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Packender Thriller über Rache, eine verhängnisvolle Affäre und das Geheimnis eines Unglücks am Fuße des Mount Everests: Für alle Fans von Gone Girl und Lucy Clarke Packender Thriller über Rache, eine verhängnisvolle Affäre und das Geheimnis eines Unglücks am Fuße des Mount Everests: Für alle Fans von Gone Girl und Lucy Clarke »Und dennoch hatte Leon Angst. Angst davor, dass die Vergangenheit ihn in den Abgrund ziehen und das Unmögliche zur Wahrheit werden würde.« Ein Jahr nach dem mysteriösen Verschwinden seiner Frau Helena am Mount Everest führt Leon ein neues Leben mit seiner Geliebten Monique und ihrem gemeinsamen Kind. Doch dann geschehen plötzlich merkwürdige Dinge und Leon wird mit den Schatten seiner Vergangenheit konfrontiert. Es tauchen unheimliche Botschaften auf, deren Absender nur Helena sein kann. Als erst sein Kind und schließlich auch noch Monique verschwindet, verwandelt sich Leons Welt in seinen schlimmsten Albtraum. Sein dunkelstes Geheimnis droht ans Licht zu kommen, als die Polizei mit den Ermittlungen beginnt. Ein tödliches Spiel aus Rache und Verrat nimmt seinen Lauf.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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© 2025 Piper Verlag GmbH, München
Redaktion: Julia Feldbaum
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Cover & Impressum
Widmung
Motto
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Epilog
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Es ist kalt hier, so verdammt kalt. Für Rainer F. und Rainer G., die in Gedanken immer bei mir waren.
Albträume sind für einen Autor wie Geschenke. Aus den meisten lassen sich vorzügliche Geschichten erzählen.
Die Sonne schob sich über den Gipfel des Mount Everest und erwärmte sein gefrorenes Gesicht. Er musste sich bewegen, um wegzukommen aus diesem Labyrinth aus Eis und Schnee. Überall türmten sich Séracs, Kathedralen aus Gletschereis, in den wolkenlosen Himmel und versperrten ihm die Sicht. Es knackte und knarzte unter seinem Körper, hin und wieder brach ein Klumpen Eis ab.
Wie lange lag er schon im Schnee? Lange genug jedenfalls, um seine Beine nicht mehr zu spüren. So musste es sich anfühlen, wenn man erfror, was bei minus vierzehn Grad irgendwann passieren würde. Mühsam kämpfte er gegen den Impuls an, loszulassen und einfach einzuschlafen. Kein schlechter Platz zum Sterben, hier am Fuße des Mount Everest. Wahrscheinlich würde man ihn niemals finden. Oder fünftausend Jahre später, mumifiziert wie dieser Ötzi aus Tirol. Anstatt aufzugeben, rollte er sich auf den Bauch und kniete kurz danach auf allen vieren. Wie riesige Gespenster blickten die schneebedeckten Gipfel auf ihn herab, um ihn zu richten und unter ihren weißen Flanken zu verzehren. Zeugen einer grauenhaften Tat. Er sollte zusehen, schleunigst von hier zu verschwinden.
Der Zickzack an Gletscherspalten sah bedrohlich aus. Ein Wunder, dass er überhaupt an diesen exponierten Ort gelangt war. Abseits der Normalroute, die im Frühjahr Hunderte auf den Gipfel des Mount Everest führte.
Schließlich entdeckte er Schuhabdrücke, die er selbst vor ein paar Stunden in den Schnee getreten hatte. Seine und … ihre. Bedächtig und auf jeden seiner Schritte achtend machte er sich auf den Rückweg.
Die Luft war schneidend kalt und der Sauerstoffgehalt nur halb so hoch wie auf Höhe des Meeresspiegels. Jeder Meter zerrte an den Kräften und steigerte die Angst hineinzufallen, abzurutschen in eine dieser fürchterlichen Spalten. Dann wäre es das gewesen, da er nur Grödel, diese seltsamen Schneeketten, unter seinen Wanderschuhen trug. Ganz schön leichtsinnig, verrückt oder einfach dumm. Egal, wie man es nennen mochte, es traf den Kern nicht ansatzweise. Jetzt musste er irgendwie da durch, um Hilfe zu holen.
Nach einer halben Stunde begann er, etwas durchzuschnaufen, und gönnte sich eine Pause. Die schwierigsten Passagen lagen hinter ihm, und er konnte bereits das Plateau des leer gefegten Basislagers sehen. Ein paar Touristen standen auf dem felsigen Gelände und knipsten fleißig Fotos. Kein Zelt war aufgebaut, da es zu kalt war für den Everest. Lediglich ein mit Graffiti besprühter Brocken erinnerte an die Stätte, wo Wünsche sich erfüllen sollten und Träume unter Eis begraben wurden. Von hier aus waren sie am Morgen aufgebrochen, nachdem der Schneesturm sich verzogen hatte.
Mittlerweile lag ein ganzes Leben dazwischen, obwohl es vielleicht nur ein paar Stunden waren.
Er suchte nach dem kleinen Felsen, hinter dem sie das Gepäck samt Zelt zurückgelassen hatten, und war erleichtert, dass alles unversehrt an Ort und Stelle lag. Schnell verteilte er die Sachen in dem großen Rucksack, während er den kleinen unter seine Jacke schob. Nicht gerade komfortabel, doch es würde gehen. Für ein paar Kilometer. Dann machte er sich auf den Weg, um möglichst zügig an den Wanderern vorbeizukommen. Sie würden ihm nicht weiterhelfen können, im Gegenteil.
Eine Gruppe Italiener posierte vor einem milchig-grauen Gletschersee, der in einem kargen Kessel lag. Aus Sorge, für ein Foto herhalten zu müssen, legte er einen Zahn zu. In vier Stunden sollte er in Gorakshep sein, in spätestens drei Tagen mindestens in Namche.
»Hallo?!« Eine Frauenstimme riss ihn aus den Gedanken.
Er drehte sich unwillkürlich um, zu überrascht, um einfach wegzulaufen. Es war die Deutsche, die sie vor vier Tagen im Kloster von Pangboche kennengelernt hatten. Lena oder so ähnlich. Eine Alleinreisende auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.
»Ich habe dich dort drüben am Eisfall beobachtet und dachte mir, wie mutig von dem Kerl. Bist du allein ins Base Camp aufgestiegen?«
Keine Ahnung, was er darauf sagen sollte, also schwieg er.
»Das war ein furchtbarer Sturm gestern. Das ganze Dach hat gebebt. Wo habt ihr übernachtet? In der Himalaja Lodge wart ihr offensichtlich nicht.« Die Frau war in eine Daunenjacke eingepackt wie eine Mumie. Nur ihr Mund guckte zwischen einem roten Halstuch und der Pudelmütze hervor.
»Ich muss leider los …« Er quälte sich ein Lächeln ab, obwohl ihm nicht danach zumute war.
»Alles okay?«
Er nickte und machte einen Schritt nach vorn.
»Bestell deiner Frau Grüße von mir. Wir sehen uns sicher in Namche oder Lukla.«
Hoffentlich nicht, dachte er und wünschte der Deutschen einen schönen Tag. Den würde sie in Anbetracht des Wetters und der Aussicht haben, im Gegensatz zu ihm, der noch einige Kilometer Wegstrecke zurückzulegen hatte.
