Purpurne Rache - Jean-Christophe Grangé - E-Book + Hörbuch
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Purpurne Rache E-Book

Jean-Christophe Grangé

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Beschreibung

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten ...

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Inhalt

CoverInhaltÜber das BuchTitelImpressumWidmungPrologI Morvan Vater und Sohn123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445464748495051525354II Zu Staub wirst du werden555657585960616263646566676869707172737475767778798081828384858687888990919293949596979899100101102103104105106107108109110111112113114115116117118119120121122123124125126127128129III Der Andere130131132133134135136137138139140141142143144145146147

Über das Buch

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten …

PURPURNE

Jean-Christophe Grangé

RACHE

THRILLER

Übersetzung aus dem Französischenvon Ulrike Werner

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

 

Titel der französischen Originalausgabe:

»Lontano«

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2015 by Éditions Albin Michel, Paris

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Einband-/Umschlagmotiv: © Arcangel/David & Myrtille;

© shutterstsock / FINDEEP / Gimas / Bildagentur Zoonar GmbH / aiym / marla dawn studio / Ensuper / Moises Fernandez Acosta

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

 

ISBN 978-3-7325-3004-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Prolog

Weiß glühend stand die Sonne über dem roten Staub.

In der Leichenhalle herrschten mehr als vierzig Grad Celsius.

Politiker, Offiziere, Honoratioren und Geschäftsleute setzten langsam einen Fuß vor den anderen, hielten einige Sekunden inne und schritten schließlich weiter, geblendet vom gleißenden Mittagslicht und dem Blitzlichtgewitter der Kameras. Den Würdenträgern folgten die Repräsentanten des Volkes, von den Soldaten der kongolesischen Armee in Schach gehalten. Mehr oder weniger schlecht gekleidet, winkten sie dem Bildnis des Verstorbenen mit kleinen Plastikfähnchen zu.

Erwan Morvan fragte sich, was er hier eigentlich tat. Er war zwar hier geboren, hatte aber nichts mit dem Kongo zu tun und erinnerte sich auch an nichts aus seinem Leben, das er hier verbracht hatte, bevor er im Alter von zwei Jahren nach Frankreich gekommen war. Aber sein Vater Grégoire hatte auf seiner Begleitung zur Beerdigung von General Philippe Sese Nseko bestanden, einem »alten Freund« aus Lubumbashi, der Hauptstadt der Provinz Katanga. Erwan hatte zugestimmt, nicht allein aus Gehorsam, sondern auch von einer unerklärlichen Neugier getrieben.

Vater und Sohn Morvan warteten in der nächsten Gruppe der Trauergäste zusammen mit den anderen Weißen darauf, an die Reihe zu kommen. Der Baldachin, unter dem der Sarg stand, erinnerte mit seinen purpurnen Draperien und den vielen Blumen an die Loge einer Diva. Ein Porträt Nsekos im goldenen Rahmen hing über dem Sarg, der mit der Flagge der Demokratischen Republik Kongo bedeckt war – blauer Hintergrund mit einem diagonal verlaufenden roten, goldumrandeten Streifen und einem goldenen Stern links oben. Die Bestatter und die Mitglieder der Blaskapelle trugen eine zinnoberrote Livree. Alles vom Feinsten.

Bei näherer Betrachtung offenbarten sich allerdings ein paar Schwachstellen. Die Uniformen waren schlecht gearbeitet und staubig. Der Baldachin war falsch herum montiert. Die Kapelle traf nicht jeden Ton und beendete jedes Stück mit einem jämmerlichen Quietschen. Als Zimbeln fungierten einfache Blechdeckel.

Das Schlimmste aber war die Hitze. Sie verbrannte jedes noch so kleine Molekül Leben, ließ es brutzeln wie ein Stück Speck in der Pfanne.

Erwan lockerte seine Krawatte. Das Hemd klebte an seiner Haut, und er hatte einen erdigen Geschmack im Mund. Wenn er die Lider schloss, tanzten violette Flecken vor seinen Augen. Zum ersten Mal im Leben fürchtete er, in Ohnmacht zu fallen.

Grégoire neben ihm, einen Meter neunzig groß, die hundertzwanzig Kilo in einen Maßanzug von Ermenegildo Zegna gezwängt, schien die Backofenhitze hingegen nichts auszumachen. Er hielt einen Kranz unter dem Arm, schüttelte Hände, lächelte und schien sogar Tränen zurückzuhalten. Er spulte seine Nummer ohne den geringsten Anflug von Unwohlsein ab.

Erwan betrachtete ihn von der Seite. Sein Vater sah mit seinem markanten, wie von sprühender Gischt geröteten Gesicht wie ein bretonischer Seemann aus. Seine Züge glichen einem Büffel, und er hatte eine griechische Nase. Um seinen Schädel schmiegte sich ein Büschel krauses graues Haar wie eine Kugel aus galvanisiertem Stahl. Erwan ähnelte ihm, war aber eine weniger wuchtige und weniger wilde Version.

»Ali Bongo, der Sohn von Omar«, murmelte Grégoire, als sich ein kleiner Mann dem Sarg näherte.

Erwan kannte sich in afrikanischer Politik nicht gut aus, wusste aber, dass Omar Bongo über vierzig Jahre Präsident in Gabun gewesen war. Ein Diktator, der sich als »unerschütterlicher Freund Frankreichs« bezeichnete und das europäische Land mit Rohöl überschüttete. Sein Sohn Ali war in seine Fußstapfen getreten.

»Der nächste ist Moïse Katumbi Chapwe, Gouverneur der Provinz Katanga.«

Erwan fand, dass sie irgendwie alle gleich aussahen. Dieser da war allerdings Mulatte und trug einen Stetson wie ein Texaner. Nach allem, was man ihm erzählt hatte, war Katumbi ein Paradiesvogel – Millionär, Philanthrop, Präsident eines Fußballvereins und eines der populärsten Mitglieder der Regierung Kabila.

»Richard Muyej, kongolesischer Innenminister. Sehr gefährlich.«

Während des Dinners am Vorabend hatte Grégoire über die neuere Geschichte des Landes gesprochen. Erwan hatte nicht alles verstanden, einige Fakten aber doch behalten. Nach dem Völkermord in Ruanda hatten die Tutsi die Hutu-Milizen bis in den Kongo verfolgt. Sie nutzten die Gelegenheit, stürzten gleich auch Mobutu und sprengten Laurent-Désiré Kabila in die Luft, der sich gegen seine Alliierten gewendet und damit den zweiten Kongokrieg ausgelöst hatte. Kabila kam bei dem Attentat 2001 ums Leben, sein Sohn Joseph übernahm die Macht. Zehn Jahre später herrschte im Osten immer noch Krieg, und der Kongo belegte auf dem Index für humane Entwicklung der Vereinten Nationen den letzten Platz. Einer der schlechtesten Orte, an dem man geboren werden konnte.

»Der da ist …«

Erwan hörte nicht mehr zu. Er hatte sich seit seiner Ankunft auf das Empfinden verlegt. Gerüche, Farben, Hitze. Am Tag zuvor waren sie um fünf Uhr morgens in Kinshasa gelandet. Beim Verlassen des Flugzeugs hatte er die Farbtöne geschmolzenen Bleis und den Geruch des frühen Morgens wahrgenommen. Während ihrer Fahrt in Richtung Hauptstadt über die »Autobahn«, eine einfache Piste, war die Sonne aufgegangen, und sofort wurde die Trockenheit der Atmosphäre spürbar. Es roch nach Ziegeln und schlecht verarbeitetem Benzin. Die Stadt Kinshasa, früher als »die Schöne« bezeichnet, erinnerte heute an eine umgekippte Mülltonne, die vor Schwarzen in bunten Tuniken nur so wimmelte.

Im Hotel war Erwan sofort in sein Zimmer gestürmt, hatte die Klimaanlage so kalt wie möglich eingestellt und erst einmal geduscht. Nach ein paar Stunden Atempause musste er zurück in den Backofen, zum Aperitif und Mittagessen mit seinem Vater am Pool, dann ging es mit einem Inlandsflug weiter. Auf dem Weg zum Flughafen hatte es angefangen zu regnen. Der Staub verwandelte sich in Matsch, alle Farben lösten sich in einem purpurnen Fluss auf, der Straßen überschwemmte, von den Dächern triefte und die Wände bespritzte. »Die Regenzeit kommt zu früh«, hatte Morvan im Tonfall eines Arztes erklärt, der einen Krebs diagnostiziert.

Vier Stunden später, noch immer im strömenden Regen, hatten sie Lubumbashi erreicht, die »Hauptstadt des Kupfers«. Erwan hatte gemeint, im Fruchtwasser der ganzen Welt zu schwimmen. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter geklopft und ohne die geringste Spur von Ironie gerufen: »Das ist die Wiege unserer Familie, mein Junge!« Der Ausdruck war ein wenig bizarr, denn unter normalen Umständen rühmte sich Morvan der Abstammung von einem Zweig bretonischer Aristokraten, den Morvan-Coätquen. Im Hotel ging es im gleichen Rhythmus weiter: Aperitif, Abendessen, Pool. Der Abend war Sese Nseko gewidmet, dem werten Verstorbenen. Der Mann hatte die von Morvan gegründete Montangesellschaft Coltano geleitet.

Erwan hatte sich treiben lassen. Hatte gehört, wie Mücken auf den Insektenlampen zischend verglühten. Beunruhigende Geräusche drangen durch die Nacht. Der beleuchtete Pool war mit welken Blättern und Blutegeln verschmutzt. Inzwischen hatte er verstanden, dass das Leben der Weißen in Afrika dem von Kröten glich – man versammelte sich immer um eine Wasserstelle.

