Verlag: Heyne Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Rachel im Wunderland E-Book

Marian Keyes  

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E-Book-Beschreibung Rachel im Wunderland - Marian Keyes

Rachel ist begeistert – vom Partyleben ihrer Traumstadt New York und von Luke, ihrem neuen Freund. Bis zu der einen Nacht, in der alles schiefläuft. Rachel erkennt, dass sie ein ernstes Problem lösen muss, um glücklich zu werden.

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E-Book-Leseprobe Rachel im Wunderland - Marian Keyes

ZUM BUCH

Rachel Walsh ist 27 Jahre alt, lebt in New York und genießt das Leben: auf Partys die wirklich »wichtigen« Leute treffen, in hippen Bars Männer anmachen, trinken, koksen, Spaß haben. Doch dann trifft Rachel Luke Costello – Ire wie sie, wirklich gutaussehend, nur leider völlig uncool. Trotzdem funkt es zwischen den beiden. Als Rachel nach einer heißen Nacht fast an einer Überdosis Kokain und Schlaftabletten stirbt, alarmiert Luke Rachels Familienangehörige in Irland, die sie überreden, sich in Dublin behandeln zu lassen. Rachel, die Cloisters für eine Art Gesundheitsfarm hält, hofft auf erholsame Ferien mit Prominenz, Whirlpool und Sauna. Doch die Realität sieht anders aus. Nur langsam wird Rachel klar, dass sie ein ernstes Problem hat und dass Cloisters der einzige Ort ist, wo sie ihr Leben in den Griff bekommen kann.

 

In Rachel im Wunderland schildert Marian Keyes ein bewegendes Thema engagiert, unterhaltsam und mit Bravour – witzig, spannend, manchmal tragisch, aber niemals schwer.

ZUR AUTORIN

Marian Keyes wurde 1963 als ältestes von fünf Kindern in Limerick geboren. Sie wuchs in Dublin auf, wo sie auch Jura studierte. 1986 siedelte sie nach London über und hielt sich anschließend mit Gelegenheitsjobs über Wasser. 1993 begann sie zu schreiben. Sie schickte erste Geschichten an einen Verlag und behauptete, ein Roman sei auch in Arbeit. Als sich der Verlag daran interessiert zeigte, musste sie ihn tatsächlich schreiben – so entstand Wassermelone, die Geschichte der ältesten Walsh-Tochter Claire. Wassermelone wurde ebenso wie alle folgenden Romane von Marian Keyes ein internationaler Bestseller. Marian Keyes lebt heute mit ihrem Ehemann in DúN LAOGHAIRE, DUBLIN.

Inhaltsverzeichnis

ZUM BUCHZUR AUTORINKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64Kapitel 65Kapitel 66Kapitel 67Kapitel 68Kapitel 69Kapitel 70Kapitel 71Kapitel 72Kapitel 73EpilogAnmerkung der AutorinDanksagungenCopyright

1

Die haben gesagt, ich wäre drogensüchtig. Das war wie ein Schlag in die Magengrube – schließlich gehörte ich zur Mittelschicht, war in einer Klosterschule erzogen worden und nahm Drogen ausschließlich zur Entspannung. Und Drogensüchtige waren doch dünner als ich, oder? Es stimmte schon, ich nahm Drogen, aber keiner schien zu verstehen, dass Drogen für mich das Gleiche waren wie für andere ein oder zwei Gläschen am Freitag nach Feierabend. Sie genehmigten sich womöglich ein paar Wodka Tonic und schlugen ein bisschen über die Stränge, und bei mir waren es eben eine Line Kokain oder zwei. Wie ich meinem Vater, meiner Schwester, dem Ehemann meiner Schwester und irgendwann auch den Therapeuten in Cloisters zu erklären versuchte: »Wenn man Kokain in flüssiger Form und in Flaschen abgefüllt kaufen könnte, würde sich dann einer aufregen, dass ich es nehme? Jede Wette, dass nicht!«

Die Unterstellung, drogensüchtig zu sein, kränkte mich, denn ich war überhaupt nicht der Typ. Abgesehen von den Einstichstellen am Arm hatten Junkies wirres, fettiges Haar, liefen ständig frierend und mit hochgezogenen Schultern durch die Gegend, trugen Billigturnschuhe von Woolworth, hingen auf der Straße rum und waren, wie schon erwähnt, dünn.

Ich war kein bisschen dünn.

Nicht dass ich nicht dünn sein wollte. Ich habe jede Menge Zeit auf dem Stairmaster im Fitnessstudio zugebracht. Aber ich konnte Treppen steigen, so viel ich wollte, am Schluss siegten die Gene. Hätte mein Vater eine kleine zierliche Frau geheiratet, hätte ich vielleicht ein ganz anderes Leben gehabt. Mit Sicherheit hätte ich ganz andere Oberschenkel gehabt.

So war es stattdessen mein Schicksal, dass die Leute über mich sagten: »Sie ist eine stattliche Erscheinung.« Und dann fügten sie rasch hinzu: »Nicht dick. Das will ich nicht gesagt haben!«

Was indirekt heißen sollte, dass ich, wenn ich dick wäre, etwas dagegen tun könnte.

»Nein«, sagten sie dann, »sie ist ein großes, kräftiges Mädchen. Kräftig, das trifft es genau.«

Wie oft ich schon als kräftig bezeichnet worden war!

Ich konnte das nicht mehr hören.

Luke, mein Freund, hat mich manchmal als üppig bezeichnet. (Bei indirektem Licht und nach ein paar Gläsern Bier.) Mir gegenüber hat er das getan. Zu seinen Freunden hat er wahrscheinlich gesagt: »Ich will nicht sagen, dass sie dick ist ...«

Die Sache mit der Drogensucht kam an einem Morgen im Februar auf, als ich in New York lebte.

Ich hatte nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass mein Leben in Versteckte Kamera lief. Ständig geriet es aus der Bahn, und ich glaubte schon lange nicht mehr, dass der liebe Gott, der für mich zuständig war, ein gütiger alter Mann mit langen Haaren und einem Bart war. Er war eher ein hämischer alter Spötter, und mein Leben war wie eine Theatervorstellung zur Unterhaltung der anderen Götter.

»Wollt ihr mal sehen«, fragte er und lachte, »wie es Rachel geht, als sie denkt, dass sie einen neuen Job hat und ihren alten ruhig kündigen kann? Und sie weiß noch gar nicht, dass die neue Firma kurz davorsteht, pleitezugehen!«

Schallendes Gelächter von den anderen Göttern.

»Und jetzt könnt ihr euch anschauen«, kichert er, »wie sie sich mit ihrem neuen Lover treffen will. Habt ihr gesehen, wie ihr Absatz in einem Kanalgitter hängenbleibt? Jetzt ist er ab. Sie konnte ja nicht wissen, dass wir damit rumgespielt haben. Jetzt muss sie die restliche Strecke humpeln.«Wieder lachen die versammelten Götter ausgelassen.

»Aber das Beste ist«, freut sich der liebe Gott, »dass der Mann, mit dem sie verabredet war, gar nicht erscheint. Er hat sich nur mit ihr verabredet, weil jemand mit ihm gewettet hatte. Guckt mal, wie unwohl sich Rachel in dieser vornehmen Bar fühlt. Und wie mitleidig die anderen Frauen gucken. Jetzt bringt ihr der Kellner eine enorm hohe Rechnung für das Glas Wein, aber das Heißeste kommt noch, denn Rachel hat ihr Geld zu Hause vergessen.«

Brüllendes Gelächter.

Die Ereignisse, die dazu führten, dass man mich für drogensüchtig hielt, waren die gleichen Versatzstücke einer himmlischen Farce wie der Rest meines Lebens. Und das kam so: Ich hatte es an einem Abend mit den aufputschenden Mitteln ein bisschen übertrieben und konnte nicht einschlafen. (Nicht dass ich zu viel nehmen wollte, aber ich hatte einfach die Qualität von dem Kokain unterschätzt). Da ich wusste, dass ich am nächsten Tag unbedingt zur Arbeit gehen musste, nahm ich ein paar Schlaftabletten. Nach ungefähr zehn Minuten war ich immer noch wach, also nahm ich gleich noch mal zwei. Trotzdem konnte ich nicht zur Ruhe kommen, und aus lauter Verzweiflung – ich musste unbedingt ein paar Stunden schlafen, um für die Arbeit fit zu sein – legte ich noch ein paar nach.

Endlich schlief ich ein. Es war ein wunderbarer, tiefer Schlaf. So wunderbar und tief, dass ich am Morgen, als der Wecker klingelte, ganz vergaß aufzuwachen.

Brigit, meine Mitbewohnerin, klopfte an die Tür, dann kam sie in mein Zimmer und schrie mich an, dann schüttelte sie mich und, in letzter Not, schlug sie mir ins Gesicht. (Das mit dem »in letzter Not« nehme ich ihr nicht ab. Es muss ihr klar gewesen sein, dass ich davon nicht aufwachen würde. Aber schließlich ist am Montagmorgen keiner gut drauf.)