Den letzten Kilometer bis nach Namche Bazar lief er wie in Trance. Er hatte in den letzten Tagen kaum etwas gegessen, nur Snickers und Kartoffelchips. Seine Muskeln schmerzten, und eine Grippe machte sich bemerkbar.
Die markante Ama Dablam, der ungestüme Klang der zotteligen Yaks, die wehenden Gebetsfahnen. All das, was ihn auf dem Hinweg fasziniert hatte, ließ er teilnahmslos an sich vorüberziehen. Selbst an den heiligen Manisteinen lief er rechts vorbei, wohl wissend, dass das als respektlos galt. Sein Körper war zu einem Werkzeug geworden, entkoppelt von der Seele, in der ein Sturm aus Angst und Schuld tobte. Der Pfad hinab ins Dorf war steil, und er war erleichtert, das blau getünchte Tor der Area Police ohne Sturz zu erreichen. Namche war ein kultureller Schmelztiegel aus Buddhismus und Tourismus und das Zentrum allen Treibens hier im Khumbu. Es gab alles, inklusive Internet, Polizei und einem Helikopter. Der perfekte Ort, um eine Suche loszutreten.
Der Polizist hinter dem Schreibtisch sah ihn mit besorgten Augen an und dirigierte ihn sofort zu einem rot getünchten Holzstuhl. Trotz der Uniform und den akkurat rasierten Haaren war er freundlich und versorgte ihn mit einer Flasche Wasser. Es tat gut, sich etwas davon ins Gesicht zu spritzen, den Rest trank er in gierigen Schlucken, als käme er von einer Wüstenwanderung zurück.
»Danke.« Es dauerte gefühlte Ewigkeiten, bis er gleichmäßig atmete und nicht mehr husten musste.
»Geht es Ihnen gut? Haben Sie Probleme mit der Höhe? Ist Ihnen etwas passiert? Wie heißen Sie?«
Zu viele Fragen prasselten gleichzeitig auf ihn ein, und er schüttelte erschöpft den Kopf. Nicht alles auf einmal. Er musste sich konzentrieren, denn er durfte keinen Fehler machen. Also atmete er ein und wieder aus und trocknete mit der Hand die Tropfen unter seinen Augen. Tränen aus Wasser.
»Sie müssen mir helfen.« Ein erschöpftes Seufzen, als gäbe es noch Hoffnung.
»Was ist passiert?« Der Polizist beugte sich vor, um besser hören zu können.
»Meine Frau. Sie ist nicht hier.«
»Was heißt das, sie ist nicht hier?«
»Wir waren zusammen im Basislager und wollten uns hier treffen, aber sie ist nicht angekommen. Sie müssen sie finden. Bitte.« Ein kaum wahrnehmbares Flüstern.
Der Polizist kramte nach einem Formular und fingerte einen Kugelschreiber aus der runden Box. Er nickte voller Tatendrang, als wüsste er genau, was in einem solchen Fall zu tun ist.
»Fangen wir von vorn an. Wie heißen Sie, und wo kommen Sie her?«
»Mein Name ist Leon Mendel, und ich komme aus Berlin.«
Elf Monate und dreizehn Tage später
Leon stapfte durch den dichten Nebel und zog den Reißverschluss der Jacke bis zum Kragen hoch. Normalerweise fuhr er mit dem Auto ins Büro, doch ausgerechnet heute war der Reifen platt gewesen. Ein sauberer Schnitt, wie mit einem Messer. Vielleicht hat einer dieser Weltverbesserer das Gummi aufgeschlitzt, überlegte Leon, als er eine Unterführung passierte. Oder ein vergrätzter Obdachloser, wie sie in Potsdam täglich mehr wurden. Zwei von ihnen lagen in dünne Schlafsäcke gerollt auf der gegenüberliegenden Straßenseite und schliefen vermutlich ihren Rausch aus. Weinflaschen und Plastiktüten voller Leergut lagen ringsherum verstreut, während ein Einkaufswagen, angefüllt mit Krempel, wie ein Schutzwall vor den schlafenden Gestalten wachte. Leon hatte kein Verständnis für die Streuner, schließlich zahlte er einen Haufen Steuern dafür, dass niemand durchs soziale Netz fiel. Hätte er mal lieber den Toyota von Monique genommen, doch dafür hätte er sie wecken müssen. Sie und damit auch das Baby.
Zwei Jugendliche kamen ihm entgegen, die im Nebel wie groteske Schattenrisse aussahen. Laute Stimmen, unreif und betrunken. Noch so ein Grund, morgens nicht durch Potsdam zu spazieren. Gäbe es nicht diesen Pitch-Termin, hätte er sich für heute einfach abgemeldet. Schließlich war es seine Firma. Ein Architekturbüro in Berlin-Mitte, in das er vor fünf Jahren eingestiegen war.
Die Jungs hatten ihre Stoffmützen tief ins Gesicht gezogen und sahen aus wie Bankräuber, die von einem Beutezug nach Hause schlenderten. Aus dem Impuls heraus versteckte Leon die Laptoptasche hinter seinem Rücken und ärgerte sich über die teure Daunenjacke, die ihn reich und wohlhabend aussehen ließ. Nie wieder würde er zu Fuß zur S-Bahn-Station gehen, schwor er sich, zumindest nicht um 6.30 Uhr und bei diesem miesen Wetter. Er überlegte kurz, die Straßenseite zu wechseln, doch das würde ihn verdächtig aussehen lassen, da die Gestalten nicht mehr weit entfernt waren. Der Typ ganz links, ein dürrer Riese mit einer olivgrünen Mütze, trug etwas in der Hand, das nach einer Bierdose aussah, und Leon entspannte sich ein wenig. Am Ende waren es einfach Jungs, die einen draufgemacht hatten und jetzt nach Hause torkelten. Er senkte den Kopf und ging ein Stück zur Seite, damit sie ungehindert passieren konnten. Der Riese scherte jedoch aus und touchierte Leons Arm.
Absicht oder Zufall?
Leon drehte sich um und betrachtete das vermummte Gegenüber. Der Typ war ebenfalls stehen geblieben und atmete eine Rauchwolke durch den Mundschlitz aus, während sein Kumpel stoisch weiterlief. Leon betrachtete die Büchse – kein Bier, sondern eine Spraydose mit schwarzer Farbe. Die meisten Graffiti waren wenig originell, zudem verschandelten sie oft genug das Stadtbild. Dennoch war es nicht der Zeitpunkt, mit dem Typen ins Gericht zu gehen, und Leon setzte wortlos den Weg zum Bahnhof fort. Der Puls pochte im Schädel, während ihm ein Rinnsal Schweiß den Rücken hinunterlief. Bloß nicht umdrehen, ermahnte er sich selbst, denn schließlich las man jeden Tag von Überfällen, die scheinbar zufällig passierten.
Nach zwei Minuten riskierte er einen vorsichtigen Blick über die Schulter und ging vor Erleichterung in die Knie. Niemand da. Weiter vorn blitzte schon die Neonreklame einer Bushaltestelle durch den Nebel. Er war in Gesellschaft und damit in Sicherheit.
Leon schüttelte sich und lachte trocken auf, denn normalerweise war er nicht so schreckhaft. Andererseits wusste man nie, was Menschen Böses vorhatten, um sich am Glück der anderen zu bereichern.
