Beschreibung

"Mein Mädchen ahnt nichts. Sie hat große Schuld auf sich geladen. Sie wird zu meiner Rabenschwester …" Eine junge Prostituierte stürzt von einer Brücke in ein fahrendes Auto. Eine Zweite sitzt tot an einem Campingtisch bei einer Raststation. Als die alarmierte Polizei am Tatort eintrifft, stellt sie fest, dass die toten Mädchen ein schreckliches gemeinsames Merkmal aufweisen: Sie haben Rabenmasken auf ihr Gesicht geklebt. Alle sind irritiert. Zur selben Zeit erhält Jimmy, der Sohn von Tony Braun, eine verstörende Nachricht auf sein Handy: "Wann hast du deinen Vater das letzte Mal weinen sehen?" Als Chefinspektor Tony Braun mit seinem Team zu ermitteln beginnt, ahnt er noch nicht, dass er es mit seinem bisher schlimmsten Fall zu tun hat, denn diesmal ist er persönlich betroffen… Über 1 Mio Leser haben bisher die Thriller mit dem unkonventionellen Chefinspektor gelesen und waren von den spannenden Handlungen und den einzigartigen Charakteren begeistert. Alle Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Tony-Braun-Thriller-Reihe: "Totes Sommermädchen" - wie alles begann - der erste Tony Braun Thriller "Töten ist ganz einfach" - der zweite Fall "Freunde müssen töten" - der dritte Fall "Alle müssen sterben" - der vierte Fall "Der stille Duft des Todes" - der fünfte Fall "Rattenkinder" - der sechste Fall "Rabenschwester" - der siebte Fall "Stiller Beobachter" - der achte Fall "Strandmädchentod" - der neunte Fall "Stilles Grabeskind" - der zehnte Fall Leserstimmen zu den Tony Braun Thrillern:  "...Ein Thriller der Extraklasse, der mit meinen Gefühlen spielt und mich elegant auf falsche Fährten lockt..." - daphnebuchundmoor  "...Selten hat mich ein Buch so gefesselt, sensationell, atemberaubend, super spannend..." - Günther Sedlacek  "...sehr spannend. Jeder Charakter hat seine eigene Geschichte. Davon möchte man gerne mehr lesen..." - Verena Rössler  "...wie bei allen Büchern von B.C. Schiller löste man beim Rätsel ja immer mit, aber auf den wahren Täter kommt man nicht..." - Tapseline  "...kann es weiter empfehlen. Wem Harry Hole und Carl Morck gefällt, dem wird auch dieser Thriller gefallen... - Ricci "Leseratte"  "...Tony Braun ist der beste Ermittler, den es gibt! Ein Fall, der einem selbst an heissen Tagen Gänsehaut beschert..." - Simone Roeske

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 415


Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Linz, Oktober 2016.

ISBN: 978-3-9503954-4-0

Lektorat: Wolma Krefting

Korrektorat: Sybille Weingrill

Titelgestaltung: www.afp.at

Bildernachweise: Vintage interior of stone wall and gray cement floor: 107244227, cluckva, copyright shutterstock

Beautiful feather , isolated on white: 208251307, kzww, copyright shutterstock

Blut fallen, isoliert auf weißem Hintergrund: 72377757, NYstudio, copyright iStockphoto

Blonde Haare mit hairbow: 17952563, Vasiliki Varvaki, copyright iStockphoto

Anmerkung

Wir haben uns erlaubt einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

Wichtige Hinweise über die Beschaffenheit von Cyanacrylat, mit dem Hautschichten weggerissen werden können, haben wir von dem Dermatologen Dr. Jens Löhnert erhalten. Wir bedanken uns recht herzlich.

Über die Autoren B.C. Schiller

Barbara und Christian Schiller leben und arbeiten mit ihrem Rhodesian
Ridgeback Jabali in Wien und auf Mallorca.
Gemeinsam waren sie über 20 Jahren in der Marketing- und
Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für packende Thriller. B.C. Schiller sind das erfolgreichste Selfpublisher-Autorenpaar im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Thrillern über 1.000.000 Leser begeistert.

Die Tony Braun Thriller:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony Braun Thriller „wie alles begann“

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony Braun Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony Braun Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony Braun Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony Braun Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony Braun Thriller

Alle Tony Braun Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

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B.C. Schiller

Rabenschwester

Thriller

„Die Hölle, das sind die anderen“

(Jean-Paul Sartre)

1

„Ich will nicht sterben“, schrieb sie mit dem Zeigefinger in den feinen Staub, der sich wie Puderzucker auf der Tischplatte abgelagert hatte. ‚Ich muss meinen Namen dazusetzen‘, dachte sie, konnte aber die Hand nicht weiter nach rechts bewegen. Langsam kroch die Panik wieder in ihr hoch. Es war dieselbe Panik von vorhin, die aber in einen lähmenden Schockzustand übergegangen war, als sie den glühenden Schmerz in ihrem Auge spürte. Nachdem die erste Welle des Grauens abgeebbt war, hatte sie sich beruhigt und sich eingeredet, dass nichts passiert sei, dass sie noch immer am Leben war. ‚Ruhig ein- und ausatmen‘, ermahnte sie sich und konzentrierte sich wieder auf den stillen Jungen. Der jetzt bemerkte, dass sich ihr Finger bewegte, und der mit abgezirkelten Bewegungen an den Tisch trat, um den Satz zu lesen. Der sie mit großen ausdruckslosen Augen anstarrte und schließlich mit der Hand den Staub vom Tisch wischte.

Die Worte „Ich will nicht sterben“ wurden unsichtbar, waren nie geschrieben. Ihr tonloser Hilferuf fiel in einer Unzahl von Staubpartikeln auf den Betonboden, verschmolz mit anderen ungesehenen und ungelesenen Botschaften der Angst. Damit schien ihr Schicksal besiegelt zu sein, genauso wie das der anderen Mädchen, die an Stühle gefesselt um den Tisch saßen.

Der stille Junge richtete mit beiden Händen ihr Kleid. Dann positionierte er die Kaffeetasse in einem exakt bemessenen Abstand zur Tischkante und schob vorsichtig ihren Finger wieder zurück auf die Stuhllehne. Zum Schluss zog er das Klebeband fester, mit dem sie an den Stuhl gefesselt war.

Er drapierte eine Kaffeekanne in der Mitte des Tisches und richtete erneut die Tassen aus.

Konzentriert.

Mit der Zunge zwischen den Zähnen.

Fast zwanghaft.

Dann endlich schien der Abstand zwischen den Tassen zu stimmen und er drehte sich wieder zu ihr. Für den stillen Jungen war sie interessant, denn sie war noch am Leben. Die anderen Mädchen beachtete er nicht, denn diese waren bereits tot. Er hatte doch ihren Hilferuf gelesen. Warum redete er nicht mit ihr? Was war mit dem Jungen nicht in Ordnung? Er war vielleicht zehn Jahre alt, konnte also begreifen, was mit ihr hier passierte. Er konnte doch Hilfe holen, konnte sie retten.

‚Ich will nicht sterben.‘ Dieser Satz hatte sich in ihrem Kopf eingenistet, und wie eine leuchtende Neonschrift raste er durch ihre düsteren Gedanken und versuchte das bisschen Leben, das noch in ihr steckte, wie eine zarte Flamme zu bewahren.

‚Ich muss versuchen, das Klebeband um meine Hände zu lockern‘, dachte sie. Es gab plötzlich nach. Ganz, ganz langsam. Sie spürte, dass sie ihre Handgelenke ein wenig bewegen konnte. ‚Ruhig atmen und den stillen Jungen durch das Loch beobachten.‘ Dieses kleine Loch, das ihr wie durch ein Astloch einen Einblick in die Hölle erlaubte. Ihr gegenüber saß noch ein Mädchen. Auch dieses Mädchen trug ein geblümtes Kleid und hatte eine schwarze Maske mit einem spitzen Schnabel vor dem Gesicht. Genau wie sie? Auch sie trug eine Maske mit einem Loch, durch das sie mit einem Auge sehen konnte. Das andere Auge war bereits tot. So tot wie das Mädchen gegenüber. Mit einem Mal kehrte die Panik wie eine Welle zurück und ihr Herz begann wild zu schlagen. Sie würde die Nächste sein.