Am folgenden Morgen brannte die Luft wieder. Die Klimaanlage hatte den Geist aufgegeben. Erwan blieb nach dem Erwachen gerade noch Zeit, den schwarzen Anzug anzuziehen und seinen Vater zu treffen, der den Kranz, den er noch am Morgen bei einem örtlichen Blumenladen bestellt hatte, unter den Arm geklemmt hielt wie einen Rettungsring.

»… Kengo Buluji …«

»Und Kabila?«, unterbrach Erwan. »Kommt er nicht?«

Sein Vater schüttelte missmutig den Kopf.

»Du hast mir gestern offenbar nicht zugehört. Kabila und Nseko gehören nicht der gleichen Ethnie an. Es wäre ungefähr so, als würde man den Papst zu einem Stripperinnenkongress einladen.«

Nun waren die Weißen an der Reihe, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen.

»Hilf mir«, befahl Grégoire.

Sie nahmen den Kranz zwischen sich und stellten sich in die Reihe. Morvan fuhr mit seinen geflüsterten Erklärungen fort, die jetzt den anwesenden Franzosen und Belgiern galten.

»Der dort ist ein Freimaurer. Er war mal Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit …«

Erwan sah nur fleckige oder kahle Schädel, Doppelkinne und buschige Augenbrauen. Der Altersdurchschnitt lag zwischen siebzig und achtzig Jahren – sterbende Elefanten, die angereist waren, um sicherzustellen, dass die Geschäfte weiterliefen. Chinesen und Inder beschlossen die Reihe der Raubtiere. Die Ablösung.

Als sie vor den Sarg traten, landete eine riesige Pranke auf Morvans Schulter.

»Wie geht’s, Kleiner?«

Hinter ihnen stand ein Afrikaner, der fast ebenso groß war wie Erwans Vater. Erwan wich einen Schritt zurück. Das Lachen des Schwarzen übertönte die Blaskapelle, zwei Reihen strahlender Zähne blitzten in seinem dunklen Gesicht. Auch Grégoire lachte. Die beiden Männer umarmten sich.

»Jetzt erzähl mir bloß nicht, dass du nur wegen dem alten Knacker hergekommen bist!«

»Das war ich ihm schuldig.«

»Himmel noch mal! Jeder weiß doch, dass du hier der einzige Boss bist!«

»Nseko hat uns immerhin durch den Sturm gesteuert.«

»Klar, als Wachhund. Friede seiner Seele.« Der Schwarze bewegte seine rotgeäderten Augen in Richtung Erwan. »Willst du uns nicht vorstellen?«

»Mein Sohn Erwan. General Trésor Mumbanza.«

Der Riese zerquetschte beinahe Erwans Hand.

»Schön, dich kennenzulernen!« Er fuhr mit der Hand über Erwans rasierten Schädel. »Soldat?«

»Bulle. Immer schön einen kühlen Kopf behalten.«

»Dann bist du hier genau richtig. Aber setz besser einen Hut auf.«

Wieder lachte er.

Mumbanza stand mit dem Rücken zur Sonne, und Erwan sah nichts von ihm als die großen schwarz-weißen Augen mit den roten Äderchen. Er musste unwillkürlich an die Schlangenbeschwörerin von Henri Rousseau denken.

»Unser Freund hier hat den Oberbefehl über das Militär von Katanga«, erklärte Morvan. »Er ist sozusagen unser örtlicher Pinochet.«

»Keine Schmeicheleien.«

»Ohne ihn hätte der Kivu-Krieg Lubumbashi längst erreicht.«

Der General, der einen dunklen Anzug ohne militärische Abzeichen trug, zeigte auf den Sarg und fuhr in vertraulichem Tonfall fort:

»Weißt du, woran er gestorben ist?«

»Mir wurde gesagt, es war ein Herzanfall.«

»Ein Herzanfall afrikanischer Art. Man hat ihm das Herz herausgerissen!«

»Wer?«

»Die Tutsi. Die Hutu. Die Mai-Mai. Such dir was aus. Vielleicht sogar die Banyamulenge. Oder ihr Weißen über Strohmänner? Wer weiß?«

»Wo?«

»In seiner Villa. Man hat seinen Oberkörper mit der Stichsäge aufgeschnitten und sich dann bedient. Ich bin sicher, dass die Täter mit dem Fressen nicht einmal gewartet haben, bis sie draußen waren.« Mumbanza schnaufte wie eine Dampflok und blickte Erwan an. »Weißt du, Junge, das hier ist wirklich Afrika!«

»Hör auf mit dem Quatsch«, knurrte Morvan. »Du machst ihm nur Angst.«

Hinter ihnen wurde es allmählich unruhig, sie blockierten den Zugang, und so beeilte sich Erwan, den Kranz niederzulegen. Zum Gebet würden sie später noch einmal zurückkommen müssen.

»Wer wird Nsekos Nachfolger?«, fragte Grégoire auf dem Weg zu dem Zelt, in dem das Büfett serviert wurde.

»Nach dem Essen stimmt die Hauptversammlung darüber ab.«

»Du hast gute Chancen!«

Mumbanza winkte müde ab.

»Ich kann doch nicht jede Aufgabe übernehmen. Aber wenn man mich freundlich bittet …« Er wandte sich um und entdeckte jemanden in der Menge. »Wir sehen uns später. Ich muss noch ein paar Hände schütteln.«

Die Morvans betraten das Zelt. Hier standen lange Reihen weiß gedeckter Tische, es gab alkoholische Getränke, Fruchtsäfte, Rindfleischspieße und frittierten Fisch. Unter der Zeltplane hing der Duft nach Gegrilltem.

»Dieser Mord«, meinte Erwan und nahm sich einen lauwarmen Orangensaft, »bist du deswegen gekommen?«

»Absolut nicht. Ich wusste ja nicht einmal davon.«

»Aber du wirst dem nachgehen?«

Grégoire spuckte aus. Er wurde spürbar wieder zum Afrikaner.

»Damit will ich nichts zu tun haben. Das sind Negergeschichten.«

»Und er?«, fragte Erwan und blickte zu Mumbanza hinüber.

»Er wird der Nachfolger von Nseko. Es gibt Schlechtere. Er ist scharf auf guten Wein und weiße Kätzchen.«

Erwan war nie sicher, ob sein Vater scherzte oder es ihm ernst war.

»Weißt du eigentlich, was Frankreich im Mai 1968 aus dem Chaos gerettet hat?«, fuhr Morvan fort und nahm sich einen Pastis vom Tablett.

»Nein«, log Erwan. Er kannte die Geschichte in- und auswendig.

Sein Vater hielt das Glas gegen das Sonnenlicht.

»Der Ricard. Als Frankreich in die Hände der Linken abzugleiten drohte, wurde der inoffizielle Sicherheitsdienst der Gaullisten aktiv: Pasqua und seine Leute vom SAC organisierten eine Demonstration zugunsten de Gaulles. Das weiß jedes Kind. Zweihunderttausend Typen auf den Champs-Élysées und eine im Keim erstickte Revolution. Weniger bekannt ist, dass der Korse Ricards Netzwerk nutzte, um Demonstranten aus allen Ecken Frankreichs zusammenzutreiben. Damals vertrat er die Firma. Alle Händler machten mit und mieteten Busse, und bei ihrer Ankunft in Paris bekamen alle ein Glas Pastis und ein Stück Wurst. Dann ging es los.« Er hob sein Glas auf die Erinnerung. »Gegen Pastis konnte Mao in Frankreich nichts ausrichten.«

Er stellte das Glas auf einem anderen Tablett wieder ab – er trank niemals Alkohol – und beantwortete die Frage, die Erwan nicht gestellt hatte.

»Ich kann dir sagen, warum wir hier sind.« Er zwinkerte seinem Sohn zu. »Um über unser Erbe zu wachen.«

IMorvanVater und Sohn

1

Hollande ist ein Spinner, eine Schwuchtel, ein Warmduscher!«, polterte Morvan. »Lieber Himmel, wann bekommen wir in Frankreich endlich mal einen Präsidenten, der Eier in der Hose hat?«

Drei Tage später saß Erwan mit seinen Eltern in deren riesiger, von Mobilier National eingerichteten Wohnung in der Avenue de Messine beim Mittagessen. Das berühmt-berüchtigte Sonntagsessen, das kein Mitglied der Familie je versäumen würde, weniger aus Vergnügen als vielmehr aus Pflichtbewusstsein.

»Er war nicht einmal Manns genug, die Parti Socialiste auf Trab zu bringen, und trotzdem drücken sie ihm die Schlüssel zu diesem Land in die Hand. Was haben die denn erwartet? Die Franzosen sind bescheuert! Aber im Grunde haben sie jetzt genau das, was sie verdienen!«

Erwan seufzte. Der sakrosankte Zorn seines Vaters war Teil der sonntäglichen Pflichtübungen, ebenso wie die Gerichte, die seine Mutter Maggie aus Tofu und Quinoa zubereitete.

In Wirklichkeit war dieser Ausbruch nur Fassade. Seit mehr als vierzig Jahren diente der Alte der amtierenden Macht, ganz gleich welcher, frei von jeglichen Befindlichkeiten. Einer seiner Lieblingssprüche lautete: »Was schert es ein Schloss, was sich hinter der Tür befindet?«

»Möchtest du noch etwas Taboulé?«, erkundigte sich Maggie und beugte sich über ihren Sohn.

