Quinta Eanna - Himmelswölfe - Peter-J. Lang - E-Book

Quinta Eanna - Himmelswölfe E-Book

Peter-J. Lang

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Beschreibung

Mit Quinta Eanna – Himmelswölfe legt Peter J. Lang den Band I einer mystischen Romanserie vor Sie basiert auf einer wahren Geschichte, seiner eigenen Biographie. Die Geschichte seines über 200 Jahre alten Bauernhofes schlägt ihn ganz und gar in ihren Bann. Während er das uralte Gemäuer im alten Stil renoviert und bewohnbar macht, suchen ihn Träume heim, die er anfangs nicht einordnen kann. Schrittweise eröffnet sich ihm jedoch mehr und mehr die tragische Geschichte der Familie, die das Anwesen erbaut und, über Generationen hinweg, durchgehend bewohnt hat. Die Seelen der Alten kommen nicht zur Ruhe. Sie suchen den Kontakt zu Victor und fordern seine Hilfe ein. Plötzlich steht Victors Leben auf dem Kopf und nimmt eine ungeahnte Wendung.

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Seitenzahl: 596

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Peter J. Lang

Himmelswölfe

Nach einer wahren Geschichte

Vita

Peter J. Lang, geb. 1953, studierte in Köln Geschichte und Ethnologie. Sein Interesse gilt der Humangeographie sowie den Folgen der Globalisierung und deren Auswirkungen auf Natur und Umwelt.

Fünfzehn Jahre lang leitete er ein mittelständisches IT-Unternehmen. 1994 verkaufte er seine Firma und wanderte nach Portugal aus. An der Algarve kaufte einen historischen Bauernhof und renovierte ihn komplett nach alten Vorlagen. Der Hof und das dazugehörige Tal mit seinen geheimnisvollen Schluchten zogen ihn magisch an. Bereits 1996 gründete er das Naturschutzprojekt Leben, kurz Spikinet genannt.

Er beschäftigte sich intensiv mit der portugiesischen Geschichte und Kultur, die sehr bald Teil seines Lebens wurde. Schnell integrierte er sich in das rustikale Leben der Landbevölkerung und wurde mit einer geheimnisvollen Mischung aus Christentum und Aberglauben konfrontiert. Er ahnte nicht, dass er das Tor zu einer anderen Welt betrat einer anderen Welt in seinem Innersten. Er lernte den Menschen kennen, der er wirklich war.

Mehr unter http://peter-j-lang.spikinet.de

Peter J. Lang

Quinta Eanna -Himmelswölfe

Band I – Das Tal der Raben

Spikinet Verlag

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Deutsche Erstausgabe September 2016

verlegt durch Spikinet – Naturschutzprojekt Leben e.V. Bergheim

Copyright © 2016 Peter J. Lang

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung Heidi Heinrich

Foto © Adelheid Heinrich

ISBN 978-3-946367-12-3

http://verlag.spikinet.de

Für Tristan Rex und Joana

Kapitel 1

Victor

Keuchend galoppierte der Araberhengst durch das neblig düstere Grau des Waldes. Die feuchte Luft legte sich bleiern auf die Lungen. Muffiger Geruch nach fauler Erde vermischte sich mit dem befreienden Duft von frischem Eukalyptus. Die kerzengeraden Stämme standen dicht, scheinbar einer mathematischen Ordnung folgend, Soldaten auf einem Exerzierplatz ähnlich.

Weißer Schaum tropfte von den Nüstern, des schwarzbraunen Hengstes. Panisch aufgerissene Augen suchten den Nebel zu durchdringen. Die Kutsche riss an seinem Geschirr. Wann immer der Wagen von einer Bodenwelle oder einem Felsen in die Luft katapultiert wurde, schnürten sich die Lederriemen schmerzhaft in seine Haut. Viel zu schnell manövrierte das führerlose Gespann auf einem überwucherten Waldweg zwischen den Bäumen hindurch. Die Biegung wies scharf nach rechts. Pferd und Kutsche folgten ihr, ohne jedoch die Fahrt zu verlangsamen. Das Unvermeidliche ließ nicht lange auf sich warten. Von der Fliehkraft getrieben, neigte sich die Kutsche bedrohlich, fuhr jetzt auf den beiden äußeren Rädern. Kaum einen Wimpernschlag später zog das Übergewicht den Aufbau in den matschigen Waldboden. Erbärmliches Krachen splitternden Holzes übertönte die Hufschläge. Das zerberstende Gefährt schob die schwarzbraune Erde wie ein Schneeräumer zusammen und türmte sie vor sich auf. Panik stürmte in jede Körperzelle des Hengstes, bemächtigte sich seiner, wie eine Horde marodierender Soldaten, die ungeordnet in alle Richtungen stürmten. Sie nahm ihm jegliche Orientierung, sog die restliche Kraft aus dem Körper. Hufe bohrten sich in den Waldboden. Er stemmte sich gegen den Widerstand der havarierten Kutsche, bäumte sich auf, wurde vom Geschirr nach hinten gerissen, glitt auf der Hinterhand aus und stürzte.

Die Zeit dehnte sich ins Unendliche. Langsam, fast wie in Zeitlupe, strebte der massige Körper einer fatalen Mischung aus feuchtem Laub und dunkelbrauner Erde zu. Verzweifelt suchten die Hufe Halt. Spitz ragte eine Felskante aus dem Boden. Erbarmungslos bohrte sie sich in die Flanke des Tieres, öffnete die Haut auf gut dreißig Zentimetern und ließ mehrere Rippen brechen. Der Araber stöhnte auf, blies Luft durch seine Nüstern. Einen Schmerzensschrei jedoch konnte er nicht ausstoßen.

Pferde kennen keinen Schmerzensschrei, schoss es Victor durch den Kopf. Die Not des Pferdes ließ ihn schaudern. Er glaubte, den Schmerz des Tieres am eigenen Körper zu spüren. Ihre Blicke trafen sich. Die Panik des Hengstes sprang auf ihn über. Victor spannte die Muskeln an, wollte zu ihm springen, ihm helfen, doch irgendetwas hielt ihn zurück. Mühsam befreite sich das geschundene Tier aus einem Gewirr von gerissenen Zügeln und Zaumzeug. Er, Victor, wurde jedoch von unsichtbaren, eiskalten Ketten zurückgehalten, konnte sich nicht bewegen, war wie erstarrt. Der Araber versuchte aufzustehen. Wieder und wieder rutschte er auf dem glitschigen, mit dem Laub länglicher Eukalyptusblätter bedeckten Waldboden aus, um erneut krachend zu stürzen. Allein die Panik ließ den Hengst nicht aufgeben, trieb ihn weiter an, sein Heil in der Flucht zu suchen. Am rechten Vorderlauf tat sich eine weitere klaffende Wunde auf. Die messerscharfe Felskante hatte Haut und Fell vom Knochen getrennt. Wie in Ketten gelegt, unfähig sich zu bewegen, musste Victor den Qualen des Tieres tatenlos zusehen. Es zerriss ihm das Herz, trieb ihm die Tränen in die Augen. Sein Körper peitschte heiße Schweißtropfen durch die Haut. Der stechende Geruch von Angst drehte ihm den Magen um, ließ ihn würgen. Er widersetze sich, zerrte an den Ketten, doch sie schnürten seine Haut, kalt und seelenlos. Sein Mund wollte einem Schrei den Weg bahnen. Die Kette um den Hals, ließ den Schrei in einem gurgelnden Schweigen versickern.

Ein letzter verzweifelter Versuch brachte den Hengst wieder auf die Beine, bevor ihn die Kräfte gänzlich verließen. Eine gebrochene Rippe bohrte sich durch die Haut. Blut rann aus der klaffenden Wunde und wusch Erde und Laub vom dunklen Fell des mächtigen Tieres.

„Yeah, endlich!“, wollte Victor ausrufen, doch die Kette um seinen Hals schien jeglichen Lebensimpuls ersticken zu wollen.

Plötzlich schälte sich im Grau des späten Nachmittags ein mächtiger, brauner Bär aus dem Nebel. Das weit geöffnete Maul gab den Blick auf eine absolut tödliche Waffe frei. Das Weiß seiner zweiundvierzig Zähne leuchtete unwirklich grell, begann alles zu überstrahlen.

Das panische Wiehern des Hengstes hallte von den Bäumen wider. Wenige Meter entfernt suchte ein junger Fuchs sein Heil in der Flucht, wobei er sich etwas unbeholfen an einem Baumstamm empor hangelte. Laut keifend stieg ein halbes Dutzend Blauelstern auf. Die warnenden Rufe eines Eichelhähers mahnten auch andere Vögel zur Flucht. Das Schlagen ihrer Flügel durchbrach wieder und wieder die plötzlich alles umklammernde Stille.

Dann … Leichtigkeit hatte die bleierne Schwere vertrieben. Die Ketten ..., dachte Victor verwundert und spürte im selben Augenblick, dass sie verschwunden waren. Er hatte seine Freiheit wieder, konnte sich bewegen, konnte atmen, konnte … nein, rufen konnte er nicht. Kein Ton wollte sich in seinem Kehlkopf formen. Ein unstillbarer Drang auf den Bären zuzugehen, hatte sich seiner bemächtigt. Obwohl die Zähne des gut zwei Meter fünfzig messenden Kolosses bedrohlich aufblitzten, verspürte er keine Angst. Er wollte, ja er musste zu ihm gehen. Der Bär würde ihm nichts antun, dessen war er sich sicher.