Der stille Junge schlich jetzt geschäftig hinter ihr herum. Sie hörte seine zögernden Schritte. Schritte, die plötzlich verharrten. Hatte er gemerkt, dass sie das Klebeband gelockert hatte? Sie begann zu zittern, konnte dieses verdammte Zittern nicht unterdrücken. Ihr Zeigefinger klopfte unkontrolliert auf die Armlehne, dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. ‚SOS. Ich lebe. Ich will nicht sterben.‘

Das Klopfen machte den stillen Jungen nervös. Er ging schnell an ihr vorbei und wirkte verstört. Jetzt stand er auf der anderen Seite des Tisches und betrachtete sie aus leeren Augen. Dann griff er nach dem Notizblock, den er an einer Schnur um den Hals hängen hatte. Der Block war mit Zeichnungen vollgekritzelt und sah fast wie ein Bilderbuch aus. Wieder schlich sich die Panik an, kroch durch die Poren ihrer Haut, um in kleinen Wellen nach oben zu steigen. Zunächst war es nur ein leichtes Ziehen im Bauch, als würde sich ein fremdes Wesen in ihr aus seiner Hülle schälen. Ein kleines schwarzes Tier, das sich gierig durch ihre Eingeweide nach oben fraß und groß und größer wurde. Bis es ihren Brustkorb erreichte, dort, wo ihr Herz lag, und das Atmen noch schwerer machte.

Plötzlich war ihr der stille Junge egal, und sie zerrte mit aller Kraft an den Klebebändern, die noch mehr nachgaben. Endlich bekam sie eine Hand frei und dann die andere. Sie riss das Klebeband von ihren Haaren, mit dem ihr Kopf an der Stuhllehne fixiert war. ‚Jetzt nur noch die Füße frei machen, dann aufspringen, die Maske vom Gesicht streifen und laufen, laufen, laufen‘, dachte sie.

Sie zog fest an der Maske, doch der Schmerz schoss wie glühendes Feuer durch ihren Kopf. Die Maske lockerte sich nicht, sondern klebte wie eine zweite Haut auf ihrem Gesicht. ‚Also mit der Maske rennen, rennen, rennen. Weit weg von hier.‘

Sie sprang auf, strauchelte über den Stuhl, stützte sich am Tisch ab, eine Tasse fiel klirrend zu Boden und der Lärm hallte wie ein Schuss durch die leere Halle. Der stille Junge schreckte hoch, klopfte nervös mit der Faust auf den Tisch und starrte ihr nach. Sie rannte durch die Halle, stolperte über Schutt, stürzte und riss sich ihre Hände und die Knie an scharfen Glassplittern auf. Schnell war sie wieder auf den Beinen, übersah aber eine Betonsäule im toten Winkel und krachte dagegen. Benommen taumelte sie weiter, endlich tauchte das Tor auf und sie wankte hinaus. Draußen war es bereits Nacht, doch der zunehmende Mond tauchte die Umgebung in ein bleiches Licht. Hastig drehte sie sich um sich selbst. Sie stand auf einer rissigen Betonfläche mit verwaschenen Markierungen. Dahinter begann der Wald, im Mondlicht sah sie die Silhouetten der Bäume, die mit ihren dürren Ästen riesig und bedrohlich wirkten, wie eine Geisterarmee, die um Mitternacht aus ihren Gräbern steigt.

Das Leuchtfeuer in ihrem Kopf, das ihr mit dem Satz „Ich will nicht sterben“ die Richtung wies, gab ihr auch die Kraft, stundenlang weiterzulaufen, bis sie Motorengeräusche hörte, zuerst fern, dann immer näher. Wieder zerrte sie an der Maske, wieder durchzuckte sie der glühende Schmerz, deshalb rannte sie einfach weiter, bis der Wald plötzlich aufhörte und sie an einen Zaun prallte. ‚Das ist eine Schnellstraße‘, dachte sie und krallte ihre Finger in den Draht. Sie blickte auf die gegenüberliegende Seite und sah ein Auto in der Parkbucht stehen. Die Glut einer Zigarette glimmte auf. Hoffnungsvoll winkte sie nach drüben, sprang in die Höhe, doch man bemerkte sie nicht. Dann entdeckte sie plötzlich eine Brücke, die sich wie ein Bogen aus Metall über die Straße spannte. Jetzt nur über die Brücke und zu dem Auto laufen.

Plötzlich sah sie auf der anderen Seite der Brücke den anderen Wagen mit abgeblendeten Scheinwerfern und die bekannte Gestalt, die mit verschränkten Armen an der Kühlerhaube lehnte und bereits auf sie wartete. In diesem Moment sank ihre Hoffnung wie ein gekentertes Schiff.

2

Mickey Hauser saß in seinem Wagen und sah hinüber auf die gegenüberliegende Seite der Schnellstraße in der Nähe der Grenze, wo ihm ein Partymädchen zuwinkte. Eigentlich war es ziemlich gefährlich, um diese Zeit alleine an der Schnellstraße entlangzugehen, aber es gab zum Glück den hohen Sicherheitszaun.

Das Mädchen schien von einem Frühlingsfest zu kommen, denn es hatte ein dünnes Blumenkleid an, aber etwas stimmte mit ihrem Gesicht nicht. Doch Mickey war nicht in der Stimmung, sich darüber Gedanken zu machen, denn er hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen. Er konnte nur hoffen, dass seine Frau noch tief schlief und nicht merkte, dass er später als normal zu ihr ins Bett schlüpfte. Mickey öffnete das Fenster seines Wagens und zündete sich eine Zigarette an, denn er wollte den verräterischen Geruch nach verbotenem Sex loswerden.

Sein Job bei der Sicherheitsfirma war zwar nicht anstrengend, denn er musste bloß auf dem weitläufigen Firmengelände an der tschechischen Grenze die Schlösser alle dreißig Minuten kontrollieren, aber die Nacht konnte sich manchmal ganz schön in die Länge ziehen. Darum war es immer eine willkommene Abwechslung, wenn um drei Uhr die Putzkolonne mit den netten Mädchen anrückte. Mit denen konnte man wenigstens ein wenig quatschen. Besonders wenn Juli dabei war. Juli, die genauso nach Sommer roch, wie sie hieß, und die trotz der unförmigen Arbeitskleidung atemberaubend sexy aussah.

Das Mädchen auf der anderen Straßenseite versuchte jetzt, über den Zaun zu klettern, rutschte aber immer wieder an dem glatten Draht ab. ‚Das ist auch besser so, denn wahrscheinlich ist sie betrunken, und in ihrem Zustand wäre es ganz schön gefährlich, über die Schnellstraße zu torkeln‘, dachte er.

Der helle Mond tauchte hinter einer Wolke hervor, und er blickte jetzt zum ersten Mal in das Gesicht des Mädchens. Es hatte einen eigenartigen Vogelkopf. Mickey riss die Augen weit auf, was war denn das? Spielte ihm sein Verstand einen Streich? War er wirklich so nervös wegen seiner Frau, dass er schon Gespenster sah? Er schaute nochmals hinüber, aber jetzt war das Mädchen zum Glück verschwunden und seine Gedanken wanderten wieder verbotenerweise zu Juli.

Im Grunde war doch überhaupt nichts Schlimmes passiert, nur ein lässiger, kleiner Flirt, der sich in eine Richtung entwickelt hatte, die keiner wollte, wie sie beide später mehrfach betont hatten. Aber eines war zum anderen gekommen und schließlich hatten sie sich plötzlich in der Garderobe nackt gegenübergestanden. Als sie wieder in ihre Kleider schlüpften und versuchten, den Geruch nach Sex, der noch auf ihrer Haut klebte, zu ignorieren, hatten sie sich versichert, dass es kein zweites Mal geben würde.

