Verlag: AAVAA Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Rachegöttin - Lena Minkus

EIN MYTHISCHES LAND VOLLER MAGIE. DAS SCHWERT, DAS EINST DEN GÖTTERVATER STÜRZTE. DIE RÜCKKEHR VON IVAINE GLORY. Ein Jahr ist vergangen, seit Ivy den Tod ihres Freundes gerächt hat. Nun irrt sie als Rachegöttin durch die Welt, weit fort von allem, was sie liebt. Doch dann tauchen die Götter wieder auf und schicken sie auf eine Mission, die Ivy über jede Grenze hinausträgt: Versteckt in der Unterwelt – und in der Geschichte der Götter – lauert eine uralte, mächtige Waffe. Die Suche danach führt Ivy zu neuen Feinden, aber auch zu ihrer eigenen Vergangenheit … Kann das Land der Toten ihr endlich Erlösung schenken?

Meinungen über das E-Book Rachegöttin - Lena Minkus

E-Book-Leseprobe Rachegöttin - Lena Minkus

Lena Minkus

© 2016 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: fotolia: silhouette of a woman in a bikini sit side with knees up Datei: 82562540, Urheber: Poulsons Photography

Printed in Germany

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-2128-0

Großdruck:   ISBN 978-3-8459-2129-7

eBook epub:  ISBN 978-3-8459-2130-3

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-2131-0

Sonderdruck  Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

I chased the pain, no glory

Prepared to crucify myself

A pale and painful story

In moments of despair

A shattered voice that whispers

A wandering soul that fades away

Sometimes it seems I’ve vanished

But I am here to stay

Ein Blick zurück

Aus dem Papyrus der Atropos, auf dessen Seiten jedes Leben dieser Welt vermerkt ist …

Von allen Schicksalen, die ich je niederschrieb, ist kaum eines so aufregend, wendungsreich und gefährlich wie das von Ivaine Jeanne Glory.

Sie war ein Mensch, keine Göttin. Zumindest nicht zu Beginn ihres Abenteuers. Und sie ahnte nichts davon, dass ihr Weg seit jeher vorgezeichnet war.

 Dass mein Vater, Zeus, der Herrscher über die Götter und Menschen, jeden ihrer Schritte verfolgte und sie damit auf die größte Aufgabe vorbereitete, die je einem Mensch zuteilwerden sollte.

Doch ich sollte von vorn beginnen …

        

Lange bevor Ivaine geboren wurde, beschlossen wir Götter, die Welt zu verlassen, nachdem wir jahrtausendelang über sie geherrscht hatten. Von nun an sollte jeder Mensch sein Schicksal selbst bestimmen können. Wir errichteten uns Heiligtümer in der Welt der Menschen und an anderen Orten. Dort wollten wir ruhen, bis die Welt uns ein weiteres Mal brauchen würde.

Jedem Gott stand es frei zu wählen, ob er uns begleiten wollte. Einige Götter entschieden sich dagegen. Sie zogen es vor, nicht zu schlafen und wurden deshalb von der Welt der Menschen getrennt, bis die übrigen Götter wieder erwachen würden. Kein Gott sollte bis dahin in das Schicksal eingreifen können.

Wir ruhten viele Jahrhunderte lang. Die Menschen begannen, nicht länger an uns zu glauben und hörten nach und nach auf, zu uns zu beten. Wir wurden zu Mythen und Legenden, zu Relikten einer antiken, längst vergangenen Welt.

        

Doch dann brach ein neues Zeitalter an und selbst in unserem tiefen Schlaf spürten meine Schwestern und ich die Erschütterung, die die Welt erfasste.

Eine Erinnye, eine Rachegöttin, entkam aus ihrer Gefangenschaft. Ihr Name war Eywyn und sie spielte – ohne es zu ahnen – eine wichtige Rolle in den Dingen, die kommen sollten.

Vor Jahrtausenden hatten wir Götter sie in den Tartaros verbannt, die Unterwelt oder Hölle, wie die Menschen diesen Ort heute nennen würden. Eywyn hatte viele Menschen getötet und nun, da sie frei war, setzte sie diesen blutigen Feldzug fort. Wir Götter hätten sie aufhalten und wieder in den Tartaros sperren können, doch Zeus hatte andere Pläne. Er wusste, dass sie eines Tages erneut entkommen würde.

Ihr fragt Euch warum? Nun, Ihr müsst Folgendes wissen: Rachegöttinnen sind dazu verdammt, niemals auf eigene Faust handeln zu können. Sie werden von Menschen oder Göttern gesandt, um jemanden zu töten. Es ist wie ein Fluch: Sobald jemand sich den Tod eines Feindes so sehr wünscht, dass sein Herz sich nur noch nach diesem Wunsch verzehrt, werden Rachegöttinnen davon angezogen. Wie eine Fliege stets ins Licht fliegt, so muss eine Rachegöttin denjenigen töten, dessen Tod so sehr begehrt wird.

Niemand, nicht einmal sie selbst, kann sich dagegen wehren. Diese Macht nennen wir den „Ruf der Rache“.

Eywyn hörte ihn selbst in den tiefsten Abgründen ihres Gefängnisses und ab diesem Moment konnten sie keine Ketten mehr halten: Es gelang ihr zu fliehen, um ihm zu folgen.

        

Mit diesem Ereignis beginnt die Geschichte von Ivaine Glory. Sie war eine junge Abenteurerin, die sich durch verschiedene Funde bereits einen Namen gemacht hatte. Stetig getrieben von Wissensdurst und einer Neugier, die sie nicht selten auch unvorsichtig werden ließ, reiste sie um die Welt, auf der Suche nach antiken Schätzen.

Wenn sie etwas wie ein Zuhause besaß, dann war es die Villa ihres Freundes Pat in England. Mit ihrem Vater hatte sie sich bereits vor langer Zeit entzweit und mehrere Jahre lang war die Villa der einzige Ort, an den sie sich zurückziehen konnte.

Ihr Freund Pat konnte sie nicht auf ihren Abenteuern begleiten, denn sein Körper litt an einer schweren Krankheit und jede Klimaveränderung hätte zu seinem Tod geführt.

Doch Pat unterstützte sie auf andere Weise: Er beschaffte ihr Informationen und half ihr, jedes Rätsel zu lösen. Stets war Ivaine über ihr Handy oder Headset mit ihm in Kontakt.

Dann lernte sie eines Tages David kennen, ebenfalls ein junger Abenteurer, und plötzlich gab es einen Menschen, der sie wirklich begleiten konnte. Es dauerte nicht lange, bis die beiden sich ineinander verliebten. Eine Zeit lang zogen sie als Paar durch die Welt und erkundeten die Geheimnisse längst vergangener Zeiten. Als Abenteurer konnte ihnen niemand das Wasser reichen und sie glaubten, niemand könnte ihr gemeinsames Glück zerstören.

Bis zu dem Tag, der Ivaines Leben für immer verändern sollte: Eywyn tötete David. In einem einzigen Moment zerstörte die entflohene Rachegöttin alles, was Ivaine je geliebt hatte. Damals begriff die Abenteurerin noch nicht, was das für sie bedeutete. Ihr einziges Streben war fortan ein einziger Gedanke: Rache. Sie wollte Davids Tod vergelten, indem sie Eywyn auslöschte. Es dauerte nicht lange, bis sie die Rachegöttin fand und ihr eine Kugel in den Kopf jagte.

Doch eine Göttin ist nicht so leicht zu töten.

        

In dem Glauben, den Tod ihres Liebsten gerächt zu haben, kehrte Ivaine nach England zurück. Pat und ihr Butler Henry kümmerten sich um sie, versuchten tröstende Worte für etwas zu finden, für das es keinen Trost gab. Ivaine blieb mehrere Monate in der Villa und langsam begannen die Wunden in ihr zu heilen, bis sie schließlich glaubte, David überleben zu können.

Doch wieder kam alles anders: Adam Thompson, ein alter Feind, der sie vor langer Zeit im Stich gelassen hatte, offenbarte ihr, dass Eywyn noch am Leben war. Dass es nur eine einzige Waffe gab, um sie endgültig zu vernichten:

Die Schicksalsrelikte. Drei uralte, mächtige Artefakte, die einst den Moiren, den griechischen Schicksalsgöttinnen, gehört hatten.

Das erste Artefakt waren die Lebensfäden meiner Schwester Klotho. Vor langer Zeit hatte sie damit die Länge jedes Lebens bemessen. Wurde ein Faden durchtrennt, verging es.

Das zweite waren die Lose meiner zweiten Schwester, Lachesis. Einst zog sie das Los jedes Menschen mit verbundenen Augen. Ob gut oder schlecht spielte keine Rolle, denn es war fortan sein Schicksal.

Und schließlich mein eigenes Artefakt: Der Papyrus von Atropos. Auf diesem Dokument schrieb ich alles nieder, was meine beiden Schwestern bestimmt hatten und hielt es für die Ewigkeit fest.

Thompson erzählte Ivaine davon, dass wir Götter die Welt verlassen hatten und die Schicksalsrelikte nun an verschiedenen Orten versteckt waren. Und dass nur diese Waffen Eywyn töten konnten.

