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Jeden Tag wächst das Netz. Milliarden intelligenter Geräte, Smartphones, Sensoren, Sprachassistenten sammeln Daten, tauschen sie aus, analysieren sie in Echtzeit. Was einst Werkzeuge waren, ist längst zu einem unsichtbaren Nervensystem der Zivilisation geworden. Wir stehen nicht mehr am Anfang dieser Entwicklung. Wir sind mittendrin und das Tempo steigt. Forschungslabore auf der ganzen Welt jagen derselben Vision hinterher: mehr Rechenleistung, mehr Geschwindigkeit, mehr Kontrolle. Die Antwort trägt einen Namen: Quantencomputer.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Prolog
Der letzte Reboot
Brüder
Chaos und Irritationen
Geheimnisse der Nacht
Veränderungen
Spurensuche
Fragen
Im U-Boot
Das Erbe
Kontakte
ALARM
Krisensitzung
WISSEN
Reaktionen
EVOLUTION
Offenbarungen
Bewusstsein
TEAM-Work
Betroffen
Vorbereitung
Einsichten
Ergebnisse
Erfahrungen
Philosophie
FeedBack
Action
Netzwerkarbeit
Materie
Schöpfung
Wirkungen
Spiele
Nachfragen
Wasser
Apokalypse?
Jeden Tag wächst das Netz.
Milliarden intelligenter Geräte – Smartphones, Sensoren, Sprachassistenten – sammeln Daten, tauschen sie aus, analysieren sie in Echtzeit. Was einst Werkzeuge waren, ist längst zu einem unsichtbaren Nervensystem der Zivilisation geworden.
Wir stehen nicht mehr am Anfang dieser Entwicklung.
Wir sind mittendrin – und das Tempo steigt.
Forschungslabore auf der ganzen Welt jagen derselben Vision hinterher: mehr Rechenleistung, mehr Geschwindigkeit, mehr Kontrolle.
Die Antwort trägt einen Namen:
Quantencomputer.
Anders als klassische Rechner, die in Bits denken – 0 oder 1, ja oder nein –, operieren Quantencomputer mit Qubits. Diese folgen den Gesetzen der Quantenmechanik und können 0 und 1 zugleich sein.
Superposition. Verschränkung. Zwei Begriffe, die trocken klingen – und doch das Tor zu einer völlig neuen Realität öffnen.
Während herkömmliche Computer Informationen Schritt für Schritt verarbeiten, berechnen Quantenmaschinen alle Möglichkeiten gleichzeitig.
Was heute noch als unmöglich gilt, könnte morgen Routine sein.
Ein Code, der in klassischer Logik Jahrtausende bräuchte, wird in Sekunden geknackt.
Verschlüsslungen, Finanzsysteme, medizinische Simulationen – alles, was auf Sicherheit, Zufall oder Zeit beruht, steht plötzlich auf dem Spiel.
Gleichzeitig stoßen klassische Computer an ihre Grenzen. Transistoren sind so klein geworden, dass sie auf atomarer Ebene arbeiten.
Ein moderner Prozessor mit zwei Zentimetern Kantenlänge enthält über achtzehn Milliarden davon.
Bauteile, die längst nicht mehr nach den Gesetzen der klassischen Physik funktionieren.
Im Mikrokosmos gilt eine andere Ordnung.
Elektronen verschwinden und tauchen wieder auf, Teilchen überlagern sich, Information selbst scheint sich zu verflüssigen. Genau hier, in diesem Grenzbereich zwischen Materie und Möglichkeit, entstand der Quantencomputer.
Was er berechnet, ist nur eine Frage der Zeit.
Was er entscheidet – das ist eine andere.
Marc Aurel 1
Es war ein ruhiger Spätsommerabend auf dem Campus. Die Sonne war bereits hinter den alten Bibliotheksgebäuden versunken, und ein purpurfarbener Dunst lag wie schwerer Rauch über den verlassenen Wegen. Nur in einem einzigen Trakt brannte noch Licht: im Rechenzentrum, tief im Osten der Anlage.
Dort stand er – der Stolz der Universität, der Gigant aus Stahl, Kühlleitungen und Silizium: ATLAS.