Und trotzdem hatte Mickey Angst davor, seiner Frau morgens in die Augen schauen zu müssen, er hatte Angst vor seinem Gewissen, das ihm jetzt diese Bilder eines Mädchens mit Vogelkopf vorgaukelte, das auf der anderen Seite der Schnellstraße stand und ihn beobachtete. Genug davon! Er schnippte die Kippe aus dem Fenster, startete seinen Wagen und fuhr langsam aus der Parkbucht.

Die Scheinwerfer seines Autos fingen die bogenförmige Brücke ein und Mickey entspannte sich ein wenig. Wenn er erst einmal unter der Brücke durchfuhr, dann würde er auch die letzte Nacht und alles, was damit zusammenhing, hinter sich lassen. Dann wäre er wieder auf sicherem Terrain. Dann würde ihm auch eine perfekte Ausrede einfallen. Das war sein Mantra.

Die Brücke war keine architektonische Meisterleistung. Sie wölbte sich wie ein Rundbogen in einer Höhe von zehn Metern über die Schnellstraße und war normalerweise beleuchtet, aber jetzt war es schon spät in der Nacht und deshalb war auch das Licht bereits ausgeschaltet.

Als er die Brücke fast erreicht hatte, entdeckte er wieder das Mädchen. Schemenhaft schälte es sich aus der Dunkelheit,kletterte über die Brüstung, ließ die Beine nach unten hängen und winkte mit den Armen. Dann schüttelte das Mädchen diesen grässlichen Vogelkopf.

Unwillkürlich bremste Mickey seinen Wagen und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf diese bizarre Erscheinung.

Das Mädchen war jetzt auf das schmale Brückengeländer geklettert. Während es leichtfüßig über den Rand balancierte, breitete es die Arme aus, um wie ein Vogel abzuheben und in dem nachtschwarzen Himmel zu verschwinden.

Mickey wollte Gas geben, doch in diesem Moment stieß sich das Mädchen vom Brückengeländer ab und krachte kopfüber in die Windschutzscheibe des Wagens.

3

Die beiden Männer saßen schweigend in dem Auto und beobachteten das Mädchen. Der Fahrer hatte graues lockiges Haar, das unter seiner schwarzen Strickmütze hervorquoll, der Beifahrer strich sich seine halblangen schwarzen Haare zurück und kratzte sich den grau gesprenkelten Dreitagebart. Plötzlich riss er die Tür auf und stürmte dem Mädchen hinterher.

Das Mädchen war kurz zuvor aus dem Club gestolpert und die nur schwach beleuchtete Straße entlanggelaufen. Immer wieder hatte es sich ängstlich umgeblickt, aber im trüben Schein einer Neonlampe war ihr Gesicht nicht genauzu erkennen. Sie trug glänzende Leggins und eine kurze Bomberjacke, die vorne weit offen stand. Nur wenige Augenblicke später war ein stark tätowierter Mann in einem weißen Tanktop und Lederjeans aufgetaucht und hatte die Verfolgung aufgenommen. In der rechten Hand hielt der Tätowierte ein Eisenrohr, mit dem er an dem Zaun entlanglief und das Rohr dabei rhythmisch gegen die Stahlstäbe schlug. Als er das Mädchen eingeholt hatte, stieß er sie wütend zu Boden.

„Ich habe doch nichts getan.“

Schniefend und eingeschüchtert robbte das Mädchenein Stück nach hinten, stieß mit dem Rücken gegen den Zaun und versuchte sich aufzurichten. Doch der Tätowierte ohrfeigte sie, sodass sie wieder auf den schmierigen Boden fiel. Blut tropfte ihr aus der Nase und die Bomberjacke war dreckverschmiert.

„Ich mache es nie wieder.“

„Du hast mich beklaut“, sagte der Tätowierte wütend und holte erneut aus. Doch noch ehe er dazu kam, auf sie einzuschlagen, war der Mann mit den halblangen Haaren aus dem Wagen auch schon bei ihm und stieß ihn weg.

„Was soll das? Wer bist du denn?“

„Ich heiße Tony Braun und bin von der Polizei. Und jetzt lass das Mädchen in Ruhe.“

„Willkommen in der Neuen Welt in Linz“, höhnte der Tätowierte. „Hier gelten andere Gesetze. Also hau ab, Bulle!“

Er sprang auf Braun zu, packte ihn mit den Händen am Hals, verhedderte sich aber dabei in dessen Anhänger und das Lederband zerriss. Braun drehte sich leicht zur Seite und versetzte dem Tätowierten einen Schlag in die Nieren, sodass dieser aufstöhnte.

„Ich bestimme immer noch, welche Gesetze hier gelten“, sagte Braun ruhig. „Wenn du jetzt nicht sofort verschwindest, nehme ich dich fest.“

Als der Tätowierte verschwunden war, drehte sich Braun zu dem Mädchen, das gerade etwas vom Boden aufgehoben hatte und versteckt in der Faust hielt.

„Bist du verletzt?“, fragte er und ging auf das Mädchen zu. „Was hast du denn da in der Hand?“

„Ach, das ist nichts.“

Das Mädchen rappelte sich hoch und wollte sich an ihm vorbeischlängeln. Im letzten Moment erwischte Braun sie am Arm und hielt sie zurück, ehe sie über die Straße verschwinden konnte.

„Wie heißt du?“, fragte Braun und zog das Mädchen zurück auf den Gehweg.

„Luana. Ich habe doch nichts getan und wer bist du überhaupt?“

„Ich bin von der Polizei.“ Braun fischte eine Visitenkarte hervor und steckte sie dem Mädchen in ihre Bomberjacke. „Du kannst mich jederzeit anrufen, und jetzt erzähle mir, was du dem Typen gestohlen hast.“

„Nichts.“

„Und was ist das in deiner Hand?“

Das Mädchen wand sich unter seinem Griff und trat Braun plötzlich gegen das Schienbein. Überrascht ließ er los, und das Mädchen wirbelte herum, lief über die Straße, sprang leicht wie eine Feder über einen Bauzaun und war verschwunden.

Braun ging zum Wagen zurück und griff dabei gedankenverloren nach seinem Anhänger.

„Scheiße“, sagte Braun, als er wieder neben Bruno Berger, seinem Partner, im Auto saß. „Ich habe meinen Talisman verloren. Vielleicht hat ihn dieses Mädchen mitgenommen.“

„Das hast du davon, wenn du dich immer als Retter aufspielen musst.“

„Das Mädchen hat mir einfach leidgetan.“

„Du kannst dich nicht immer um alle verlorenen Seelen kümmern. Brechen wir die Aktion für heute ab.“ Bruno gähnte herzhaft und rieb sich die Augen. „Heute kommt er doch nicht mehr in den Club.“

Bruno hatte Patrick, den Freund seines siebzehnjährigen Patenkindes Anja, im Verdacht, sich in einem Club in der Neuen Welt mit Drogen zu versorgen. Der Linzer Stadtteil Neue Welt war seit Kurzem der Hotspot für Drogen aller Art. Russen und Albaner lieferten sich erbitterte Kämpfe mit Türken und Nigerianern um die Vorherrschaft im Drogengeschäft. Es war tatsächlich nicht das richtige Pflaster für ein siebzehnjähriges Mädchen. Deshalb hatte Braun auch zugestimmt, als ihn Bruno gebeten hatte, mit ihm den Club zu beobachten. Aber Patrick war die ganze Woche über nicht aufgetaucht und Brunos Verdacht hatte sich zu seiner Erleichterung nicht bestätigt.

„Fahren wir nach Hause.“

Braun wollte gerade etwas darauf erwidern, als sein Handy läutete.

„Chefinspektor“, meldete sich ein Polizist vom Nachtdienst. „Da ist gerade ein merkwürdiger Anruf von den Kollegen aus Freistadt gekommen. Eine junge Frau ist von einer Brücke direkt auf ein Auto gesprungen. Das Ganze ist seltsam.“

„Ist das nicht ein Fall für die Verkehrspolizei?“, fragte Braun. „Wissen Sie überhaupt, wie spät es ist? Was ist denn so merkwürdig an diesem Unfall?“

„Sie hat eine schwarze Rabenmaske auf, die anscheinend auf ihrem Gesicht festgeklebt wurde.“ Der Beamte las Braun das gesamte Protokoll im Schnelldurchlauf vor.

