Beschreibung

19. Jahrhundert Victoria in Großbritannien. Racks Bande ist wieder vollständig. Doch bisher können sie nur mäßigen Erfolg gegen "The Stick" vermelden. Rack muss sich endlich etwas einfallen lassen, damit sie den Bandenführer dem Rechtssystem zuführen können. Und das in der korruptesten Stadt, die das britische Empire zu bieten hat. Doch "The Stick" weiß, dass sie gegen ihn arbeiten, und unternimmt alles, um sie zu vernichten. Der Abschlussband der ersten Staffel um Rack und seine "Bande von Nichtsnutzen" bietet noch einmal alles auf, was die Einzelgänger in der Gruppe zu bieten haben. Der General, die Diebin, die Lady und der Detektiv mit seinem Assistenten gegen den mächtigsten Anführer von Victorias Unterwelt. Wer wird siegen?

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2016 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz, Cover: Papierverzierer Verlag

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-205-9

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
RACK (6)
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Ann-Kathrin Karschnick

Prolog

Rack

Es klopfte an meiner Tür, kaum dass ich mich ins Bett gelegt hatte. Der Whiskey wirbelte durch meinen Kreislauf. Auf den Abend hatte ich mir einige Kurze gegönnt. Wieder war ausschließlich Lady C bereit gewesen, mit mir mitzuhalten. Alle anderen waren frühzeitig verschwunden. Jean erholte sich von der außerplanmäßigen Operation an ihrem Handgelenk, Theo kümmerte sich um sie. Warum Marcus gegangen war, konnte ich nicht sagen. Er hatte zwei Runden mit uns getrunken, ehe er ohne ein weiteres Wort gegangen war.

»Herein«, rief ich und zog die Decke bis über den Bauch. Falls es Lady C war, wahrte ich zumindest den Anschein von Anstand. Falls es jemand anderes war, wollte ich nicht, dass er mich nackt sah.

Es war Marcus, der eintrat. Er schloss die Tür hinter sich. Mit der Hand am Türknauf lehnte er sich gegen das Türblatt.

»Ich weiß nicht, ob es mein verdrehtes Zeitempfinden ist oder ob du wirklich seit einer Minute auf meine nackte Brust starrst.« Ich holte tief Luft, da der Alkohol scheinbar auch die Kontrolle über meine Lunge übernommen hatte. »Aber vielleicht hilft es dir, wenn ich sage, dass ich unter der Decke nichts anhabe.« Ich grinste ihn an. Marcus blieb jedoch ernst.

»Rack, ich muss mit dir sprechen.« Er stieß sich von der Tür ab und kam zu mir herüber.

»Gespräche, die so anfangen, sind niemals gut ausgegangen.« Ich setzte mich auf. »Wenn du mit mir Schluss machen willst, kann ich dich beruhigen. Wir waren nie ein Paar.«

Marcus zog den Stuhl vom Schreibtisch und setzte sich vor mich hin. Seine verbissene Miene bereitete mir Sorgen. »Was ist los? Ist was mit Jean?«

»Nein, nein. Ihr scheint es gut zu gehen.« Er winkte ab. »Es geht um Lady Cunningham.«

»Was ist mit ihr?« Jetzt richtete ich mich vollends im Bett auf, versuchte, die Promille zu ignorieren, die die Matratze in ein unruhiges Meer verwandelten.

»Sie ist nicht die, für die wir sie halten.« Marcus rieb die Hände aneinander und lehnte sich mit den Ellenbogen auf seine Oberschenkel.

»Rede mit mir, Marcus. Entweder schlafe ich in den nächsten Sekunden ein oder falle betrunken ins Kissen zurück. So oder so solltest du die wenigen klaren Momente nutzen, die mir bleiben.«

Die Handflächen wanderten nun seine Knie auf und ab. »Ich weiß, dass du sie wirklich magst und sie uns auch unglaublich viel geholfen hat, aber ich glaube, sie verheimlicht uns etwas.«

Ich ließ mich in mein Kissen zurückfallen und imitierte Schnarchgeräusche.

»Schon gut. Ich glaube, dass sie mit The Stick zusammenarbeitet.«

Die Stille drehte ihre Kreise in meiner Kabine. Sie tänzelte an mir vorbei, trat mir in den Magen und schlug mir mit einem Hammer gegen den Kopf.

»Wie kommst du denn bitte darauf?«, fragte ich und erhob mich. Inzwischen war es mir egal, ob die Decke meinen Oberkörper noch bedeckte.