Jetzt wurde es aber höchste Zeit, sich gedanklich auf den Termin mit Brinkmeier & Cie. vorzubereiten, schließlich stand er im Wettbewerb mit fünf anderen Architekten. Es ging um den neuen Firmensitz dieser antiquierten Sesselpupser, und entsprechend war der Auftrag dotiert. Mit dem Vorschuss könnte er das Geschäftsjahr für sich und seine sieben Angestellten retten, die jetzt wahrscheinlich vor ihm im Büro sein würden. Er musste etwas auf die Tube drücken, um ja nicht noch die S-Bahn zu verpassen. Dabei hätte er das Graffiti fast übersehen. Zwei schwarze Augen, blutrot unterlaufen, darüber dicke Brauen. Die Allsehenden Augen Buddhas, wie man sie auf Manisteinen in Tibet und in Nepal fand.
Blitze aus Erinnerungen, die wie Würmer aus der Erde krochen, schossen ihm durch den Kopf, und sein Herz begann zu rasen.
Er drehte sich nach allen Seiten um, doch niemand schien ihn zu beobachten. War das Graffiti nur Zufall oder hatte man es extra für ihn hier platziert? Vorsichtig strich er über die Farbe, die noch feucht war und an seinem Finger haften blieb. Gut möglich, dass es die vermummten Jungs gewesen waren. Jungs, die er noch nie zuvor gesehen hatte und die nicht hatten wissen können, dass er heute zu Fuß zur S-Bahn gehen würde. Das hatten sie doch nicht, oder etwa doch?
Monique wurde von der sanften Vibration am Handgelenk geweckt. Die Nacht war ein Albtraum gewesen, da Marta alle Nase lang geschrien hatte. Jetzt schlief die Kleine wie ein Engel, und Monique schälte sich aus den zerwühlten Laken. Auf Zehenspitzen schlich sie ins Bad, um sich frisch zu machen. Sie liebte die Zeit, wenn Marta noch Ruhe gab und Leon auf dem Weg zur Arbeit war, denn dann konnte sie tun und lassen, was sie wollte, insofern sie leise dabei war. Mit sechsundzwanzig Jahren fühlte sie sich eigentlich zu jung und zu unerfahren, um solch ein kleines Wesen großzuziehen. Zumal es nicht der Plan gewesen war, zumindest nicht der ihre. Jetzt hatte sie nicht nur einen Mann an ihrer Seite, sondern auch noch Marta, um die sie sich würde kümmern müssen. Für immer.
Sie legte eine Kapsel in die Kaffeemaschine und hoffte, dass das sonore Brummen nicht zu laut für die Ohren ihrer Tochter war. In der Regel schlief die morgens tief und fest und war durch nichts und niemanden zu wecken. Wann hatte sie das letzte Mal durchgeschlafen? Sie konnte sich nicht erinnern, denn ihre Smartwatch wies schon lange keine Tiefschlafphasen mehr aus.
Habe ich mir mein Leben so vorgestellt?
Die Frage stellte sie sich jeden Tag, wenn sie am Küchentresen saß und ihren Kaffee trank. Mit Leon hatte sie einen Jackpot gezogen, von dem sie niemals gewagt hätte zu träumen. Er sah aus wie ein Filmstar, war erfolgreich, smart und eigentlich nicht der Typ, der auf Mädchen wie sie stand. Doch er hatte alle Widerstände ignoriert und sich für sie entschieden. Und dafür sollte sie ihm dankbar sein. Ihm den Rücken freihalten, damit er sich auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Dennoch wäre sie gern mit einer Zeitmaschine an den Anfang ihrer Affäre zurückgereist, um das Kribbeln und Verlangen noch einmal zu spüren. Den Sex, der so viel aufregender gewesen war als alles, was sie je zuvor erlebt hatte. Sie schwelgte gerade in Erinnerungen, als es an der Haustür klopfte. Vielleicht hatte Leon etwas im Internet bestellt, und der Kurier war früher unterwegs als sonst. Sie checkte kurz ihr Handy, doch Leon hatte nur eine Nachricht bezüglich eines platten Reifens hinterlassen, mit der Bitte, sich darum zu kümmern.
Monique seufzte und wurde durch den nächsten dumpfen Schlag gestört. Eilig tippelte sie zur Haustür und schielte auf den kleinen Monitor, der das Kamerabild der Einfahrt wiedergab. Niemand zu sehen. Jetzt höre ich auch schon Gespenster. Sie tippte auf einen entlaufenen Hund oder eine Katze, öffnete die Tür und starrte auf das weiße Ding, das direkt vor ihren Füßen hockte. Es war ein Huhn. Allerdings hatte es anstelle eines Kopfes nur einen blutigen Knorpel. Ein Aufschrei des Ekels kam über ihre Lippen, als das Federvieh an ihr vorbei ins Haus stürmte und panisch mit den Flügeln schlug, bevor es gegen einen Stuhl knallte. Monique befürchtete bereits, dass es das gewesen war, doch das Huhn rappelte sich auf und tippelte in Richtung Wohnzimmer, wo es gegen eine Vase lief und auf die Seite fiel. Die Flügelschläge wurden langsamer, bis der zitternde Körper zur Ruhe kam. Das Huhn war tot und hatte jede Menge Federn und ein paar Tropfen Blut auf dem Boden hinterlassen. Monique kramte nach dem Kehrblech und schob das Tier, ohne hinzusehen, auf die Schaufel.
Ich muss es im Garten begraben – das war ihr erster Gedanke, den sie aufgrund des Aufwands schnell wieder verwarf. Stattdessen lief sie zum Holzsteg und schmiss das Huhn samt Kehrblech in den See, wo es auf der Wasseroberfläche schwamm. »Auch das noch«, stöhnte sie und befürchtete bereits, dass das Federvieh zurück ans Ufer treiben würde. Nach einer quälend langen Zeit wurde es schließlich von den Wellen abgetrieben und tauchte unter.
Zumindest habe ich heute etwas zu erzählen, zog Monique ihr Fazit und stapfte zurück ins Haus, wo Marta aus voller Kehle schrie.
»Sehr geehrte Damen, sehr geehrter Herr Dr. Brinkmeier. Wenn Ihre neue Firmenzentrale genauso aussehen soll wie das Gebäude einer x-beliebigen Privatbank, dann setzen Sie das Projekt mit einem unserer Marktbegleiter um. Sie haben mein volles Verständnis dafür. Denn nicht jedem Unternehmer geht es darum, ein architektonisches Statement abzugeben. In diesem Fall sind wir von Mendel & Mendel nicht der richtige Partner für Ihr Vorhaben. Sollten Sie jedoch in eine neue architektonische Sphäre vorstoßen und ein Zeichen für sich selbst und Ihre exklusive Klientel setzen wollen, dann liegt der Entwurf vor Ihnen auf dem Tisch.«
Leon beendete die Präsentation mit einem Chart, auf dem der geplante Glaskubus von Brinkmeier & Cie. farbenfroh in den Berliner Nachthimmel strahlte. Ein kleines Meisterwerk, das Julia, seine Grafikerin, im CAD-Programm gezeichnet hatte. Er hielt die Luft an und beobachtete die vierköpfige Delegation ihm gegenüber. Leon vermutete, die Damen wären reine Staffage, nicht nur, weil sie alle attraktiv und jung waren, sondern weil Dr. Adam Brinkmeier die Privatbank seit drei Generationen wie ein Alleinherrscher führte und nicht den Anschein erweckte, die Macht in irgendeiner Form zu delegieren.