Er stand auf, fixierte sein mächtiges Gegenüber. Nur acht Meter trennten Victor von der Bedrohung. Die handtellergroßen Pranken durchschnitten wieder und wieder fauchend die Luft. Ein Windhauch sandte den Geruch von Erde, Blut und fauligem Atem in Victors Nase. Kurz streifte sein Blick den Hengst, dessen restliches Geschirr in einem dichten Ginsterbusch verfangen schien, um ihn an der Flucht zu hindern.

Ein erster Schritt brachte Victor dem Bären näher. Plötzlich spürte er, wie heißer Atem seine linke Hand umschloss. Vorsichtig zogen ihn die messerscharfen Zähne seines Gefährten zurück. Es schmerzte ihn nicht, war eher ein angenehm warmes, ja sogar vertrautes Gefühl. Der Bär hob derweil erneut bedrohlich die Pranken. Der mächtige Schädel schwang hin und her. Dennoch, er schien nicht angreifen zu wollen.

Faol, der treue Wolf, zog mit Nachdruck an Victors Hand. Er wollte seinen Freund vor dem Bären in Sicherheit bringen. Das Pferd beruhigte zusehends. Schnaubend stand es vor der umgestürzten Kutsche und sah zu Victor herüber. Jetzt erst bemerkte er es. Alle sahen ihn an, der Bär, der Fuchs, der Araber, ja sogar ein Rabe, der sich oberhalb des Bären auf einem etwas krumm gewachsenen Eukalyptus niedergelassen hatte. Sie alle schienen ihn zu fixieren. Auffordernd und erwartungsvoll drangen die Blicke auf ihn ein. Er aber wusste sie nicht zu deuten, hatte keine Idee, was er nun tun sollte, was man von ihm erwartete. Vertraut streichelte der heiße Atem Faols über seine Haut. Die Zähne des Grauwolfs umschlossen noch immer die Rechte. Er verstand seinen Freund, sagte er ihm doch, dass …

Lauter werdende Musik drang, einem Schwerthieb gleich, in sein Gehirn. Der Faden wurde durchtrennt. Er schreckte hoch. Seine Augen suchten erfolglos die Dunkelheit zu ergründen. Einzig die kleinen roten Zahlen des Radioweckers schienen das allgegenwärtige Schwarz durchdringen zu können. Es fröstelte ihn. Schweiß heftete den bordeauxfarbenen Seidenbezug der Bettdecke an die Haut. Einige Strähnen seiner hellbraunen, mittellangen Haare klebten an der Stirn. Die Kopfhaut juckte, er fühlte sich unwohl, starrte ins Dunkel. Schemenhaft erkannte er die Konturen des Araberhengstes, des Bären, des Fuchses und des Raben. Seine rechte Hand prickelte. Das Blut begann, zügig durch die Adern zu fließen. Es war kein angenehmes Prickeln, eher schmerzhaft, eben so, wie ein eingeschlafener Arm sich anfühlt, wenn er wieder Teil des restlichen Körpers zu werden versucht.

„Faol?!“, entfuhr es ihm.

„Was?“, fragte eine weibliche Stimme aus dem Dunkel.

Er zögerte, wusste nichts zu antworten. Endlose Schwärze übernahm die Kontrolle der Zeit. 06:25 Uhr meldete der Radiowecker. Die rote Fünf am Ende wich einer ebenso roten Sechs. Victor atmete tief durch.

„Nichts, nichts“, wiegelte er ab, „es ist nichts. Ich muss aufstehen.“

„Jetzt schon?“, kam es mit schwerer Zunge zurück, „mitten in der Nacht?“

„Es ist gleich halb sieben. Wenn ich den Flieger nach London verpasse, habe ich ein Problem.“

„Schon klar, Kohle is ja alles für dich, nur keine Gelegenheit verpassen“, kam es vorwurfsvoll zurück.

Victor verkniff sich eine Antwort, spürte er doch schon wieder dieses Gefühl von Wut aufsteigen. Was sollte er mit einer Frau anfangen, die zwar sein Geld, aber nicht sein Leben mit ihm teilen wollte? Noch immer hatte er nicht den Mut gefunden, einen Schlussstrich zu ziehen. Wie bei all den anderen Beziehungen zuvor, zögerte er auch diesmal, war zu unentschlossen. Er folgte mehr seinen wirren Gedanken, als seinem Herz. Viel zu lange hielt er fest. Es war jedes Mal dasselbe. Er glaubte an die einzig wahre Liebe, projizierte all seine Wünsche und Träume in die Frau, die gerade seinen Weg kreuzte. Doch er wollte nicht erkennen, dass man das Glück nicht zwingen kann und kaufen schon gar nicht. Eigentlich wusste er es ganz genau. Immer wenn wieder eine Beziehung in die Brüche gegangen war, hatte er es sich vorgenommen. Doch dann, wenn eine neue fleischgewordene Versuchung vor ihm stand, wischte er alle Vernunft beiseite. Er flüchtete in seine Wunschwelt, malte sich aus, dass genau diese und keine andere Frau so sein würde, wie er es sich immer erträumt hatte. Kein Wunder also, dass er regelmäßig in dieselbe Falle tappte. Am Ende bekam er nichts als Vorwürfe zu hören, Vorwürfe, er würde sie erdrücken, überlagern, ihr die Luft zum Atmen nehmen … bla bla bla. Er schüttelte ärgerlich den Kopf, griff seine goldene Omega Constellation vom gläsernen Nachtisch und wankte, leicht benommen, zum Badezimmer.

Die heiße Dusche holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Blasse Bilder des Traums verdrängte er, indem er sich, halb angezogen mit halb offenem Hemd, seinem Organizer widmete. Dienstag der sechste November meldeten die großen roten Zahlen, nachdem er den durchsichtigen Plastikmerker umgeschlagen hatte. Er überflog die Agenda des heutigen Tages, während die Kaffeemaschine lautstark die schwarze Flüssigkeit durch ihre Leitung in die Bechertasse drückte. Vielleicht sollte er in London das Wochenende noch dranhängen, mit seinen neun Angestellten eine Tour durch die Pubs machen, oder sonst was. Marc hatte ihn ohnehin schon des Öfteren auf den Landsitz seiner Eltern eingeladen. Victor hatte stets abgelehnt, wollte die freien Tage mit Claudia verbringen, ihr nahe sein, ein Leben voller Liebe, Erotik und Romantik führen. Doch was war daraus geworden? Ja, dieses Mal würde er der Einladung folgen. Er hatte einfach keine Lust mehr auf das ewige Gekeife, die endlosen Vorwürfe und das Gezeter, dass sie ja schließlich auch noch da sei und ihre Wünsche habe.

Die hydraulische Doppelgarage neben dem Atriumbungalow ließ Claudias dunkelblaues SL-Cabrio verschwinden und brachte seinen mattschwarzen BMW-M5 an das mittlerweile aufgezogene Tageslicht. London mit Mark und … ja genau ... und mit Susan, seiner Verkaufsleiterin, genau das war es, was er jetzt brauchte, dachte er und steuerte den M5 zur Autobahn in Richtung Flughafen Düsseldorf.

Kapitel 2

Faol

Victor drehte sich auf den Rücken. Es war ein unangenehmes Gefühl. Die Finger, nein … nicht nur die Finger, sein gesamter Arm war taub, völlig ohne Gefühl. Es erinnerte ihn an die Lokalanästhesie, die er mal bekommen hatte, als sein Daumennagel wegen einer Entzündung entfernt werden musste. Schlaftrunken schob er seinen Oberkörper in die Senkrechte, stütze sich mit der Linken ab und setze sich auf. Sein rechter Arm begann zu prickeln bis hinab in die Fingerspitzen. Das Blut füllte auch die kleinsten Adern mit neuem Leben. Er hasste dieses Gefühl, diese unselige Mischung aus Jucken und Schmerz. Er ließ sich zurückfallen. Die Augenlider wogen schwer. Er fühlte sich gefangen, gefangen von Bildern, die sich in Nichts auflösten, sobald er versuchte, sie festzuhalten. Ach Susan, dachte er, doch im selben Augenblick fragte er sich, was ist Sus-An?

Ein Sturm aus Bildern, Geräuschen und Stimmen tobte durch seinen Kopf, bereitete ihm Schmerzen, Angst und Unbehagen. Victor öffnete die Augen, schreckte hoch, sah sich um. Die Sonne hatte sich schmerzhaft in sein Gesicht gebrannt und verstellte ihm den Blick auf die Umgebung. Rinnsale aus Schweiß zogen ihre Bahnen, tropften von den Brauen in die Augen, wo sie einen wahren Feuersturm entfachten. Genervt versuchte er, den Schweiß aus den Augen zu wischen, doch es schien das Brennen eher zu verstärken.

Verdammt!, dachte er und wischte mit dem gesamten Unterarm durch die Augenhöhlen. Er hatte sich, vor wer weiß wie langer Zeit, in den Schatten gelegt. Dieser Sommertag war extrem heiß. Die Sonne hatte den schützenden Schatten vertrieben. Offenbar musste er eingeschlafen sein. Ja genau, er war eingeschlafen, so musste es gewesen sein. Die Sonne war ihren Weg weitergewandert, hatte sich gesenkt. Bald würde sie sterben, so wie jeden Tag, da wo Erde und Himmel sich trafen. Doch ihr Tod würde nicht von Dauer sein. Ihre Wiedergeburt würde die Dunkelheit vertreiben. Der Tag würde erneut geboren werden, wie jeder Tag immer wieder neu erstand.

