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Sabine Bresan

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Beschreibung

Eine Mordserie erfasst die Stadt Hannover. Sämtliche Opfer sind Lehrer eines Gymnasiums. Für Hauptkommissar Jan Jäger und sein Team beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Brütende Hitze, keine verwertbaren Spuren, eine Mauer aus Schweigen ebenso wie seine hoffnungslose Liebe zu seiner neuen Kollegin erschweren die Ermittlungsarbeit. Und am Ende muss Jäger feststellen, dass er die ganze Zeit einer falschen Fährte hinterhergejagt ist....

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Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Sabine Bresan

quintus

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Montag, 22.40Uhr

Dienstag, 00.30 Uhr

Dienstag, 01.22 Uhr

Dienstag, 8.25Uhr

Dienstag, 11. 20 Uhr

Dienstag, 12:10 Uhr

Dienstag, 13.00 Uhr

Dienstag,14.45 Uhr

Dienstag, 14.45 Uhr

Dienstag, 15.05 Uhr

Dienstag, 15. 23 Uhr

Dienstag, 17:40 Uhr

Dienstag, 19.55 Uhr

Mittwoch, 6.00 Uhr

Mittwoch, 15.05 Uhr

Mittwoch, 16:22 Uhr

Mittwoch, 18.00 Uhr

Donnerstag, 10.00 Uhr

Donnerstag, 11.20 Uhr

Freitag, 5.30 Uhr

Freitag, 13.45 Uhr

Freitag 18.05 Uhr

Freitag, 20.00 Uhr

Samstag, 15.00 Uhr

Samstag, 16:35 Uhr

Samstag, 21:30Uhr

Samstag, 02.34 Uhr

Montag, 7.50 Uhr

Montag, 10.35 Uhr

Montag, 13.20 Uhr

Montag, 14.45 Uhr

Montag, 14. 49 Uhr

Montag, 15. 50 Uhr

Montag, 18.30 Uhr

Montag, 20.00 Uhr

Montag, 21.10 Uhr

Dienstag, 7.00 Uhr

Dienstag, 8.35 Uhr

Dienstag, 10.45 Uhr

Dienstag, 11.30 Uhr

Dienstag, 12.45 Uhr

Dienstag, 21. 22 Uhr

Dienstag, 22.04 Uhr

Dienstag, 3.30Uhr

Mittwoch, 7.10 Uhr

Mittwoch, 8.35 Uhr

Mittwoch, 12.30 Uhr

Mittwoch, 13.36 Uhr

Mittwoch, 23.22 Uhr

Mittwoch, 23.27 Uhr

Donnerstag, 03.43 Uhr

Donnerstag, 6.15 Uhr

Donnerstag, 7.04 Uhr

Donnerstag, 10.23 Uhr

Donnerstag, 12.11 Uhr

Donnerstag, 13.25 Uhr

Donnerstag, 10.55 Uhr – eine Woche später

Epilog

Anmerkung

Impressum neobooks

Prolog

„Verschwinde jetzt!“, kommandierte er und machte eine Handbewegung, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.

Mühsam erhob sie sich. Ihre Beine, an deren Innenseite eine Blutspur klebte, waren wie Pudding. Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr blütenweißer Satinslip schimmerte auf der versifften Matratze wie ein Diamant im Schlamm. Er lag verkehrt herum da. Als sie nach ihm griff, packte plötzlich die behaarte Pranke ihr linkes Handgelenk, und umklammerte es wie ein Schraubstock.

„Du sagst zu niemandem ein Wort!“, befahl er und drückte noch fester zu.

„Ich sage nichts. Wirklich, Ehrenwort!“, versprach sie wimmernd.

Sein lautes Lachen hallte von den kahlen Wänden wider.

„Es wird dir sowieso niemand glauben!“

Endlich ließ er ihr schmerzendes Handgelenk los. Sie schnappte sich ihre Unterhose, hielt sie schützend vor ihre entblößte Brust und trat einen Schritt beiseite. Es platschte kurz. Das schleimige Latex saugte sich an ihrem nackten Fuß fest. Ein Schauder ergriff sie, ihr Magen drehte sich um. Sie würgte den Brocken, der in ihrem Hals drückte, runter. Ein saurer Thunfischgeschmack breitete sich in ihrem Mund aus.

Selbstgefällig lag der nackte Fettsack in den feuchten Laken, seine Hände nun hinter dem Kopf verschränkt.

Er beobachtete sie.

So schnell sie konnte, sammelte sie ihre Kleidungsstücke vom Teppich auf. Dabei spürte sie seine Blicke im Rücken wie Messerstiche. Hastig zog sie sich an. Es fiel ihr unsagbar schwer, denn alles tat ihr weh, als wäre sie eine große offene Wunde.

Warum war sie nur so dumm gewesen, hierher zu kommen? Sie hätte es sofort wissen müssen, als sie dieses Drecksloch betrat. Es war ganz offensichtlich, was er von ihr wollte: kein Schreibtisch, keine Bücher - nur diese Matratze. Und dieser penetrante Gestank nach Schweiß, Sperma, Bier! Als sie begriff, dass sie einen schweren Fehler begangen hatte, spürte sie bereits die Matratze unter sich. Unfreiwillig.

Jetzt wollte sie nur schnell raus aus dieser Hölle. Weit weg.

„Und, wie war ich?“, dröhnte es wie Hohn in ihren Ohren und riss sie aus ihren Gedanken.

Tränen stiegen in ihre Augen, die Thunfischpizza kroch wieder in ihren Hals. Nie wieder würde sie Pizza essen können.

Sie schluckte. Sie zitterte. Schweißperlen strömten aus allen Poren.

Bloß nicht mehr heulen! Reiß dich zusammen! Sieh zu, dass du hier raus kommst! Beeil dich! Los!

„War doch gar nicht so schlimm“, beteuerte er mit Unschuldsmiene.

Bitte lieber Gott, dieses ekelhafte Dreckschwein soll mir nie wieder wehtun. Nie mehr! Bitte!!!

Sie verlor ihr Gleichgewicht, als sie sich ihre Stiefel anzog, und sie sah aus dem Augenwinkel, dass sein dickes Ding schon wieder begierig stand.

Nackte Angst packte sie.

War die Tür verschlossen?

Montag, 22.40Uhr

Die Hitze war erbarmungslos.

Eine fette, grün schimmernde Fliege schwirrte um seinen Kopf, bis sie auf seiner schweißbenetzten Stirn landete.

Er schüttelte sie angewidert ab, nahm die Fernsehzeitung vom Tisch, rollte sie auf und lauerte bis der dicke Brummer sich auf den Tisch begab. Heftig schlug er zu. Die Fliege war sofort tot. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Nun hörte er, dass es morgen noch heißer werden sollte. 33 Grad!

Seufzend wischte Winfried Heller sich den Schweiß von der Stirn, schaltete den Fernseher aus, hievte sich aus seinem bequemen Fernsehsessel und trank den schalen Rest Bier aus seinem Glas. Er stellte es in die Küche und sprach zu seinem Rauhaardackel, der nach dem Pawlowschen Prinzip immer um diese Zeit voller Vorfreude mit dem Schwanz wedelnd hinter ihm herdackelte: „Ja, mein Guter, nun wollen wir beide Gassi gehen“. Er tätschelte Cäsar liebevoll über den Kopf, bevor er die Haustür öffnete. Draußen zog er leise die Tür ins Schloss, er wollte Ingrid, seine Frau, nicht aufwecken. Nach ein paar Metern durch den Vorgarten traten sie durch das Tor des Jägerzauns auf den Bürgersteig. Sogleich hob Cäsar das Bein und hinterließ seine Markierung. Sie bogen rechts ab, bis sie nach etwa hundert Metern eine schmale Holzbrücke überquerten, bogen dann gleich wieder links ab. Hier befand sich ein Trampelpfad zwischen Maisfeldern, Wiesen und Bäumen.

Es war drückend schwül draußen und Winfrieds hundertzwanzig Kilo belasteten ihn daher besonders. Aber er war ein Prinzipienreiter: Jeden Abend um dieselbe Zeit führte er seinen Hund eine Dreiviertelstunde auf diesem Weg spazieren. Bei Wind und Wetter. Er brauchte dieses Ritual. Es befreite den Kopf. Etwa zwanzig Minuten waren sie bereits unterwegs. Sein T-Shirt klebte wie ein nasses Küchenhandtuch an ihm. Sein Atem keuchte, seine Schritte waren schwerfällig und langsam. Wie im Zeitlupentempo. Cäsar rannte hingegen munter das Maisfeld entlang. Er war außer Sichtweite.

