Rache der Orphans - Gregg Hurwitz - E-Book

Rache der Orphans E-Book

Gregg Hurwitz

4,4
11,99 €

Beschreibung

Als »Nowhere Man« wird Evan Smoak von Verbrechern auf der ganzen Welt gefürchtet; für die, die ihn jagen, ist er »Orphan X«, ein abtrünniger Regierungskiller mit eigenem Moralkodex. Um seine früheren Taten zu sühnen, nutzt er seine Fähigkeiten nun, um den Verzweifelten zu helfen. Doch Evan wird von seinen ehemaligen Auftraggebern gejagt. Da er bislang immer entkommen konnte, fordern sie ihn nun heraus: Sie attackieren den Menschen, der Evan am meisten bedeutet. Und ihr Plan scheint aufzugehen - denn Evan geht zum Gegenangriff über und schreibt dafür sein geheiligtes 4. Gebot um: Diesmal ist es persönlich. »Atemberaubend, löst ein rasantes Kopfkino aus.« Magazin Köllefornia »Waffenfähiges Thrillermaterial eines modernen Meisters.« The Guardian      »Eine großartige Fortsetzung. So gut Orphan X auch war, Projekt Orphan ist noch besser.« Associated Press über Projekt Orphan 

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EPUB

Seitenzahl: 602




HarperCollins®

Copyright © 2018 für die deutsche Ausgabe by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Copyright © 2018 by Gregg Hurwitz Originaltitel: »Hellbent« erschienen bei: Minotaur Books, New York Published by arrangement with St. Martin’s Press, New York

Covergestaltung: Büro für Gestaltung, Cornelia Niere, München Coverabbildung: CollaborationJS / Trevillion Images Lektorat: Thorben Buttke

ISBN E-Book 9783959677806

www.harpercollins.de

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Widmung

Für Gary und Karen Messing

und

Darra und Zach Brewer.

Man kann sich seine Familie nicht aussuchen,

aber manchmal hat man einfach Glück.

Einleitung

Evan umklammerte das Lenkrad. Seine ramponierten Knöchel, ein Überbleibsel vom Kampf gerade eben, leuchteten in einem hübschen Aubergineton. Aus seiner frisch gebrochenen Nase tröpfelte ein dünnes Rinnsal Blut. Nichts wirklich Schlimmes, eher eine Verschiebung entlang der alten Bruchstellen.

Er betrachtete seine Nase im Rückspiegel, dann klappte er ihn wieder zurück in die Ausgangsposition.

Die Spur des Cadillacs war verstellt, er zog nach rechts und drohte, mit ihm in dem mit Regenwasser gefüllten Straßengraben zu landen. Die Sitzfederung drückte ihm in die Oberschenkel, und die mit Zigarettenlöchern gesprenkelten Bezüge stanken nach Menthol. Eine ausgebrannte Glühbirne ohne Abdeckung stellte die Innenraumbeleuchtung dar, die Bremsscheiben machten Geräusche wie ein Huhn, dem man gerade den Hals umdrehte, und das rechte Bremslicht war kaputt.

Er hätte ein besseres Auto klauen sollen.

Es regnete wie aus Kübeln. Typisch Portland. Oder, genauer gesagt, eine Landstraße außerhalb von Hillsboro.

Dicke Tropfen trommelten auf das Blechdach des Wagens, das Wasser rann in Strömen über die Windschutzscheibe und spritzte in einem breiten Fächer unter den Reifen hervor.

Evan schlitterte um eine Kurve, vorbei an einer Reklametafel. Im nächsten Moment tauchten verschwommen rote und blaue Lichter im Rückspiegel auf.

Ein Streifenwagen.

Wegen des defekten Bremslichts.

Extrem nervig.

Vor allem bei diesem Wagen, da vermutlich bereits eine Fahndung nach ihm herausgegeben worden war. Der Beamte würde jetzt das Nummernschild eingeben, falls er’s nicht schon längst getan hatte.

Evan holte tief Luft. Und verstärkte den Druck aufs Gaspedal.

Aha, jetzt kam die Sirene. Die Scheinwerfer im Rückspiegel wurden größer.

Evan konnte den Umriss des Polizisten am Steuer ausmachen. Fast wie eine Zielscheibe: Kopf und Brust, genau die Bereiche, die am verwundbarsten waren.

Hillsboro rühmte sich, eine der sichersten Städte des pazifischen Nordwestens zu sein. Evan hoffte, dass es das auch bleiben würde.

Als er in die Eisen ging und das Lenkrad herumriss, bockte das Blechmonstrum auf seinen Stoßdämpfern und schwang in einer 90-Grad-Drehung in die Mündung einer Querstraße.

Zwei weitere, aus der Gegenrichtung kommende Polizeiautos scherten hinter ihm ein.

Evan seufzte.

Jetzt hatten sich hinter ihm drei Streifenwagen mit voller Weihnachtsbeleuchtung und heulenden Sirenen auf beide Fahrbahnen verteilt und kamen immer näher.

Genau in diesem Moment wurde auch das Hämmern aus dem Kofferraum lauter.

1. NIE VORSICHTIG GENUG

Das RoamZone ans Ohr gepresst, trat Evan rasch durch die Tür seiner Penthousewohnung im Apartmenthochhaus Castle Heights. Das Handy mit dem Gehäuse aus gehärtetem Gummi und dem Display aus Gorilla Glass war so widerstandsfähig wie ein Hockeypuck und im Prinzip nicht zurückzuverfolgen. Jeder Anruf auf 1-855-2-NOWHERE wurde digitalisiert und über ein Labyrinth von verschlüsselten VPN-Tunneln über das Internet verschickt. Erst nachdem er per Software von Vermittlungsstelle zu Vermittlungsstelle einmal rund um den Globus geleitet worden war, kam er auf dem RoamZone an.

Evan meldete sich immer mit demselben Satz.

Brauchen Sie meine Hilfe?

Aber diesmal kannte er zum allerersten Mal die Stimme am anderen Ende.

Jack Johns.

Mit zwölf Jahren hatte Jack ihn gezielt aus der Vergessenheit eines Kinderheims herausgeholt und in ein streng geheimes Programm des Verteidigungsministeriums aufgenommen, das offiziell gar nicht existierte und komplett abgestritten werden konnte. Jack hatte aus Evan Orphan X gemacht, einen Agenten, dessen man sich jederzeit wieder entledigen konnte und der dorthin ging, wo die US-Regierung offiziell nicht sein durfte, und das tat, was sie offiziell nicht tun durfte. Und während der gesamten Zeit, die Jack ihn zum Killer ausgebildet hatte, hatte er darum gekämpft, dass Evan seine Menschlichkeit behielt.

Der einzige Vater, den er jemals hatte, rief jetzt diese Nummer an, eine Nummer, die normalerweise nur Menschen anriefen, die um ihr Leben fürchteten. Und Evans Frage – Brauchen Sie meine Hilfe? – hatte er mit einem einzigen Wort beantwortet.

Ja.

Evan und Jack hatten festgelegte Regeln für die Kontaktaufnahme: unter keinen Umständen so wie jetzt.

Dass Jack diese Nummer anrief, bedeutete, er befand sich in einer Lage, die andere vermutlich als ausweglos bezeichnen würden.

Alles, was Evan bislang gehört hatte, war dieses eine Wort. Das Rauschen in der Leitung war zum Verrücktwerden, die Verbindung wurde immer wieder unterbrochen.

Er umklammerte das Telefon so fest, dass es wehtat. »Jack? Jack? Jack!«

Vor acht Jahren war Evan beim Orphan-Programm ausgestiegen. Zu der Zeit war er dessen bester Agent gewesen. Aufgrund seines hochbrisanten Geheimwissens, der Morde, die er verübt, und der Spezialfähigkeiten, die er sich im Laufe seiner Ausbildung angeeignet hatte, war beschlossen worden, dass er nicht am Leben bleiben durfte. Der gnadenloseste Orphan, Charles Van Sciver, hatte die Leitung des Programms übernommen und war fest entschlossen, Evan aufzuspüren und zu vernichten.

Spurlos zu verschwinden war leichter, wenn man ohnehin nicht existierte. Das Orphan-Programm war hinter so vielen Geheimhaltungsmaßnamen verborgen, dass nur die unmittelbaren Betreuer wussten, wer die Orphans waren. Sie warteten in separaten Silos wie Marschflugkörper auf ihren verschlüsselten Einsatzbefehl, wodurch die glaubhafte Bestreitbarkeit auf jeder Ebene der Hierarchie gewahrt blieb. Doppelblind-Vorschriften garantierten, dass der höherrangige Führungsstab häufig noch nicht einmal den Aufenthaltsort der Betreuer kannte.

Also war Evan einfach von der Bildfläche verschwunden und hatte nur seinen Decknamen beibehalten, den er sich im Zuge seines Agentendaseins verdient hatte, ein Name, den man sich in den Hinterzimmern sämtlicher Geheimdienstorganisationen der Welt ehrfürchtig zuflüsterte.

Der Nowhere Man.

Jetzt half er den Verzweifelten, denjenigen, die keinen Ausweg mehr wussten. Menschen, denen von brutalen Verbrechern ohne jedes Schuldgefühl großes Leid zugefügt wurde.

Seine Klienten wählten 1-855-2-NOWHERE. Sofortige Problemlösung garantiert.

Sauber. Effektiv. Unpersönlich.

Bis zu diesem Moment.

Evans angespannte Schritte hallten durch das 650 m² große Penthouse. Die stahlgraue, offen gestaltete Wohnfläche wurde hier und da durch eine Trainingsstation, Sitzbereiche und eine Wendeltreppe aufgelockert, die ins Loft führte, das er als Lesezimmer nutzte. Der Küchenbereich war ebenso modern, überall Edelstahl und Gussbeton. Der Blick von hier, aus dem 21. Stock, war atemberaubend. Zwölf Meilen in östlicher Richtung schimmerte Downtown Los Angeles wie eine Fata Morgana.