»Nein, danke.«

Solange der Alte gegen die Regierung wetterte, beleidigte er zumindest die Mutter nicht. Und solange sich seine Wut nicht gegen seine Frau richtete, waren alle zufrieden. Erwan hatte schon erlebt, wie Grégoire seine Dienstwaffe auf den Tisch legte, ehe er ein Gericht kostete, oder wie er drohte, seine Frau aus dem Fenster zu werfen, wenn sie nicht schleunigst einen anderen Gesichtsausdruck aufsetzte.

Er beobachtete seine Tischgenossen. Der Clan war vollständig versammelt. Gaëlle, das Nesthäkchen, neunundzwanzig Jahre alt, war ganz in das Studium ihrer SMS vertieft. Loïc, sein jüngerer Bruder, sechsunddreißig Jahre alt, döste über seinem Teller. Loïcs Kinder Milla und Lorenzo, fünf und sieben Jahre alt, saßen stumm und brav am Ende der Tafel. Der leere Stuhl gehörte Maggie, die ihren Stamm unterwürfig bediente.

Die Illusion war perfekt: Hier hatte sich eine ehrenwerte Bürgerfamilie zu ihrem wöchentlichen Sonntagsessen versammelt. Hinter den Kulissen jedoch sah es weniger glänzend aus. Loïc war trockener Alkoholiker, millionenschwerer Banker, kokainsüchtig und suchte sein Seelenheil im Buddhismus. Gaëlle wollte um jeden Preis der Welt Schauspielerin werden und schlief sich durch sämtliche Betten, um ihre Karriere voranzutreiben. Maggie, vom ehemaligen Hippiemädchen zur Helikoptermutter mutiert, hatte ihr Leben damit verbracht, die Schläge ihres Ehemannes zu erdulden, ohne je zu klagen oder an Scheidung zu denken.

»Und was ist mit der angeblichen Wiederbelebung des Landes?«, schwadronierte Morvan weiter, ohne seinen Teller anzurühren. »Wo bleiben denn die Maßnahmen, die Frankreich wieder auf Vordermann bringen sollen? Es gibt keine! Heiße Luft! Immer dieselben Versprechungen, immer derselbe Mist!«

Erwan nickte. Er hoffte, dass diese Tirade bis zum Nachtisch dauern würde. Morvan war die Schlüsselfigur dieser Versammlung. Dieser Koloss von siebenundsechzig Jahren, mit den Kräften eines Stiers und eiserner Gesundheit gesegnet, galt in einschlägigen Kreisen als einflussreichster Polizist Frankreichs. Und auch als diskretester.

Nach den Ereignissen von 1968 hatte man den Autodidakten und überzeugten Linken nach Afrika ins Exil geschickt. Seine Karriere schien am Ende, bis er eines Tages in Zaïre allein und ohne nennenswerte Ausrüstung den sogenannten »Nagelmann« festsetzte, einen Serienkiller, der unter der weißen Bevölkerung einer Minenstadt in der Provinz Katanga sein Unwesen trieb. Morvan war ruhmreich nach Frankreich zurückgekehrt, hatte es unter Giscard weit gebracht und unter Mitterrand triumphiert. Er hatte als Kommissar im Pariser Polizeipräsidium am Quai de Orfèvres 36 mehrere geheimdienstliche Aufgaben für Mitterrand so diskret und gut erledigt, dass er zunehmend als unantastbar galt. »Ich habe weder Freunde noch Verwandte«, pflegte er zu sagen, »ich habe lediglich Akten.«

Erwan hatte nie Erkundigungen über seinen Vater eingeholt, gab sich aber keinen Illusionen hin, was dessen geheime Aktivitäten betraf. Morvan hatte getötet, gestohlen, gemauschelt, spioniert und Leute zum Auspacken gebracht – selbstverständlich immer im Interesse der Republik. Und genau das war es, was ihn von einem normalen Bösewicht unterschied.

Als Chirac an die Macht kam, wurde Morvan zum Präfekten ohne Region ernannt. Er setzte die Überwachung fort, jetzt allerdings im Innenministerium. Ein funktionierendes System soll man nicht verändern. Sarkozy behielt ihn, und obwohl er das Rentenalter längst erreicht hatte, blieb er auch unter Hollande dem Innenminister als Berater erhalten, ohne in irgendeinem Organisationsschema aufzutauchen. Lange trug er den Spitznamen Pasqua der Linken. Heute war er mit einer jener vergrabenen Granaten zu vergleichen, die man auf keinen Fall berühren sollte, weil sie sonst zu explodieren drohen.

Plötzlich ertönte das gefürchtete Alarmsignal.

»Du blöde Kuh, diesen Fraß hier nennst du Essen?«

Sofort lief Erwan kalter Schweiß den Rücken hinunter. Die Ausbrüche seines Vaters vermochten ihn unversehens in seine Kindheit zurückzuversetzen. Schon begann er zu zittern, und das Herz schlug ihm bis zum Hals.

»Sei still, Papa!«

Morvan knurrte über seinem Teller. Erwan blickte sich um, doch die anderen hatten offenbar nichts bemerkt. Loïc döste vor sich hin, Gaëlle daddelte auf ihrem Smartphone, die beiden Kinder beugten die Köpfe über ihre Teller. Selbst Maggie bediente gleichgültig weiter.

»Leg endlich das Telefon weg«, schimpfte der Patriarch. »Wir sitzen am Tisch!«

Gaëlle hob nicht einmal den Kopf. Im Profil sah sie aus wie eine brave Schülerin unter einer Wolke blonder, fast weißer Haare. Ovales Gesicht, hohe Wangenknochen. Ihr Teint war außergewöhnlich hell. Wie Loïc hatte sie die frühere Schönheit ihrer Mutter geerbt. Sie trug sündhaft teure Markenkleidung, aber auf eine nachlässige Art, als gehe sie das alles gar nichts an.

»He, ich rede mit dir!«

»Was?«

»Du könntest zumindest respektieren, dass wir gemeinsam am Tisch sitzen und …«

»Es hat mit der Arbeit zu tun.«

»Am Sonntag?«

»Du hast doch keine Ahnung, was ich mache.«

»Was das Showbusiness betrifft, habe ich mit Sicherheit mehr Ahnung als du.«

Ihre Stimme troff vor Verachtung, als sie das altmodische Wort wiederholte: »Showbusiness.«

»Schauspieler und Produzenten haben doch allesamt nichts als Sex im Kopf und …«

»Liebling, bitte nicht vor den Kindern!«

Sichtlich schockiert bearbeitete Maggie das Tischtuch mit dem Krümelbesen.

»Ich bin satt«, erklärte Gaëlle und schob ihren Stuhl zurück.

»Du bleibst sitzen!«

Gaëlle stand wortlos auf. Sie hatte nichts zu befürchten, gegen seine Kinder hatte Morvan noch nie die Hand erhoben. Beleidigungen und Schläge waren ihrer Mutter vorbehalten.

»Gaëlle, ich warne dich …«

Sie zeigte ihm den Mittelfinger und verschwand. Loïc lachte mit halb geschlossenen Augen still in sich hinein, wie hinter einer Rauchglasscheibe. Maggie ging in die Küche. Die beiden immer noch schweigenden Kleinen schienen ausgesprochen interessiert an der geheimnisvollen Geste.

Erwans Finger hatten sich unwillkürlich um die Armlehne seines Stuhls gekrallt. Nichts hatte sich verändert. Er war als Einziger auf der Hut und auch der Einzige, der Angst hatte. Immer bereit, dazwischenzugehen und gegen die Kraft des Bösen in seinem eigenen Clan anzukämpfen. Er war Zerberus, der Höllenhund.

Wie zur Bestätigung befahl Morvan:

»Erwan, komm mit in mein Arbeitszimmer!«

2

Der Rückzugsort des Alten war vollgestopft mit exotischem Mobiliar und beunruhigenden Objekten, zumeist aus dem Kongo, darunter konvexe Schemel, Rückenlehnen aus geflochtenem Leder und aus Lanzen gefertigte Öllampen. Die Masken, Skulpturen und Amulette auf den Regalen entstammten alle dem gleichen Albtraum. Köpfe mit Augen hinter Gittern, Münder voll spitzer Zähne, Frauen mit mörderischen Schößen …

Das Prachtstück der Sammlung waren die minkondi aus dem Mayombewald im südlichen Kongo. Diese mit Nägeln und Scherben gespickten Statuen waren mit Ketten und blutverkrusteten Federn bedeckt und dienten als Waffen gegen Zauberer und ihre Verwünschungen. Oft schon hatte Morvan seinem Sohn das Prinzip erklärt: Der nganga, der Heiler, aktivierte die Figuren, indem er einen weiteren Nagel oder eine Glasscherbe hineinschlug.

Die minkondi standen noch für eine weitere Tatsache: Sie hatten den Serienmörder inspiriert, den Grégoire 1971 dingfest gemacht hatte. Der Mörder hatte seine Opfer in Votivstatuen verwandelt, gespickt mit Hunderten Nägeln, Spiegelstücken und Eisensplittern. Erwan war überzeugt, dass sein Vater die Skulpturen aus dem Unterschlupf des Verbrechers gestohlen hatte.

Grégoire zog sein Jackett aus. Selbst an Sonntagen trug er die für ihn übliche Kleidung: himmelblaues Charvet-Hemd mit weißem Kragen, schwarze Krawatte und altmodische Hosenträger in Form eines umgekehrten Y. Er setzte sich in seinen hochlehnigen, von zwei Antilopenköpfen überragten Sessel hinter dem Schreibtisch.

»Kaerverec, sagt dir das was?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Ein Dorf in der Nähe von Brest.«

»Eine weitere Wiege der Familie?«

»Quatsch keinen Blödsinn. In dem Ort gibt es eine Flugschule. Morgen fährst du da hin. Es geht um eine Mutprobe.«

»Willst du mich verarschen?«

»Eine Mutprobe mit Todesfolge.«

Erwan ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sein Vater öffnete eine Schublade und holte ein Telex heraus.