Winfried fühlte sich hier sicher. Es war eine ruhige und solide Gegend, ohne nennenswerte kriminelle Delikte. Außerdem war er ein Koloss von einem Mann, und er war eine Respektperson. Er war Lehrer.

Wie aus dem Nichts kam ihm eine Person entgegen, die er nicht richtig einordnen konnte. Er kniff die Augen zusammen. Da es noch hell war, konnte er sie deutlich sehen: lange Haare, Käppi, Jeans, Stiefel. Er wunderte sich, wieso man bei dieser Hitze Stiefel tragen konnte. Seine Füße glitschten in seinen Sandalen. Eine leichte Beklemmung beschlich ihn. Er spähte nach Cäsar, doch sein Hund war weder zu sehen noch zu hören. Er fand es merkwürdig. Plötzlich war ihm, als würde das Blut in seinen Adern gefrieren. Er erkannte die Person.

Doch die Person trat ihm freundlich grüßend entgegen. Erleichtert grüßte er zurück.

„Was für eine furchtbare Hitze, nicht wahr, Herr Heller?“

Beide blieben stehen.

Winfried Heller lachte innerlich über sich, dass er tatsächlich einen Augenblick Angst verspürt hatte. Was sollte auch schon passieren? Man konnte ihm nichts beweisen. Gar nichts. Die Verschnaufpause tat ihm gut. Sein Atem erholte sich.

„Und morgen soll es noch heißer werden. Das habe ich vorhin im Wetterbericht gehört“, berichtete Heller und stöhnte.

„Grausam“, erwiderte die Person.

„Ja. Haben Sie meinen Hund gesehen?“

„Nein!“

„Nicht? Merkwürdig.“ Er reckte den Hals und spähte wieder nach Cäsar. „Cäsar, Cäs...“, seine Stimme erstarb, denn blitzartig wurde ein Messer in seinen Bauch gerammt. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er an sich hinunter, konnte kaum glauben, dass das sein Blut war, das sein T-Shirt besudelte. Und schon durchzuckte ihn erneut ein heftiger Schmerz. Er wollte um Hilfe schreien, aber kein Laut kam aus seinem staubtrockenen Mund. Er war nur noch in der Lage den nächsten Stich zu spüren. Dann sackte er zusammen und fiel mit gebrochenen Augen auf den noch warmen Boden.

Dienstag, 00.30 Uhr

„Du siehst so schön aus“, sagte Gregor und streichelte Katharina zärtlich über ihre Wange.

Sie schnurrte wohlig wie eine Katze bei dieser zarten Berührung seiner warmen Hand. Wie sehr hatte sie sich auf diesen Abend und eine lange Nacht mit ihm gefreut. Gregor war ein einfühlsamer Liebhaber und er hatte so schöne blaue Augen. Als er seine Hand entfernte, sagte sie: „Danke fürs Kompliment. Aber du siehst abgekämpft aus.“

„Ich hatte einen anstrengenden Tag“, rechtfertigte er sich.

Sie saßen sich auf Barhockern an einem hohen Bistrotisch gegenüber. Das Lokal war schon fast leer, als die Kellnerin zwei Bierkrüge auf den Tisch stellte.

Katharina, die ihre hellblonden Locken lässig zu einem Dutt gesteckt hatte, trank ihr großes Bier mit gierigen Schlucken.

„Mein Gott, hab ich einen Durst. Die Hitze trocknet einen so richtig aus.“ Sie wischte sich mit dem Unterarm den Schaum vom Mund. „Wie war übrigens das Konzert? Ich wäre ja so gerne mitgegangen. Aber du weißt ja, Olaf ist total eifersüchtig. Und wenn uns irgendwelche Kollegen von ihm sähen. Das geht gar nicht.“

„Das kann ich verstehen, mein blonder Engel. Trotzdem, dieses Versteckspiel halte ich langsam nicht mehr aus. Ich möchte dich normal treffen können. Ich möchte jedem zeigen können, was für eine wunderschöne Frau ich habe. Ich möchte mit dir etwas erleben. Ich möchte mit dir zusammenwohnen. Ich möchte mit dir Kinder haben. Und ich will nicht zur Schlafenszeit in irgendwelchen finsteren Spelunken am Stadtrand sitzen und mich wie ein Verbrecher verstecken. Ich liebe dich, Katharina.“

„Ich liebe dich doch auch, Gregor. Aber lass mir noch ein wenig Zeit“, säuselte sie und schaute ihn mit ihren großen braunen Rehaugen beschwichtigend an, während sein geäußerter Kinderwunsch in ihr bohrte. Denn obwohl es schon fast drei Jahre her gewesen war, dass sie ihr Baby verloren hatte, tat es ihr immer noch weh. Ihr Junge wäre nun in seiner Trotzphase, kam es ihr in den Sinn. Für Olaf und sie war damals eine Welt zusammengebrochen. Er hatte sich komplett in seine Arbeit vergraben. Sie hatte sich aufs Sofa verkrochen und wochenlang apathisch herumgelegen: kaum gegessen, zuviel Alkohol getrunken, sich um nichts gekümmert. Seitdem kriselte es in ihrer Ehe. Besser gesagt, es krachte.

„Und dass es heute so spät wurde, dafür kann ich nichts. Du hattest ja im Gegensatz zu mir vorher keine Zeit“, bemerkte sie leicht vorwurfsvoll.

Er beugte sich ein wenig über den Tisch, damit er ihren Arm streicheln konnte.

„Komm, lass uns nicht streiten, Katharina!“

Sie winkte mit der freien Hand die Bedienung herbei und bestellte sich noch ein großes Bier.

Nun entdeckte Gregor einen großen blauen Fleck an ihrem gebräunten Arm. „Was ist denn da passiert?“, fragte er besorgt.

„Nicht so schlimm. Ich habe die schwere Gartenschere auf den Arm bekommen, als ich einen Ast abschneiden wollte, dabei bin ich gestürzt. Und prompt fiel die Schere auf meinen Arm. Manchmal bin ich doch so ungeschickt“, sagte sie lächelnd. Dabei erinnerte sie sich, wie Olaf aus dem Schlafzimmer gebrüllt hatte: „Wo ist mein blaues Hemd?“

Blitzschnell und mit klopfendem Herzen war sie ins erste Stockwerk gerannt. Sie versuchte ihm zu erklären, dass sie es wegen der Gartenarbeit und der quälenden Hitze noch nicht geschafft hatte, zu bügeln. Bis zum Bügeln war sie gar nicht mehr gekommen, schon hatte er ihr in die Magengrube geboxt, als wäre sie ein Sandsack. Gnadenlos hatte er weiter auf sie eingeprügelt, als sie bereits wimmernd am Boden gelegen hatte. Nur ihr Gesicht hatte er verschont. Es sollte ja niemand sehen.

„Was macht denn die Schule?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

„Alles gut. Bestens. Ich komme mit allen gut klar. Es ist ganz anders als in der Referendariatszeit. Keiner schaut dir mehr über die Schulter. Keiner sagt dir, was du zu tun oder zu lassen hast. Keiner kritisiert dich ständig. Ich habe jetzt praktisch freie Hand. Und ich bin jetzt richtig anerkannt. Irgendwann werde ich noch Schulleiter“, dabei rieb er sich selbstgefällig sein Kinn. „Sogar Schiller, Heller und Co akzeptieren mich mittlerweile. Und ich habe eine Menge Spaß mit denen“, erzählte er stolz, wobei seine Stimme eine Note zu hoch rutschte.

„Wie kann man denn mit denen Spaß haben? Oder bist du jetzt auch auf den Hund gekommen?“, fragte sie provozierend.

„Der Gedanke ist nicht ganz abwegig. Ich wünschte mir schon als kleiner Junge einen Hund. Doch meine Eltern erlaubten es nicht. Unsere Wohnung war viel zu klein und wir hatten kaum Geld. Meine Mutter ging putzen, um uns satt zu kriegen. Den Luxus, sich einen Hund zu halten, konnten wir uns nicht leisten. Weder finanziell noch zeitlich. Aber als kleiner Junge verstehst du das nicht. Und es zerreißt dir das Herz.“ Er trank einen großen Schluck Bier, als wollte er diese Kindheitserinnerungen hinunterspülen.

Katharina schaute ihn mitfühlend an, während er erzählte. Sie legte ihre Hand liebevoll auf seinen Arm, der auf dem Tisch lag, und streichelte ihn zärtlich.

„Ein großer Jagdhund wäre schon etwas Feines. Und wenn wir erst zusammenwohnen, könnten wir uns das Gassi gehen teilen, das heißt: Ich übernehme zwei Drittel und du ein Drittel.“

Er sah sie an, als hätte er ihr eine teure Perlenkette geschenkt.

