Beschreibung

19. Jahrhundert Victoria in Großbritannien. Als Rack, Theo und Lady Cunningham aus dem Brodelnden Pulverfass zurückkehren, erkennen sie gerade noch, wie Marcus und Jean von den Bobbys verhaftet werden. Mit ihnen sind auch die Informationen verloren, die zur Aufklärung des Anschlags auf Lady Cunningham dienen und den Drahtzieher ausfindig machen sollten. Im Gefängnis sind diese Informationen offenbar unerreichbar. Oder etwa nicht? Der zweite Teil der sechsteiligen Steampunk-Serie um Rack und seine Komplizen schweißt die Gruppe der gemeinsamen Streiter noch fester zusammen. Ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, da sogar das Gesetz gegen sie spielt ... Weitere aktuelle Titel von Ann-Kathrin Karschnick:    Phoenix (Dystopische Trilogie): - Tochter der Asche - Erbe des Feuers - Kinder der Glut Rack (Steampunk Thriller Reihe): - Alle für einen (Teil 1-3) - Einer für alle (Teil 4-6) Trümmerwelten(High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Felix A. Münter): -  Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow -  Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  Einzelbände: RED - Urban Fantasy Der Fluchsammler - Urban Fantasy

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Bibliografische Information derDeutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.deabrufbar.

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Lektorat, Herstellung, Satz, Cover: Papierverzierer Verlag

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ISBN 978-3-95962-201-1 Registrieren Sie sich auch für unseren Newsletter.

Inhaltsverzeichnis
RACK (2)
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Epilog
Autorin Ann-Kathrin Karschnick

Kapitel 1

Rack

Ich zog die Decke von meinem Körper und fuhr mir mit der Hand über die Schulter. Zwei Tage zuvor hatte ich mir das Schlüsselbein gebrochen. Inzwischen spürte ich nur noch ein sanftes Jucken, nicht viel schlimmer als ein Mückenstich. Dass mein Körper verändert worden war, bot seine Vorteile. Die beschleunigte Heilung beeindruckte mich immer wieder aufs Neue. Ohne sie wäre ich schon mehr als einmal gestorben.

Ich schnaubte und griff nach meinem Hemd. Danken würde ich denjenigen trotzdem nicht, die mir das angetan hatten.

An der Wand vor mir hingen sämtliche Hinweise, die ich gesammelt hatte. Alle Andeutungen über meine Herkunft, jede Sichtung eines Jungen, der auf meine Beschreibung passte, jede vermisste Person, die in etwa meinem damaligen Alter entsprach. Eine riesige Landkarte vom Empire hing dahinter und war mit den Hinweisen verbunden. Die Fäden des Garns überkreuzten sich an dutzenden Stellen, so viele Hinweise hatte ich für mehr als zehn Jahre lang gesammelt, ohne auch nur eine Antwort zu erhalten. Ich wusste nicht, wer ich war, ich wusste nicht, wie alt ich war und ich wusste nicht, wer mir das angetan hatte. Alles Fragen, die mich an jedem verdammten Tag meines Lebens quälten und begleiteten.

Ich schnürte die Hose und öffnete die Tür zum Vorzimmer. Theo schlief noch, allerdings hörte ich die ersten Geräusche aus dem Nebenzimmer. Entweder war Marcus oder Jean aufgewacht. Oder beide. Ich fragte mich, ob sich die beiden kannten?

Die Flügeltür schwang ein wenig auf, als ich an beiden Griffen zog. Sofort verstummten die Beiden im Klientenzimmer.

»Guten Morgen«, begrüßte ich sie und ging zum Fenster.

»Guten Morgen«, antwortete Marcus.

Ich ignorierte, dass Jean wieder ohne Fesseln und nicht mehr auf ihrem Stuhl saß, sondern kurz vor dem Fenster auf dem Boden.

