wartete. Er war aber nicht in der Stimmung, um darüber zu sprechen, was sich am Abend zuvor zwischen seiner Mutter und Rick zugetragen hatte.
»Na gut«, sagte Sarah schließlich, als ihr klar wurde, dass er ihr den Grund für seine schlechte Laune nicht verraten würde. »Dann fange ich damit an, die Kürbisse zu beschriften, und du kannst die Namen abhaken«, sagte sie und überreichte ihm die Blätter mit den Namen.
Sarah schrieb jeden Namen, den Ronnie ihr vorlas, mit einem schwarzen Filzstift auf die Unterseite der Kürbislaternen. Anschließend hakte Ronnie den Namen ab, während Sarah die Kürbislaternen in strikter Befolgung der Anweisungen, die sie am Tag zuvor von Mr. Keenan erhalten hatte, in alphabetischer Reihenfolge sortierte und unter das Zeltdach stellte. Eine weitere Schrulle auf Mr. Keenans wachsender Liste an Absonderlichkeiten war nach Ronnies Auffassung die Vorgabe, dass alle Kürbislaternen in alphabetischer Reihenfolge vor dem Haus in Richtung Straße aufgereiht werden sollten.
Die beiden arbeiteten ungefähr eine Stunde wortlos nebeneinander her, bis Sarah schließlich etwas sagte. Sie hatten soeben die Rollen getauscht, und nun war es Ronnie, der die Kürbisse beschriftete, während Sarah die Namen abhakte.
»Weißt du, Ronnie«, begann Sarah, während sie Marty Andrews Namen abhakte und darauf wartete, dass Ronnie für die nächste Person auf der Liste einen mittelgroßen Kürbis holte. »Wenn mir etwas im Kopf umgeht, hilft es mir manchmal, wenn ich darüber spreche. Wir kennen uns nicht sehr gut, aber wenn du über irgendetwas sprechen willst, höre ich dir zu.«
In der vergangenen Stunde hatte sich Ronnie allmählich beruhigt, weil er von der Arbeit abgelenkt war. Er hatte sogar kurz überlegt, Sarah zu erzählen, was los war, aber dann hatte er den Gedanken verworfen, sein Herz auszuschütten. Welches Mädchen, das er gerade erst kennengelernt hatte, hätte schon alle seine häuslichen Probleme hören wollen? Aber nun bot sie ihm an zuzuhören, und Ronnie beschloss, sie einzuweihen. Er konnte nicht genau den Grund nennen, aber er fühlte sich in Sarahs Gegenwart wohl, obwohl er sie kaum kannte – sogar wohler, als er sich bei Eddie Matthews fühlte, und das war immerhin sein bester und ältester Freund.
Ronnie holte tief Luft. Wo sollte er anfangen? In seiner Stimme schwang Unsicherheit mit, als er fragte: »Wolltest du schon mal jemandem richtig wehtun?«
»Wehtun für was?«
»Weil dieser Jemand einer anderen Person schreckliche Dinge antut.«
»Oh ja«, antwortete Sarah, ohne zu zögern.