Seine Gesichtshaut spannte, ja brannte an manchen Stellen sogar. Ein kühler Luftzug hatte begonnen, den Schweiß zu trocknen. Das Salz zog die Haut zusammen. Ja, es war nur ein Traum gewesen, das wusste er jetzt. Dennoch weilte sein Geist noch immer nicht im Hier und Jetzt. Stattdessen durchwühlten seine Gedanken die zahllosen Bilder. Sie aber drohten nun noch mehr zu verschwimmen. Sein inneres Auge suchte den mächtigen Bären, der ihn so magisch angezogen hatte. War das ein Zeichen? Eines dieser vielen und bedeutsamen Zeichen, die Bandua, der Windgeist, ihm immer wieder sandte und an denen er sein Leben orientierte. Er hatte schon öfters Bären gesehen, doch nie so nahe. Sein Wolfsclan ging Bären aus dem Weg. Sie jagten niemals, wenn ein Bär in der Nähe war. Obwohl sie mit zweiundvierzig Wölfen auch dem stärksten Bären überlegen waren, mieden sie das Risiko einer Konfrontation. Einige Wölfe des Clans würden sicherlich bei einem Kampf verletzt oder gar getötet werden. Es würde die vier Rudel des Clans schwächen, ihre Jagderfolge schmälern, sie im schlimmsten Falle sogar dem Hungertod ausliefern. Beute gab es genug, warum also ein Risiko eingehen?

Victor erhob sich. Es fiel ihm schwer, den grob zusammengenähten Fellumhang aufzunehmen. Er warf ihn locker über die Schulter. Der lange Holzspeer ruhte, wie gewohnt, in seiner Rechten. Er machte sich auf, seinen Gefährten Faol zu suchen. Normalerweise wich ihm der treue Wolf nie von der Seite, bewachte ihn Tag und Nacht. Jetzt war er plötzlich verschwunden. Victor ängstigte das nicht, obwohl er eine gewisse Sorge nicht unterdrücken konnte. Was sollte er tun? Faol suchen, nach ihm rufen? Nein es war nicht die Zeit, um ein Rudelheulen anzustimmen. Nein, nicht jetzt, denn auch die Raben waren nirgends zu sehen und das mahnte ihn zur Vorsicht.

Er lenkte seinen Schritt in Richtung Tal, dorthin wo er und sein Wolfsclan eine geräumige Höhle bewohnten. Die Bilder wollten ihn nicht loslassen. Immer Deckung hinter Zistrosenbüschen suchend, schob er sich nahezu lautlos durch den lichten Eukalyptuswald. Der Wind hatte etwas aufgefrischt. Mühsam zwängten sich einzelne Sonnenstrahlen durch die tanzenden, länglichen Blätter der hohen, meist kerzengerade gewachsenen Bäume. Sie ragten so hoch hinauf, dass manche von ihnen den Himmel berührten. Niemals würde er unachtsam durch offenes Gelände spazieren. Das hatte er bereits als kleines Kind von Faols Großvater gelernt. Seine Ohren achteten auf alle Geräusche, während die Nase jeden Geruch aufnahm. Blitzschnell verarbeitete sein Gehirn sämtliche Sinneswahrnehmungen, teilte sie in Gefahr, Normalität oder Beute ein. Er wusste, dass der Geruchssinn der anderen Wölfe präziser war als seiner. Er jedoch hatte den Vorteil größer zu sein, aufrecht gehen zu können, wenn er es wollte und somit alles besser zu überblicken.

Er vermisste den Schrei der Raben, die schon immer das Wolfsrudel begleitet hatten. Die Raben warnten bei Gefahr. Oft wiesen sie den Weg zu leichter Beute. Meist waren es Kadaver, die die Raben aus der Luft entdeckten. Sie führten die Wölfe und teilten mit ihnen den Leckerbissen. Geduckt, meist auf allen Vieren, ganz seinen Instinkten folgend, näherte sich Victor dem Eingang des Tales. Die Höhle lag ganz unten in einer Schlucht, oberhalb des Flusslaufes, der im Sommer fast gänzlich ausgetrocknet war.

Warum auch immer, heute war Victor nicht so aufmerksam wie sonst. Er sah noch einen Schatten von rechts auf sich zufliegen, dann riss es ihn auch schon zu Boden. Er überschlug sich mehrmals, rollte einen kleinen Abhang hinunter. Dabei verlor er auch noch seine Waffe, den Speer, den er sich so mühsam mit scharfen Steinklingen zurechtgeschnitzt hatte. Der heiße Atem des Angreifers schlug ihm ins Gesicht. Victor knurrte, zog die Lippen hoch, fletschte die Zähne, bereit zuzubeißen. Nur einen heißen Atemzug später spürte er die spitzen Zähne des Gegners an seinem Hals. Victor fauchte, gab bedrohliche Laute von sich, doch es war zu spät. Er hatte den Kampf bereits verloren. Die Zähne an seinem Hals schlossen sich wie Zangen, drückten ihm die Luft ab und bohrten sich in die Haut. Er sah in die Augen des Angreifers und … es waren vertraute Augen, die Augen seines treuen Freundes Faol. Abrupt stoppte Victor alle Gegenwehr und breitete die Arme aus. Er unterwarf sich, signalisierte, dass er den Kampf aufgegeben hatte.

Diesmal war es nur ein Kampfspiel gewesen. Faol hatte ihm aufgelauert, um es mit ihm auszutragen. Victor hatte verloren, denn er war unachtsam gewesen, nicht konzentriert genug. Sein Geist war noch immer von den Bildern des Bären gefangen. Dennoch freute er sich, dass Faol wieder bei ihm war. Die Warnung hatte er verstanden, wusste er doch sehr genau, dass man stets aufmerksam und konzentriert die Welt durchstreifen sollte. Schlagartig wurde Victor klar, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er erinnerte sich, dass ihm das nicht zum ersten Mal passiert war. Alle Wölfe des Clans verhielten sich zu jeder Zeit angespannt und aufmerksam, wenn sie außerhalb der Höhle ihre Streifzüge unternahmen. Ihre Sinne waren auf die unmittelbare Umgebung gerichtet, nichts entging ihnen. Die Raben gaben ihnen zusätzliche Hinweise. Für einen Wolf war das ganz normal, sie verhielten sich immer gleich. Aufmerksam und konzentriert zu sein, das vermochte Victor durchaus, aber es fiel ihm schwerer, als den anderen Wölfen. Zu oft schlichen sich Bilder in seinen Geist, lähmten seine Sinne, überlagerten seine Wahrnehmung, rissen ihn aus dem Hier und Jetzt. Heute hatte Faol ihn besiegt, morgen aber könnte es schon der Wolf aus einem anderen Clan sein, der ihn angriff. Vielleicht wäre es dann ein hungriger Wolf oder aber ein Clanführer, der sein Jagdgebiet erweitern wollte.

Faol sah Victor tief in die Augen und begann, zuerst seine Ohren abzulecken, dann sein ganzes Gesicht. Victors Herz öffnete sich. Er genoss die Zuneigung seines Freundes. Ohne den Clan wäre er verloren. Ohne den Clan würde er verhungern. Ohne den Clan würde er im Winter erfrieren, denn er müsste alleine schlafen, bekäme nicht die lebenswichtige Wärme der Anderen, mit denen er, eng aneinandergeschmiegt, in der Höhle lag.

Faol leckte ihm das Gesicht ab, während Victor sich langsam erhob. Der fast 50 Kilo schwere Wolf wollte noch nicht von ihm ablassen. Er stellte sich auf die Hinterläufe, um die Vorderpfoten auf die Schultern seines Freundes zu legen. Victor schob ihn weg. Er wollte seinen Speer suchen, ohne den er sich schutzlos fühlte. Was die Wölfe mit ihren Zähnen erledigen konnten, musste er mit dem Speer lösen. Er war eben kein echter Wolf. Gerade in diesem Augenblick schoss ihm genau das wieder durch den Kopf. Er war anders als alle anderen Wölfe. Er fühlte sich als Wolf, er heulte wie ein Wolf, er fraß wie ein Wolf. Doch er jagte nicht wie ein Wolf, er tötete nicht wie ein Wolf und er lief nicht wie ein Wolf. In seinem Kopf war irgendetwas anders, anders als bei den anderen Wölfen, das spürte er genau und das spürten sie wohl auch. Daher hatte er eine Sonderstellung im Clan. Niemals musste er seinen Rang verteidigen, niemals pflegte er das Fell der Anderen, knabberte die Flöhe heraus oder leckte ihnen die Ohren sauber. Trotzdem war er ein festes Mitglied des Clans. Er hatte stets das Gefühl, dass jeder einzelne Wolf bereit war, für ihn zu sterben, sollte er in ernsthafte Gefahr geraten. Umgekehrt war es allerdings auch nicht anders. Faol hatte ihm einmal mehr gezeigt, dass er aufmerksamer werden musste. Er hatte auf ihn geachtet, war ihm wie ein Schatten gefolgt, genau wie in diesem Traum, dessen Bilder er nicht aus dem Kopf verbannen konnte.