Zuerst glaubte Ivaine ihm nicht. Sie hielt alles für eine Falle, doch schließlich machte sie sich auf die Suche danach. Ihre erste Reise führte sie nach Brasilien, wo sie nach den Losen von Lachesis suchte. Sie fand einen Tempel vor und überstand viele Gefahren, um sie zu bekommen. Ein Mann namens Jack Payne rettete ihr das Leben und bot an, sie weiterhin zu begleiten, doch Ivaine vertraute ihm nicht, weil er für Thompson arbeitete.

Ihr zweites Abenteuer brachte sie nach Dschibuti, wo sie jedoch kein Schicksalsrelikt, sondern die Ruhestätte meines Vaters Zeus vorfand. Sie nahm ein Amulett mit sich, das er um den Hals trug. Auf dem Rückweg geriet sie ein weiteres Mal in Gefahr und ein weiteres Mal rettete Jack Payne ihr das Leben, doch noch immer durfte er sie nicht begleiten.

Das zweite unserer Artefakte, die Fäden von Klotho, fand sie in der Mongolei. Dort begegnete sie auch zum ersten Mal einem unserer Diener, einem Lamm, dem wir Unsterblichkeit geschenkt hatten. Es offenbarte ihr einen Teil ihrer Zukunft. Vor dem Ende würde sie eine Entscheidung treffen und vielleicht einen Fehler machen, der das Schicksal der Menschheit für immer besiegeln würde. Diese Prophezeiung machte ihr Angst, doch Ivaine gab nicht auf. Sie sehnte sich zu sehr nach Rache für den Tod ihres Liebsten.

Nach einem weiteren Abenteuer in Irland, wo sie Pats Freundin Tracy aus den Fängen eines Wahnsinnigen rettete, reiste sie schließlich nach Alaska, wo sich mein eigener Tempel befand und wo sie den Papyrus zu finden hoffte. Wieder begegnete sie Jack Payne, doch auch einem völlig unerwarteten Menschen:

Adam Thompson, der sie auf ihre Mission geschickt hatte, wartete dort auf sie. Er eröffnete ihr, dass er es gewesen war, der Eywyn gerufen hatte, aus verschmähter Liebe zu ihr. Es kam zum Kampf zwischen den beiden und schließlich ließ Ivaine Thompson zum Sterben zurück in meinen Hallen.

Jack hatte ihr ein weiteres Mal das Leben gerettet und sie beschloss, nun auch ihm zu vertrauen. Die beiden reisten zu den geheimen Archiven von St Austell. Dort fanden sie heraus, wohin sie die Relikte bringen mussten, um Eywyn endgültig töten zu können: In den Tempel des Schicksals. Vor langer Zeit hatten meine Schwestern und ich an diesem Ort über die Seelen der Menschen gewacht und jedem Leben seine Form gegeben.

Ivaine und Jack fanden den Tempel – Zeus’ Amulett war der Schlüssel dazu –, doch der Ort war längst verlassen und bestand nur noch aus Nebel und Finsternis und den Seelen der Götter und Menschen.

Aber Ivaine gab nicht auf. Gemeinsam mit Jack gelang es ihr, Eywyns Seele zu finden. Sie wollte sie vernichten, doch in diesem Moment erreichte auch die Rachegöttin den Tempel und tötete Jack. Auch Ivaine wäre um ein Haar gestorben. Eywyn rammte ihr bereits ein Messer in die Kehle, als endlich mein Vater, Zeus, erschien. Er offenbarte Ivaine, dass nun ihre Entscheidung gekommen war: Entweder sie tötete Eywyn oder er würde die entflohene Göttin wieder zurück in den Tartaros bringen.

Ivaine entschied sich für den Weg der Rache, denn sie hätte es niemals ertragen, wenn der Tod ihres Liebsten nicht gerächt wäre. Sie rammte ein Messer in Eywyns Seele. Die Schicksalsrelikte brauchte sie nicht. Die Suche danach hatte sie nur auf das vorbereitet, was noch kommen sollte.

Eywyn wurde vernichtet. Ihr unsterblicher Teil ging jedoch auf Ivaine über. Von nun an war Ivaine eine Rachegöttin, dazu verdammt, ewig zu leben und zu töten, wenn sie den Ruf der Rache hörte. Sie verließ ihre Freunde, die sie für tot hielten, um sie nicht in Gefahr zu bringen.

Sie glaubte, ihr Schicksal sei besiegelt und ihre Geschichte zu Ende.

Der Todesengel

Der alte Mann schien im letzten Moment zu begreifen, wer ich war. Er hatte die Augen weit aufgerissen und war in die hinterste Ecke der Hütte zurückgewichen. Seine dürren Hände waren abwehrend erhoben.

Töte ihn!, hallte es unablässig in meinem Kopf. Es war der einzige Gedanke, der mich erfüllte. Alles andere hatte sich tief in mein Innerstes zurückgezogen.

Der Mann hatte keine Chance. Nicht gegen mich.

Ich konnte seine Angst schmecken, süß und bitter zugleich, vermischt mit rohem, primitivem Überlebenswillen.

Töte ihn!

Ich durchquerte die Hütte innerhalb eines Augenblicks, ging vorbei an den beiden Strohmatten, die als Lager dienten und passierte die Holzkiste, in der sich die wenigen Habseligkeiten der Familie befanden. Ich spürte den Lehm unter meinen Füßen, das Echo der Hitze draußen auf meiner Haut, den Hunger in meinem Inneren. Obwohl meine Schritte langsam waren, erreichte ich den alten Mann schneller als jeder Mensch. Ich griff nach seinen Händen und drückte sie mit einer Hand nieder.

Seine Augen blickten in meine, noch immer voller Angst, doch plötzlich war er ruhig. Er wehrte sich nicht länger, schien zu spüren, dass es kein Entkommen für ihn gab. Ganz leise flüsterte er ein einziges Wort. Er sprach kein Englisch, doch ich verstand es trotzdem: Todesengel.

Für einen winzigen Augenblick zögerte ich. Das Wort berührte etwas in mir, doch es war bereits vorbei, bevor ich es richtig einordnen konnte. Dann übertönte die Stimme in meinem Kopf wieder jeden anderen Gedanken.

Töte ihn!!!

Ich hielt seine Hände weiter mit einer Hand fest. Mit der anderen griff ich in seine Brust. Zuerst spürte ich den vertrauten Widerstand, als sich die Natur gegen das, was ich tat, aufbäumte. Dann glitt meine Hand durch sein Fleisch. Ich tastete mich durch Muskeln und Knochen, vorbei an seinem Herz, das in wildem, trommelndem Rhythmus schlug.

Der alte Mann stieß einen Schmerzensschrei aus, der abrupt abbrach, als ich etwas glühend Heißes ertastete, das nur ich fühlen konnte. Mit einem Ruck zog ich es aus seinem Inneren. Es war eine Kugel von der Größe eines Tennisballs, die wie eine kleine Sonne strahlte. Sie fühlte sich weich, fast substanzlos in meiner Hand an. Für einen Augenblick betrachtete ich sie, fasziniert von dem Leuchten. So rein. So wunderschön.

Dann schloss ich die Augen und schickte sie fort. Ich spürte, wie ihre Wärme schwächer wurde und schließlich ganz verschwand.

Als ich die Augen wieder öffnete, war die leuchtende Kugel fort.

Ich ließ den alten Mann los. Er sackte leblos zu Boden, die Augen noch immer weit aufgerissen und das Gesicht nun vor Schmerz verzerrt. Seine Brust war unverletzt, denn was ich getan hatte, geschah nicht innerhalb der Welt der Menschen. Hätte ein Arzt ihn untersucht, hätte er nichts gefunden, das dem Toten fehlte.

Seine Seele war unsichtbar für die Menschen. Genau wie ich. 

Für einen Augenblick kniete ich wie angewurzelt auf dem Lehmboden und starrte auf den alten Mann herab. Ich spürte, wie der Blutrausch langsam nachließ. Die Welt schien blasser zu werden und die Stimme in meinem Kopf war verstummt. Trauer breitete sich in mir aus wie eiskaltes Wasser.

„Es tut mir leid“, flüsterte ich, als ich wieder vollkommen klar denken konnte.

Ich schloss die Augen des Mannes. Es half nicht viel. Seine schmerzverzerrten Züge schienen mir ins Gesicht zu schreien.

Trotzdem wandte ich mich nicht ab, sondern bettete ihn sanft auf eine der Strohmatten. Ganz vorsichtig glättete ich seine Züge. So würde seine Familie vielleicht glauben, er sei im Schlaf gestorben. Schließlich war er schon mindestens fünfzig und in diesem Land war er bereits ein Greis. Sein Haar musste schon lange ausgefallen sein und tiefe Falten hatten sich in seine dunkle Haut gegraben.

Dennoch hatte er den Tod nicht verdient. Er war ein guter Mensch gewesen, immer besorgt um seine Familie. Das hatte ich gespürt, als ich seine Seele in der Hand gehalten hatte.