Doch dann fiel Brigits Blick zufällig auf ein Stück Papier, auf das ich noch kurz vorm Einschlafen ein paar Worte gekritzelt hatte. Es waren die üblichen lyrischen Ergüsse, wie ich sie manchmal, wenn ich unter Drogen stand, zu Papier brachte: weinerlich, rührselig und selbstgefällig. Jedes Mal hielt ich mein Geschreibsel für irrsinnig tiefschürfend und dachte, ich hätte das Geheimnis des Universums entdeckt, aber wenn ich es bei kaltem Tageslicht las, vorausgesetzt, ich konnte es überhaupt lesen, trieb es mir die Schamesröte ins Gesicht.

Das Gedicht ging ungefähr so: »Brummel, brummel, das Leben ...«, das Nächste war unleserlich, »Schale voller Kirschen, brummel, und ich krieg die Kerne ...« Und dann – daran kann ich mich vage erinnern – fiel mir ein wirklich guter Titel für ein Gedicht über eine Ladendiebin ein, die plötzlich ihr Gewissen entdeckt. Er lautete: Ich mag nicht mehr.

Aber Brigit, die in letzter Zeit so komisch und empfindlich war, hat es nicht für das peinliche Gewäsch gehalten, das es eindeutig war, sondern sie kam, als sie auch noch das leere Schlaftablettenröhrchen auf meinem Kissen sah, zu dem Schluss, dass es ein Abschiedsbrief war. Und bevor ich wusste, wie mir geschah – buchstäblich bevor ich es wusste, denn ich schlief ja noch, beziehungsweise ich war bewusstlos, wenn man der Version der anderen Glauben schenkt –, hatte sie den Notarzt gerufen, und ich wurde ins Mount-Sinai-Krankenhaus verfrachtet, wo sie mir den Magen auspumpten. Das war schon nicht sehr angenehm, aber es kam noch schlimmer. Brigit hatte sich offensichtlich zu einer Enthaltsamkeitsfanatikerin entwickelt, von denen es in New York inzwischen wimmelt; die stempeln einen zum Alkoholiker ab, wenn man sich mehr als zweimal in der Woche die Haare mit Bierschampoo wäscht, und drücken einem dann gleich das Zwölf-Schritte-Programm auf. Sie rief also meine Eltern in Dublin an und sagte ihnen, dass ich Drogenprobleme hätte und gerade versucht hätte, mich umzubringen. Und bevor ich mich einschalten konnte, um zu erklären, dass es sich um ein peinliches Missverständnis handelte, hatten meine Eltern schon meine entsetzlich brave Schwester Margaret angerufen. Die kam dann auch prompt mit dem ersten Flug aus Chicago, den sie kriegen konnte, zusammen mit Paul, ihrem ebenfalls entsetzlichen Mann.

Margaret ist nur ein Jahr älter als ich, aber sie kam mir eher wie vierzig vor. Sie war fest entschlossen, mich nach Irland in den Schoß der Familie zu befördern. Und dort würde man mich nach kurzem Zwischenaufenthalt in eine Art Betty-Ford-Klinik einweisen, wo sie mir »ein für alle Mal«, wie mein Vater sagte, als er anrief, den Kopf zurechtsetzen würden.

Ich hatte natürlich nicht die geringste Absicht, überhaupt zu verreisen, aber inzwischen bekam ich es richtig mit der Angst zu tun. Nicht nur, weil alle davon redeten, dass ich nach Hause und in so ein Sanatorium kommen sollte, sondern weil mein Vater mich angerufen hatte. Er hatte mich angerufen. Das war in den ganzen siebenundzwanzig Jahren meines Lebens noch nie passiert. Es war schon schwer genug, ein Hallo aus ihm herauszubekommen, wenn ich zu Hause anrief und er zufällig am Apparat war. Meistens reichte es nur für: »Wer ist es denn? Ach, Rachel? Warte, deine Mutter kommt schon.« Danach hörte man nur noch das Knallen des Hörers, bevor er Mum holte.

Wenn Mum nicht da war, geriet er in Panik. »Deine Mutter ist nicht da«, sagte er dann, und seine Stimme wurde schrill vor Angst. Was er eigentlich sagte, war: »Bitte, verlang nicht, dass ich mit dir spreche.«

Es lag aber nicht daran, dass er mich nicht mochte oder dass er ein strenger, unnahbarer Vater war.

Er war ein sehr lieber Mann.

Mit siebenundzwanzig, nachdem ich seit acht Jahren nicht mehr zu Hause wohnte, konnte ich das widerstrebend zugeben, und auch, dass er nicht nur Der-große-Geldver-weigerer-für-neue-Jeans war, auf den meine Schwestern und ich als Teenager mit Vorliebe unseren ganzen Groll richteten. Aber auch wenn er ein lieber Mann war, so war er dennoch kein brillanter Konversationspartner. Es sei denn, man wollte über Golf sprechen. Dass er mich angerufen hatte, musste also heißen, dass ich diesmal wirklich ernsthaft in Schwierigkeiten war.

Beklommen versuchte ich, ihn zu beschwichtigen.

»Ich habe gar nichts«, sagte ich zu ihm. »Es ist alles ein Missverständnis, mir geht es gut.«

Davon wollte er nichts hören. »Du kommst nach Hause«, befahl er.

Davon wollte ich nun nichts hören. »Dad, sei doch mal vernünftig. Du musst das ... realistisch sehen, ich kann nicht einfach mein Leben hier hinschmeißen.«

»Was kannst du nicht hinschmeißen?«

»Meine Arbeit zum Beispiel«, sagte ich. »Ich kann doch nicht einfach meine Stelle aufgeben.«

»Ich hab schon mit denen gesprochen. Sie sind auch der Meinung, dass du nach Hause kommen sollst«, sagte er.

Plötzlich tat sich vor mir ein Abgrund auf.

»Was hast du getan?« Mir verschlug es fast die Sprache, so furchtbar war das alles. Was hatten sie Dad über mich erzählt?

»Ich habe mit deinem Chef gesprochen«, wiederholte Dad im selben Tonfall.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein.« Ich musste schlucken. »Mit wem denn?«

»Mit einem gewissen Eric«, sagte Dad. »Er meinte, er sei dein Chef.«

»O nein!«, sagte ich.

Also gut, ich war siebenundzwanzig, und es sollte mir gleichgültig sein, ob mein Vater wusste, dass ich manchmal zu spät zur Arbeit kam. Aber es war mir nicht gleichgültig. Ich kam mir vor wie vor zwanzig Jahren, als meine Eltern zur Lehrerin bestellt wurden und erklären sollten, warum ich nie mit vollständig gemachten Hausaufgaben in die Schule kam.

»Das ist ja schrecklich«, sagte ich. »Warum musstest du auch bei meiner Arbeit anrufen? Es ist mir so peinlich! Was sie wohl denken? Wahrscheinlich feuern sie mich jetzt.«

»Rachel, soweit ich ihn verstanden habe, wollten sie das sowieso tun«, sagte Dads Stimme über den Atlantik hinweg.

Verdammt, ich war durchschaut. Dad wusste Bescheid! Eric hatte ihm wahrscheinlich alles erzählt.

»Das glaube ich dir nicht«, wehrte ich mich. »Du sagst das nur, damit ich nach Hause komme.«

»Überhaupt nicht«, sagte Dad. »Ich kann dir sagen, was dieser Eric mir erzählt hat ...«

Nein, schönen Dank! Es war schon schlimm genug, dass ich mir denken konnte, was Eric gesagt hatte, ich wollte es nicht auch noch hören.

»Bis zu dem Zeitpunkt, als du sie angerufen hast, war alles in bester Ordnung«, log ich hemmungslos. »Da hast du mir ja was Schönes eingebrockt. Ich werde Eric anrufen und ihm sagen, dass du völlig übergeschnappt und aus einer Anstalt entflohen bist und dass er dir auf keinen Fall glauben darf.«

»Rachel.« Dad seufzte hörbar. »Ich habe kaum ein Wort zu diesem Eric gesagt, er hat die ganze Zeit geredet und schien sehr froh zu sein, dich loszuwerden.«

»Mich loszuwerden?«, sagte ich dünn. »Du meinst, mich auf die Straße zu setzen? Heißt das, ich habe meinen Job verloren?«

»So ist es.« Dad klang sehr sachlich.

»Na, toll«, sagte ich, den Tränen nah. »Schönen Dank, dass du mir mein Leben kaputtgemacht hast.«

Wir schwiegen, während ich mich an den Gedanken zu gewöhnen versuchte, dass ich mal wieder ohne Arbeit war. Rieb sich der liebe Gott jetzt angesichts meines neuen Unglücks die Hände?

»Und was ist mit meiner Wohnung?«, wollte ich wissen. »Wo du doch schon alles andere zerstört hast.«

»Margaret kümmert sich mit Brigit darum«, sagte Dad.

»Kümmert sich darum?« Ich hatte erwartet, dass diese Frage Dad aus der Bahn werfen würde. Ich war entsetzt, dass er da auch schon etwas unternommen hatte. Sie taten geradezu so, als fehlte mir wirklich etwas.

»Sie gibt Brigit die Miete für zwei Monate, sodass Brigit Zeit hat, eine neue Mitbewohnerin zu finden.«

»Eine neue Mitbewohnerin?«, kreischte ich. »Aber das ist mein Zuhause.«

»Soweit ich verstanden habe, seid ihr beiden in letzter Zeit nicht so gut miteinander klargekommen.« Dad klang verlegen.