Katharina verschluckte sich an ihrem Bier und fing an zu husten.

Gregor stand auf, kam seitwärts auf sie zu und klopfte ihr sachte auf den Rücken.

Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Sogar diese zarte Berührung tat ihr noch weh. „Danke. Ist schon gut. Ich habe nur zu schnell getrunken.“

„Du kippst Dir das Bier rein, als wärst Du am Verdursten“, tadelte er sie.

Gregor setzte sich wieder.

Ein unangenehmes Schweigen entstand.

„Was sagst du dazu?“, nahm er den gesponnenen Faden wieder auf.

„Wozu?“, stellte sie sich begriffsstutzig.

„Nun, zu unserem Hund? Wie wollen wir ihn denn nennen? Ich bin für Napoleon.“

Katharina setzte das Glas wieder an ihre Lippen und trank in vollen Zügen. Danach stellte sie das fast leere Glas wieder auf den Holztisch, wischte sich den Schaum vom Mund und guckte sich im Lokal um.

„Schau mal, außer uns beiden hocken nur noch zwei einsame, besoffene Typen am Tresen. Wollen wir nicht lieber zu dir gehen?“ Sie hatte weiß Gott keine Lust auf eine Diskussion über Hunde. Und sie wollte verdammt noch mal keinen Hund haben. Sie wollte geliebt werden.

„Gute Idee mit dem Gehen. Ich finde, du hast genug getrunken. Außerdem muss ich morgen früh aufstehen, deshalb wäre es besser, wenn du zu dir fährst. Sei mir nicht böse. Ich habe morgen so einen nichtsnutzigen Referendaren zu betreuen. So einen Nichtskönner. Der unterrichtet morgen in meiner 7b Englisch - past tense und present perfect. Und der Typ kann es selber nicht. Eine totale Graupe, sage ich dir. Wenn ich Fachleiter wäre, ich ließe ihn knallhart durchfallen.“ Er gähnte lauthals. „Ich bin hundemüde. Es war ein langer Tag. Lass uns losgehen.“

Katharina versetzte es wieder einen Stich. Ihre Gesichtszüge verkrampften sich zusehends. Sie fragte sich auf einmal, ob er schon immer so war. So ich-bezogen. Und seine Aussage über den armen Referendar kränkte sie persönlich. Denn sie war durchs Zweite Staatsexamen gefallen und danach aus allen Wolken. Wegen dieses Schweinehundes von Winfried Heller.

„Gut, ich lade Dich ein. Und dann fährt jeder zu sich nach Hause“, versuchte sie leichthin zu sagen, während sie ihren Ärger runterschluckte.

Gregor war sofort einverstanden. Als Katharina die Rechnung bezahlte, guckte er verlegen beiseite, suchte wichtigtuerisch nach seinem Autoschlüssel und freute sich insgeheim über das gesparte Geld. Nach einem kurzen Abschiedskuss fuhr jeder seiner Wege.

Dienstag, 01.22 Uhr

Katharina fuhr ihren Wagen rückwärts in die Einfahrt, schaltete den Motor aus, suchte in ihrem Prada-Rucksack nach dem Hausschlüssel und stieg aus. Der Kies knirschte unter ihren Stiefeln, während sie ein paar Schritte zur Eingangstür lief. Sofort sprang der Bewegungsmelder an. Sie schloss die knallrote Eingangstür mit dem goldenen Löwenknauf auf. Das war ein Andenken aus London, ein Andenken aus einer glücklichen Zeit. Lange schien es her zu sein, sie konnte sich kaum noch an dieses Gefühl von Glück erinnern.

Als sie in der großen Diele stand, sah sie sofort das Blinken der Diode. Das rote Lämpchen erschien ihr wie ein Warnsignal. Sie atmete tief durch, bevor sie mit schlechtem Gewissen den Knopf des Anrufbeantworters drückte, denn sie ahnte, wer es war.

„Sie haben eine neue Nachricht. - Hallo, Kathi. Ich bin es. Ich wollte dir nur sagen, dass ich länger in Polen bleiben muss. Die Geschäftslage erweist sich als besonders schwierig. Rechne also nicht vor nächstem Mittwoch mit mir. Sag mal, wo steckst du eigentlich? Ich versuche den ganzen Abend dich zu erreichen. Egal. Ich muss jetzt Schluss machen, die Geschäftsleute warten auf mich. Bis dann. Piep, Piep.“

Sie atmete erleichtert auf. Eine ganze Woche noch sturmfrei. Eine Woche lang keine Schläge. Sieben Tage keine Angst. Sie schaltete das Licht ein und lief durchs große Haus, das sich in einer der besten Wohngegenden Hannovers, dem Zoo-Viertel, befand. Es war ein wunderschöner Jugendstilaltbau, den sie aufwendig renovieren ließen. Denn Olaf war ein Karrieretyp. Ein Sohn aus gutem Hause. Ein Snob. Und ein brutales Arschloch.

Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn das Haus ihr allein gehören würde. Eine herrliche Vorstellung. Sie überlegte, während sie durch die Räumlichkeiten schlenderte, was sie alles verändern würde. Diesen ganzen Designerkram, besonders der im Wohnzimmer, würde sie als erstes hinauswerfen. Es sah zwar edel aus, aber es wirkte kalt. Alles in schwarz und weiß gehalten. Raus damit! Auf diesen teuren Sesseln konnte man nicht mal seinen Kopf anlehnen. Weg damit! Stattdessen ein rotes, weiches Kuschelsofa mit vielen Kissen. Und zwei bequeme Ohrensessel. Und Sitzkissen auf dem Boden. Ein paar große Grünpflanzen wären nicht schlecht, dachte sie. Vor allem müssten diese grässlichen, abstrakten Kunstbilder von der Wand. Überwiegend in kalten Farben gehalten. Schrecklich. Jetzt fiel ihr ein, dass Olaf beim Renovieren den Ton angegeben hatte. Er war wenig kompromissbereit gewesen. Es war ja schließlich sein Haus. Leider.

Am liebsten hätte sie ein Messer gegriffen und die kostbare aber kalte Kunst damit zerstört. Am liebsten würde sie alles zerstören, was sie zerstört hatte. Auch ihren brutalen Ehemann, diesen kalten Fisch.

Danach würde sie das Haus und ihr Leben bunter und gemütlicher gestalten. Nur wovon sollte sie leben? Ihr Berufstraum Lehrerin war ja nun passe´. Die Schweine haben mich durchfallen lassen, schoss es ihr wieder durch den Kopf. Knallhart. Gnadenlos.

Unwillkürlich ergriff sie die kostspielige Berliner Blumenvase und schleuderte sie durch das Zimmer. Sie schmetterte gegen die Wand, sodass sich die Scherben über das glänzende Fischgrätparkett ausbreiteten und die roten Rosen den Boden wie Blutstropfen besprenkelten. Ein Rinnsal breitete sich langsam aus und kroch ins teure Holz. Es war ihr egal. Scheißegal. Nun schleuderte sie den nächsten Gegenstand, es war ein Geschenk seiner Eltern, eine große Porzellanstatue, durch den Raum. Sie krachte aufs Parkett und zersprang. Es tat so gut. Verdammt gut. Sie stapfte in die Küche, griff sich die angebrochene Wodkaflasche aus dem Kühlschrank und kippte sich den Alkohol hinein. Der Wodka brannte in ihrer Kehle. Er wirkte sofort. Nach ein paar Schlucken fühlte sie sich noch ein bisschen besser. Entspannt. Sie schnappte sich nun eine Packung Erdnussflips, eine Tafel Schokolade, die Flasche Wodka, lief damit ins Schlafzimmer, schaltete den Flachbildschirm ein und kuschelte sich mit ihrem kulinarischen Trost in die Kissen.

Ein Liebesfilm lief.

Tränen strömten über ihr Gesicht. Warum? Warum habe ich nur so viel Pech mit den Männern?, dachte sie verzweifelt. Was habe ich nur getan?

Dienstag, 8.25Uhr

Der neununddreißigjährige Hauptkommissar Jan Jäger saß übermüdet und verkatert in dem Zweierbüro der Polizeidirektion Hannover am Waterlooplatz und blätterte lustlos in einer alten Akte herum. Er musste sich durch die liegengebliebenen Aktenberge arbeiten, die ihn gewiss noch ein paar Tage beschäftigen würden. Er hasste Papierkram. Vielmehr noch hasste er es, einen ganzen Tag lang am Schreibtisch sitzen zu müssen. Er brauchte Action. Bewegung. Er rieb sich seine schmerzende Stirn. Gestern hatte er eindeutig zuviel Wein getrunken und das bei dieser fürchterlichen Hitze. Um die Einsamkeit zu betäuben, allein auf seinem Balkon.