„Das klingt tatsächlich beschissen. O. K., wir kommen.“

„Wird wohl nichts mit unserem wohlverdienten Schlaf“, sagte Braun zu seinem Kollegen, der gerade seinen alten Golden Retriever Rocky auf dem Rücksitz tätschelte. „Wir müssen sofort nach Freistadt zur Grenze fahren.“

Auf der wie ein schwarzes Band vor ihnen liegenden leeren Stadtautobahn fuhren sie zügig Richtung Norden. Nur manchmal zerrissen die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Wagens die Dunkelheit, und in dem grellen Licht wirkte die Landschaft düster und abweisend. Braun blickte nach draußen, wo die Linie der hohen Bäume immer näher an die Straße heranrückte und sich die Schatten der ausladenden Äste wie riesige Arme über das Auto reckten.

Er fühlte sich mies, denn er hatte seinen Haifisch-Talisman verloren, den ihm Karen Jansen, eine Freundin, geschenkt hatte. „Bleib wie die Haifische immer in Bewegung“, hatte sie damals gesagt. Aber Karen war traurige Vergangenheit und nur derTalisman hatte ihn noch an sie erinnert. Plötzlich hatte er die unbestimmte Ahnung, als würde sich bald vieles in seinem Leben ändern, und das beunruhigte ihn.

4

Johannes Saarstein stand in dieser Nacht im Wohnzimmer seines Hauses und sah hinaus in den beleuchteten Garten. Seine Frau Elisabeth hatte am Rand der Wiese Sträucher gepflanzt, die allerdings ein wenig dürftig und ausgetrocknet aussahen. Er nahm sich vor, diese bei Gelegenheit zu gießen, denn Elisabeth war derzeit dazu nicht in der Lage. Er selbst hatte auch die letzten Nächte kaumgeschlafen, seine blonden Haare waren ungewaschen und er hatte sich seit Tagen nicht mehr rasiert. In der Spiegelung der Fensterscheibe konnte er sein Gesicht zwar nur undeutlich erkennen, aber die dunklen Schatten unter den Augen ließen sich trotzdemnicht leugnen.

Langsam drehte er sich um und ging durch das lang gestreckte Wohnzimmer in die offene Küche. Das Haus hatte er nach seinen Plänen bauen lassen, es war sein Ruhepol inmitten der Natur. Saarstein befand sich als selbstständiger PR-Berater in einer privilegierten Position, denn er arbeitete von zu Hause aus und verbrachte nur einige Tage im Monat in Wien.

Durch die bodentiefen Fenster warf der Mond Lichtpunkte an die Wände und auf den grauen Zementboden. Der große Raum wirkte abweisend kühl, das hing auch damit zusammen, dass die großen Bilder abgenommen worden waren und jetzt verkehrt herum an den Wänden lehnten. Das hatte er Elisabeth zuliebe gemacht, denn die riesigen abstrakten Gemälde mit den starken Farben irritierten Aaron.

Er setzte Teewasser in einem Wasserkessel auf und dachte daran, dass er jetzt eigentlich über seiner Präsentation sitzen müsste, die in den nächsten Tagen stattfinden würde. Aber dafür hatte er jetzt keinen Kopf, denn im Augenblick war Elisabeths Zustand besorgniserregend. Als das Wasser kochte, füllte er damit die Teekanne auf und aktivierte die Stoppuhr seines Smartphones. Exakt fünf Minuten musste der Tee ziehen, dann einen Schuss Milch hinzufügen und die Tasse mit den Biokeksen auf ein Tablett stellen. Anschließend würde er das Tablett hinauf in das Schlafzimmer tragen, wo Elisabeth wahrscheinlich noch immer teilnahmslos auf dem Boden saß und ihr Handy umklammerte.

Als Saarstein die Kühlschranktür öffnete, um die frische Milchpackung herauszuholen, sah er die Zettel, die mit Magneten an die Tür geheftet waren: Fein chronologisch von unten nach oben waren die wichtigsten Tätigkeiten in Wort und Bild aufgelistet, die Aaron zu machen hatte, wenn er von der Schule nach Hause kam. Seufzend goss Saarstein die Milch in den Tee und holte die Biokekse aus dem Regal. Gerade als er das Tablett von der Anrichte hochheben wollte, klingelte sein Smartphone.

„Ja, was ist?“, fragte Saarstein. Dabei bemühte er sich, nicht nervös zu klingen. Der Anrufer sprach mit starkem Akzent, wollte ihn nur auf dem Laufenden halten und ihm mitteilen, dass es im Grunde nichts Neues gab.

Saarstein hasste diese täglichen Anrufe, die seit ein paar Tagen eingingen und die ihm immer wieder einen Stich in die Magengrube versetzten und dann einfach im Nichts verliefen.

„Wer war das?“

Elisabeth tauchte plötzlich oben auf der Galerie auf.

„Die Polizei.“

„Gibt es endlich etwas Neues?“, fragte sie mit zittriger Stimme und strich sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre ohnehin schon blasse Haut wirkte jetzt noch heller, noch durchsichtiger, und auf Saarstein machte sie den Eindruck, als wäre alles Leben aus ihr gewichen.

„Haben sie etwas Konkretes gefunden?“, fragte Elisabeth noch einmal und kam in ihrem grauen Hausanzug die Stufen nach unten.

„Es war nur die tschechische Polizistin Malkova. Sie hat mir einen vorläufigen Zwischenstand gegeben. Ich habe dir doch gestern erzählt, dass jetzt neben der österreichischen auch die tschechische Polizei eingebunden ist.“

„Wieso Tschechien? Er kann doch nicht alleine bis nach Tschechien gelaufen sein“, flüsterte Elisabeth und zupfte dabei nervös an dem grauen Nickistoff ihrer Hose.

„Möglich ist das schon. Du wirst sehen, bald haben sie ihn gefunden.“

Saarstein griff nach dem Tablett und drehte sich damit zu Elisabeth. „Ich habe dir Tee gemacht, Liebes. Und auch ein paar von deinen Lieblingskeksen besorgt.“

„Ich kann jetzt nichts essen.“ Es schien, als würde plötzlich alle Kraft aus Elisabeth verschwinden, denn sie sackte einfach auf den Stufen zusammen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Warum habe ich dich damals nur angerufen“, murmelte sie. „Es ist alles meine Schuld.“

„Aber was redest du da. Nein, das stimmt nicht.“ Saarstein stellte das Tablett auf den Boden und setzte sich neben seine Frau. „Du hast keine Schuld. Ich habe einen Moment lang nicht genug auf Aaron aufgepasst und dabei vergessen, dass er anders ist.“ Zärtlich strich er Elisabeth über das Haar. „Du hast überhaupt keine Schuld“, wiederholte er leise. „Komm, trink jetzt deinen Tee. Aaron ist oft schwierig.“

„Nein, Aaron ist ein ganz einfaches Kind. Im Gegenteil, er braucht seine Routine. Nur wenn man davon abweicht, wird er schwierig. Ich kenne sein Verhalten, deshalb hätte ich nicht zustimmen dürfen, als du ihn in den Wald mitgenommen hast. Ich bin seine Mutter und ich habe einfach nicht daran gedacht. Ich wollte nur ein paar Stunden für mich.“

Elisabeth umklammerte die Teetasse mit beiden Händen, zitterte aber so stark, dass sie den Tee verschüttete und Saarstein ihr die Tasse aus der Hand nehmen musste. ‚Sie macht sich Vorwürfe wegen des Telefonats, das sie mit mir geführt hat. Sie wollte bloß wissen, welches Kleid sie zum Empfang des Staatssekretärs tragen sollte, und wir sind am Telefon die verschiedenen Möglichkeiten durchgegangen. Als ich das Gespräch beendet hatte, war Aaron mit einem Mal nicht mehr da. Das habe ich Elisabeth erzählt. Ich habe ihr gesagt, dass ich im Wald überall nach ihm gesucht habe, ihn aber nicht mehr finden konnte. Er war wie vom Erdboden verschluckt.‘ Diese Gedanken sirrten wie ein Hornissenschwarm durch seinen Kopf.