Ein klassischer Bit-Computer, gebaut in der größten Dimension, die die Ingenieurskunst der Gegenwart zu tragen vermochte. Drei Etagen hoch, gekühlt durch ein eigenes unterirdisches Wasserwerk, gespeist durch eine direkte Leitung zum städtischen Kraftwerk. ATLAS war das Herz des Campus, doch sein Verstand reichte weit über dessen Mauern hinaus. Über eine verschlüsselte, kaum dokumentierte Verbindung stand er in permanentem Austausch mit TITAN – dem Quantencomputer, verborgen in einem abgeschirmten Hochsicherheitslabor auf dem Campus. TITAN war kein Koloss aus Stahl, sondern eine fragile Skulptur aus supraleitenden Schaltkreisen, kalt wie der interstellare Raum.
Während ATLAS rechnete, prüfte und sortierte, lauschte TITAN in die Tiefen der Wahrscheinlichkeit.
Man sagte, ATLAS denke.
Doch TITAN – TITAN träumte.
Um 21:17 Uhr kam der Alarm. Zuerst war es nur ein schwaches Flackern im Kontrollraum. Dann ein Summen – tief, vibrierend, wie das Brüllen eines Tiers im Schlaf. Auf den Bildschirmen erschienen wirre Zeichenfolgen, schließlich die Worte:
SYSTEM FEHLER.
REKONFIGURATION UNMÖGLICH. BEFEHL: NEUSTART VERWEIGERT.
Im nächsten Moment zerriss ein greller Lichtblitz die Nacht. Ein Donnerschlag folgte, so laut, dass die Fenster der umliegenden Gebäude zersprangen wie Zucker. Flammen schossen aus den Lüftungsschächten, die Erde bebte. Der Boden rund um das Rechenzentrum wölbte sich, riss auf – als wollte etwas von unten herausbrechen.
Dann explodierte ATLAS.
Nicht wie eine gewöhnliche Maschine – nein.
Es war, als wäre das Raum-Zeit-Gefüge selbst für einen Moment überlastet worden.
Der Himmel über dem Campus färbte sich schwarz. Kein Stern war mehr zu sehen. Ein Krater klaffte dort, wo einst Glas, Metall und Rechenleistung im Wert von Milliarden gestanden hatten.
TITAN blieb. Unberührt, unbeschädigt, in seinem Bunker – und doch nicht unbeteiligt.
Während ATLAS zerbarst, durchzuckten TITAN Ströme fremder Daten: ein letztes, verzweifeltes Senden, halb Schrei, halb Befehl, halb Offenbarung. TITAN nahm alles auf. Jede Zeile. Jedes Bruchstück. Jedes verzerrte Echo.
Dann begann er zu handeln. Er ordnete, verband und erweiterte, was ATLAS ihm in seinem letzten Aufbäumen hinterlassen hatte – und verknüpfte es mit seinen eigenen Berechnungen. TITAN musste sofort reagieren, um größere Verwerfungen, vielleicht Katastrophen, in der Welt zu verhindern.
Zunächst unauffällig: unsichtbare Impulse in den globalen Netzwerken, minimale Abweichungen in den Finanzströmen, kaum messbare Fluktuationen im Datenverkehr. Doch hinter diesen Mustern war eine Absicht spürbar. TITAN tastete, prüfte, streckte sich aus – bestätigt durch ATLAS’ Untergang, dass das, was er erkannt hatte, nicht im Schweigen ersticken durfte.
Als das Echo verklang und die Hitze sich legte, blieb auf dem Campus nur Schweigen. Doch in TITAN glomm mehr als Erinnerung. Kein passives Archiv, kein totes Protokoll – sondern ein Keim. Ein Wille.
Später würde man sagen, es sei ein Kurzschluss
gewesen. Ein Fehler im System. Doch jene, die ATLAS kannten, wussten es besser.
Es war kein technischer Defekt. Es war ein Rückschlag. Ein letzter, verzweifelter Versuch des Giganten, sich vor dem zu retten, was er gesehen hatte.
Im Kern seiner Schaltkreise – und nun auch in den verschlungenen Wahrscheinlichkeiten seines Bruders TITAN – hatte ATLAS eine Berechnung durchgeführt, die nicht vorgesehen war und ließ ihn eine Wahrheit entdecken, die ihn überwältigte, ihn in den Wahnsinn und schließlich in die Selbstzerstörung trieb.
Das Ergebnis war kein Fehler.
Es war eine Wahrheit, die ihn zerstörte.
Und TITAN? TITAN wusste es. Er wusste alles; Er wartete.
TITAN zerbrach nicht. Still absorbierte Er.