Kurz vor dem Eingang der Höhle roch es bereits vertraut. Der Clan lag dösend in der Kühle seiner Behausung. Als die Beiden durch den niedrigen Eingang hereingekrochen kamen, beachtete man sie kaum. Faol nahm seinen Lieblingsschlafplatz direkt neben dem Ausgang ein. Victor legte sich quer zu ihm und ließ seinen Kopf auf Faols Rücken nieder. Seine gespreizten Finger kämmten das Fell des Wolfes. Schlaf konnte er nicht finden. Eine störende Unruhe hatte ihn erfasst. Die Bilder des Traumes vermischten sich mit einer Art unheilvoller Vorahnung. Victor verstand nicht, was in ihm vorging, aber er spürte bereits die Energie der Veränderung.

Die zärtliche Berührung auf seiner Stirn, empfand er als angenehm. Wölfe konnten sehr zärtlich und liebevoll miteinander umgehen. Victor spürte, wie ein paar Strähnen seiner langen, dunkelbraunen Haare aus seinem Gesicht geschoben wurden. Die weichen Ballen unter Faols Pfoten streichelten über die Stirn.

„You´re ok?“, drang eine feengleiche Stimme an sein Ohr, „hey Victor, what´s going on with you? Was ist los mit dir?“

„Chanel No. 5“, schoss es Victor durch den Kopf. Er kannte diesen klassischen Duft sehr gut. Faols Pfote strich noch einmal über die Stirn, dann drang die Zunge des Wolfs vor, öffnete seine Lippen, bohrte sich zwischen die beiden halb geöffneten Zahnreichen und suchte gierig nach seiner Zunge. Das hatte Faol noch nie gemacht. Victor erschrak, spukte unwillkürlich und versuchte, die fremde Zunge aus seinem Mund zu vertreiben.

„Hey man, that´s desgusting, das ist ekelhaft“, beschwerte sich die Stimme, die nun nicht mehr feengleich klang, „what´s going on with you, was ist los mit dir?“

Victor riss die Augen auf. „Susan?“, rief er aus und schob die junge Frau von sich.

„Who else? Wer denn sonst?“, antwortete sie erstaunt und sichtlich angesäuert, „wen hast du erwartet?“

„Ähm nichts, niemanden“, gab er völlig verwirrt zurück.

„Ach was! Niemanden? Hättest du lieber die Nacht alleine verbracht? War es so schrecklich meine Zunge zu spüren, dass du sie gleich ausspucken musstest?“

Susan setze sich auf und streifte die bordeauxrote Seidenbettwäsche von sich, sodass Victor nicht umhinkonnte, ihre wohlgeformten Brüste zu sehen. Er starrte sie an. Sein Blick glitt nach unten, passierte die schmalen Hüften und blieb an den, zum schmalen Steg rasierten Haaren ihrer Scham hängen. Faols Gesicht entschwand. Ein wohliger Schauer durchfuhr Victor.

„Sorry, tut mir leid, ich ...“ Er suchte die passenden Worte in dem Durcheinander seiner Wahrnehmungen. „Ich … ich hab wohl schlecht geträumt“, entschuldigte er sich und zog ihren Kopf sanft aber energisch zu sich.

„Hey, was soll das?“, protestierte Susan, doch Victor ging nicht weiter darauf ein. Blitzschnell hatte er seine Zunge in ihrem Mund versenkt, noch bevor sie ihre Lippen wieder zusammenpressen konnte. Susans Widerstand machte schlagartig einem lustvollen Stöhnen Platz. Ihre Hände zogen Victors Schultern nach unten, zeigten seiner Zunge den Weg zu ihren Brüsten, ihrem Bauchnabel und ihrer Scham.

Zärtlich und energisch zugleich umspielten seine feuchten Lippen empfindlichste Körperzonen, reizten sie und ließen sogleich wieder von ihr ab, sodass sie nicht explodieren konnte. Energisch packten Susans Hände seinen Kopf, um ihn zwischen ihren Beinen zu halten. Er spürte, wie sie den Druck auf seinen Kopf verstärkte, je mehr seine Zunge ihr Spiel einstellte, um den Höhepunkt hinauszuzögern. Ihr Becken zuckte rhythmisch nach oben, suchte die Reibung an seiner Zunge, seinem Dreitagebart, seinen Lippen, doch der Erfolg blieb aus.

Die halb gedimmte Megaron in der schräg gegenüber liegenden Ecke des Zimmers ließ Susan nur Umrisse von Victors Gesicht erkennen. Seine braunen Augen schienen sie freundlich anzusehen und doch glaubte sie etwas Dämonisches, ja Gefährliches darin zu erkennen. Was war nur los mit ihm? Sie würde ihm ein wenig Zeit lassen, zu sich zu kommen. Es sollte doch ein entspanntes Wochenende bei Marcs Vater werden. Das wollte sie jetzt nicht kaputt machen. Es lag ihr viel an Victor, der mehr war als nur ihr Chef.

Der Vater ihres Kollegen Marc war ein echter englischer Lord und saß im House of Lords, dem Oberhaus des britischen Parlaments. Er hatte alle Mitarbeiter von Victors Firma übers Wochenende auf seinen Landsitz in West Sussex eingeladen. Der alte Lord Geoffrey mochte Victor, konnte man mit ihm doch eine gepflegte Unterhaltung über Kunst, Philosophie und Literatur führen. Geoffrey schien Victor dankbar zu sein, dass er Marc endlich eine Beschäftigung gegeben hatte, die ihm sichtlich Spaß machte. Ja, Victor war tatsächlich ein guter Motivator, verstand es Menschen in seinen Bann zu ziehen und von dem zu überzeugen, was ihm wichtig war. Immerhin hatte Marcs Begeisterung und Einsatz in der Firma auch nach zwei Jahren in keiner Weise nachgelassen. Aus dem verwöhnten Söhnchen war ein wirklich guter und effektiver Mitarbeiter geworden. Bei Kunden war er beliebt und überzeugte durch fachliche Kompetenz. Er hatte sich rasch in die Details der Software eingearbeitet, die Victors Firma T-Technologies entwickelte und europaweit vertrieb.

Manchmal verstehe ich ihn nicht, dachte Susan. Dies war erst die zweite gemeinsame Nacht. Sie arbeitete nun schon eineinhalb Jahre für ihn. Er hatte sie auch diverse Male zum Abendessen eingeladen, was meist in ein Arbeitsessen mündete. Annäherungsversuche hatte er nie unternommen. Stattdessen brachte er sie immer artig nach Hause, hielt Auto- und Haustüren auf und erwies sich als perfekter Gentleman. Zugegeben, es gab der Abende, an denen sie seine vornehme Zurückhaltung bedauerte. Er war jedoch ihr Chef und da gebot es wohl die typisch deutsche Steifheit, sich zurückzuhalten.

Ihre erste Nacht war dann wohl vom Zufall arrangiert worden. Sie hatte ihn noch zum Flughafen gebracht, doch sein Flug war überbucht und so musste er eine Nacht länger als geplant in London bleiben. Ja, schon lange hatte sie ihn anziehend gefunden. Sein verschmitztes Lächeln, die lustig funkelnden Augen, wenn er wortreich irgendeine Geschichte erzählte. Das alles hatte immer wieder ein Kribbeln in ihrem Unterleib ausgelöst. Doch sie war viel zu konservativ erzogen, als dass sie entsprechende Signale ausgesendet hätte. Doch in jener Nacht war alles ganz anders. Sie legte ihre Zurückhaltung ab, keine Ahnung warum sie das tat. Ohne zu zögern schälte sie ihm den Armani Anzug vom Leib, riss sein T-Shirt der Länge nach auf und warf ihn auf´s Bett. Es war der Klassiker gewesen, der Klassiker, in dem sich eine überschäumende Leidenschaft in multiplen Orgasmen entlud. Leidenschaftlicher Sex, lauter Sex, gefühlvoller Sex, das war ihre Spielwiese.

Spätestens seit jener Nacht im Crowne Plaza wusste sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Sie erlebte einen warmen, liebevollen, ja wirklich verständnisvollen Mann, einen Mann mit dem sie sich jenseits von Sex sogar eine Beziehung hätte vorstellen können.

Er hatte zwar nie über seine problematische Beziehung zu Claudia gesprochen, doch sie hatte Claudia erlebt. Ja es war wirklich ein Erlebnis gewesen. Victor war mit seiner süßen kleinen Tochter Sarah und eben Claudia bereits donnerstags zu einem verlängerten Wochenende nach London gekommen. Sie wollten die Stadt erkunden und ein paar schöne Tage verbringen. Am zweiten Abend hatte er alle Mitarbeiter zum Essen eingeladen. William, der Senior im Team und ein ehemaliger Major, hatte ein typisch englisches Restaurant ausgewählt, das natürlich nur traditionelle Gerichte anbot. Okay, sie mochte die englische Küche auch nur partiell, bevorzugte die indische Küche. Indische Küche gehörte ja fast schon zur englischen Esskultur. Doch das Meiste der typischen Speisen aus Fleisch, Gemüse und Kartoffeln war essbar. Auch das klassische Fish and Chips konnte man genießen. Das jedoch, was Claudia da abzog, war an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Sie hatte restlos an allem was auszusetzen, fand das Essen widerlich, mäkelte sogar an der Art herum, wie das Bier eingeschenkt wurde, obwohl sie selbst gar kein Bier trank. Ihr Englisch war leidlich gut. Trotzdem sie meist deutsch sprach, war klar zu erkennen, dass sie weder die Speisen noch das Ambiente mochte. Victor war es einfach nur peinlich. Seine acht Jahre alte Tochter hingegen hatte mit nichts ein Problem, benahm sich am Tisch besser, als Claudia, war stets höflich und bemühte sich, ein paar englische Sätze anzubringen, die Victor ihr wohl beigebracht hatte. Danach hatte Susan sich gefragt, welchen Narren dieser Mann wohl an Claudia gefressen haben mochte.