Umso mehr überraschte es ihn, als die offensichtlich Jüngste in der Runde, eine dunkelhaarige Schönheit mit hipper Hornbrille, das Wort an sich riss.
»Vielen Dank, Herr Mendel. Das war wirklich eine beeindruckende Präsentation, und ich möchte mich im Namen von Brinkmeier & Cie. bei allen Mitarbeitenden Ihres Büros bedanken. Sie haben sich ins Zeug gelegt, und das wissen wir zu schätzen. Auch Ihre geschliffenen Worte und der kleine Seitenhieb am Ende werden in unsere Entscheidung mit einfließen. Man merkt, dass Sie ein guter Schreiber sind oder besser gesagt … waren.«
Sie machte eine Pause und blickte in die Runde.
Auf Leons Seite saß nur Dunja mit am Tisch, die so etwas wie seine rechte Hand war und den eher technischen Teil der Präsentation gehalten hatte. Den drögen Teil, wie er ihn gern nannte. Jetzt ärgerte Leon sich, dass er im Vorfeld keinen Blick auf die Teilnehmerliste geworfen hatte, da er sich sicher gewesen war, dass es nur auf Dr. Brinkmeier ankommen würde. Doch der saß mit einem Pokerface im Lederstuhl und beäugte seine Mitarbeiterin, als wäre sie ein neues Spielzeug.
»Bei all den schönen Designs und der überzeugenden Auswahl an Materialien habe ich mir dennoch etwas anderes vorgestellt. Etwas mit mehr Power und Innovationskraft«, fuhr die Dunkelhaarige selbstbewusst fort. »Es wird jede Menge Glas verarbeitet, damit es hell und freundlich ist. Überall gibt es übergroße Panoramafenster, dazu eine Ambientebeleuchtung wie in einer Diskothek. Bis auf ein paar Solarpanels auf dem Dach kommt der Umweltgedanke in dem Bauvorhaben überhaupt nicht vor. Im Grunde gibt es nichts, was man nicht schon irgendwo gesehen hätte.«
Leon musste unwillkürlich schlucken, schließlich hielt er den Entwurf für den besten, der seit Langem im Büro entstanden war. Er hatte sogar Sorge gehabt, dass sie übers Ziel hinausschießen würden. Anscheinend war das Gegenteil der Fall.
»Mein Onkel hatte mich gebeten, Sie auf die Liste der Bewerber zu setzen, da der Name Mendel & Mendel für innovative und auch verwegene Architektur steht. Und ich muss zugeben, dass mir ein Teil Ihrer früheren Projekte durchaus gefallen hat. Sie waren Ihrer Zeit voraus. Mit diesem Vorschlag sind wir maximal en vogue, und so sehen wir uns nicht. Nicht mehr.«
Mein Onkel? Wie hatte er das übersehen können? Leon ärgerte sich und schaute angesäuert zu Dunja, die anscheinend ebenfalls nichts von den familiären Banden gewusst hatte. Wozu bezahlte er seine teuren Angestellten, wenn sie, außer Anweisungen zu befolgen, für nichts zu gebrauchen waren? Er hob sich den Tadel für später auf, denn jetzt galt es, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Schließlich brauchte er den Auftrag, und er hatte keine Lust, sich von dieser neunmalklugen Nichte die Arbeit der letzten Tage und Nächte kaputtreden zu lassen.
»Zunächst einmal vielen Dank für Ihr wertvolles Feedback, das ich zu schätzen weiß. Umso mehr bewundere ich Ihren Ansatz, in neue architektonische Sphären vorstoßen zu wollen. Damit beweisen Sie mehr Mut als wir mit unserem ersten Vorschlag«, legte Leon los und knipste demonstrativ den Beamer aus, um den Fokus ganz auf sich zu lenken. »Ich sage bewusst ›ersten Vorschlag‹, denn obwohl dies ein Wettbewerb ist und man vielleicht nur einen Schuss bekommt, möchte ich Sie davon überzeugen, dass es sich lohnt, uns eine zweite Chance zu geben. Sie suchen Extravaganz und eine Spur Verwegenheit? Dann sitzen Sie am richtigen Tisch. Sehen Sie es mir nach, dass wir uns verschätzt haben … Es wird nie wieder vorkommen. Geben Sie uns eine Woche Zeit, und Sie bekommen Avantgarde.« Leon sammelte die Skizzen ein, zerknüllte sie demonstrativ und steckte das Papier anschließend in die Tonne, die neben dem Sideboard mit den Häppchen und Getränken stand.
»Hm«, kam es von der jungen Dame gegenüber.
»Was meinen Sie, Herr Dr. Brinkmeier? Wollen wir gemeinsam ein Bauwerk für die Zukunft erschaffen?« Leon versuchte, an die Ehre des Mannes zu appellieren, der das Familienunternehmen erfolgreich ins 21. Jahrhundert geführt hatte.
»Ich hätte auch mit Ihrem ersten Vorschlag leben können, aber die jungen Leute haben eine andere Vorstellung von moderner Architektur, und da vertraue ich auf das Urteil von Amanda.«
Das war’s. Der Alte ist entscheidungstechnisch raus, musste Leon zähneknirschend akzeptieren und ärgerte sich auf ein Neues, die Sache falsch eingeschätzt zu haben. Also blickte er reumütig in die Augen von Amanda Brinkmeier, die ihn ordentlich zappeln ließ.
»Ich weiß nicht, ob das fair ist«, kam es zögerlich von der jungen Frau.
»Wir könnten in einer Woche wieder hier zusammensitzen und so tun, als wäre es der erste Vorschlag, der es im Prinzip auch ist, nach Ihrem mutigen Re-Briefing.«
»Nur ist es kein Re-Briefing, Herr Mendel. Die Aufgabenstellung hat sich nicht verändert, nur dass Sie Ihren Vorschlag gerade in die Tonne geworfen und damit faktisch aufgegeben haben«, erwiderte Amanda.
»Es war der falsche Entwurf für Ihre Ambitionen. Und diesen Ambitionen möchte ich gerecht werden, und zwar mit mehr Mut, Extravaganz und ökologischer Raffinesse. Geben Sie mir eine Woche Zeit, und ich beweise Ihnen, dass wir die richtigen Architekten für Ihr Bauvorhaben sind. Sie, Ihr Onkel und Ihre geschätzten Kolleginnen hier am Tisch haben den besten Entwurf verdient, und Sie sind nur eine Woche davon entfernt.« Leon schaute zum ersten Mal die anderen zwei Damen an, die bisher nichts zu all dem gesagt hatten. Er sollte besser niemanden mehr unterschätzen, denn Amanda Brinkmeier sah so aus, als würde ihr Übergleichberechtigung am Herzen liegen.
»Was meint ihr?«, fragte sie, wie zum Beweis, ihre zwei Kolleginnen.
»Das kostet doch nichts«, kam die zögerliche Antwort einer streng dreinblickenden Blondine, während die andere, eine Brünette mit modernem Pagenschnitt, die Schultern zuckte, als wäre sie mit der Entscheidung überfordert.
Adam Brinkmeier enthielt sich erneut und verzog unverbindlich seine Lippen.