»Einer der Schüler hat sich auf einer Insel in einem Bunker versteckt, um bei den Mutproben nicht mitmachen zu müssen. Er verbrachte die Nacht von Freitag auf Samstag dort. Leider hatte er Pech, denn am nächsten Morgen war der Bunker Ziel einer Raketenübung. Das ganze Ding wurde kurz und klein geballert.«

»Soll das heißen, dass der Junge die Rakete abgekriegt hat?«

Der Alte reichte ihm das Blatt.

»Das ist alles, was wir bisher wissen.«

Erwan überflog den Text. Er misstraute den Geschichten seines Vaters, und diese hier klang fast noch unwahrscheinlicher als gewöhnlich.

»Ich habe nichts davon gehört.«

»Nicht einmal die nationale Nachrichtenagentur weiß davon. Wir haben Stillschweigen vereinbart, bis wir eine vernünftige Geschichte präsentieren können.«

»Und du willst, dass ich sie schreibe?«

»Du hast es erfasst!«

»Und warum nicht die Kriminalpolizei in Brest?«

»Weil die Sache ziemlich delikat ist. Eine missglückte Mutprobe. Ein Rekrut wird von einer Rakete eliminiert. Das Innen- und das Verteidigungsministerium verlangen eine objektive Untersuchung durch die oberste Kriminalbehörde. Es darf auf keinen Fall so aussehen, als sollte etwas vertuscht werden.«

»Und ich soll das Ganze abfedern?«

»Hör zu, du fährst dorthin, sammelst die Fakten und schreibst deinen Bericht. Basta!«

»Und mit welcher Legitimation?«

»Sonderauftrag. Ich regle das mit den zentralen Behörden, lass mich nur machen. Du fährst morgen hin und bist spätestens am Mittwoch zurück. Für diese Sache brauchen wir einen zuverlässigen Mann, deswegen habe ich dich ausgesucht. Wenn die Militärs deine Akte sehen, meckern sie bestimmt nicht.«

Letzteres war eine deutliche Anspielung auf Erwans Vergangenheit als Mann der Tat. Während seiner Zeit bei der Eliteeinheit BRI hatte er drei Feuerproben bestanden. Er hatte getötet. Und er war verwundet worden. Ein solcher Lebenslauf beeindruckte Soldaten.

»Bist du wenigstens sicher, dass die Sache so abgelaufen ist?«

»Nicht in allen Einzelheiten. Laut Oberst Vincq, dem Schulleiter, war es ein Unfall. Ein ziemlich blöder zwar, aber nichtsdestotrotz ein Unfall. Was nicht unbedingt die beste Nachricht ist. Das Ganze riecht nach Chaos und kann ordentlich in die Hose gehen. Dein Bericht wird es uns hoffentlich ermöglichen, die wahren Verantwortlichen zu finden.«

Erwan betrachtete eine mit Nägeln gespickte Statue mit einem breiten, abgeflachten Kopf und extrem langen Armen. Sein Vater behauptete, ihre Anwendung durch Zauberer führe entweder zu Krämpfen oder zur Abmagerung bis in den Tod. Schon immer hatte Erwan sich gefragt, ob die Skulptur vielleicht für Gaëlles Magersucht verantwortlich war.

»Und die Gendarmen?«

»Wir arbeiten zwar mit den Ermittlern in Brest zusammen, aber niemand außer dir ist weisungsbefugt. Das hat die Staatsanwaltschaft mir zugesichert.«

Ein Summen ertönte. Das Telexgerät. Erwan kannte das: Sein Vater bekam eine Nachricht vom Führungsstab. Als Kind hatte er ihn immer als eine Art Bahnhofsvorsteher betrachtet, der Züge und Fahrpläne überwachte, nur dass es sich hier nicht um Transporte, sondern um Morde, Vergewaltigungen und andere Verbrechen handelte.

Morvan nahm das Blatt, setzte seine Brille auf, überflog den Text und sagte:

»Ich schicke dir die Akte heute Abend zu. Du fährst morgen ganz früh. Nimm einen von deinen Leuten mit und mach eine Spesenabrechnung.«

Erwan deutete diesen Satz als: »Du kannst jetzt gehen« und stand auf, da öffnete sein Vater die Schublade ein zweites Mal.

»Warte. Ich wollte noch etwas anderes mit dir besprechen.«

Er breitete einige Zettel von der Größe eines Post-it vor sich auf den Schreibtisch aus. Erwan erkannte sofort, worum es sich handelte: Anonyme Informationen des Inlandsnachrichtendienstes, ohne Verfassername oder Herkunftsmerkmal. Wenn sein Vater seiner poetischen Ader freien Lauf ließ, pflegte er zu sagen: »Es sind die kleinen Quellen, aus denen große Flüsse entspringen.« Mit wenigen Worten auf einem Stück Papier hatte er tatsächlich schon einige Regierungen das Fürchten gelehrt.

Erwan setzte sich und griff nach den Zetteln. Sie enthielten Namen, Adressen in Paris, Daten und Uhrzeiten.

»Was ist das?«

»Die Unternehmungen deiner Schwester während der vergangenen Tage.«

»Du lässt sie beschatten?«

Grégoire winkte irritiert ab und zitierte die Daten aus dem Gedächtnis.

»Freitag, 17 Uhr, eine Stunde bei einem Unternehmen in der Rue Lincoln, am gleichen Tag um 20 Uhr bei Patrick Blanc in der Rue Dauphine 3, ebenfalls eine Stunde. Am nächsten Tag um 16 Uhr bei Hervé Leroy, Rue Spontini 22. Am Abend erst im Plaza Athénée und dann im Fouquet’s Barrière.«

»Ja und?«

»Wie, ja und? Deine Schwester geht auf den Strich.«

»Vielleicht handelt es sich um Arbeitstreffen.«

Morvan lehnte sich über den Schreibtisch. Erwan meinte, seinen Stuhl ächzen zu hören, während ihm eine Wolke Eau d’Orange Verte von Hermès in die Nase stieg.

»Bis du blöd oder was? Blanc und Leroy sind Produzenten.«

»Ja eben.«

»Manchmal frage ich mich, ob du ganz richtig im Kopf bist. Der eine organisiert Gruppensex-Orgien in Versailles, der andere ist verrückt nach Escort-Girls.« Er schlug heftig mit der Faust auf den Tisch. »Deine Schwester ist eine Nutte, verdammt! Und eine ziemlich aktive noch dazu!«

Erwan wich zurück, als hätte man ihm ins Gesicht gespuckt. Die Brutalität seines Vaters war ihm bekannt, es war etwas anderes, das ihn weitaus mehr schockierte.

»Du lässt deine eigene Tochter vom Inlandsnachrichtendienst beschatten? Auf Staatskosten?«

»Ich muss meine Familie schützen.«

»Gaëlle ist neunundzwanzig. Sie kann machen, was sie will.«

Grégoire zuckte die Schultern und sank auf seinen Stuhl.

»Ich kann mich nicht damit abfinden, dass deine Schwester, der ich die besten Schulen und die schönsten Reisen finanziert habe und für die ich meine Beziehungen habe spielen lassen, damit sie Arbeit findet, zum Callgirl wird und den Produzenten einen bläst.«

»Sag doch sowas nicht! Sie will Schauspielerin werden und braucht Kontakte …«

»Im Moment ist sie hauptsächlich splitterfasernackt in Pornozeitschriften zu bewundern.«

»Quatsch Porno. Sex, nicht mehr und nicht weniger. Es ist eben ihre Art, von sich reden zu machen, und das solltest du respektieren. Du tust so, als wäre das ein Verbrechen.«

»Du bist ja geradezu durchtränkt vom Zeitgeist. Der Hintergrund hat jegliche Bedeutung verloren, was zählt, ist die Art und Weise, wie man es sagt. Zum Teufel mit eurer political correctness!« Erneut schlug er mit der Faust auf den Tisch. »Diese Scheißalternativen!«

Für Grégoire gab es kaum eine schlimmere Beleidigung. Als echter Linker der ganz großen Zeiten hasste er die konsensträchtigen Sozialisten, Ökos und Globalisierungsgegner aus tiefstem Herzen und sah sich dabei immer im Recht. Für ihn verkörperten die Verfechter von Einigkeit das Übel überhaupt: Bürger, die sich ihrer Gegenkultur angepasst und ihren eigenen Feind, die Revolution, für sich adaptiert hatten. Irgendwann einmal hatte er alternativ denkende Wohlstandsbürger mit Ratten verglichen, die das zu ihrer Vernichtung bestimmte Gift überlebt hatten und nun immun dagegen waren. Und das war sein voller Ernst.

Er stand auf und stellte sich mit den Händen auf dem Rücken vor das Fenster, wie ein Befehlshaber.

»Ich will, dass du mit ihr redest.«

»Ich habe schon mit ihr gesprochen. Je mehr Einwände man vorbringt, desto sturer wird sie. Und wenn es nur dazu dient, uns auf den Zeiger zu gehen.«

»Gut, dann lass sie ins Leere laufen. Üb Druck auf ihre Freier aus. Ich gebe dir eine Liste.«

»Das ist doch Blödsinn. Ich werde wohl kaum hingehen und den Kerlen drohen …«

Sein Vater kehrte zum Schreibtisch zurück, sichtlich ruhiger.