Er hatte es nie so deutlich ausgedrückt, doch er sehnte sich nach Harmonie, nach Liebe, nach Zärtlichkeit. Der Sex war sicher nicht sein erstes Interesse, wenn er einer Frau begegnete, das spürte man genau. Er war kein Aufreißer oder Anmacher. In Victor erkannte sie eine tiefe Traurigkeit, die er gekonnt zu verbergen wusste. Er suchte etwas Elementares, das in seinem Leben zu fehlen schien, doch sie hatte nie herausfinden können, was das war. Eines aber wusste sie genau. Bei dieser zweifellos perfekt gestylten und gut aussehenden Claudia würde er es ganz sicher nicht finden.

Kapitel 3

Portugal Algarve 1834

Die Quinta

„Olha, wann willst du sie denn endlich fragen?“ Rodrigo reichte, unter einem kaum hörbaren Stöhnen, den gut dreißig Kilo schweren Korb mit nassem Lehm nach oben.

„Erst wenn wir das hier geschafft haben, Amigo“, antwortete Luis und nahm den Korb entgegen, um ihn in die Holzverschalung zu kippen. Er vermischte den Lehm mit dem Stroh und stampfte alles fest.

„Meu deus, mein Gott, das kann aber noch dauern“, lachte Rodrigo, „dann ist sie sicher schon zu alt, um dir Kinder zu gebären.“

„Claro, wenn du so weitertrödelst und dein Bruder nur alle paar Tage helfen kommt ...“ Luis wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß aus dem Gesicht. „Verdammt heiß für April.“

„Achas? Findest du?“, verzog Rodrigo das Gesicht. „Noch heißer wird’s, wenn du den Dom um die Einwilligung zur Heirat fragen musst.“

„Epa não! Sou um homem livre, ich bin ein freier Mann, ich muss niemanden fragen. Mein Vater hat hart für diese Freiheit gearbeitet.“

„Sim pode ser, das mag schon sein“, Rodrigo spuckte auf den Boden, „aber niemand weiß, welchen Preis dein Vater wirklich dafür bezahlt hat.“

Luis hielt, wie vom Blitz getroffen, inne. Er fixierte seinen besten Freund mit feindseligem Blick. „Porra, was willst du damit sagen, cabrão“, schleuderte er ihm entgegen.

„Eu!? Nada! Ich? Ich will gar nix damit sagen“, verteidigte sich Rodrigo mit einer abwehrenden Handbewegung. „Alguns ainda acreditam no velho mexerico. Weißt du, manche glauben einfach noch an das alte Gerücht.“ Er hielt kurz inne, „und das hab ich nur wiederholt.“

„Então … und was glaubst du?“, warf Luis seinem Freund in schneidend scharfem Ton entgegen, „meinst du, ich kenne die Gerüchte nicht? Ich dachte immer, du wärst mein bester Freund und gibst einen Scheiß auf das, was die Leute sagen.“

„Calma amigo, nun beruhig dich wieder.“ Rodrigo drehte beide Handflächen beschwichtigend nach unten. „Es kommt nicht darauf an, was ich glaube oder nicht glaube, es kommt darauf an, was die Leute glauben und ...“ Er zögerte.

„... und!?“, fasste Luis nach und schob den Kopf nach vorne, als wolle er ihn in der nächsten Sekunde angreifen.

„... und was Dom Afonso weiß … und was er womöglich gegen dich einsetzen kann“, erläuterte der untersetzte, knapp ein Meter sechzig große Bauernjunge.

„Contra mim?! Gegen mich!? Was soll er gegen mich einsetzen wollen. Ich hab kein Problem mit ihm“, wunderte sich Luis und schickte sich an, das wackelige Holzgerüst vor der, mittlerweile stattliche drei Meter aufragenden, Lehmwand hinabzuklettern. „Er bekommt noch immer zu jedem Fest reichlich von dem, was wir ernten, nur eben freiwillig. So hat es wohl schon mein Vater getan und so werden es meine Söhne tun. Es ist eine Frage der Ehre, den Dom zu respektieren und ihm, auch als freier Mann, etwas von den Erträgen abzugeben.“

„Claro, sehe ich auch so, aber bezieht sich das auch auf deine Zukünftige und auf deine Kinder?“, hakte Rodrigo nach, der sich mittlerweile unter die große Pinie gesetzt hatte. Er gönnte sich einen kühlen Schluck aus der Kalebasse.

Luis folgte ihm schlurfenden Schrittes. Wortlos nahm er ihm die Kalebasse aus der Hand und trank, ohne seine Aufmerksamkeit wirklich auf das kühle, mit Zitronensaft vermischte Wasser zu lenken.

„Como? Was soll das heißen?“ Luis machte einen energischen Schritt nach vorne und beugte sich bedrohlich zu seinem sitzenden Freund hinab. Der blickte ungerührt auf den Weinberg, welcher sich vor ihm terrassenförmig hinab ins Flusstal entfaltete.

„Du weißt, wie der Dom ist und was er mit Frauen macht?“, setze Rodrigo nach, ohne Luis anzusehen, „du weißt auch, was das direito da primeira noite ist, oder?“

„Claro weiß ich das! Das Recht der ersten Nacht, aber das gilt schon mal gar nicht für die Frau eines freien Mannes“, wehrte Luis ab und setzte sich neben seinen Freund auf die aus Bruchsteinen gemauerte Bank.

„Du bist frei, aber sie ist die Tochter eines Unfreien und sie wird erst durch die Heirat mit dir frei, não esqueca! Vergiss das nicht!“, mahnte Rodrigo.

„Diese Gesetze gibt es schon lange nicht mehr. Rechte hat keine. Er ist lediglich der Pachtherr über viele Ländereien, aber die Menschen, die gehören ihm nicht. Nunca! Niemals!“ Luis stand auf und lief unruhig im Schatten der Pinie auf und ab. Er wusste sehr wohl, dass sein Freund recht hatte, nur wollte er es nicht wahrhaben. „Dann löse ich sie halt aus, denn das Recht habe ich“, betonte er mit zittriger Stimme, „und so steht es auch in den alten Gesetzen!“, fügte er trotzig hinzu.

„Und gehst erneut in die Abhängigkeit“, ergänzte Rodrigo. Er lenkte den Blick vom Weinberg zu Luis, „oder meinst du, dass du genug zusammenbekommst, um sie mit einem Schlag freizukaufen?“

„Wer sagt dir überhaupt, dass Dom Afonso das will?“, blieb Luis die Antwort schuldig.

„Olha, nun tu nicht so unwissend. Er hat nicht nur eine Frau vergewaltigt, das weißt du sehr genau“, hielt ihm Rodrigo entgegen. Er bedeutete seinem Freund mit einer einladenden Handbewegung, dass er sich wieder zu ihm setzen möge.

„Veremos, amigo, veremos como as coisas irão decorrer. Wir werden sehen mein Freund, wir werden sehen,“ wiegelte Luis ab und ging zurück zur Baustelle, „anda, komm lass uns weitermachen“.

„Es nützt dich wenig, die Augen vor der Realität zu verschließen. Der Dom gibt nichts umsonst her und schon gar nicht aus Menschenfreundlichkeit. Ein Vermögen mehrt man nicht, indem etwas ohne Gegenleistung verschenkt. Deswegen … hast du keinen Plan, bist du verloren“, wehrte Rodrigo das Ablenkungsmanöver seines Freundes ab.

„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?“, schleuderte Luis ihm vorwurfsvoll entgegen, „die Heirat vergessen, Amália vergessen und mir eine Frau aus der Stadt suchen?“

„Não, nem pensar, keineswegs.“ Rodrigo hob die buschigen Augenbrauen und zog die von der Sonne gegerbte Haut seiner Stirn kraus. „Du solltest allerdings versuchen, alles zu erfahren, jedem Gerücht nachzugehen, im Dreck des Dom zu wühlen, um durch das, was du erfährst, am Ende einen Vorteil zu ziehen, besser verhandeln zu können und den Dom unter Druck zu setzen, womöglich so, wie es dein Vater getan hat.“

„Das ist respektlos!“, warf Luis ein, „und außerdem kann das böse enden. Du vergisst Álvaro!“

„Sim, Álvaro o torturador, der Verwalter und Folterknecht, der aus jedem Pächter den letzten Real rauspresst“, Rodrigo lachte bitter, „não den hab ich nicht vergessen. Aber auch der hat dunkle Geheimnisse, für die sich die Guarda Real sicherlich interessieren wird.“

„Que?! Du willst ihn bei der Polizeitruppe denunzieren? Was glaubst du denn, wie sehr die das interessiert. Wir haben Bürgerkrieg und man sagt, es wird bald zur Entscheidungsschlacht kommen, oben … irgendwo im Alentejo bei Evora.“

„Pode ser, mag sein, aber so oder so musst du dich vorbereiten. Nur wer im Dreck wühlt, kann am Ende Gold finden und ich glaube, dass du sehr tief im Dreck wühlen musst, aber Amália sollte es dir wert sein.“

Luis drehte sich zu Rodrigo. Er hatte verstanden, was sein Freund meinte. Er wusste auch, in welchem Dreck er wühlen sollte, um letztlich etwas gegen den Dom in der Hand zu haben. Hier draußen auf dem Land, fernab der Stadt, inmitten der Serra Monchique, herrschten noch andere Gesetze. Der Dom sprach Recht, der Dom legte die Abgaben fest, der Dom entschied überhaupt alles auf seinem Land.