»Dazu muss ich etwas ausholen.« Er schluckte und seufzte. »Als ich das erste Mal als Söldner für The Stick angeheuert wurde, wusste ich nicht, für wen ich arbeitete. Ich dachte immer, Arbeit ist Arbeit. Merkwürdigkeiten habe ich genau darunter eingruppiert: Merkwürdigkeiten. Ich habe die Jungs mal belauscht, dass sie Ziegen unter Drogen setzen und gegeneinander antreten lassen, um zu wetten, wer gewinnt.« Marcus stand von seinem Stuhl auf und wanderte in meiner Kabine auf und ab. »Und ein anderes Mal hat mein Boss darüber gesprochen, dass irgendeine reiche Lady die Operationen finanziert. Auch dabei habe ich mir nichts gedacht. Immerhin musste ja irgendwer mein Gehalt bezahlen.«

»Eine reiche Frau kann jede sein.« Ich fuhr mir durch die Haare und versuchte den Alkohol irgendwie aus meinen Gedanken zu wischen, auch wenn er mit jeder Sekunde heftiger zuschlug.

»Ich weiß. Aber seitdem ich nachgrübele, wer The Stick finanzieren haben könnte, ist sie eine Kandidatin, die für mich in Betracht kommt.« Marcus lehnte sich auf den Stuhl und stützte sich darauf ab. »Überleg mal. Wir wissen immer noch nicht, weshalb der Anschlag auf sie verübt worden ist. Natürlich kann es nur Zufall gewesen sein. Ein willkürliches Opfer, um zu testen, dass seine Maschine funktioniert. Aber daran glaube ich nicht.«

An Zufälle glaubte ich ebenfalls nicht. Aber eine Lady C, die The Stick Jahre finanziert hatte und uns seit Monaten anlog? »Das bezweifle ich. Ja, wir haben keine Ahnung, warum sie das Opfer war. Die Planung dahinter lässt einen gezielten Anschlag vermuten, aber Lady C? Sie ist eine gute Schauspielerin, nur so gut nun auch wieder nicht.«

»Rack, sie hat den Namen Harvey Dellbridge akzeptiert. Als ob sie schon wusste, wer The Stick wäre. Jedes Mal, wenn wir Gefahr liefen, ihm zu begegnen, hat sie sich freiwillig ins Velocar gesetzt. Sie wollte ihm nicht begegnen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie uns da etwas verheimlicht.« Marcus stieß sich von dem Stuhl ab. »Und sie ist eine verdammt abenteuerlustige Frau. Sie würde beinahe alles für den nächsten Kick tun.«

Ich schüttelte den Kopf. »Marcus, mach dir keine Gedanken. Ich spreche sie morgen früh darauf an und dann sehen wir weiter. Es wird sich sicher als Fehler herausstellen. Geh jetzt schlafen. Ich brauche den Schlaf auf jeden Fall mehr als dringend.«

Damit ließ ich mich wieder in meine Kissen sinken. Ich hörte, wie die Tür zuging, ohne dass Marcus sich verabschiedet hatte.

Ich lag auf dem Rücken und starrte auf den dunklen Fleck über meinem Bett. Es war ein Einschussloch, das schon vor meiner Ankunft in der Decke gewesen war.

Ich versuchte einzudösen, wollte mich von dem Seegang in meinem Magen in den Schlaf spülen lassen, doch Marcus‘ Hinweise banden mich an Deck des Seglers fest, zerrten an mir, bis ich entnervt die Decke zurückwarf und mich aufsetzte.

»Danke, Marcus!«, murmelte ich und rieb mir das Gesicht.

Ich war müde, meine Augen brannten und meine Füße taten weh vom vielen Laufen in den letzten zwei Tagen. Trotzdem stand ich auf und wanderte in meiner Kabine hin und her.

Ich ging die verschiedenen Momente durch, von denen Marcus gesprochen hatte. Das erste Mal waren wir in der Lagerhalle auf The Stick getroffen, in der er mich gefoltert hatte. Lady C war tatsächlich im Wagen geblieben. Warum, wusste ich nicht. Ich hatte es als Teil des Plans abgetan. Vielleicht hatte Marcus recht, vielleicht war sie aber auch nur vorsichtig gewesen.

Eine weitere Szene schwankte in meine Erinnerungen. Der Moment, in dem Jean den Namen von The Stick genannt hatte: Harvey Dellbridge. Jean hatte nur Harvey gesagt und gemeint, dass sie ihn aus der Zeitung kannte. Lady C hatte sofort den vollen Namen gewusst. Hatte sie das aus den Hinweisen von Jean geschlussfolgert oder kannte sie The Stick wirklich schon lange?