Eine seiner Töchter hatte sich nach seinem Tod gesehnt, aus Eifersucht auf ihre Schwester, der der alte Mann die Hütte hatte vererben wollen. Sie hatte es so sehr gewollt, dass ich ihren Ruf selbst in der tiefsten Einsamkeit der Wüste gehört hatte. Es hatte kein Entkommen gegeben, weder für den Mann, noch für mich. Der Ruf der Rache war unerbittlich.

Ich hatte geglaubt, in Afrika einigermaßen sicher zu sein. Doch das war nur eine Illusion gewesen, die ich nun verloren hatte. Solange es Menschen auf dieser Welt gab, würde es auch Hass und Eifersucht geben. Selbst wenn es nur um eine ärmliche Hütte mitten im Nirgendwo ging.

Menschen waren so grausam. Und ich war die unerbittliche Richterin ihrer Sehnsüchte. Ihr Todesengel. Oder vielmehr die Dämonin, die die Guten bestrafte und die Bösen leben ließ.

Ich erhob mich. Mein blaues Kleid war wie immer unversehrt. Mit langsamen Schritten verließ ich die Hütte.

        

Draußen empfing mich eine sengende Sonne und der Sand unter meinen Füßen musste glühend heiß sein, doch das spürte ich kaum. Es gab so Vieles, was ich als Rachegöttin nicht mehr fühlen konnte. Ich war taub geworden für die Welt, die ich als Mensch so sehr geliebt hatte.

Ich ging durch die Ansammlung der Hütten. Die meisten bestanden aus Lehm, doch dazwischen standen immer wieder noch ärmlichere Gebäude aus Wellblech. Wäscheleinen voller Kleider waren über den sandigen Weg gespannt. Die meisten waren bereits durch die Sonne ausgebleicht.

Menschen saßen in Gruppen an schattigen Plätzen beisammen. Ich sah ein paar Männer, die in einen Röhrenfernseher starrten, einige Frauen, die ein karges Mittagessen zubereiteten und wieder andere, die Leder gerbten. Kinder sprangen in den Gängen zwischen den Hütten herum.

Keiner von ihnen bemerkte mich. Natürlich nicht. Solange sie nicht meine Opfer waren, konnten sie mich nicht sehen. Und ich konnte ihnen keinen Schaden zufügen.

Als ich das Dorf verließ, hörte ich eine Frau schreien. Sie musste den alten Mann in der Hütte gefunden haben.

Ich schloss für einen Moment die Augen. Lass ihn in ein besseres Leben wiedergeboren werden, betete ich stumm zu einem Gott, von dem ich wusste, dass es ihn nicht gab. Die Götter hatten die Menschen sich selbst überlassen. Nur ich war noch übrig.

Meine Schritte führten mich in die Wüste. Ich hinterließ keine Abdrücke im glühend heißen Sand. Jetzt, wo der Ruf der Rache nicht länger in meinem Kopf dröhnte, fühlte ich mich leer.

Ich ging weiter, immer geradeaus. Die Sonne brannte vom Himmel, doch für mich war sie nur ein zarter, warmer Hauch auf der Haut. Auch er war kein Trost. 

Der Tag verstrich und die Nacht brachte Kälte über das Land, aber auch sie spürte ich kaum. Als Göttin kannte ich weder Hunger noch Durst oder Erschöpfung. Ich war einfach da, ging weiter, existierte weiter.

        

Als der Mond hoch am Himmel stand, entdeckte ich in der Ferne einen Felsen. Mitten in diesem ewigen Meer aus Sand wirkte er wie ein einsamer, verlassener Krieger. Er hob sich düster gegen das Mondlicht ab.

Als ich näher kam, sah ich, dass der Sand ihn ausgehöhlt hatte. Überall im Gestein befanden sich Löcher, sodass er aussah wie ein riesiger Schwamm, wie eine Koralle auf dem Meeresgrund. Auf bizarre Weise war es ein schöner Ort.

Mit einem einzigen Sprung landete ich auf dem höchsten Punkt des Felsens. Von hier aus konnte ich über die gesamte Wüste blicken. Um mich herum war nur Sand, der in hohen Wellen die Landschaft bedeckte. Das Mondlicht ließ ihn wie Elfenbein schimmern.

Ich musste sehr weit gewandert sein. Aber das war nicht weit genug. Auch hier würde mich der Ruf der Rache irgendwann finden.

Ich setzte mich, ließ die Füße über den Rand baumeln und blickte in die Ferne. Der Sternenhimmel war atemberaubend, doch auch er konnte mich nicht trösten.

Dreimal hatte ich als Rachegöttin getötet. Drei Leben waren durch meine Hand ausgelöscht worden.

Eine junge Frau in Amerika, deren eifersüchtiger Exmann den Gedanken nicht länger ertragen hatte, sie bei einem anderen Mann zu sehen.

Eine Einheimische im ewigen Eis Sibiriens, deren Kinder es nicht hatten erwarten können, bis sie die wenigen Habseligkeiten der Alten bekamen.

Und jetzt diesen Mann, mitten im Nirgendwo der Wüste Afrikas.

Wohin ich auch ging, der Ruf der Rache fand mich überall. Es hatte keinen Sinn, ewig wegzulaufen. Gegen die Stimmen in meinem Kopf, die jeden anderen Gedanken auslöschten, hatte ich keine Chance.

Schon als Mensch hatte ich getötet: Ich hatte Moore umgebracht und Thompson war gestorben, nachdem ich ihn in Atropos’ Eishöhle niedergeschlagen hatte.

Das Töten als Rachegöttin war etwas vollkommen anderes. Keines meiner Opfer hatte ich gekannt und als ich ihnen die Seelen aus dem Leib gerissen hatte, hatte ich ihre Reinheit und Unschuld gespürt. Dass sie wiedergeboren werden würden, war nur ein schwacher Trost.

Sie hatten den Tod nicht verdient. Vielmehr hätten die Menschen sterben müssen, die vom Hass so sehr verzehrt wurden, dass sie unwissentlich eine Rachegöttin riefen. Doch es lag nicht an mir zu entscheiden, wer lebte und wer starb.

Trauer spann ein Netz in meiner Brust. Ich hatte dieses Leben gewählt, und ich hätte es wieder getan, denn nur so war Davids Tod wirklich gerächt. Aber das bedeutete nicht, dass ich mein sterbliches Leben nicht vermisste. Mir fehlten die Abenteuer, denen ich als Mensch nachgejagt war.

Außerdem fragte ich mich, wie es den Menschen ging, die ich zurückgelassen hatte. Welche Spuren ich in der Welt hinterlassen hatte.

Ich vermisste Pat. Meine Beerdigung war jetzt ein Jahr her, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Ich hoffte, dass es ihm gut ging. Dass er begann, mit meinem Tod abzuschließen und ein wunderbares Leben mit Tracy zu verbringen. Er hatte nur dieses eine. Vor mirlag die Ewigkeit. Hoffentlich nutzte er seine kurze Zeit auf dieser Welt.

Und Jack … es tat schon weh, nur an ihn zu denken. Er war im Tempel des Schicksals gestorben. Eywyn hatte ihm das Genick gebrochen, in einem einzigen Moment, in dem ich unaufmerksam gewesen war. Dass er tot war, war meine Schuld.

Auch seinen Tod hatte ich gerächt, als ich Eywyn getötet hatte, doch ich fühlte mich noch immer schuldig. Ich wünschte, ich wüsste, wo er nun war. Ob es ihm gut ging. Zeus hatte mir versprochen, dass Jack in ewigem Frieden ruhen würde, aber ich wusste nicht, was das für seine Seele bedeutete. Ob es einen Himmel gab oder ob er einfach für immer fort war.

Wahrscheinlich würde ich es niemals erfahren.

        

Plötzlich schien es kälter zu werden und ich spürte, dass ich beobachtet wurde. Instinktiv griff ich an meine Hüfte, nur um festzustellen, dass die Pistole, die ich in meinem sterblichen Leben dort getragen hatte, längst nicht mehr da war.

Allerdings brauchte ich sie auch nicht mehr. Ich war stark und schnell genug, um jedem Angreifer mit bloßen Händen die Seele aus dem Leib zu reißen.

Ganz langsam erhob ich mich und wandte mich um.

Hinter mir auf dem Felsen stand das Lamm. Sein weißes Fell leuchtete im Mondlicht und die Sterne spiegelten sich in seinen Augen. Um seinen Hals hing ein Amulett, ähnlich dem, das Zeus getragen hatte. Allerdings war der Stein silbern und tropfenförmig.

Wut flammte in mir auf.

Wir helfen den Menschen, aber wir greifen nicht in ihr Schicksal ein, hatte es mir einst vorgelogen. In Wahrheit hatten die Götter die ganze Zeit ein Spiel mit mir gespielt. Sie hatten jeden meiner Schritte beobachtet und mich unweigerlich zu dem Punkt geführt, an dem ich gegen Eywyn gekämpft hatte.