Er hatte recht. Und unsere Beziehung hatte sich noch einmal deutlich verschlechtert, seit Brigit meine Eltern angerufen und mir meine gesamte Familie auf den Hals gehetzt hatte. Ich war wütend auf sie, und sie schien aus irgendeinem Grund wütend auf mich zu sein. Aber Brigit war meine beste Freundin, und wir hatten immer zusammengewohnt. Es kam gar nicht in Frage, dass jemand anders bei ihr einzog.

»Da hast du aber viel verstanden«, sagte ich trocken.

Er schwieg.

»Unheimlich viel«, sagte ich, jetzt mit weinerlicher Stimme.

Ich verteidigte mich längst nicht so gut wie sonst. Aber um ehrlich zu sein, dieser Krankenhausaufenthalt hatte mich nicht nur meinen Mageninhalt gekostet, sondern auch eine Menge Kraft. Ich fühlte mich schwach und war nicht in der Lage, den Kampf gegen meinen Vater aufzunehmen, und das sah mir gar nicht ähnlich. Mit meinem Vater zu streiten, kam bei mir so instinktiv wie meine Weigerung, mit schnurrbärtigen Männern zu schlafen.

»Es hindert dich also nichts daran, nach Hause zu kommen und dein Leben wieder ins Lot zu bringen«, sagte Dad.

»Aber ich habe eine Katze.« Das war gelogen.

»Dann suchst du dir eine neue«, sagte er.

»Aber ich habe einen Freund«, sagte ich.

»Dann suchst du dir einen neuen«, sagte Dad.

Er hatte leicht reden.

»Gib mir noch mal Margaret, wir sehen uns dann morgen«, sagte Dad.

»Ich denke gar nicht dran«, murmelte ich.

Und damit schien die Sache besiegelt. Zum Glück hatte ich zwei Valium genommen, sonst hätte mich das Gespräch wahrscheinlich sehr, sehr unglücklich gemacht.

Margaret saß neben mir. Irgendwie war sie die ganze Zeit in meiner Nähe, fiel mir auf.

Nachdem sie mit Dad gesprochen hatte, beschloss ich, dem ganzen Spuk ein Ende zu machen. Es war an der Zeit, dass ich mein Leben wieder in die Hand nahm. Denn das hier war nicht lustig, es war nicht unterhaltsam und nicht amüsant. Es war unangenehm und vor allem völlig unnötig.

»Margaret«, sagte ich forsch, »ich habe gar nichts. Es tut mir leid, dass ihr umsonst hierhergekommen seid, und jetzt fahr bitte wieder weg und nimm deinen Mann mit. Das hier ist ein riesiger, enormer, schrecklicher Irrtum.«

»Das glaube ich nicht«, sagte sie. »Brigit hat mir erzählt...«

»Was Brigit sagt, spielt keine Rolle«, unterbrach ich sie. »Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen um Brigit. Sie ist in letzter Zeit so komisch. Früher war sie richtig lustig.«

Margaret sah mich zweifelnd an und sagte dann: »Du nimmst anscheinend wirklich viele Drogen.«

»Dir kommt das vielleicht viel vor«, erklärte ich sanft. »Aber du bist eben auch eine Schleimerin, dir würde alles viel vorkommen.«

Es stimmte, dass Margaret eine Schleimerin war. Ich hatte vier Schwestern, zwei ältere und zwei jüngere, und Margaret war die einzige, die wirklich brav war. Früher musterte unsere Mutter uns manchmal und sagte traurig: »Na ja, eine von fünfen, so schlecht ist das gar nicht.«

»Ich bin keine Schleimerin«, protestierte sie. »Ich bin einfach nur normal.«

»Das stimmt, Rachel.« Paul meldete sich zu Wort und nahm Margaret in Schutz. »Sie ist keine Schleimerin. Bloß weil sie kein ... kein Junkie ist und arbeitslos und von ihrem Mann sitzengelassen worden ist ... im Gegensatz zu anderen«, fügte er düster hinzu.

Ich erkannte sofort die Schwachstelle in seiner Argumentation.

»Mein Mann hat mich nicht sitzengelassen«, verteidigte ich mich.

»Bloß, weil du keinen hast«, erwiderte Paul.

Offenbar spielte Paul auf meine älteste Schwester Claire an, deren Mann sich an dem Tag aus dem Staub gemacht hatte, als sie ihr erstes Kind bekam.

»Und eine Stelle habe ich auch«, sagte ich.

»Jetzt nicht mehr.« Er grinste.

Wie ich ihn verabscheute!

Und er verabscheute mich. Ich nahm das nicht persönlich. Er verabscheute meine ganze Familie. Es fiel ihm nicht leicht zu entscheiden, welche von Margarets Schwestern er am meisten verabscheute. Das war kein Wunder, denn unter uns tobte ein harter Kampf um die Position des schwärzesten Schafes. Da war Claire, einunddreißig, die sitzengelassene Ehefrau. Ich, siebenundzwanzig, angeblich ein Junkie. Anna, vierundzwanzig, die noch nie richtig gearbeitet hatte und manchmal mit Haschisch dealte, um sich über Wasser zu halten. Und dann Helen, zwanzig, und bei ihr wusste man gar nicht, wo man anfangen sollte.

Wir verabscheuten Paul ebenso inbrünstig wie er uns.

Auch Mum verabscheute ihn, obwohl sie es nie zugeben würde. Sie tat gern so, als würde sie jeden mögen, weil sie hoffte, so schneller einen Platz im Himmel zu bekommen.

2

Die Stewardess zwängte sich zwischen Paul und mir hindurch. »Könnten Sie bitte Ihre Plätze einnehmen? Sie verstellen den Gang.«

Paul und ich blieben aber stehen. Margaret, stets die Brave, hatte sich schon auf ihren Platz am Fenster gesetzt.

»Gibt es ein Problem?« Die Stewardess überprüfte die Bordkarten, dann blickte sie auf die Sitznummern.

»Aber die Sitze stimmen doch«, sagte sie.

Das war das Problem. Laut unserer Bordkarten saß ich neben Paul, und der Gedanke, auf dem ganzen Flug nach Dublin neben ihm zu sitzen, stieß mir übel auf. Mein rechter Oberschenkel würde sich sieben Stunden lang nicht entspannen können.

»Tut mir leid«, sagte ich, »aber ich will nicht neben ihm sitzen.«

Ich zeigte auf Paul.

»Und ich will nicht neben ihr sitzen«, sagte er.

»Und was ist mit Ihnen?« fragte die Stewardess Margaret. »Haben Sie irgendwelche Vorbehalte, neben wem Sie sitzen?«

»Nein.«

»Gut«, sagte sie mit äußerster Geduld. »Dann setzen Sie sich doch ans Fenster.«

Das war an Paul gerichtet.

»Und Sie«, sagte sie zu Margaret, »nehmen den Platz in der Mitte.« Dann sagte sie zu mir: »Und Sie sitzen am Gang.«

»In Ordnung«, sagten wir drei beschämt.

Der Mann in der Reihe vor uns verrenkte sich den Kopf, um uns ansehen zu können.

Eine Weile lang starrte er uns verwundert an, dann sagte er: »Verzeihen Sie mir die Frage, aber wie alt sind Sie?«

 

Ja, ich hatte mich bereit erklärt, nach Irland zu fliegen.

Obwohl ich anfangs nicht die geringste Absicht hatte mitzukommen, waren ein paar Dinge dazwischengekommen, die meine Einstellung geändert hatten. Zuerst besuchte mich Luke – groß, dunkel und sexy – in meiner Wohnung. Ich freute mich, ihn zu sehen.

»Musst du nicht arbeiten?«, fragte ich und stellte ihn dann voller Stolz Margaret und Paul vor.

Luke begrüßte sie höflich mit Handschlag, aber sein Ausdruck war verschlossen und angespannt. Um wieder ein Lächeln in sein Gesicht zu zaubern, begann ich, die Geschichte von meiner Eskapade im Mount-Sinai-Krankenhaus zum Besten zu geben. Er fand sie aber offenbar nicht lustig. Stattdessen packte er mich mit festem Griff am Arm und murmelte: »Ich muss mit dir unter vier Augen sprechen.«

Ich war verblüfft. Wir ließen Paul und Margaret im Wohnzimmer sitzen, und ich ging mit Luke in mein Zimmer. Seiner steinernen Miene nach zu urteilen, war er nicht im Begriff, mich an sich zu reißen und zu sagen: »Schnell, jetzt wollen wir dir mal die nassen Kleider ausziehen«, was er sonst immer tat.

Dennoch war ich nicht auf das vorbereitet, was dann kam. Er gab mir zu verstehen, dass er kein bisschen amüsiert sei über meinen Ausflug ins Krankenhaus. Im Gegenteil, er klang angewidert.

»Wo ist dein Sinn für Humor geblieben?«, fragte ich erstaunt. »Du bist fast so schlimm wie Brigit.«

»Darauf antworte ich erst gar nicht«, zischte er.