Trotz der großzügigen Dimensionen seiner Wohnung bekam Evan keine Luft mehr. Er spürte einen wilden Schmerz in seiner Brust, etwas, das er nicht einordnen konnte. Angst?

»Jack.«

Es raschelte erneut in der Leitung, und schließlich – endlich – konnte er Jacks Stimme wieder hören. »Evan?«

Anscheinend befand Jack sich in seinem Truck, denn im Hintergrund war ein Motorengeräusch zu hören.

»Ich bin hier«, sagte Evan. »Bist du in Ordnung?«

Nur das Geräusch von Jacks Reifen auf Asphalt drang aus dem Hörer. Als Jack weitersprach, klang seine Stimme ganz rau. »Bereust du es? Was ich dir angetan habe?«

Evan atmete bewusst ein und aus und brachte seinen Herzschlag unter Kontrolle. »Wovon redest du?«

»Hast du dir je gewünscht, ich hätte dich damals nicht aus dem Kinderheim geholt? Dass ich dich einfach ein ganz normales Leben hätte führen lassen?«

»Jack, wo bist du?«

»Kann ich dir nicht verraten. Ich bin mir hundertprozentig sicher, die hören gerade mit.«

Evan starrte durch die deckenhohen, kugelsicheren Lexanfenster. Die dezenten, gepanzerten Sonnenschutzrollos waren heruntergelassen, aber durch die Zwischenräume im Titangewebe konnte er die Lichter der Stadt glitzern sehen.

Man konnte nie vorsichtig genug sein.

»Warum rufst du dann an?«, fragte Evan.

»Ich wollte deine Stimme hören.«

Evan hörte das Quietschen von Reifen in der Leitung. Jack fuhr sehr schnell, zumindest so viel war klar.

Was Evan jedoch nicht wissen konnte, war, dass Jack verfolgt wurde – heimlich, jedoch nicht so heimlich, dass Jack es nicht bemerkt hätte –, und zwar von einem Überwachungsteam von fünf SUVs. Oder dass ein illegales Ortungsgerät der Marke StingRay Jacks Handysignal abfing und jedes seiner Worte aufzeichnete. Dass innerhalb der nächsten fünf Minuten das Wupp-Wupp-Wupp von Rotorblättern die Wolkendecke durchbrechen, ein Black-Hawk-Kampfhubschrauber am Nachthimmel auftauchen, sich blitzschnell absenken und dabei eine Staubwolke aufwirbeln würde. Und dass längst eine Wärmebildkamera Jack hinter dem Lenkrad entdeckt hatte und den Umriss seines 36,5 Grad warmen Körpers in angenehmen Rot- und Gelbtönen wiedergab.

Alles, was Evan in diesem Augenblick wusste, war, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Auf einmal schwoll das Rauschen in der Leitung zu einem Grollen an, dann war die Verbindung vollkommen klar. »Ich glaube, gerade geht mein neuntes Leben zu Ende, Junge.«

Kurzzeitig versagte Evans Stimme. Schließlich gelang es ihm, »Sag mir, wo du bist, und ich komme dich holen«, hervorzupressen.

»Für mich ist es zu spät«, sagte Jack.

»Wenn du nicht willst, dass ich dir helfe, worüber sollen wir dann reden?«

»Ich schätze, über das, was wirklich zählt. Das Leben. Dich und mich.« Jack war gerade dabei, seine eigenen Regeln zu brechen.

»Weil wir das so gut können?«

Jack lachte sein raues Lachen, ein einziger bellender Laut. »Na ja, manchmal können wir vor lauter Nebel nicht erkennen, was wichtig ist. Aber vielleicht ist es an der Zeit, es zu versuchen, bevor, du weißt schon …« Wieder quietschten die Reifen. »Wir sollten uns aber besser ranhalten.«

Evan spürte eine unerklärliche Nässe hinter seinen Lidern und blinzelte sie weg. »Okay. Versuchen wir’s.«

»Bereust du es?«, fragte Jack wieder. »Was ich getan habe?«

»Wie soll ich dir darauf eine Antwort geben?«, fragte Evan. »Ich hab nie etwas anderes gekannt. Ich hatte nie ein anderes Leben, als Klempner oder Lehrer oder … oder Vater.«

Jetzt drang das Rotorgeräusch durch die Leitung, zunächst noch ganz schwach.

»Jack? Bist du noch dran?«

»Ich schätze … Ich schätze, ich würde gern hören, dass du mir vergibst.«

Evan schluckte schwer. »Wärst du nicht gewesen, säße ich jetzt im Gefängnis, wäre an einer Überdosis gestorben oder bei einer Kneipenschlägerei erstochen worden. So hätte meine Zukunft ausgesehen. Ich hätte niemals ein normales Leben gehabt. Und ich wäre nicht der gewesen, der ich heute bin.« Er schluckte erneut, aber seine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. »Dich zu kennen würde ich gegen nichts auf der Welt eintauschen.«

Ein langes Schweigen, unterbrochen nur vom Zischen von Jacks Reifen auf dem Asphalt.

Schließlich sagte Jack: »Nett, dass du das sagst.«

»Das hat nichts mit ›nett‹ zu tun, ich habe es gesagt, weil es die Wahrheit ist.«

Das Rotorgeräusch wurde lauter. Im Hintergrund konnte Evan Reifenquietschen von weiteren Fahrzeugen hören. Er konzentrierte sich mit jeder Faser seines Wesens auf Jacks Stimme. Auf das Gespräch, das durch fünfzehn Länder auf vier Kontinenten geleitet wurde, eine letzte, zerbrechliche Verbindung zu dem Menschen, der ihm so viel bedeutete wie kein anderer auf der Welt.

»Wir hatten keine Zeit«, stieß Evan hervor. »Wir hatten nicht genug Zeit.«

Jack sagte: »Ich hab dich lieb, mein Junge.«

Das hatte noch niemals jemand zu Evan gesagt. Etwas rann seine Wange hinab und blieb einen Moment an seinem Kinn hängen.

»Verstanden«, krächzte er.

Dann war die Leitung tot.

Evan stand mitten in seiner Wohnung; die Kälte des Fußbodens kroch durch seine Sohlen, hinauf in seine Füße, seine Waden und durch seinen gesamten Körper. Das Handy hielt er noch immer ans Ohr gedrückt. Obwohl ihm eiskalt war, fühlte er sich fiebrig.

Schließlich ließ er das Telefon sinken, schälte sich aus dem durchgeschwitzten Sweatshirt, ging hinüber in den Küchenbereich und zog die Schublade des Gefrierschranks auf. Darin befanden sich, säuberlich aufgereiht wie Geschosse, diverse der erlesensten Wodkas. Er nahm eine rechteckige Flasche Double Cross heraus, ein siebenfach destillierter und filtrierter slowakischer Wodka aus Winterweizen und Quellwasser aus den Tiefen des Tatra-Gebirges.

Es war eine der reinsten Flüssigkeiten, die er kannte.

Er schenkte sich zwei Fingerbreit in ein Glas und setzte sich, den Rücken an den kalten Sub-Zero gelehnt. Trinken wollte er nicht, nur das Glas in der Hand spüren. Er atmete die sauberen Dämpfe und hoffte, sie würden den Schmerz aus seiner Lunge und seiner Brust brennen.

Aus seinem Herzen.

»Also gut. Verdammte Scheiße.«

Mit dem Glas in der Hand blieb er sitzen und wartete zehn Minuten, dann weitere zehn.

Dann klingelte das RoamZone erneut.

Auf dem Display erschien weder UNBEKANNTE NUMMER noch UNTERDRÜCKTE NUMMER, es zeigte überhaupt nichts an.

Evan war übel vor Angst, als er auf ANNEHMEN drückte und sich das Handy ans Ohr hielt.

Es war die Stimme, die zu hören er am meisten gefürchtet hatte.

»Hol dir mal deine digitale Kontaktlinse. Das, was du gleich zu sehen kriegst, willst du dir bestimmt nicht entgehen lassen.«

2. DUNKLE MATERIE

Fünf Tage zuvor

2. DUNKLE MATERIE

Der kräftig gebaute Mann kämpfte sich durch die dichte Vegetation und die fast greifbare Schwüle des Amazonas-Regenwalds. Seine Stiefel sanken bei jedem Schritt in den schlammigen Untergrund ein. Er hatte sich einen breitkrempigen Buschhut tief ins Gesicht gezogen. Das rundum an der Krempe befestigte Moskitonetz bewegte sich im Rhythmus seiner Atemzüge. Dieser gespenstisch anmutende Anblick – ein großer, unförmiger Kopf, der atmete – ließ ihn wie ein Monster auf zwei Beinen wirken, das ab und zu zwischen den verrottenden Baumstämmen auftauchte. Die Kleidung des Mannes war schweißgetränkt. Der blinkende rote GPS-Punkt auf seiner Uhr trieb ihn voran.

Ihm folgte ein zweiter Mann. Jordan Thornhill hatte den kompakten Körperbau eines Turners, mit deutlich definierten Muskeln und präziser Körperbeherrschung. Sein Haar war kurz geschoren, mit einrasiertem Seitenscheitel. Das Hemd hatte er ausgezogen und sich oben in den Hosenbund geklemmt. Auf seiner dunklen Haut hatte sich ein Schweißfilm gebildet.

Den gemieteten Jeep hatten sie vor mehreren Meilen stehen lassen, als der Dschungel den Pfad schließlich unpassierbar gemacht hatte.

Jetzt arbeiteten die beiden Männer sich schweigend vorwärts. Ihre Stiefel machten schmatzende Geräusche im Schlamm, und Laub raschelte, als sie sich mit ihren breiten Schultern durch das Dickicht zwängten. Lianen hatten sich um riesige Bäume gewunden und erdrückten sie langsam. Hoch über ihnen huschten Fledermäuse durchs Blätterdach, und irgendwo in der Entfernung machten Brüllaffen ihrem Namen alle Ehre.