Ich hatte selbst entschieden, das zu werden, was ich jetzt war. Aber alles andere war von ihnen vorherbestimmt worden. Vielleicht hatten sie Jack sogar mit Absicht sterben lassen, weil er für sie nicht wichtig war. Damit ich genug Hass auf Eywyn empfand, um sie zu vernichten.

„Was willst du?“, fragte ich kalt und kniete mich hin, um dem Lamm direkt in die Augen sehen zu können.

Diese Augen. So unschuldig. Und trotzdem so uralt wie das Leben selbst. Die Sterne darin waren nur glitzernde Lichter in einem unendlich tiefen See.

Bedaure nichts von dem, was du getan hast, erklang seine Stimme in meinem Kopf.

Ich erschauerte. Wie lange war es her, dass ich sie zum letzten Mal gehört hatte? Sie war wie ein Windhauch auf sterbenden Blättern.

Du hast die Menschen vor großem Unheil bewahrt. Dafür sind die Götter dir dankbar, junge Erinnye.

„Mein Name“, sagte ich langsam, „ist Ivaine Jeanne Glory. Und ich bedaure nichts.“

Das war eine glatte Lüge und ich wusste, dass das Lamm sie spürte, so wie es jeden meiner Gedanken fühlen konnte. Aber es erschreckte mich, dass es nicht einmal mehr meinen Namen aussprach. Als wäre er nur eine Erinnerung, ein Traum, der langsam verblasste.

Wem willst du etwas vormachen? Du bist jetzt eine Erinnye. Eine Rachegöttin. Du hast dein sterbliches Leben für immer verloren.

Ich dachte an Jack. Daran, wie Eywyn ihm das Genick gebrochen hatte wie einer Puppe, die niemand mehr wollte. An meinen Abschiedskuss, den er nicht mehr gespürt hatte. Die Trauer in meiner Brust klammerte sich fester an mein Herz und schickte eine Welle Schmerz durch meinen ganzen Körper.

„Was weißt du schon von Verlust?“

Ich kenne dich, Ivaine Glory.

Jetzt sprach es also doch meinen Namen aus. Wollte es mich etwa besänftigen?

Ich weiß um den Schmerz, der einst Wunden in deine Seele riss. Ich kenne deine naiven, sterblichen Träume und Sehnsüchte und ich weiß, dass dein kurzes Leben voller Leid und Verlust war.

Ich runzelte die Stirn. „Das ist nicht wahr. Andere haben mich vielleicht so gesehen und die Medien haben sich das Maul über mich zerfetzt. Aber ich habe mein Leben nie so empfunden. Trotz der Verluste war es voller Abenteuer. Das ist alles, was ich immer wollte.“

Und dennoch war immer eine Leere in dir, die niemals heilen würde. Das Lamm trat vorsichtig einen Schritt vor. Ich sehe diese Leere auch jetzt. Du wirst immer einen einsamen Weg gehen. Auch wenn du es jetzt noch nicht weißt.

Ich erschauerte. War das eine neue Prophezeiung? So wie es mir einst offenbart hatte, dass ich niemals für andere sterben konnte?

„Bist du deswegen gekommen? Um mir das zu sagen?“

Das Lamm schwieg.

Ich funkelte es an. „Die Götter schlafen. Warum kann ich das nicht auch? Warum lasst ihr mich hier auf der Erde zurück, wo ich nur Tod über die Menschen bringen kann? Habt ihr nicht geschworen, nicht mehr in das Schicksal der Menschen einzugreifen?“

Das haben wir. Und wir werden diesen Schwur nicht brechen, bis die Götter einst vollständig erwachen. Doch du musst etwas wissen. Das Lamm trat noch einen Schritt näher, sodass es mich fast berührte.

Nimm das Amulett, befahl es mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Dann fügte es sanfter hinzu: Ich möchte dir etwas zeigen.

Ich tat, was es mir auftrug und nahm das Amulett von seinem Hals. Welche Wahl hatte ich schon? Außerdem war ich neugierig, wohin es mich führen wollte. Langsam hängte ich mir das Amulett selbst um. Es fühlte sich warm und angenehm auf meiner Haut an.

Schließe deine Augen.

Ich schloss die Augen und spürte, wie das Lamm seine Nüstern gegen mein nacktes Bein drückte. Die Berührung jagte mir einen weiteren Schauer über den Rücken, doch nur für einen Augenblick. Dann fühlte ich, wie sich die Welt um mich herum veränderte: Trotz meiner Taubheit für alles Irdische spürte ich, dass Kälte sich um uns herum ausbreitete und durch meine geschlossenen Lider sah ich, dass die Dunkelheit durchdringender wurde. Eiskalte Tropfen schienen meine Haut zu berühren. War das etwa Schnee? Einen Augenblick später stieg mir der Duft von Tannen und Winter in die Nase.

Du kannst die Augen nun öffnen, sagte das Lamm sanft und wich zurück.

Ich tat, wie mir geheißen – und erstarrte für einen Augenblick.

Wir standen mitten in einem nächtlichen Wintermärchen. Es gab keine andere Beschreibung für das, was vor mir lag.

Das Erste, was ich wahrnahm, waren die riesigen Berge um uns herum. Ihre Spitzen waren von Eis verkrustet. An ihren Hängen wuchsen uralte Tannen mit Stämmen, die wie die Säulen eines Tempels um uns herum aufragten. Eis hatte sich über die Stämme gelegt und auf den Ästen lag so viel Schnee, dass sie sich unter dem Gewicht bogen.

Nur rechts von uns gab es eine Lücke zwischen den Bergen. Dahinter fiel die Landschaft steil ab und enthüllte den Blick auf einen weiten, winterlichen Wald tief unten in einem Tal. Er erstreckte sich bis zum Horizont, ein glitzerndes, silbernes Band in der Nacht. 

Wir standen am Rand eines kleinen, vereisten Sees zwischen den Bergen. Die Tannen spiegelten sich darin als graue Schatten.

Es war ganz still und schneite, obwohl das eigentlich gar nicht möglich war: Hoch über uns sah ich einen vollen Mond und ein Meer aus Sternen, noch schöner als der Himmel über der Wüste.

Dieser Ort war perfekt. Zu perfekt.

„Wir sind nicht auf der Erde“, sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu dem Lamm.

Nein, bestätigte das Lamm.

„Wo sind wir dann?“

Das Lamm machte ein paar Schritte auf den See hinaus. Ich folgte ihm ohne zu zögern. Die Kälte des Eises unter meinen nackten Füßen konnte ich nicht spüren. Es war, als würde ich über kühles Glas laufen.

Einst war dies ein sehr bedeutender Ort für die Götter. Diese Welt existiert seit dem Anbeginn der Zeit. Und sie wird auch noch existieren, wenn die Erde in Feuer und Asche vergangen ist. Es ist ein Ort der Ewigkeit. Eine Insel in der Endlichkeit des Universums.

Natürlich beantwortete das Lamm damit nicht meine Frage. Stattdessen warf es wie immer neue Rätsel auf. Seltsamerweise machte mich das gerade nicht einmal wütend. Ich war zu beeindruckt von der verzauberten Welt, in die es mich geführt hatte.

„Es ist eine Parallelwelt, oder?“ Ich hielt die Handflächen dem Himmel entgegen und fing einige Schneeflocken. Wie kleine Küsse landeten sie auf meiner Haut. Sie schmolzen nicht. Entweder war ich zu kalt und taub für das Leben geworden oder das hier war eine besondere Art von Schnee.

Du kannst es so nennen, wenn du möchtest.

Ich verdrehte die Augen. Wahrscheinlich sollte das ein Ja sein.

„Warum sind wir hier?“

Du hast dich gefragt, warum wir dich nicht ruhen lassen, antwortete das Lamm. Hier sollst du es erfahren, denn dieser Ort wird eine entscheidende Rolle in allem, was kommen wird, spielen.

Es wandte sich zu mir um und blickte mich ernst an. Ich sank auf die Knie, um es nicht von oben herab anzusehen. In seinen Augen glaubte ich plötzlich, die Antwort lesen zu können.

„Ihr wollt, dass ich eine weitere Mission für euch erledige“, stellte ich fest. „Dass ich Eywyn getötet habe, war nicht genug. Deshalb lasst ihr mich nicht schlafen, oder?“

Das Lamm nickte. Deine Geschichte hat nie geendet. Sie beginnt jetzt, in diesem Augenblick.

Ich seufzte. „Ich soll jemanden töten, oder?“

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Das hängt davon ab, ob du scheiterst oder gewinnst.

Warum mussten diese verdammten Unsterblichen immer in Rätseln sprechen?

„Nein“, sagte ich einfach.

Das Lamm machte eine seltsame Kopfbewegung. Vielleicht war das seine Art, die Stirn zu runzeln. Nein?

„Nein“, bestätigte ich und blickte zu den Sternen. Sanft fiel der Schnee auf mein Gesicht. „Was immer es ist, ich will es nicht tun. Ich habe meine Mission erfüllt und Eywyn getötet. Damit habe ich alles getan, was ihr von mir wolltet. Ich werde kein Racheengel für die Götter sein.“

Niemand hat das je von dir verlangt. Alles, worum die Götter dich bitten, ist deine Hilfe. Die Menschen sind in großer Gefahr.