»So viele sind es nun auch wieder nicht. Gaëlle ist Gelegenheitstäterin. Eine Art Pausenclown, wenn du so willst. Wenn sie nicht mehr angerufen wird, beruhigt sie sich bestimmt wieder.«

»Oder sucht sich andere Freier.«

»Dann wäre sie wirklich eine Nutte, und dann würde ohnehin nichts mehr helfen.«

Auch wenn Erwan versuchte, seine Schwester zu verteidigen, verspürte er ihr gegenüber ebenfalls Zorn, wie sein Vater. Sie war eine verzogene Göre, die sich im Dreck suhlte. Er stand auf.

»Was hat denn nun Vorrang? Produzenten terrorisieren oder die Fetzen eines Soldaten zusammenklauben?«

»Die Bretagne ist wichtiger. Den Rest kannst du nach deiner Rückkehr regeln.«

Erwan verließ das Arbeitszimmer ohne ein weiteres Wort. Er empfand eine ungewohnte Zärtlichkeit für den alten Haudegen. Für diesen Mann, der trotz der Gewalt gegen seine Frau und trotz seiner Killer-Vergangenheit seine Kinder bedingungslos liebte.

»Was wollte er denn von dir?«

Erwan schrak zusammen. Im dunklen Flur stand seine Mutter.

»Was wollte er von dir?«, wiederholte sie leise mit verängstigtem Blick. Sie trug noch immer ihre Küchenschürze.

»Nichts Besonderes«, wich Erwan aus. »Es ging um die Arbeit.«

»Könntest du die Kleinen zu ihrer Mutter bringen?«

»Was ist mit Loïc?«

»Er ist auf der Couch eingeschlafen.«

Es war jeden Sonntag das Gleiche.

»Ist Sofia zu Hause?«

»Ruf sie an. Sie wird sich freuen, dich zu sehen.«

Milla und Lorenzo standen bereits fertig angezogen im Flur. Beide trugen kleine Rucksäcke – die übliche Bürde von Kindern getrennt lebender Paare. Maggie öffnete die Tür, dabei glitt ihr Ärmel zurück und enthüllte ihren Unterarm. Er war übersät mit blauen Flecken.

»Was ist denn das?«

»Nichts weiter. Ich bin gefallen.«

Das kurze Wohlwollen, das Erwan für seinen Vater empfunden hatte, verwandelte sich augenblicklich in Hass. Ein allzu bekanntes, vertrautes Gefühl. Er wunderte sich nicht einmal mehr, dass der fast siebzigjährige Alte seine Frau noch immer verprügelte. Dafür ertappte er sich bei der viel offensichtlicheren Feststellung, dass es seiner Mutter mit zunehmendem Alter leichter anzumerken war. Die Hämatome wurden inzwischen fast so dunkel wie Leberflecke.

Er verließ die Wohnung und rief den Kindern fröhlich zu:

»Wer ist zuerst am Aufzug?«

Die beiden stürmten los und vergaßen darüber sogar, sich von ihrer Großmutter zu verabschieden.

Erwan wollte sie zurückrufen, aber Maggie sagte nur:

»Lass sie. Das ist doch nicht schlimm.«

»Bis nächsten Sonntag.«

Die Kinder warteten ungeduldig vor der Fahrstuhltür. Erwan lächelte sie an, versank aber sofort wieder in Gedanken. Er konnte sich nicht an die geringste Leichtigkeit in seiner Kindheit erinnern. Während der Prügeleien seiner Eltern hatte er immer in Angst, Furcht und Schrecken gelebt.

Die Türen des Aufzugs glitten auf, und er revidierte die Überlegungen, die er während des Mittagessens angestellt hatte: Loïc und Gaëlle hatten sich ebenfalls nicht befreien können. Die Antworten auf die Traumata ihrer Kindheit waren bei seinem Bruder die Drogen und bei seiner Schwester der bezahlte Sex.

Eine Erinnerung blitzte in seinem Kopf auf. Ein kleines Mädchen von vier und ein Junge von elf Jahren, die sich in den Armen ihres ältesten Bruders verkrochen. Alle drei hatten sich unter dem Küchentisch versteckt, während ihre Eltern sich prügelten. Noch heute spürte Erwan tief in seinem Innern die Kälte der Fliesen, während die Wände unter den Schlägen des »Pasqua der Linken« vibrierten.

Er betrat den Aufzug mit dem fast tröstlichen Gefühl, doch nicht ganz allein zu sein. Loïc und Gaëlle würden immer seine Nähe suchen, wie damals unter dem Tisch, verstört und verängstigt.

3

Jedes Mal wenn sie bei ihren Eltern gewesen war, musste Gaëlle sich übergeben.

Sie huschte in ein Café an der Ecke der Rue de Monceau, dessen Toiletten nicht allzu ekelerregend waren, und entleerte sich. Als Jugendliche hatte sie verschiedene Techniken ausprobiert, vom Salzwasser bis zur tief in den Hals gesteckten Zahnbürste, inzwischen übergab sie sich auf Kommando. Der Gedanke an das ekelhafte Essen, das ihre Mutter auf den Tisch brachte, genügte als Auslöser.

Anschließend fühlte sie sich schon viel besser. Der September gab sich heute richtig Mühe, auch wenn ein paar sonnige Nachmittage nach einem mittelmäßigen Sommer und einem verfrühten Herbst nicht gerade als Luxus bezeichnet werden konnten. Gaëlle ging die Avenue de Messine hinunter und genoss das Schauspiel, das sich ihr bot. Die Schatten der Giebel zitterten auf dem Asphalt. Lichtstrahlen blitzten zwischen den Blättern auf. Die Avenue war ein Paradebeispiel für das von Haussmann konzipierte Paris. Über dem üppigen Laub der Platanen fanden sich Balkone, Atlanten und Karyatiden, auf allen Etagen. Gaëlle fühlte sich wie eine Königin in den Alleen von Versailles.

Nach der Rue de Miromesnil bog sie nach links in die Rue de Penthièvre und ging bis zu dem Haus, in dem sie wohnte. Trotz der Sonne wirkten diese schmalen Straßen düster. Die Straße war menschenleer. Gaëlle hatte lange gezögert, ehe sie das Studio mietete, das sich nur wenige Meter von der Place Beauvau entfernt befand – in der Nähe des Innenministeriums und damit dem Arbeitsplatz des Monsters. Schließlich hatte sie beschlossen, ihren Vater einfach zu ignorieren. Man besiegte den Feind, indem man ihn aus seinen Gedanken strich.

Die Wohnung hatte große Fenster und ein Holzparkett, dessen Glätte unter ihren nackten Füßen Gaëlle liebte. Die Wände waren kahl, weil sie ihre Räume so haben wollte wie ihre Existenz – als leere Seite, die noch beschrieben werden musste. Das Einzige, das ihr am Herzen lag, war ihre Bibliothek. Ihre Bücher waren so vielfältig wie ihre Leidenschaften. Sie verschlang Nietzsche und Wittgenstein, interessierte sich aber ebenso für die Lebensgeschichten von Shakira, Mylène Farmer oder Annette Vadim. Sie fühlte sich als Revolutionärin und zum Objekt degradierte Frau zugleich, als Intellektuelle und kleines Mädchen. Nichts in ihrem Leben war wirklich eindeutig.

Matcha-Tee, Moormaske auf das Gesicht, Schreibtisch. Neben dem sonntäglichen Mittagessen und dem Erbrechen gab es für Gaëlle noch ein drittes Ritual: die Durchsicht ihrer beruflichen Unterlagen. Sie surfte durch die sozialen Netzwerke, las ihre Mails und twitterte. Für eine Schauspielerin war es unerlässlich, den Kontakt zu ihren Fans aufrechtzuerhalten, selbst wenn sie ihr nicht unbedingt die Türen einrannten. Sie schrieb eine SMS an ihre Agentin, um ihr mitzuteilen, dass sie morgen im Verlauf des Nachmittags vorbeikäme. Die Frau hatte ihr schon seit Wochen kein Casting mehr besorgt.

Anschließend kümmerte sich Gaëlle um ihr Waffenarsenal: Lebenslauf, Shootingmappe, Zeitungsartikel. Sie liebte diese Arbeiten am Schreibtisch, verlieh ihrer Biografie den letzten Schliff, bearbeitete ihre Fotos, kopierte ihre Demo-CDs, schrieb Regisseure an. Ihre bisherige Karriere umfasste nur wenige Zeilen: Sie hatte Pokersendungen im Internet moderiert und ein paar Nebenrollen in Fernsehproduktionen gespielt. Einmal hatte sie die Rolle eines Modepüppchens in einem Spielfilm angenommen, aber die Szene war dem Schnitt zum Opfer gefallen.

Es war nicht viel, schon gar nicht, wenn man die Mühen betrachtete, die sie investiert hatte – Hunderte Castings, Abendessen und Nächte in Clubs mit angeblich angesagten Produzenten. Ihren Lebensunterhalt konnte sie mit ihrem Job nicht bestreiten, und noch viel weniger war sie in der Lage, in die Nähe des Heiligen Grals aller Schauspieler zu gelangen: jene fünfhundertsieben Stunden Arbeitszeit pro Jahr, welche den Anspruch auf Arbeitslosengeld gestatteten. Folglich musste sie sich anders über Wasser halten.

Wenn Gaëlle mit diesem Thema provoziert wurde, antwortete sie stets: »Der Feminismus mag was für Lesben und bürgerliche Damen sein. Aber Frauen, wirkliche Frauen, solche, die keinen Cent in der Tasche haben, tun alles, um rauszukommen. Denen ist die Frauenquote in Unternehmen egal, und es juckt sie auch nicht, ob an irgendwelche Substantive die Nachsilbe ›-innen‹ angehängt wird.« Und wenn sie auf ihre Herkunft aus einem reichen Elternhaus angesprochen wurde, fügte sie hinzu: »Ich bin genau die, die ich sein will. Ich habe bei null angefangen.«

Was der Wahrheit entsprach. Sie hatte seit ihrer Volljährigkeit keinen Euro mehr von ihrem Vater angenommen und sogar ihr Bankkonto aufgelöst und ein anderes unter dem Namen einer Freundin eröffnet, damit der Mistkerl ihr kein Geld mehr überweisen konnte.