Thornhill, leichtfüßig und geschmeidig in seinen Bewegungen, hielt sich dicht hinter dem großen Mann. »Wir sind hier am Arsch der Welt, Boss. Bist du dir überhaupt sicher, dass er’s dabeihat?«

Das verdeckte Gesicht unter dem Buschhut drehte sich abrupt zu Thornhill um. Das Moskitonetz pulsierte rhythmisch wie ein Herz. Dann hob der Mann das Netz an und schlug es über den Hut nach hinten. Dank plastischer Chirurgie war die rechte Hälfte von Charles Van Scivers Gesicht nahezu wiederhergestellt, nur an der Schläfe waren ein paar feine Narben zurückgeblieben. Die Pupille seines rechten Auges war permanent erweitert, und wenn man genau hinsah, konnte man eine winzige seesternförmige Trübung darin erkennen.

Ein Andenken an den Bombenhinterhalt, in den Orphan X ihn vor beinahe einem Jahr gelockt hatte.

Als Leiter des Orphan-Programms verfügte Van Sciver über die Mittel, den Großteil des Schadens an seinem Körper beheben zu lassen, aber in seinem Inneren brodelte nach wie vor eine unbändige Wut, die nichts von ihrer Kraft eingebüßt hatte.

Unter Van Scivers durchdringendem Blick wurde es Thornhill zunehmend mulmig zumute. Dieses Haifischauge konnte einen wirklich nervös machen.

»Er hatte es irgendwo am Körper«, sagte Van Sciver. »Das weiß ich aus sicherer Quelle.«

»Aus welcher?«

»Stellst du mir wirklich diese Frage?« Van Scivers Narben sahen gar nicht so schlimm aus – bis er sauer wurde und sein Gesicht sich in die falsche Richtung verzog.

Thornhill beeilte sich, den Kopf zu schütteln.

»Die Frage ist doch, ob es noch dort ist«, fuhr Van Sciver fort. »Es könnte ja genauso gut bereits im Magen eines Jaguars gelandet sein. Oder wenn’s einen Brand gab – keine verdammte Ahnung.«

»Manchmal braucht man einfach nur ein bisschen Glück«, entgegnete Thornhill.

Glück, genau: Über Monate hatte sich Van Sciver in einem virtuellen Bunker aus Servern verschanzt und die leistungsfähigste Deep-Learning-Data-Mining-Software seit der Erfindung des Computers darauf angesetzt, irgendeine Spur – sei sie auch noch so winzig – von Orphan X zu finden. Die neuesten Anweisungen von oben waren unmissverständlich gewesen. Auf Abwege geratene Orphans zu beseitigen war Van Scivers oberste Priorität. Alle, die ausgestiegen waren. Alle, die nicht den Standards entsprochen hatten. Und alle, die laut Testergebnis ihren Befehlen wahrscheinlich irgendwann einmal nicht Folge leisten würden. Aber vor allem denjenigen Orphan, der als Einziger seit Bestehen ihres legendären Programms das Heft selbst in die Hand genommen hatte.

Die groß angelegte Datenauswertungsaktion des Orphan-Programms hatte letztendlich tatsächlich einen Hinweis ausgespuckt, einen schimmernden Köder im Datenozean, der tagtäglich durch die virtuelle Realität wogte. Die Bezeichnung »Hinweis« war eigentlich zu optimistisch, dachte Van Sciver jetzt. Eher ein Hinweis auf einen Hinweis, der ihnen eventuell einen Hinweis auf den Verbleib von Orphan X liefern würde.

Wie dieser Hinweis entdeckt wurde, hatte in Geheimdienstkreisen rasch Legendenstatus erreicht. Es hatte sich folgendermaßen abgespielt: Ein Agent mittleren Ranges im Verteidigungsministerium hatte sich durch ein komplexes Geflecht aus Nötigung und Erpressung eine Kopie streng geheimer Informationen über das Orphan-Programm verschafft. Ein paar Decknamen, letzte bekannte Adressen sowie die Namen einiger Orphans und ihrer jeweiligen Betreuer. Diese äußerst nützlichen Bausteine stammten aus einer Reihe geheimer, nicht zum Programm gehöriger Verschlusssachen, die kopiert werden konnten, kurz bevor sie sich selbst überschrieben.

Der Agent hatte gehofft, mit dieser Datei seinen Aufstieg im Verteidigungsministerium voranzutreiben, aber musste schnell einsehen, dass es sich dabei um eine tickende Zeitbombe handelte. Der Inhalt war zu gefährlich, um ihn zu verwenden. Trotz gegenteiliger Anweisungen aus dem Weißen Haus, sämtliche Informationen über das Orphan-Programm spurlos zu vernichten, hatte er das Dokument als Versicherung zurückbehalten. Während der letzten Monate hatten Gerüchte über diese Schattendatei kursiert, aber bei diesen war es geblieben.

Bis Van Scivers hochleistungsfähige Data-Mining-Computer sich an die Spur der Datei geheftet und ihre Existenz bestätigt hatten, indem sie Bruchstücke unmittelbar angrenzender Informationen sichtbar machten, so wie die Analyse von Schwerkraftphänomen Rückschlüsse auf das Vorhandensein dunkler Materie erlaubt. Der Agent mittleren Ranges hatte gespürt, dass sich die Schlinge zuzog, und war von der Bildfläche verschwunden.

Und zwar endgültig.

Am Ende war es kein Orphan oder Kollege vom Geheimdienst gewesen, der ihn zu Fall gebracht hatte, sondern eine unvorhergesehene Fügung des Schicksals.

Van Sciver hatte sich geschworen, seinen Bunker zu verlassen, wenn es so weit war, und sich nötigenfalls durch den Dreck zu wühlen, um eine Spur zu verfolgen, die ihn möglicherweise zu Orphan X führen würde. Also war er jetzt hier, watete durch den zähen Schlamm eines anderen Erdteils und folgte dem glitzernden Köder.

Noch bevor sie es sahen, rochen sie es. Eine Wolke von Schlachthausgestank mischte sich in die feuchtigkeitsgesättigte, drückende Luft. Sie waren gerade über die Kuppe eines Hügels gekommen. Ein Stück vor ihnen hatte sich der abgebrochene Heckrotor eines Sikorsky S-70 in einen Banyanbaum gebohrt und den Riesen fast durchtrennt.

Thornhill wedelte mit der Hand vor seiner Nase. »Heilige Scheiße.«

Van Sciver nahm einen von Kerosin und faulendem Fleisch geschwängerten Atemzug. Der Gestank war so übel, dass er ihn fast schmecken konnte. Sie drängten sich durch ein Dickicht aus Unterholz, und dann lag er vor ihnen. Der abgestürzte Rumpf war auf die Seite gekippt und lehnte mit dem Heck an einem gigantischen Felsbrocken wie ein Hund, der versucht, sich den Rücken zu kratzen. Es handelte sich um einen als private Chartermaschine umfunktionierten ausgedienten Army-Transporthubschrauber aus den Siebzigern, der schon durch etliche Hände gegangen war und jetzt langsam vom Regenwald überwuchert wurde.

Der Pilot war durch die Windschutzscheibe geschleudert worden. Seine Leiche, die nur vom Fliegeranzug zusammengehalten wurde, hing mit dem Kopf nach unten in der zärtlichen Umklammerung einer Liane in etwa drei Metern Höhe von einem Baum. Sein Fleisch schien lebendig zu sein, denn es bewegte sich wellenartig.

Feuerameisen.

Aus dem Rumpf ertönte ein Rascheln, dann fragte eine ausgedörrt klingende Stimme: »Ist da jemand? Lieber Gott, bitte lass da jemanden sein.«

Van Sciver und Thornhill gingen auf das Wrack zu. Van Sciver musste in die Hocke gehen, um hineinspähen zu können.

Der NSA-Agent hing leblos von einem der Seitensitze, die Arme baumelten an einer Seite schlaff herab wie in der Achterbahn in der Kurve. Der Schultergurt schnitt ihm in den Stoff seines anthrazitfarbenen Jacketts und hatte sich bei dieser Hitze vermutlich schon ein gutes Stück in das darunterliegende Fleisch gegraben.

Dem anderen Passagier war es gelungen, seinen Gurt zu öffnen. Er war unglücklich aufgekommen und hatte sich die Beine gebrochen. Ein Fragment seines Schienbeins ragte ihm vorne aus dem Hosenbein. Die Haut ringsherum war geschwollen und rot.

Dem Mann liefen die Tränen über das Gesicht. »Ich dachte, ich muss hier krepieren. Ganz allein mit einer … im gottverlassenen …« Sein Schluchzen ging in trockenes Würgen über.

Van Sciver sah an ihm vorbei zum toten Agenten und verspürte einen winzigen Hoffnungsschimmer. Wie sie da im Sitz hing, sah die Leiche recht gut erhalten aus. Er verstaute seine Vorfreude wieder in der kleinen finsteren Ecke seines Herzens, in der alles lagerte, was mit Orphan X zusammenhing. So oft war X ihm zum Greifen nah gewesen, und immer wieder war er ihm entwischt.

»Der Gurt hat dafür gesorgt, dass er nicht auf dem Boden gelandet ist«, sagte Van Sciver zu Thornhill. »Hat ihn vor den Elementen geschützt. Vielleicht haben wir Glück.«

Der zweite Passagier streckte die Hand nach Van Sciver aus. »Wasser. Ich brauche Wasser.«

Thornhill kletterte blitzschnell in den Rumpf des Helikopters und schlängelte sich elegant durch die zerstörte Kabine, bis er unmittelbar unterhalb des Agenten stand, mehr oder weniger Auge in Auge.