Es waren nicht immer die geltenden Gesetze, die das ermöglichten. Vielmehr galten die Traditionen und es ging um das Geld aus den Steuereinnahmen, das die Krone unbedingt brauchte. Der Bürgerkrieg verschlang den gesamten Schatz der Königsfamilie. Deswegen ließ sie den Großgrundbesitzern freie Hand. Die Doms wurden die wahren Herren im Land.

Doch wie sollte er die Wahrheit herausfinden. Sein Vater war erhängt an einer alten Korkeiche gefunden worden. Niemand wusste, wer ihn da aufgehängt hatte oder ob er sich … nein das konnte nicht sein. Er verwarf den Gedanken schneller, als er in sein Bewusstsein gedrungen war. Nur einen Tag zuvor hatte man seine Mutter erschlagen vor dem kleinen Farmhaus gefunden. Seine Schwester Ana lag schwer blutend und bewusstlos neben ihr. Zwei Tage später war auch sie tot. Luis war damals gerade zwölf gewesen. Nichts hatte er von alledem mitbekommen, denn er war mit den Ziegen und seinen fünf Herdenschutzhunden weit nach oben in die Serra gezogen. Er tat es immer, wenn der Sommer die Ebene in einen Glutofen verwandelte. Ganz alleine wanderte er durch das von Zistrosen, Seidelbast, diversen Ginsterarten und vielen Korkeichen geprägte Buschland. Meist ernährte er sich aus der Natur, stellte Fallen oder jagte mit der Steinschleuder Rebhühner und Hasen, die ihm sein Jagdhund Amadeu dann freudig brachte. Er liebte es wenn sich der Geruch von Minze, wildem Fenchel, Eukalyptus und Zistrosen zu einem einzigartigen und, wie er fand, inspirierenden Duft vermischte. Es war genau dieser Duft, der ihn regelmäßig in Tagträume entführte. Zu oft ließen ihn diese Träume jegliche Umsicht vergessen. Keine Frage, ihm und seiner fast zweihundert Ziegen umfassenden Herde drohte in dieser friedlichen Landschaft, die stets von einem leichten Wind, dem Sandua, durchstreift wurde, niemals Gefahr. Auch wenn es in der Serra vereinzelt Wölfe, Luchse und Wildkatzen gab, fühlte er sich doch sicher. Seine fünf Rafeiros waren ausgezeichnete Schutz- und Hütehunde. Gut, sie gehörten nicht wirklich ihm, sondern dem Dom. Die Pächter durften diese Hunde nicht besitzen. Außerdem würde ihn sein braunweiß gefleckter Podenco Mischling Amadeu jederzeit verteidigen, notfalls sogar mit dem Leben. Nein, Angst kannte Luis nicht. Er liebte die Natur, das viele Wild, die Pflanzen und die kleinen Bäche, die hier oben selbst im Sommer Wasser führten. Er spürte diese totale Leichtigkeit in jeder Faser seines Körpers. Und außerdem … mit den Ziegen umherzuziehen fand er allemal besser, als in sengender Sonne auf dem Feld herumzuhacken.

Ein Lächeln zauberte sich, wie von selbst, auf seine knochigen Gesichtszüge, die von einem harten Leben zeugten. Über die markant hervortretenden Wangenknochen legte sich die braune, grobporige Haut, wie in der Sonne aufgespanntes Leder. Dabei war er doch gerade erst mal dreiundzwanzig. Ja, seit fünf Jahren war es nun schon vorbei mit dem freien Leben. Er war volljährig geworden und hatte Verantwortung übernehmen müssen, nachdem Großvater Vicente krank geworden war und sich nicht mehr um die Quinta kümmern konnte. Großvater war immer für ihn da gewesen, hatte Vater und Mutter ersetzt, sich um die Quinta gekümmert und zugesehen, dass nichts verkam. Vor einem Jahr war er dann gestorben. Luis hatte ihn oft nach dem Tod der Eltern gefragt, wollte mehr erfahren, doch so redselig und offen Vicente auch war, bei diesem Thema schwieg er beharrlich. Genau das gab Luis zu denken und ja … Rodrigo mochte Recht haben, da gab es einiges auszugraben. Wer wusste schon, in wieweit der Dom in den Tod der Eltern verwickelt war.

„Olha amigo, weißt du, was wir machen?“, holte Rodrigo ihn aus seinen Gedanken.

Luis sah ihn an, runzelte die Stirn und riss seine dunkelbraunen Augen fragend auf.

„Wir gehen zur Bruxa“, zeigte Rodrigo auf ein halb zerfallenes Bruchsteinhaus auf dem gegenüberliegenden Berg.

„Que? Zur Bruxa? Lebt die überhaupt noch?“, gab Luis verwundert zurück, „was soll ich denn bei der? Das ist eine Hexe, eine Verrückte, eine die mit Geistern redet, Tote anruft und allerlei dunkle Magie beherrscht.“

„Ach Unsinn, das behaupten sie alle und dann gehen sie doch zu ihr. Heimlich, im Schutz der Nacht, lassen sie sich das ein oder andere Zipperlein behandeln zu“, widersprach Rodrigo. „Sie ist sogar mit mir verwandt, eine Urgroßtante oder so. Eigentlich ist sie eine Heilerin und Kräuterkundige, sonst nix.“

„Hm, mag ja sein, aber wie soll mir denn eine Heilerin weiterhelfen können?“, hakte Luis nach.

„Então, najaaa, also …“, verzog Rodrigo das Gesicht und stotterte herum, „sie ist ja auch eine Geistheilerin, also ich meine … ähm, naja also … sie kann ...“ Sein Blick klebte noch immer an dem, im Schatten einer Korkeiche vor sich hindämmernden Haus. „... und außerdem ist sie schon sehr alt und weiß ganz viele Sache, die sonst niemand weiß. Man sagt, sie sei über einhundertfünfzig Jahre alt und wahrscheinlich stirbt sie gar nie.“

„Du meinst, sie ist eine Unsterbliche?“, echote Luis mit ungläubigem Unterton, „das glaubst du doch selbst nicht, sowas gibt’s gar nicht.“ Er drehte sich weg und kletterte das wackelige Holzgerüst hoch, um weiteren Lehm in die Verschalung zu kippen und ihn festzutreten. „Los komm schon, lass uns weitermachen!“

Rodrigo reagierte nicht. Wie gebannt starrte er auf das von vielen Legenden umrankte Haus der Bruxa. Nur sie konnte die Wahrheit herausfinden, mit den Toten reden und das Begehren ihrer Seelen in Worte fassen. Luis musste sie besuchen, nur so würde er … ja was eigentlich? Seine Bestimmung finden? Sein Schicksal erkennen?

„Força, nun mach schon“, riss Luis ihn erfolglos aus seinen tiefsinnigen Gedanken.

„In drei Tagen ist Vollmond und dann gehen wir zu ihr“, murmelte er geistesabwesend vor sich hin, „sonst wird ein Unglück geschehen.“

Kapitel 4

Urlaubspläne

„Hey, das is ja geil“, rief Claudia freudig aus und fuchtelte mit der Urlaubsausgabe der Brigitte durch die Luft, „Schau mal, das sollten wir machen!“

Victor reagierte nicht. Sein, vom Großvater Alois ererbter Füllfederhalter kratzte unbeirrt über das leicht chamois eingefärbte Papier des uralten Tagebuchs. Es war ein dickes, in Leder gebundenes Buch, das ihm sein Großvater zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte. „Es ist sehr alt“, hatte Opa Alois damals zu ihm gesagt, „halte es in Ehren. Mein Großvater hat es von seinem Vater bekommen, ich habe es von meinem Vater bekommen und du bekommst es nun von mir.“

„Und warum hast du es nicht zuerst meinem Vater gegeben?“, hatte Victor nachgefragt, doch Großvater hatte nicht geantwortet, sondern ihm mit einem vielsagenden, warmen Blick den uralten Füllfederhalter mit der Goldfeder in die Hand gedrückt.

„Es ist das Buch des Schicksals. Alles was deine Vorfahren reingeschrieben haben, haben sie für dich aufgeschrieben. Lies es und führe es weiter.“ Dann hatte Opa Alois ihm noch ein weiteres Buch gegeben, das genauso aussah. Seine Seiten jedoch waren noch jungfräulich. „Du wirst es brauchen, denn niemand wird je so viel niederzuschreiben haben wie du.“

Das Glasauge schien Großvaters Blick direkt in Victors Seele zu lenken, jedenfalls fühlte es sich so an. Es bereitete dem kleinen Victor auch regelmäßig ein wenig Unbehagen. Er liebte Opa Alois über alles, war er doch ein ruhiger und warmherziger Mensch.

„Was ist los mit dir! Hast du dich mal wieder in deine wirren Gedanken versponnen?“, bohrte sich Claudias schrille Stimme in sein Ohr.

Victor verzog das Gesicht zu einer genervten Grimasse. „Nein, natürlich nicht. Ich plane gerade eine Lifestyle Party mit schrägen Gästen und dir als Hauptperson“, gab er sarkastisch zurück.