Ich öffnete es und nickte Jean zu. »Nur zu. Wenn du unbedingt entkommen möchtest, bitte sehr. Du wirst mit deiner Verletzung kaum deinem Beruf nachgehen können. Eine Diebin, die weder klettern, noch fliehen kann, ist eindeutig fehl am Platz.« Ich setzte mich auf ihren Stuhl. Ihre Mimik blieb unverändert, verriet nichts über ihre Gedanken. »Keine Ahnung, was deine Kollegen davon halten, wenn sie dich die nächsten zwei Wochen durchfüttern müssen. Hier hättest du zumindest ein Dach über dem Kopf und bekämst regelmäßig Essen.«

Zumindest wenn Lady C ihre Rechnungen bezahlte. Ich bezweifelte, dass der Vorratsschrank in dem Moment mehr als ein paar Spinnweben hergegeben hätte.

Ich überließ Jean ihren Gedanken und wandte mich an Marcus. »Wie geht es dir heute Morgen?«

»Besser. Vielen Dank, dass ihr mir geholfen habt.« Er neigte den Kopf und offenbarte eine erste kahle Stelle, wo vermutlich einst ein Haarwirbel gesessen hatte. Seine Haare waren grau und so lang wie mein kleiner Finger. Ich fragte mich, wie alt er sein mochte. Als Söldner war er scheinbar noch gefragt, aber der Jüngste konnte er nicht mehr sein.

»Es kam mir gelegen, dass du meine Auftraggeberin nicht ermorden wolltest. Das hätte mich in eine ziemliche Bredouille gebracht.« Ich beugte mich nach vorne und lehnte mich auf meine Oberschenkel, drehte den Ring an meinem rechten Mittelfinger. Das einzige Relikt meiner Vergangenheit. Ich habe ihn bei mir getragen, seit ich auf dem Feld erwacht war.

»Eine Lady erschießt man nicht. Egal, was sie angestellt hat.«

Ein gerechter Mann, dachte ich und nickte. Ich holte Luft und berichtete ihm von dem Anschlag auf Lady C’s Leben. Marcus lauschte stumm, blickte zwischendurch mit einem Stirnrunzeln zu Jean, ehe er seine Aufmerksamkeit erneut mir zuwandte.

»Die Aufklärung des Falls ist mein erklärtes Ziel. Und ich dachte mir, dass du mir dabei helfen kannst.«

In diesem Moment flog die Tür zum Büro auf. Wie ein Wirbelwind stürmte Lady C hinein. Noch bevor ich sie sah, roch ich den Flieder, der sie andauernd umgab. Der Duft weckte meine Sinne, weckte meine Lust, weckte den Wunsch in Lady C‘s Nähe zu sein und diesen traumhaften Duft ständig um mich zu haben.

»Theo, was habe ich dir übers Abschließen gesagt?«, knurrte ich ihm entgegen. Er saß senkrecht im Bett, seine Augen waren aufgerissen und seine schwarzen, krausen Haare standen wirr in alle Richtungen ab.

Es dauerte einen Moment, bis er verstand, dass keine Gefahr drohte und er sein Messer wieder unter das Kopfkissen schieben konnte. Ich hatte es ihm vor vier Jahren zum Geburtstag geschenkt. Es stammte aus seiner Heimat in Afrika und war angeblich für die Riten eines Stammes benutzt worden. Ob das stimmte? Keine Ahnung, aber für Theo bedeutete es ein Stück Heimat, das er wie einen Schatz hütete.

»Guten Morgen«, begrüßte Lady C uns überschwänglich.

»Für einen Tag, nachdem Sie eine Waffe in der Hand gehalten haben, ist Ihre Laune eindeutig zu ausgeprägt«, brummte ich ihr entgegen.

»Vielleicht war es dieses Gefühl von hartem, festem Metall in meinen Händen, das mich so munter gemacht hat.« Sie zwinkerte mir zu und stellte das große Tablett, das sie in ihren Händen trug, auf dem Empfangspult ab. Darauf stapelten sich Köstlichkeiten aller Art.

Wortwörtlich gestapelt. Zuoberst stand eine schmale Schüssel, in der etwa ein Dutzend unterschiedliche Brötchen lagen. Direkt darunter gab es eine Platte mit winzigen Törtchen, deren Glasur aus Marzipan, Schokolade oder Erdbeeren bestanden. Zuunterst blitzten einige Fleischsorten und ein halber Käselaib hervor. In einer offenen Stofftasche, die knapp unter dem Griff angebracht war, lag Besteck und beulte die Seitentasche aus. Ich schüttelte den Kopf. Sie hatte es wirklich getan.