„Das habt ihr das letzte Mal auch behauptet.“

Es war die Wahrheit.

War da ein Funken Wut in der Stimme des Lamms? Hatte ich es tatsächlich geschafft, es aus der Fassung zu bringen?

Eywyn musste sterben. Sie hätte großes Leid über die Menschen gebracht. Und obwohl du es nicht akzeptierst, weißt du, dass es durch deine Hand geschehen musste.

Damit hatte es recht. Die Götter hatten mich geschickt, um Eywyn zu töten, weil kein Gott einen anderen Gott töten konnte. Es hatte durch meine Hand – oder zumindest die Hand eines Menschen – geschehen müssen. Außerdem hätte ich ohne meine Rache niemals mit Davids und Jacks Tod abschließen können.

David. Jack. Verdammt, warum tat es so weh, an sie zu denken?

Die Götter hätten sie retten können, doch sie hatten sie als Opfer in Kauf genommen, genau wie sie nicht verhindert hatten, dass Tracy gefoltert worden war. Sie hatten mich auf der Erde zurückgelassen und ich hatte als Rachegöttin bereits drei Unschuldige getötet. Das nahm ich ihnen übel.

Meine Herrinnen schlafen, ebenso wie die anderen Götter, sagte das Lamm sanft. Natürlich hatte es meine Gedanken gespürt. Wir greifen nicht länger in das Schicksal der Menschen ein. Nur dann, wenn es gilt, großes Unheil von der Welt abzuhalten.

Wir lenkten deine Schritte, doch du hast immer selbst entschieden. Wir waren nie hier, um dein Leben vorherzubestimmen. Ich werde dich nicht zwingen, diese Mission anzunehmen. Es ist eine Bitte. Ein Ruf um Hilfe. Ohne dich werden Chaos und Leid die Welt der Menschen überziehen. Du bist die Einzige, die uns retten kann.

„Uns?“, hakte ich nach. „Geht es hierbei um die Götter oder die Menschen?“

Das Lamm stieß ein Knurren aus, das einen Wolf hätte erzittern lassen. Es geht um so viel mehr als das. Meine Herrinnen haben die Welt einst erschaffen, gemeinsam mit ihrem Vater, Zeus. Für so lange Zeit, dass ihr Sterblichen nicht einmal einen Namen dafür habt, formten sie die Seelen jedes Lebewesens. Sie waren zugegen, als der erste Mensch erwachte und sie werden noch immer da sein, wenn das letzte Leben erlischt.

Sie mögen nun schlafen, doch sie haben ihre Welt nicht vergessen. Und sie lieben jedes ihrer Kinder.

Die Welt istin Gefahr und damit sind auch meine Herrinnen bedroht. Und alle anderen Götter. Weil sie diese Welt lieben. Weil alles verbunden ist. Es wird lange dauern, aber eines Tages wirst du es verstehen.

Ich hob die Augenbrauen. „Und ich bin die Einzige, die euch retten kann? Ich bin jetzt kein Mensch mehr, sondern eine Rachegöttin. Ich kann keine Götter mehr töten.“

Das Unerreichbare liegt oft viel näher, als du glaubst.

Ich keuchte, als ich verstand, was es damit sagen wollte. „Ihr könnt mich wieder zu einem Menschen machen?“

Das Lamm wandte sich ab und ging langsam über den vereisten See davon. Überlege gut, junge Erinnye. Wer den Göttern hilft, steht für immer in ihrer Gunst. Und vielleicht gewähren sie dir das, wonach sich dein Herz verzehrt.

„Warte!“, rief ich und wollte ihm folgen, aber aus irgendeinem Grund konnte ich mich nicht bewegen. Ich sah an mir herab. Meine Füße waren von Eis verkrustet.

Das Lamm hatte mich an den See gefesselt! Verdammt!

Ich zerrte an meinen Beinen, aber ich kam nicht frei. Hilflos sah ich dem Lamm zu, wie es bedächtig zwischen den Bäumen verschwand.

„Du hast mir nicht einmal gesagt, was ich tun soll!“, rief ich ihm hinterher, doch es blickte nicht zurück.

Ein Gedanke blitzte in mir auf, doch er war zart wie ein Windhauch und ich war nicht sicher, ob es das Lamm oder die Erinnerung an meine erste Begegnung mit ihm war. Wir helfen den Menschen, aber wir greifen nicht in ihr Schicksal ein und wir offenbaren ihnen auch nicht ihre Zukunft. Du wirst alles erfahren, wenn die Zeit gekommen ist.

Für einen Augenblick umklammerte das Eis noch meine Füße. Hilflos stand ich auf dem See und der Schnee fiel in mein Gesicht, tausend kleine Küsse auf meiner Haut.

Dann zerbrach das Eis plötzlich und ich wusste, dass das Lamm fort war.

Ganz langsam ging ich auf die andere Seite des Sees, setzte mich auf einen kleinen Felsen und sah ins Tal hinab.

In meinem Inneren herrschte Chaos. Das, wonach sich dein Herz verzehrt, hallten die Worte des Lamms endlos in meinem Kopf. Natürlich hatte es genau gewusst, was es damit in mir auslöste.

David.

Jack.

Ein Leben mit einem von ihnen, als Mensch. Abenteuer erleben. Gemeinsam alt werden. Und sterben. In der Gewissheit, geliebt worden zu sein.

Verdammt, wie sehr ich so ein Leben wollte!

Andererseits würde ich ein weiteres Mal tun müssen, was die Götter von mir verlangten. Ich würde ihr Spiel noch einmal spielen müssen. Und es war ein Spiel, auch wenn die Welt unterzugehen drohte. Es gefiel den Göttern, mich zu manipulieren, mich zu prüfen. Sie hatten es schon bei meiner Suche nach den Schicksalsrelikten getan, hatten mich angeblich stärker gemacht und mich dabei durch jeden ihrer Tempel gejagt. Ihnen hatte es Freude bereitet, zu sehen, wie ich mich mit ihren Fallen schlug.

Doch es gab einen Unterschied: Dieses Mal würde ich wissen, dass es ein Spiel war, denn nun kannte ich die Götter bereits. Und vielleicht konnte ich dieses Spiel gewinnen.

Außerdem gab es auf der Welt noch immer Menschen, die ich liebte. Pat und Tracy, meinen Vater, Henry und all die anderen, die ich mit dem Beginn meiner Unsterblichkeit zurückgelassen hatte. Sie verdienten es, zu leben. Wenn die Welt tatsächlich in Gefahr war, musste ich sie retten.

Ein sehr sterblicher Teil von mir regte sich und beinahe musste ich lächeln. Der Ruf eines Abenteuers. Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr ich das vermisst hatte.

Natürlich hatte das Lamm das gewusst. Wahrscheinlich war ihm von Anfang an klar gewesen, wie ich mich entscheiden würde. Es kannte mich besser als ich selbst. Dafür hasste und bewunderte ich es gleichermaßen.

Ich erhob mich und wischte den Schnee von meiner Haut.

„Na schön“, sagte ich laut. „Ich ziehe ein weiteres Mal für euch in die Schlacht.“

Nichts geschah.

Ich wandte mich um, auf der Suche nach weißem Fell oder dem Geräusch zarter, kleiner Hufe auf dem Eis. Es schneite nun so heftig, dass ich die Bäume am Rand des Sees kaum noch erkennen konnte. Sie waren nur noch graue Schatten in der Nacht.

Dann entdeckte ich plötzlich ein Gefäß vor meinen Füßen. Ich hob es auf. Es war ein Tonbecher, gefüllt mit leuchtend grünem Wasser.

Einladend sieht es nicht gerade aus, dachte ich. Eher wie Gift.

Alice im Wunderland hätte mich lehren sollen, niemals etwas zu trinken, auf dem Trink mich stand, doch ich trank die Flüssigkeit ohne zu zögern. Mir blieb keine Wahl, wenn ich diese Mission tatsächlich annehmen wollte.

Das Wasser schmeckte bitter und scharf zugleich. Ich spürte, wie es sich in mir ausbreitete, durch meine Adern kroch wie tausende Ameisen.

Dann schoss plötzlich Schmerz durch meine Brust. Zuerst war er erträglich, doch dann wurde er heftiger, bis es sich anfühlte, als würde mir jemand den Brustkorb aufreißen und einen Dorn in mein Herz treiben. Ich konnte nicht einmal schreien, sondern sank auf die Knie und presste die Hände gegen meine Brust.

Atmen! Ich musste atmen!

Doch ich konnte mich nicht bewegen. Panik stieg in mir auf. Es fühlte sich an, als würde etwas in mir zerreißen.  Als würden die Ameisen in mir an etwas zerren.

Ich schnappte nach Luft.

Etwas in mir rebellierte, bäumte sich gegen den Schmerz auf, doch es wurde immer wieder zurückgedrängt wie ein Tier vor einer Feuerwand. Ich spürte, wie Blut aus meiner Nase und meinen Ohren lief.