»Also gut, Herr Mendel. Versuchen wir es. Allerdings bin ich die ganze nächste Woche in Paris, sodass wir bereits am Freitag zusammentreffen werden. Ich hoffe, das ist kein Problem?«
Leon sah auf die Uhr, als könnte er sie anhalten, denn zwischen Montag und Freitag lagen nur drei volle Tage. Zudem würde ihm und seinem Team das Wochenende fehlen, genau die Zeit, in der man ungestört das meiste abarbeiten konnte. Es klang nicht nur nach Harakiri, es war in Anbetracht der Aufgabe sogar ein Himmelfahrtskommando.
»Kein Problem, dann sehen wir uns am Freitag«, sagte er dennoch selbstbewusst und ignorierte Dunjas leisen Seufzer.
»Prima, gleiche Zeit, gleicher Ort.« Amanda kannte anscheinend keine Gnade und klaute Leon auch den letzten Zeitpuffer.
Hilft nichts, denn jetzt gilt es, Mut und Haltung zu bewahren und alles auf eine Karte zu setzen.
Die anderen Kunden würden sich diese Woche gedulden müssen. Keine Termine, keine Telefonate, und auch die Tenniseinheit mit seinem Kumpel Stefan würde ins Wasser fallen müssen.
»Einverstanden.«
Mit seiner Zustimmung hatte der Präsentationstermin geendet, und Leon stand nur wenig später vor einem Team, das ihn am liebsten in der Luft zerrissen hätte.
»Du hast unseren Vorschlag einfach so zusammengeknüllt.«
»Es hat nicht gereicht.«
»Du hättest wenigstens kämpfen können. Sie hätte gekämpft«, schimpfte Dunja, die gemeinsam mit Julia, Rainer, Tom, Natascha, Veronika und Tibor im Halbkreis am Konferenztisch stand.
»Ich kann es nicht mehr hören. Sie hätte dies oder jenes und vor allem alles besser gemacht. Wir waren ein Duo, und keiner vermisst sie mehr als ich. So viel könnt ihr mir glauben. Doch das hilft uns alles nichts, denn sie ist nicht mehr da, und unser gemeinsamer Job ist es, diesen Auftrag an Land zu ziehen, sonst gibt es Weihnachten vielleicht schon keinen Job mehr.« Leon war sauer, denn anstatt sich an die eigene Nase zu fassen und in Arbeitseifer zu verfallen, zeigte Dunja mit dem Finger auf ihn und wiegelte das Team auf.
»Wir sind ausgelaugt, Leon«, sprang Julia in die Bresche. »Das letzte Jahr war, gelinde gesagt, beschissen, und wir haben für den Brinkmeier-Pitch alles rausgehauen, was in uns steckt. Wir können nicht zaubern und das, was du ihnen gerade versprochen hast, liegt weit über unserem Horizont. Und sorry, dass ich das so sagen muss, aber du bist auch kein Norman Foster.«
»Okay, dann war es das. Geht nach Hause, ihr habt es euch verdient und das Möglichste gegeben. Wer mag, kann sich für den Rest der Woche freinehmen, denn unsere Kunden werden bis zum Freitag warten müssen. Wer allerdings glaubt, dass wir vielleicht noch eine Patrone im Holster haben und dieser schnöseligen Nichte ein Raumschiff vor die Tür setzen können, der kommt morgen um 6.00 Uhr ins Büro. Ich bringe Croissants mit.«
Leon klappte den Laptop zu als Zeichen, dass das Teammeeting beendet war. Er wollte die Gesichter seiner Mitarbeiter heute nicht mehr sehen. Und das ewige Mäkeln und Zurückbesinnen auf alte Zeiten nicht mehr hören. Stattdessen beschloss er, die Bahn zu nehmen, um frühzeitig nach Hause zu kommen. Es galt, den Scheißtag abzuhaken, um drei sehr gute und einen überragenden folgen zu lassen. Früher wäre das ein Kinderspiel für ihn gewesen. Früher.
Monique hatte gerade Martas Windel gewechselt, als sie den Schlüssel in der Haustür drehen hörte. Sofort schoss ein Krampf durch ihren Magen, und sie musste unwillkürlich an das Huhn denken, das heute Morgen vor der Haustür gesessen war. Angeblich konnte so ein Federvieh bis zu zwei Jahre ohne Kopf überleben. Das hatte sie im Internet recherchiert, und gefeixt, dass sie mit ihrem Eindringling am Ende Glück gehabt hatte. Dennoch war es eine seltsame Begegnung gewesen, und jetzt war augenscheinlich jemand an der Tür, der einzudringen versuchte. Leon kam gewöhnlich erst abends aus dem Büro nach Hause, sodass sie nicht mal seinen Namen rief, sondern alarmiert auf Zehenspitzen bis zum Treppenabsatz schlich. Ihr Herz pochte, und sie hoffte, dass Marta still wäre.
Ich muss mein Kind verteidigen, das ist mein Job als Mutter, schoss es ihr durch den Kopf, als sie sich nach vorn beugte und durch die Verstrebung am Geländer linste.
Es war tatsächlich Leon.
»Überraschung«, sagte er gedehnt, und Monique wusste sofort, dass es nicht positiv gemeint war.
»Was ist passiert? Ist der Termin ausgefallen? Ich habe dich nicht so früh erwartet …«
»Das sehe ich«, grummelte er und stieg über den Putzeimer, den sie im Flur hatte stehen lassen.
Monique kam die Stufen hinunter und begrüßte ihn mit einem flüchtigen Kuss. »Sorry, dass es hier so aussieht. Aber ich musste zunächst unseren Schatz versorgen. Gib mir zehn Minuten, und das Chaos ist beseitigt. Wie war der Termin? Warum bist du schon zurück?«
»Hast du den Reifenservice angerufen?«, fragte er stattdessen und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl.
»Nein, dazu hatte ich noch keine Zeit. Was ist denn mit dem Auto?«
»Keine Zeit? Was machst du eigentlich den ganzen Tag, während ich mir für all das hier den Arsch aufreiße?«
Monique hasste es, wenn Leon schlechte Laune hatte, denn dann konnte er übers Ziel hinausschießen. Und vor allem konnte er ihr das Gefühl geben, an allem schuld zu sein.
»Es ist etwas dazwischengekommen. Du wirst nicht glauben, was mir heute Morgen passiert ist …«
»Ja, ging mir genauso. Erst hat irgendein Idiot den Reifen vom Geländewagen aufgeschlitzt, sodass ich mit der S-Bahn ins Büro fahren musste, und dann durfte ich mir auch noch von so einer unreifen Göre anhören, dass mein Vorschlag nicht ganz up to date sei. Und alles nur, weil keiner meiner hochbegabten Angestellten es für nötig hielt, im Vorfeld die Teilnehmer zu recherchieren. Dunja saß stumm wie ein Fisch im Meeting und verdrehte nur die Augen, als ich zu retten versuchte, was noch zu retten war.« Leon riss sich die Krawatte vom Hals und warf sie achtlos auf den Boden. Exakt dahin, wo vor ein paar Stunden noch das Huhn gelegen hatte.
Aber das kann er ja nicht wissen, dachte Monique und setzte sich ihm gegenüber. »Erzähl!«, forderte sie ihn auf.