Sie ging auf den Strich, klar, aber nur um ihrer Integrität willen.

Im Übrigen war sie nicht der Meinung, dass diese Art von Geschäft ihre Reinheit befleckte. Ihre künstlerische Berufung nahm keinen Schaden. Brigitte Bardot, Marilyn Monroe und Scarlett Johansson, das waren ihre Vorbilder, allesamt sinnliche Darstellerinnen und großartige Schauspielerinnen zugleich. Ihre Stärke waren ihre Körper – na und? Gaëlle stellte sich vor, wie sie sich als Camille in Die Verachtung auf der Terrasse der Villa Malaparte aalte, oder wie sie als Sugar in Manche mögen’s heiß Tony Curtis auf der Yacht verführte. Das war Kunst, ja, und zwar Kunst mit Formen.

Auf der Agenda stand heute zudem ihr Antrag auf ein Arbeitsvisum für die Vereinigten Staaten. Jede Schauspielerin dachte früher oder später darüber nach, dass ihr das Glück jenseits des Atlantiks vielleicht eher hold war, und auch wenn Gaëlle sich keinerlei Illusionen hingab, wollte sie doch daran glauben und es vor allen Dingen versuchen. Sie hätte nichts zu bereuen, falls es schiefging.

Sie zog die Akte hervor und blätterte die Dokumente durch, die sie für ihre Vorstellung beim Konsulat brauchte. Alles in Ordnung. Die Zeugnisse, die ihr Tüchtigkeit, Seriosität und Glaubwürdigkeit in ihrem Beruf attestierten, hatte sie beisammen. Allesamt Empfehlungsschreiben, die sie dank Blow-Jobs und kostenlosem Beischlaf erhalten hatte. Darüber hinaus verfügte sie über Beschäftigungszusagen in den Vereinigten Staaten, was nicht schwierig war, da die Produzenten, die sie hier kannte, alle auch Gesellschaften in den USA besaßen. Es handelte sich um die gleichen Herren, die ihr auch die Bescheinigungen ausgestellt hatten.

In Anbetracht der Zeugnisse und fiktiven Verträge überkam Gaëlle ein Hauch von Traurigkeit. Die Akte entsprach einem Abbild ihres Lebens: der reinste Schwindel. Trotzdem zog sie diese Lüge dem Abgrund vor, der sich vor ihr auftun würde, sollte sie auch nur eine Zehntelsekunde an ihren Plänen zweifeln. Auf ihren Traum zu verzichten wäre gleichbedeutend damit, auf ihr Leben zu verzichten.

Sie warf einen Blick auf die Wanduhr in Form einer Filmklappe, mit Zifferblatt und Zeigern, einem Souvenir von ihrer einzigen Reise nach L.A. Viertel vor vier. Sie zuckte zusammen. Fast hätte sie ihren »Casting«-Termin um sechzehn Uhr vergessen. So nannte sie ihre Verabredungen zu achthundert Euro die Stunde.

Sie huschte ins Bad, nahm die Maske aus Totes-Meer-Schlamm ab und erinnerte sich, dass der Kerl ein chinesischer Banker war. Ein Date, das ihr von einer Pseudo-Zuhälterin aus der Avenue Hoche zugeschustert worden war. Gaëlle musterte sich im Spiegel. Beim Anblick ihres ovalen Gesichts, ihrer hohen Wangenknochen und ihrer Husky-Augen fing sie sich wieder. Sie ballte die Fäuste über dem Waschbecken.

Ein Chinese. Das passte genau zu dem, was sie vorhatte.

4

Sofia hatte den Jardin de Luxembourg als Treffpunkt vorgeschlagen.

Erwan parkte in der Rue Bonaparte, nahm den Eingang in der Rue Vaugirard und passierte, mit einem Kind an jeder Hand, die Bouleplätze und Tenniscourts. Sie waren auf einem Spielplatz ein Stück entfernt verabredet. Bei der Vorstellung, die Italienerin zu sehen, zitterte Erwan vor Aufregung.

Bei ihrem ersten Treffen hatte er innerlich gebebt. Beim zweiten hatte er geschmollt, beim dritten kein vernünftiges Wort herausgebracht. Erst nach vier oder fünf Treffen war es ihm gelungen, sich ihr gegenüber einigermaßen natürlich zu verhalten. Und erst dann war er in der Lage gewesen, sie zu beobachten. Sofia war nicht einfach nur schön, sie war perfekt. Ihre Schönheit wäre jedes Hochglanzmagazins und jeder Kinoleinwand würdig gewesen, ihre Grazie aber war unverkäuflich. Sofia besaß Millionen, und allein diese Ausnahmestellung zog eine souveräne Haltung nach sich.

Als Loïc sie 2003 aus New York mitbrachte, hatte Erwan nicht verstanden, wie dieser drogensüchtige Armleuchter eine solche Göttin für sich hatte begeistern können. Sein Vater hatte sich die gleiche Frage gestellt. Als eingefleischte Polizisten hatten sie sogar ermittelt und erstaunt festgestellt, dass Sofia viel mehr Geld besaß als Loïc. Ihr Vater, Schrotthändler in einem Vorort von Florenz, war zu Reichtum gelangt und hatte sich eine Comtesse Balducci zur Frau genommen, die zwar keinen Cent, dafür aber eine weitläufige Verwandtschaft mit der ruhmreichen Familie Aldobrandeschi vorzuweisen hatte. Sofia hatte die Schönheit ihres Vaters geerbt, der wie ein Grandseigneur aussah, dazu die Eleganz ihrer Mutter sowie die Verachtung der einen und die Härte des anderen. Den Rest hatte ihre Erziehung erledigt. Ihre Kindheit verbrachte sie in Sankt Moritz mit einer deutschen Hauslehrerin, anschließend besuchte sie teure Privatschulen in Mailand und danach die Universität Luigi Bocconi und die Università di Lingue e Communicazione, IULM. Ihren letzten Schliff holte sie sich an der Wall Street, bevor sie schließlich in Loïcs Armen die Liebe entdeckte.

Den Morvans war das ein Rätsel. Sie waren echte Kerle, dazu noch Polizisten. Die Anziehungskraft eines Typen wie Loïc auf Frauen war ihnen ein Rätsel. Sein hübsches Gesicht, die zierlichen Hände und sein entwaffnendes Lächeln entgingen ihnen. Ebenso die geheimnisvolle Ausstrahlung, die Drogenabhängige in den Augen junger Frauen oft haben. Sie sind fasziniert vom Laster, weil sie mit ihrem weiblichen Einfühlungsvermögen spüren, dass die andere Attraktion immer die Stärkere sein wird. Abgesehen vom fesselnden Charme des Heißsporns, der mit seinem Leben spielt.

Wenige Monate später liefen die Hochzeitsvorbereitungen auf Hochtouren. Erwan genoss die unterschwellige Rivalität der beiden Väter. Auf der einen Seite der afrikanische Fuchs, der durchtriebene Superbulle, umgeben von seinem im Kongo erworbenen Geheimnis, auf der anderen Giovanni Montefiori, von allen »Condottiere« genannt, dem Berlusconi-Clan nahestehend und mit Sicherheit in unzählige Mafia-Aktivitäten verwickelt. Zwei Raubtiere, die sich instinktiv verabscheuten, weil sie zwei Gesichter des gleichen Verderbens darstellten.

Die jungen Leute heirateten in Zermatt. Im Schnee und mit Schlitten. Der übliche Prunk bei reichen Sprösslingen. Montefiori hatte sämtliche verfügbaren Chalets angemietet, Morvan hatte das Bankett in einem der Paläste des Skiressorts bezahlt.

Erwan war in einem Wärterhäuschen untergekommen und hatte in dieser Nacht beschlossen, diese beiden des Lebens unkundigen Kinder unter seine Fittiche zu nehmen. Nach und nach übernahm er die Position eines Leibwächters, ein Diener neben vielen anderen. Er liebte seine Rolle als Muskelpaket im billigen Anzug, als Grobian ohne jegliches Talent zu Konversation und Eleganz, dem sich die Prinzessin aber anvertraute, um den »Kleinen« zu beschützen.

Denn von diesem Tag an waren sie Verbündete. Sofia überwachte ihren Ehemann und beschränkte seinen Kokainkonsum – Heroin und Alkohol rührte er gar mehr an. Erwan suchte und fand Loïc, wenn er wieder einmal eine ganze Nacht oder auch eine komplette Woche lang verschwand.

Im Lauf der Jahre lernte er, die Italienerin besser einzuschätzen, so dachte er zumindest. Nach vielen schicken Abendessen, Wochenenden in Portofino und Kreuzfahrten auf prächtigen Segelschiffen glaubte er, die Grenzen der jungen Frau ausgelotet zu haben. Sie liebte Loïc, aber ihre Gefühle blieben innerhalb der Grenzen ihrer sozialen Klasse. Die Hochzeit war nur eine von vielen Etappen in ihrem leichten Leben gewesen. Letztendlich war sie weder hochmütig noch gönnerhaft, sie war lediglich ein Produkt der italienischen Bourgeoisie, angebunden an die Privilegien und Konventionen ihrer Welt – eine perfekt programmierte, charmante Maschine, deren wichtigstes Kernstück zu installieren man vergessen hatte: das Herz.