»Ist das das Frühstück?«, murmelte Theo und kroch aus seinem Bett. Es schien ihn nicht weiter zu stören, dass er nur eine kurze Hose und ein kurzärmliges, loses Oberteil trug. Erst als sich Lady C räusperte und ihn bedeutungsvoll zuzwinkerte, bemerkte er seinen Fehler.

»Entschuldigen Sie, Mylady.« Er riss die Decke hoch und verschwand hinter dem Tresen, um seine dünnen, dunkelhäutigen Storchenbeine dahinter zu verstecken. Dort zog er sich in Windeseile an.

»Wenn du so von nun an immer aus dem Bett kommst, hole ich Lady Cunningham wohl jeden Morgen zu uns.«

»Solange ich an diesem Fall mitarbeite, bin ich gerne dazu bereit.«

Ich schmunzelte, als sich Theos Wangen rot färbten, sagte jedoch nichts weiter dazu.

»Wie geht es dem Mann?«, fragte Lady C, während Theo das Tablett ins Klientenzimmer trug.

»Ich war gerade dabei, ihn zu befragen. Er ist bei Bewusstsein, hat aber viel Blut verloren.«

Ein Räuspern kam aus dem Klientenzimmer. »Ihr wisst schon, dass ich euch hören kann, oder? Mir wurde in die Schulter geschossen, nicht in die Ohren.« Marcus saß aufrecht, mit seinem Hemd über der Verletzung. Nichts deutete darauf hin, dass er angeschossen worden war. Wenn man von dem Blutfleck auf dem Stoff absah. »Guten Morgen, Lady Cunningham, wie ich annehme?« Er verbeugte sich, so gut es ging.

»Untersteh dich!«, ermahnte Theo ihn, trug das Tablett hinein und setzte es etwas zu schwungvoll ab, ehe er zu Marcus ging. »Die Nähte, die ich gestochen habe, sind gut, aber sie halten nicht, wenn du herumfuchtelst!«

»Grummelt der immer wie ein alter Pirat?«, fragte Marcus und deutete mit dem Kopf auf Theo.

»Nur wenn er zu früh geweckt wird.«

Theo verzog das Gesicht, erwiderte jedoch nichts. Jean saß wieder auf ihrem Stuhl. Sie stibitzte ein Brötchen, als niemand außer mir hinsah.

»Gut, lasst uns erst einmal frühstücken.«

Alle wirkten hungrig und in Anbetracht meines knurrenden Magens, musste auch ich dem Duft der Törtchen erlegen sein.

Minuten später, als das halbe Tablett geleert war, lehnte ich mich zu Marcus herüber. »Kommen wir zum Punkt.« Marcus schluckte einen letzten Bissen seines Laugengebäcks runter und hob den Kopf. »Du willst wissen, was in der Lagerhalle mit diesem Mädchen passiert ist?«, fragte er.

»Wenn du es weißt, ja. Es würde mir bei den Ermittlungen enorm weiterhelfen.«

Marcus griff nach einem der Fruchttörtchen und legte es vor sich auf den Tisch. Ich wollte ihn gerade daran erinnern, etwas darunter zu packen, ließ es aber in Anbetracht der Tatsache bleiben, dass er mir helfen wollte.

»Ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Allerdings habe ich einige Männer reden hören.« Marcus griff in sein hellblaues, leger geknöpftes Hemd und zog eine Zigarre hervor. Er sah mich fragend an und ich nickte ihm zu. Ich ließ ihm die Zeit, um die Zigarre anzuzünden. Der blaue Dunst stieg über unsere Köpfe und sammelte sich über der flackernden, anbarischen Laterne, die an der Decke hin- und herschwang.

»Worüber haben sie geredet?«

Auch Jean lehnte sich vor und lauschte angespannt. Ein weiteres Zeichen dafür, dass sie keine Ahnung hatte, was in den zwei Tagen passiert war. Oder – sagte eine gehässige Stimme in meinem Kopf – sie wusste es und wartete darauf, ihm die Kehle rauszureißen, damit er nichts sagte.

