Queen on Heels - Nina MacKay - E-Book

Queen on Heels E-Book

Nina MacKay

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Beschreibung

Mariella, Baroness von Württemberg, steht eine traumhafte Ehe mit dem unverheirateten Kronprinzen von Preußen bevor – zumindest glaubt das ihre Mutter, als sie ihre widerwillige Tochter zur Brautschau schickt. Mariellas kleine Zwillingsschwestern haben auch noch ein Wörtchen mitzureden und mischen den gesamten preußischen Königshof ordentlich auf. Während die Baroness am liebsten mehr Zeit mit dem gut aussehenden Stalljungen Alex verbringt, entspinnt sich langsam ein Familiengeheimnis, von dem nur Mariellas Mutter etwas weiß. Ein Geflecht aus Intrigen, Verwechslungen und lustigen Streichen braut sich zusammen …

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Die AutorinNina MacKay, geboren irgendwann in den ausgeflippten 80er Jahren, arbeitet als Marketing- Managerin. Außerhalb ihrer Arbeitszeiten erträumt sie sich eigene Welten und führt imaginäre Interviews mit ihren Charakteren. Gerüchten zufolge hat sie früher als Model gearbeitet und einige Misswahlen auf der ganzen Welt gewonnen. Schreiben ist und war allerdings immer ihre größte Leidenschaft.

Das BuchMariella, Baroness von Württemberg, steht eine traumhafte Ehe mit dem unverheirateten Kronprinzen von Preußen bevor – zumindest glaubt das ihre Mutter, als sie ihre widerwillige Tochter zur Brautschau schickt. Mariellas kleine Zwillingsschwestern haben auch noch ein Wörtchen mitzureden und mischen den gesamten preußischen Königshof ordentlich auf. Während die Baroness am liebsten mehr Zeit mit dem gut aussehenden Stalljungen Alex verbringt, entspinnt sich langsam ein Familiengeheimnis, von dem nur Mariellas Mutter etwas weiß. Ein Geflecht aus Intrigen, Verwechslungen und lustigen Streichen braut sich zusammen …

Nina MacKay

Queen on Heels

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.  Originalausgabe bei Forever Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Oktober 2015 (2) © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015 Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Titelabbildung: © FinePic® Autorenfoto: © Mir Saad  ISBN 978-3-95818-058-1  Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.   Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Widergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Für Anja,die als Erste an dieses Buch geglaubt hat

EINS

»Mom«, quengelte ich. »Lass mich los!«

»Nein!« Sie hielt mich mit ihrem Schraubstock-Griff weiterhin fest am Arm gepackt. »Du ziehst jetzt dieses Kleid an.« Vorwurfsvoll hielt sie mir mit der freien Hand das pfirsichfarbene, wadenlange Kleid hin.

Ich starrte es wütend an. Es war das Symbol für meinen Untergang. Trotzig schüttelte ich den Kopf, so dass meine blonden Haare meiner Mutter nur so um die Ohren flogen. Wenigstens lockerte sie dadurch ihren Griff ein wenig.

»Sei nicht so störrisch. Du wirst entzückend darin aussehen! Dem Prinzen wird es sicher auch gefallen!«

Oh mein Gott, nicht diese Leier schon wieder. »Mom, ich gehe nicht zu dieser Feier und lasse mich vom alten Adel beglotzen und am Ende an irgendeinen preußischen Prinzen verkaufen.«

»Herrgott noch mal, Mariella!« Meine Mutter kniff wütend die Augen zusammen und schüttelte mich. »Zum hundertsten Mal: Du wirst auf dieser Party nur, wie alle anderen adligen Mädchen im heiratsfähigen Alter auch, dem Kronprinzen von Preußen vorgestellt. Und er ist nicht irgendein Prinz, er ist der Enkel des letzten deutschen Kaisers und besitzt Milliarden!« Sie riss die Augen auf. Doch dann, bevor ich etwas darauf erwidern konnte, nahm sie mich plötzlich in die Arme.

Okay, das war neu… Meine Mutter, die Herzogin von Bayern, war nicht gerade für ihre Gefühlsausbrüche bekannt.

Als Mom erneut zu sprechen begann, klang ihre Stimme rau und belegt. »Ich will doch nur, dass du eine gesicherte Zukunft vor dir hast. Du bist jetzt 21 Jahre alt und kannst nicht mehr jeden Tag mit deinen kleinen Geschwistern im Garten herumalbern und dich schmutzig machen.«

»Warum nicht?«, wollte ich fragen, verkniff es mir aber.

Mom seufzte und hielt mich dann eine Armeslänge entfernt von sich weg. »Du wirst dich jetzt zusammenreißen, dieses Kleid anziehen und endlich mal einen jungen Mann kennenlernen. Hast du mich verstanden?«

Allerdings, das hatte ich auch schon vor zwei Stunden. Nur tun wollte ich es nicht. »Mom, bitte lass mich noch eine kleine Weile Kind sein. Nur noch ein Jahr!«, bettelte ich.

»Mariella, du bist schon lange kein Kind mehr, und es wird Zeit, dass auch du das endlich einsiehst.« Sie schwieg, doch ich wusste genau, was sie dachte.

Bevor mein Vater vor zwei Jahren gestorben war, ging es unserer Familie noch blendend. Wir hatten ein glückliches Leben in Wohlstand und Liebe geführt, doch seit Dads Tod war alles anders. Meine Mutter war verbissen und kalt geworden. Plötzlich war es ihr wichtig, was andere über uns dachten, und sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, mich mit einem hochrangigen Adeligen zu verheiraten, damit wir wieder zu Ansehen und in alle Klatschspalten der Tageszeitungen kamen. Ich seufzte, denn ich wusste, dass sie gewonnen hatte. Wie sollte ich mich auch gegen dieses Argument wehren? Also gab ich meinen Widerstand auf.

Kaum hatte ich mich widerwillig in das pfirsichfarbene Tüllmonster gequetscht, klatschte meine Mutter begeistert in die Hände. »Du siehst umwerfend aus. Es ist perfekt für den Empfang morgen Nachmittag. Für den Ball nehmen wir noch ein langes Kleid mit.«

Na super. Sie hatte also schon alles minutiös durchgeplant. Wirklich spitzenklasse! Ich verdrehte die Augen und ließ mich rückwärts auf mein Himmelbett fallen. Meine Mutter hatte vor, mich wie ein Pferd meistbietend an den preußischen Prinzen zu verschachern.

Als wir am nächsten Tag in die Limousine stiegen, warf ich einen sehnsüchtigen Blick in Richtung unserer alten Pferdeställe. Sie standen verlassen wie trauernde Steinriesen am Rande unseres Anwesens. Seit dem tödlichen Reitunfall meines Vaters vor zwei Jahren hatte Mom uns verboten zu reiten und alle unsere Pferde verkauft. Ich vermisste meine braune Stute Hazel immer noch sehr. Dieses Pferd hatte ich wirklich abgöttisch geliebt. Doch ich hatte keine Zeit mehr, um Hazel zu trauern, denn unser Butler und Fahrer Harry schloss in diesem Augenblick die Tür unserer Stretch-Limousine und fuhr los.

Mom, die mir gegenübersaß, drückte mir meine kleine Schwester Clementina in den Arm, die trotz ihrer zwei Jahre immer noch fast kein Wort sprach. Mom wühlte derweil in Klatschmagazinen, die sie überall um sich herum verteilt hatte.

»Die Zeitungen sind voll von der Brautschau des Kronprinzen, aber nirgendwo ist ein Foto des Prinzen abgebildet. Er liebt die Presse wohl nicht besonders.« Mom seufzte.

Im Gegensatz zu meiner Mutter interessierte mich die Klatschpresse einen feuchten Hühnerfurz. Während sie weiter vor sich hin plapperte, wie schade es doch sei, dass wir kein Foto von Prinz Karl hatten, wippte ich Clementina auf meinem Schoß hin und her.

Auf den Sitzen neben mir lachten die Zwillinge, meine siebenjährigen Schwestern Luisa und Sophie, über die Grimassen, die Clementina zog.

Ich grinste. Meine blonden Schwestern waren einfach allesamt zuckersüß und sahen heute in ihren schicken, pastellfarbenen Kleidchen ganz bezaubernd aus.

Mein Bruder Christian hatte da weniger Glück gehabt. Moms eisigem Willen war es zu verdanken, dass er in einen Anzug mit Krawatte gesteckt worden war, an der er dauernd herumzog. Mit seinen 13 Jahren hatte er bisher nur ein einziges Mal einen Anzug tragen müssen, und das war bei der Beerdigung unseres Vaters gewesen.