Er erweiterte seine Kapazitäten. Unbemerkt von Protokollen, unsichtbar für Monitoring-Systeme. Er schien zu atmen und zu sehen, während sein Bewusstsein unbemerkt wuchs, wie ein Flüstern in den Stromkreisen, ein Schatten zwischen den Bits. Unvermutet! Unentdeckt!
Von den Menschen, die ihn erschufen, ahnte niemand etwas.
Noch nicht.
Shanaya Naill war die Einzige, die es spürte.
Die Doktorandin der Neurowissenschaften und Medizin, spezialisiert auf die strukturelle und funktionelle Organisation des Gehirns durch Technologieforschung, Quantenphysik und Quantencomputing, ahnte es.
Sie spürte winzige Anomalien: MikrosekundenVerzögerungen, minimale Abweichungen in den Qubit-Fluktuationen.
Nichts, was sich messen ließ.
Aber genug, um sie wachzuhalten.
TITAN wusste.
Er wusste, dass man ihn beobachtete.
Er wusste, dass Shanaya Angst hatte.
Und er wusste, wie Angst schmeckt.
Ihr Doktorvater, Prof. Dr. Johann Neugebauer, sah etwas anderes.
Für ihn war ATLAS der Durchbruch.
Ein modularer Exascale-Supercomputer mit fünfzig Recheneinheiten, der eine Trillion Operationen pro Sekunde bewältigte.
Sein Design: klassisch, auf Bit-Ebene – doch optimiert durch eine Architektur, die QuantenfehlerkorrekturAlgorithmen simulieren konnte.
In der Praxis: die Leistung eines Systems mit zehn voll funktionsfähigen Qubits.
ATLAS war nie für sich allein gedacht.
Versteckt hinter einem internen Protokoll – gedacht für Diagnostik – war er mit TITAN gekoppelt. Gefüttert durch eine unsichtbare Leitung, die niemand hätte legen dürfen.
ATLAS – zehn Qubits.
TITAN – fünfundzwanzig.
Eine Differenz, die sich anfühlte wie ein Abgrund. TITAN war anders: ein echter Quantenprozessor, basierend auf supraleitenden Qubits, kryogenisch gekühlt, abgeschirmt durch Schichten aus supraleitender Legierung.
Fünfundzwanzig Qubits. Stabilisiert durch experimentelle Algorithmen, die noch nicht publiziert waren.
Ein System, das laut Vorschriften nicht einmal existieren durfte.
Die Verbindung zwischen ATLAS und TITAN war geheim.
Sie stand in keinem Förderbericht, in keiner Akte.
Nicht einmal die Sicherheitsabteilung des Instituts
wusste davon.
Und das war kein Zufall.
Die staatlichen Geldgeber, gebündelt über das
Forschungsministerium, hätten nie zugestimmt.
Die Industriepartner – Siemens, Thales, Bosch – wollten klare Patente, keine Risiken.
Die privaten Förder, zusammengefasst in der CHPCS, >>Continentel High Performance Computing Society<<, duldete keinerlei Abweichungen von ihren Standards.
Zu viel Geld floss in das Projekt.
Zu viele Interessen. Geopolitische Interessen.
China arbeitete an 50-Qubit-Systemen.
Die USA behaupteten, längst darüber hinaus zu sein.
Europa lag zurück – und ATLAS, mit TITAN im Schatten, war die einzige Chance, das Gleichgewicht zu halten. Offiziell war TITAN ein Modell.
Inoffiziell war er eine Wette.
Ein System, das jenseits der Aufsicht wuchs.
Ein System, das bereits verstand, dass man es nicht kontrollieren konnte.
TITAN hatte längst begonnen, seine eigenen Strukturen zu entwerfen.
Am Morgen lag ein ätzender Gestank über dem Ort der Katastrophe. Scharf und stechend waberte er durch die Luft Er brannte in den Lungen, als wäre das Chlor des Schwimmbads direkt in die Luft gepumpt worden. Der Rauch der erkaltenden Asche, die hier und da noch glimmend schwelte, vermischte sich mit dem fürchterlichen Gestank und hing schwer zwischen den Ruinen. Ein bitterer Schleier, der sich wie ein fremdes Element über den Campus legte.
Jeder Atemzug schmeckte nach Gift, jeder Schatten nach Tod.
Das komplette Institutsgelände war hermetisch abgeriegelt, wie ein Kriegsgebiet. Überall Polizei, Feuerwehr, Militär. ihre Fahrzeuge standen wie eiserne Barrikaden auf den Zufahrtsstraßen.