Ich lief von einer Wand zur anderen. Der Alkohol schwappte in der Zwischenzeit in meinem Verstand hin und her.

In meinem Gedächtnis tauchte außerdem ein Gespräch mit Theo auf, nachdem wir herausgefunden hatten, wer The Stick war. Er hatte nebenbei von den Einladungslisten erzählt, die Lady C bei sich im Haus aufbewahrte. Da war der Name Harvey Dellbridge ebenfalls gefallen. Theo meinte, dass er auf ihren Partys ein oft eingeladener Gast war.

Es gab Hinweise. Ja, das stimmte, aber Lady C war keine Verräterin. Ich blieb vor dem Schreibtisch stehen und öffnete die unterste Schublade. Die warme Luft der Umluftanlage umspielte meine nackten Knöchel.

Oder war sie es etwa doch?

Ich zog den Samtbeutel heraus, den ich nach dem Überfall von Jean entgegengenommen hatte und öffnete ihn. Rubine, ein Diamant und vier fingernagelgroße Smaragde lagen darin. Jean hatte sie aus den anderen, geschlossenen Räumen des Museums gestohlen, ehe die restlichen Diebe am Fenster zu ihr gestoßen waren. Der Diebstahl wurde Mr. Delong angekreidet, dem Bandenführer der Diebe, auch wenn man die Beute nicht bei ihm gefunden hatte.

Ich schloss den Beutel wieder und verstaute ihn unter den Papieren in dem Schubfach.

Die Steine waren meine Sicherheit. Ursprünglich waren sie dafür gedacht, den Kampf gegen The Stick zu finanzieren. Doch falls Lady C wirklich nicht auf unserer Seite stand, dienten sie als meine und Theos letzte Absicherung, um aus dem Land zu verschwinden.

Ich torkelte zurück ins Bett. Eine Lösung würde ich in dieser Nacht nicht finden, das war mir klar. Aber Schlaf … ja, vielleicht würde ich Schlaf finden.

Kapitel 1

THEO

Der Sieg über Mr. Delong und der Einbruch ins Museum lagen inzwischen eine Woche zurück. Wir hatten versucht unterzutauchen, so gut es eben möglich war. Jean hatte sich ab und an in ihren alten Reihen umgehört, doch niemand ahnte etwas von unserer Beteiligung an dem Raub. Diejenigen, die mit uns gearbeitet hatten, waren alle im Knast gelandet. Somit wusste auch The Stick nichts von der Mithilfe bei der Entledigung von Mr. Delong, einem seiner vielen Handlanger. Vielleicht ahnte er es, aber es gab keine Beweise, solange er seine Männer nicht im Gefängnis besuchte.

»Zwei Laib Brot, bitte«, bestellte ich auf dem Marktplatz und hielt den Beutel auf. Die Verkäuferin war wie jeden Morgen eine andere. Wir besorgten die Lebensmittel immer auf verschiedenen Märkten. Niemals ein zweites Mal einen Laden besuchen. Niemals dasselbe Viertel nacheinander benutzen. Falls uns The Sticks Leute irgendwo auflauerten, sollten sie es nicht leicht haben, uns zu finden.

»Anderthalb Bronzepfund«, sagte die Frau und legte die Brotlaibe in den Beutel. Ich war das erste Mal in Grainwatch auf dem täglichen Bauernmarkt. Ich hatte davon gehört, war aber bisher nie dort hingegangen, da wir unsere Lebensmittel in den Einkaufsläden nahe dem Büro gekauft hatten. Jetzt, da wir ausweichen mussten, schlenderte ich mit Genuss über den weitläufigen Umschlagplatz. Es gab Kräuterfrauen, die ihre Dienste anboten, Teewagen, deren Düfte die Sinne raubten, die ehrwürdigen Bauernstände, an denen Kartoffeln, Karotten und Mehl angeboten wurde. Ich kaufte mir einen Apfel direkt vom Händler und aß ihn auf dem Markt. Dabei überkam mich ein gewisses Freiheitsgefühl. Beim simplen Essen eines Apfels empfand ich mehr Freiheit, als ich es in den Wochen zuvor gespürt hatte. Dabei war ich ein freier Mensch. Wenn ich den Wunsch verspürte, Rack zu verlassen, konnte ich das jederzeit tun.

Dieser Gedanke hatte mich bisher nur einmal in meinem Leben erfasst. Und das war vor zwei Jahren gewesen. Damals glaubte ich daran, dass ich eine Chance an der Aeronautenakademie gehabt hätte. Inzwischen war mir klar geworden, dass ich diesen Traum zwar weiterhin träumen würde – wer gab schon seinen sehnlichsten Traum auf, nur weil man realistisch wurde –, aber ihn erst einmal auf Eis legte, bis die Gleichstellung für Schwarze in den Ansätzen durchgesetzt war.