„Woran denkst du?“, fragte Elisabeth plötzlich und Saarstein zuckte zusammen.

„Ich habe an Aaron gedacht“, sagte er und sah ihr in die Augen. „Wie es ihm im Augenblick wohl geht.“

„Glaubst du, dass er noch lebt?“

„Aber natürlich.“

„Hoffentlich hat er seinen Block mit den Bildern nicht verloren. Daran kann er sich orientieren, das ist doch seine tägliche Hilfe im Leben“, murmelte Elisabeth.

„Das weiß ich doch.“ Beruhigend tätschelte Saarstein die Hand seiner Frau. „Ich habe volles Vertrauen in die Arbeit der Polizei. Sicher ist Aaron bald wieder bei uns.“

„Aber man sagt, wenn man ein Kind nicht innerhalb von 24 Stunden findet, dann besteht fast keine Hoffnung mehr, es lebend wiederzusehen.“

„Woher hast du denn diesen Unsinn?“

„Aus einem Internet-Forum, in dem Eltern über ihre verschwundenen Kinder berichten, da gibt es jede Menge Beispiele. Vielleicht ist er einem Verbrechenzum Opfer gefallen.“ Elisabeths Stimme klang auf einmal hoffnungslos. „Er ist sicher tot und alles ist zu spät.“

5

Die Brücke tauchte plötzlich vor ihnen auf und leuchtete wie ein silberner Bogen in der hellen Mondnacht, als Braun mit Bruno von der Autobahn auf die schmale Straße abbog. In den zuckenden blauen Lichtern der Einsatzfahrzeuge wirkte die nächtliche Umgebung unwirklich und verwunschen.

„Man braucht nur von der Autobahn abzuzweigen und schon ist man in einer anderen Welt“, meinte Bruno.

„In einer kranken Welt, in der sich junge Mädchen mit Vogelmasken von einer Brücke stürzen“, antwortete Braun kurz angebunden.

Ein uniformierter Polizist vertrat ihnen den Weg und Braun musste den Wagen scharf abbremsen. Er kurbelte das Fenster nach unten und hielt dem Beamten seinen Dienstausweis entgegen.

„Der Unfallort ist dort vorne, Chefinspektor“, sagte der Polizist und deutete zur Brücke.

Braun parkte den Wagen und beide stiegen aus. Er atmete tief durch, versuchte, die Atmosphäre in sich aufzusaugen. Dabei spürte er den leichten Wind in seinem Gesicht, der ihn zärtlich umkreiste und ihm immer wieder zuflüsterte: „Das war kein Unfall.“

Langsam gingen sie an den beiden Polizeifahrzeugen und dem Krankenwagen vorbei, die auf der abgesperrten Straße vor der Brücke standen. Jetzt sahen sie den Kleinwagen, auf dem noch immer das tote Mädchen lag. Ihr Oberkörper hing halb durch die zerschmetterte Windschutzscheibe ins Wageninnere und ihr dünnes geblümtes Kleid bauschte sich ein wenig im Wind.

„Wir haben nichts verändert, Chefinspektor“, sagte einer der Polizisten. „Das ist Michael Hauser, unser Zeuge und Fahrer dieses Wagens.“ Er deutete auf einen Mann, der mit einem Kopfverband in der offenen Tür des Notarztwagens saß.

„Michael Hauser?“, fragte Braun und hockte sich zu dem Mann. Hauser war ein schmächtiger Mann um die dreißig mit hellem Haar und einem unsteten Blick. „Können Sie uns bitte erzählen, was passiert ist?“

„Sagen Sie Mickey zu mir, alle nennen mich so“, antwortete Hauser und verdrehte die Augen. Er wirkte desorientiert und sprach schleppend. „Ich habe das Mädchen schon vorher gesehen, am Zaun, sie stand am Zaun.“

„Immer langsam, Mickey. Sie haben sie von der Schnellstraße aus gesehen?“, fragte Braun skeptisch. „Wie geht das?“

„Ich habe mit meinem Wagen in der Parkbucht dort vorne gestanden und eine Zigarette geraucht.“ Hauser deutete unbestimmt in die schwarze Nacht. „Ich glaubte, sie wäre ein Partygirl.“

„Partygirl? Wieso dachten Sie so etwas?“

„Es gibt zu dieser Zeit jede Menge Frühlingsfeste hier in der Gegend. Dann habe ich sie plötzlich auf der Brücke wiedergesehen. Und erblickte ihr Gesicht. Sie hatte keinen menschlichen Schädel“, flüsterte Mickey, „sondern einen Vogelkopf. Ich habe im ersten Augenblick gedacht, ein schwarzer Vogel stürzt auf mich hernieder. Ein menschlicher Rabe.“

„Sie haben sofort an einen Raben gedacht?“, fragte Braun. Er versuchte, sich einen Raben vorzustellen, einen großen schwarzen Vogel mit spitzem Schnabel und stechendem Blick. Wie von ferne hörte er Hauser antworten, und was er sagte, klang logisch.

„Ja, sie hatte doch diese schwarze Maske im Gesicht. Das ist eine Rabenmaske.“

„Sie scheinen sich damit auszukennen. Warum haben Sie gleich an einen Raben gedacht?“

„Ich habe früher dem Tierpräparator in Gutau geholfen.“ Wieder deutete Mickey in den Wald. „Der fängt viele Vögel und stopft sie dann aus. Er hat auch Raben.“

„Wie heißt der Präparator?“

„Robert Altmann“, antwortete Mickey, nachdem er sein Gedächtnis ungewöhnlich lang durchforstet hatte. Aber das war ihm nicht zu verdenken, denn der Mann stand ja sichtlich unter Schock.

„Und kennen Sie ihn gut?“

„Nein, nicht gut. Ich habe manchmal bei ihm ausgeholfen, als ich arbeitslos war. Nach der Arbeit dann einige Male ein Bier mit ihm getrunken. Als ich noch oben wohnte. Jetzt lebe ich in Linz.“

„Danke, Mickey. Das war’s fürs Erste.“ Braun wollte aufstehen, doch Mickey hielt ihn zurück.

„Meine Frau erfährt doch nichts davon?“

„Warum darf sie nichts von dem Unfall wissen?“, fragte Braun geduldig.

„Ich bin ja viel zu spät unterwegs gewesen. Das wird sie stutzig machen.“

„Wir sehen, was wir tun können“, antwortete Braun und klopfte ihm auf die Schulter.

Kaum hatte er sich umgedreht, war Mickey auch schon aus seinen Gedanken verschwunden. Er stellte sich mitten auf die Straße und blickte zu der Brücke hoch. Darunter stand der Wagen mit dem toten Mädchen auf der Kühlerhaube. ‚Warum bist du gesprungen?‘, dachte er und versuchte sich den Sprung vorzustellen. ‚Du bist mit dem Kopf durch die Windschutzscheibe geknallt. Das heißt, du bist kopfüber gesprungen, so als würdest du gleich in einen Pool tauchen.‘ Das war ungewöhnlich. Aber jetzt musste er sich das tote Mädchen ansehen und versuchen, eine Verbindung zu ihr herzustellen. Während er auf den Wagen zuging, veränderte sich die Umgebung und wurde trotz der beginnenden Dämmerung wie der Weg in ein Totenreich. Dann stand er vor dem zertrümmerten Wagen und betrachtete die Leiche, deren Arme in einem unnatürlichen Winkel nach hinten standen und tatsächlich wie Flügel aussahen.

Vorsichtig umrundete er das Fahrzeug, ging neben der offenen Fahrertür in die Knie und sah in das Innere. Der Oberkörper des Mädchens hing über dem Armaturenbrett und ihr Kopf lag fast auf dem Beifahrersitz. Ihre blonden Haare waren blutverkrustet und standen wie die Strahlen einer Sonne in alle Richtungen ab. Braun zog sich Latexhandschuhe an und drehte vorsichtig den Kopf des Mädchens zur Seite. Dann sah er die Rabenmaske, die über das Gesicht gezogen war. Vorsichtig versuchte er, die Maske abzunehmen, aber sie saß fest auf der Haut, wie angeklebt. Er trat einen Schritt zurück, um sich von der grotesken Situation ein besseres Bild machen zu können. Die Maske war schwarz, mit einem langen spitzen Schnabel, und hatte ein kleines Loch. Die Arme des Mädchens waren dünn und die Haut glatt. An den Handgelenken war die Haut stark gerötet und bei näherer Betrachtung entdeckte er Reste eines Klebebandes.