»Er ist relativ unversehrt«, bemerkte Thornhill. »Die Miss-Amerika-Wahl gewinnt er nicht mehr, aber immerhin. Wir haben hier ne ziemlich passable Leiche.«

Der Passagier gab ein lautes, trockenes Husten von sich. »Wasser«, krächzte er.

»Lass uns die Leiche hier rausschaffen«, sagte Van Sciver.

»Ich mach den Gurt auf«, entgegnete Thornhill. »Und du nimmst ihn entgegen und lässt ihn langsam runter. Was wir keinesfalls gebrauchen können, ist, dass uns der vergammelte Typ hier auf dem Boden zerfließt.«

»Bitte.« Der Passagier klammerte sich an Van Scivers Hosenaufschlag. »Bitte sehen Sie mich doch wenigstens an.«

Van Sciver nahm seine Pistole aus dem Schulterholster mit Federhalterung und schoss dem Mann in den Kopf. Dann packte er ihn an den Hacken seiner Loafer und zog ihn aus dem Wrack. Danach kletterte er wieder hinein und half Thornhill, die Leiche des Agenten aus dem Sitz herabzulassen, was sich nicht ohne ein gutes Stück unangenehme Tuchfühlung bewerkstelligen ließ. Der Gestank war grauenhaft, aber Van Sciver war an grauenhafte Dinge gewöhnt.

Die beiden Männer trugen die Leiche vorsichtig hinaus in die glühend heiße Mittagssonne und legten sie auf ein ebenes Stück Untergrund. Thornhills Augen waren gerötet, und er konnte ein Würgen nicht unterdrücken. Sie legten eine Pause ein, und jeder ging ein paar Schritte, um durchatmen zu können. Van Sciver wurde bewusst, dass sie ihre Kleidung würden verbrennen müssen, sobald sie wieder in der Zivilisation waren.

Ohne sich absprechen zu müssen, trafen sie sich wieder bei der Leiche. Sie betrachten sie einen Moment lang, dann klappte Van Sciver ein Messer auf und durchtrennte die Kleidung.

Jetzt lag der aufgeblähte Körper nackt vor ihnen und verströmte seine Gase.

Thornhills durchschnittliches Aussehen war Absicht, wie bei den meisten Orphans, die ausgewählt wurden, um sich optisch überall einfügen zu können. Sein Lächeln allerdings war überdurchschnittlich attraktiv. Jetzt drehte er sich zu Van Sciver um und strahlte ihn an.

»Dieser Scheiß hier? Wir leben wirklich den Traum …«

Van Sciver griff in die Tasche seiner Cargohose und zog zwei Kopfband-Lupenbrillen hervor, von denen er eine Thornhill reichte.

»Irgendeine Ahnung, wo’s sein könnte?«, fragte Thornhill.

»Fingernägel, Zehennägel, Haare.«

Sie banden sich ihre Hemden vor Mund und Nase, Bandido-Style, ließen sich auf alle viere nieder und fingen an mit ihrer Übelkeit erregenden Suche.

Die erste Stunde verging so qualvoll wie ein Nierenstein.

Die zweite war noch schlimmer.

Nach drei Stunden waren die Fluginsekten da und umwaberten sie als dichte Wolke. Die Schatten wurden merklich länger, als ob sie ihre Klauen nach ihnen ausstreckten. Bald wäre es dunkel, und sie konnten es sich nicht leisten, noch einen weiteren Tag zu warten.

Thornhill durchforstete das Haar des Agenten, wobei er es Strähne für Strähne anhob. Schließlich kam er hoch und setzte sich auf die Hacken, holte ein paarmal tief Luft und spuckte einen dicken Klumpen zähflüssigen Speichel seitlich ins Gebüsch. »Sind wir uns sicher, dass es irgendwo an ihm dran ist?«

Die gelblich verfärbte Hand des Agenten vorsichtig umklammert, hielt Van Sciver inne. Die Hand war am Handgelenk abgewinkelt, als bekäme er gleich eine Maniküre. Die Haut glitschte verstörend um die Knochen.

Schweiß tröpfelte Van Sciver in die Augen, und er wischte ihn sich mit dem Arm ab. Mit dem rechten Auge konnte er noch gut sehen, aber nach so langem Fokussieren auf winzige Details hatte er dank der geplatzten Pupille und verletzten Netzhaut Mühe, auf dem linken Auge scharf zu stellen. Er konnte spüren, wie sehr sich die Muskeln anstrengen mussten. Er tat sein Bestes, um den Schweiß wegzublinzeln.

Dann erstarrte er urplötzlich, weil er eine Eingebung hatte.

Er beugte sich nach vorn und zog Ober- und Unterlid der Leiche auseinander. Die hübsche blaue Iris war bereits getrübt. Dann drückte er auf ein Oberlid, sodass sich die Wimpern auffächerten. Fehlanzeige. Dann tat er dasselbe am Unterlid.

Und da war sie.

Eine Wimper, die sich unter den anderen versteckte. Diese war glänzender und etwas dicker und verbreiterte sich am unteren Ende leicht, wo sie im Lidrand steckte.

Genau wie eine richtige Wimper. Nur war es keine des Agenten.

Mit einer Pinzette zupfte Van Sciver das Implantat vorsichtig heraus und sah es sich genauer an.

Die Wimper war künstlich.

Dies war nicht die Zukunft der Datenspeicherung, es war deren Ursprung. Seit Millionen von Jahren hatte DNA bereits als Speichermedium für Informationen gedient. Anstatt von Einsen und Nullen, mit denen Computer digitale Informationen darstellen, verwendet DNA die vier Grundbausteine, um Daten zu erzeugen, die so komplex sind, dass daraus alles Leben entstehen kann. Dieser unglaublich leistungsstarke Mechanismus hatte die Jahrtausende unverändert überdauert, benötigte keine externe Energiezufuhr und war temperaturbeständig. Van Sciver kannte die Forschung zu diesem Thema und die großspurigen Prognosen, dass eines Tages die Gesamtheit aller Daten auf der Welt in einem Teelöffel voll synthetischer DNA Platz fände. Trotz der ganzen abgedrehten Diskussionen um Exabytes und Zettabytes steckte die Technologie noch in den Kinderschuhen, und die Preise waren astronomisch. Einen Megabyte digitaler Information zu codieren, kostete knapp zwanzig Riesen.

Aber das, was in dieser einen Wimper steckte, war weitaus mehr wert.

Für Van Sciver bedeutete es alles.

Nichts davon hatte direkt mit Orphan X zu tun, dafür war Evan zu geschickt darin, seine Spuren zu verwischen, aber im Vergleich zu den ungeheuren Datenmengen, die Van Sciver bereits durchsucht hatte, war dieses Härchen eine wahre Fundgrube wichtiger Details.

Als er die Wimper gegen den orangefarbenen Ball der untergehenden Sonne hielt, fiel Van Sciver auf, dass er vergessen hatte zu atmen.

Und noch etwas fiel ihm auf.

Zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, lächelte er.

3. ALL DAS, WAS IHM AM MEISTEN BEDEUTETE

Venedig war eine wunderschöne Stadt. Aber wie viele Schönheiten war sie launenhaft.

Ein Gewitter sorgte dafür, dass sich die Touristen lieber in den Gebäuden aufhielten. Regen prasselte auf die Kanäle herunter, erodierte die alten Steinbauten und peitschte die Wangen der wenigen, die sich dennoch vor die Tür wagten. Das Unwetter ließ alle Farben verblassen und verwandelte die Lagunenstadt in ein Potpourri gedämpfter Grautöne.

In der Nähe der Rialtobrücke bemerkte Jim Harville, dass er verfolgt wurde. Es handelte sich um einen Schwarzen im Regenmantel, der sich ein gutes Stück hinter ihm mit vorgeneigtem Oberkörper durch den Sturm kämpfte. Der Mann war ein Profi – wären wetterbedingt nicht ohnehin nur wenige Passanten unterwegs gewesen, wäre er Harville niemals aufgefallen. Seine aktive Zeit als Agent lag etliche Jahre zurück, und seine eigenen Fähigkeiten waren nicht mehr das, was sie einmal waren. Aber sich routinemäßig nach Verfolgern umzusehen war etwas, das man nie verlernte.

Harville erklomm die breiten Stufen der Brücke; unter ihm rauschte der aufgewühlte Canal Grande. Als er den nach beiden Seiten offenen, überdachten Bogen an seinem höchsten Punkt erreicht hatte, sah er sich um.

Über die Entfernung hinweg fixierten sich die beiden Männer.

Ein plötzlicher Windstoß heulte durch das uralte Gewirr der Gassen, rüttelte an den Markisen der Geschäfte und ließ Harville kurzzeitig aus dem Gleichgewicht kommen.

Als er seinen Stand wiedergefunden hatte und aufblickte, sah er den Mann in vollem Tempo aus sich zurennen.

Es war seltsam, nach so vielen Jahren wieder ein derart unverhohlenes Aggressionsverhalten zu erleben.

Sein Instinkt verlieh ihm einen Energieschub, und Harville rannte von der Brücke. Als er in einer engen Gasse außer Sicht war, bog er scharf links zwischen zwei verlassene Palazzi ein und rannte über einen kopfsteingepflasterten Platz. Er war unbewaffnet, und sein Verfolger war jünger und durchtrainierter als er. Sein einziger Vorteil war, dass er das verwinkelte Straßennetz der Stadt so genau kannte wie die Konturen des Rückens seiner Frau, dessen olivfarbene Haut er jeden Abend liebevoll streichelte, wenn sie einschlief.

Harville stieß mit der Schulter die Tür einer Boutique auf, riss einen Verkaufstisch mit Masken für den Karneval um und drängte sich durch eine Hintertür hinaus auf eine Gasse. Seine Beinmuskeln brannten bereits. Giovanna sagte gerne scherzhaft, sie hielte ihn jung und man sähe ihm seine fünfzig nicht an, aber seit er im Ruhestand war, war er längst nicht mehr so fit wie früher.