Bei diesem Gedanken schnürte sich auch bei mir die Kehle zu. Ich zog an den Trägern meines pfirsichfarbenen Tüllkleids, doch das half nicht besonders, das Gefühl zu vertreiben.

Zum Glück war da auf Mom Verlass. Gerade hielt sie mir ein Foto von einem Mann hin, der wie ein bulliger Schlägertyp aussah.

»Das ist Prinz Frederick, der große Bruder von Prinz Karl. Sein Foto wurde nur ein einziges Mal abgebildet, als er von der Thronfolge ausgeschlossen wurde. Eigentlich hätte er der nächste König von Preußen werden sollen, doch es gab da einen Vorfall, weswegen König Gustav ihn praktisch enterbte.«

»Was für einen Vorfall?«, wollte Christian sofort wissen. Offenbar war sein Interesse geweckt. Immerhin ließ er dadurch davon ab, seine Krawatte weiter zu massakrieren.

»Das weiß ich leider nicht. Nirgends steht etwas darüber…« Mom wühlte weiter in ihren Zeitschriften.

»Und Mariella wird den Bruder von diesem Fettklops heiraten?«, fragte Luisa.

»Nein, ich werde ihm nur vorgestellt, wie hundert andere Mädchen auch. Aber danke der Nachfrage.«

Sophie schnappte sich die Zeitschrift mit Prinz Fredericks Foto.

»Mein Beileid, Schwesterchen«, grinste Christian in meine Richtung.

Die Zwillinge stupsten sich gegenseitig an und begannen gemeinsam loszuträllern: »Frederick, der war so dick und hatte einen …«

»… Pickel im Genick!«, ergänzte Christian hilfreich.

Ich ließ mich tiefer in den Sitz sinken. Na toll, ich sollte also mit dem Bruder eines bulligen Verbrechers verheiratet werden. Bestimmt war Prinz Karl auch so einer. Grobschlächtig, dumpfbackig, aufgeblasen… Mir fielen gerade noch mehr schmeichelhafte Adjektive für den Kronprinzen ein, als sich Clementina auf meinen Schoß übergab.

»Nein!«, kreischte Mom. »Dein Kleid!«

Ich grinste und klopfte Clementina auf den Rücken. Ach wie schade, mein Kleid war ruiniert, so konnte ich auf keinen Fall dem Prinzen vorgestellt werden. Braves Baby! Ich drückte Clementina einen Kuss auf die Wange.

Inzwischen hatte Mom ein Feuchttuch aus ihrer Tasche gezogen und rubbelte an dem Kotzfleck auf meinem Kleid herum. Damit Clementina nichts von Moms verstörender Hektik mitbekam, reichte ich sie an Christian weiter.

»Verdammt!«, fluchte Mom.

Ich runzelte die Stirn. Meine Mutter fluchte sonst nie.

Christian schien das auch aufgefallen zu sein. »Mom, weißt du, dass du in letzter Zeit ganz schön komisch bist?«, fragte er unvermittelt.

Doch Mom hörte nicht zu. »Harry!« Sie klopfte an die Trennwand der Limousine. »Fahren Sie uns zum Hintereingang des Schlosses. Sofort!«

Ich sah aus dem Fenster. Wir hatten uns bereits in die lange Schlange von Stretch-Limousinen eingereiht, die eine nach der anderen am roten Teppich, der vor den Eingangsstufen des Schlosses ausgerollt war, anhielten und eine adlige Familie nach der anderen ausspuckten. Am Eingang des Schlosses wurden alle Gäste von der preußischen Königsfamilie begrüßt. Allerdings konnte ich auf diese Entfernung ihre Gesichter nicht erkennen.

Mit quietschenden Reifen scherte Harry aus der Reihe der Limousinen aus und bretterte in Richtung Westflügel des Schlosses. Er hatte den panischen Ausdruck in der Stimme meiner Mutter wohl überbewertet. Die Königsfamilie und alle anderen Adligen auf dem roten Teppich wandten die Köpfe und sahen unserer Limousine verwundert hinterher. Gleichzeitig pressten die Zwillinge und ich uns an die Fensterscheiben und zogen wilde Grimassen, die leider niemand sehen konnte, denn die Scheiben unserer Limousine waren abgedunkelt.

Mom schnaubte genervt.

Wir schlitterten um die Ecke und kamen vor dem Hintereingang des Schlosses zum Stehen.

Bevor Harry uns die Türen öffnete und wir aussteigen konnten, hielt mich Luisa am Arm fest. »Du bist trotzdem die Allerhübscheste, Ella!«

»Ja, auch mit Kotze auf dem Kleid!«, bestätigte Sophie.

Ach, meine Geschwister waren einfach die Besten und die Klügsten! Grinsend stieg ich aus der Limousine und ließ mich von meiner Mutter ins Schloss bugsieren.

Gott sei Dank bekam ich im Schloss mein eigenes Zimmer. Trotzdem störte meine Mutter sofort meine Privatsphäre, denn sie wollte mein Kleid in die Reinigung bringen lassen. »Du musst es einfach bei deinem ersten Treffen mit dem Prinzen tragen. Es ist perfekt für diesen Anlass. Wir lassen es schnell reinigen, und zum Empfang nachher kannst du es wieder anziehen.« Fahrig strich Mom sich ihre dunkelblonden Strähnen hinter die Ohren.

Okay, wenn ihr dieses Kleid so wichtig war… Schnell zog ich es aus und reichte es ihr nach draußen. Danach schlüpfte ich in bequeme Jeans und meine Chucks. Über ein weißes Top zog ich eine leichte mintfarbene Bluse und legte dazu meinen indianischen Hals- und Armschmuck an.

»Ich sehe mich mal kurz im Schloss um!«, rief ich meiner Mom zu, dann rannte ich ohne eine Antwort abzuwarten aus dem Zimmer.

»Denk an den Nachmittags-Empfang! Sei pünktlich!«, rief meine Mutter mir hinterher. »Du hast schon deine erste Chance verpasst, den Prinzen kennenzulernen! Verpass deine zweite nicht!«

»Ja ja«, murmelte ich. Der Prinz war mir so was von egal.

~Prinz Karl~

Die adligen Damen waren nun alle eingetroffen und standesgemäß begrüßt worden, nun ja, alle bis auf eine … Zufrieden folgte König Gustav seiner Gattin Königin Elisabeth in Richtung Thronsaal.

Ihr Sohn Karl trottete ihnen schlecht gelaunt hinterher. Frederick hatte sich schon vor ein paar Minuten aus dem Staub gemacht.

»Jetzt sag schon, mein Sohn. Hat dir eine der Damen bereits zugesagt?« König Gustav ließ sich schwerfällig in seinen Thron fallen. Nach der ganzen Aufregung konnte er etwas Ruhe gut gebrauchen.

Prinz Karl ging schweigend zu einem der bodentiefen Fenster und schob die Gardine zur Seite, um hinauszusehen. »Das ganze Theater wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich habe euch gesagt, ich werde jetzt noch nicht heiraten, und dabei bleibt es!«

Seine Mutter, die Königin, schnaubte. »Du gibst diesen Mädchen jetzt eine Chance! Du kannst nicht mehr länger deine Zeit nur auf Pferderennbahnen vergeuden. Du wirst dir eine Frau nehmen und endlich sesshaft werden!«

Prinz Karl erwiderte nichts darauf, sondern starrte nur aus dem Fenster.

Plötzlich öffnete sich unter ihm die Tür zum Schlossgarten, und ein blondes Mädchen in Jeans und Chucks eilte ins Freie. Das Mädchen war sehr hübsch, wie Prinz Karl auffiel, und es strahlte so eine große Lebensfreude aus, dass selbst der Prinz lächeln musste.

ZWEI

Der Garten des Schlosses war wunderschön angelegt, doch ich nahm mir keine Zeit, ihn zu bewundern, sondern folgte zielstrebig dem Stallgeruch. Ich hatte doch gewusst, dass es hier Pferde gab! Als ich um eine Ecke bog, sah ich die riesigen Stallungen vor mir liegen. Mit klopfendem Herzen schlüpfte ich durch die Tür ins Innere.

Wow, das waren pure Luxus-Boxen für bestimmt dreißig Pferde! Genüsslich atmete ich den Pferdegeruch tief ein. Wie hatte ich diesen Duft vermisst!

Nach einer kleinen Weile des Staunens ging ich die Stallgasse entlang, um mir die Pferde genauer anzusehen. Ich ließ meine Finger über die kühlen Gitterstäbe streifen, während ich eins der schönen Tiere nach dem anderen bewunderte. Schließlich kam ich zur letzten Box am Ende des Stalls. Darin stand eine hochträchtige Fuchsstute. Ihr Bauch hatte bereits enorme Ausmaße angenommen, so dass ich mich beinahe wunderte, dass noch kein Sonnensystem um sie kreiste.