»Sie sprachen über einen Auftrag, den niemand von ihnen erledigen sollte. Ein Auftrag, der von oben angeordnet und äußerst gefährlich war. Ich habe herauszufinden versucht, was es sein sollte, wollte ihn selbst annehmen, aber mein Vorgesetzter hat nur gelacht und mich auf meinen Posten zurückgeschickt. Es wäre etwas für langjährige Angestellte, meinte er.« Marcus paffte ein-, zweimal, ehe er die Zigarre im Mundwinkel stecken ließ und die Daumen in seine Hosenträger schob.

»Hast du herausgefunden, was für ein Auftrag es war?« Erhielt ich endlich die Bestätigung für eine Verbindung vonThe Stickzu Lady C‘s Auftragsmord? Neugierde kroch in mir auf.

»Nein, aber ich habe erfahren, dassThe Stickdazu etwas ausprobieren wollte«, sagte Marcus.

»Eine Maschine? Eine neue Bombenart? Eine Medizin? Was hat er ausprobieren wollen?«

Er zuckte mit der Schulter und verzog voller Schmerz das Gesicht. »Keine Ahnung. Es sollte irgendetwas Abgedrehtes sein. Ich habe gehört, dass es nicht geklappt hat. Irgendetwas ist schief gegangen.«

Lady C stand auf und lief mit ihrem grünen Kleid so dicht an mir vorbei, dass der Stoff über meinen Arm strich. »Also sind wir noch nicht weiter!«, murmelte sie.

»Zumindest wissen wir, dassThe Sticketwas plant. Ob es der Anschlag auf sie war, bleibt fraglich. Vielleicht plant er auch nur einen großen Urlaub als Überraschung für seine Frau.«

Lady C schnaubte. »Jemand, derThe Stickheißt - das klingt nicht so, als ob er verheiratet wäre und ein fröhliches Familienleben führt.«

In der Tat – diese eine Frage hatte ich noch gar nicht gestellt. »Wer istThe Stick?«

Ich war die ganze Zeit darauf fokussiert gewesen, den Anschlag aufzuklären. Doch dann musste ich mich auch mit den Hintergründen beschäftigen.

»Keine Ahnung.« Marcus paffte einen kräftigen Zug aus und fuhr an den Hosenträgern mit den Daumen rauf und runter. Lady C blies die Luft ebenfalls geräuschvoll aus und warf die Arme in die Luft.

»Wie, keine Ahnung?«, mischte sich Theo ein. »Ich dachte, du hast für ihn gearbeitet?«

»The Sticklernt man nicht einfach kennen. Bis vor wenigen Wochen kannte ich ihn überhaupt nicht. Aber ich weiß von einigen Männern, die seit über fünf Jahren für ihn arbeiten. Und selbst die wissen nichts über seine Identität.«

Ich runzelte die Stirn. WennThe Stickin der Unterwelt operierte, hätte ich ihm zwangsweise über den Weg laufen müssen. Niemand ist so gut, all seine Spuren über einen so langen Zeitraum zu verwischen. Vielleicht war es ein findiger Geschäftsmann, der in einem Bereich arbeitete, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte.

»Sie arbeiten seit Wochen für ihn und haben keine Ahnung, wer er ist?«, fragte Lady C und trat vom Fenster weg, um Marcus anzuschauen.

»Jawohl, Mylady.« Marcus Ton veränderte sich, wann immer er mit Lady C sprach. Er wurde demütiger, als ob er sich seiner niederen Stellung bewusst war und gleichzeitig wusste, wie er mit ihr umzugehen hatte. Beinahe auf die Weise, als ob er es gewohnt wäre, mit Adligen zu reden, und es trotzdem verabscheute.

»Wieso hast du dich in den Dienst eines Mannes gestellt, den du nicht kennst?« Ich griff nach einem Törtchen, während Marcus antwortete.

»Aus demselben Grund wie du.« Marcus paffte eine Dunstwolke in Form eines Rings aus. »Ich brauche Geld zum Leben. Früher habe ich noch was darauf gegeben, für wen ich arbeite. Doch seien wir mal ehrlich: Die Typen, die Männer wie mich anheuern, haben meistens keinen wohltätigen Zweck im Sinn. Und ich habe keine Lust, auf der Straße zu leben. Jobs für gute Menschen werden nicht besonders gut bezahlt.« Marcus ließ die Arme ergeben sinken, lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er wirkte auf einmal fürchterlich alt und erinnerte mich dabei an Papier, das zerknittert und wieder glatt gestrichen worden war. Einmal, zweimal, doch irgendwann blieben Spuren, die man nicht mehr leugnen konnte.