Ich starb. Verdammt, ich starb! Die Götter mussten beschlossen haben, mich zu töten! Sie hatten mich vergiftet!

Dann glaubte ich plötzlich, eine Gestalt vor mir im Schnee zu sehen, doch vielleicht war das auch nur eine Illusion. Ich konnte mich nicht rühren, konnte nicht schreien.

Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen.

Atme!, schrie eine Stimme in mir, doch als ich es versuchte, schoss so heftiger Schmerz durch meinen Körper, dass ich zur Seite kippte und mit dem Kopf auf dem Eis aufschlug.

Bin ich stets gefangen wie ein kleiner Engel flügellos

tief in einer Welt dessen Menschen mich rücksichtslos

quälen mit Wirklichkeit dessen Inhalt mir so leer erscheint

wie der Tränenfluss eines Träumers der dem Tag nachweint

Bin ich eingesperrt in dem Kerker meiner Phantasie

wo nichts überlebt das von außen in mich dringen will

denn die Wirklichkeit würd' zerstören die Harmonie

Das Land des ewigen Frühlings

Mein Kopf tat weh, das war das Erste, was ich fühlte. Ich hielt die Augen geschlossen.

Schmerz. Seltsam, dass ich als Göttin etwas so Menschliches empfinden konnte. Ich genoss das Gefühl. Es erinnerte mich an mein sterbliches Ich. Und damit wieder an Jack. Aber vielleicht erinnerte mich einfach alles an Jack.

Auf meiner Brust spürte ich etwas Warmes. Das silberne Amulett! Es war noch da. Vielleicht war das ein gutes Zeichen.

„Ist sie wach?“, ertönte eine raue, tiefe Stimme neben mir. Es musste sich um einen Mann handeln. Ich stellte ihn mir groß und breitschultrig vor, mit markantem Kinn und stechenden, klaren Augen.

„Nein.“ Eine Frauenstimme. Sie klang schüchtern.

„Sobald sie erwacht, schick sie zu mir!“, befahl der Mann, dann entfernten sich Schritte.

Für eine Sekunde blieb es still und ich versuchte mich zu orientieren.

Was war passiert? Ich erinnerte mich noch an die Winterwelt. An das Gefühl, dass sich ein Dorn in meine Brust bohrte und etwas in mir zu zerreißen schien. Ich wusste nicht, ob ich je zuvor solchen Schmerz gefühlt hatte.

Und dann die Gestalt im Schnee, falls ich sie mir nicht eingebildet hatte. Es musste ein Gott gewesen sein, denn wer sonst hätte diese eisige Welt betreten können? Das Lamm musste ihn geschickt haben.

Aber was war passiert, nachdem ich ohnmächtig geworden war?

„Du kannst die Augen jetzt öffnen. Er ist fort“, sagte die Frauenstimme.

Sie wusste also, dass ich wach war. Vorsichtig öffnete ich die Augen.

Ich befand mich in einem kleinen, steinernen Raum. Einer Höhle, erkannte ich auf den zweiten Blick. Sie war perfekt aus dem Fels gehauen.

An den Wänden standen schlanke Säulen, überwuchert von Kletterpflanzen. Das war seltsam, denn in der Höhle gab es kaum Licht: Nur einige Kerzen brannten in antik aussehenden Kerzenständern in den Nischen zwischen den Säulen. Sie warfen tanzende Schatten an die Wände.

Vor langer Zeit musste jemand Bilder in den Fels gehauen haben, denn ich erkannte zahlreiche Linien unter den Ranken.

Es gab keine Fenster. Nur eine alte, hölzerne Tür an der gegenüberliegenden Wand, durch die der Mann verschwunden sein musste. Außer der ebenfalls hölzernen Pritsche, auf der ich lag, gab es keine weiteren Möbel. Entweder war ich bei einem Antikeliebhaber gelandet oder dieser Ort gehörte den Göttern. Früher hätte ich mich sofort für die erste Möglichkeit entschieden, jetzt war ich fast sicher, dass es die zweite war.

Die Frau, zu der wohl die Stimme gehören musste, trat in mein Blickfeld. Ihr kurzes, blondes Haar, die helle Haut und der zierliche Körper ließen sie wie eine Fee aussehen. Sie hatte volle, sinnliche Lippen und ihre Augen schimmerten in hellem Grün. Ihre einfache, braune Tunika reichte ihr nur bis kurz über die Knie und betonte damit ihre langen Beine. Sie war schön, doch etwas an ihr beunruhigte mich.

Langsam setzte ich mich auf. Die Kopfschmerzen ließen etwas nach.

Trotzdem stimmte etwas nicht. Ich fühlte mich … verletzlich. Schwach. Ich hatte nicht gewusst, dass ich mich als Göttin so fühlen konnte. Wie lange würde dieses Gefühl bleiben? Würde ich mich schneller als ein Mensch erholen? Verdammt, es gab so viele Fragen, die ich noch nicht beantworten konnte.

Zuerst musste ich jedoch herausfinden, wo ich war. Ich sah an mir herab. Um meinen Hals hing tatsächlich noch das Amulett und ich trug noch immer mein blaues Kleid. Zeus hatte mir gesagt, dass es nun ein Teil von mir war, den ich bis in alle Ewigkeit tragen würde.

Dass es noch da war, musste also nichts bedeuten. Doch zumindest hatte mir niemand irgendwelche antiken Handschellen angelegt oder mich an die Pritsche gefesselt. Meine Hände und Füße waren vollkommen frei. Hoffentlich bedeutete das, dass ich keine Gefangene war.

„Wo bin ich?“, fragte ich mit benommener Stimme. Ich war hellwach, aber das wollte ich noch nicht preisgeben. 

Die Frau lächelte. Es sah ehrlich aus. „Das wirst du bald erfahren. Mir steht es nicht zu, dir das zu sagen, junge Rachegöttin.“

Ich kniff die Augen zusammen. „Mein Name ist Ivaine Glory.“

„Ich weiß“, erwiderte sie nur und sah mich aus großen Augen an, als wäre ich eine lebende Legende.

„Willst du mir nicht sagen, wer du bist?“, fragte ich, als sie nicht weitersprach. Dann fiel mir etwas anderes ein. Diese Frau … sah mich.

Ich starrte sie an, doch als ich nach dem Ruf der Rache in mir lauschte, war alles still in meinem Inneren. Erleichtert atmete ich aus. Sie war also keines meiner Opfer.

Trotzdem konnte sie mich offensichtlich sehen. Ich runzelte die Stirn.

Zeus hatte mich nach dem Tod meines sterblichen Ichs gesehen, genau wie das Lamm, als es mich auf diese neue Mission geschickt hatte. Götter konnten mich also offenbar wahrnehmen.

Das bedeutete, dass diese Frau ebenfalls eine Göttin sein musste. Oder zumindest ein von den Göttern erschaffenes Wesen, so wie das Lamm. 

Die Frau stieß ein leises, seltsam klingendes Lachen aus. Wie kleine Glöckchen, die ein Sturm hin und her schleuderte. Etwas an diesem Lachen war beunruhigend. Es klang wahnsinnig.

„Oh“, sagte die Frau schließlich. „Verzeih mir. Ich bin so lange keinem Fremden mehr begegnet. Mein Name ist – “

„Lydia?“, ertönte eine Stimme jenseits der Tür. Es war der Mann, den ich bei meinem Erwachen gehört hatte.

Lydias Lächeln erstarb und sie warf einen nervösen Blick in Richtung Tür. Dann erhob sie sich.

Ein Mann betrat den Raum. Er kam meiner Vorstellung ziemlich nahe: Zuerst fiel mir sein muskulöser Oberkörper auf, der von einem schmalen Stück Stoff schräg über seine Brust kaum verdeckt wurde. Am Bauch verbreiterte es sich und ging in ein kurzes, rockartiges Unterkleid über. Eine Art antike Tunika. Nach allem, was ich erlebt hatte, sollte mich das eigentlich nicht mehr wundern. Trotzdem fühlte ich mich wie in einem Römerfilm.

Dann blickte ich in das Gesicht des Mannes und vergaß jeden anderen Gedanken. Etwas darin kam mir bekannt vor, etwas, das mich erschauern ließ, aber ich konnte das Gefühl nicht einordnen. Vielleicht seine Augen. Sie waren stechend blau, fast wie die von Zeus. Allerdings lag darin eisige Kälte.

Der Mann hasste mich. Ich wusste nicht warum, aber das Eis in seinem Blick sagte mehr als tausend Worte.

„Enamon“, sagte die Frau – Lydia – ehrfürchtig. Sie deutete eine Verbeugung an und zeigte auf mich. „Sie ist erwacht.“

Enamon warf ihr einen Blick zu. „Das sehe ich. Du kannst gehen.“

Lydia nickte und ging mit gesenktem Kopf hinaus.

Ich sah ihr nach und öffnete den Mund. Wie konnte diese wunderschöne Frau sich so behandeln lassen? War sie seine Sklavin? Ich schloss den Mund wieder. Noch wusste ich zu wenig über diesen Ort oder über sie selbst. Lydia war der Name von mindestens einem Dutzend Sagengestalten.