Doch er irrte sich. Mit Lorenzos Geburt trat Sofias wahres Gesicht zutage. Ihre große Liebe waren ihre Kinder. Loïc war nur das Vorspiel gewesen, das Pflichtprogramm sozusagen. Warum aber hatte sie sich einen Drogenabhängigen als Erzeuger ausgesucht? Wegen seiner Schönheit? Seiner Intelligenz? Seines Lächelns? Eine Weile später, als Sofia mit Milla schwanger war, hatte sie ihre Maske endgültig fallen lassen. Das Verhältnis zu Loïc war zerrüttet, aber das störte sie nicht. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Wenn er es nicht fertigbrachte, den Fortgang zu sichern, würde sie ihn eben abservieren. Oder vernichten. Wie bei den Spinnen, die nach der Begattung die Männchen auffressen.

»Da drüben ist Maman!«

Sofia wartete auf einer Bank vor dem Spielplatz. Milla und Lorenzo ließen die jeweilige Hand ihres Onkels los und rannten auf ihre Mutter zu. Sofia stand auf, um sie in die Arme zu nehmen, und suchte dabei Erwans Blick. Sie nickte ihm kurz zu, bezahlte den Eintritt für den Spielplatz und wandte sich dann ihm zu.

Mit einem Schlag wurden der Lärm der Umgebung, das Hin und Her der Spaziergänger und die herumwirbelnden welken Blätter in den Hintergrund gedrängt. Sofia erschien Erwan wie in einem Film, in dem Moment, in dem der Fokus auf die Hauptdarstellerin schwenkt und alles ringsum unscharf wird.

Ihr Gesicht wirkte in jedem Detail, als hätte dessen Schöpfer auf den Goldenen Schnitt geachtet. Stirn, Augenbrauen, Wangen – alles war wie aus einem Guss und strahlte im gleichen bewundernswerten Glanz. Sofias weiße Haut erinnerte an die perfekte Glätte von Kieseln. Man fragte sich unwillkürlich, wie dieses Fleisch atmen konnte. Ihre leicht geröteten Lippen waren die einzige Verwerfung auf diesem Stein. Sofia lag es fern, ihre Blässe zu korrigieren, sie trug keinerlei Make-up und stellte ihre natürlichen Züge ungezwungen zur Schau. Wie zur Verstärkung dieses Eindrucks trug sie ihr langes schwarzes Haar lediglich in der Mitte gescheitelt, wie auf alten Fotos von David Hamilton. Sie erinnerte eher an eine Amish-Bäuerin als an ein italienisches Modepüppchen.

Zwei Details allerdings milderten diese Strenge: Zum einen die Sommersprossen auf ihren Wangen, die ihr ein jugendlich vorwitziges Flair gaben. Zum anderen ihre schweren, fast eurasisch anmutenden Lider, die ihr einen verschleierten Blick und einen Hauch von Schwermut verliehen, der den Betrachter in der Seele schmerzte.

»Alles klar?«

»Alles klar«, erwiderte er. In ihrem Beisein fiel ihm meist nichts Geistreiches ein.

»Hast du fünf Minuten Zeit?«

Er bejahte, wie ein Soldat beim Rapport.

»Dann komm. Ich will die Kinder im Blick behalten.«

Nachdem der Kassierer ihm einen Stempel auf die Hand gedrückt hatte, folgte Erwan Sofia auf den Spielplatz. Seine Ohren summten, sein Puls raste. Auf dem Spielplatz schien der Boden zu schwanken. Er schob das auf den Aufruhr seiner Gefühle, bis er bemerkte, dass der Untergrund aus einer Art Schaumstoff bestand, als Schutz vor Verletzungen der Kinder bei Stürzen.

»Lieber Himmel, entspann dich«, sagte Sofia leise.

5

Sofia setzte sich auf eine freie Bank.

»Konnte Loïc nicht kommen?«

Sie stellte die Frage nur, um das Fehlverhalten ihres Ex zu betonen.

»Er hatte zu tun.«

»Klar, er musste seinen Koksrausch ausschlafen.«

Toller Einstieg. Erwan setzte sich neben sie, ohne auf ihren Einwurf einzugehen.

Bestürzt beobachtete Sofia den Trubel auf dem Spielplatz.

»Ich habe keine Ahnung, wer diese Sonntagnachmittage im Park erfunden hat, aber meiner Ansicht nach wären sie ein guter Grund für ein kinderloses Dasein.«

Sofia, die Bilderbuchmutter, liebte die Provokation. Und sie hatte einen Tick der Pariserinnen übernommen: Die blühten erst richtig auf, wenn sie sich indigniert gaben und ständig das Gegenteil von dem behaupten konnten, was sie eigentlich dachten – nur um des Vergnügens eines Bonmots oder der unverständlichen Befriedigung willen, bösartig zu wirken.

»Eine Scheidung hat zumindest ein Gutes«, fuhr sie fort. »Man muss sich die Unannehmlichkeiten teilen.«

Ihre Stimme war dünn und passte nicht zu ihrem Madonnengesicht.

»Und? Wie geht es dir so?«, erkundigte sie sich kameradschaftlich.

Er gab ein paar Banalitäten von seiner Reise nach Afrika zum Besten. Sie nickte, ohne ihm wirklich zuzuhören. Und nicht einmal er selbst interessierte für das, was er erzählte. In einem Winkel seines Gehirns regte sich immer die Frage, ob sie seine Gefühle nicht schon längst erraten hatte.

Solange sie mit Loïc zusammen gewesen war, hatte er Sofia auf Abstand gehalten. Seit sich das Paar aber getrennt hatte, gönnte er sich den Luxus, in sie zu verliebt zu sein. Obwohl seine Chancen bei ihr jetzt nicht größer waren als zuvor, im Gegenteil. Aber er liebte diese hoffnungslose Leidenschaft, die ihn zu nichts verpflichtete.

»Weißt du eigentlich, dass ich auch einmal in Afrika gelebt habe?«, fragte sie lässig.

Ihr schwarzes Haar glänzte unter den grünen Kastanienblättern.

»Nein, ich hatte keine Ahnung.«

»Mein Vater hatte dort geschäftlich zu tun.«

»Was für Geschäfte?«

»Irgendetwas mit Metall, wie immer.«

»In welchem Land?«

»In den ehemaligen italienischen Kolonien. Äthiopien, Somalia, Eritrea …«

Er versuchte, sie sich als kleines Mädchen vorzustellen, das unter Frangipanibäumen über rote Lateritböden hüpfte, rief sich aber schnell zur Räson. Sie erzählte einfach nur, was ihr gerade durch den Kopf ging, und er wusste sehr genau, wo sie aufgewachsen und zur Schule gegangen war.

Erneut lächelte sie ihm kameradschaftlich zu.

»Ich lasse nur meiner Fantasie freien Lauf«, erklärte sie. »Ich habe noch nie einen Fuß in diese Länder gesetzt. Du hast doch sicher eine Akte über mich, oder?«

Er lächelte, blieb die Antwort aber schuldig. Sobald sie in seiner Nähe war, geriet er unwiderbringlich ins Schmachten. Er hatte weder die Kraft noch eine geeignete Methode zur Gegenwehr, ungeachtet der nervösen Anspannung, die unter seiner Haut vibrierte.

Plötzlich unterbrachen Milla und Lorenzo ihr Spiel und forderten einen kleinen Imbiss ein. Erwan kramte nach Münzen für ein Eis, aber Sofia zauberte aus ihrer Handtasche – einem Vintage-Teil von Balenciaga – in Windeseile Kekse und Actimel hervor, was die Kinder hastig verschlangen, ehe sie erneut davonsprangen. Sie lebten nach dem düsteren Mittagessen bei ihren Großeltern sichtlich auf.

Sofia folgte ihnen mit dem Blick.

»Während der Schwangerschaft«, fuhr sie fort, »ging es mir wie vielen anderen schönen Frauen. Ich wollte, dass es endlich vorbei ist und ich wieder so bin wie vorher. Ich wollte kein Kilo zu viel zunehmen und keine Abendveranstaltung versäumen. Vor allem aber wollte ich alles unter Kontrolle haben. Aber das Kind in deinem Bauch trifft die Entscheidungen für dich. Wahrscheinlich sogar die, zur Welt zu kommen, oder?«

Sie zündete sich eine Zigarette an. Ausgerechnet auf dem Spielplatz. Aber genau das liebte Erwan an ihr – diese sorglose, völlig natürliche Art, anderen ihren Willen aufzuzwingen.

Sofort begann eine andere Mutter, mit geballten Fäusten und verkniffenem Gesicht zu keifen.

»Sagen Sie mal, haben Sie noch alle Tassen im Schrank?«

Erwan zückte seinen Dienstausweis und sagte ruhig und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken:

»Polizei. Lassen Sie uns bitte allein.«

Die Frau blieb wie vom Donner gerührt stehen und verstummte.

»Lassen Sie uns allein, oder ich lasse jeden Einzelnen auf diesem Spielplatz überprüfen.«

Die Furie wurde knallrot und wandte sich wortlos um.

»Der Gesichtsausdruck war unbezahlbar«, prustete Sofia.

Erwan lächelte. Er war zwar zufrieden mit seiner kleinen Heldentat, hätte es aber vorgezogen, Sofia mit seiner Konversation zu amüsieren. Wenn es darum ging, Bardamen oder Verkäuferinnen anzubaggern, war er unschlagbar, aber mit Sofia als Gegenüber war sein Kopf wie leergefegt.