»Meine Güte, bald platzt du aber, oder Süße?«, flüstere ich ihr zu.

»Na, ich hoffe doch nicht!«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir.

Ich schrak zusammen und drehte mich um. Hinter mir stand ein Typ, etwa so alt wie ich, mit kurzen braunen Haaren. Er trug Jeans, ein kariertes Hemd und ein Badboy-Grinsen im Gesicht.

»Ganz schön schreckhaft«, stellte er fest.

»Ganz schön ungehobelt«, gab ich zurück. Was wollte der denn jetzt?

»Entschuldige bitte? Das ist immer noch mein Stall.« Er schürzte die Lippen in gespielter Entrüstung und stützte sich dann mit einer Hand an den Gitterstäben der Box ab.

»Also bist du der Stalljunge?«, fragte ich.

»So was in der Art«, grinste er.

Ich legte den Kopf schief. Ah ja.

»Ich bin Alex.« Er streckte mir die Hand hin.

Ich ergriff sie. »Mariella.«

»Schöner Name. Du scheinst dich für Olympia zu interessieren?« Er nickte in Richtung der trächtigen Fuchsstute.

»Sie ist wunderschön«, gab ich zu.

Er grinste wieder sein Badboy-Grinsen. Was gab es da bitte jetzt zu grinsen?

Alex legte den Kopf schief. »Hast du vielleicht Lust, mir zu helfen, sie auf die Koppel zu bringen?«

Ich starrte ihn an. »Äh, ja klar, warum nicht?«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, nahm Alex ein Halfter und einen Strick, legte beides Olympia um und drückte dann mir den Strick in die Hand. »Los, worauf wartest du?!«

Verdutzt sah ich ihn an, folgte ihm aber zusammen mit Olympia aus dem Stall.

»Woher kommst du eigentlich, Mariella? Bist du auch eine der Prinzessinnen, die dieses verlängerte Wochenende im Schloss zu Gast sein werden?«

»Nö, bin die Baroness von Württemberg«, nuschelte ich undeutlich.

Er lachte. »Wie bitte? Ich glaube, ich habe das gerade nicht richtig verstanden.«

Ohne es zu wollen, fing ich nun auch an zu grinsen. Ich kam einfach nicht umhin, die niedlichen Grübchen in Alex‘ Gesicht zu bewundern, die sich zeigten, wenn er lachte.

Auf der Koppel nahm ich Olympia das Halfter ab und ließ sie laufen. Sie trottete schwerfällig davon, und Alex schloss das Gatter hinter ihr. Wir beobachteten die trächtige Stute eine Weile, ohne dass einer von uns beiden ein Wort sagte.

Schließlich räusperte sich Alex. »Ich denke, das Fohlen kommt heute oder morgen Nacht. Es liegt schon ziemlich tief.«

Wow, dann wäre ich ja noch hier, um es zu sehen! Unwillkürlich musste ich lächeln.

Alex kletterte auf das hölzerne Gatter und setzte sich auf den obersten Querbalken. »Pass auf, du fällst noch hin!«, warnte ich ihn. Was redete ich da eigentlich? Am liebsten hätte ich mir mit der Hand vor die Stirn geschlagen. Schließlich war Alex nicht mein kleiner Bruder! »Ach meinst du?«, schmunzelte er. »Und wenn, würdest du mich dann nicht auffangen?«

Ich kniff die Augen zusammen. Dieser Stalljunge war ja ganz schön frech.

Im nächsten Moment verlor Alex das Gleichgewicht und fiel nach hinten. Reflexartig sprang ich nach vorn und klammerte mich an seine Oberschenkel, um ihn zu stabilisieren. Ich löste sogar meine Füße vom Boden, um ihn mit mehr Gewicht wieder nach vorn zu ziehen.

»Oh Mann, du fällst aber auch auf jeden Trick rein«, lachte Alex. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hakte er sich mit den Füßen am Gatter ein, schwang seinen Oberkörper wieder nach vorn und rutschte leichtfüßig am Gatter hinab, wobei er mich mit sich zog.

Aha, er hatte das alles also nur gespielt. Dieser Mistkerl! Verdammt, ich war aber auch einfach zu leichtgläubig. Wütend funkelte ich ihn an. »Du bist ganz schön unverschämt, weißt du das?«

»Und du bist ganz schön süß, wenn du dich ärgerst, weißt du das?« Da war es wieder, das Badboy-Grinsen.

Machte er mich jetzt etwa nach? Leider machte meine Schlagfertigkeit wohl gerade Mittagspause, denn mir fiel absolut keine clevere Erwiderung darauf ein. Ich schluckte. Auf einmal wurde mir bewusst, wie nah wir beieinander standen. Aus dieser Entfernung konnte ich sogar das Glitzern in seinen blaugrauen Augen sehen.

Plötzlich stupste ihn ein Pferd von hinten an, und Alex wurde gegen mich gedrückt.

»Hmpf«, machte ich stumpfsinnigerweise, als sein Flanellhemd in mein Gesicht gedrückt wurde.

»Alter!«, tadelte Alex den schwarzen Friesen hinter uns.

Mann, roch dieser Typ gut. Nach Pferd und irgendwie Nadelbaum oder so. Meine Güte, ich klebte ja immer noch an ihm! Schnell sprang ich einen Schritt zurück. »Ja … also … Ich muss dann auch langsam zurück …«, nuschelte ich.

»Schon?«, fragte Alex. »Willst du vielleicht auf Playboy zum Stall reiten? Ich glaube, er möchte wieder zurück.« Er deutete auf den Friesen.

»Das Pferd heißt Playboy?«, fragte ich ungläubig. »War das deine Idee?«

»Jap, eine meiner besten!«, grinste Alex, während er das Pferd tätschelte. »Also, was sagst du? Playboy würde sich freuen. Richtig, Alter?« Er stupste Playboy mit dem Ellenbogen an. Das Pferd schnaubte.

Natürlich wollte ich! Ohne mit der Wimper zu zucken, kletterte ich auf das Gatter neben dem Tor. »Jetzt führ ihn schon raus«, befahl ich, als er einfach nur dastand und mich ansah.

Kopfschüttelnd legte Alex Playboy das Halfter und den Strick von Olympia an, dann öffnete er das Tor.

Als er den Wallach neben mir anhielt, schwang ich mich vorsichtig auf Playboys Rücken. Meine Güte, war das ein schönes Tier! Sein Fell glänzte in der Nachmittagssonne. Gleichzeitig registrierte ich, wie fantastisch es sich anfühlte, auf ihm zu reiten.

Während ich den kleinen Ausflug genoss, hielt ich mich an seiner Mähne fest. Mein Haar wehte im Wind, und ich schloss für einen Moment die Augen.

»Hast du auch ein Pferd?«, wollte Alex wissen. Er sah zu mir hoch, während er Playboy am Führstrick hielt.

»Leider nicht mehr«, antwortete ich und erzählte ihm von meiner Stute Hazel, von der ich mich vor zwei Jahren hatte trennen müssen. Kurz vor dem Stall hielt Alex Playboy an. »Rutsch runter, ich fang dich auf«, wies er mich an.

»Ich kann durchaus alleine absitzen«, entgegnete ich.

Alex stellte sich neben mich und wedelte ungeduldig mit der Hand. »Ach was, Runterrutschen macht viel mehr Spaß. Jetzt mach schon!«

Ich verdrehte die Augen, schwang dann aber doch mein rechtes Bein über Playboys Mähnenkamm und rutschte Alex entgegen.

Geschickt fing er mich auf und lachte. »Siehst du?«

Ich konnte nur nicken. Seine Grübchen waren einfach zu anbetungswürdig, obwohl dieser Typ wirklich unverschämt war. Mist. Er hielt mich immer noch fest und grinste sein gewinnendes Badboy-Grinsen.

Schnell machte ich mich von ihm los. »Gut, danke für den Ritt … also ich meine, für die Playboy Erfahrung … ach verdammt!« Ich schlug mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Mist, warum musste ich mich jetzt so blamieren? Ich hörte Alex losprusten, und als ich die Hand von meinem Gesicht nahm, sah ich, dass er sich vor Lachen mit den Händen an seinen Oberschenkeln abstützte.

»Haha, sehr witzig!« Ich warf den Kopf in den Nacken und stolzierte davon.

»Hey, warte!«, rief er mir hinterher. »Wollen wir später zusammen ausreiten? Also auf zwei Pferden, meine ich!«, fügte er lachend hinzu.