Enamons Blick riss mich aus meinen Gedanken. Keine Freundlichkeit lag in seinen Augen. Ich starrte zurück und presste die Lippen fest zusammen. Diese Augen … dieses Gesicht … er musste mit Zeus verwandt sein, doch das war es nicht, was mir immer wieder eiskalte Schauer über den Rücken jagte.

Enamon. Im Gegensatz zu Lydia hatte ich seinen Namen noch nie gehört. Ich konnte nur vermuten, dass er ebenfalls ein Gott sein musste, denn auch er konnte mich offensichtlich sehen.

Wo bin ich hier nur gelandet?

Dann fiel mir plötzlich ein, was passiert war. „Warst du die Gestalt im Schnee? Kurz bevor ich zusammenbrach?“, fragte ich. Und warum bin ich überhaupt zusammengebrochen? Was war in dem Becher?

Enamon schien meine Worte gar nicht gehört zu haben. „Steh auf!“, befahl er. „Wir haben viel zu tun.“

Verwirrt wollte ich tatsächlich für eine Sekunde tun, was er verlangt hatte, doch dann registrierte ich seinen abfälligen Tonfall.

Ich funkelte ihn an. Nur weil Lydia seine Unfreundlichkeit akzeptierte, bedeutete das noch lange nicht, dass ich es auch tun musste. „Solange ich nicht weiß, wo ich bin und was geschehen ist, gehe ich nirgendwo hin – “, begann ich, doch plötzlich packte Enamon mein Handgelenk. Seine Bewegung war so schnell, dass ich sie nicht kommen sah.

Bevor ich reagieren konnte, hatte er mich bereits von der Pritsche gezogen und war in Richtung Tür gegangen. Mir blieb nichts anderes übrig, als hinter ihm her zu stolpern, um nicht zu fallen.

Ich versuchte, ihm das Handgelenk zu entwinden. Als das nicht funktionierte, versuchte ich, nach ihm zu treten, ihn mit der anderen Hand zu kratzen und mich aus der Umklammerung zu hebeln, doch er ging völlig unbeeindruckt weiter.

Schmerz schoss durch mein Handgelenk. Sein Griff war eisern.

„Lass mich los!“, befahl ich.

Er reagierte nicht.

Noch einmal versuchte ich, mich aus der Umklammerung zu lösen. Mein Körper erinnerte sich an seine Jahre als Mensch und an das Training gegen genau solche Situationen, doch nichts von dem, was ich versuchte, lockerte seinen Griff. Teilnahmslos zerrte er mich weiter hinter sich her.

Das konnte doch nicht wahr sein!

„Bemühe dich nicht“, sagte er ohne mich anzusehen. „Du hast im Augenblick keine Chance gegen mich.“

Wut flammte in mir auf. Wut über ihn, weil er es wagte, mich wie eine Sklavin hinter sich her zu ziehen. Wut über mich, weil ich nicht die Kraft hatte, mich gegen ihn zu wehren. Verdammt, ich war jetzt eine Göttin! Warum verfügte ich nicht über seine Stärke und Schnelligkeit?

Naja, so wie er gekleidet war, war er wahrscheinlich bereits ein paar Jahrhunderte älter als ich. Ich wusste noch viel zu wenig über mein unsterbliches Leben und die Möglichkeiten, die es mir vielleicht bot. Wahrscheinlich hatte er gelernt, seine Fähigkeiten besser zu nutzen.

Wir betraten einen langen Gang. Für eine Sekunde vergaß ich meine missliche Lage und hielt den Atem an. Das war … wunderschön. Und unwirklich. Eine Welt, die auf der Erde nicht existieren konnte, genau wie der winterliche Wald, in den mich das Lamm geführt hatte. Und doch ganz anders.

Der Gang war ebenfalls aus dem Fels herausgeschlagen. Auf unserer linken Seite befand sich eine Reihe von hölzernen Türen, ähnlich wie die der Kammer, in der ich erwacht war.

Rechts von uns war der Fels dagegen aufgebrochen worden und nur einzelne, überwucherte Säulen und eine etwa hüfthohe, steinerne Brüstung trennten uns von einer Landschaft wie aus einem Märchen: Hinter der Brüstung fiel der Fels einige hundert Meter steil ab. Davor lag ein weites, hügeliges, von zerklüfteten Bergen umgebenes Tal. Saftig grüne Wiesen mit Blumen in allen Farben wogten in sanftem Wind. Weite, frühlingshafte Wälder spendeten Schatten. Tempelruinen, überwuchert von blühenden Kletterpflanzen, thronten auf den Hügeln. Ein Fluss mit klarem blauem Wasser schlängelte sich durch die Landschaft. An einigen Stellen bildete er kleine Wasserfälle, deren Murmeln sich mit den Geräuschen des Winds verband. Weit entfernt hinter den Bergen lag ein in der Sonne glitzerndes Meer.

Plötzlich wusste ich, wo ich war. „Das ist das Elysium!“, stieß ich hervor, mehr zu mir selbst als zu Enamon, der mich noch immer völlig unbeeindruckt hinter sich her zerrte. „Die Insel der Seligen!“

Das konnte nicht sein. Es konnte diesen Ort nicht geben. Es konnte nicht sein, dass ich tatsächlich hier war!

In der griechischen Mythologie war das Elysium ein Teil der Unterwelt, in den die gefallenen Helden kamen, die von den Göttern geliebt worden waren. Es war ein Land, in dem ewiger Frühling herrschte und wo alles Leid der Welt vergessen war. Hier endete der ewige Zyklus aus Tod und Wiedergeburt, denn die Helden, die hierher gebracht wurden, blieben für immer hier und genossen ewiges Leben.

Fast in jeder Mythologie gab es einen Ort wie diesen und jede Kultur hatte ihn sich etwas anders ausgemalt. Walhalla bei den Germanen. Avalon bei den Kelten. Vaikuntha im Hinduismus.

Doch etwas stimmte nicht: Eigentlich hätte es hier von antiken Helden nur so wimmeln müssen, doch das Tal unter uns war verlassen. Ich wollte den Mund öffnen, doch Enamon schien meine Gedanken erraten zu haben.

Ohne sich umzudrehen, sagte er: „Du kannst die Verstorbenen nicht sehen. Diejenigen, die aus dem Fluss Lethe getrunken haben, betreten die Welt der Geister. Sie werden unsichtbar für die Augen der Götter. Das beschützt sie für immer vor deren Zorn.“

Das war fast zu viel auf einmal. Ich versuchte, meine neuen Erkenntnisse zu ordnen.

Erstens: Ich befand mich tatsächlich im Elysium, einem Ort, den ich bislang für einen Mythos gehalten hatte. Eigentlich sollte mich das nicht überraschen, denn schließlich hatte ich auch Zeus’ Grab und die Tempel seiner Töchter, der Schicksalsgöttinnen, gefunden und war am Ende durch den Tempel des Schicksals gewandert. Doch das hier war etwas Größeres. Ein Ort, der in der Mythologie tatsächlich existierte, den jeder kannte, der sich mit dem Thema Totenwelt auseinandersetzte. Und ich war tatsächlich hier!

Zweitens: Es lebten tatsächlich die gefallenen Helden und von den Göttern geliebten Menschen hier.

Drittens: Sie waren für mich unsichtbar, weil sie – viertens – aus dem Fluss Lethe getrunken hatten und damit nicht mehr sichtbar für die Götter waren.

Laut der Mythologie flossen zwei Flüsse durch das Elysium: Der Fluss Lethe, der ewiges Vergessen von allem irdischen Leid schenkte, und sein Gegenstück, der Fluss Mnemosyne, der denjenigen, die aus ihm tranken, Allwissenheit gewährte.

Ich schüttelte den Kopf und konzentrierte mich wieder auf Enamon. Was hatte er damit zu tun? Warum war er hier? Eigentlich sollte der Gott Kronos über diesen Ort herrschen.

Etwas stimmte hier nicht. Im ersten Moment wollte ich noch einmal versuchen, ihm mein Handgelenk zu entwinden, aber dann besann ich mich eines Besseren. Abwarten. Mich fügen, auch wenn es mir noch so schwer fiel. Das hier musste zum Spiel der Götter dazugehören und es war besser, wenn ich vorerst versuchte, mitzuspielen und so viele Informationen wie möglich zu sammeln.

Außerdem konnte er mir nichts tun. Ich war jetzt unsterblich und so stark wie er.

Zumindest versuchte ich mir das einzureden.

Der Gang bog nach links ab und plötzlich befanden wir uns in einer kreisrunden Halle. Ihre Decke war eine Kuppel, die an einigen Stellen bereits zerstört war, sodass Sonnenstrahlen hindurchfielen. Die Halle lag etwas tiefer als der Gang und ihr gesamter Boden bestand aus einem einzigen, flachen Wasserbecken. Die Sonnenstrahlen brachen sich darin und warfen leuchtende Muster an die Wände. Auch hier waren überall Kletterpflanzen.

sEnamon zog mich ins Wasser. Es reichte mir bis zur Mitte der Unterschenkel. Und es war kalt. Verdammt kalt!