„Arsch“, antwortete Claudia, stand auf und ging zu seinem antiken Schreibtisch.

Victors Blick schweifte gedankenverloren durch die voll verglaste Wohnzimmerfront über die Terrasse zum Pool und dem weitläufigen Garten.

„Deine ewige Nachdenklichkeit macht mich noch wahnsinnig“, zeterte Claudia. „Immer nur grübeln, immer diese Schwere, kaum mal ein Lachen, keine Verrücktheit, immer nur konzentriert und mit ernstem Blick“, sie imitierte Victors ernste Miene, „und dann der knallharte Geschäftsmann ...“

„Bin ich gar nicht“, unterbrach er sie, „ich bin nicht knallhart, ich versuche nur, dir ein adäquates Leben zu bieten. Meine Mitarbeiter sollen sichere, gut bezahlte Jobs haben, die ich erhalten will. Das ist alles.“

„Ach was, alles nur für mich und die lieben Programmierer“, gab Claudia schulterzuckend zurück, „wie edel! Aber okay, wenn schon alles für mich ist, dann schau dir mal das hier an.“ Sie klatschte die Brigitte auf den Schreibtisch, direkt auf das alte Buch, ohne darauf zu achten, dass sie Victor den Füller aus der Hand schlug. Das alte Schreibgerät hinterließ einen dicken Tintenklecks auf dem Papier.

„Was ist das?“ Er unterdrückte seinen Ärger, denn er war nicht in der Stimmung für Streitereien.

„Mann, dann schau halt hin.“ Claudias Zeigefinger bohrte sich förmlich mit dem perfekt gestylten Nagel in ein halbseitiges Foto, auf dem eine weiße Villa mit Pool prangte. Das riesige Haus im mediterranen Stil lag eingebettet in unnatürlich wirkendes Grün eines übergründlich gepflegten Gartens. So künstlich wie das Grün wirkte auch der blaue Himmel, der die Szenerie überspannte.

„Schön, etwas protzig aber schön“, kommentierte Victor. Es war ihm alles zu künstlich, doch er unterdrückte seine Kritik. „Ist aber nicht in Deutschland und außerdem haben wir ein tolles Haus, oder bist du es leid, auf nur 250 Quadratmetern mit drei Bädern, einer Sauna und einem überdachten Pool leben zu müssen“, ergänzte er sarkastisch.

„Blödmann“, reagierte sie und gab ihm eine leichte Kopfnuss, „das ist eine von vielen Urlaubsvillen, die man recht günstig mieten kann, alles in Portugal.“ Sie blätterte um. Fotos zahlreicher anderer Villen ähnlichen Stils zogen Victors Blick auf sich.

„Schön“, merkte er mit einem eher gleichgültigen Schulterzucken an, „aber Urlaub in einer Villa, ohne Service, ohne Zimmermädchen, ohne Fünfgängemenue, ohne Poolservice, das willst du doch nicht wirklich, du doch nicht.“

„Unsinn, du stellst mich immer so da, als sei ich ein Luxusweibchen, das man kaufen muss. Mir ist der Luxus doch egal. Ich will, dass man mich tief innen berührt, dass Leichtigkeit und Lebensfreude regieren und zwei Seelen sich treffen.“

„Aha“, reagierte Victor und verzog die Mundwinkel, „Yogakurse haben scheinbar auch Risiken und Nebenwirkungen.“

„Is schon klar, dass du mich mal wieder nicht ernst nimmst“, meinte sie beleidigt, drehte sich kurz weg, um ein paar Tränen verschwinden zu lassen. Sie setzte erneut an. „Die Villen sind mit Rundumservice, Hausmädchen, Poolcleaner, Putzfrau und Gärtner. Sogar einen Leihwagen bekommt man gestellt oder ein Motorrad, wenn dir das lieber ist.“

„Aber kochen muss man schon selber und das Frühstück machen auch, oder?“

„Ja und?“, gab Claudia zurück, „Frühstück ist doch kein Problem. Du isst ja eh nur Müsli, ein Brötchen kann ich mir gerade noch selber schmieren, und essen können wir ja draußen gehen.“

„Hm und was ist mit den Abenden?“, hakte Victor nach, „keine Animation, keine Party, keine Bar.“

„Oh Mann! Sei doch mal ein bisschen flexibel“, wehrte Claudia die Einwände ab, „da wo diese Villen sind, gibt es alles, Tennisplätze, Discos, super Restaurants, Golf und wahnsinnig tolle Strände. Die Villen liegen ruhig, abseits vom Tourismus und trotzdem nah genug dran. Wir haben die Wahl, mal die Zweisamkeit zu genießen, und mal den Trubel.“

„Und das willst du?“, fragte Victor nach, „Zweisamkeit und Ruhe.“

„Klar, ich glaube, das täte uns gut. Wir haben uns auseinandergelebt und brauchen mal wieder einen Impuls, was Neues, was Anderes, nicht diese immer gleichen und langweiligen Urlaube im Fünfsternehotel.“

Victor verkniff sich weitere Kommentare. „Okay, einverstanden, dann buche einfach mal drei Wochen, aber erst ab Mitte August, denn vorher kann ich nicht.“

„Supi, ich kümmer mich drum“, jubelte Claudia, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und zog mit ihrer Brigitte von dannen.

„Ähm, Claudia!“, rief er ihr hinterher, „du weißt aber schon, dass ich Sarah mit in Urlaub nehmen wollte und da sollten wir auf die Schulferien achten.“

Claudia erstarrte in der Bewegung, als habe jemand die Stopptaste eines DVD-Players gedrückt. Auch die Zeit schien stehen geblieben zu sein, denn nichts tat sich. Victor hatte eine derartige Reaktion befürchtet und sich dennoch in letzter Sekunde entschlossen, seine Tochter ins Spiel zu bringen. Mit der Mutter hatte er eine großzügige Besuchsregelung vereinbart, sodass er seine, mittlerweile neunjährige Sarah sehen konnte, wann immer er wollte. Die Urlaube während der Schulferien verbrachte Sarah immer mit Claudia und ihm. Dass sie sich in dieser Patchworkfamilie ihrer Mutter nicht besonders wohlfühlte, war ihr anzumerken, auch wenn sie nichts dazu sagte. Sarah liebte die Urlaube in den vornehmen Fünfsterne Hotels. Sie wusste sich stets perfekt zu benehmen, vor allem aber liebte sie es, in schicken Kleidchen am mehrgängigen Abendessen teilzunehmen. Auch wenn sich die Speisenfolge über mehrere Stunden hinzog, wurde es ihr nie langweilig. Während andere Kinder unter den fruchtlosen Beruhigungsversuchen der Eltern herumquängelten, genoss Sarah die besondere Aufmerksamkeit der Kellner. Man brachte ihr Speisen, die nicht zum Menü gehörten, darunter nicht selten Spaghetti mit Tomatensauce oder Fischstäbchen frisch zubereitet. Serviert wurde das alles mit demselben Aufwand, wie bei den Erwachsenen.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“, drehte sich Claudia um. „Wir haben gerade noch von Zweisamkeit geredet und da kommst du mit Sarah um die Ecke?“

„Hattest du was Anderes erwartet. Wir verbringen alle Schulferien mit Sarah und bisher hattest du noch nie Anlass, dich zu beschweren!“, konterte Victor mit energischem Unterton in der Stimme.

Claudia ließ den ärgerlichen Gesichtsausdruck einer gewissen Ratlosigkeit weichen. „Klar, aber sie muss doch nicht immer dabei sein, oder?“

„Immer!?“, wurde Victor ärgerlich. „Wie viele Urlaube haben wir alleine verbracht, auf Lanzarote, in der Karibik und in Bali? Wann immer wir außerhalb der Schulferien geflogen sind, waren wir auch alleine.“

„Ja, stimmt schon, aber trotzdem ...“, ging sie auf ihn zu, um ihre Finger durch seine frisch geschnittenen Haare gleiten zu lassen. „Wir können doch in den Herbstferien was mit Sarah machen. Außerdem ist sie auch über Weihnachten bei uns, weil wir dieses Jahr dran sind. Weihnachten fliegen wir doch wieder ins Salinas Sol auf Lanzarote, wie immer, oder?“

„Ich muss das erst mit Sarah selbst absprechen. Es kommt darauf an, was sie lieber möchte“, rang Victor nach einem verbindlichen Tonfall, obwohl Ärger in ihm aufkochte. Er wollte nicht zwischen Claudia und Sarah abwägen müssen. Sarah ging ihm über alles. Hätte die Mutter zugestimmt, würde sie heute bei ihm leben und nicht in einer runtergekommenen Kommune von Späthippies mit Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen.

„Schatz, lass uns diesen einen Urlaub alleine machen, nur diesen einen, bitte!“ Claudia schickte einen vielversprechenden Blick zu Victor, um sein Kopfkino in Gang zu setzen. Mit Sex erreichte sie immer noch am leichtesten ihre Ziele.

„Okay, ich ruf Sarah gleich morgen an und kläre es ab. Vielleicht hat sie ja auch andere Pläne, wer weiß.“

Er fühlte sich nicht wohl, spürte den Druck, der auf ihm lastete. Oft genug war er in solch eine Situation geraten, die Wünsche von Kind und Lebensgefährtin unter einen Hut bringen zu müssen. Irgendwie hatte er es immer hinbekommen. Claudia mochte Sarah durchaus, kam auch gut mit ihr klar, doch eine echte Mutter oder besser gesagt Stiefmutter, würde nie aus ihr werden. Dafür war sie viel zu egoistisch.