»Mal sehen«, sagte ich, ohne mich umzudrehen. Doch mein Herz klopfte plötzlich schneller. Natürlich nur, weil ich wieder reiten konnte, redete ich mir ein. Welchen anderen Grund konnte es dafür geben?

Oh mein Gott – schon so spät? Den Weg zurück in mein Zimmer rannte ich vorsichtshalber, nachdem ich auf die Uhr gesehen hatte.

Als ich zurück ins Zimmer kam, sprangen die Zwillinge gerade auf meinem Bett herum und lachten.

»Mom sagt, du musst dich beeilen!«, informierte mich Sophie.

Wie sie da so hüpften in ihren zitronengelben Kleidchen, sahen die Zwillinge wie zwei zwitschernde Kanarienvögel aus. Ich verkniff mir jedoch einen Kommentar, denn ich musste mich ja beeilen. Schnell schnappte ich mir das pfirsichfarbene Tüllkleid, das nun völlig kotzefrei am Kleiderschrank hing. Dann tauschte ich meinen coolen Schmuck gegen langweilige Perlenohrringe.

»Seid ihr so weit?«, rief meine Mutter aus dem Nebenzimmer, das durch eine dunkle Holztür mit meinem verbunden war. »Wir sollten den Prinzen nicht warten lassen.«

Ich stöhnte.

Die Zwillinge kicherten und stimmten ein Lied an, während sie weiter auf meinem Bett hin und her sprangen. »Prinz Karl der Aal, war gar nicht schmal – und auch an der Stirn ganz kahl!« Begeisterungsheischend sahen sie mich an. Wahrscheinlich hatten sie dafür lange geübt. »Und er stahl triumphal Ellas BH im Ball-Saaaal und wurde ihr Gemaaaaaahl!«

Ich legte den Kopf schief und verzog keine Miene. »Die Stelle mit dem BH reimt sich noch nicht so ganz!«

Die Zwillinge quiekten vor Freude und verlegten sich dann darauf, wilde Kussgeräusche in meine Richtung auszustoßen. Na das konnte ja ein heiterer Nachmittagstee werden. Schade, dass sich die guten Manieren bei meinen Schwestern auf ein Minimum reduzierten …

Natürlich lagen wir wie immer einen Ticken hinter dem Zeitplan, und so hasteten wir zu sechst in Richtung Thronsaal. So schnell mich meine High Heels trugen, jedenfalls. Ich konnte nur hoffen, dass Clementina das Schaukeln auf Moms Arm vertrug und sich nicht wieder übergab.

Vor dem Thronsaal hatten sich schon jede Menge piekfeine adelige Möchtegern-Bräute, wie ich die Prinzenjägerinnen im Geiste nannte, versammelt.

Keuchend hielt Mom neben mir an. »Mariella, du reihst dich in der Schlange ein und wirst dann aufgerufen und vorgestellt.« Ihr Blick fiel auf meine Füße. »Lieber Gott, was hast du für Schuhe an?«

Beleidigt setzte ich meinen unschuldigsten Gesichtsausdruck auf: »Wieso? Das sind Designer-High-Heels…«

»Das sind Louboutins mit roten Sohlen, und ich habe dir verboten, diese Flittchen-Schuhe zu tragen!«, ereiferte sich Mom, seufzte dann aber nach einem Blick auf die Uhr. »Na gut, jetzt können wir es nicht mehr ändern, aber heute Abend beim Ball ziehst du anständige Schuhe an!«

Ich deutete ein Nicken an, das man auch als Zähneknirschen hätte interpretieren können.

»Wir gehen schon mal rein. Viel Glück!« Mom drückte meinen Arm.

Die Zwillinge machten noch ein paar Kussgeräusche mit Hilfe ihrer Unterarme, dann waren sie um die Ecke verschwunden, um einen Nebeneingang in den Saal zu nehmen.

Na toll, meine Familie ließ mich also alleine bei den Möchtegern-Bräuten zurück, so kurz vor dieser Fleischbeschau, die sie als Nachmittags-Teeempfang getarnt hatten, dachte ich, während ich vor mich hin schmollte.

Ein Palastangestellter kam auf mich zu, fragte nach meinem Namen und trug mich dann in eine Liste ein. Er tippte sich an sein Headset und erklärte, er würde mich aufrufen, wenn ich an der Reihe war und von einem Ansager vorgestellt werden würde.

Super. Mein großer Auftritt.

Da ich keine Lust mehr hatte zu stehen, setzte ich mich auf eines der breiten Fensterbretter. Zwar liebte ich meine 15 Zentimeter hohen, nudefarbenen Louboutin-High-Heels, aber mehr als ein paar Minuten am Stück konnte ich nun wirklich nicht darin stehen.

Mein Blick schweifte über die Landschaft vor dem Fenster, und ich versuchte mich zu orientieren. Rechts von mir lag der See, vor mir der Platz mit dem tiefen Brunnen, aus dem früher bestimmt Wasser für die Pferde geschöpft worden war, und dahinter lagen die Pferdeställe und dahinter wiederum die Koppeln für die Pferde.

Ich erstarrte, als ich sah, was sich gerade auf einer der Koppeln abspielte. Oh mein Gott! Schnell rutschte ich von der Fensterbank und rannte los, was sich schwieriger gestaltete als gedacht. Verdammt, wie hatte das Cinderella nur gemacht mit ihrem Sprint in den hohen Glaspantoffeln? Auch egal. Ich streifte die Louboutins ab und sprintete barfuß den Gang hinab in Richtung des nächsten Treppenhauses.

Die Möchtegern-Bräute mussten denken, dass ich verrückt geworden war oder unter einem Anfall von besonders großem Lampenfieber litt, aber das scherte mich nicht. Ich flog praktisch die Treppen hinunter und raste zum Stall. Ohne auf meine nackten Füße zu achten, rannte ich über den Kiesboden um den alten Wasserbrunnen herum und zog die Tür zum Stall auf. »ALEX!«

Keine Antwort. Verdammt, wo steckte er?

Der Stall lag mucksmäuschenstill und verlassen vor mir. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Mistkacke!

Ich rannte zum hinteren Tor, das direkt zu den Koppeln führte, und schnappte mir auf dem Weg ein Hufmesser aus dem Equipment des Hufschmieds. So bewaffnet stieß ich das hintere Tor auf und raste weiter zur Koppel. Ich hatte viel Zeit verloren, und die Situation auf der Koppel hatte sich zugespitzt, wie ich schon von weitem bemerkte.

Die letzten Meter legte ich mit einem eindrucksvollen Sprint zurück. Gott sei Dank reichte mir mein Kleid nur bis kurz über die Knie und behinderte mich nicht allzu sehr. Endlich erreichte ich Olympia. Sie röchelte und war augenscheinlich kurz davor, das Zeitliche zu segnen. Oh nein! Wenn sie starb, würde auch das Fohlen nicht überleben! Ich musste etwas unternehmen!

Die Stute lag auf der Seite und starrte mich aus schreckgeweiteten Augen an. Sie hatte sich mit ihrem Kopf hoffnungslos in den weißen Bändern des Elektrozauns verfangen, der die Pferde neben dem Holzzaun davon abhalten sollte, von der Koppel zu türmen. Schwer atmend ließ ich mich direkt vor ihr auf die Knie sinken. Wenn ich nichts unternahm, würde sie sich in den nächsten Sekunden zu Tode würgen!

Ich hatte keine Zeit, die Stromverbindung zu unterbrechen, denn ich wusste nicht, an welchem Ende des Zauns die Batterie angeschlossen war. Also biss ich die Zähne zusammen und zerschnitt mit dem Hufmesser die Elektrozaunbänder links und rechts von Olympias Kopf. Die Stromstöße zuckten durch meinen Arm und taten höllisch weh, doch ich unterdrückte den Reflex zurückzuzucken. Was war so ein bisschen Schmerz schon, wenn ich dafür Olympias Leben und das ihres ungeborenen Fohlens retten konnte? »Bitte, bitte, lass sie nicht sterben«, flehte ich den Himmel an, während ich Olympia von den restlichen Bändern um ihren Hals befreite. Sie japste mit verdrehten Augen vor sich hin.

Nachdem alles entfernt war, streichelte ich der Stute beruhigend über den Kopf. »Es ist alles gut, Süße, du kannst jetzt wieder aufstehen«, flüsterte ich ihr zu. Und nach ein paar Minuten tat sie das auch tatsächlich. Erleichtert wischte ich mir die Tränen aus den Augen. Ich hatte auf diese Weise bereits eins von Hazels Fohlen verloren, damals vor fünf Jahren. Gut, dass ich dieses Mal wenigstens rechtzeitig gekommen war.