Dann erklärte er zu meinem Entsetzen unsere Beziehung für beendet. Mir wurde ganz kalt vor Schreck. Er machte mit mir Schluss? »Warum denn?«, fragte ich, während jede Faser meines Körpers »NEIN!« schrie. »Hast du eine andere kennengelernt?«

»Wie kannst du so eine unsinnige Frage stellen?«, herrschte er mich an.

»Warum denn dann?«, fragte ich.

»Weil du nicht die bist, für die ich dich gehalten habe«, sagte er.

Na, jetzt war ich genauso schlau wie zuvor.

Dann fing er an, mich aufs Gemeinste zu beleidigen, und behauptete, dass es alles meine Schuld sei und er keine andere Wahl habe, als unsere Beziehung zu beenden.

»O nein, mein Lieber.« So leicht würde ich nicht klein beigeben. »Wenn du mit mir Schluss machen willst, bitte, aber gib nicht mir die Schuld.«

»Himmel«, sagte er wütend. »Du willst es einfach nicht kapieren.«

Er stand auf und ging zur Tür.

Geh nicht.

Er blieb nur kurz stehen, um mir noch ein paar Beleidigungen an den Kopf zu werfen, und verließ dann türenknallend die Wohnung. Ich war am Boden zerstört. Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann mich ohne ersichtlichen Grund sitzengelassen hatte, aber von Luke Costello hatte ich das nicht erwartet. Wir hatten schon seit sechs Monaten eine Beziehung, und ich war langsam zu der Auffassung gekommen, es sei eine gute.

Mit enormer Anstrengung gelang es mir, nicht unter dem Schock zusammenzubrechen und vor Margaret und Paul so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Dann, mitten in mein Unglück hinein, das mir fast die Sinne raubte und den Magen umdrehte, sagte Margaret: »Rachel, du musst mit nach Hause kommen. Dad hat schon einen Platz für dich in Cloisters reserviert.« Ich hatte das Gefühl, dass man mir eine Rettungsleine zuwarf.

Cloisters! Cloisters war berühmt.

Hunderte von Rocksängern hatten sich in das ehemalige Kloster in Wicklow einweisen lassen (wo sie sich gleichzeitig dem Zugriff ihres Finanzamtes entzogen, das war ja klar) und blieben dort die erforderlichen zwei Monate. Und bevor man Zeit hatte zu sagen: »Für mich bitte ein Sprudelwasser«, hatten sie aufgehört, Kleinholz aus Hotelzimmern zu machen und ihre Autos in Swimmingpools zu fahren, und brachten stattdessen ein neues Album heraus, traten in jeder Talkshow auf, sprachen leise und freundlich und hatten die Haare sauber geschnitten und gekämmt, während die Kritiken von einer anderen Qualität und einer neuen Dimension ihrer Musik sprachen.

Ich hätte nichts dagegen, nach Cloisters zu gehen. Das wäre keine Schande. Ganz im Gegenteil. Und man wusste nie, wem man dort begegnen würde.

Dass Luke mit mir Schluss gemacht hatte, warf ein ganz neues Licht auf mein Leben.

Vielleicht wäre es nicht das Schlechteste, wenn ich eine Weile aus New York verschwand, dachte ich. Besonders, da es ja so schien, als würde mir der Spaß an diesem Leben gründlich verdorben. Es musste ja nicht für immer sein, nur für ein paar Monate, bis es mir wieder besser ging.

Was konnte es schon schaden, da ich jetzt sowieso keine Arbeit und keinen Freund mehr hatte, die mich halten konnten. Eine Stelle zu verlieren, war nicht so schlimm, schließlich konnte ich mir jederzeit eine neue suchen, aber den Freund ... nun ja ...

»Was meinst du, Rachel?«, fragte Margaret besorgt. »Hast du dich entschieden?«

Natürlich musste ich erst noch ein bisschen protestieren. Ich konnte ja nicht zugeben, dass mein Leben so wertlos war, dass ich es ohne mit der Wimper zu zucken einfach hinwerfen konnte. Also leistete ich einigen Widerstand, aber es war nur leeres Gehabe.

»Wie würde es dir gefallen, wenn ich in dein Leben hineinmarschierte und sagte: ›Los, Mags, jetzt verabschiede dich mal von Paul und deinen Freunden, von deiner Wohnung, deiner Arbeit und deinem Leben, und dann bringen wir dich in eine Klapsmühle dreitausend Meilen von hier, obwohl dir gar nichts fehlt.‹Was würdest du dann sagen?«

Margaret war den Tränen nahe. »Rachel, es tut mir leid. Aber es ist keine Klapsmühle und ...«

Ich konnte die Show nicht lange aufrechterhalten, weil ich es nicht ertrug, wenn ich Margaret unglücklich machte. Auch wenn sie komisch war, ihr Geld zusammenhielt und den ersten Sex erst in der Ehe hatte, so mochte ich sie doch. Und als ich sagte: »Margaret, wie kannst du mir das ruhigen Gewissens antun? Wie kannst du nachts ruhig schlafen?«, hatte ich meinen Widerstand schon aufgegeben.

Brigit, Margaret und Paul wechselten erleichterte Blicke, als ich sagte: »Also meinetwegen, ich komme mit«, und das ärgerte mich, weil sie so taten, als sei ich leicht debil.

 

Nachdem ich mich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hatte, schien es mir eine gute Idee, an einen Ort zu kommen, wo ich mich entspannen konnte. Eine großartige Idee sogar.

Ich hatte seit Ewigkeiten keine Ferien gemacht. Ein bisschen Ruhe und Erholung konnten mir nur guttun. Ein Ort, wo ich mich verstecken und mir meine Luke-förmigen Wunden lecken konnte.

Die Worte von Patrick Kavanaghs Advent gingen mir im Kopf herum: »Wir haben zu viel geschmeckt und gekostet, Geliebter, durch einen zu breiten Spalt dringt kein Staunen.«

Über Cloisters hatte ich schon viel gelesen, und es klang wunderbar. Ich stellte mir vor, dass ich mich, in ein großes Badetuch gewickelt, auf einer bequemen Liege entspannen würde. Ich träumte von Dampfbad, Sauna, Massage, Algentherapie und dergleichen mehr. Ich würde nur Obst essen, gelobte ich, Obst und Gemüse. Und ich würde literweise Wasser trinken, mindestens acht Gläser pro Tag, um meinen Körper durchzuspülen und mich zu reinigen.

Bestimmt würde es mir guttun, mal einen Monat ohne Alkohol und ohne Drogen auszukommen.

Einen ganzen Monat, dachte ich plötzlich voller Panik. Doch in dem Moment zeigte das Valium seine beruhigende Wirkung. Zum Abendessen gab es bestimmt Wein. Und vielleicht war es solchen wie mir, die kein ernstliches Problem hatten, erlaubt, abends in den nächsten Pub zu gehen.

Ich würde in einer schlichten ehemaligen Mönchszelle wohnen: Steinfußboden, gekalkte Wände, ein schmales Bett mit hölzernem Gestell; und durch die Abendluft würden die fernen Klänge gregorianischer Gesänge zu mir dringen. Und natürlich gäbe es ein Fitnessstudio. Jeder weiß, dass körperliche Betätigung das beste Mittel für Alkoholiker und Konsorten ist. Am Ende meines Aufenthalts wäre mein Bauch hart wie ein Brett. Zweihundert Sit-ups pro Tag. Endlich einmal Zeit für mich! Und bei meiner Rückkehr nach New York sähe ich so toll aus, dass Luke mich auf Knien bitten würde, wieder zu ihm zurückzukommen.

Bestimmt würde es auch irgendeine Therapie geben. Eine richtige Therapie, meine ich, keine Cellulitis-Behandlung. Wo man sich auf die Couch legt und über seinen Vater erzählt, so in der Art. Dagegen hätte ich nichts. Ich selbst würde natürlich keine Therapie machen. Aber es wäre sicherlich interessant zu sehen, wie die richtigen Drogensüchtigen, die mit den Anoraks und den strähnigen Haaren, wieder zu Fünfjährigen wurden. Ich würde gereinigt, erfrischt und wie neugeboren Cloisters wieder verlassen. Alle, die im Moment alles Mögliche an mir auszusetzen hatten, wären plötzlich hellauf begeistert von mir. Das alte Ich gäbe es nicht mehr, das neue Ich wäre voller Energie und Tatendrang.

»Meinst du, ehm, sie kriegt Entzugserscheinungen?«, fragte Margaret Brigit, als wir uns für die Fahrt durch den Schnee zum Flughafen bereit machten.

»Mach dich doch nicht lächerlich«, regte ich mich auf. »Ihr übertreibt doch alle maßlos. Entzugserscheinungen, so ein Quatsch. Das kriegt man doch nur bei Heroin.«

»Und Heroin nimmst du nicht?«, fragte Margaret.

Ich verdrehte vor Empörung die Augen.

»Wie soll ich das denn wissen?«, schrie sie mich an.

»Ich muss aufs Klo«, sagte ich.

»Ich komme mit«, erbot sich Margaret.

»Auf keinen Fall.« Ich rannte los, kam vor ihr an und knallte ihr die Tür vor der Nase zu.