Sein Blick streifte die Hannover 96 - Fahne an der Wand. Ein Relikt von seinem alten Kollegen und Freund Peter, der nach Berlin gezogen war. Wegen einer Frau. Dabei waren sie beide eingefleischte, zufriedene Singles gewesen. Und jetzt? Jetzt schmeckte Jan sein Junggesellenleben auch nicht mehr, insbesondere seit die neue und verdammt hübsche Diana Templin Peters Platz eingenommen hatte. Seit ungefähr sechs Monaten wusste er nicht, wie er es anstellen sollte, sie für sich zu gewinnen. Auf die übliche Art und Weise konnte er sie nicht anbaggern.

Erstens: Er war ihr Vorgesetzter.

Zweitens: Er war leicht aus der Übung.

Drittens: Er war verliebt in diese Frau.

Seit Ewigkeiten mal wieder.

Er schaute auf die große Wanduhr. 8.27 Uhr. Ganz schön spät dran die Dame, dachte er und zuckte zusammen, als Kriminalrat Sven Meyer, sein Chef, in den Raum stürmte. „Was für ein beschissener Tag! Diese widerliche Hitze und dazu eine Leiche zum Frühstück.“ Der siebenundfünfzigjährige, dickbäuchige Meyer tupfte sich den Schweiß mit einem Stofftaschentuch von seiner Halbglatze. „Ein Toter wurde in einem Maisfeld in Bothfeld gefunden, in der Nähe des Jägerstiegs. Also Jäger, auf zur Jagd! Zwei Streifenwagen sind schon vor Ort. Die Spurensicherung ebenfalls. Wo ist Templin?“, fragte er vorwurfsvoll und schaute demonstrativ auf seine goldene Armbanduhr.

„Auf dem Klo, Chef“, log Jäger.

„So genau wollte ich es nicht wissen. Sehen Sie zu, dass Sie sich zum Fundort begeben. Möglichst bald“, herrschte Meyer ihn an.

„Bin ja schon unterwegs, Chef“, erwiderte Jäger patzig. Doch er ließ sich nicht hetzen. In aller Seelenruhe ging er zum Garderobenständer, nahm seine Jeansjacke, die er sogar bei Hitze benötigte, um seine Arbeitsutensilien wie Latexhandschuhe, Plastikbeutel, Visitenkarten verstauen zu können, vom Haken, zog sie sich an, lief zurück zum Schreibtisch und griff sich seine Zigaretten, sein iPhone und verstaute alles in seiner Jackentasche, setzte sich seine Ray-Ban auf, marschierte zum Wandspiegel, warf einen Blick hinein und fuhr sich mit den Händen durch seine straßenköterblonden Haare. Dann verließ er kommentarlos den Raum, wobei er die Tür krachend in Schloss fallen ließ.

„Vollidiot!“, grummelte Jäger in sich hinein. Der Alte hat mal wieder schlechte Laune. Wie so oft in letzter Zeit. Er rannte die Treppen vom dritten Stockwerk hinunter. Draußen auf dem Parkplatz angekommen, fischte er seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn ins Schloss seines alten dunkelroten Benz. Er klopfte aufs Dach und sprach: „Harry, wir sind dran. Es gibt wieder dreckige Arbeit.“ Jan fuhr nur selten mit einem der Dienstfahrzeugen, denn er liebte diesen Kultwagen: ein 200D/8 mit Schiebedach und Hochkantscheinwerfern. Er nannte ihn Harry, denn der amerikanische Filmcop Dirty Harry war sein Vorbild und das Allerweltsauto des letzten Jahrhunderts besaß für ihn eine Seele. Er öffnete die Autotür, stieg ein und fuhr los. Sofort drückte er die Handynummer von Diana Templin.

„Hey, Diana, wo steckst du?“, brummte er in die Freisprechanlage, das einzig Moderne an diesem Wagen.

„Bin schon unterwegs ins Büro. Konnte heute so schlecht schlafen.“

„Nix Büro, fahre nach Bothfeld, Jägerstieg, in der Nähe des Naturschutzgebietes. Wir haben mal wieder richtige Arbeit.“

„Nee, auch das noch! Bis gleich, Kumpel.“

„Okay, bis...“ Sie hatte aufgelegt.

Jan grinste verzerrt in den Rückspiegel. „Kumpel!“, äffte er widerwillig nach. Kräftig drückte er aufs Gaspedal; Harry jaulte auf. Meyer hatte Recht, was für ein beschissener Tag.

Auf der Podbielskistraße herrschte mal wieder Vollbetrieb und Jäger fluchte wie wild, wenn eine lahme Ente oder eine leuchtend rote Ampel ihn am Fahren behinderten. Nach einer nervenaufreibenden Fahrt gelangte er endlich zum Tatort. Jäger wies sich gegenüber den uniformierten Beamten aus, sprang mühelos aus dem Stand über die rotweiße Absperrung und schob sich seine Sonnenbrille auf den Kopf.

„Wo liegt denn das gute Stück?“, fragte er den blassen Beamten.

„Dort drüben im Maisfeld liegt der Tote. Wir haben nichts angerührt!“, verteidigte der Polizist sich im Vorfeld.

„Gut so!“, er klopfte ihm auf die Schulter. „Wer hat ihn gefunden? Wissen wir schon, wer es ist?“

„Ein Hund hat ihn gefunden, Herr Hauptkommissar“, antwortete der Uniformierte.

„Aha, und hat der Hund Ihnen auch erzählt, wie die Leiche heißt?“

„Nein, natürlich nicht, Herr Hauptkommissar. Sein Herrchen kennt den Toten. Es soll ein Nachbar sein, aber seinen Namen kannte er nicht.“

„Ich dachte, es wurde nichts angerührt. Wie konnte sein Herrchen denn den Toten erkennen?“, fragte Jäger mit Ironie. Er wollte den kleinen Beamten ein wenig verunsichern, denn Scheiße rollte bekanntlich von oben nach unten.

„Tut mir leid, das weiß ich nicht. Da müssen Sie ihn schon selber fragen. Er sitzt im Streifenwagen. Ihre Kollegin, Frau Templin, ist gerade bei ihm, soweit ich weiß.“

„Danke. Entspannen Sie sich“, er klopfte dem jungen Mann abermals auf die Schulter. Dann konnte sie noch nicht lange unterwegs gewesen sein, als er sie anrief. Ertappt! Jetzt grinste Jäger.

Durch das mannshohe Gestrüpp bahnte er sich einen Weg zu dem Leichnam und dem über ihm hockenden Rechtsmediziner der medizinischen Hochschule Hannover, Professor Dr. Christian Bäumler, Jägers Lieblingspathologe. Er bewunderte Bäumler, dass er sich tagein, tagaus mit dem Aufschneiden von Leichen beschäftigen und den Toten ein Thermometer manchmal in einen zum Teil verwesten oder verschissenen Hintern stecken konnte. Und dies alles bei einem unerträglichen Gestank. Und niemals verlor er dabei seine gute Laune. Christian Bäumler war ein sportlicher Mittvierziger, allzeit braungebrannt, meistens von der Sonnenbank. Sein ehemals schwarzes Haar war graumeliert, aber immer noch dicht. Ein akkurat gezogener Seitenscheitel seiner ohrläppchenlangen Haare verlieh ihm einen aristokratischen Ausdruck, der durch seinen perfekt geschnittenen Dreitagebart verstärkt wurde. Bäumler wirkte wie alter Landadel und an Verehrerinnen mangelte es dem Junggesellen nicht. Jäger wusste, dass er einige seiner Studentinnen im Bett gehabt hatte. Heute trug Bäumler einen seiner maßgeschneiderten Anzüge, die immer so lässig wirkten. Taubengrau. Weiße Einweg-Überziehschuhe überdeckten seine teuren Lederschuhe. Handgenäht. Eigentlich ist er ein arroganter Snob, dachte Jäger. Trotzdem, er mochte ihn, vor allem wegen seines makabren Humors und seiner hervorragenden Arbeit, die genauso akkurat war wie sein Scheitel. Zwischen den beiden herrschte eine kumpelhafte Kollegialität, die allerdings nicht über das berufliche Leben hinausging.

„Fünf Einstiche, welcher davon tödlich war, kann ich noch nicht sagen. Kampfspuren habe ich bislang keine entdeckt“, erklärte Bäumler statt einer Begrüßung.