»Es gibt nichts zu erzählen. Sie fanden es langweilig, und ich habe uns eine zweite Chance herausgeholt. Falls wir die am Ende wirklich haben.«
»Das klingt jetzt nicht so schlecht …« Monique versuchte, Leon aufzubauen, da sie diesen Zustand der inneren Zerrissenheit bei ihm bereits kannte.
»Nicht schlecht? Es war ein Desaster. Es ist ein Desaster. Du weißt selbst, wie es um die Firma steht und wie dringend wir diesen Auftrag brauchen. Unser Leben kostet eine Menge Geld, und die Kleine macht es noch ein bisschen teurer.« Er war wieder bei seinem Lieblingsthema: den Kosten.
Gleich kommt die Erbschaft samt Versicherung und dann komme ich ins Visier, wusste Monique und ging in die Offensive. »Wie kann ich dir helfen? Wenn du sagst, es gibt eine zweite Chance, dann ist der Pitch noch nicht verloren. Wir könnten gemeinsam brainstormen …«
»Wenn du diese eingebildete Pute nur gesehen hättest. Um die Kuh vom Eis zu kriegen, brauche ich einen abgedrehten Entwurf und jede Menge Hintergrundwissen, was ökologisches Wohndesign angeht. Und alles bis Freitag, neun Uhr, versteht sich.«
»Du hast schon so viele Wettbewerbe gewonnen und wenn sie jung und eingebildet ist, dann bist du genau ihr Typ. Ich weiß, wovon ich rede.« Monique legte ihre Hand auf Leons Oberschenkel und knetete die Muskeln.
»Lass das, es ist jetzt nicht der richtige Moment dafür.«
»Beim Sex hattest du immer die besten Ideen.«
Leon schien darüber nachzudenken, und Monique hatte das Gefühl, dass sich etwas in seiner Hose regte. Doch dann schüttelte er den Kopf und stieß ihre Hand zurück. »Es fühlt sich einfach falsch an.«
»Wie kann es sich falsch anfühlen? Wir sind zusammen, Leon. Du hast dich für mich entschieden, und es fühlt sich ›falsch‹ an?«
»Es ist nicht grundsätzlich gemeint, sondern bezieht sich auf den Augenblick. Ich habe gerade eine ziemliche Schlappe einstecken müssen, und man hat mir zu verstehen gegeben, dass es nicht reicht.«
»Du lässt dich von einem jungen, attraktiven Ding aushebeln?«
»Sie war jung, aber keineswegs attraktiv. Und es war nicht sie allein, auch mein Team meinte durch die Blume, dass ich den Anforderungen nicht mehr gewachsen sei.«
»Dein Team ist nicht mehr dein Team, seitdem wir zusammen sind. Ich habe dir gleich gesagt, dass du dich von ein paar Leuten trennen solltest. Von Julia und vor allem von Dunja.« Monique bekam schon bei der Aussprache der beiden Namen eine Gänsehaut. Nur ungern dachte sie an die Zeit bei Mendel & Mendel zurück.
»Ich weiß, was sie dir oder besser uns angetan haben. Aber ich kann nicht einfach alle raushauen. Am Ende ist nichts mehr von der DNA übrig, die uns erfolgreich gemacht hat.«
»Als wenn Dunja, Julia oder der bekloppte Tibor eine DNA hätten. Du bist das Gesicht der Firma, die anderen sind Werkzeuge. Das hast du selbst gesagt.«
»Das stimmt nur zur Hälfte. Und das weißt du.«
Jetzt fing er auch noch mit der Geschichte an. Monique rollte innerlich die Augen. Also versuchte sie, das Thema zu umschiffen: »Ich will nicht darüber reden. Und ich will nicht, dass du hier zusammengekrümmt wie ein Häufchen Elend sitzt und Trübsal bläst. Du bist Leon Mendel, der beste Architekt in ganz Berlin.« Leon ruderte mit den Händen, um zu intervenieren, doch Monique machte einfach weiter: »Lass mich ausreden, denn ich zitiere nur diesen coolen Architekten. Und diese coole Sau geht jetzt mit seinem Laptop an den See und überlegt sich den verrücktesten Entwurf aller Zeiten. Und bevor das nicht passiert ist, kocht ihm seine superheiße Freundin auch kein scharfes Abendessen. Haben wir uns verstanden?«
Leon pustete die angestaute Luft heraus und zwang sich zu einem Lächeln. Er nahm sogar ihre Hände in die seinen und gab ihr einen Kuss. Auf den Mund und nicht, wie zuletzt, nur auf die Wange.
»Aye, aye, Madame. Was ist bei dir passiert?«
»Was meinst du?«
»Du erwähntest vorhin, dass ich nicht glauben würde, was dir heute Morgen passiert ist.«
Zumindest konnte er sich daran erinnern, was ein gutes Zeichen war. Monique hatte jedoch keine Lust, über das bekloppte Huhn zu reden, denn schließlich brauchte Leon jetzt die Zeit, um nachzudenken. Außerdem könnte sie ihm davon auch noch beim Abendessen erzählen. »Ach, nichts Besonderes. Kümmere du dich lieber um deinen Entwurf und hau die Göre von der Schreibtischplatte. Aber nicht so wie mich damals …«
»Schon klar. Dank dir, mein Schatz.« Leon gab ihr einen zweiten Kuss, deutlich länger und mit Zunge.
Sie spürte, wie sie augenblicklich feucht wurde, und so unternahm sie einen weiteren Versuch, um ihn ins Bett zu kriegen. Doch Leon blieb resolut, schnappte seine Laptoptasche und verschwand im Garten.
Es war noch dunkel, als Leon das Garagentor öffnete, um zur Arbeit zu fahren. Gott sei Dank hatte er am gestrigen Nachmittag eine Kfz-Werkstatt aus Babelsberg motivieren können, ihm einen neuen Reifen zu montieren, sodass ihm eine weitere Fahrt mit der S-Bahn erspart blieb. Er betrachtete die Räder und inspizierte sie auf Unregelmäßigkeiten. Noch immer konnte er sich keinen Reim darauf machen, wann, wo und vor allem wer ihm diesen Schnitt verpasst hatte. Und dann noch die Begegnung mit den Sprayern und dem Graffiti an der Unterführung. Irritierend und beängstigend – und wie zur Untermalung des Gedankens schepperte es in der Garage. Leon fuhr herum, konnte bei der schummrigen Beleuchtung jedoch nichts Ungewöhnliches erkennen.
»Ist da jemand?«
Irgendetwas kauerte vor dem Werkzeugschrank und schien auf ihn zu lauern. Er zückte sein Smartphone und schaltete die Taschenlampe an. Zwei bernsteinfarbene Augen blitzten auf. Eine Katze. Nur eine verdammte Katze.
Entgegen der üblichen Routine wählte Leon einen Umweg durch die Stadt. Um Brötchen und Croissants zu kaufen, wie er sich selbst einredete. Um ein Gespenst zu sehen, flüsterte ihm eine innere Stimme zu. Im Schritttempo fuhr er die Strecke ab, die er gestern fluchend zu Fuß gegangen war, und achtete auf die Details. An der Unterführung fiel ihm auf, dass das Graffiti mit einem Poster überklebt worden war. Ein Konzerthinweis für eine 80er-Jahre-Party. Gerade als er aussteigen wollte, um das Poster zu entfernen und sich das Graffiti genauer anzusehen, hupte ein Busfahrer und ruderte mit den Armen.