Ich erstarrte und wäre um ein Haar gefallen, doch Enamon war ebenfalls stehen geblieben. Wir befanden uns jetzt in der Mitte der Halle.

„Das Wasser …“, stammelte ich. „Ich kann fühlen, dass es kalt ist!“ Das war nicht möglich. Seit wann konnte ich wieder etwas wie Kälte fühlen?

Endlich ließ Enamon mein Handgelenk los. Er wandte sich zu mir um und war mir so nah, dass sich unsere Körper fast berührten, doch ich beschloss, nicht zurückzuweichen.

Sein Schlag traf mich völlig unvorbereitet. So schnell, dass ich die Bewegung nicht einmal wahrnehmen konnte, sauste seine Faust auf meinen Bauch zu. Schmerz peitschte durch meinen Körper. Ich sackte zusammen. Das eisige Wasser umfing meine Beine.

Bevor ich mich auch nur rühren oder mich fragen konnte, was gerade geschehen war, traf mich Enamons Faust noch einmal, dieses Mal ins Gesicht, sodass ich zur Seite geschleudert wurde. Mein Kopf schlug auf die Wasseroberfläche.

Ich kämpfte gegen die Verwirrung und den Schmerz an, der sich von meiner Wange durch meinen gesamten Körper ausbreitete. Als er etwas verebbt war, sprang ich auf und wich zurück.

„Was soll das?“, brachte ich wütend hervor.

Enamon stand gelassen in einigen Metern Entfernung. „Erbärmlich“, bemerkte er und ging ebenfalls ein paar Schritte rückwärts. Seine Füße machten kaum einen Laut im Wasser. „Ihr Menschen seid so schwach. So zerbrechlich!“

„Ich bin kein Mensch!“, protestierte ich. „Ich bin eine Rachegöttin!“

Für einen Augenblick blitzte Zorn in seinen Augen auf. Dann lächelte er, als wüsste er etwas, das mir verborgen blieb. Er wandte sich ab. „Und dennoch bist du schwach. Nun ja, immerhin bist du wieder aufgestanden. Das ist vielleicht ein Anfang, Rachegöttin!“ In seinem Mund klang das Wort wie Gift.

Das war zu viel. Was immer hier gerade passierte, ich würde mich von ihm nicht einfach grundlos verprügeln lassen!

Ich stieß mich so fest ich konnte vom Boden ab und sprang von hinten gegen seinen Rücken. Er gab ein überraschtes Geräusch von sich, doch nun war ich es, die ihm keine Zeit für eine Reaktion ließ. Ich umklammerte mit beiden Händen seinen Hals und trat ihm von hinten in die Kniekehle, sodass er das Gleichgewicht verlor und im Wasser landete.

Ich ließ mich mit ihm fallen, wirbelte ihn herum und drückte ihn mit meinem Gewicht zu Boden.

„Mein Name“, stieß ich wütend hervor, „ist Ivaine Glory! Und ich will endlich wissen, was hier geschieht!“

Sein überraschtes Gesicht wich einem Lächeln. Ich starrte wutentbrannt zurück.

„Sehr gut“, sagte er.

Sehr gut?, fragte ich mich verwirrt. Ist das etwa ein Test?

Ich presste ihn noch etwas fester zu Boden, als ich spürte, wie er die Muskeln anspannte.

„Vielleicht ist bei dir doch nicht alles umsonst“, fuhr er fort.

Plötzlich warf er mich mit einer Kraft, gegen die ich keine Chance hatte, herum und presste nun mich zu Boden. Das eiskalte Wasser umfing meinen ganzen Körper.

„Du bist hier, um auf deine Mission vorbereitet zu werden“, zischte er. „Dort, wo du hingehst, gibt es Kräfte, die sich gegen dich wenden werden. Du musst lernen zu kämpfen.“

Sein Griff war wie ein Schraubstock um meine Schultern und mit den Beinen presste er meine Arme an meinen Körper. Unwillkürlich fragte ich mich, ob er mich zuvor nur hatte gewinnen lassen. Ob er sich absichtlich zunächst nicht gewehrt hatte.

Immerhin hatte ich jetzt zumindest eine Antwort. Das hier war eine Vorbereitung auf meine Mission. Doch wie sollte ich gegen diesen offenbar uralten Gott bestehen?

Enamon musterte mich für einen Moment kalt. Dann holte er zu einem weiteren Schlag aus, doch dieses Mal sah ich seine Hand kommen. Ich nutzte den Schwung seiner Ausholbewegung, um mich mit aller Kraft herumzuwerfen.

Es funktionierte. Enamon wurde von mir heruntergeworfen und landete einige Meter neben mir im Wasser. Ich sprang auf und setzte ihm nach.

Jetzt war ich es, die zuschlug. Zuerst zielte ich auf seinen Kopf, doch er wich aus. Mein zweiter Schlag ging in Richtung seines Bauchs, doch auch dieses Mal war er zu schnell, sodass mein Schlag ins Leere ging.

Verdammt. Wo war meine Schnelligkeit, wo meine unsterbliche Stärke, jetzt, wo ich sie brauchte?

Enamon war zurückgewichen. „Na los, junge Rachegöttin“, spottete er. „Ist das alles?“

Die Wut in mir loderte höher. „Ich sagte“, rief ich und Wasser spritzte auf, als ich ihm nachsetzte und wieder und wieder auf ihn einzuschlagen versuchte, „mein Name ist Ivaine!“

Ich traf ihn mit voller Wucht ins Gesicht. Sein Kopf wurde zur Seite geschleudert. Er taumelte rückwärts.

Wieder setzte ich ihm sofort nach und trat nach ihm, doch plötzlich packte er meinen Fuß und riss ihn nach oben.

Verdammt!, hatte ich noch Zeit zu denken, dann lag ich wieder im Wasser. Dieses Mal blieb Enamon stehen und begnügte sich damit, mir heftig in die Seite zu treten.

Ein seltsames Gefühl stieg in mir auf. Es fühlte sich an, als würde etwas in mir rebellieren. Als wäre etwas in mir gefangen und würde sich gegen seine Ketten werfen. Für einen Augenblick vergaß ich Enamon. Etwas wie das hatte ich noch nie gespürt. War das die Quelle meiner unsterblichen Kraft? Ich versuchte, die Ketten in mir zu zerreißen, doch sie waren viel zu fest.

„Erbärmlich“, sagte Enamon noch einmal. „So schwach. So zerbrechlich!“

Dann trat er noch einmal zu, wieder in meine Seite. Ich hatte keine Zeit zu reagieren.

Und er hörte nicht auf. Seine Tritte trafen meinen Kopf, meinen Bauch, meine Arme. Ich versuchte aufzustehen, versuchte auszuweichen oder ebenfalls seinen Fuß zu packen, doch es war, als würde ich versuchen, Hagelkörnern auszuweichen. Welle um Welle Schmerz peitschte durch meinen Körper.

Zu schnell!, dachte ich verzweifelt. Er ist zu schnell für mich!

„Wehr dich endlich! Lass die Bestie in dir frei!“, rief Enamon.

Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon wieder traf mich ein Tritt am Kopf. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen.

Ich versuchte, seine Tritte kommen zu sehen, aber es war unmöglich. Er war so schnell, dass ich ihn nur als verschwommenen Schemen erkannte.

Schließlich, als die schwarzen Punkte vor meinen Augen immer dichter wurden und mein Körper nur noch aus Schmerz zu bestehen schien, hörte er auf.

„Das sollte für heute genügen“, sagte er kühl.

In diesem Moment erschien eine weitere Gestalt am Rande meines Blickfelds. Lydia. Sie starrte auf mich herab, dann wandte sie sich zu Enamon um. „Was hast du getan?“ Ihre Stimme war panisch.

„Das, was uns aufgetragen worden ist.“

„Es ist ihr erster Tag! Und sie ist noch so jung!“ Ihr Blick war jetzt voller Wut. „Du wusstest, dass sie es heute nicht schaffen kann! Wie konntest du ihr das antun?“

Jetzt schien Enamon ebenfalls wütend zu werden. Er trat auf sie zu. „Und wie kannst du es wagen, mir zu widersprechen? Hast du vergessen, wer du bist?“

Lydia wich zurück, doch er hatte sie bereits am Arm gepackt und hob die Hand, um ihr ins Gesicht zu schlagen.

Mein ganzer Körper schrie mich an, liegen zu bleiben und mein Verstand sagte mir, dass das nicht meine Angelegenheit war. Was Enamon mit Lydia tat, ging mich nichts an.

Trotzdem sprang ich auf und stellte mich zwischen die beiden. Mir wurde schwindelig und mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich in tausend Teile zerspringen, doch ich blieb stehen.

„Lass sie los!“, keuchte ich. Wassertropfen fielen aus meinem Haar und liefen mir in die Augen.

Was zum Teufel tust du da?, schrie mein Verstand. Du kennst sie nicht einmal! Warum setzt du dich für sie ein?