„Guten Morgen, Bäumler.“

„Guten Morgen ist gut.“

„Sei froh, du lebst doch nicht schlecht von den Toten. Hatte er etwas bei sich?“

„Nein, nur einen Schlüsselbund. Keine Brieftasche etc.“

„Hast du die eingesteckt? Oder war es Raubmord?“

„Guck dir den mal genau an! Sieht der aus, als hätte er eine goldene Visa Karte? Die Bermudas sieht billig aus und das T-Shirt hat seine beste Zeit hinter sich. Und erst diese abartigen Sandalen...“

„Kein Wunder. Das T-Shirt ist zerfetzt und blutverschmiert. Im Übrigen kann nicht jeder so teure Designerklamotten tragen wie die Herren Doktoren.“

„Höre ich da so etwas wie Neid?“ konterte Bäumler ohne aufzublicken.

„Wie lange ist er tot?“ fragte Jäger nun geschäftstüchtig.

„Gedulde dich einen kleinen Moment. Zaubern kann ich nicht.“ Er tastete die Haut des Leichnams ab, holte ein Thermometer aus der neben ihm stehenden Tasche, maß die Temperatur des Toten rektal. Nach einem kurzen Moment zog er das Thermometer wieder heraus. „Achtundzwanzigneun. Die Leichenstarre ist vollständig ausgebildet, ebenso die Leichenflecken. Die Außentemperatur beträgt jetzt 22,5 Grad Celsius“, er hielt einen Moment inne und wischte sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. Bisschen zu schick angezogen, dachte Jäger. Und morgen muss der teure Anzug in die Reinigung. Er bemühte sich ein Grinsen zu verkneifen.

„Also, ich vermute, er liegt circa zehn bis zwölf Stunden hier.“

Jäger schaute auf seine Uhr und rechnete. „Die Tatzeit liegt demnach zwischen 21.30 Uhr und 23.30 Uhr.“

„Kommt hin“, antwortete Bäumler trocken, piekte mit einer Pinzette eine weiße schleimige Made auf und ließ sie in ein Gefäß fallen, in dem sich einige nekrophage Insekten tummelten. „Wollen wir den Fleischfressern mal einen ordentlichen Schluck Alkohol zum Nachspülen geben“, scherzte er, „ich bin ja schließlich kein Unmensch. Und du hast wohl auch zu tief ins Glas geschaut.“

„Kleine Feier, gestern“, rechtfertigte sich Jäger. Allein auf meinem Balkon. Muss ja nicht jeder wissen, dass ich Trost im Wein suche. Hab ich echt ´ne Fahne?

Bäumler griff in seine Sakkotasche und hielt Jäger eine Pfefferminzrolle hin. „Du scheinst ja in letzter Zeit häufig zu feiern.“

„Neidisch?“ konterte Jäger, nahm sich zwei Bonbons und steckte sie sich in den Mund, und murmelte ein „danke“.

„Guck! Hier haben wir einen prachtvollen Totengräber“, jetzt packte Bäumler den Käfer und ließ ihn ebenfalls ins Glas fallen. „Da können mir die Entomologen bei der genauen Bestimmung des Todeszeitpunktes ein bisschen behilflich sein.“

„Das heißt, ich muss mich wieder gedulden.“ Jäger zog eine Flunsch.

„So ist es. Genaueres erst nach der Autopsie. Aber gut, dass man ihn so schnell gefunden hat, in ein paar Tagen würde er bei dieser Gluthitze nicht mehr so appetitlich aussehen. Es wimmelt und krabbelt hier gewaltig. Eine sehr schöne Leichenfauna übrigens“, stellte Bäumler zufrieden fest.

„Wunderschön.“ Jäger versuchte mit seiner rechten Hand die lästigen, summenden Fliegen wegzuscheuchen.

Der Mediziner drehte den Toten wieder auf den Rücken, dabei knisterte es. Er befühlte den Leichnam nochmals und diesmal ließ er keine Stelle aus. Er griff vorne in die Bermudas, holte ein zum Teil vom getrockneten Urin erhärtetes Blatt Papier heraus und reichte es Jäger.

„Warte. Ich muss erst meine Handschuhe überziehen.“

Jetzt hielt Jäger die übelriechende Botschaft mit spitzen Fingern und verkniffenem Gesicht vor seine Augen und las laut: „School`s out forever!“

„Schüler ist er wohl nicht mehr“, meinte Bäumler.

„Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir es mit einem Lehrermord zu tun.“

„Das hast du ja gut kombiniert“, mischte sich Templin, die keiner der beiden bemerkt hatte, ein. „Schlauer Kopf! Alle Achtung!“

Bevor Jäger etwas erwidern konnte, rief ein Mann der Spurensicherung: „Wir haben noch eine Leiche!“

„Was?“, riefen Jäger und Templin unisono.

„Ein Dackel. Ihm wurde scheinbar die Kehle durchgeschnitten.“

„Tja, Bäumler, dann hast du nun zwei Leichen zu obduzieren.“

„Das dauert aber länger...“

„Winfried!“, schrie eine herbeieilende Frau. „Winfried! Was ist mit meinem Mann passiert?“

Zwei uniformierte Beamte hatten es nicht leicht, die verstörte Frau vom Tatort fernzuhalten. Sie mussten sie an den Armen festhalten.

Templin eilte zu ihnen. „Lassen Sie die Frau los!“, knurrte sie. Die Frau stand jetzt reglos da. Templin stellte sich ihr freundlich vor und versuchte sie zunächst zu beruhigen.

„Mein Mann, was ist mit meinem Mann passiert?“

„Sie glauben, mit Ihrem Mann sei etwas passiert?“

„Ja. Ich vermisse ihn schon seit heute Morgen. Und dann dieser Polizeiauflauf. In dieser Gegend!“

„Frau...?“

„Heller, Ingrid Heller.“

„Frau Heller, es ist kein schöner Anblick, aber fühlen Sie sich in der Lage, einen Blick auf den Toten zu werfen, um ihn zu identifizieren? Das würde uns die Arbeit erheblich erleichtern.“

„Tot? ...Aber vielleicht ist es ja doch nicht Winfried?“

„Vielleicht.“ Templin stützte sie während des Gehens und ermahnte sie nichts anzufassen. Wegen der Spuren.

„Ist das Ihr Mann?“

Frau Heller nickte stumm. Das Grauen war ihr ins Gesicht geschrieben. Wie erstarrt stand sie neben der Leiche. Schließlich zog Templin sie sanft vom Tatort weg. „Kommen Sie! Wir können nicht hierbleiben.“

„Aber warum? Warum Winfried? Er konnte doch keiner Fliege etwas zuleide tun.“

„Kommen Sie! Die Spurensicherung und der Fotograf müssen hier ihre Aufgaben erledigen.“ Sie drehte ihren Kopf zur Seite und befahl: „Also Leute, ran an die Arbeit! Macht von allem ordentliche Fotos! Heute Abend liegen die ersten Ergebnisse auf meinem Schreibtisch.“

Einer der weißen Anzüge moserte: „Was glauben Sie, was wir hier die ganze Zeit machen? Hä? Etwa Mais pflücken?“ Er war gerade dabei, den Hund in einen Plastiksack zu verfrachten. „So eine arrogante Zicke“, brummte er in seinen Bart.

Nun sah Frau Heller das tote Tier. „Nein!!! Mein Gott! Die haben auch Cäsar umgebracht. Wer tut denn so etwas? Das arme Tier“, klagte sie.

„Kommen Sie, wir können nicht hier bleiben.“ Templin legte den Arm um die Frau und schob sie beiseite. „Brauchen Sie einen Arzt?“

Frau Heller schüttelte den Kopf und murmelte: „Nein.“

„Wir haben leider noch ein paar Fragen an Sie. Können wir das bei Ihnen daheim machen?“

„Cäsar! Warum?“

„Hallo, hören Sie mich? Es ist besser, wir gehen jetzt zu Ihnen nach Hause.“

„Ja. Natürlich. Wir wohnen hier gleich um die Ecke.“

Jäger ging zu den beiden Frauen.

„Das ist übrigens Hauptkommissar Jäger, er leitet die Ermittlungen“, stellte Templin ihren Vorgesetzten vor. „Und das ist Frau Heller, die Ehefrau des Opfers.“

Heller. Lehrer. Sein damaliger Lehrer etwa? Sein verhasster Lehrer, schoss es Jäger durch den Kopf.

„Mein Beileid, Frau Heller.“

„Warum mein Mann? Und warum Cäsar?“, fragte sie ihn verzweifelt.