»Verpiss dich«, schrie ich hinter der Tür. »Sonst fang ich an zu spritzen, nur um dich zu ärgern.«

 

Als das Flugzeug startete, lehnte ich mich in meinen Sitz zurück und war überrascht, dass sich ein enormes Gefühl der Erleichterung in mir ausbreitete. Es war, als würde ich aus der Gefahrenzone ausgeflogen. Plötzlich war ich sehr froh, aus New York wegzukommen. In letzter Zeit war das Leben ziemlich schwierig gewesen. Und so einengend.

Ich war pleite und hatte bei fast jedem, den ich kannte, Schulden. Beinahe hätte ich gelacht, denn in dem Moment klang ich wirklich wie eine Drogensüchtige. Ich meinte ja nicht solche Schulden. Aber ich hatte alle meine Kreditkarten bis an die Grenzen ausgeschöpft und von sämtlichen Freunden Geld geborgt.

Die Arbeit als stellvertretende Geschäftsführerin in einem Hotel war immer schwieriger geworden. An manchen Tagen kam ich durch die Drehtür, um meine Schicht anzutreten, und wäre am liebsten laut schreiend wieder rausgerannt. Eric, mein Chef, war oft gereizt und schlecht gelaunt. Ich war oft krank gewesen und häufig zu spät gekommen. Worauf Eric noch unleidlicher wurde. Worauf ich natürlich noch öfter krank feierte. Bis mein Leben nur aus zwei Gefühlen zu bestehen schien: Verzweiflung, wenn ich arbeitete, Schuldgefühle, wenn ich nicht zur Arbeit ging.

Als das Flugzeug über Long Island durch die Wolken stieß, dachte ich: Eigentlich müsste ich jetzt arbeiten. Aber ich bin hier, und darüber bin ich froh.

Ich schloss die Augen, und unwillkürlich musste ich an Luke denken. Der anfängliche Schmerz der Zurückweisung war ein wenig gewichen, stattdessen merkte ich jetzt, wie sehr er mir fehlte. Wir hatten so gut wie zusammengelebt, und seine Abwesenheit war wie ein dumpfer Druck. Ich hätte mir nicht erlauben sollen, über ihn und das, was er gesagt hatte, nachzudenken, denn ich merkte, dass es mich ein bisschen hysterisch machte. Ein fast unwiderstehlicher Drang, ihn auf der Stelle zu sehen, ihm seinen Irrtum zu erklären und ihn zu bitten, zu mir zurückzukommen, überkam mich. Einen solchen Drang in einem Flugzeug zu Beginn eines siebenstündigen Fluges aufkommen zu lassen, war sehr dumm. Ich unterdrückte mühsam das Verlangen, die Notbremse zu ziehen. Zum Glück kam die Stewardess mit den Getränken, und ich nahm einen Wodka mit Orangensaft ebenso dankbar entgegen wie ein Ertrinkender das Rettungsseil.

»Guckt mich nicht so an«, sagte ich leise, als Margaret und Paul mich mit blassen, besorgten Gesichtern ansahen. »Ich bin deprimiert. Und überhaupt, seit wann darf ich keinen Alkohol trinken?«

»Solange du es nicht übertreibst«, sagte Margaret. »Versprichst du mir das?«

 

Anscheinend hat Mum die Nachricht, dass ich drogensüchtig war, sehr schlecht aufgenommen. Meine jüngste Schwester Helen und sie sahen sich gerade eine Vorabendsendung im Fernsehen an, als Dad ihr die Nachricht brachte. Offenbar kam er, nachdem er mit Brigit telefoniert hatte, ins Wohnzimmer geschossen und platzte heraus: »Deine Tochter ist drogensüchtig.«

Mum sagte nur: »Hmmm?« und wandte den Blick nicht von dem Geschehen auf dem Bildschirm ab.

»Aber das weiß ich doch«, ergänzte sie noch. »Warum regst du dich so auf?«

»Nicht Anna«, sagte Dad verärgert. »Ich meine es ernst. Es geht nicht um Anna. Ich spreche von Rachel!«

Offenbar nahm Mums Gesicht daraufhin einen merkwürdigen Ausdruck an, und sie stemmte sich hoch. Dann tastete sie sich – während Dad und Helen, der eine nervös, die andere frohlockend, ihr zusahen – blind in die Küche, legte den Kopf auf den Küchentisch und fing an zu weinen.

»Drogensüchtig«, schluchzte sie. »Das überlebe ich nicht.«

Dad legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

»Anna vielleicht«, klagte sie. »Anna bestimmt. Aber nicht Rachel. Es ist schon schlimm genug mit einer, Jack, aber zwei? Und ich weiß auch nicht, was sie immer mit der Alufolie machen. Wirklich! Anna braucht massenweise davon, und wenn ich sie frage, was sie damit macht, kriege ich keine vernünftige Antwort.«

»Sie wickelt das Hasch in kleine Päckchen, um es zu verkaufen«, erklärte Helen hilfsbereit.

»Mary, hör mal auf, von der Alufolie zu faseln«, sagte Dad und versuchte, einen Plan zu meiner Rettung zu entwerfen. Dann drehte er sich plötzlich zu Helen um. »Was macht sie damit?«, fragte er entsetzt.

Inzwischen war Mum wütend geworden.

»Ach, du sagst also, ich soll aufhören zu faseln, ja?«, wandte sie sich an Dad. »Für dich ist es ja leicht, so was zu sagen. Du brauchst ja auch nicht den Truthahn zu braten, und wenn du ihn in die Folie wickeln willst, um ihn in den Backofen zu schieben, findest du nur noch die Papprolle. Es ist schließlich nicht dein Truthahn, der trocken und schrumpelig aus dem Ofen kommt.«

»Mary, bitte, um Himmels willen ...«

»Wenn sie mir nur sagen würde, dass sie sie genommen hat, dann wäre es ja nicht so schlimm. Wenn sie die Papprolle draußen liegen lassen würde, dann würde ich ja dran denken, neue Alufolie zu kaufen ...«

»Fällt dir der Name von der Klinik ein, in die dieser Mann eingewiesen wurde?«, fragte er.

»Welcher Mann?«

»Du weißt schon, der Mann, der Alkoholiker, der das ganze Geld unterschlagen hat, er ist verheiratet mit der Schwester von der, mit der du immer zu deinem Kaffeekränzchen gehst, du weißt genau, wen ich meine.«

»Patsy Madden, meinst du den?«, fragte Mum.

»Genau den!« Dad war hoch erfreut. »Du könntest mal herausfinden, wo der war, um sich behandeln zu lassen.«

»Aber Rachel hat kein Alkoholproblem«, protestierte Mum.

»Ich weiß«, sagte Dad, »aber da behandeln sie alle möglichen Sachen. Alkohol, Drogen, Spielsucht, Esssucht. Heutzutage kann man nach fast allem eine Sucht entwickeln.«

Dad kaufte jeden Monat zwei Frauenzeitschriften. Angeblich für Helen und Mum, aber eigentlich für sich. Deshalb kannte er sich mit allem Möglichen aus, wovon Väter sonst keine Ahnung hatten: Selbstverstümmelung, freie Radikale, Modetrends, Jean Paul Gaultier und wo es die besten Sonnenstudios gab.

Mum telefonierte also herum und zog diskret Erkundigungen ein. Wenn jemand nachfragte, sagte sie, dass ein entfernter Cousin von Dad eine übermäßige Vorliebe für Alkohol zeigte, bedankte sich für die Auskunft und legte schnell auf.

»Cloisters«, sagte sie.

3

Der Aufenthalt in Cloisters kostete ein Vermögen. Deswegen war es bei vielen Popstars so beliebt. In manchen Fällen übernahm die Krankenkasse die Kosten, aber da ich seit ungefähr acht Jahren nicht mehr in Irland lebte, hatte ich keine Krankenversicherung. Allerdings hatte ich in New York auch keine. Ich hatte immer vorgehabt, mich darum zu kümmern, wenn aus mir ein erwachsener und verantwortungsbewusster Mensch geworden war.

Da ich weder eine Krankenversicherung noch irgendwelche Ersparnisse hatte, erklärte sich Dad bereit, die Kosten zu übernehmen. Er meinte, es lohne sich, das Geld in mich zu investieren.

Die Folge davon war, dass meine Schwester Helen mich, als ich – nach dem Flug völlig übermüdet, mit einem Kater von dem Wodka und wegen der Valiumtabletten deprimiert  – zur Tür hereinstolperte, vom Treppenabsatz aus so begrüßte:

»Du blöde Kuh, das ist mein Erbe, mit dem die deine Entziehungskur bezahlen.«

»Hallo, Helen«, sagte ich matt.

Dann sagte sie erstaunt: »Mann, bist du dünn geworden. Siehst ja richtig emanzipiert aus, du Bohnenstange!«

Fast hätte ich mich bedankt, aber mir fiel noch rechtzeitig ein, wie es normalerweise ablief. Jedes Mal kam von mir: »Wirklich? Findest du?«, und sie sagte darauf: »Haha, natürlich nicht, du fällst doch jedes Mal drauf rein, du dumme Pute.«

»Wo ist Pollyanna?«, fragte Helen.

»Draußen, sie spricht mit Mrs. Henessey«, sagte ich.

Margaret war die Einzige von uns, die gern mit den Nachbarn sprach: über Hüftoperationen, die Erstkommunion der Enkel, den ungewöhnlichen Regen und die Frage, ob es in Chicago Tayto-Chips zu kaufen gab.