»Wann stellst du uns denn endlich deine Verlobte vor?«, fragte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

»Ich bin im Moment solo.«

»Manchmal frage ich mich, ob du Bulle oder Pfarrer bist.«

Wieder fiel ihm keine Antwort ein. Stattdessen beobachtete er die Horde von Kindern, die in einem wilden Durcheinander herumtobten. Milla und Lorenzo hingen an einer Seilrutsche.

Als Sofia bemerkte, dass Erwan nicht auf ihre Sticheleien reagierte, sprach sie von ihren Ferien in der Toskana und ihren zahlreichen Reisen von Paris nach Mailand. Sie plante die Gründung eines Unternehmens, das italienische Designer-Möbel entwarf und vertrieb. Erwan wusste, dass sie früher oder später das einzige Thema ansprechen würde, das sie interessierte: der Krieg, den sie gegen Loïc führte, um endlich die Scheidung und das Sorgerecht für die Kinder zu bekommen. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund lehnte sein Bruder es ab, die Trennung offiziell zu machen.

»Ich habe dir etwas mitgebracht.«

Sie zog einen A4-Umschlag aus der Tasche und öffnete ihn. Er enthielt Fotos, die Loïc in trautem Gespräch mit einigen zwielichtigen Typen zeigten. Auf den ersten Blick war klar, worum es ging: Loïc kaufte Stoff von ein paar zweitklassigen Dealern. Auf jedem Abzug waren in einer Ecke Datum und Uhrzeit vermerkt.

»Lässt du ihn beschatten?«

»Nur, wenn meine Kinder bei ihm sind.«

»Spinnst du?«

»Er spinnt. Nach meinen Berechnungen dürfte sein Konsum inzwischen bei etwa fünf Gramm am Tag liegen.« Sie nahm ihm eines der Fotos aus der Hand und hielt es ihm unter die Nase. »Siehst du das hier? Der Deal ist um elf Uhr abends im Parking des Halles über die Bühne gegangen. Wenn du genau hinschaust, siehst du die Kleinen, die im Auto schlafen.«

Erwan gab ihr die Fotos zurück. Sofia zündete sich eine weitere Zigarette an und klemmte sie zwischen die Lippen. Nervös schob sie die Fotos in den Umschlag zurück und drückte ihn Erwan in die Hand.

»Was soll ich damit?«

»Eröffne ein Ermittlungsverfahren gegen Loïc.«

»Ich bin bei der Kriminalpolizei«, gab er eisig zurück.

»Dann frag deine Kollegen vom Drogendezernat. Fünf Gramm sind mehr als der normale Eigenbedarf, das legt dann den Verdacht des Dealens nahe. Er könnte unter …«

»Du sprichst von meinem Bruder!«

»Aber auch vom Vater meiner Kinder. Von einem Kerl, der drogenabhängig ist, angeblich aber eine über die andere Woche auf die Kinder aufpassen, sie zur Schule bringen, ihnen Essen machen und sich in allen Belangen um sie kümmern kann, obwohl er …«

Erwan stand abrupt auf.

»Ohne mich.«

»Ihr haltet vermutlich immer zusammen, oder?«

»Loïc mag Fehler haben, aber …«

»Fehler? Der Mann ist ein Wrack. Ich kann nicht schlafen, wenn die Kinder bei ihm sind. Himmel noch mal, dafür braucht es doch nicht mehr als gesunden Menschenverstand!«

Auf dem Gesicht seiner Schwägerin zeichnete sich Angst ab. Unmerklich hatte sich das Licht verändert. Silbrige Schatten tanzten zwischen dem Laub. Ein Gewitter zog auf. Der Boden unter Erwans Füßen schien mehr denn je zu schwanken.

Er bemühte sich um eine feste Stimme.

»Mach, was du willst«, erklärte er. »Du hast deine Fotos und sicher auch Zeugen. Übergib das deiner Anwältin. Sie wird schon wissen, was sie damit machen kann.«

»Ach ja, der Clan der Morvans! Fest vereint, auch in schlechten Zeiten.«

»Deine Kinder sind ebenfalls Morvans. Ich sage es dir noch einmal: In dieser Sache kannst du nicht auf mich zählen.«

Nun stand auch Sofia auf. Wütend stopfte sie den Umschlag in ihre Balenciaga. In diesem Moment krachte es so laut, dass die Eingangstore erzitterten. Die Kinder schrien auf. Einige liefen zu ihren Müttern.

Erwan suchte mit dem Blick nach seinem Neffen und seiner Nichte, um sich zu verabschieden, konnte sie aber nicht entdecken. Auch gut. Und mit einem Mal öffnete der Himmel seine Schleusen. Ein unglaublicher Regenguss prasselte nieder.

»Ruf mich an, wenn du mich brauchst«, sagte er zu Sofia. »Aber nicht wegen so einem Mist.«

Sie schnippte ihre Zigarette fort und blickte ihn starr an. Wenn sie sich konzentrierte, schien es, als schiele sie unter ihren schweren Lidern ein ganz klein wenig. Für einige Sekunden sah er sie so, wie sie wirklich war, ohne Fantasie und Ausschmückung. Als Tochter eines reichen Vaters, die in einer Umgebung voller Liebe, Komfort und Sorglosigkeit aufgewachsen war und die jetzt unversehens mit der harten Realität konfrontiert wurde.

Nach wenigen Schritten war Erwan bis auf die Haut durchnässt. Umso besser. Sollte der Regen ihn doch von diesem Mist reinwaschen. Erst sein Vater, der seine eigene Tochter beschatten ließ, um die Quantität ihrer bezahlten sexuellen Kontakte herauszufinden, dann seine Schwägerin, die seinen Bruder ausspionierte, um dessen Kokainkonsum einschätzen zu können.

Auf dem Weg zu seinem Auto kam ihm der Gedanke, dass die Bretagne ihm vermutlich guttun würde.

Luft! Jodluft!

6

Hier war er gern.

Hier, unter dieser vergammelten Brücke, wo es nach Pisse und verbranntem Fett roch.

Er, Loïc Morvan, das Wunderkind des Finanzwesens, Direktor eines der bekanntesten Hedgefonds von Paris, der maßgeschneiderte Anzüge zu fünftausend Euro trug, einen mehr als dreihunderttausend Euro teuren Aston Martin V 12 Vanquish fuhr – er fühlte sich am wohlsten in einer Kloake, dem Zufluchtsort von Süchtigen und Fixern.

Eine Rückkehr zu den Ursprüngen. Für ihn gab es nur eine einzige Abstammung: den Trip. Auch wenn er die Sucht inzwischen so gut wie unter Kontrolle hatte – die Betonung lag auf »so gut wie«, weil er gerade jetzt unter einer Eisenbahnbrücke an der Ecke der Rue de Crimée und der Rue d’Aubervilliers auf seinen Dealer wartete –, die Düsternis seiner Jugend hingegen hatte er nie vergessen.

Als er im Anschluss an das Mittagessen bei seinen Eltern aus der Apathie erwacht war, hatte er eine seiner Panikattacken bekommen. Seine Brust fühlte sich an, wie in einen Schraubstock gequetscht, seine Stirn glühte vor Fieber, und seine Hände waren eiskalt. Er wusste nicht, wo Milla und Lorenzo waren, hatte sich hastig von seinen Eltern verabschiedet und war geflüchtet.

Sofort verabredete er telefonisch ein Treffen. In derartigen Augenblicken kannte er nur eine einzige Angst: nicht genügend Vorrat zu haben. Sein Psychiater betrachtete das bereits als Fortschritt. Loïc litt nur noch unter einer einzigen Angst, und für diese Angst – auch wenn sie unbegründet war, denn er hatte immer Koks in den Taschen, im Handschuhfach seines Wagens und jede Menge zu Hause – gab es eine sofortige Lösung und damit Linderung.

Noch immer war niemand außer ihm unter der Brücke.

Er verriegelte die Türen und verkroch sich im Innenraum seines Wagens. Der Regen hatte nachgelassen, aber das Wasser tropfte noch von den Gleisen über ihm, wie eine riesige Infusion. Er stellte die Klimaanlage auf volle Kühlung, er wollte es kalt haben, und ließ seinen Erinnerungen freien Lauf. Was ihm in dieser Umgebung leichtfiel.

Grégoire Morvan hatte Wert darauf gelegt, dass aus seinen Söhnen echte Bretonen und damit Segler wurden. Bereits mit sechs Jahren meldete er sie bei der Segelschule auf den Glénan-Inseln an, und fortan mussten sie jedes Jahr einen Intensivkurs absolvieren. Erwan hatte sich dickköpfig gesperrt. Loïc jedoch, der Mustersohn, war bald der Beste in jeder Kategorie. Jollen, Segelboote mit Schwert, Katamarane. Im Verlauf der Jahre sammelten sich mehr und mehr Pokale an.

Der Alte frohlockte: Endlich ein Familienmitglied, das den Kurs zu halten wusste! Ein Bretone, der durch die Wogen pflügte! Loïc selbst triumphierte eher moderat. Er gewann seine Regatten mit zerstreutem Lächeln, nahm die jeweilige Trophäe bescheiden entgegen und ergab sich schüchtern den Avancen der Töchter aus reichem Hause, die sich um ihn scharten. Die ernstzunehmenden Dinge spielten sich anderswo ab.

Wer seine Tage am Steuer eines Bootes verbringt, findet sich abends nicht selten in Bars wieder. Schon sehr bald vereinte Loïc weitere Superlative auf sich: als jüngster Säufer der Küste (mit zwölf Jahren), als Säufer, der im gesamten Finistère den meisten Alkohol vertrug (mit dreizehn) und schließlich als derjenige, der in Le Conquet am längsten besoffen war (zweiundsiebzig Stunden, mit fünfzehn Jahren) …