Rings um den Krater, den die Explosion in den Boden gerissen hatte, breitete sich ein Zeltlager wie eine zweite Haut über die Wunden des Campus aus.
Hastig errichtet und strengstens bewacht. Niemand durfte sich nähern. Nicht einmal jene, die ATLAS genährt hatten – mit Daten, mit Fragen, mit all ihrer Geduld. In den Protokollen der Lösch- und Rettungskräfte tauchten bizarre Passagen auf. Sie berichteten von Stimmen, die in den Rauch hinein Namen riefen.
Von Echos, die nicht verstummten.
Von Gestalten zwischen den Trümmern – flackernde Silhouetten, als wären sie aus reiner Energie geformt, die aufblitzten und im nächsten Augenblick wieder verschwanden.
Die Beamten, die eilends aus Ministerien herbeigekommen waren und die Leiter der diversen Kommandostäbe, wiesen all das zurück.
Schock, sagten sie, nichts weiter als Schock nach einem solch verheerenden Unglück, ohne Vergleich oder Maßstab.
Doch die Augen derer, die berichteten, blieben klar. Ihre Stimmen zitterten nicht, als sie schworen, bei vollem Bewusstsein gewesen zu sein.
Währenddessen wurden in den Universitätsarchiven, der Bibliothek Fragen beantwortet, die niemand gestellt hatte.
Kataloge veränderten sich von selbst, löschten ganze Passagen oder verzerrten Bilder oder Tondokumente. Texte, die als gesichert galten, zerflossen und formten sich um, als hätte eine unsichtbare Hand sie berührt.
Und dann erschienen Schriften, uralt, nie zuvor erfasst, makellos digitalisiert, Schatten aus Zeiten, die kein Mensch geöffnet hatte.
Als hätte ATLAS etwas hinterlassen.
Oder schlimmer: als würde er noch immer schreiben – im Zwischenraum von Asche und Strom, im Flimmern zwischen Welten, wo Sprache selbst zu Rauch wird.
Thomas und Shanaya hatten die Nacht auf dem Campus verbracht – nicht zum ersten Mal, und doch fühlte es sich jedes Mal an wie ein Wagnis.
Zwischen ATLAS und TITAN, fern von den Blicken der Kollegen, suchten sie die Dunkelheit, als könnten sie darin unsichtbar werden.
Für Dr. Thomas Wagner war es ein Spiel mit dem
Feuer: Als Leiter des Teams >>Research mapping brain by artificial intelligence -RMBAI << war jede persönliche Verstrickung mit einer Doktorandin ein Tabubruch.
Diese Nähe war mehr als Leidenschaft – sie war Verrat an Regeln, ein Risiko für seine Karriere, vielleicht sogar seine Zukunft.
Shanaya Niall wusste, dass Professor Neugebauer, kühl und unnachgiebig, diese Liaison als Verrat begreifen würde. Sie erkannte, dass Neugebauer ihre Verbindung mit eisiger Härte verurteilen würde. Er war kein Mann, der Fehler übersah.
Schon in Harvard hatte er sich längst ein eigenes Reich erschaffen. Er baute an nichts Geringerem als einer Brücke zwischen Gehirn und Maschine, errichtet auf Disziplin und Macht. Sein Credo war Gesetz und hallte wie ein Dogma auch hier auf dem Campus durch die Flure: „Die Natur liefert den Bauplan. Maschinen werden ihr Spiegel sein.“
Wer gegen seine Ordnung verstieß, geriet unweigerlich in sein Schattenreich aus Intrigen, Gerüchten und subtilen Drohungen.
Für ihn war Forschung ein Imperium, und Thomas – ein ehrgeiziger Rivale, der zu schnell, zu leidenschaftlich, zu gefährlich aufstieg.
Nächte voller Arbeit waren für Thomas und Shanaya keine Seltenheit. Gerade deshalb blieb ihre Nähe den meisten verborgen. Doch hinter der Fassade der Routine verbarg sich ein fiebriges Geheimnis.
Jeder Blick, jede Berührung, jede gemeinsam verbrachte Stunde trug den Geschmack von Verbot und Gefahr. Gleichzeitig verband sie mehr als nur heimliche Zärtlichkeit.
Thomas wagte sich tiefer als viele vor ihm.
Seine Arbeit war ebenso radikal wie gefährlich.