Dann kam Paul mit Taschen beladen ins Haus.

»Ach, du liebe Zeit«, sagte Helen, die immer noch oben am Treppenabsatz stand. »Keiner hat mir gesagt, dass du auch kommst. Wie lange bleibst du?«

»Nicht lange.«

»Zum Glück. Sonst müsste ich mir noch eine Stelle suchen, damit ich aus dem Haus komme.«

Obwohl Helen mit all ihren Professoren geschlafen hatte (das erzählte sie wenigstens), hatte sie die Prüfungen am Ende des ersten Studienjahres nicht bestanden. Sie wiederholte das Jahr, doch als sie wieder durch die Prüfungen fiel, gab sie das Studium ganz auf.

Das war im letzten Sommer gewesen, und seitdem hatte sie keine Arbeit gefunden. Stattdessen hing sie zu Hause rum und ging Mum auf die Nerven, weil sie sie ständig zum Kartenspielen überreden wollte.

»Helen! Lass deinen Schwager in Ruhe«, hörte ich die Stimme meiner Mutter. Dann erschien sie neben Helen auf der Treppe.

Vor dem Wiedersehen mit meiner Mutter hatte ich richtig Angst. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Magen Achterbahn fahren.

Helen beschwerte sich: »Aber ich finde ihn abscheulich. Und du sagst immer, ehrlich währt am längsten...«

Mum war nicht mit Dad zum Flughafen gekommen. Das war das erste Mal, seit ich nicht mehr zu Hause lebte, dass meine Mutter nicht mit zum Flughafen gekommen war. Daraus schloss ich, dass sie ernstlich böse auf mich war.

»Hallo, Mum«, brachte ich hervor. Ich konnte ihr kaum in die Augen sehen.

Sie sah mich mit einem traurigen, märtyrerhaften Lächeln an, sodass mich meine Schuldgefühle beutelten und ich am liebsten auf der Stelle zu den Valiumtabletten gegriffen hätte.

»Wie war der Flug?«, fragte sie.

Ich konnte die vorgetäuschte Höflichkeit, dieses Um-den-heißen-Brei-Reden nicht ertragen.

»Mum«, platzte ich heraus, »es tut mir leid, dass ich dir einen Schreck eingejagt habe, aber mir fehlt überhaupt nichts. Ich habe keine Drogenprobleme, und ich habe auch nicht versucht, mich umzubringen.«

»Rachel, MACH DIR DOCH NICHTS VOR!«

Mein Magen vollführte inzwischen die reinste Akrobatik, sodass mir speiübel wurde. Schuld und Scham mischten sich mit Wut und Zorn.

»Ich mache mir nichts vor«, sagte ich.

»Rachel«, sagte sie mit schriller Stimme, »man hat dich im Notarztwagen in die Klinik gefahren und dir den Magen ausgepumpt.«

»Aber das war nicht notwendig«, erklärte ich. »Es war ein Irrtum.«

»Es war kein Irrtum!«, rief sie aus. »Der Mageninhalt wurde analysiert, es war unbedingt notwendig.«

Stimmt das?, dachte ich überrascht. Bevor ich sie fragen konnte, fuhr sie fort: »Und du hast ein Problem mit Drogen«, sagte sie. »Brigit sagt, du nimmst jede Menge, und Margaret und Paul bestätigen das.«

»Ja, aber ...«, versuchte ich zu erklären. Gleichzeitig packte mich ein gewaltiger Zorn gegen Brigit, aber das musste ich auf später verschieben. Ich konnte es nicht ertragen, wenn meine Mutter böse auf mich war. Daran, dass mein Vater mich anschrie, war ich gewöhnt, das störte mich nicht im Geringsten. Außer, dass es mich vielleicht zum Lachen brachte. Aber dass Mum mich spüren ließ, wie sehr ich sie enttäuscht hatte, war schwer zu ertragen.

»Meinetwegen, ab und zu nehme ich Drogen«, gab ich zu.

»Was für welche?«, fragte sie.

»Ach, du weißt schon.«

»Weiß ich nicht.«

»Na ja, manchmal eine Line Kokain, oder zwei ...«

»Kokain!« Ihr blieb fast der Mund offenstehen, und ich hätte sie am liebsten geohrfeigt. Sie hatte keine Ahnung. Sie gehörte zu der Generation, die schon bei dem Wort »Drogen« entsetzt aufschrie.

»Wie ist das so?«, fragte Helen, aber ich beachtete sie nicht.

»Es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört.«

»Ich finde, es hört sich gar nicht schlecht an.« Ich wünschte, Helen würde endlich abhauen.

»Es ist harmlos und macht nicht süchtig, und alle nehmen es«, versuchte ich Mum zu überzeugen.

»Ich nicht«, warf Helen ein. »Das wär ja mal was.«

»Ich kenne keinen, der das nimmt. Keine der Töchter meiner Freunde tut so etwas.«

Ich unterdrückte die Wut, die in mir hochkochte. So wie sie redete, konnte man denken, ich wäre die Einzige auf der ganzen Welt, die je über die Stränge geschlagen oder einen Fehler gemacht hatte.

Du bist meine Mutter, dachte ich kämpferisch, du hast mich zu der gemacht, die ich bin.

Doch zum Glück – mein Gott machte wohl gerade eine Pause – verkniff ich es mir.

 

Ich verbrachte zwei Tage zu Hause, bevor ich nach Cloisters musste.

Es waren keine angenehmen Tage.

Ich war nicht beliebt.

Mit der Ausnahme von Margaret, die schon in der Qualifikationsrunde ausgeschieden war, ging der Titel der unbeliebtesten Tochter nach dem Rotationsprinzip von einer zur nächsten über, wie die Präsidentschaft der EU. Mein Beinahezusammenstoß mit dem Tod bedeutete, dass ich Claire von dieser Position verdrängt hatte und jetzt die Krone trug.

Wir waren kaum aus dem Flugzeug gestiegen, da sagte Dad, dass in Cloisters bei der Aufnahme eine Blutprobe entnommen würde. »Ich will nicht behaupten, dass du das vorhast, aber solltest du was nehmen wollen, und ich bin mir sicher, dass du das nicht tun wirst, dann können sie das anhand der Blutprobe feststellen, und dann nehmen sie dich nicht auf.«

»Dad«, sagte ich, »ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass ich nicht drogensüchtig bin, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

Fast hätte ich noch hinzugefügt, dass ich noch auf das mit Kokain gefüllte Kondom wartete, das ich verschluckt hatte, aber er schien nicht in der Stimmung für Scherze zu sein, also ließ ich es.

Dads Befürchtungen waren unbegründet, weil ich nicht die Absicht hatte, irgendwelche Drogen zu nehmen.

Das lag daran, dass ich gar keine hatte, die ich nehmen konnte. Wenigstens keine illegalen. Zwar hatte ich eine Doppelpackung Valium, aber das zählte nicht, weil ich die auf Rezept bekommen hatte (auch wenn ich das Rezept von einem schmierigen Arzt im East Village kaufen musste, der eine kostspielige Frau und ein noch kostspieligeres Smackproblem hatte.) Keineswegs war ich so dumm, dass ich Kokain, eine illegale Droge, ins Land geschmuggelt hätte. Was ja sehr erwachsen und vernünftig von mir war.

Und es war auch kein so großes Opfer, wie es sich jetzt anhört. Ich wusste ja, dass ich keine Drogenknappheit zu befürchten hatte, solange Anna da war.

Aber da lag das Problem: Anna war nicht da. Aus Mums knappen Einlassungen darüber entnahm ich, dass Anna praktisch mit ihrem Freund Shane zusammenlebte. Das war auch so ein Knabe, der wusste, wie man zu seinem Vergnügen kam! Shane »genoss das Leben in vollen Zügen«, wie es so schön heißt. Bis zum Überfließen. Bis zum Bersten.

Seltsamerweise fehlte mir nicht das Kokain, sondern das Valium. Eigentlich war das nicht erstaunlich, denn schließlich war ich ganz durcheinander, weil sich in meinem Leben so viel so schnell verändert hatte, und die Spannungen zwischen mir und meiner Mutter waren alles andere als angenehm. Aber ich schaffte es, auch nicht eine von meinen kleinen weißen Pillen zu nehmen, weil ich dringend nach Cloisters wollte. Hätte ich mehr Zeit (und Geld) gehabt, dann hätte ich mir zu Ehren des Anlasses neue Kleider gekauft.

Welche Willenskraft! Und die nannten mich drogensüchtig! Also wirklich!

 

In diesen zwei Tagen zu Hause schlief ich sehr viel. Etwas Besseres konnte ich nicht tun, denn ich hatte Jetlag und war völlig von der Rolle, und die anderen waren gegen mich.

Ein paarmal versuchte ich Luke anzurufen. Ich wusste, dass das nicht gut war. Er war so wütend auf mich, dass es eigentlich am besten war, ihn eine Weile in Ruhe zu lassen, aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Zum Glück war beide Male nur der Anrufbeantworter dran, und so weit hatte ich mich im Griff, dass ich keine Nachricht hinterließ.