‚Verfluchte Scheiße, das war sicher kein Unfall oder Selbstmord. Die junge Frau ist wahrscheinlich vor ihrem Mörder geflohen‘, dachte er.

Braun fuhr sich mit den Fingern an die Schläfen, denn er musste sich konzentrieren, durfte keine Störgeräusche zulassen. Die Landschaft, die Brücke und die Polizisten verschwanden, und nichts blieb mehr zurück als eine weiße Bühne mit dem demolierten Auto und dem toten Mädchen, das in seinen Gedanken Zuflucht suchte und jetzt mit ihm redete:

‚Ich bin in der Gewalt eines Psychopathen, der mir eine Maske auf das Gesicht klebt. Er hat mich mit Klebeband gefesselt, aber ich kann mich befreien. Mein Peiniger ist nicht da, und das ist meine Chance. Ich versuche, mir die Maske vom Gesicht zu ziehen, aber das ist zu schmerzhaft. Meine Haut brennt wie Feuer und reißt auf. Durch ein Loch in der Maske habe ich nur ein begrenztes Sichtfeld, trotzdem renne ich los. Ich laufe durch den finsteren Wald, stürze zu Boden, aber ich gebe nicht auf. Ich klammere mich an den Funken Hoffnung, der wie ein winziges Leuchtfeuer in der Ferne aufflammt. Als ich den Zaun erreiche, sehe ich gegenüber einen Wagen parken und jemanden rauchen. Ich laufe über die Brücke auf die andere Seite und hoffe auf Rettung. Stopp.

Warum bin ich dann gesprungen?‘

„Warum springt sie von der Brücke?“ Braun drehte sich zu Bruno, der leise hinter ihn getreten war. „Sie hätte doch ganz einfach von der anderen Seite zu der Parkbucht laufen können und Mickey um Hilfe bitten.“

„Vielleicht hatte sie Panik, konnte nicht mehr klar denken.“

„Das kann natürlich sein“, murmelte Braun, der sich aber mit dieser einfachen Erklärung nicht zufriedengab. Nachdenklich strich er sich über seinen Dreitagebart. „Oder jemand wusste, dass sie bis zur Brücke laufen würde, und hat sie dort bereits erwartet.“

„Du meinst, ihr Mörder hat auf sie gewartet?“

„Genau so kann es gewesen sein.“ Braun nickte. „Und da hat sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als sich kopfüber nach unten zu stürzen.“

„Glaubst du, jemand hat sie wie ein Wild verfolgt?“, fragte Bruno.

„Das wissen wir noch nicht. Jedenfalls hat sie jemand in den Tod getrieben“, antwortete Braun nachdenklich. „Los, schick die Spurensicherung auf die andere Seite der Brücke, sie sollen nach Reifenspuren und Fußabdrücken suchen.“

„Geht klar.“ Bruno tippte sich an seine Strickmütze und winkte einen Kollegen von der Spurensicherung zu sich, der gerade eingetroffen war.

„Kein schöner Anblick, nicht wahr?“, hörte Braun die Stimme von Paul Adrian, dem Gerichtsmediziner, der mit seinem langen schwarzen Mantel und dem kahlen Schädel selbst wie eine geisterhafte Erscheinung in der nebeligen Morgendämmerung wirkte.

„Da haben wir es wohl nicht mit einem einfachen Selbstmord zu tun“, meinte Adrian lakonisch, als er die zerdrückte Maske sah.

„Die Maske ist festgeklebt“, sagte Braun und trat einen Schritt zurück, um Adrian zu der Toten zu lassen. „Ich brauche so schnell wie möglich Fingerabdrücke und das ungefähre Alter des Mädchens. Auf mich macht sie den Eindruck, als wäre sie noch sehr jung.“

Braun deutete auf die verrenkten Arme der Toten.

„Sie hat eine sehr zarte Haut.“

„Da kannst du recht haben. Ich schätze sie auf 17 bis 22 Jahre. Aber genauere Informationen gibt es spätestens bei deinem Besuch in der Gerichtsmedizin“, antwortete Adrian und vertiefte sich dann in seine Arbeit.

Braun ging zu einem Wagen der Spurensicherung, als sein Handy summte. Es war Elena Kafka, die Polizeipräsidentin. „Ist das nun ein Unfall gewesen, Braun?“, fragte sie, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.

„Nein, der Fall ist ein wenig komplexer.“ In kurzen Worten schilderte ihr Braun den Sachverhalt.

„Was schlagen Sie vor?“

„Wir müssen das ganze Gebiet durchkämmen. Von irgendwoher muss das Mädchen ja gekommen sein“, schlug Braun vor.

„Aber das ist ja ein riesiges Waldgebiet bis zur tschechischen Grenze“, seufzte Elena. „Finden Sie zunächst die Identität des Mädchens heraus. Und halten Sie mich auf dem Laufenden“, meinte sie dann kurz angebunden und beendete das Gespräch.

Braun wollte noch mit den Kollegen von der Spurensicherung reden, ob sie am anderen Ende der Brücke brauchbare Spuren gefunden hätten, doch in diesem Moment zerschnitt das schrille Heulen eines Folgetonhorns die morgendliche Stille.

Auf der Schnellstraße kam ein Polizeifahrzeug mit rotierendem Blaulicht den Hügel heraufgerast und blieb knapp vor der Absperrung mit quietschenden Reifen stehen. Ein Polizist sprang aus dem Fahrzeug und lief auf Braun zu.

„Chefinspektor!“, rief er atemlos. „Wir haben noch ein totes Mädchen mit einer schwarzen Maske gefunden.“

Damals

Wir sind keine glückliche Familie. Das waren wir nie. Die Eltern streiten oft. Meistens geht’s ums Geld. Die Kinder kriegen alles mit. Früher war alles besser, sagt Mutter. Jetzt ist alles schlimm. Papageht abends weg. Er ist nur mehr Nachtwächter. An der Wand hängen seine Auszeichnungen und Diplome. Gerahmt hinter Glas. Das Glas von Sprüngen durchzogen. Mutter hat die Rahmen auf den Boden geknallt. Im Streit.

„Nachtwächter mit deiner Ausbildung“, schreit sie. Ich halte mir die Ohren zu. Papa säuft zu viel, sagt sie. Deshalb kriegt er keinen anderen Job. Früher war alles besser. Das sagt sie jeden Tag. Am Sonntag nimmt mich Papa oft mit in den Wald. Wir jagen. Manchmal gibt’s was zu essen für mich. Für Papa nur Schnaps. Ab und zu fangen wir einen Raben auf dem Feld. Den bringen wir immer zum Wirt, damit er ihm das Sprechen beibringt. Das ist sein Hobby. Dafür gibt’s Bier und viel Schnaps. Bisher hat keiner zu sprechen begonnen. Dann wandern die Raben zum Tierpräparator. Der Wirt hat schon viele ausgestopfte Raben in der Stube. Einer wird irgendwann reden, sagt der Wirt immer. Ich hoffe nicht.

Die Sonntage sind schön. Aber die Nächte schlimm. Das hat mit Eva zu tun. Sie ist neun Jahre älter. Meine Schwester ist eifersüchtig. Wegen Papa und den Raben. Deshalb muss ich auf dem Boden schlafen. Wenn ich es nicht tue, droht sie mir mit dem Schrank. Einmal schon hat sie mich dort eingesperrt. War schlimm.

Früher war Mutter Schneiderin. Das hat sie aufgegeben. Jetzt macht sie es wieder. Mit der alten Nähmaschine von Oma. Die sie nicht mehr braucht. Oma liegt auf dem Friedhof.