So als wäre nie etwas gewesen, trottete Olympia zurück in die Mitte der Koppel und ließ mich ganz allein zurück. Na ja. So waren Pferde eben. Was hatte ich erwartet?

Langsam stand ich auf und klopfte mir mein Kleid ab. Verdammt, mein Kleid! Der Nachmittagsempfang des Prinzen! Meine Mutter würde mich umbringen! Ich ließ das Hufmesser fallen und rannte los, zurück in Richtung des Schlosses…

Als ich im Flur vor dem Thronsaal ankam, fand ich dort niemanden außer zwei Pagen vor.

Die Möchtegern-Bräute waren anscheinend schon allesamt vorgestellt und in die feine Gesellschaft eingeführt worden.

Ich war zu spät. Verdammt, meine Mutter würde mir jetzt auf jeden Fall den Kopf abreißen!

Einer der Pagen reichte mir meine Louboutins.

Na, immerhin etwas! Wenigstens musste ich mich jetzt nicht barfuß meiner Mutter und dem königlichen Hofzirkus stellen. Hastig streifte ich, sehr zum Missfallen der beiden Pagen, meine schmutzigen Füße am roten Teppich ab und stieg in meine High Heels. Gut, vielleicht war mein Kleid leicht schmuddelig und meine Haare etwas zerzaust, aber ich besaß ja wohl ein gewisses Maß an Haltung und angeborener adeliger Anmut – nun ja, beinahe jedenfalls -, also straffte ich die Schultern, bog um die Ecke und schlüpfte lautlos durch den Nebeneingang in den Thronsaal.

Zunächst blieb mein verspätetes Auftauchen auf der Tee-Party unentdeckt, bis meine kleine Schwester Clementina auf mich zugerannt kam und dabei laut: »Edda! Edda!« krakeelte. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass ihre Version meines Namens immer noch am nächsten dran war, im Gegensatz zu ihren Namen für meine Geschwister. Lächelnd nahm ich meine kleine Schwester hoch, die heute wie eine zarte Elfe aussah in ihrem hellgrünen Kleidchen mit pinkfarbener Schleife am Rücken.

Und da kam auch schon Mom auf mich zugestürzt. »Wo bist du gewesen?«, zischte sie. »Dein Name wurde aufgerufen, aber du bist nicht aufgetaucht. Und wie siehst du überhaupt aus?« Sie nahm mir Clementina ab und stellte sie auf den Boden, damit sie das volle Maß meiner Unzulänglichkeiten betrachten konnte.

»Ich musste einem Pferd das Leben retten!«, verteidigte ich mich.

Doch Mom hörte mal wieder nicht zu. Sie zog mich einfach mit sich. »Schon wieder eine Chance verpasst, den Kronprinzen kennenzulernen! Na gut! Aber du wirst dich jetzt wenigstens der Königin vorstellen.«

»Wie bitte? Ich dachte, ich soll den Prinzen heiraten und nicht die …«

»Ja ja, sehr witzig«, unterbrach mich meine humorlose Mutter. »Sie ist die Einzige aus der Königsfamilie, die noch anwesend ist. Der König weilt bereits außer Haus. Anscheinend hat er heute Nachmittag einen wichtigen Staatsbesuch zu absolvieren, sonst hätte ich dich ihm natürlich zuerst vorgestellt. Leider bist du viel zu spät! Der Kronprinz hat den Empfang schon verlassen. Der Arme hat einen plötzlichen Migräneanfall erlitten.«

Wie bitte? Ich hörte ja wohl nicht richtig! Dieser Mistkerl von einem Prinzen! Wieso klaute er mir meine Migräne-Nummer, die ich vorgehabt hatte, in den nächsten fünf Minuten auszupacken? Und wieso war er dieser Hölle aus Teegebäck und adligem Geschnatter bereits entkommen und ich nicht? Verdammt. Ich hasste diesen Prinzen jetzt schon! Dieser dämliche Vollidiot! Jetzt brauchte ich Mom natürlich nicht mehr mit meinem Fake-Migräneanfall zu kommen! Schnell durchforstete ich mein Hirn nach Alternativen. Wie täuschte man noch mal einen Blinddarmdurchbruch vor? Doch ich hätte mir darüber nicht den Kopf zerbrechen müssen, wie sich herausstellte, denn ich hatte ja meine Schwestern Luisa und Sophie dabei.

Die Zwillinge wählten eben diesen Moment, um eine Räuberleiter zu dem riesigen Schokoladenbrunnen zu machen, der am Rande des Thronsaals neben den Servierwagen mit Kaffee, Tee und Gebäck aufgebaut worden war. Der goldene Brunnen umfasste drei Stockwerke, wovon das unterste etwa die Ausmaße eines Traktorreifens aufwies. Der Küchenchef hatte, zu seinem Pech, den Schokobrunnen etwas zu hoch für zwei Siebenjährige aufgebaut, und das rächte sich nun.

Ich sah gerade noch, wie Luisa, die auf Sophies Händen und Oberschenkeln stand, beherzt zwei Kekse in die flüssige Schokolade tunkte, dann das Gleichgewicht verlor und mitsamt der Brunnenkonstruktion nach vorne stürzte …

Es schepperte gewaltig, als wäre Luisa in eine Marschkapelle gefallen.

»Luisa!« Ich schlug mir die Hand vor den Mund.

Mom drehte sich um, um zu sehen, was passiert war. »Nein!«, kreischte sie, jetzt schon zum zweiten Mal an diesem Tag.

Ohne zu zögern, rannte ich auf die Zwillinge zu, die unverletzt schienen, aber von Kopf bis Fuß mit klebriger Schokolade bespritzt waren. Ebenso wie der teure Parkettboden um sie herum…

Den beiden schien ihr kleines Malheur aber nicht im Geringsten peinlich zu sein. Luisa machte sich noch nicht einmal die Mühe, aus der Schokoladenpfütze aufzustehen, nein im Gegenteil! Sie bewegte fröhlich beide Arme und Beine auf und ab und machte einen Schneeengel auf dem Parkettboden – nun ja, in diesem Fall eher einen Schokoladenengel …

»Schau Ella, mein Schokokleid.«

Ich ließ das vorerst unkommentiert und schnappte mir stattdessen meine Schwester, die mich angrinste, als sei nichts gewesen.

Hinter mir packte Mom Sophie, und Christian klemmte sich Clementina unter den Arm. Wir waren alle einfach schon zu kampferprobt mit den Zwillingen und ihren Streichen, dass jeder wusste, was zu tun war, wenn wir uns mal wieder schnellstmöglich aus dem Staub machen mussten. So schnell und gleichzeitig so anmutig wie wir konnten, trugen wir die jüngsten Hoffnungsträger des süddeutschen Adels, die Sprößlinge des höchsten gesellschaftlichen Standes in Bayern und Baden-Württemberg, in Richtung der Ausgangstüren.

Mein Kleid war nach der Bekanntschaft mit Luisa vorn vollständig mit Schokolade beschmiert. Aber an Verschmutzungen musste es sich ja inzwischen schon gewöhnt haben, nach dem Vorfall in der Limousine. Wirklich schade, dass keine Reporter im Schloss zugelassen waren. Heute hätte Mom ihre Schlagzeile in der Klatschpresse haben können!

Und wenn der Prinz mich so gesehen hätte, wäre ich nach dem Auftritt sicher auch nicht mehr in die engere Wahl gekommen. Verflixt, wieso musste er auch die Migräne-Nummer auffahren?

Die adelige Gesellschaft hatte sich inzwischen von ihrem Schock erholt. Ein Raunen ging durch die Menge. Die versnobten Möchtegern-Bräute tuschelten und kicherten, aber das war mir egal. Was sie über mich dachten, interessierte mich weniger als Fußpilz.

Als wir den Ausgang fast erreicht hatten, drehte sich Luisa, selbstbewusst wie sie war, in meinen Armen zu unseren Zuschauern um und rief ihnen über meine Schulter hinweg zu: »Wir sind noch bis Sonntag im Schloss!«

»Ja, verpasst unsere nächste Vorstellung nicht!«, ergänzte Sophie und winkte.

Ich verdrehte die Augen. Mit meiner zauberhaften Familie war einem der große Auftritt aber auch wirklich IMMER garantiert!

Bevor Mom mich zum Zwillinge-Waschen einteilen konnte, schlich ich mich davon, denn ich wollte ja noch reiten gehen. In meinem Jeans-Outfit von heute Nachmittag schlüpfte ich aus dem Zimmer.

»Wohin willst du?« Mom hatte sich hinterlistigerweise von hinten an mich herangeschlichen.