»The Stickmacht also krumme Geschäfte?«, hakte ich nach.

»Vermutlich. Ich habe hauptsächlich Botengänge für ihn übernommen. Der Einsatz im Lagerhaus war der erste, bei dem ich meine Waffe benutzen musste.«

»Nun, das ist mal gründlich schief gegangen«, bemerkte Lady C.

»Verzeihung, Mylady, dass ich mich vor Sie gestellt habe«, gab er mit verbissener Miene zurück. »Das wird nicht wieder vorkommen.«

Bevor Lady C etwas erwidern konnte, erhob ich mich. »Gut, wir haben nur diese eine Spur. Lady Cunningham, bitte sehen Sie es mir nach, dass wir gleich aufbrechen müssen.«

»Welche Spur?«, fragte Jean. Es war das erste Mal, dass sie an diesem Tag etwas sagte und aus ihren wenigen Worten sprach die reine Enttäuschung.

»The Stick. Wir müssen herausfinden, wer er ist. Vielleicht führt uns dieser Name weiter, so dass wir eine Verbindung zu dem Anschlag finden.«

»Und was, wenn sie gar nicht in dem Lagerhaus war, sondern in einem anderen und sie uns angelogen hat?«, fragte Lady C völlig zu recht.

»Dann verschwenden wir Zeit und Kraft darauf, etwas herauszufinden, was sonst niemand weiß.« Ich schnaubte. »The Stickscheint einen gewissen Ruf zu haben, auch wenn ich im Grunde noch nie von ihm gehört habe. Und Menschen mit schlechtem Ruf sind mir per se unsympathisch.«

Theo zog eine Augenbraue hoch und schenkte mir seinen typischen mimischen Sarkasmus, wenn er mir stumm widersprechen wollte. Ich wusste, dass mein Ruf nicht der Beste war. Ein Schutzmechanismus, den ich mir vor einigen Jahren erarbeitet hatte, um in der Unterwelt Informationen zu erhalten. Aber ein Spruch stimmt immer: Ist der Ruf erst ruiniert, betrügt es sich ganz ungeniert.

»Und wo wollen wir hin?«, fragte Lady C.

Ich zögerte zunächst, es ihr zu sagen, aber so wie sie herumlief, würden wir höchstens eine Information erhalten, wenn sie ihre Klamotten vom Leib riss. »An einen Ort, an dem Sie ihren gesamten Schmuck und ihre Attitüde daheim lassen sollten.«

Sie trommelte mit ihren Fingern auf ihrem Unterarm. »Und wo soll ich das in ihrem ach so gesicherten Büro lassen, von dem die Tür nicht einmal abgeschlossen ist?«

»Nutzen Sie den Tresor.«

»Das alte Ding da?«, schnaubte Jean. »Vierzehn Sekunden. Und in dieser Zeitangabe ist schon einkalkuliert, dass ich dort hinhumpeln muss.«

Ich winkte ab. »Besser als die Hutablage unserer Garderobe.«

Ich verließ den Klientenraum und ging in den Vorraum, schnappte mir meinen Mantel und warf ihn demonstrativ über. Ich würde mich in ein paar Minuten auf den Weg machen. Mir war egal, was sie tat.

Kapitel 2

THEO

»Du willst insBrodelnde Pulverfass?«, fragte ich und schüttelte den Kopf.

»Was ist mit diesem Etablissement?« Lady Leonora wirkte ohne ihren Schmuck immer noch wie eine Dame, aber zumindest gab es für die Diebe und Arschlöcher vonSaintgatekeinen offensichtlichen Grund, uns anzugreifen.

»Nichts weiter«, erwiderte Rack und marschierte voran. Sie mussten zu Fuß gehen. Niemand imBrodelnden Pulverfasskonnte sich eine persönliche Kutsche leisten. Und wenn, dann war er für gewöhnlich nicht lebensmüde genug, um damit vorzufahren.