Er schlitterte in eine calle direkt am Wasser. Auf der anderen Seite des Kanals, ein gutes Stück nach Norden, tauchte gerade sein Verfolger rutschend zwischen zwei Gebäuden auf.

Er hatte Harville entdeckt. Der Mann riss die Arme nach hinten, und sein Mantel glitt ihm, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, elegant von den Schultern. Sein weißes T-Shirt war vom Regen durchweicht und klebte ihm am Körper, sodass die dunkle Haut hindurchschien. Selbst aus der Distanz war sein Sixpack zu erkennen.

Der Mann sah auf das aufgewühlte Wasser hinunter. Dann setzte er zum Sprung an und bewegte sich wie Frogger von Landungssteg zu Müllkahn und weiter, wodurch zwei vertäute Gondeln ins Schaukeln gerieten.

Harville verspürte Panik wie einen Faustschlag in die Magengrube. Ein einziger Gedanke drängte sich ihm auf.

Orphan.

Der Mann war jetzt auf Harvilles Kanalseite angekommen, aber zum Glück lag noch eine breite Wasserstraße zwischen ihnen, die den Kanal kreuzte. Als Harville sich wieder in Bewegung setzte, schwang sich der Mann über die Kanaleinfassung, rollte sich über den Bug eines Schiffes und bewegte sich in rasantem Tempo unter Zuhilfenahme von Fallrohren und Fensterläden an der Seite eines Gebäudes hoch. Selbst in der Vertikalen wurde er nur unmerklich langsamer.

Diese spezielle Art von Hindernislauf, Parkour genannt, war erst nach Harvilles Ausbildung in Mode gekommen, und jetzt konnte er seinem Kontrahenten nur ziemlich beeindruckt zusehen.

Der Mann machte einen Klimmzug in ein offenes Fenster im dritten Stock, was der kinnlosen Frau, die dort stand und rauchte, einen Riesenschrecken versetzte. Dann schwang er sich auch schon aus einem anderen Fenster auf Harvilles Seite des Kanals wieder hinaus.

Harville hatte wertvolle Sekunden verloren.

Er drehte sich um, wobei er in eine Pfütze trat, und rannte los. Die engen Durchgänge und Gassen erstreckten sich in nicht enden wollender Folge vor ihm, ein genaues Abbild der Gedanken, die ihm durch den Kopf rasten: Giovannas herzhaftes Lachen, die frei stehende Badewanne auf dem rissigen Marmorboden, Kerzen an ihrem Bett, die einen warmen Schein an die Wände ihrer einfachen Wohnung warfen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, rannte er weg von ihrem gemeinsamen Zuhause, so weit es ging, um seinen Verfolger wegzulocken von all dem, was ihm am meisten bedeutete.

Hinter ihm konnte Harville Schritte hören, die schnell näher kamen. Als er an der Kolonnade an der Seite des Markusplatzes entlangrannte, zuckten in schnellem Abstand Säulen an ihm vorbei, was dem herabprasselnden Regen einen Stroboskopeffekt verlieh. Der Platz stand unter Wasser; die aufgepeitschte Adria drängte durch die Abflüsse nach oben und stand zwei Fuß hoch über den Pflastersteinen.

Der riesige Platz so ganz ohne Menschen war ein befremdlicher Anblick.

Harville war völlig außer Atem.

Er schleppte sich auf den Platz hinaus und watete durch das Flutwasser. Mit jedem schmerzenden Schritt pulsierte der Markusdom in seinem Gesichtsfeld. Nördlich davon erhob sich der große Uhrturm, auf dem zwei Figuren aus Bronze, die eine alt, die andere jung, links und rechts der gewaltigen Glocke Wache hielten und darauf warteten, die nächste Stunde zu läuten.

Harville würde es nicht auf die andere Seite schaffen, um dort im Gewirr der Gassen unterzutauchen. Er machte sich gerade innerlich bereit, sich umzudrehen und seinem Schicksal zu stellen, als eine Kugel sein Schulterblatt durchstieß und beim Austreten aus seiner Brust kleine Fetzen seiner Lunge mit sich riss.

Er sackte nach vorn auf die Knie, seine Arme tauchten bis zum Ellbogen ins Wasser. Ungläubig starrte er auf seine Finger, die unter der bewegten Wasseroberfläche schimmerten wie Fische.

Die Stimme in seinem Rücken hätte unbeschwerter nicht klingen können. »Orphan J. Freut mich sehr.«

Harville hustete blutigen Schaum, der auch tiefrote Bröckchen enthielt.

»Jack Johns«, fuhr der Mann fort. »Er war Ihr Betreuer. Damals, vor all den Jahren.«

»Den Namen kenne ich nicht.« Harville war überrascht, dass er überhaupt noch etwas herausbrachte.

»Oh, Sie missverstehen da was. Das war keine Frage. Die kommen erst später.« Der Mann sprach im Plauderton, klang geradezu freundlich.

Harvilles Arme zitterten. Er sah nach unten auf die sanft plätschernden Wellen, das Pflaster, seine Hände. Er war sich nicht sicher, wie lange er sich noch würde halten können, bevor er Gesicht voran ins Wasser stürzte.

Irgendwann hatte es aufgehört zu regnen. Es herrschte eine fast wie gelähmt wirkende Stille, als halte alles die Luft an für den Fall, dass das Unwetter doch noch nicht vorbei war.

»Was sind Ihre aktuellen Vorschriften für die Kontaktaufnahme mit Jack Johns?«, fragte der Mann.

Harvilles Atem ging keuchend. »Den Namen kenne ich nicht.«

Sein Verfolger ging neben ihm in die Hocke. Er hatte ein zerknittertes Foto in der Hand. Es zeigte Giovanna, die Adelina im Arm hielt und sie gerade stillte. Die Kleine trug noch das rosa Mützchen, das man ihr im Krankenhaus angezogen hatte.

Harville konnte spüren, wie all seine Atemluft durch das Loch in seiner Brust entwich.

Er erzählte dem Mann, was er wissen wollte.

Der Mann erhob sich und stellte sich hinter ihn.

Eine Woge umspülte Harville. Er schloss die Augen.

»Ich habe geträumt, ich hätte ein normales Leben«, sagte er leise.

»Und dieser Traum hat Sie alles gekostet«, entgegnete der Mann.

Der Knall des Schusses ließ einen Schwarm Tauben von den riesigen Kuppeln des Doms aufsteigen.

Als der Mann seine Pistole wieder einsteckte und sich einen Weg durch das Flutwasser bahnte, schlug es zur Stunde. Hoch oben auf dem Uhrturm ließen die beiden Bronzefiguren, die eine alt, die andere jung, die Glocke erklingen, die seit mehr als fünf Jahrhunderten auf diesem Platz mit seinen erodierenden Mauern widergehallt hatte.

4. BIST DU BEREIT?

Zurück in der Gegenwart

4. BIST DU BEREIT?

Evan saß noch immer in der Küche. Sein nackter Rücken war taub von der Kälte des Sub-Zero, das Glas Wodka hatte er auf ein Knie gestützt. Das Handy hatte er nach wie vor am Ohr. Er fühlte sich weniger gelähmt als nicht willens, auch nur einen Muskel zu bewegen. Denn Bewegung wäre ein Zeichen dafür, dass die Zeit weiterlief, und jetzt gerade konnte das nur bedeuten, dass furchtbare Dinge geschehen würden.

Er ermahnte sich zu atmen. Zwei Sekunden einatmen, vier Sekunden ausatmen.

Er rief sich das Vierte Gebot in Erinnerung: Es ist nie persönlich.

Jack hatte ihm die Gebote beigebracht und würde wollen – nein, darauf bestehen –, dass Evan sie jetzt befolgte.

Das Vierte Gebot half nicht, also kramte er das Fünfte heraus: Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, tu gar nichts.

Es gab keine Situation, die man nicht noch schlimmer machen konnte.

Auf dem Glas in Evans Hand hatte sich Kondenswasser gebildet.

In der Leitung herrschte Totenstille.

»Hast du mich verstanden?«, fragte Van Sciver.

»Nein«, sagte Evan.

Er wollte mehr Zeit haben, aber wofür, wusste er nicht genau.

»Ich sagte: Hol deine digitale Kontaktlinse. Ich habe etwas, das du dir unbedingt ansehen musst.«

Zwei Sekunden einatmen, vier Sekunden ausatmen.

»Nur damit das klar ist«, sagte Evan. »Wenn du das tust, wird mich nichts davon abhalten, dich zu finden und zu töten.«

»Aber X«, sagte Van Sciver betont nachsichtig, »du weißt doch noch gar nicht, was ich vorhabe.«

Dann wurde die Verbindung getrennt.

Zwei Sekunden einatmen, vier Sekunden ausatmen.

Evan erhob sich.

Das Glas stellte er auf die Kochinsel aus Gussbeton. Auf dem Weg aus der Küche kam er an der Grünen Wand vorbei, einem hängenden Garten, in dem Kräuter und Gemüse wuchsen. Die begrünte Fläche war das einzig Lebendige und zugleich der einzige Farbtupfer im gesamten Penthouse. Außerdem verströmte sie einen angenehmen Duft nach Kamille und Minze.

Er ging durch sein riesiges, offen gestaltetes Wohnzimmer, vorbei an dem Sandsack und der Reckstange, vorbei an dem frei stehenden Kamin in der Mitte und einer Gruppe Sofas, auf denen er, soweit er sich erinnern konnte, noch nie gesessen hatte. Dann ging er einen kurzen Flur hinunter. An den zwei leeren Haken an der Wand hatte einmal sein Katana gehangen. Er trat ins Schlafzimmer, in dem sich ein Magnetschwebebett befand, das dank unglaublich starker Neodym-Seltenerd-Magnete zwei Fuß über dem Fußboden schwebte. Nur die Kabel, mit denen es am Boden befestigt war, verhinderten, dass es noch weiter nach oben stieg und an die Decke knallte. Genau wie Evan war das Bett für optimale Funktionalität ausgelegt: Platte, Matratze und weder Füße noch Kopf- oder Fußteil.