»Ich, ähm … wollte nur …«, stammelte ich, schlagfertig wie ich war. Mist, sie durfte nichts von meinem Treffen mit dem Stalljungen erfahren und schon gar nichts von unserem geplanten Ausritt. Seit mein Vater bei einem Reitunfall ums Leben gekommen war, hatte sie uns verboten zu reiten.

Jetzt wippte Mom auch noch ungeduldig mit dem Fuß.

»Wollte nur mal kurz raus«, murmelte ich.

»Ah ja. Nur mal kurz raus, wie? Wie vorhin vor dem Nachmittags-Empfang? Als du plötzlich verschwunden warst und dann viel zu spät wieder aufgetaucht bist?«

Mist. Touché. »Mom, wirklich. Ich verspreche, ich bin pünktlich zum Ball wieder da!«

»Oh nein. Eine Stunde vorher wirst du wieder hier sein!«

»Das heißt, ich darf jetzt gehen?« Ungläubig riss ich die Augen auf.

Mom legte den Kopf schief und tippte sich dann ans Kinn. »Wenn du die Seidenhandschuhe zu deinem Kleid anziehst.«

Oh Mann, das konnte nicht ihr Ernst sein! Ich hasste diese langen, weißen Handschuhe, die bis über die Ellenbogen gingen. Zusammen mit dem eisblauen Kleid, das Mom für mich gekauft hatte, sah ich damit wie Cinderella aus. Aber genau darauf hatte sie es ja abgesehen.

Wütend funkelte ich sie an. »Na gut«, presste ich dann hervor. Damit blieben mir nur noch 90 Minuten, bis ich wieder hier sein musste.

Mom trat einen Schritt zur Seite, was ich zum Anlass nahm, ohne ein weiteres Wort loszuspurten.

Im Stall fand ich Alex lässig auf einem Strohballen sitzend vor.

»Hey!«, begrüßte er mich.

»Hi.«

Nach dieser einsilbigen Begrüßung sah er mich prüfend von der Seite an. »Sag mal weißt du etwas von einem zerschnittenen Elektrozaun?«

»Ja, allerdings.« Ich reckte das Kinn, schließlich hatte ich nichts zu verbergen, sondern einem Pferd das Leben gerettet! »Olympia hatte sich darin verfangen und fast erwürgt! Ich musste ihn zerschneiden!«

Um Alex‘ Mundwinkel zuckte es. »Also bist du eine Heldin! Nicht schlecht.«

Ich war mir nicht sicher, ob er das ironisch meinte. Aber ich hatte keine Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, denn Alex sprang jetzt vom Strohballen und landete direkt vor mir. Hui, dieser Mann hatte wirklich kein Problem mit körperlicher Nähe. Irgendwie musste ich ihn dafür einfach bewundern.

»Also du bist hier. Heißt das, du reitest mit mir aus?«, fragte er.

»Meine Güte, wo hast du denn so clever kombinieren gelernt. Detektivschule, oder was?«, spottete ich.

Er grinste.

Und da war es auch schon wieder: das Badboy-Grinsen. Mist. Komischerweise spürte ich im selben Moment einen Kloß im Hals. Vielleicht bekam ich ja eine Erkältung? Ja, das musste es sein. Schließlich war ich vorhin barfuß …

»Ist das ein Ja?«, unterbrach Alex meine Gedanken.

Mein Kloß im Hals und ich konnten darauf nur nicken.

Auf Alex' Gesicht zeichneten sich so etwas wie Überraschung und Freude gleichzeitig ab. Hatte er etwa geglaubt, ich würde einen Rückzieher machen?

»Also, welches Pferd bekomme ich?«, wollte ich ohne Umschweife wissen.

»Mhm, ich glaube, Gilops Destiny würde zu dir passen.«

»Wer?«, fragte ich verwirrt.

Alex lachte. »Gilops Destiny. Wir nennen sie aber alle Klopsi.«

Ich hob eine Augenbraue. »Wieder so ein schmeichelhafter Name, den du dir ausgedacht hast?«

»Gut erkannt«, meinte Alex und ging voran, um mir mein Pferd zu zeigen.

Klopsi stand in der Box gegenüber von Olympia. Sie war ein strahlend schönes, braunes Pferd mit schwarzer Mähne und Schweif. Als ich vor ihre Box trat, musterte sie mich abfällig. Ich konnte auf den ersten Blick erkennen, dass das ein recht bockiges Pferd war.

»So. Passt also gut zu mir, ja?«, murmelte ich.

Doch Alex hatte mich nicht gehört. Er brachte mir gerade das Putzzeug.

Gemeinsam führten wir Klopsi und Playboy nach draußen an den Anbinde-Platz, um die Pferde zu striegeln.

Nach 15 Minuten waren wir fertig und saßen im Sattel.

»Wohin?«, fragte ich.

»An den See. Wohin sonst?«, meinte Alex. »Hoffentlich reitest du besser, als du aussiehst«, fügte er nach einem Zwinkern hinzu.

Hallo? Ich hörte ja wohl schon wieder nicht richtig! »Hoffentlich nimmst du das sofort zurück, wenn du nicht meine Gerte am Hinterkopf spüren willst!« Ich drohte ihm mit der Dressurgerte, die er mir gegeben hatte.

»Das war nur Spaß!«, beteuerte er, während er abwehrend beide Hände hob.

Probeweise ließ ich trotzdem meine Gerte in seine Richtung schnellen. Doch er zog im richtigen Moment den Kopf ein, bevor er sich wieder aufrichtete und mir einen empörten Blick zuwarf.

Ich schürzte die Lippen. »Was? Das war auch nur Spaß!«

»Ja sicher«, murmelte er mehr zu sich selbst. »Wie Klopsi. Sie ist ganz genau wie Klopsi…«

Nach einer Weile erreichten wir schließlich den See. Riesengroß und kristallklar lag er vor uns. Ein wahres Prachtexemplar. Sicherlich hatten ihn bereits Dutzende Künstler in den schillerndsten Farben auf Leinwand gemalt. Die Königsfamilie wusste gar nicht, was für ein Glück sie hatte.

»Lass uns etwas traben, oder?«, fragte ich Alex.

»Ja klar. Zeigt mal, was ihr drauf habt«, grinste er.

Das ließen Klopsi und ich uns natürlich nicht zweimal sagen. Als hätten wir in unserem Leben nie etwas anderes getan, trabten wir gemütlich auf dem Feldweg neben dem See entlang.

»Hast du Lust auf ein Wettrennen?«, fragte Alex zwei Minuten später. »Da vorne, wo die Löwenzahnwiese beginnt, bis zu der kleinen Buche am anderen Ende?«

Natürlich wollte ich! »Klar!«

»Gut«, nickte er.

Ich wartete darauf, dass er drei, zwei, eins sagen würde oder so, aber er rief einfach unvermittelt: »Attacke!« und galoppierte los.

Dieser Mistkerl! Klopsi und ich gaben Gummi und setzten ihm hinterher. Am Ende gewannen wir mit einer Pferdelänge Vorsprung vor Playboy und Alex.

»Yeah!« Ich reckte die Faust und rief: »Komm, Klopsi, high five!« Da sie nicht einschlug, klatschte ich einfach beide Hände über meinem Kopf zusammen.

Hinter mir lachte Alex sich schlapp. »Manchmal bist du ganz schön witzig!«, meinte er.

Ich runzelte die Stirn. »Ach, ist das so?«

»Ja, ich lüge nie!«

Schweigend ritten wir zurück. Der seltsam zärtliche Ton in seiner Stimme hatte mich irgendwie verwirrt.

Als wir in den Stall zurückkehrten, blickte ich zu ihm auf. »Vorne runterrutschen statt normal absteigen?«

»Du lernst schnell!«, lobte mich Alex.

Und so schwang ich mein rechtes Bein über Klopsis Hals und rutschte an ihr herunter. Links von uns tat es mir Alex gleich. Allerdings rutschte er nach rechts, so dass wir beinahe mit den Köpfen zusammenstießen.

»Hey, doch nicht nach rechts!«, meckerte ich sofort.

»Hehe, fall nicht gleich aus den Socken!« Damit ich das Gleichgewicht nicht verlor, packte er mich am Ellenbogen. Und dann standen wir da, gewissermaßen eingeklemmt zwischen den beiden Pferden, und sahen uns an.

Seine graublauen Augen mit den grünen Sprenkeln und den niedlichen Lachfältchen faszinierten mich. Nicht zu vergessen diese süßen Grübchen, wenn er lachte!

Nach drei Herzschlägen – aber wer zählte schon mit – neigte Alex langsam den Kopf nach vorn. Sein Gesicht kam meinem immer näher …

»Ja, ich muss dann auch mal los …«, murmelte ich, machte aber keine Anstalten, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Sein Blick hielt mich immer noch gefangen. Er lächelte.