Lady Leonora blieb bei mir und sagte einen Moment lang nichts. Der Weg vor uns wurde schmaler. Das Straßenlabyrinth, das durchSaintgateführte, bestand aus Sackgassen und Schleichwegen. Rack schien jede einzelne Straße in Victoria auswendig zu kennen. Selbst in den Randgebieten. Wie er das machte? Ich hatte keine Ahnung. Aber bei Verfolgungsjagden, in denen ausnahmsweise wir die Gejagten waren, hatte sich dieses Wissen als nützlich erwiesen.

Vagabunden boten an der Straßenecke ihre Waren feil. Ersatzteile für alle Arten von Uhrwerken, überreifes Obst, Wolldecken für den aufkommenden Winter und ihre eigene Arbeitskraft. Zumeist standen da Männer, die sich anboten, aber auch einige Frauen. Doch eines verband all jene Arbeitskräfte: Sie hatten die gleiche Hautfarbe wie ich.

Manche warfen mir einen mitleidigen Blick zu, weil sie vermutlich glaubten, dass ich im Dienst von Lady Leonora stand. Andere wirkten neidisch.

So oder so war ich das Objekt ihrer Aufmerksamkeit. Was auch Lady Leonora nicht entging, immerhin marschierten wir an einer fast zweihundert Meter langen Reihe aus Männern und Frauen vorbei und hinter Rack her.

»Standest du auch einmal in einer Reihe wie dieser?«, fragte sie mich, als wir längst vorbeigegangen waren.

»Nein. Rack nahm mich direkt in seinen Dienst auf. Eindeutig der bessere Verlauf meines Lebens.«

»Wer weiß«, sagte Lady Leonora. »Du bist nicht dumm. Du hättest auch so in deinem Leben viel erreichen können.«

Ich lächelte und überlegte. Konnte ich ihr von meinem Traumberuf erzählen? »Sie wissen, dass ich schwarz bin, oder?«

»Eine offensichtliche Tatsache, die sich augenscheinlich nicht leugnen lässt«, sagte sie mit ausdruckslosem Gesicht. »Das hat aber nichts damit zu tun, was in dir steckt. Die Rechte wurden von den Gildenvorständen glücklicherweise angeglichen. Es gibt keine Rassentrennung mehr. Warum solltest du nicht jede erdenkliche Möglichkeit haben?«

Ich musste lächeln. »Theoretisch.« Wir liefen an dem Zentrum vonSaintgatevorbei – einem Marktplatz, auf dem kein einziger Stand zu sehen war, dafür jede Menge Buden, in denen Schauspieler, Dichter und Musiker ihr Können bewiesen. Ein Chaos an Tönen und Geräuschen, das beinahe 24 Stunden am Tag anhielt. Ich hatte früher gerne hier gesessen und mir alles angesehen. In Gambia gab es unsere Stammesmusik, mit der wir uns oft die Zeit vertrieben hatten. Hier hatte ich eine Vielfalt kennengelernt, die mich im Grunde genommen überforderte. Gleichzeitig stellte ich zu dieser Zeit fest, dass inSaintgatehauptsächlich Menschen arbeitssuchend waren, die dieselbe Hautfarbe hatten wie ich. »Die Praxis zeigt etwas anderes. Schauen Sie sich um und sagen Sie mir, was Sie sehen?«

Lady Leonora wandte den Kopf in Richtung des Marktplatzes. »Ein Treiben und jede Menge Menschen, die sich amüsieren.«

»Schauen Sie genauer hin.« Ich brauchte es nicht mehr. Seit Jahren standen dieselben Männer und Frauen auf den Bühnen. Es kam selten vor, dass jemand Neues dazu kam. Und wenn, wirkte er spätestens nach einem Monat genauso wie die anderen. Gelangweilt und desillusioniert.

»Die Männer stehen vor den Frauen und begaffen sie. Gut, nicht zwingend das Amüsement, das ich mir vorstellen würde, aber ich weiß um die Bedürfnisse der Männer.« Sie zwinkerte mir zu. »Die Armut spricht aus der Kleidung der Anwesenden. Sowohl die der Künstler, als auch die der Besucher.« Lady Leonora sprach lauter, um den Lärm zu übertönen, der zu uns herüberschwappte. »Keine Kinder, was wohl bedeutet, dass sie in der Schule sind.«

»Eher bei der Arbeit«, bemerkte ich. »Was wissen Sie über das Viertel vonSaintgate?«