„Wir sollten Opa zu uns nehmen“, sagt Mutter. „Das Pflegegeld können wir gut gebrauchen.“

Aber Papa will nicht. Das erste Mal, dass er seinen Willen durchsetzt. „Wo sollen die Kinder denn schlafen?“, fragt er. Eva bürstet ihr Haar und ist immer woanders. Jemand schenkt ihr Nagellack und eine Sonnenbrille. Nachts steht sie oft auf und legt mir ein Kissen über den Kopf. Setzt sich darauf und wartet.

„Das ist ein Wettkampf“, sagt sie dann, wenn ich mich nicht mehr wehre. Ich weine. Sie lacht nur. Deshalb schlucke ich jetztdie Tränen hinunter. Zeige keine Regung. Denke, meine Zeit wird kommen.

Stopp mit den schwarzen Rabengedanken.

Jetzt

Das Leiden zu beobachten ist interessant. Es beginnt immer mit der Maske. Ich klebe sie an dem Gesicht des Mädchens fest. Gut, dass der Kleber sofort hält. Die Augen weiten sich. Das Mädchen versteht nicht, was passiert. Noch atmet es. Bald geht ihr die Luft aus. Ich kann das steuern. Mit dem Loch. Wenn ich will. Dann hat das Mädchen keine Kraft mehr, sich zu wehren. Sie verliert den Kampf. Ihre Bewegungen werden weich und fließend. Es ist ein schöner Tod. Das Mädchen ist mir dankbar dafür.

6

Braun stand auf dem stillgelegten Rastplatz knapp vor der tschechischen Grenze, der großräumig von der Polizei abgesperrt worden war, und versuchte, das Gelände in seiner Gesamtheit zu erfassen. Der Tatort lag in einer Schneise zwischen zwei niedrigen Hügeln, und der Wind pfiff kühl und ungemütlich durch die verkrüppelten Bäume. Der zwischen den Bäumen hindurchsickernde Verkehrslärm der nur wenige Meter entfernten Schnellstraße wurde zu einem einzigen monotonen Rauschen und erinnerte ihn an eine Brandung. Aber im Gegensatz zu dem beruhigenden Schlagen der Wellen verdichteten sich die Motorengeräusche zu einer aggressiven Lärmwalze, die metallen kreischend durch den Wald heranrollte, um die Ruhe zu erdrücken. Seine Gedanken kreisten noch ungeordnet in seinem Kopf, und es fiel ihm schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

„Unser totes Mädchen von der Brücke ist schon auf dem Weg in die Gerichtsmedizin“, sagte Bruno und steckte sich eine selbst gedrehte Kippe in den Mund. „Paul Adrian muss auch gleich hier eintreffen.“

„Dann sehen wir uns einmal den Tatort an“, sagte Braun und ging vor Bruno über den Rastplatz.

„Die Tote ist dahinten.“ Ein Polizist deutete zu einem flachen Bau mit schwärzlichen Regenspuren an den Wänden.

Das niedrige Gebäude aus Beton, in dem sich Toiletten und Waschräume befanden, stand zwischen dem Parkplatz und den Hügeln. Auf der rechten Seite hatte es einmal einen Imbissladen gegeben, der allerdings schon seit einiger Zeit geschlossen und wenig attraktiv mit Brettern verrammelt war. Dahinter waren in unregelmäßigen Abständen Bänke und Tische aus Holz aufgestellt, wo man seinen Proviant verzehren konnte.

Zwischen diesen verwitterten Sitzgelegenheiten stand ein neu aussehender Campingtisch mit vier Stühlen. Die Tischplatte zierte eine geblümte Wachstuchdecke, die mit knallroten Halterungen befestigt war. Darauf standen vier gelbe Plastiktassen undvier gelbe Teller und eine gelbe Blume in einer Plastikvase. Drei der Campingstühle waren leer, doch auf dem vierten saß eine Frau, besser gesagt ein junges Mädchen, das war unschwer zu erkennen. Sie trug ein dünnes geblümtes Kleid und war barfuß. Ihre blonden Haare hingen über die Schultern bis auf ihre Brust herunter, denn ihr Kopf war nach vorne geneigt. Oberkörper und Arme waren mit Klebeband an den Stuhl gefesselt und auf ihrem Gesichttrug sie eine schwarze Rabenmaske. Die Haut war leichenblass und der Körper bereits steif.

„Anscheinend die gleiche Maske wie bei dem Mädchen an der Brücke“, sagte Braun. „Und auch das Kleid sieht ähnlich aus.“

Er blieb in einiger Entfernung vor der Toten stehen, versuchte die Schwingungen aufzunehmen, seinen Blick auf das Wesentliche zu lenken und sich in die letzten Minuten des Opfers zu versenken.

„Ich brauche etwas Ruhe“, flüsterte er, hockte sich dann direkt vor die Tote und murmelte in einem monotonen Singsang. „Du bist einige Zeit gefesselt gewesen, und wahrscheinlich hast du auch bereits die Maske getragen. Aber es hat dich niemand gesehen. Du warst an einem für den Täter sicheren Ort. Vermutlich dort, wo auch das andere Mädchen war, das geflüchtet ist. Aus irgendeinem Grund hat dich dieser Irre aber hierhergebracht, um uns auf sich aufmerksam zu machen, um ein Zeichen zu setzen. Deshalb diese spektakuläre Inszenierung.“

Langsam stand Braun auf und ging um das Opfer herum. Wieder konzentrierte er sich auf die Atmosphäre, sog sie auf wie ein Schwamm, versuchte, sie mit seinen eigenen Beobachtungen in Einklang zu bringen.

„Wie hat er dich ausgesucht? Nach welchem Schema geht er vor? Was bedeuten die Blumenkleider?“ Er verstummte, als er das charakteristische Motorengeräusch hörte.

Ein bronzefarbener Porsche kam auf den Rastplatz geschossen, bremste direkt vor Braun ab und die Polizeipräsidentin Elena Kafka stieg aus.

„Wir haben noch eine Leiche?“, fragte Elena, ohne sich mit Small Talk aufzuhalten.

„Ja, und es handelt sich zweifellos um denselben Täter“, antwortete Braun.

„Ist diese Feststellung nicht ein wenig vorschnell?“ Elena blickte ihn an und nestelte dabei eine zerdrückte Schachtel Zigaretten aus ihrer Kostümjacke. Unschlüssig betrachtete sie die Packung, klopfte mit dem Zeigefinger eine Zigarette heraus und steckte sie mit einem Seufzer an.

„Nein, denn beiden Mädchen wurde eine Rabenmaske auf das Gesicht geklebt.“ Braun deutete irritiert auf Elenas Zigarette.

„Ich dachte, der einzigartige Gummiball hätte Sie erfolgreich vom Rauchen abgehalten.“ Früher hatte Elena immer einen Gummiball in Händen gehalten, um so ihre Nikotinabhängigkeit zu überwinden. Ein amerikanischer Suchtexperte hatte sich die Methode patentieren lassen und war mit diesem Unsinn Millionär geworden, erinnerte sich Braun zurück.

„Mein Privatleben setzt mir zu“, sagte Elena und nahm einen tiefen Zug. „Außerdem ist jetzt die Zeit für Veränderungen gekommen.“

Bei dem Wort Privatleben durchzuckte es Braun. Hatte er nicht seinem Sohn Jimmy versprochen, ihn vom Flughafen abzuholen? Der Junge war bei seiner Mutter in Finnland gewesen und hatte am Telefon davon geredet, dass eventuell auch Margot, Brauns Exfrau, mitkommen würde. Verflucht, wie konnte er das nur vergessen. Aber bis jetzt hatte er nichts von Jimmy gehört. Wahrscheinlich hatte er den Bus in die Stadt genommen.