»Ist ja gut«, grummelte er und fuhr weiter, um beim nächsten Bäcker anzuhalten.
Alle drei Parkplätze waren leer, als er in die Tiefgarage einfuhr. Nicht dass seine Mitarbeiter mit dem Auto kommen würden, doch zumindest Dunja, Natascha und Tom stellten gern ihre E-Bikes unten ab. Er war also der Erste, und obwohl er das erwartet hatte, beschlich ihn ein dummes Gefühl, dass es dabei bleiben würde.
Der nächste Schock traf ihn, als er den Aufzug verließ, um das Büro aufzuschließen. Die Glastür mit dem eingravierten Namenszug war angelehnt, und jeder hätte einfach so hineinspazieren können, um sich an den Rechnern zu bedienen. Leon überflog die Arbeitsplätze und linste in den Konferenzraum. Alles schien am angestammten Platz zu stehen. Immerhin. Vielleicht hatten seine Mitarbeiter die Tür extra offen stehen lassen, um ihm den symbolischen Mittelfinger für die Sonderschicht zu zeigen. Wundern würde es ihn nicht. Er beschloss, sich etwas abzulenken, und befestigte seine Ideenskizzen mit Magneten an der Wand.
Es wurde acht, halb neun und schließlich neun, doch von seinem Team war nichts zu sehen.
Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch zerfetzte er die Brötchentüte und holte ein Croissant heraus, um wie ein Terrier hineinzubeißen. »Undankbares Pack«, ärgerte er sich über diese Generation aus Weicheiern, die keinen Stress gewohnt waren. Er warf den Rest des Hörnchens gegen die Glasscheibe. Vielleicht sollte er mit seiner Zettelwirtschaft an der Pinnwand weitermachen, überlegte er, als die Bürotür aufgestoßen wurde und sein Team geschlossen hereinmarschierte.
»Alles gut, Chef?« Julia grinste selbstbewusst und zog dabei die Wollhandschuhe aus.
»Ja, sicher …«, stammelte Leon. »Ich dachte, ihr … Ich weiß nicht, was ich dachte.«
»Wir haben uns um sieben im Café getroffen und gebrainstormt. Dunja hat eine ziemlich gute Idee, wie wir es schaffen können.«
Die anderen nickten zuversichtlich, als hätten sie die Kastanien aus dem Feuer geholt, die er achtlos hineingeworfen hatte.
»Wie ich sehe, hast du schon gefrühstückt«, ergänzte Julia und zeigte auf das Croissant am Boden.
»Ist noch genügend da.«
»Klasse. Ich habe einen Bärenhunger.«
Leon quälte das schlechte Gewissen, denn während er einen Generalverdacht der Meuterei gehegt hatte, war sein Team bereits im Arbeitsmodus unterwegs gewesen. Angeblich hatten sie eine rettende Idee entwickelt, und er nahm sich vor, entgegen der Routine erst mal zuzuhören und seinen Ansatz hintanzustellen.
»Wir setzen auf multifunktionale Räume, kräftige Farben und nachhaltige Materialien«, eröffnete Dunja mit einem Monolog das Meeting. »Heutzutage wachsen Privatleben und Berufliches immer mehr zusammen, und dem müssen wir gerecht werden. Schließlich gilt es, die Mitarbeitenden aus ihren Homeoffices herauszulösen und wieder ins Büro zu bringen. Ich weiß, dass dir das gefällt, Leon.« Dunja mühte sich ein Lächeln ab, damit er es als Scherz verstand. »Wir sollten also auf Materialien und Möbel setzen, die ein heimeliges Gefühl bei Mitarbeitern und Kunden gleichermaßen auslösen. Wenn man sich wohlfühlt, kommt man jeden Tag gern an diesen Ort und bleibt entsprechend länger«, ergänzte Dunja.
»Ein Wink mit dem Zaunpfahl!«, ergänzte Tom die Ausführungen, und Leon musste sogar lachen.
Es tat gut, seine Leute so motiviert zu sehen, gerade unter dem Aspekt, dass er das Gegenteil erwartet hatte.
»Dabei setzen wir bewusst auf wiederverwertbare und organische Materialien wie Holz, Stein, Keramik, Aluminium oder Kupfer. Beim Interieur vielleicht sogar auf Vintage als Zeichen, dass die besten Möbel Jahrzehnte überstehen. Wir kehren zurück zum Maximalismus, nach den reduzierten und eher funktionalen Designs der letzten Jahre. Schluss mit Pessimismus und Schlichtheit, hin zu Farbkraft und Exhibitionismus.«
Dunja machte eine Kunstpause und schaute zu Leon, der seinen Ohren kaum trauen wollte. Was für eine geniale Idee, die nicht einmal aus seiner Feder stammte. So brillant vorgetragen, dass er sogar überlegte, Dunja am Freitag den attraktiven Präsentationspart mit der Vision zu überlassen. Er war nicht nur happy, er war begeistert.
»Und das Beste kommt zum Schluss.« Dunja fuhr fort und verkabelte ihr Laptop mit dem Beamer. »Denn diese Vision ist bereits im CAD-Programm skizziert und bedarf nur ein paar Kleinigkeiten, um es auf die Belange von Brinkmeier & Cie. anzupassen.«
Ein Kubus aus drei Gebäudeteilen erschien auf dem Bildschirm. Neben Beton und Glas war jede Menge Holz verplant, und Buchstaben aus Neonlichtern bildeten Zitate auf der Fassade. Über der monströs großen Eingangstür war der beleuchtete Schriftzug einer Firma namens Eastman & Kennedy eingezeichnet.
»Wo kommt das her?« Leon starrte fassungslos auf den Entwurf. Eastman & Kennedy war ein ehemaliger Kunde, der sich am Ende für eine konservative Umsetzung entschieden hatte. Also genau das Gegenteil von dem Vorschlag, der auf dem Bildschirm flimmerte.
»Das ist ein alter Entwurf für Eastman, den wir damals verworfen haben. Er wurde nicht mal präsentiert …«
»Ich weiß, ansonsten könnte ich mich daran erinnern. Wer hatte die Idee dazu, und woher stammen die Designs?«
»Du weißt, von wem sie stammen …« Dunja schaute Leon mit durchdringenden Augen an, als würde er sich extradumm anstellen. Als würde er die Wahrheit ignorieren und verdrängen wollen.
»Von Helena …«
»Sie hatte die Idee, und Natascha und ich haben damals die ersten Skizzen angefertigt, bis es hieß, dass Eastman & Kennedy etwas Reduziertes wollen. Aber für Brinkmeier & Cie. könnte es passen.«
»Wir wollten einen Neuanfang«, protestierte Leon und klickte sich durch die Präsentations-Charts.
»Nein, du wolltest einen Neuanfang.«
»Aus gutem Grund. Denn den haben wir alle gebraucht, oder etwa nicht?«
»Dennoch könnte dieser Vorschlag unsere Rettung sein …«
Leon betrachtete Dunja, die immer noch ein Funkeln in den Augen hatte. Er wusste, dass sie ihm die Vergangenheit ankreidete und bis heute nicht verstehen wollte, wie er nach dem Unglück einfach hatte weitermachen können. Am liebsten hätte er den Kippschalter des Beamers auf Off gelegt und seine Ideen vorgestellt. Doch er wusste, dass sie schlechter waren. Das waren sie immer schon gewesen. Und er wusste, dass er das Team nur hinter sich vereinen konnte, wenn er diesem Vorschlag zustimmen würde.