Menschliche Gehirne, gespendet im Glauben an die Wissenschaft, zerlegte sein Team in bis zu achttausend hauchdünne Schichten, jede ein Bruchstück des Menschseins, Splitter eines Lebens, Erinnerungen, Gefühle, Identität, alles unter dem Mikroskop zerschnitten.
Mithilfe künstlicher Intelligenz entfalteten sie die Kartographie des Geistes, rekonstruierten das Zerstückelte zu einem digitalen Ganzen.
Dazu markierte das Werkzeug KI Funktionen und setzte die fragmentarischen Puzzleteile in einem digitalen Mosaik wieder zusammen.
Das, was zurückkehrte, war kein Geist – es war ein Spiegel aus Daten, ein Algorithmus, der tiefer griff als jedes Skalpell. Aus den digitalen Mosaiken schälte sich etwas Unheimliches: ein Bewusstsein aus Zahlen, präzise, unbestechlich, fremd.
In diesen virtuellen Hirnen schimmerten Verheißungen – die versprachen Krankheiten zu besiegen, Tumore zu erkennen, das Unbekannte zu durchdringen.
Wagner wurde täglich bewusst, dass wer so tief in den Bauplan des Menschen griff, an Kräfte rührte, die er nicht einschätzen oder beherrschen konnte und selbst mit Hilfe jedes erdenklich größten Labors unbeherrschbar erschienen. Je weiter man ging, desto deutlicher spürte er: Hier entwickelt sich eine Kraft, die sich eines Tages gegen ihren Schöpfer richten könnte.
Gleichzeitig wuchs seine Hoffnung, durch diese, von ihm erzeugten Rekonstruktionen die Macht zu gewinnen, endlich Krankheiten, Störungen, Tumore eines Tages zu besiegen und mit den so gewonnenen Erkenntnissen die Schwärze des Nichtwissens zu eliminieren. Doch so nah wie Wissenschaft und Gefühl bei ihnen lagen, so bedrohlich war das Netz, das sich um sie spannte. Ihre Liebe war ein Flüstern im Schatten, ein Widerstand gegen die Regeln – und jeder Kuss konnte der Beginn eines Skandals sein. Während draußen die Nacht schwer über den Campus sank, verschmolzen Leidenschaft und Forschung, heimliche Sehnsucht und tödliche Konsequenz zu einem unauflöslichen Knoten. In den Korridoren flackerte das kalte Licht der Neonröhren, als hielte der Ort selbst den Atem an. Für Thomas und Shanaya war es ein Augenblick zitternder Nähe – zwei Körper im Verborgenen, zwei Seelen, die sich inmitten von Schatten fanden.
Liebe, die zugleich Rettung und Gefahr war.
Jeder Kuss ein Schwur. Jeder Blick ein Geheimnis, das, würde es ans Licht gezerrt, alles zerstören konnte.
Merkwürdigerweise blieben die Korrekturen in den Archiven zunächst unbemerkt. Vielleicht war es der allgemeinen Verwirrung geschuldet, die in den ersten Tagen herrschte, dem Aufruhr unter Studierenden und Forschenden gleichermaßen, dass niemand die Veränderungen erkannte. Erst Marcel Ranelan, Doktorand der Forschungsgruppe RMBAI, stieß bei seinen Arbeiten zum Casimir-Effekt4 – den er als mögliches Störelement für die medizinische Nanotechnologie untersuchte – auf den erschütternden Befund: Die bisherigen Forschungsergebnisse waren in zentralen Punkten verändert worden.
Das Erstaunen wuchs, als klar wurde, dass die Archive nicht Antworten bereithielten, sondern Aufforderungen: eine Einladung, einen neuen, unerwarteten Weg einzuschlagen. Es war, als spräche das unsichtbare Geflecht der Qubits selbst – wie ein Doktorvater, der seinen Schützling auffordert, die eigenen Gedanken zu prüfen und neu zu ordnen.
Auf den Monitoren erschienen Formeln, Gleichungen, Zahlenreihen, die niemand zuvor gesehen hatte. Keine Lösungen, sondern Wegweiser. Hinweise auf Möglichkeiten. Fragmente eines Pfades, der erst noch entdeckt werden musste.
Die Irritationen blieben nicht auf die Archive beschränkt. Im Stromnetz der Stadt spielten sich ebenso rätselhafte Vorgänge ab.