Von dort ging er ins Badezimmer und tippte mit dem Fuß die Milchglastür der Duschkabine an, die zur Seite glitt. Vollkommen lautlos. Als er in der Dusche stand, schloss er die Hand um den Hebel für das heiße Wasser. Versteckte Sensoren im Metall scannten seinen Handabdruck. Dann drückte er den Hebel in die falsche Richtung über den Endpunkt hinaus, und eine nahtlos in das Fliesenmuster eingepasste Tür schwang nach innen.

Evan betrat den Tresor, das Nervenzentrum seiner Einsätze als der Nowhere Man.

Der knapp 40 m² große Raum mit frei liegenden Streben und unverputzten Betonwänden lag unmittelbar unter der für alle Hausbewohner zugänglichen Treppe, die zum Dach führte. An einer Wand befanden sich sein Waffenarsenal und eine Werkbank. In der Mitte des Raumes stand ein L-förmiger Metallschreibtisch mit einer großen Anzahl sorgfältig angeordneter Computertower, Server und Antennen. Die Monitorwand zeigte diverse illegal angezapfte Feeds der Überwachungskameras des Castle Heights. Von hier aus konnte sich Evan auch unbemerkt Zugang zu nahezu allen Datenbanken der Strafverfolgungsbehörden verschaffen.

Die Tür zu dem riesigen Waffenschrank stand einen Spaltbreit offen. Auf einem Regalbrett unter einer Reihe aus Aluminium geformter, spezialangefertigter ARES-1911-Pistolen ohne Seriennummer lag ein schmales silbernes Kästchen von der Größe eines Scheckbuchs.

Evan klappte es auf.

Darin befanden sich zehn RFID-Tags zum Aufsetzen auf die Fingernägel sowie eine hochauflösende Kontaktlinse.

Diese Vorrichtung, die Evan einem toten Orphan aus Van Scivers Truppe abgenommen hatte, diente als Doppelblind-Kommunikationsverbindung zwischen ihm und seinem größten Feind.

Evan klebte sich die Tags auf die Nägel und setzte die Linse ein. Einen halben Meter vor seinem Gesicht erschien ein virtueller Cursor.

Er bewegte die Finger im leeren Raum vor sich und tippte etwas in die Luft: HIER.

Im nächsten Moment erschien Van Scivers Antwort: WUNDERBAR. BIST DU BEREIT?

Evan nahm einen langen, tiefen Atemzug. Er wollte diese letzten kostbaren Sekunden auskosten, bevor ihm der Boden unter den Füßen weggerissen wurde.

Dann tippte er: JA.

Jack beschloss schließlich, dass es jetzt genug war, und bog mit seinem Truck in einen breiten, unbefestigten Zufahrtsweg, der mitten durch ein schier endlos erscheinendes Baumwollfeld führte. Der von seinen Reifen aufgewirbelte Staub schwebte geisterhaft die vollkommen leere Schneise entlang. Den Hubschrauber konnte er in der Dunkelheit zwar nicht sehen, aber er hörte ihn hoch über dem Feld kreisen. Jack stellte den Wählhebel auf Parken, behielt den Rückspiegel im Auge und wartete, während sein Atem in der spätherbstlichen Kälte die Scheiben beschlagen ließ.

Wie erwartet erschienen hinter ihm die Scheinwerfer eines SUVs, gefolgt von zwei weiteren. Die Fahrzeuge hielten etwa zehn Meter hinter ihm. Von vorne näherten sich drei weitere schwarze SUVs. Durch die Windschutzscheibe beobachtete er, wie sie immer größer wurden, bis sie schließlich quer vor ihm stehen blieben und ihm den Fluchtweg abschnitten.

Anscheinend selbstvergessen kritzelte er etwas in die Kondensation auf dem Fenster an der Fahrerseite und hauchte auf das Armaturenbrett. Dann stieg er, theatralisch ächzend, aus dem Wagen.

Die Insassen der SUVs kletterten in voller Kampfmontur und mit M4-Gewehren im Anschlag aus ihren Fahrzeugen. Einige der Männer hielten stattdessen Kalaschnikows. »Hände hoch! Los!«

»Ist ja schon gut.« Betont langsam reckte er die Arme in ihre Richtung und zeigte seine leeren Hände.

Für jemanden in den Siebzigern war er noch verdammt gut in Form, aber während der letzten Monate war ihm aufgefallen, dass seine kräftige Baseball-Catcher-Statur ein wenig weicher um die Mitte wurde, egal, wie viele Push-ups und Sit-ups er jeden Morgen machte. Irgendwann holte das Alter eben jeden ein.

Er atmete den Geruch von frischem Erdreich und Nachtluft ein. Die Baumwolle erstreckte sich, so weit das Auge reichte, ein Muster aus weißen Tupfen an braunen Stängeln wie Schneeflecken auf einem felsigen Abhang. Heute war Thanksgiving; anscheinend waren sie spät mit der Ernte dran.

Er beobachtete die Männer dabei, wie sie auf ihn zukamen, wie sie ihre Waffen hielten, wohin ihr Blick ging. Sie bewegten sich einigermaßen professionell, aber zwei von ihnen hatten ihre Linke so am Magazinschacht der Kalaschnikow positioniert, dass die Daumen nach oben zeigten, anstatt eine Linie mit dem Lauf zu bilden. Falls sie umgreifen mussten, würde ihnen beim Nachladen der Durchladehebel den Daumen zerquetschen.

Freelancer, keine Orphans. Ganz sicher keine Orphans.

Allerdings waren es fünfzehn von ihnen.

Mehrere Männer packten Jack, tasteten ihn grob ab und fesselten ihm die Hände hinter dem Rücken mit Kabelbindern.

Einer der Männer trat vor. Sein kahl rasierter Schädel glänzte im Licht der Autoscheinwerfer. Unter der blanken Kopfhaut zeichneten sich die Grate der Schädelplatten ab. Kein schöner Anblick; eine Kopfbedeckung wäre angebracht gewesen.

Der Mann hob sein Funkgerät und sprach hinein: »Ziel gesichert.«

Seine Kumpane traten unruhig auf der Stelle, Stiefel quietschten.

»Entspannt euch, Jungs«, sagte Jack. »Habt ihr gut gemacht.«

Ihr Anführer ließ das Funkgerät sinken. »Das war’s für dich, Opa.«

Jack kniff die Lippen zusammen und quittierte das Gesagte mit einem angedeuteten Nicken. »Er wird euch finden.« Er ließ seinen Blick langsam über die Freelancer wandern. »Und er wird sich rächen. An jedem einzelnen von euch.«

Die Männer blinzelten nervös.

Die Tür des nächststehenden SUVs ging auf, und ein weiterer Mann stieg aus. Kompakt gebaut und muskulös. Er breitete die wohldefinierten Arme aus, als begrüße er ein lange verschollenes Familienmitglied.

»Es war nicht einfach, Sie zu finden, Jack Johns«, sagte er.

Jack musterte ihn von oben bis unten. »Jordan Thornhill. Orphan R.«

Ein Anflug von Erstaunen zeigte sich auf Thornhills Gesicht. »Sie kennen mich?«

»Zumindest hab ich schon mal Ihren Namen gehört«, bemerkte Jack. »Wenn man so lange dabei ist wie ich, Junge, hört und sieht man so einiges.«

»Sie hatten Glück, so lange dabei gewesen zu sein«, entgegnete Thornhill.

»Ja, das hatte ich«, sagte Jack.

Das Rotorengeräusch schwoll an. Über dem Hügel drehte ein Black Hawk ein und setzte vor ihnen auf. Eine Wolke aus Staub und Pflanzenteilen wehte ihnen entgegen. Jack kniff die Augen gegen den Abwind zusammen.

Als die Rotoren ausliefen, kletterten zwei Männer in voller Ausrüstung aus dem Hubschrauber. Sie trugen Fliegeranzüge und hatten Fallschirme auf dem Rücken. Der ganze Aufzug wirkte ziemlich überzogen. Drei weitere Männer und der Pilot warteten im Black Hawk.

Jack schrie: »Bisschen übertrieben, das Ganze, oder?«

»Diese Woche haben wir Hubschraubern ne Menge zu verdanken«, schrie Thornhill zurück.

Die Äußerung konnte Jack nicht einordnen.

»Wie dem auch sei«, rief Jack. »Bringen wir’s einfach hinter uns.«

Die beiden Männer im Fliegerdress packten Jack an den Armen und zogen ihn zum Hubschrauber. Die noch im Inneren Befindlichen zogen ihn herein. Als sie abhoben, konnte Jack aus der Vogelperspektive tief unter sich sehen, wie Thornhill ebenso elegant wieder in seinem SUV verschwand, wie er ihm entstiegen war. Zwei Freelancer waren auf dem Weg zu Jacks Truck, um ihn zu durchsuchen, während sich die anderen zurück zu ihren Fahrzeugen begaben und davonfuhren.

Der Hubschrauber stieg steil nach oben und kletterte immer höher. Black Hawks haben eine aggressive Steigrate, wie der Pilot offenbar gerade demonstrieren wollte. Sie befanden sich definitiv nicht auf einem Sonntagsausflug. Bei diesem Trip ging es um etwas ganz anderes.

Jack hatte während seiner Laufbahn unzählige Fallschirmsprünge absolviert, daher wusste er genau, wie man anhand der kleiner werdenden Lichter am Boden grob die Höhe bestimmen konnte.

Gerade hatten sie zehntausend Fuß erreicht.

Fünfzehn.

Dann hörten sie auf zu steigen und gingen in Schwebeflug über.

Einer der Männer setzte sich ein wuchtiges Headset auf und bereitete einen digitalen Camcorder vor.