»Also gut, versuchen wir es. Bohren wir die Designs auf und ergänzen sie um die Spezifika von Brinkmeier & Cie. Zeigen wir es der Kleinen!«
Während das Team in Jubel ausbrach, blieben Dunjas schwarze Augen anklagend auf ihm haften. Ganz so, als hätte sie es auf ihn abgesehen.
»Eine Sache noch«, ergänzte Leon und machte eine Pause, um die volle Aufmerksamkeit zu erringen. »Sollte einer von euch länger arbeiten und entsprechend als Letzter im Büro sein, dann schließt bitte die Tür am Ende ab. Ansonsten bekommen eure tollen iMacs Beine.«
»Ich war gestern die Letzte und habe abgeschlossen.« Julia hielt den Schlüsselbund nach oben und ließ ihn klimpern, als wäre das der schlagende Beweis.
Monique klappte die Schlafmaske hoch und sah überrascht auf die kleine Digitaluhr auf dem Nachttisch. Es war fast neun, und sie hatte nach Martas letzter Schreiattacke durchgeschlafen. Nach dem miesen Tag gestern konnte der hier nur besser werden, und sie musste an Leon und den Pitch denken. Ein halbes Jahr hatte sie als Assistentin bei Mendel & Mendel mitgearbeitet und wegen Leon schließlich alles aufgegeben. Nicht, dass sie den Job vermissen würde, denn die Zeit war alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen. Nicht für sie, nicht für Leon und auch nicht für Helena, Leons Ex. Allein aus diesem Grund wäre sie am liebsten mit ihm in eine Stadtwohnung gezogen, denn dieses Haus barg Erinnerungen, die nicht zu ihr gehörten. Auf der anderen Seite bot es ein paar Annehmlichkeiten, die sie bisher nur aus dem Fernsehen oder ihren Promimagazinen kannte. Wie zum Beispiel die Kellersauna, die sie heute Morgen für eine ausgedehnte Wellnesseinheit nutzen wollte.
Monique setzte Marta in den transportablen Laufstall, um sie durch das Fenster jederzeit beobachten zu können. Die Kleine sah ihr jetzt schon ähnlich, mit ihren blonden Wuschelhaaren und den blitzenden blauen Augen, die sie argwöhnisch beobachteten, als wollte sie sie hier allein lassen. Danach legte sich Monique auf die oberste Planke der Sauna, da es dort am wärmsten war. Die Hitze tat gut, auch wenn sie immer etwas Zeit brauchte, bevor die ersten Perlen über ihren Körper tanzten. Früher hatte sie oft davon geträumt, in einer Sauna Sex zu haben, da sie den Anblick nackter Menschen irgendwie erregend fand. Seit ihrem Einzug waren Leon und sie jedoch nie gemeinsam hier gewesen. Entweder er erfand eine Ausrede, warum es im Moment nicht passte, oder Marta machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Genau wie jetzt, wo sie am liebsten masturbiert hätte, würde da nicht der Laufstall vor der Saunatür stehen.
Nach zwanzig Minuten war sie fix und fertig und sehnte sich nach einer Abkühlung. Sie liebte den harten Strahl der Kellerdusche, den sie gern minutenlang auf ihren Rücken prasseln ließ, auch wenn der Abfluss danach meistens voll mit Haaren war. Sie startete mit einem kalten Intervall, um die Temperatur stufenweise zu erhöhen. Anscheinend hatte Leon das Abflussgitter lange nicht gesäubert, denn sofort stieg eine rötlich-braune Suppe hoch und flutete die kleine Wanne.
»Ekelhaft«, entfuhr es Monique, die zum Abfluss langte, um ein paar Haare zu entfernen. Bis auf zwei rotblonde Strähnen war das Gitter jedoch frei. Die Verstopfung musste von weiter unten kommen. Wahrscheinlich war das Rohr dicht, da immer mehr von dieser rostigen Flüssigkeit nach oben strömte. »Fast wie Blut«, murmelte sie und stellte das Wasser ab.
Auf Zehenspitzen tapste sie zum Schrank unter dem Waschbecken, wo Leon den Schraubenzieher aufbewahrte, mit dem man den Gitterrost nach oben hebeln konnte. Zwar hatte sie das selbst noch nie gemacht, doch es konnte nicht so schwer sein. Schließlich ging es nicht um Kraft, sondern um die richtige Technik. Die Duschwanne war mittlerweile halb voll gelaufen. Monique verkantete den Schraubenzieher zwischen zwei Streben und drückte dagegen. Nichts passierte. Eine braune Welle schwappte über die Umrandung und sammelte sich zu einer Pfütze. Marta begann zu weinen, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie in den Arm genommen werden wollte. Monique änderte die Strategie und zog jetzt irgendwie an den Verstrebungen, was zunächst kein bisschen besser funktionierte. Erst als sie den Schraubenzieher gegen die Seitenwand des Rohrs presste, bewegte sich das Stahlgitter. Ein kleiner Spalt entstand, zwischen den sie ihren Finger stecken konnte. Der scharfe Rand schnitt ihr ins Fleisch, doch sie blieb hartnäckig und riss das Abflussgitter hoch. Triumphierend reckte sie es nach oben und ignorierte ihren blutenden Daumen.
»Also, wo ist dein verdammtes Scheißproblem?«
Die Frage war an niemanden gerichtet, doch als Antwort blubberte es kurz, und Monique zögerte nicht lange und steckte den Schraubenzieher in das Loch. Vielleicht könnte sie damit den Pfropfen lösen. Und tatsächlich: Irgendetwas saß quer und verhinderte den Abfluss. Sie legte das Werkzeug zur Seite und langte mit den Fingern hinein, bis sie etwas Fleischiges erfassten. Wie vom Blitz getroffen, zog sie ihre Hand zurück. Abgesehen vom Schnitt an ihrem Daumen war jedoch alles unversehrt. Es war bestimmt der Schockmoment gewesen, beruhigte sich Monique und langte ein weiteres Mal in den Abfluss. Wieder stieß sie auf das wabbelige Zeug. Vorsichtig knetete sie den Klumpen und verzog angewidert die Mundwinkel. Sicher eine tote Ratte, und es war ihr gutes Recht als Frau, diese Leon zu überlassen. Allerdings würde der erst spät nach Hause kommen und sicher nicht begeistert sein, wenn er sich um diese Zeit noch um den Abfluss kümmern musste. Also umfasste sie den Pfropfen, um ihn bröckchenweise aus dem Rohr zu ziehen. Kleine Klumpen poppten in der Brühe hoch, und Monique nahm einen davon in die Hand, um ihn zu betrachten.
Sieht aus wie rohes Fleisch. Rohes Fleisch mit Federn. Federn wie von einem Huhn. Dem Huhn.
Ohne es zu spüren, bebten ihre Lippen. Ohne es zu wollen, stieß sie einen Schrei aus, und ohne darüber nachzudenken, lief sie splitternackt die Kellertreppe hoch bis in den Garten, wo der nächste Schockmoment schon auf sie wartete. Eine Frau stand auf dem Rasen und sah sie mahnend an. Mahnend und verurteilend.