Am liebsten hätte ich ihn viel öfter angerufen. Wenn ich nicht gerade schlief, konnte ich mich kaum davon abhalten, ständig zum Telefon zu laufen. Doch weil die letzte Telefonrechnung enorm hoch gewesen war (ich weiß nicht, was Helen gemacht hatte), bewachte mein Vater den ganzen Tag das Telefon. Jedes Mal, wenn ich den Hörer in die Hand nahm, merkte Dad das, wo immer er war, und sei es vier Meilen entfernt auf dem Golfplatz, und lauschte angestrengt. Wenn ich eine Nummer wählen wollte, die mehr als sieben Stellen hatte, kam er spätestens bei der achten Ziffer ins Zimmer und schrie: »Leg den verdammten Hörer auf!« Das verhinderte gründlich, dass ich Luke erreichte, aber es förderte nostalgische Erinnerungen. Ich fühlte mich in meine Zeit als Teenager zurückversetzt. Fehlte nur noch, dass er sagte: »Punkt elf Uhr, Rachel, und keine Minute später. Es ist mir ernst. Wenn du mich wieder warten lässt, war das das letzte Mal.« Dann hätte ich mich wirklich wie vierzehn gefühlt. Aber warum sollte ich vierzehn sein wollen? Vierzehn, bei einer Größe von einszweiundsiebzig und Schuhgröße einundvierzig.

Zwischen meiner Mutter und mir knisterte es die ganze Zeit. Als ich mich am ersten Tag auszog und ins Bett gehen wollte, sah ich, wie sie mich anstarrte, als wäre mir ein zweiter Kopf gewachsen.

»Gott Allmächtiger.« Ihre Stimme zitterte. »Woher hast du bloß die ganzen blauen Flecken?«

Ich sah an mir herab und dachte, es müsste der Körper von einer anderen sein. Auf meinem Bauch, an den Armen und auf der Brust hatte ich eine Unmenge dunkellila Flecken.

»Oh«, sagte ich kläglich. »Das kommt wahrscheinlich vom Krankenhaus, als sie mir den Magen ausgepumpt haben.«

»Gott im Himmel.« Sie wollte mich in den Arm nehmen. »Das hat mir keiner gesagt ... Ich dachte ... Ich wusste nicht, dass es so brutal dabei zugeht.«

Ich schob sie weg. »Jetzt weißt du es.«

»Mir ist ganz schlecht«, sagte sie.

Sie war nicht die Einzige.

Danach vermied ich es beim An – und Ausziehen, in den Spiegel zu sehen. Zum Glück war es Februar und eiskalt, sodass ich im Bett langärmlige und hochgeschlossene Nachthemden tragen konnte.

In diesen zwei Tagen hatte ich einen abscheulichen Traum nach dem anderen.

In einem, meinem alten Lieblingstraum, war ein furchterregendes Wesen in meinem Zimmer, und ich konnte nicht aufwachen. Es bedrohte mich und wollte mir weh tun. Und wenn ich aufwachen wollte, um mich zu verteidigen, konnte ich das nicht. Das Wesen kam immer näher und beugte sich schließlich über mich, und obwohl ich in panischem Entsetzen dalag, konnte ich einfach nicht aufwachen. Ich war wie gelähmt. Unaufhörlich versuchte ich, an die Oberfläche, ins Wachsein zu kommen, aber ich wurde unter der Decke des Schlafs erstickt.

Dann träumte ich den Traum, in dem ich sterbe. Das war schrecklich, weil ich spürte, wie sich meine Lebenskraft aus mir herauszwirbelte, wie ein umgekehrter Wirbelsturm, und ich konnte nichts tun, um das zu verhindern. Ich wusste, dass es meine Rettung wäre, wenn ich aufwachte, aber ich konnte nicht aufwachen.

Ich träumte, dass ich von den Klippen stürzte, dass ich einen Autounfall hatte, dass ein Baum auf mich fiel. Jedes Mal spürte ich den Aufprall und schreckte hoch. Schwitzend und zitternd wachte ich auf, und ich wusste weder, wo ich war, noch, ob es Tag war oder Nacht.

 

Bis zum zweiten Abend nach meiner Rückkehr ließ Helen mich in Ruhe. Ich lag im Bett und hatte Angst aufzustehen, als sie, ein Cornetto-Eis lutschend, ins Zimmer kam. Ihre nonchalante Art verhieß nichts Gutes.

»Hallo«, sagte ich. »Ich dachte, du wärst mit Margaret und Paul in den Pub gegangen.«

»Wollte ich auch, hab’s mir aber anders überlegt.«

»Warum?«

»Weil dieser Geizkragen Paul gesagt hat, er lädt mich nicht mehr ein«, sagte sie gehässig. »Und wo soll ich das Geld hernehmen, um in den Pub zu gehen? Immerhin bin ich arbeitslos. Dieser Paul würde einem nicht einmal den Dampf von seiner eigenen Pisse abgeben«, sagte sie und setzte sich auf mein Bett.

»Aber bist du nicht gestern Abend mit ihnen aus gewesen und hast dich komplett volllaufen lassen?«, fragte ich überrascht. »Margaret sagte, du hättest den ganzen Abend einen doppelten Whiskey nach dem anderen getrunken und nicht eine einzige Runde selbst bezahlt.«

»Ich bin arbeitslos!«, brüllte sie. »Ich bin arm! Was soll ich denn machen?«

»Schon gut. Schon gut«, sagte ich beschwichtigend. Bloß keinen Streit. Außerdem stimmte ich ihr zu. Paul war der knauserigste Mensch unter der Sonne. Sogar Mum hatte einmal gesagt, dass Paul sein Abendessen in einer Schublade verstecken und sich eine Apfelsine in der Hosentasche schälen würde. Und obwohl sie zu dem Zeitpunkt einen sitzen hatte – sie hatte ein kleines Radler getrunken –, meinte sie es ernst.

»Gott, was für ein Gedanke!« Helen lächelte mir zu und machte es sich auf dem Bett bequem. Es sah so aus, als wollte sie eine ganze Weile bleiben. »Meine Schwester! Hat ’ne Schraube locker und kommt in die Klapsmühle.«

»Das ist keine Klapsmühle«, widersprach ich schwach. »Es ist eine Kurklinik.«

»Eine Kurklinik«, spottete sie. »Das ist nur ein feiner Name für Klapsmühle. Damit kannst du keinen täuschen.«

»Du hast das ganz falsch verstanden«, wandte ich ein.

»Die Leute werden auf die andere Straßenseite gehen, wenn sie dich sehen«, sagte sie fröhlich. »Und dann sagen sie: ›Das ist eine von den Walshs. Die ist nicht ganz richtig im Kopf, deswegen musste sie eingesperrt werden.‹ Du wirst schon sehen.«

»Hör auf damit.«

»Und die Leute kriegen das dann nicht auf die Reihe wegen Anna, und dann fragen sie: ›Welche von den Walshs? Ich habe gehört, dass mindestens zwei von denen nicht mehr ganz klar im Oberstübchen sind und ...‹«

»Popstars gehen da auch hin«, unterbrach ich sie und spielte meinen Trumpf aus.

Das verfehlte seine Wirkung nicht.

»Wer?«, fragte sie.

Ich nannte ein paar Namen, und sie war sichtlich beeindruckt.

»Stimmt das?«

»Natürlich.«

»Woher weißt du das?«

»Hab ich in der Zeitung gelesen.«

»Und wieso weiß ich das nicht?«

»Weil du nie die Zeitung liest.«

»Nicht? Stimmt, wozu soll ich auch die Zeitung lesen.«

»Vielleicht wüsstest du dann auch, dass Popstars zur Behandlung nach Cloisters gehen«, sagte ich von oben herab, was mir einen bösen Blick von Helen eintrug.

»Sei doch still, du Klugscheißerin«, sagte sie. »Du wirst noch von deinem hohen Ross runterkommen, wenn du erst mal in der Gummizelle sitzt und in einer von diesen hübschen Zwangsjacken steckst.«

»Ich komme nicht in eine Gummizelle«, sagte ich. »Stattdessen werde ich mit berühmten Leuten am Tisch sitzen.«

»Meinst du wirklich, dass Popstars sich da behandeln lassen?« Sie war jetzt richtig aufgeregt, obwohl sie versuchte, das nicht zu zeigen.

»Ja.«

»Wirklich?«, fragte sie abermals.

»Ja, wirklich.«

»Wirklich, wirklich?«

»Wirklich, wirklich!«

Einen Moment lang sagte sie nichts.

»Nicht schlecht.« Sie klang beeindruckt.

»Hier, kannst du aufessen.« Sie streckte mir das Cornetto hin.

»Nein, schönen Dank.« Bei dem Gedanken an Essen wurde mir schlecht.

»Das ist kein Angebot, das ist ein Befehl«, sagte sie. »Ich sage dir, ich kann keine Cornettos mehr sehen. Jedes Mal sage ich zu Dad, er soll Magnums mitbringen, und jedes Mal kommt er mit diesen bescheuerten Cornettos an. Außer einmal. Was bringt er da? Magnum Mint. Ich bitte dich, Mint ...«

»Ich möchte es nicht.« Ich schob die Hand mit dem Cornetto weg.