„Ich weiß es nicht. Aber ich werde es herausfinden“, versicherte er. „Frau Heller, weshalb sind Sie zum Tatort gekommen?“

„Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten und wollte meinen Mann suchen gehen. Ich habe mir gedacht, dass etwas passiert sein könnte, und dann habe ich die vielen Streifenwagen gesehen“, sie schüttelte den Kopf, „ich dachte mir, mein Mann liegt vielleicht wegen der Hitze zusammengebrochen auf dem Weg. Aber ermordet? In dieser Gegend!“, sie schlug die Hände vors Gesicht.

„Das Böse ist überall“, Jäger zuckte mit den Schultern und erntete einen grimmigen Blick seiner Kollegin.

Schließlich waren sie beim Haus angelangt. Klein und unscheinbar stand es im ordentlich gepflegten Garten. Der Rasen zeigte sich saftig grün, trotz sengender Sonne und brütender Hitze, als wäre er gegen Naturmächte immun. Liebevoll gehegte Rosenstämmchen säumten den Weg zum Eingang. Terrakotta-Töpfe mit roten Geranien zierten die Stufen zur Eichentür. Ein brauner Metalldackel diente als Fußabstreifer und ein großes „Herzlich Willkommen“- Schild begrüßte freundlich die Gäste.

Alles tipptopp, registrierte Jäger. Doch für seinen Geschmack war es zu spießig. Er bevorzugte große, helle Altbauwohnungen, am besten in City-Nähe. Dort, wo das Leben herrschte, wo Einkaufsläden, Cafes und Restaurants fußläufig zu erreichen waren. Das war sein Ding.

Sie betraten das kleine rechteckige Wohnzimmer, in dem vor der Schrankwand aus Eichenholz, beladen mit Nippes, ein hellbrauner lederner Fernsehsessel mit Fußhocker stand. Er war buchstäblich durchgesessen. Auf einer kleinen Kommode in der Ecke neben der Schrankwand befand sich ein altertümlicher Fernseher. Die Kommissare nahmen auf der grauen Polsterecke, die mit akkurat geknickten Zierkissen versehen war, Platz; Frau Heller auf dem dazugehörigen gegenüberstehenden Sessel. Ein ovaler Wohnzimmertisch, mit Häkeldeckchen und gefüllter Schale mit Süßigkeiten, trennte sie. Jäger registrierte eine zerschlagene Fliege auf dem Tisch.

„Wann haben Sie Ihren Mann das letzte Mal gesehen?“, begann Jäger die Befragung, griff sich einen langen Schokoriegel, packte ihn aus, biss ein großes Stück ab und kaute genüsslich.

Templin warf ihm einen missbilligen Blick zu.

Unbeirrt aß er weiter, leckte sich die Finger und zerknüllte das Papier. Es knisterte.

„Gestern Abend beim Abendbrot. Von 18.30 Uhr bis 19.00 Uhr. Danach ging er wie gewöhnlich in sein Arbeitszimmer, um sich auf den nächsten Schultag vorzubereiten. Er ist ein gewissenhafter Lehrer, müssen Sie wissen. Er nimmt seine Arbeit sehr genau, was man ja nicht von allen Lehrern behaupten kann. Jetzt muss ich wohl sagen, er war ein gewissenhafter Lehrer, denn jetzt ist er tot. Mein Gott, wie soll das jetzt bloß weitergehen?“ Ingrid Heller saß eingesunken da, eine beige Sommerhose umspannte ihre dicken Beine, der linke Arm verschränkt vor dem fülligen Leib, eine fleischige Hand stützte ihre kleine Stirn. „Wovon soll ich das Haus abbezahlen? Ich bin nur eine Hausfrau. Mein Gott, warum nur?“ Tränen liefen ihr über das gerötete Gesicht. Sie war ungeschminkt.

Wie wäre es, weniger zu essen, dachte sich Jäger, während er die Schokolade hinunterschluckte, da ließe sich einiges sparen und der Figur täte es auch gut.

„Sollen wir Ihnen nicht doch einen Arzt rufen?“, fragte Templin besorgt.

Frau Heller schüttelte den Kopf: „Nein danke, der kann mir nicht helfen. Der kann mir meinen Mann nicht wieder zurückbringen.“

„Frau Heller, Sie sagten vorhin, Sie hätten Ihren Mann gestern Abend zuletzt gesehen. Exakt um 19.00 Uhr. Ist Ihnen heute Nacht nicht aufgefallen, dass Ihr Mann nicht im Bett lag oder zumindest heute früh?“ Jäger rieb sich die Stirn. Kopfschmerzen plagten ihn und diese Unterredung ebenfalls. Und er war hundemüde. Reiß dich zusammen Alter, du hast einen Mord aufzuklären, befahl er sich.

„Frau Heller?“

„Wir haben getrennte Schlafzimmer. Mein Mann schnarchte so laut und er wollte mir auch meinen Schlaf gönnen, so liebevoll war mein Mann.“

Jäger drehte sich zur Seite und gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Hm. Und seit wann genau vermissen Sie Ihren Mann?“

„Erst als ich sein Bett machen wollte. Es war unbenutzt. Seitdem habe ich mir große Sorgen gemacht.“

„Verstehe“, brummte Jäger.

„Dann muss man meinen Mann gestern Abend schon ermordet haben, als er wie immer seinen Spaziergang machte.“

„Das sieht ganz danach aus. Sie sagten gerade wie immer.“

„Ja. Jeden Abend ging mein Mann mit Cäsar nach den Tagesthemen spazieren. Egal, ob es stürmt oder schneit. Immer.“

„Dann wäre es also möglich, dass der Mörder von dieser Gewohnheit wusste“, stellte Templin fest.

„Hat Ihr Mann eine Lebensversicherung abgeschlossen?“, wollte Jäger wissen.

Frau Heller starrte ihn an, als hätte er etwas Absurdes gefragt. Doch nach einem kurzen Moment der Überlegung, antwortete sie kleinlaut: „Ich weiß es nicht. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Komisch... Darüber haben wir nie gesprochen,... über Geld meine ich. Ich bekam mein Wirtschaftsgeld und mein Mann regelte alles andere.“

War ja klar. Das klassische Modell: Mann geht arbeiten und Frau putzt, dachte Jäger. „Wir haben bei Ihrem Mann nur einen Schlüsselbund gefunden. Wissen Sie, ob er Geld oder ein Handy bei sich hatte?“, fragte er, während er mit der Papierkugel spielte.

„Nein! Mein Mann ging doch nur mit dem Hund spazieren. Wozu brauchte er da Geld? Aber hundertprozentig sicher bin ich mir nicht. Sein Handy nahm er selten mit, obwohl ich ihn immer gewarnt habe, wenn mal etwas passieren würde“, sie fing wieder an zu schluchzen und vergrub ihr Gesicht in ihre Hände.

Jäger griff wieder in die Schale. Beim Auspacken der Schokolade schaute er Diana Templin an. Ihre nilgrünen Augen blitzten auf und eine leichte Zornesfalte schob sich zwischen ihren dunklen wohlgeformten Augenbrauen. Ihre kastanienbraunen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, sodass ihre silbernen Creolen an ihren kleinen süßen Ohren glänzten. Sie war bildschön. Jetzt schaute Jäger zu Frau Heller, die wie ein fetter Köter dasaß und so gar nicht anziehend wirkte. Er steckte sich die Schokolade in den Mund. Lecker.

Nun schaute Frau Heller wieder auf. „Und dann der liebe Cäsar. Sie müssen wissen, er war ein ganz besonders gutes Tier. Er hat kürzlich den ersten Preis im Wettbewerb der Kleinhunde gewonnen. Mein Mann ging jeden Samstag mit ihm in die Hundeschule, wo er mit Cäsar trainierte. Und wie gesagt, mit viel Erfolg“, sie fing wieder an zu schluchzen.

„Wie heißt die Hundeschule?“, fragte Jäger nach und zog sein iPhone aus seiner Jeansjacke hervor.

„Das ist die Dogs school in Misburg. Mein Mann und Cäsar trainierten dort, wie gesagt, mindestens einmal die Woche. Ich weiß nur, dass sie kürzlich einen Preis im Dogdance gewonnen haben. Darüber war mein Mann sehr stolz. Der Pokal steht auf der Anrichte im Flur.“

Für jeden sichtbar. Dieser Angeber! Immer schön protzen, dachte Jäger.Und jetzt tanzen die Herrchen auch noch mit ihren Kötern, was es alles gibt.

Blitzschnell tippte er entsprechende Notizen ins Handy.

„An welcher Schule hat Ihr Mann unterrichtet?“, fragte Templin.

„Am Humboldt-Gymnasium. Seit 25 Jahren! Er unterrichtete Mathematik, Erdkunde und seit geraumer Zeit auch Englisch. Und er war zudem noch Fachleiter am Studienseminar, das bedeutet, er hat die Referendare ausgebildet“, sagte sie mit stolzer Stimme und nahm eine gestraffte Haltung an.