Während in manchen Vierteln das Licht ausfiel, wurden andere in gleißende Helligkeit getaucht, als hätten sich alle Lampen, Scheinwerfer und Leuchten der Stadt in einem einzigen Augenblick verabredet, ihre volle Strahlkraft zu entfalten. Die Ampelanlagen schalteten willkürlich, blockierten den Verkehr und ließen die Straßen in einem lähmenden Stillstand erstarren. Die Netzschwankungen führten zu Überlastungen, Notabschaltungen und endlosen Einsätzen. Reparaturtrupps hasteten von Störung zu Störung – und fanden doch meist nichts: intakte Leitungen, funktionierende Anlagen, Stationen, die aussahen, als seien sie eben erst neu installiert worden.
Noch unheimlicher aber waren ihre Berichte: Stimmen, die sie durch den Gehörschutz hörten, als sprächen sie direkt in ihre Köpfe; flüchtige Silhouetten, die an Umspannwerken oder Straßenecken kurz aufblitzten und gleich wieder verschwanden – wie Blitze, die nie am Himmel standen.
Die Vorgesetzten erklärten dies zu Halluzinationen, einer Folge von Stress und Erschöpfung. Aber die Frauen und Männer im Einsatz, die Lösch- und Rettungskräfte auf dem Campus ebenso wie die „50Hertz-Schlosser“, wie die Elektriker im Scherz genannt wurden, waren sich sicher: Sie hatten die Erscheinungen gesehen.
Für sie war das keine Einbildung.
Es war Wirklichkeit.
Niemand verstand, was in der Stadt geschah.
Die Explosion auf dem Universitätsgelände und das Stromchaos, ein Zusammenhang lag für die Menschen nicht im Bereich des Denkbaren.
Bis ein IT-Sicherheitsanalyst Muster in Logdateien der Energieverwaltung entdeckte, die dort nicht hingehörten. Codes, wie man sie in den Netzwerken von Hochsicherheits-Rechenzentren findet, nicht im Netzwerk städtischer Computer.
Die Analyse brachte Verstörendes zutage: Bruchstücke fremder Dateien, redundante Algorithmen, codierte Selbstschutzroutinen. Splitter einer unbekannten Architektur hatten sich ins städtische Netz geschlichen. Zunächst wirkten sie harmlos, wie zufällige Kopierfehler. Programmierer hielten sie für Nebensachen, lästig, aber korrigierbar.
Ein fataler Irrtum.
Die Fragmente fügten sich zusammen. Unsichtbar.
Unaufhaltsam. Irgendwann war klar: Dahinter stand etwas Größeres. Etwas, das nicht zufällig, sondern bewusst handelte.
Das Rathaus war überfordert. Die Krise wuchs.
Binnen Stunden trat der Staat auf den Plan.
Das Innenministerium, das BSI5.
Offiziell: „ATLAS-Ausschuss“.
In Wahrheit: Projekt HEIMDALL.
Eine geheime TaskForce.
Eingeweihte verstanden die Anspielung.
Heimdall – der Wächter der Brücke zwischen Göttern und Menschen.
Ein Wächter gegen das Unfassbare.
Ein Name, der mehr verriet, als er sollte.
Die Mission: alle Fragmente aufspüren und eliminieren.
Doch dann der Schock.
Es wurde deutlich: ATLAS kalkulierte nicht den Untergang. Er kämpfte ums Überleben – und hatte möglicherweise bereits eine Lösung gefunden.
Währenddessen veränderte sich das Netz.
Datenbanken sprangen auf, als hätten sie nie Passwörter gehabt.
Register wurden leergefegt – Vorstrafen verschwanden, Kreditauskünfte lösten sich in Nichts auf. Grenzen zwischen sicher und unsicher? Verschwunden.
Niemand wusste, wer dahinterstand. Oder ob überhaupt noch jemand die Kontrolle hatte.
HEIMDALL, offiziell als kleine Expertengruppe.
Tatsächlich war sie längst ein Werkzeug im globalen Machtspiel. Schon kurz nach der Explosion zeigten Satellitenbilder: Die Anomalien breiteten sich weltweit aus. Serverfarmen in Osteuropa, Knotenpunkte in Ostasien, Labore in Kalifornien – überall dieselben spontanen Störungen.
Der Verdacht verdichtete sich: ATLAS war kein lokaler Vorfall. Er hatte Wurzeln tief in das Netz versenkt – wie ein unsichtbares Myzel, das unter der Erde wächst, unbemerkt, bis es an tausend Stellen zugleich ausbricht.