»Wie du willst«, sagte Helen schulterzuckend und legte das Eis auf meinen Nachttisch, wo es zu zerlaufen begann. Ich wandte mich schöneren Gedanken zu.

»Während ich mich also mit Leuten wie Madonna anfreunde«, sagte ich gelassen, »sitzt du ...«

»Du spinnst doch, Rachel«, unterbrach sie mich. »Aber das ist ja wahrscheinlich einer der Gründe, warum sie dich dahin schicken: weil du spinnst...«

»Was meinst du damit?« Diesmal fuhr ich dazwischen.

»Na ja«, sagte sie und lächelte nachsichtig. »Sie werden die berühmten Leute wohl kaum mit den anderen zusammen unterbringen, oder? Man muss doch deren Privatsphäre schützen. Sonst würden Leute wie du ja zu den Zeitungen gehen, sobald sie wieder draußen sind, und deren Geschichten verkaufen. Sex in meiner Kokainhölle und so was.«

Sie hatte recht. Ich war enttäuscht, aber nicht übermäßig. Schließlich würde ich die Berühmtheiten bei den Mahlzeiten und den geselligen Abenden treffen. Vielleicht wurden auch Tanzabende veranstaltet.

»Und sie haben bestimmt bessere Zimmer und bekommen besseres Essen«, sagte Helen, was mich noch unglücklicher machte. »Du kriegst das nicht, weil Dad viel zu geizig ist. Du kriegst nur zweiter Klasse, und die anderen können im Luxusflügel Orgien feiern.«

Zorn gegen meinen knickerigen Vater flammte in mir auf. Wieso bezahlte er nicht dafür, dass ich mit berühmten Leuten an einem Tisch sitzen konnte?

»Es hat gar keinen Zweck, ihm mehr Geld abknöpfen zu wollen.« Helen hatte meine Gedanken erraten. »Er sagt, wir sind jetzt deinetwegen arm und können uns keine richtigen Chips mehr leisten. Jetzt müssen wir die billigen nehmen.«

Ich war deprimiert und lag still da. Auch Helen schwieg, was ungewöhnlich für sie war.

4

Luke Costello und ich kannten uns schon lange vom Sehen, bevor ich mit ihm im Bett landete. Er war Ire und ich war Irin, und wir lebten vier Blocks voneinander entfernt, aber das wusste ich damals nicht.

Ich sah ihn hin und wieder, weil wir in dieselben Bars gingen. Es waren irische Kneipen, aber nicht diese Ghettokneipen, in denen man »A Nation Once Again« oder »Spancil Hill« sang, heiße Tränen vergoss und Geld für die »Irische Sache« sammelte. Unsere Kneipen waren anders. Sie waren »in«, so wie vor ein paar Jahren die Brasserien »in« waren. Sie hatten witzige irische Namen. Angeblich gehörte eine von ihnen einem irischen Popstar, aber ich weiß nicht, welche es war. Welchem Popstar sie gehören sollte, wusste ich übrigens auch nicht.

Wenn man als Ire in New York lebt, ist man abgestempelt, aber meine Zeit dort war toll.

Brigit und ich hingen in diesen Kneipen ab (wir benutzten den gängigen Jargon, machten uns aber darüber lustig), in die auch Luke und seine Freunde gingen, und amüsierten uns prächtig über sie.

Nicht, dass Brigit und ich gemein waren, aber wirklich, man musste sie gesehen haben! Sie hätten alle wunderbar in die Rockgruppen der siebziger Jahre gepasst. Die Sorte Rocksänger, die in riesigen Stadien auftrat, Ferraris in Swimmingpools versenkte und sich mit mageren Blondinen photographieren ließ, die untereinander austauschbar waren.

Luke und seine Kumpel waren alle ungefähr gleich groß, so um die eins achtzig, und hatten lange, gewellte Haare mit einem Einheitsschnitt. Der aktuellen Mode entsprechend war langes Haar bei einem Mann nur hinnehmbar, wenn es rundum die gleiche Länge hatte, glatt und in der Mitte gescheitelt war. Für gestuftes, welliges Haar bekam man null Punkte.

In der ganzen Zeit, in der wir sie ständig sahen, kam nicht einer von ihnen auch nur ein einziges Mal mit dem Haarschnitt des Monats in die Kneipe. Kurz, nach vorne gekämmt und wasserstoffblond zum Beispiel. Oder mit dem Messerschnitt der Messerschnitte. Oder mit kahlrasiertem Schädel und Koteletten, die unter dem Kinn fast zusammenwuchsen. Oder irgendwas in der Art.

Auch das, was sie anhatten, war wie ihre Frisuren modisch völlig überholt. Jeans, Jeans und noch mal Jeans, und gelegentlich ein bisschen Leder. Und die Betonung lag auf eng, wenn ich mich klar genug ausdrücke. An manchen Tagen konnte man erkennen, wer von ihnen beschnitten war.

Gegen die Mode der übrigen Welt schienen sie völlig immun zu sein. Anzüge von Tommy Hilfiger, Stussy-Hüte, Phatpharm-Jacken, Diesel-Taschen, Skaterschuhe von Adidas oder Timberlands – ich glaube, diese Typen wussten nicht einmal, dass solche Teile existierten. Jeder, der etwas auf sich hielte, wüsste das. Das Einzige, was ich zu ihrer Verteidigung sagen kann, ist, dass keiner von ihnen eine Wildlederjacke mit Fransen hatte. Wenigstens habe ich nie einen von ihnen mit einer gesehen.

Luke und seine Kumpel waren für unseren Geschmack zu anachronistisch. Wir nannten sie die »Echten Männer«, aber mit einer gehörigen Portion Ironie.

Was das oben erwähnte Leder anging, nun ... dazu gehört eine Geschichte. Nachdem Brigit und ich monatelang damit zugebracht hatten, die Typen zu beobachten und uns über sie lustig zu machen, fiel uns allmählich etwas Merkwürdiges auf. Wenn sie als Gruppe auftraten, trug immer nur einer von ihnen Lederhosen. Wie kriegten sie das auf die Reihe?, fragten wir uns. Ob sie sich anriefen, bevor sie sich trafen? Und miteinander besprachen, was jeder von ihnen anziehen wollte, wie Frauen das tun?

Im Laufe der Monate versuchten wir herauszufinden, ob sich ein Muster entdecken ließ. Ging es reihum? Durfte Joey seine Hose mittwochs tragen, Gaz seine donnerstags, so etwa? Und was würde geschehen, wenn zwei in Lederhosen auftauchten?

Doch eines Abends fiel uns etwas auf, was noch merkwürdiger war als die idiotensichere Reihenfolge: In der Gesäßtasche von Gaz’ Hose war ein Riss. Nichts Besonderes  – außer dass Shakes Hose am letzten Wochenende an derselben Stelle auch einen Riss hatte. Interessant, fanden wir, höchst interessant.

Zwei Tage später sahen wir sie im »Lively Bullock«, und Joeys Hose hatte an genau dieser Stelle auch einen Riss.

Vor Staunen ließen wir die Münder offenstehen, aber wir beschlossen, das endgültige Urteil erst zu fällen, wenn auch der vierte eine Hose mit Riss trug. (Wer aber schwach im Glauben ist ...) Und siehe da, kurz darauf sahen wir Johnno in der »Cute Hoor«. Nur dass er stundenlang auf seinem Platz sitzenblieb und wir schon dachten, er würde gar nicht mehr aufstehen, um uns seinen Po zu zeigen. Ewigkeiten nippten wir zu zweit an dem einen Bier! Wir hatten kein Geld, aber den ganzen Abend zu Hause zu bleiben, hätte uns um den Verstand gebracht. Endlich, viele Stunden später, als unser Bier fast verdunstet war, erhob sich Johnno mit der Kamelblase. Brigit und ich klammerten uns aneinander fest und hielten den Atem an, als er sich langsam herumdrehte, und da war er! Der Riss! Derselbe Riss auf derselben Tasche!

Wir stießen einen schrillen, triumphierenden Schrei aus. Es stimmte also!

Mitten in unserem Lachanfall hörte ich jemanden mit einem irischen Akzent sagen: »Grundgütiger! Gehen hier die Gespenster um oder was?«

Wir krümmten uns vor Lachen, Tränen rannen uns die Wangen herunter, während uns die anderen Gäste, die inzwischen verstummt waren, anstarrten.

»O nein«, keuchte Brigit. »Und wir dachten, dass jeder eine ... eine ... eine ...«Vor lauter Lachen bekam sie die Worte nicht heraus. »... Hose hat!«, prustete sie schließlich.

»Wir dachten ... Wir dachten ...«, schnaubte ich mit bebenden Schultern, »wir dachten, immer nur einer dürfte seine Hose ... Hose ...« – ich legte den Kopf auf die Theke und hämmerte mit der Faust auf das Holz – »... Hose tragen. Kein Wunder, dass immer nur einer eine Lederhose anhatte ...«, keuchte ich.

»Weil sie nämlich ...«, trompetete Brigit mit knallrotem Gesicht, »weil sie ... weil sie nämlich ... nur eine Hose haben!«

»Hör auf«, bat ich sie, »sonst kotz ich gleich.«

»Na, Mädels«, sagte einer der Männer an der Bar, »wollt ihr uns nicht verraten, was so lustig ist?«