Wusste ich’s doch! Winfried Heller! Der Lehrer, der mir in Mathe eine Fünf reingewürgt hatte. Ein widerlicher Typ, erinnerte sich Jäger.

„Frau Heller, hatte Ihr Mann Feinde?“, fragte Jäger nun, obwohl er die Antwort bereits ahnte.

„Nein! Warum? Er war überall beliebt. Da können Sie jeden fragen. Er war ein so guter Mensch.“

Ich habe ihn anders kennen gelernt. Er erinnerte sich genau, wie der Heller ihn damals so richtig vorgeführt hatte. „Jäger! Komm nach vorn an die Tafel! Beweise uns den Satz des Pythagoras!“, befahl dieser Lehrer und hatte hämisch wie der Teufel persönlich gegrinst. Pythagoras? Welcher Satz? Jäger hatte keinen blassen Schimmer gehabt. Blut und Wasser hatte er geschwitzt. Die Kreide hatte furchtbar gequietscht, als er lediglich Den Satz des Pythagoras mit zittrigen Fingern an die Tafel schrieb. Mehr war ihm nicht eingefallen, sein Kopf hatte nur Platz für Susanna, seine Jugendliebe. Die nächsten Sekunden waren ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Sein Blut war ihm zu Kopf gestiegen. Sein Herz hatte laut gehämmert. „Setzen! Sechs! Jäger, du bist ein Versager“, war die teuflische Stimme in seine Ohren gedrungen.

„Vorhin am Tatort haben Sie im Plural gesprochen. ´DIE haben auch Cäsar umgebracht`, sagten Sie. Was meinten Sie damit?“, erkundigte sich Jäger.

Templin sah ihn erstaunt an. Jäger war zwar manchmal ein richtiger Flegel, aber er war klug. Und er verfügte über ein spitzenmäßiges Gedächtnis. Sie staunte immer wieder über ihren Vorgesetzten, der für sie beruflich eher ein Kumpel war.

„Nichts. Das war einfach so daher gesagt.“ Frau Heller rieb sich ihre Nase.

„Es hätte ja sein können, dass ein paar Schüler Ihrem Mann nicht wohlgesinnt waren“, sprach er mit Empathie.

„Nein, nein! Ausgeschlossen! Ich sagte doch, er war überall beliebt. Und er war ein guter Lehrer. Ein sehr guter Lehrer.“

Amen. Jäger brauchte weitere Nervennahrung. Er griff erneut in die Schale.

„War Ihr Mann in letzter Zeit anders als sonst oder hat er sich irgendwie auffällig verhalten?“, fragte Templin weiter.

Ingrid Heller schüttelte den Kopf. „Nein, er war wie immer.“

„Gut. Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmern kann?“

„Ja, mein Sohn, den muss ich unbedingt anrufen. Für ihn wird eine Welt zusammenbrechen.“

„Lebt Ihr Sohn bei Ihnen?“ fragte Templin weiter.

„Nein, er studiert in Köln... Kunstgeschichte“, sagte sie mit abfälligem Unterton.

„Es können ja nicht alle Mathematiker werden“, meinte Jäger bissig. Er fand diese Frau einfach nicht sympathisch. „Wie würden Sie Ihre Ehe beschreiben, Frau Heller?“

„Wir haben eine gute Ehe geführt. Auch wenn wir getrennte Schlafzimmer hatten. Ich habe Ihnen ja schon erzählt, dass mein Mann stark geschnarcht hat. Aber unsere Ehe war gut. Ich weiß gar nicht, wie ich ohne ihn leben soll.“

Die Frage, ob die Hellers noch Sex miteinander hatten, verkniff Jäger sich. Allein die Vorstellung daran bereitete ihm leichte Übelkeit. Seit wann hatte er eigentlich keinen Sex mehr gehabt?, fragte er sich und blickte zu Templin. Genau, seit sie in mein Leben platzte und das ist schon Monate her. Er seufzte auf.

Templin blickte ihn irritiert an. Sollte der Seufzer so etwas wie Mitgefühl für die Witwe ausdrücken? Manchmal würde sie zu gerne wissen, was in dem Schädel ihres Chefs vor sich ging.

„Eine letzte Frage noch, rein routinemäßig, wo waren Sie gestern zwischen 21.30 Uhr und 23.30 Uhr?“, fragte Jäger weiter.

„Sie glauben nicht ernsthaft, ich hätte meinen Mann und Cäsar umgebracht?“

„Ich glaube gar nichts! Ich bin Polizist und kein Pfarrer. Und ich muss Ihnen diese Frage stellen. Also bitte, beantworten Sie diese. Es ist reine Routine“, fügte Jäger freundlicher hinzu. Es war ihm bewusst, dass er sich nicht immer professionell verhielt. Alle, egal ob Angehörige, Zeugen oder Verbrecher, sollte er mit höflicher Distanz behandeln, aber auch nach etlichen Berufsjahren gelang ihm das nicht. Einige Menschen gingen ihm einfach auf den Sack.

Frau Heller schüttelte ihren Kopf und verzog ihren Mund zu einer schmalen Linie. „Na gut. Wenn es denn sein muss.... Ich war in meinem Bett, habe mir eine Komödie angeschaut. Danach habe ich geschlafen. Sie wissen, wir haben getrennte Schlafzimmer.“

„Auch getrennte Fernseher?“, ging es mit Jäger durch.

„Ja, ich habe meinen eigenen Fernseher. Ich gucke lieber Komödien als Krimis“, sagte sie nun feindselig.

„Schon gut, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten“, entschuldigte sich Jäger. „Frau Heller, könnten wir uns bitte das Arbeitszimmer ihres Mannes ansehen?“, fragte er jetzt freundlich und rang sich ein Lächeln ab.

„Ja, natürlich. Es ist oben, neben seinem Schlafzimmer. Warten Sie, ich bringe Sie dorthin.“ Sie erhob sich schwerfällig aus ihrem Sessel, schleppte sich mit ihrem breiten Hinterteil wegweisend vor den Beamten die Treppe hinauf und öffnete schließlich die Tür des Arbeitszimmers. Chaos sprang ihnen entgegen. Frau Heller entschuldigte sich sofort für diese Unordnung, aber ihr Mann hatte nicht gewollt, dass sie dort aufräume und sauber mache. Es sei sein Refugium.

„Ist schon in Ordnung, Frau Heller, wir haben bemerkt, dass Sie ein sehr gepflegtes Haus haben. Alles tadellos!“ Er lächelte sie wieder an und bat sie, sie nun allein zu lassen.

„Das Zimmer passt wirklich nicht in dieses ordentliche Haus“, meinte Diana und stieg über stapelweise Papier, Aktenordner, Zeitungen, Bücher und benutzte Socken, die verteilt auf dem grauen Teppichboden lagen, der scheinbar seit Ewigkeiten nicht mehr gesaugt worden war. Spinnweben hingen an den Wänden, und Staub bedeckte das Mobiliar.

„Und das stinkt erbärmlich!“ Sie schüttelte sich angewidert.

„Nach Schweißfüßen und Bier“, präzisierte Jan. „Und diese Fliegen machen einen Höllenlärm, als würde die Leiche hier liegen.“

„Ekelig“, erwiderte Templin, „dort auf dem Schreibtisch tummeln sich welche auf schimmeligem Salamibrot.“

Jäger streifte sich seine Latexhandschuhe über und trat an den Schreibtisch, der vor einem schmutzigen, quadratischen Fenster mit Blick ins Grüne stand. Er entdeckte ein Pornomagazin und pfiff genießerisch durch die Zähne. „Na, hier hat es sich der Herr Oberstudienrat aber gemütlich gemacht.“ Er grinste und zeigte auf das Cover, auf dem eine vollbusige Blondine sich auf allen Vieren die roten Lippen leckte.

„Passt zu seinem Vierbeiner, kaum zu unterscheiden!“, entgegnete Diana unwirsch. „Du findest das wieder gut. Männer! Alle gleich! Wie kann man sich in so einem Saustall vernünftig auf den Unterricht vorbereiten?“ fragte sie entsetzt und schüttelte den Kopf.