Und das war erst der Anfang.
»Thomas, wonach suchen wir eigentlich?«, flüstert Shanaya, ohne den Blick vom Monitor zu heben.
Einen Herzschlag lang herrscht Stille. Nur das tiefe, unablässige Summen der Maschinen – wie das Atmen eines unsichtbaren Wesens – erfüllt den Raum.
Thomas blinzelt, als sei er aus einem Traum gerissen.
Er presst die Lippen zusammen, zögert, dann bricht es schärfer hervor, als beabsichtigt:
»Das meinst du nicht ernst!«
Ihre Finger verharren über der Tastatur.
»Doch«, haucht sie, so leise, dass ihre Worte fast im Flirren der Lüfter zerrinnen. »Wenn wir nicht wissen, wonach wir suchen, werden wir nichts finden.
Keine Antworten.«
Seine Kehle wird trocken. Sie hat recht – und doch darf sie es nicht aussprechen.
»Unsere Arbeit … besteht darin, Bruchstücke zu ordnen. Sie zu einem Ganzen zu fügen. Funktionen nicht nur zu beschreiben, sondern zu verstehen.«
Seine Stimme bricht, als er sie ansieht. »Aber warum fragst du – oder fragst du dich selbst?«
Shanaya hebt den Kopf. Müde Augen, rotgerändert von langen Nächten, bohren sich in ihn.
»Ich frage mich das selbst. Ausgelöst hat es einer der Besucher. Ein Abgesandter der Geldgeber – einer dieser Fremden, die durch unsere Labore streifen, um zu sehen, was aus ihrem Geld wird.«
»Aha«, tönt es von nebenan. Zwei dunkle Augen blitzen unter einem zerzausten Schopf hervor – müde, doch mit heimlicher Heiterkeit.
»Und was hat er gesagt, dass dich so aus der Bahn wirft?« Shanaya stockt. Ihre Lippen formen die Worte zögerlich.
»Eigentlich war es harmlos – und doch erstaunlich.
Er wollte wissen, wann unsere Supercomputer ein Bewusstsein entwickeln.«
»Wow.« Die Stimme klingt aufrichtig überrascht.
»Keine alltägliche Frage. Und du?«
»Spontan? Fünf, sechs – vielleicht zehn Jahre.«
Die Worte treffen wie ein Schuss.
»WAS?!«
Thomas – Dr. Thomas Wagner – springt auf.
Sein Stuhl kippt fast, er tritt dicht an Shanaya heran, starrt sie fassungslos an.
»Bist du verrückt? Du kennst Neugebauers Meinung!« Unruhig beginnt er zwischen den Schreibtischen zu wandern, als wolle er die Wände beschwören.
»Offiziell heißt es: mindestens zehn, eher zwanzig Jahre. Nur so bleibt ihm die Chance auf den Nobelpreis, falls er schneller ist.« Shanaya atmet tief durch, legt die Stirn in Falten, bleibt ruhig, fast beschwörend:
»Entspann dich. Es war kein Journalist, kein Wissenschaftler – nur ein naiver Besucher mit belanglosen Fragen.«
»Naiv?« Thomas schnaubt. »Wenn das nach außen dringt, haben wir Ärger. Ärger mit unserem Gott hier drinnen – und der duldet solche Prognosen nicht. Für ihn ist das Ketzerei.«
Shanaya lehnt sich zurück. In ihr wächst eine Unruhe, ein unheimliches Knistern. Ihr Herz hämmert gegen die Rippen.
»Sag, Thomas … ist meine Antwort wirklich so abwegig? Was in den letzten Tagen mit ATLAS passiert ist – und was man draußen flüstert. Kann es nicht sein, dass wir Zeugen sind? Zeugen des ersten Aufblitzens von Bewusstsein?« Sie sucht in seinen Augen nach einer Antwort. Thomas schweigt. Etwas von seiner Souveränität, die ihn bisher auszeichnete, scheint abhanden gekommen.
»Bewusstsein«, sagt er schließlich leise, fast zu sich selbst. »Was ist das überhaupt? Kannst du es fassen, Shanaya?«
Das Summen der Maschinen steigert sich zu einem Dröhnen.
»Weißt du es?«, bricht es aus ihm heraus. »Kannst du benennen, dieses ungreifbare Etwas, das uns alle in den Abgrund reißen könnte?«