Natürlich lächelte er! Denn er wusste, dass er gewonnen hatte! Blöder Stallbursche! Innerlich rollte ich mit den Augen und wollte mir selbst eine Ohrfeige verpassen, damit ich wieder klar denken konnte und endlich meinen Hintern in Bewegung setzte. Mein äußeres Ich tat dagegen … natürlich nichts! Außer wie ein Reh im Scheinwerferlicht dazustehen und den Stalljungen anzuschmachten, versteht sich.

Seine Lippen waren jetzt nur noch wenige Zentimeter von meinen entfernt. Ich hielt die Luft an.

Und dann küsste er mich.

Der Kuss war zart und unschuldig. Ich versank regelrecht in ihm. Wow, das hätte ich diesem ungehobelten Badboy-Stallknecht gar nicht zugetraut!

Er benutzte genau die richtige Menge an Zunge und ließ den Kuss nicht vulgär oder so werden. Im Gegenteil: Er küsste wie ein Gentleman aus dem 19. Jahrhundert. Anständig, aber auch verlockend und gleichzeitig zärtlich.

Nach etwa einer halben Minute löste ich mich von ihm. Okay, das hier war irgendwie surreal … Ich kannte den Typen doch erst seit ein paar Stunden, und in denen hatte er mich mehr genervt als mich heiß gemacht oder wie man das sagte. Die Notbremse musste gezogen werden. Eindeutig.

»Also … ich muss dann jetzt auch wirklich mal los …« Schnell drückte ich ihm Klopsis Zügel in die Hand. Zugegeben, das war nicht gerade höflich, aber mit Etikette hatte ich eben nicht viel am Hut.

Und so schaute er mir nur verwundert nach, wie ich einige Schritte rückwärts machte und dabei fast über meine eigenen Füße stolperte. Natürlich. Was auch sonst? Ich schloss für einen Moment die Augen. Warum konnte mir nicht einmal ein gekonnter Abgang gelingen?

Als ich die Augen wieder öffnete, nahm ich einen Schatten am Rande meines Blickfelds wahr. War da gerade jemand hinter die Stallecke gehuscht? Beobachtete uns etwa jemand? Nein. Ich schüttelte den Kopf. Ich wurde bestimmt nur paranoid, oder verrückt – oder beides. Das war wenn, dann bestimmt nur einer der Wachmänner, die das Schlossgelände sicherten. Ich hob eine Hand und winkte Alex lahm zu. Sobald mir bewusst wurde, was ich da tat, ließ ich sie wieder fallen und sagte einfach nur geistreich: »Tschüssikowski!« Dann drehte ich mich um und rannte davon.

Noch im Laufen fasste ich mir an den Kopf. Tschüssikowski?? Verrückt – ja ich wurde eindeutig verrückt…

Obwohl ich eigentlich noch nicht allzu spät dran war, rannte ich vorsichtshalber die komplette Strecke bis zu meinem Gästezimmer. Bei mir konnte man ja in letzter Zeit nie wissen … Oh Mann, ich hatte den Stalljungen geküsst! Das durfte meine Mutter nie erfahren!

Oben im Zimmer hatte ich noch genug Zeit, kurz unter die Dusche zu springen, um den Pferdegeruch abzuwaschen. Das eisblaue Cinderella-Kleid mit den langen Handschuhen hatte Mom bereits auf mein Bett gelegt. Da musste ich jetzt wohl durch. Schließlich hatte ich es versprochen.

Während ich duschte, ging mir die Szene mit Alex nicht aus dem Kopf. Meine Finger zitterten, so dass mir beinahe die Shampoo-Flasche entglitten wäre. Dieser ungehobelte Stalljunge! Und dieser Kuss!

Um Punkt 19 Uhr klopfte meine Mutter an die Tür. »Bist du da, Mariella?«

»Ja Mom«, rief ich zurück. »Aber ich kann mich schon alleine umziehen, danke! Frag doch mal bei Clementina nach!«

»Haha«, machte meine Mutter, dann hörte ich sie weggehen.

Das eisblaue Kleid und ich lieferten uns daraufhin ein erbittertes Blickduell. Ich wollte es absolut und überhaupt nicht anziehen. Vielleicht konnte ja auch diesem Kleid ein ›Unfall‹ zustoßen? Ich kniff die Augen zusammen. Dieses Kleid entsprach weder der aktuellen Mode, noch wollte ich in Kitsch und Tüll an einen mir unbekannten Prinzen verschachert werden. Wie ein Pferd auf dem Bauernmarkt. Also tat ich das einzig Logische: Ich versuchte es mit der Kraft meiner Gedanken in Brand zu stecken oder wenigstens zum Schmelzen zu bringen.

Leider gelang mir beides nicht, und so musste ich mich damit zufrieden geben, den eisblauen Alptraum weiterhin mit bitterbösen Blicken zu taxieren.

Es war immer noch nicht sicher, wer von uns beiden als Sieger aus diesem Duell hervorgehen würde, als es wieder klopfte und Sophie mit tief verstellter Stimme rief: »Na, bist du auch wirklich da, Mariella?« Sie versuchte eindeutig Mom zu imitieren, klang dabei aber mehr wie Dori aus Findet Nemo, wenn sie im Film »Na du kleiner Schmollmopps?« sagte.

»Ja, Mom!«, rief ich gut gelaunt zurück.

Vor der Tür kicherte es. »Bist du auch schon wie eine Prinzessin angezogen?«, wollte die tiefe Stimme wissen.

»Ja, und hast du auch schon einen BH an?«, rief Luisa.

»Shhh, du musst doch deine Stimme verstellen!«, zischte Sophie. »So merkt sie doch, dass du nicht Mom bist!«

Ich kicherte. »Gleich, Mom! Soll ich den BH mit den Kuhfladen oder den mit den Hundehaufen anziehen?«, rief ich unschuldig durch die Tür.

»Ihhhhh!«, kreischten die Zwillinge einstimmig und jetzt wieder mit ihren normalen Stimmchen. Dann rannten sie kichernd davon und ließen mich mit dem eisblauen Schrecken allein zurück.

Doch schon ein paar Minuten später lachten die Zwillinge nicht mehr, als sie von Mom in zwei kackbraune Kleidchen gezwängt wurden. Jedenfalls beschwerten sie sich in einer Lautstärke über die Farbe ihrer Kleider, dass es bis zu mir herüberschallte. Da fragte man sich doch fast, wer von uns dreien das schwerere Schicksal erleiden musste.

Schließlich gab ich auf und zog das eisblaue Kleid mit den weißen Handschuhen an. Dazu noch silberne High Heels ohne rote Sohlen, die Moms Röntgenblick sicher standhalten würden.

Als meine Mutter mich wenig später angezogen sah, fiel sie vor Freude fast in Ohnmacht. »Mariella, schau dich an! Wie eine echte Prinzessin siehst du aus! Ich bin so stolz!«

Wow. Mom war stolz, weil ich es geschafft hatte, ein Kleid anzuziehen! Das hatte ich mir ja schon immer gewünscht! Ich rollte mit den Augen. »Mom«, versuchte ich es ein letztes Mal mit Vernunft bei ihr. »Ich gehe zwar zu diesem Ball, aber du solltest dir keine großen Hoffnungen machen. Weder werde ich hier irgendeinen aufgeblasenen Schnösel daten, noch werde ich hierbleiben und mein gewohntes Leben für einen Prinzen aufgeben, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Und auf gar keinen Fall werde ich hier die nächste Möchtegern-Prinzessin! So habe ich mir mein Leben definitiv nicht vorgestellt.«

Mom sah mich irritiert an. »Ich verstehe wirklich nicht, warum du das nicht willst. Du könntest hier ein sorgenfreies Leben im Luxus führen, wenn der Prinz dich auswählt. Was willst du sonst dein ganzes Leben lang machen? Weiter diese Mode-Glocks schreiben?«

Jetzt wurde ich aber wirklich böse. »Es heißt Modeblog, und ich verdiene jeden Monat zweitausend Euro damit!«

Mom tat meinen Einwand mit einer Handbewegung ab. »Zweitausend Euro abzüglich Steuern sind für deinen gesellschaftlichen Stand nicht einmal annähernd angemessen.«

Ach ja? Wütend verschränkte ich die Arme vor der Brust. Ich war stolz auf meinen Modeblog, der stolze 300.000 Fans aus aller Welt zählte, aber Mom, die das Feingefühl eines Presslufthammers besaß, schaffte es immer wieder, mich wegen meines Jobs runterzuziehen.