„Ich finde das gar nicht so schlimm. Jedem das Seine. Irgendwie macht dieser Raum ihn mir sogar eine Spur sympathisch. Wenn die nervigen Fliegen nicht wären.“

„Ich denke, wir sollten den PC konfiszieren. Ich bin mir sicher, der ist voll mit Pornos.“

„Solange es keine pädophilien Pornos sind, ist es mir egal, was der Dicke in seiner Freizeit getrieben hat. Und dass ein Pornostar ihn umgebracht haben soll, das wäre wohl zu weit hergeholt. Aber natürlich nehmen wir diesen alten Kasten mit. Wir dürfen auch sein Handy nicht vergessen, das soll auf seinem Nachttisch liegen.“

„Hier scheint nichts Interessantes zu sein. Lass uns das Handy holen!“, quengelte Diana.

„Lass mich erst einen Blick in die Schulhefte werfen.“ Er warf das zusammengeknüllte Schokopapier auf den Schreibtisch und blätterte zunächst in einem Playboy herum. Als Diana dies bemerkte, fauchte sie ihn an. „Wir sind nicht hier, um deine Geilheit zu befriedigen, sondern um einen Mordfall aufzuklären. Männer!“ Sie zog eine Grimasse.

„Weiber! Verstehen einfach keinen Spaß“, konterte er und warf das Männermagazin beiseite. Sie hält mich also für einen geilen Bock. Recht hat sie. Bin halt auch nur ein Mann. Jetzt nahm er das oberste Schulheft vom Stapel und schlug es auf. „Schau mal, ganz schön viel Rot. Sieht aus wie ein blutiges Gemetzel.“

„Was hat der Kandidat denn für eine Strafe bekommen?“, fragte Diana immer noch etwas schroff.

„Warte.“ Er blätterte ein paar Seiten weiter. „Gerade noch mangelhaft, steht da in fetter, roter Schrift. Der arme Schüler.“ Jetzt kratzte er sich das Kinn. „Sag mal, weißt du, warum rot die Farbe der Liebe ist? Ich meine, rot wie Blut. Rotlichtmilieu. Oder roter Korrekturstift. Was hat das mit Liebe zu tun?“

„Weiß nicht. Darüber habe ich bislang noch nicht nachgedacht. Aber rot ist eine warme Farbe und Liebe ist doch auch irgendwie wärmend.“

„Ja, da könntest du recht haben. Und Hannover 96 nennt man ja auch „die Roten“. Und die liebe ich, wie du weißt“, sagte Jan. Fast hätte er hinzugefügt: Und dich liebe ich auch.

„Komm! Lass uns jetzt nicht über die Liebe philosophieren. Wir haben schließlich einen Mord aufzuklären. Und der sieht ganz und gar nicht nach Liebe aus.“

„Stimmt“, pflichtete er ihr bei.

Nun stöpselte er den PC vom Stecker, zog das Kabel aus der Steckdose, rollte es auf und drückte es Diana in die Arme. Dann hievte er den riesigen Rechner unter dem Schreibtisch hervor und schleppte ihn hinaus in den Flur, in dem Frau Heller wartend stand.

Polternd stellte er das schwere Ding auf dem Fußboden ab und keuchte: „Frau Heller, den PC Ihres Mannes müssen wir zur kriminaltechnischen Untersuchung geben. Es könnte sein, dass Ihr Mann irgendwelche Drohungen bekommen hat, wovon Sie nichts wissen. Und sein Handy bräuchten wir ebenfalls. Dafür müssten wir einen Blick in sein Schlafzimmer werfen.“ Er zog sich seine Einweghandschuhe aus und stopfte sie in die Jackentasche.

„Tun Sie das!“, sagte Frau Heller missbilligend und öffnete schroff die Schlafzimmertür. „Da vorne liegt es. Wie ich es Ihnen gesagt habe.“

Bevor Templin das Schlafzimmer betrat, packte sie das Kabel auf den Rechner. Soll er es doch selbst schleppen. Sie kramte einen Plastikbeutel aus ihrer Handtasche, während sie zum Nachttisch lief, und warf das Handy hinein.

„So, das war´s auch schon.“ Jäger gab Frau Heller seine Visitenkarte. „Falls Ihnen noch irgendetwas einfällt. Sie können mich jederzeit erreichen. Tag und Nacht. Auf Wiedersehen. Wir finden alleine hinaus.“ Er rang sich ein letztes Lächeln ab.

Draußen angekommen, giftete Diana Jan an. „Wieso warst du so hart zu dieser Frau? Glaubst du, sie hat ihren Mann und den Hund umgebracht?“

„Ich sagte gerade schon, ich glaube gar nichts“, erwiderte er gereizt, stellte den PC stöhnend ab, wobei das Kabel herunterstürzte. Die will mich ärgern. Ich hatte ihr das Kabel in die Hand gedrückt. Weiber! Er fischte sich aus seiner Hosentasche seine Packung Zigaretten, zog sich eine heraus, zündete sie an und inhalierte erstmal tief. Dann atmete er den Rauch genüsslich aus. „Das war jetzt unbedingt nötig“, meinte er grinsend und zeigte auf seinen Glimmstängel. „Auch eine?“, fragte er ironisch.

„Ich glaube, die Hitze steigt dir zu Kopf, Herr Kommissar.“

„Hauptkommissar! Und immer noch dein Chef“, er gab ihr einen freundschaftlichen Rüffel. „Aber sonderlich sympathisch war sie mir nicht. Und der Heller hat mir damals eine Fünf in Mathe reingewürgt.“

„Wie, er war dein Mathelehrer?“, fragte sie erstaunt.

„Ja“, stieß er hervor und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette.

„Und was sagst du zu unserem Mordmotiv?“, fragte Diana.

Jan blies den Rauch aus. „Rache? Hass? Eifersucht?“

„Vielleicht warst du es ja, wegen deiner Fünf in Mathe!“

„Damals hätte auch nicht viel gefehlt und ich hätte ihm den Hals umgedreht“, gestand er und nahm einen hektischen Zug von seiner Zigarette.

„Schau an, schau an, unser werter Hauptkommissar ein potentieller Mörder. Was für Abgründe sich da auftun“, frotzelte sie und schüttelte bedächtig ihren Kopf, wobei ihr Zopf hin und her wippte. „Eine Fünf in Mathematik. Das glaube ich einfach nicht. Die hatte ich noch nie im Leben. Und du bist bei der Kripo? Da sollte man logisch denken können.“

„Dann kannst du ja mit deinem Superhirn schnellstens den Fall lösen“, konterte er leicht verärgert. Jetzt hält sie mich wirklich für blöd. „Und ich könnte die nächsten Tage pünktlich nach Feierabend ein paar Runden im Schwimmbad drehen und mich abkühlen. Herrlich!“ Er schnippte seine Kippe weg.

„Ich denke, du liegst richtig mit deiner These von Hass und Rache. Und wir müssen den Täter oder die Täterin in seinem schulischen Umfeld suchen. Da bin ich mir ganz sicher.“

„Die Frage ist nur, welches schulische Umfeld? Gymnasium oder Hundeschule?“, fragte Jäger und zog eine Braue hoch, was ihn schelmisch wirken ließ.

„Ich tippe auf die Hundeschule“, sagte Diana, „weibliche Intuition“.

„Wenn ich das Wort Hundeschule höre, kriege ich zuviel. Die Leute ticken doch nicht mehr ganz richtig. Nicht nur, dass die Vierbeiner überall hinkacken, jetzt gehen sie auch noch zur Schule. Und die Räumlichkeiten für Hunde sehen bestimmt besser aus als manch marode Schule.“

„Mann, du Idiot. Eine Hundeschule ist etwas ganz anderes. Der Unterricht spielt sich draußen ab!“, erwiderte Diana kopfschüttelnd.

„Ach so“, er kratzte sich verlegen am Kopf. „Trotzdem, ich kann Hunde und ihre Besitzer einfach nicht leiden. Was hat die Heller gesagt? Dogdance! Tanzende Hunde. Womöglich tanzen sie noch Tango. Und Wellness für Hunde soll es auch schon geben. Dort gehen dann die reichen Damen hin und lassen auch ihre Köter ein bisschen maniküren und verschönern. Und das boomt, sag ich dir! Bestimmt gibt es bald Botox für Hunde. Nee, es widert mich an. Alles für das geliebte Haustier. Da ist manchem nichts zu teuer. Und auf der anderen Seite haben viele Kinder in unserem Land nichts zu fressen. Unfassbar!“, regte sich Jan weiter auf.

„Stimmt schon. Verkehrte Welt. Obwohl..., ich hätte auch gerne einen Hund, das ist aber leider nicht kompatibel mit unserem Job.“ Sie seufzte. „Aber nun zu unserem Mord. Es war ein geplanter Mord aufgrund der netten Nachricht: School’s out forever.“

„Hm.“ Jäger hätte viel lieber weiter über die sozialen Missstände diskutiert. Es ärgerte ihn, dass Diana immer so dienstbeflissen war.