„Bist ein Schatz“, säuselte Claudia, während ihre Hände über seine Brust glitten und begannen, das Hemd aufzuknöpfen. „Du kriegst das schon hin.“

„Ich brauch noch ein bisschen, dann komm ich zu dir, okay?“, entzog sich Victor ihren Annäherungsversuchen.

„Na, das hoff ich doch, die Nacht sollte uns gehören.“

Victor betrachtete den Tintenklecks in seinem Buch. Es war ein heiliges Buch, jedenfalls für ihn. Alles was aus der Familie kam, war ihm heilig. Er war stolz auf seine Familie, väterlicherseits ein Rittergeschlecht, mütterlicherseits Landadel. Es war nicht das Adelige, was ihn reizte, weswegen er auch keinen Adelstitel führte. Nein, es war vielmehr die Ehrfurcht vor jahrhundertealten Traditionen, Überlieferungen und Gegenständen, die ihm seine Vorfahren hinterlassen hatten. Egal ob es ein antikes Möbel, ein altes Schwert oder eben ein alter Füllfederhalter war, er hielt alles in Ehren. Die verkleckste Seite schlug er notgedrungen und mit einem tiefen Seufzer um. Er setze die Feder erneut an, um den Traum der vergangenen Nacht aufzuschreiben.

Vorsichtig hatten sie sich dem kleinen See genähert. Jetzt im Sommer war es eher ein veralgter Tümpel. Die Sonne saugte in kürzester Zeit alles Nass aus ihm heraus. Sie hatten Durst, sehr viel Durst. Der Fluss unterhalb ihrer Höhle führte schon längst kein Wasser mehr. Früher waren sie während des Sommers aus der Höhle weggezogen, hatten das Revier gewechselt, immer dem Wasser folgend. Doch das war nicht ohne Risiken. Andere Wolfsrudel mochten es nicht, wenn man in ihr Revier eindrang. Es gab Kämpfe, es gab Verletzungen und manchmal auch Tote. Das alles schwächte den Clan und bedrohte seine Existenz. Der Mangel an Wasser wog da weniger schwer. Irgendwann kam Victor eine Idee. Genau diese Idee sicherte dem Clan sein angestammtes Revier, selbst im Sommer.

Wie immer waren sie zu Dritt aufgebrochen, um Wasser für den Clan zu holen. Victor hatte aus den Häuten und Sehnen der Beutetiere einige größere Schläuche gefertigt, in denen man große Mengen Wasser transportieren und sogar lagern konnte. Er hatte es einfach gemacht, ohne darüber nachzudenken. Intuitiv wusste er wie es ging, wie man einfache Werkzeuge herstellte und wie man sich andere Dinge aus der Natur nutzbar machen konnte. Irgendwann hatte er sich mit scharfkantigen Steinen einen Speer geschnitzt. Dieser Speer gab ihm neue Möglichkeiten bei der Jagd, zumal er weder über Krallen noch ein wirkungsvolles Beutereißergebiss verfügte. Auch um seine Haut musste er sich kümmern. Ohne Fell war er weder gegen die Kälte noch gegen die brennende Sonne geschützt. Also hatte er sich einen einfachen Umhang aus Fellen gefertigt. Komisch war nur, dass dieser Umhang eine zeitlang passte und dann plötzlich wieder zu klein war. Er wusste nicht, wie oft er ihn vergrößert hatte, aber es war sehr oft. Dabei war ihm die Idee gekommen, etwas zusammenzunähen mit dem man Wasser transportieren könnte. Die Fasern vom Seidelbast waren ein ideales Nähgarn, das er mit dünnen Lederstreifen kombinierte. Für Mona und Faol hatte er jeweils zwei Schläuche gefertigt, die absolut dicht waren. Mit zwei dickeren Lederschnüren verbunden, legte er sie den Beiden einfach über den Rücken. Die kräftigen Wölfe konnten schwere Lasten tragen und er selbst war ohnehin stark genug, insgesamt vier Schläuche auf seinen Schultern zu verteilen.

Kein Rabe war zu sehen. Stechmücken hatten sich auf seiner schwitzenden Haut versammelt. Diese Biester waren nur dazu da, ihn zu quälen und abzulenken. Die Flöhe juckten noch zusätzlich, bald aber würde er im Schlamm baden können. Dann würden die kleinen Quälgeister von der Sonne eingebacken und er konnte sie sich an einem Baum abschrubbeln.

Es war still, zu still. Selbst das Summen der Bienen war verstummt. Die Vögel sangen nicht mehr. Victor war alarmiert. Ein unangenehmer Geruch schlug ihm entgegen. Fast zeitgleich hatten auch seine beiden Begleiter die Witterung aufgenommen. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hielten die Drei schlagartig inne. Sie kannten diesen beißenden, scharfen Geruch. Was sie da rochen, gefiel ihnen gar nicht. Die Augen der drei Gefährten trafen sich kurz. Ohne irgendwelche Gesten hatte man sich blitzschnell verständigt. Es war an Victor, sich aufzurichten und sich umzusehen. Nur er war groß genug über das hohe Gras und Buschwerk hinweg zu spähen. Der Tümpel lag halbrechts von ihnen. Nur etwa zwanzig Schritt trennten ihn vom begehrten Nass. Victors Zunge klebte am Gaumen. Der Durst quälte ihn, raubte ihm fast die Besinnung, mehr noch als seinen beiden Begleitern, die bei dieser Hitze nicht so viel Flüssigkeit aus ihrem Körper abgaben, wie er. Sie schwitzten nur über ihre Zunge und das dauernde Hecheln.

Den Speer fest umklammert und völlig geräuschlos richtete sich Victor auf. Alle Sinne angespannt, spähte er über die Büsche hinweg zum Tümpel. Vergessen waren die Fliegen, vergessen waren die nervigen Flöhe und selbst der Durst hatte jetzt keine Bedeutung mehr. Voll konzentriert begann er alles wahrzunehmen, was sich im Umkreis abspielte. Nase und Ohren interpretierten, was er sah. Seine Blicke schweiften über das Gelände, bis sie sich an diesem furchterregenden Anblick festhefteten. Der Schreck durchzuckte ihn wie ein Blitzschlag. Die älteren Wölfe hatten ihn schon früh gelehrt, ruhig zu bleiben und sich nicht hektisch zu bewegen, egal wie groß die Gefahr auch sein mochte. In diesem Moment jedoch fiel es ihm besonders schwer. Etwa zehn Schritte vor ihm stand er. Er, den er schon öfters im Traum gesehen hatte. Der braune Bär, größer und machtvoller, als alle Bären, die er bisher gesehen hatte. Der beißende Geruch, den der Koloss verströmte, eroberte seine Nase, verdrängte alle anderen Gerüche und betäubte ihn fast. So nahe war er einem Bären noch nie gekommen. Dieses unbesiegbare Monster sollte ihn nun davon abhalten, endlich zur Wasserstelle zu gelangen, sich zu baden, zu trinken und dem Rudel frisches Wasser zu bringen?

Nein, niemals!, beschloss er, doch wie sollte er es anstellen? Zu besiegen war der Bär ganz sicher nicht, schon gar nicht von lediglich drei Wölfen. Victor besaß zwar eine Waffe und war größer als die anderen Wölfe, aber dafür war er auch langsamer. Sein Gebiss war alles anderes als tödlich. Nein so wird es nicht gehen, befand er.

Genüsslich zerfetzte der Bär seine Beute, ein junges Reh. Es hatte offenbar Wasser gesucht, doch der brennende Durst hatte es unaufmerksam werden lassen. Unaufmerksamkeit war tödlich in dieser Wildnis, das wusste Victor sehr genau. Für den Bären war es einfach, sich, an der einzigen Wasserstelle weit und breit, auf die Lauer zu legen. Durstige Tiere hinterrücks zu überfallen, so etwas taten Wölfe niemals. Sie jagten und hetzten ihre Beute, ließen der Beute auch eine Chance, aber sie lauerten ihr nicht heimtückisch auf. Das Jagen und Treiben war eine Art Ritual. Die Art, wie sie es taten, zeigte, dass sie vor jedem Beutetier große Achtung und Respekt hatten.

Ganz anders als in seinen anderen Träumen verachtete Victor diesen Bären nun. Er würde ihn überlisten und er würde zum Wasser gelangen, dessen war er sich sicher. Mona machte sich als Erste auf den Weg. Lautlos glitten ihre Pfoten über den trockenen, steinigen Boden. Kleine Ästchen, trockene Blätter oder Steine, alles nahm sie wahr und achtete darauf, keinerlei Geräusche zu verursachen. Nach etwa achtzig Schritt begann sie wie wild loszurennen und allerlei Getier aufzuschrecken, welches in der Hitze vor sich hingedöst hatte. Der Kopf des Bären schnellte nach oben. Seine dunklen, bedrohlichen Augen spähten in Monas Richtung. Vögel flatterten hoch, ein paar Rebhühner machten sich lautstark auf den Weg und eine ganze Hasenfamilie huschte durch´s Gestrüpp. Doch der Bär entschied sich für seine Beute und machte keine Anstalten, irgendwelchem anderen Getier hinterherzulaufen. So würde es also nicht funktionieren. Victor fasste einen spontanen Entschluss. Sein Durst hatte die Vorsicht nun doch besiegt.