Ein anderer schob links und rechts die Türen auf.

Ein starker Luftzug blies durch die Kabine und riss Jack fast von den Beinen. Da seine Hände gefesselt waren, konnte er nicht mit den Armen stabilisieren, also stellte er sich breitbeinig hin.

Der Mann mit dem Headset schrie: »Sehen Sie in die Kamera!«

Jack tat wie geheißen.

Der Kameramann lauschte auf etwas, das er über sein Headset empfing, dann fragte er: »Was sind die aktuellen Sicherheitsvorschriften für die Kontaktaufnahme mit Orphan X?«

Jack kämpfte sich ein Stück näher an die Kamera, während der Wind ihm an den Haaren riss, und sah mit zusammengekniffenen Augen ins Objektiv. »Van Sciver, du kannst nicht im Ernst annehmen, dass das bei mir funktioniert.«

Wieder hörte der Mann zu, was aus dem Headset kam, dann wiederholte er seine Frage.

Weil seine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren, taten Jack die Schultern weh, aber er wusste, er würde den Schmerz nicht mehr viel länger ertragen müssen.

»Es gibt nichts, was mich je dazu bringen würde, den Jungen an dich zu verraten«, sagte er, an Van Sciver gerichtet. »Er ist das Beste an mir.«

Der Kameramann verzog das Gesicht, da er sich offensichtlich gerade eine Tirade von Van Sciver anhören musste, dann wandte er sich wieder voll konzentriert an Jack. »Ich würde vorschlagen, du überlegst es dir noch mal. Wir sind hier auf knapp sechzehntausend Fuß, und du bist der Einzige ohne Fallschirm.«

Jack lächelte. »Und du bist dumm genug zu glauben, dass dir das einen Vorteil verschafft.«

Er schoss nach vorn, nahm den Griff der Reißleine, die vom Schirm des Kameramanns baumelte, zwischen die Zähne und riss den Kopf nach hinten.

Als der Fallschirm auf dem Kabinenboden landete, herrschte einen Moment lang vollkommenes, ungläubiges Schweigen.

Zunächst hob der Wind den Nylonstoff ganz sanft an, als ob er ihn liebkoste.

Dann öffnete sich der Hauptschirm mit einem Ruck und holte die Männer in der Kabine von den Füßen. Den Mann mit der Kamera riss es seitlich aus der offenen Tür. Der Black Hawk geriet stark ins Schlingern, als zuerst der Fallschirm und dann der Kameramann den Heckrotor blockierten.

Der Hubschrauber drehte sich in rasendem Tempo einmal um seine eigene Achse. Jack nickte den auf dem Kabinenboden ausgestreckten Männern zum Abschied zu und trat aus der Tür ins Nichts. Auf dem Weg nach draußen sah er, dass sich das reißfeste Nylongewebe des Schirms in den bereits verbogenen metallenen Rotorblättern verfangen hatte.

Sofort spannte sich Jack instinktiv an, um, so gut es ging, die stabile Körperhaltung eines Fallschirmspringers einzunehmen. Trotz seiner gefesselten Hände zog er die Schultern nach hinten, um die Fläche seiner Brust zu verbreitern und den Punkt, an dem er fixiert war, oberhalb seines Schwerpunkts zu halten. Der Wind fuhr ihm durch die Haare. Unter sich sah er die Lichter der weit verstreuten Häuser hin und her schwanken wie flackernde Kerzen in einem Luftzug. Vermutlich hatte er jetzt 125 Meilen pro Stunde erreicht, die Geschwindigkeit, die für einen Menschen im freien Fall tödlich war.

Er hatte das Fliegen immer geliebt.

Jack dachte an den unterernährten zwölfjährigen Jungen, der mit blutverkrustetem Hals vor all den Jahren in sein Auto gestiegen war. Er dachte daran, wie sie schweigend unter den Eichen hinter einem Farmhaus in Virginia gewandert waren. Sonnenlicht hatte den Waldboden gesprenkelt, und der Junge war immer ein paar Schritte zurückgeblieben, um in die Fußstapfen treten zu können, die Jack im weichen Erdboden hinterließ. Er dachte an das furchtbare Gefühl in seiner Magengrube, als er den Jungen mit neunzehn zu seinem ersten Einsatz zum Flughafen gebracht hatte. Jack hatte mehr Angst gehabt als Evan. Ich werde immer für dich da sein, hatte Jack zu ihm gesagt. Du kannst mich immer anrufen.

Der Boden kam in rasender Geschwindigkeit auf ihn zu.

Ich werde immer für dich da sein.

Jack veränderte die Position seiner Beine und drehte sich auf den Rücken. Er sah jetzt zum Nachthimmel hoch und überließ seine müden Knochen der Schwerkraft. Die Sterne leuchteten in dieser Nacht hell und unglaublich klar, der Mond war so deutlich zu sehen, dass die Krater aussahen wie die Abdrücke einer schmutzigen, kleinen Kinderhand. Und vor diesem atemberaubend schönen Hintergrund kreiselte der Black Hawk noch immer um die eigene Achse.

In einem letzten Moment der Genugtuung sah Jack, wie der Hubschrauber explodierte, dann schlug er selbst auf dem Boden auf.

Evan stand im dunklen Tresor, atmete die feuchte Luft und beobachtete voller Grauen, was auf dem Live-Feed geschah.

Der schwindelerregende Bildausschnitt der Kamera schoss wild durch die Kabine, als sie von Befestigungsgurten, Notsitzen und schreienden Männern abprallte. Dann flog sie nach draußen, segelte ein Stück durch die Luft und trudelte hinunter in den Abgrund. Jetzt war nur noch das Heulen des Windes zu hören.

Evans Gehirn verarbeitete immer noch, was sich vor dreißig Sekunden ereignet hatte, als Jack so seelenruhig aus der Kabine getreten war, als ließe er sich von einem Sprungbrett in den Pool gleiten.

Auf dem Bildschirm kam der Boden auf Evan zugerast. Der Aufprall.

Statik.

Darunter hing noch immer Evans letzte, panische SMS an Van Sciver in der Luft: NEIN WWARTE STOPP ICH SAG DIR WWO ICH BIN

In sein nächstes Ausatmen mischte sich ein Geräusch, das Evan nicht erkannte.

Der Cursor blinkte.

Schließlich kam Van Scivers Antwort: ZU SPÄT.

Evan nahm die Kontaktlinse heraus, zog sich die Tags von den Fingernägeln und legte beides zurück in den Kasten.

Er verließ den Tresor, ging durch das Schlafzimmer, den Flur und den Wohnbereich in die Küche.

Dort stand noch immer sein Glas Wodka.

Mit zitternder Hand hob er es hoch.

Und leerte es in einem Zug.

5. GEMEINSAME INTERESSEN SIND WICHTIG

Zum ersten Mal seit er sich erinnern konnte, hatte Evan lange geschlafen. »Schlafen« war allerdings nicht ganz der richtige Ausdruck, da er bereits um fünf Uhr wach gewesen war. Aber er blieb bis um neun liegen und starrte an die Decke, während sein Gehirn versuchte zu verarbeiten, was er gesehen hatte, wie ein Seestern, der seine Beute verdaute.

Einmal hatte er sich aufgesetzt und versucht zu meditieren, aber jeder Atemzug brachte nicht Achtsamkeit, sondern eine rasende, alles verschlingende Wut mit sich.

Schließlich stand er auf und stellte sich unter die Dusche. Er seifte seine rechte Hand ein, stützte sich mit seinem vollen Gewicht an der gefliesten Wand der Duschkabine ab und fuhr mit gestrecktem Arm daran auf und ab, um seine Schulter zu dehnen. Die Verletzung lag noch nicht lange zurück, und er wollte vermeiden, dass die Sehnen und Bänder unbeweglich wurden.

Danach zog er sich an. Alle Schubladen der Kommode in seinem Schlafzimmer enthielten Stapel identisch aussehender Kleidungsstücke: dunkle Jeans, graue T-Shirts mit V-Ausschnitt, schwarze Sweatshirts. Besonders an diesem Morgen empfand Evan es als eine Erleichterung, einfach auf Autopilot schalten zu können und keine Entscheidungen treffen zu müssen. Er hakte sich eine Victorinox-Taschenuhr an die Gürtelschlaufe und tappte den Flur hinunter in die Küche.

Im Kühlschrank befanden sich ein Glas Oliven, ein Stück Butter und zwei Fläschchen Epogen, ein Mittel gegen Blutarmut, das im Falle eines größeren Blutverlustes die Bildung von roten Blutkörperchen anregte. Drei Notfall-Beutel mit Kochsalzlösung starrten ihm aus dem Fleischfach entgegen.

Sein Magen erinnerte ihn daran, dass er seit fast einem Tag nichts mehr gegessen hatte. Sein Gehirn erinnerte ihn daran, seinen im Großraum Los Angeles verstreuten Safe Houses einen Besuch abzustatten, die Post reinzuholen, die Zeitschaltuhren für die Beleuchtung neu einzustellen und die Position der Gardinen und Rollos zu verändern.

Aber noch nie hatte er weniger Lust verspürt, seine Wohnung zu verlassen.

Es gibt nichts, was mich je dazu bringen würde, den Jungen an dich zu verraten.

Vor seiner Haustür holte er tief Luft und bereitete sich auf den Übergang in seine andere Identität vor. Hier, im Castle Heights, war er Evan Smoak, Importeur von Industriereinigern. Langweilig, und das mit Absicht. Durchtrainiert, aber nicht auffällig muskulös. Weder groß noch klein. Einfach ein durchschnittlicher Typ mit durchschnittlich gutem Aussehen.