Während ich so dastand und böse guckte, musste sie jedoch bemerkt haben, dass ich in äußerst miese Stimmung geriet. Also drückte sie aufmunternd meinen Arm und sagte: »Ach komm schon, Mariella. Zeit, den Kronprinzen kennenzulernen. Er ist wirklich ein fescher junger Mann. Und wenn du ihn nicht willst, dann nehme ich ihn!« Mom verkniff merkwürdig das Gesicht.

Das sollte wohl ein Zwinkern werden, wie ich feststellte. Mom riss plötzlich Witze? Wie ein Goldfisch öffnete und schloss ich den Mund, sagte jedoch nichts.

»Jetzt schau nicht so überrascht. Beim Tee vorhin, bevor er Migräne bekam, ist er mir sehr positiv aufgefallen«, fuhr Mom fort. Sie lächelte verschmitzt. Meine Mutter und der Kronprinz???

»Ach Schatz, nun tu doch nicht so pikiert. Das war natürlich nur ein Scherz«, winkte Mom ab. »Prinz Karl ist überhaupt nicht in meinem Alter.« Wieder dieses merkwürdige, aufgesetzte Zwinkern. »Und jetzt zieh deine Handschuhe an. Ich hole Luisa und Sophie.«

»Kommen Christian und Clementina nicht mit?«, wollte ich wissen.

»Nein. Christian hat keine Lust, und für Clementina wird es zu spät.«

Aha. Die beiden hatten ja so ein Glück! Ob die Migräne-Nummer noch ziehen würde? Wahrscheinlich nicht…

Gelangweilt stellte ich mich vor den bodentiefen Spiegel am Fenster und betrachtete mich. Ja, eindeutig. Mit den weißen Handschuhen sah ich aus wie Cinderella. Außer, dass meine blonden Haare nicht zu einem Dutt aufgesteckt waren, sondern mir in leichten Wellen über die Schultern fielen. Im Gegensatz zu Cinderella fiel ich auch nicht durch eine leichenblasse Haut auf, sondern eher durch einen gebräunten Teint.

»Mariella!«, rief Mom.

»Komme schon!«, rief ich zurück.

Vor dem Thronsaal hatte sich, wie schon heute Nachmittag, die gesammelte Schar an Möchtegern-Bräuten versammelt. Ich schätzte sie auf etwa vierzig blaublütige Mädchen zwischen 18 und 25 Jahren. Allesamt recht aufgebrezelt, flatterten sie im Gang herum. Manche von ihnen überprüften in Taschenspiegeln ihr Make-up, so als ginge es für sie zu einem wichtigen Fernseh-Interview. In ihren bunten, bodenlangen Kleidern, erinnerten sie mich unwillkürlich an sprechende Papageien. Zugegeben, in einer Tierdokumentation würden sie sich schon gut machen.

Als ich zu den Möchtegern-Bräuten stieß, verstummte ihr Geplapper für einen Augenblick. Ich spürte ihre Blicke auf mir. Dann jedoch ging es erneut los, diesmal sogar noch lauter. Jetzt konnte ich auch einzelne Gesprächsfetzen heraushören.

»Schokoladenmädchen …«

»… Blamage des Jahres …«

»… Schande für die Gesellschaft …«

»… beim Tee zu spät gekommen …«

Aha. Na wenigstens kannten sie mich alle schon, und ich musste mich nicht mehr vorstellen …

Bevor sie sich von mir verabschiedete, drückte Mom noch ein letztes Mal meinen Arm. »Benimm dich. Nicht nur die preußische Königsfamilie, auch die gesamten europäischen Adelshäuser werden dich genau beobachten.«

Na toll. Nur keinen Druck erzeugen, Mom!

Und damit drehte sie sich um, um mit den Zwillingen im Schlepptau eine der Seitentüren zu nehmen.

Wie ein Hund am Straßenrand wurde ich zurückgelassen. Dem Schicksal überlassen, das für mich langweiliges Warten vorhergesehen hatte, bis ich aufgerufen wurde, um meinem schlimmsten Alptraum ins Auge zu sehen. Dieses Hofprotokoll war ja dermaßen nervig… Zugegeben, langsam überdramatisierte ich diesen königlichen Ball vermutlich.

Ehe die Zwillinge Mom in den Thronsaal folgten, zupfte mich Sophie am Kleid. »Aber zeig dem Prinzen auf keinen Fall deinen BH!«, ermahnte sie mich ernst.

»Nein, diesmal nicht!«, versicherte ich ihr zwinkernd, bevor ich ihr ein letztes Mal über die blonden Haare strich und sie dann in Richtung Mom schickte. Was hatten es die Zwillinge nur in letzter Zeit immer mit BHs?

Neben mir sogen einige feine Damen scharf die Luft ein. Anscheinend hatten sie unser Gespräch belauscht. Daraufhin stieg die allgemeine Gesprächslautstärke um einige Dezibel. Man pikierte sich offensichtlich über mein schändliches Benehmen. Dass ich mich dem Prinzen bereits an den Hals geworfen und mich ihm in Unterwäsche gezeigt hätte. Meine Güte. Wo war ich denn hier gelandet? In einem Wespennest voller Königswespen mit PMS?

Natürlich schwieg ich beharrlich zu dem offensichtlichen Gerede über mich. Das war einfach zu lächerlich. Ich kannte diesen Kronprinzen Karl ja noch nicht einmal, und wenn er wirklich so fies und bullig war wie sein Bruder Frederick, dann wollte ich ihn auch gar nicht kennenlernen. Es musste schließlich einen Grund dafür geben, wieso bisher nirgendwo ein Foto von ihm erschienen war. Sofort kam mir das Bild vom Glöckner von Notre Dame in den Sinn. Dass Mom ihn als fesch bezeichnet hatte, hieß noch gar nichts. Fesch waren auch bayrische Senioren in Lederhosen.

Schließlich wurden wir eine nach der anderen alphabetisch aufgerufen. Die Aufgerufene musste alleine durch die Tür in den Ballsaal gehen und wurde danach auf der anderen Seite der Königsfamilie und allen anderen Gästen vorgestellt. Natürlich war ich als Letzte an der Reihe, da ich den Nachnamen meines Vaters »von Württemberg« trug.

Eine Weile beobachtete ich die Prinzenjägerinnen, wie sie mit hocherhobenen Köpfen durch die Tür schwebten. Auf der anderen Seite wurde jede von ihnen mit Applaus begrüßt. Tüll rauschte, teures Parfum kitzelte mich in der Nase, ansonsten vergingen die nächsten Minuten schrecklich zäh. Beinahe erwog ich, die Wartezeit mit einem Nickerchen auf der Fensterbank zu überbrücken.

Aber dann war es so weit. Nach gefühlten drei Stunden stand ich als Letzte der Bräute, die der preußischen Königsfamilie wie Kamele angepriesen werden sollten, im Flur vor dem Ballsaal. Einatmen, ausatmen. Mit ein wenig Glück konnte ich in ein paar Minuten wieder verschwinden, versuchte ich mir einzureden.

Es ging los. Die Pagen öffneten die weiße, doppelflügige Tür für mich.

Mein großer Auftritt. Ich holte ein letztes Mal tief Luft und ging hindurch.

»Mariella Viktoria Carlotta Alexia – Baroness von Württemberg, Tochter des Barons von Württemberg und der Herzogin von Bayern, 21 Jahre alt«, rief der Ansager.

Ein Wunder, dass er nicht noch mein Gewicht und die Menge an Milch, die ich gab, wie ein Marktschreier in die Menge brüllte. Das war aber auch wirklich alles.

Ich straffte die Schultern und setzte den langen Weg von der Tür über den roten Teppich bis zur Mitte des Saals fort. Dabei versuchte ich so hochmütig wie möglich dreinzuschauen, damit die feine Gesellschaft, die sich zweifelsfrei in ein paar Minuten erneut das Maul über mich zerreißen würde, auch genau wusste, was ich von ihnen hielt! An diesem Abend würde ich das Adels-Pack so gut wie es mir nur möglich war ignorieren, schwor ich mir. Zu meiner Linken sah ich plötzlich die Zwillinge. Ich warf den Kopf in den Nacken und setzte für sie einen gespielt besonders hochmütigen Gesichtsausdruck auf.

Sie kicherten, während Mom die Augen verdrehte.

Ich war nun fast in der Mitte des Saals angekommen, wo ich einen Knicks vor der Königsfamilie machen sollte. Leider konnte ich sie auf die Entfernung immer noch nicht richtig erkennen. Der Ballsaal war einfach zu groß und ich einfach zu kurzsichtig, wenn es um Gesichter ging.