Elena riss ihn aus seinen Gedanken. „Es ist also ein und derselbe Täter.“

„Ja, ich bin mir fast sicher. Auf den ersten Blick sind auch die Blumenkleider identisch und der Typ Mädchen mit den langen blonden Haaren“, fasste Braun seinen vorläufigen Eindruck kurz zusammen. „Der einzige Unterschied liegt in der Inszenierung. Das erste Opfer ist wahrscheinlich geflohen, aber das zweite Mädchen wurde bewusst zur Schau gestellt. Damit wollte der Täter uns vielleicht seine Überlegenheit demonstrieren.“

Elena nickte und zog nervös an ihrer Zigarette und beide ließen die Szenerie auf sich wirken.

„Das Ganze sieht mir sehr nach einem Psychopathen aus und erinnert mich an meine Zeit in Amerika.“ Bevor Elena Polizeipräsidentin von Linz wurde, war sie Verhaltensanalytikerin beim FBI gewesen und hatte sich mit Serientätern befasst.

„Ich brauche jetzt einmal Ihr schräges Denken, Braun. Was sagt Ihnen denn Ihr Bauchgefühl? Sie reden doch immer mit den Opfern. Was erzählen sie Ihnen?“

„Wir haben einen gedeckten Tisch mit vier Tassen und Tellern. Oberflächlich betrachtet sieht es wie ein harmloses Kaffeekränzchen aus, aber für unseren Täter ist es eine Tafel des Todes. Und er lädt seine Gäste ein, an dieser Tafel Platz zu nehmen.“

„Sie reden immer in der Mehrzahl, Braun.“ Elena steckte die abgerauchte Kippe in einen kleinen Aschenbecher mit Deckel, den sie aus ihrer Jacke gezogen hatte. „Gibt es noch mehr Tote?“

„Ein Mädchen sitzt bereits an der Tafel und drei Stühle sind noch leer. Diese Stühle warten auf Gäste.“

„Was heißt das?“

„Es ist noch nicht vorbei. Das ist erst der Anfang.“

7

„Wir haben am Flughafen auf dich gewartet.“ Jimmy Braun konnte nur mit Mühe seine Wut unterdrücken, als er die zerstreut klingende Stimme seines Vaters hörte. Er hatte ihn angerufen, da Tony wie so oft einfach nicht am Treffpunkt erschienen war. Die Verbindung war schlecht und Tonys Stimme war von atmosphärischem Rauschen überlagert. Wahrscheinlich trieb sich sein Vater wieder an irgendeinem dieser fucking Mordschauplätze herum.

„Ich habe einen Fall aufzuklären. Es tut mir leid.“ Das war alles, was sein Vater dazu zu sagen hatte.

„Trotzdem musst du nicht ständig diesen Egotrip fahren, sondern kannst ja ausnahmsweise einmal an deine Familie denken.“

„Hör mal, Jimmy, ich komme, sobald ich hier fertig bin. Aber das hier ist mein Job.“

„Ich hab verstanden. Wir sind wieder mal ganz hinten auf deiner Wunschliste.“

Die Antwort konnte er nicht verstehen, hörte nur dieses fucking Knacken und Knistern, das Tonys Stimme zerhackte. Natürlich, sein Vater war ein Freak, stand wieder vor einer dieser beschissenen Leichen, und da war ihm alles andere gleichgültig. Noch jetzt erinnerte er sich an den ersten Toten seines Lebens. Bis dahin war das Wort Tod bloß ein abstrakter Begriff gewesen, nichts weiter als eine diffuse Zustandsbeschreibung, unter der er sich nichts vorstellen konnte. Bis eben zu jenem Tag, der alles verändert hatte.

Damals wurde er zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert und hatte zwei tote Männer gesehen. Aus reiner Gedankenlosigkeit hatte ihn sein Vater an einen Tatort mitgenommen. Hatte einfach vergessen, dass sein elfjähriger Sohn im Auto saß. Der Sohn, der sich anschließend zwei Tage lang ununterbrochen übergeben musste, bis seine Mutter keinen anderen Ausweg mehr wusste, als ihn in ein Krankenhaus einweisen zu lassen. Als er wieder nach Hause durfte, war alles anders. Seine Mutter war ausgezogen und hatte die Scheidung eingereicht.

Aber jetzt war sie mit ihm aus Finnland zurückgekehrt. Finnland hatte ihr den Rest gegeben. Die Dunkelheit, die Kälte, die Arbeitslosigkeit ihres Freundes Aki waren einfach zu viel für sie gewesen. Da musste der Sohn stark sein, um sie zu retten. Und das hatte er jetzt auch vor.

„Wer ist ‚wir‘? Du hast soeben ‚Wir sind ganz hinten‘ gesagt“, unterbrach sein Vater den Fluss seiner Gedanken und brachte Jimmy wieder aus dem eisigen Finnland zurück in das frühlingshafte Österreich.

„Mama ist nicht mehr in Finnland“, begann Jimmy das Gespräch von Neuem und beobachtete eine Fliege, die ständig gegen die Fensterscheibe im Wohnzimmer knallte und um ihr Überleben kämpfte. Ist das mit uns Menschen nicht genauso: Knallen nicht auch wir ständig gegen unsichtbare Wände auf unserem Weg in die Freiheit? Probieren wir es nicht trotzdem immer wieder, obwohl es sinnlos war? Diese Gedanken stammten nicht von ihm, sondern von den Snapchat-Nachrichten, die er seit einiger Zeit bekam. Nachrichten, die immer mit dem Satz endeten: Hast du deinen Vater jemals weinen sehen?

„Mama ist jetzt hier in Linz.“

„Aha.“

Kein weiterer Kommentar, nur angespanntes Schweigen. Jimmy redete schnell weiter.

„Mama wohnt jetzt bei uns. Ich habe sie in deinem ehemaligen Musikzimmer einquartiert.“

„Du hast was? Du …“, begann sein Vater, doch der Rest des Satzes wurde zerhackt, zerrieben von Millionen von Störgeräuschen.

„Du hast schon richtig gehört. Mama wohnt jetzt wieder bei uns“, sagte er mit fester Stimme. „Sie hat zurzeit kein Geld und es geht ihr schlecht.“

„Bist du verrückt?“ Tonys Stimme fetzte wie ein scharfes Messer durch eine dünne Papierwand, bahnte sich ihren Weg durch das Knistern, um ihn zu verletzen. „Das geht so nicht.“

‚Wut ist die einzige Emotion, zu der dein Vater fähig ist‘, dachte Jimmy. ‚Aber es ist eine aggressive Emotion, mit der er anderen Menschen wehtut.‘ Abgewandelt waren diese Sätze auf seine neue App auf dem Handy geschickt worden, aber er konnte sie nicht bis zum Absender zurückverfolgen. Tränen hingegen sind eine echte Emotion. ‚Wer hat deinen Vater jemals weinen sehen?‘

„Meinetwegen kann sie ein paar Tage in der Wohnung bleiben“, knatterte Tonys Stimme. „Dann gebe ich ihr Geld für ein Hotel oder eine Pension, was weiß denn ich.“

„Hier geht es nicht nur um Geld.“ Jimmy spürte, wie seine Augen langsam feucht wurden. Fuck, er konnte wenigstens weinen, obwohl das total uncool war, doch was sollte er machen?

„Geld alleine hilft ihr nicht“, machte er einen neuerlichen Anlauf. „Mama braucht Zuwendung. Verstehst du, Tony? Wir müssen ihr helfen, damit sie das Lachen nicht verlernt. Sie ist so wahnsinnig traurig geworden, deshalb müssen wir endlich etwas für sie tun.“

Jimmy hörte plötzlich laute Hintergrundgeräusche und konnte seinen Vater nur noch sehr schwer verstehen. „Natürlich kann Margot bei uns wohnen, bis sie ihre Depressionen überwunden hat. Ich muss jetzt Schluss machen.“

„Dann werden wir wieder eine richtige Familie“, sagte Jimmy und lächelte unsicher. „Mama wird sich freuen, wenn ich ihr das erzähle. Tony? Hallo, bist du noch dran?“

Doch sein Vater hatte bereits die Verbindung getrennt. Das war wieder typisch für Tony, einfach aufzulegen und seinen Sohn ins Leere reden zu lassen. Er musste wieder an die Nachricht denken: ‚Wer hat deinen Vater jemals weinen sehen?‘ Das musste er herausfinden.