Die einzige Person, die wusste, dass er nicht das war, was er zu sein vorgab, war Mia Hall, die alleinerziehende Mutter in 12B. Sie hatte zarte Sommersprossen auf der Nase, und das Muttermal an ihrer Schläfe sah aus, als habe es ihr ein Renaissancemaler aufgetupft. Weil all das noch nicht kompliziert genug war, war sie obendrein noch Bezirksstaatsanwältin. Was Evans Aufträge anging, waren sie zu der unausgesprochenen und wenig ersprießlichen Übereinkunft gelangt: Sie stellte keine Fragen, und er erzählte nichts.

Er presste die Stirn an die Tür, während er sich mental gut zuredete.

Er ist das Beste an mir.

Evan trat auf den Korridor und stieg in den Aufzug.

Auf dem Weg nach unten hielt er an, und Lorilee Smithson aus 3F kam hereingestöckelt. »Evan, lange nicht gesehen.«

»Ja, Ma’am.«

»Immer so förmlich …«

Lorilee, die dritte Ehefrau eines reichen älteren Herrn, der sie kürzlich verlassen hatte, war eine glühende Anhängerin von plastischer Chirurgie und Bodyforming. Sie war einmal sehr hübsch gewesen, so viel war klar, aber es war zunehmend befremdlich zu beobachten, wie ihre Augenbrauen permanent hochgezogen blieben, egal, was der Rest ihres Gesichtes machte. Alter: fünfzig. Aber vielleicht auch siebzig.

Sie hakte sich bei Evan unter und stieß ihm spielerisch den Ellbogen in die Rippen. »Gleich fängt der Bastelkurs an. Scrapbooking. Sie sollten wirklich mitkommen. Ist prima geeignet, die schönsten Kindheitserinnerungen für immer festzuhalten.«

Evan drehte sich zu ihr um. Rund um ihre Augen waren drei neue Fältchen entstanden, die sich schwach auf ihrer sonst prallen, glänzenden Haut abzeichneten. Sie standen ihr und ließen ihr Gesicht wirken, als gehöre es zu einem lebendigen Menschen. Nächste Woche wären sie verschwunden, und ihr Gesicht wäre noch mehr gestrafft, wie eine Tomate kurz vorm Platzen.

Er überlegte, wie viele Wörter es maximal brauchen würde, bis sie endlich den Mund hielt.

Aber was er sagte, war: »Scrapbooking ist nicht so meins.«

Lorilee drückte seinen Arm. »Ach, kommen Sie, Sie müssen mal was Neues ausprobieren. Zumindest mache ich das so. In meinem Leben hat sich gerade einiges verändert, wie Sie vielleicht schon gehört haben.«

Das hatte Evan, wusste aber absolut nicht, wie er darauf reagieren sollte. War jetzt vielleicht einer dieser Fälle, wo ein »Tut mir leid« angebracht war? Klang das aber nicht vollkommen bescheuert, wenn jemand gerade von seinem Arschloch von Ehemann verlassen worden war? »Die Zeit heilt alle Wunden« klang genauso abgedroschen.

Zum Glück hielt Lorilee nichts von langen Gesprächspausen. »Wissen Sie was? Ich genieße mein Leben jetzt wieder. Ich hab da jemanden kennengelernt, einen Hochzeitsfotografen. Aber ich weiß noch nicht, ob er mich wirklich mag oder nur mein Geld.«

Sie verzog ihre aufgespritzten Lippen zu einem Schmollmund und knuffte ihn wieder scherzhaft in die Seite.

Evan tätschelte ihr das Handgelenk, was er dazu benutzte, sich unauffällig von ihrem Arm zu befreien. Als es ihm schließlich gelungen war, hatte er Abdeckcreme an der Hand. Er sah zu ihrem Handgelenk und entdeckte die blauen Flecken, die sie versucht hatte zu verdecken. Die Abdrücke von drei Fingern, wo jemand sie roh gepackt hatte.

Lorilee hielt sich die Handtasche vor den Arm und wandte verlegen den Blick ab. »Er ist in Ordnung«, murmelte sie. »Sie wissen doch, wie diese Künstlertypen sind. Ziemlich temperamentvoll.«

Darauf hatte Evan wirklich keine Antwort parat.

Es ging ihn auch nichts an. Er dachte daran, wie Jack ins Nichts hinausgetreten war, als ließe er sich von einem Sprungbrett in den Pool gleiten. Evan musste sich etwas zu essen besorgen, und dann gab es ein paar Leute, die er umbringen musste.

Lorilee lächelte wieder, aber es wirkte ziemlich gequält. »Deshalb mache ich ja auch Scrapbooking. Es heißt doch, gemeinsame Interessen sind wichtig.«

Plötzlich wurde Evan heiß und kalt. »Wo, sagten Sie, findet der Kurs statt?«

Die Aufzugtüren gingen auf, und vor ihnen lag die Lobby, in der sich eine große Anzahl der Bewohner des Castle Heights an den Basteltischen tummelte, die eigens für diese Veranstaltung aufgebaut worden waren.

Alle Köpfe drehten sich zu Lorilee und Evan um.

Evan stellte eine blitzschnelle Berechnung an: siebzehn seiner Nachbarn, darunter der Präsident der Eigentümerversammlung, Hugh Walters. Und alle sahen aus, als hätten sie Lust auf einen kleinen Plausch.

Endlich hatte Evan es runter in die Tiefgarage geschafft, schloss die Tür hinter sich und wollte schon erleichtert aufatmen, als er Mia und ihren neunjährigen Sohn unten auf der Treppe sitzen sah.

Mia warf ihm einen zaghaften Blick zu. Kein Wunder, dass sie nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte. Gestern Abend war er zu ihr gegangen, bereit, seine diversen Tarnungen und das nicht zurückzuverfolgende Sorgentelefon aufzugeben und herauszufinden, wie es sich anfühlen würde, es mit einer normalen Beziehung zu versuchen. Aber als Jack ihn auf dem RoamZone angerufen hatte, hatte er ihr – und dem, was er ihr hatte sagen wollen – den Rücken gekehrt.

Peter reckte den Hals und sah mit seinen dunklen Augen zu ihm hoch. »Hallo, Evan Smoak.«

»Was gibt’s Neues?«, fragte Evan.

»Zahnspangen sind voll scheiße«, grummelte Peter.

»Na, na, na«, sagte Mia matt.

»Was macht ihr denn hier unten?«, fragte Evan.

»Mom versteckt sich vor der Scrapbook-Frau.«

»Gar nicht wahr.«

»Wohl. Du hast sie ›krankhaft gut gelaunt‹ genannt.«

»Na ja, stimmt ja auch.« Mia fuhr sich mit den Händen durch die kastanienbraunen Locken, ein Zeichen von Frustration. »Und ich brauchte dringend mal ne Pause … von guter Laune.«

Peters raue Stimme klang auf einmal geknickt. »Ich wollte doch nur mal gucken. Außerdem hatte sie ’ne Schale voll Hershey’s Kisses.«

»Ist ja schon gut«, seufzte Mia. »Geh schon rauf, ich komme gleich nach.«

Peter lief eilig die Stufen hinauf und hielt vor Evan an, um ihm das neue Metall in seinem Mund zu zeigen. »Hab ich was in der Zahnspange?«

»Ja«, sagte Evan. »Deine Zähne.«

Peter grinste. Dann verabschiedete er sich mit einer Ghetto-Faust und flitzte durch die Tür in die Lobby.

Auch Mia erhob sich. Sie drehte sich langsam um, streckte die Arme und ließ sie dann mit einem Klatschen gegen ihre Beine fallen. »War ein komisches Gespräch«, sagte sie. »Gestern Abend.«

Evan ging die Stufen hinunter. Es war schwer, sie da vor sich zu sehen und ihr nicht noch näher sein zu wollen. Sie war der erste Mensch, den er je kennengelernt hatte, der die Vorstellung einer anderen Art von Leben für ihn attraktiv gemacht hatte. Er hatte gegen jeden Instinkt und gegen seine Ausbildung ankämpfen müssen, die sein Leben bislang bestimmt hatten, um den Mut aufzubringen, gestern Abend an ihre Tür zu klopfen.

Seitdem schienen Jahre vergangen zu sein.

»Es tut mir leid«, sagte er schließlich.

»Ich will keine Entschuldigung, nur eine Erklärung.«

Evan sah einen digitalen Camcorder vor sich, der wie wild durch die Kabine eines abstürzenden Hubschraubers schoss.

Er räusperte sich, für ihn ein seltenes nicht verbales Signal. »Ich fürchte, ich kann dir keine anbieten.«

Mia legte den Kopf schräg. »Du siehst schlimm aus. Ist alles in Ordnung?«

Da war es wieder, das Bild: Jack, wie er aus dem Black Hawk tritt und im Nichts verschwindet. Es fühlte sich an wie das Fragment eines Traumes, voller Bedeutung und gleichzeitig unwirklich.

»Ja«, sagte er.

»Reden wir über das, was passiert ist?«

»Ich kann nicht.«

»Wegen was immer … wegen der Sachen, die du machst.«

»Ja.«

Sie sah ihn prüfend an. In seiner Jugend hatte Evan unzählige Stunden Training durch PSYOP-Experten über sich ergehen lassen müssen, eine Ausbildung, zu der brutale, stundenlange Verhöre zählten, die manchmal Tage andauerten. Um sicherzustellen, dass er nichts durch Körpersprache oder Mimik preisgab, hatten sie alles an ihm überwacht, bis hin zur Frequenz seines Blinzelns. Und dennoch hatten heute seine Gefühle dazu geführt, dass er sich nicht unter Kontrolle hatte und verletzlich war. Ihm kam es so vor, als könne Mia hinter seine Maske und direkt in sein Innerstes blicken. Er stand vollkommen schutzlos vor ihr.

»Was auch immer diesmal geschehen ist, es hat dir sehr wehgetan«, stellte sie fest.

Evan ließ sein Gesicht wieder ausdruckslos werden und erwiderte ihren Blick.

Sie nickte ihm besorgt zu. »Sei vorsichtig.«