Hier auf dem Markt war die Hautfarbe egal. Ich konnte rüberlaufen und begegnete sowohl dunkelhäutigen als auch weißen Dienern. Alle kauften sie für ihre Herren und Damen ein. Mit einer der Gründe, warum immer ich losgeschickt wurde. Jean würde die Lebensmittel stehlen, die wir brauchten. Lady Leonora wusste nicht mal, wo außerhalb ihrer Speisekammer Brote zu besorgen waren. Und Marcus, ein Bär von einem Mann, beim Einkaufen? Rack hatte schlichtweg keine Lust, womit ich der einzige war, der freiwillig ging.

Die Luft war frisch und eisig, zog aus Osten mit einer kühlen Front auf uns zu. Der Winter würde nicht besonders angenehm werden, vermutlich gab es das erste Mal seit Jahren wieder Schnee. Ein Grund mehr, endlich aus diesem Luftschiff herauszukommen. Wenn die Schneedecke neu war und man unsere Fußabdrücke erkannte, wären wir ein leichtes Ziel für jeden, der es auf uns abgesehen hätte.

Mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen kehrte ich bei der Bäuerin ein, die ihren Käse und ihre Wurst gemeinsam mit zwei Mädchen verkaufte, die dem Gesicht nach ihre Töchter zu sein schienen. Alle drei trugen keine teure Kleidung, aber wirkten auch nicht arm. Ein Zeichen, dass ihre Produkte gerne gekauft wurden und somit wohl schmeckten.

»Sie bieten Trockenfleisch an?«, fragte ich. Unsere Lagerfähigkeiten hielten sich immer noch in Grenzen, so dass ich beim Fleisch nicht viel Auswahl hatte.

»Selbstverständlich. Wie viel wünschen Sie?« Das kleinste Mädchen bediente mich und reichte mir eine Scheibe zum Probieren. Es war erstaunlich gut gewürzt und schmeckte nicht so zäh wie beim letzten Einkauf, den ich besorgt hatte. »Zwei Kilo bitte.«

Die Augen des Mädchens blitzten bei der Bestellung auf. Bei Jeans Konsum hätte ich gut und gerne das Doppelte kaufen können, aber so viel Geld trug ich gar nicht bei mir. Zwar hatte Jean mir ein paar Tricks gegen Taschendiebe gezeigt, doch sie stahl dennoch jedes Mal meine Geldbörse. Und das, obwohl ich darauf vorbereitet war, dass sie kam. Wenn die anderen Diebe nur halb so gut waren, hatte ich keine Chance.

»Ihr Herr möchte wohl eine längere Wanderung in den Hügeln unternehmen«, sagte das Mädchen. Ihre roten Zöpfe wippten auf und ab, als sie die Bündel Trockenfleisch in meinen zweiten Beutel stopfte.

»Ja, so was in der Art«, antwortete ich ausweichend.

»Bitte sehr.« Ich reichte ihr das Geld, und sie gab mir meinen Beutel zurück.

Da mir noch etwas Zeit blieb, schlenderte ich über den Markt, als wäre ich ein normaler Besucher. Ich lief durch den Gang der Kräuterfrauen und schüttelte in steter Regelmäßigkeit meinen Kopf, als sie mir Tinkturen und Salben gegen meine Leiden und sogar meine Hautfarbe anboten. Die Düfte der Blumen schlichen sich in meine Nase, als ich an einem Verkaufsstand vorbeiging, der Rosen, Lavendel und Lilien feilbot.

Die Sonne stand am höchsten, und meine Taschenuhr klickte leise, da es zwölf Uhr war. Zeit zurückzukehren. Die anderen würden bald das Mittagessen fertig haben. Und wir wollten an unserem Plan weiterarbeiten, The Stick zu denunzieren. Rack war eine Idee gekommen.

Als ich wieder am Müllhaufen angekommen war, blickte ich mich zunächst um. Niemand war da, der sich für mich interessierte. Was verwunderlich gewesen wäre, da wir allesamt immer Vorsicht walten ließen. Ich betätigte die verschiedenen Knöpfe und Hebel und trat auf die Couch. Vor dem letzten Hindernis zögerte ich mit einem Mal. Direkt vor mir lag ein Zettel. Kein verwittertes Blatt, das schon gelb von seiner langen Zeit in der Feuchtigkeit oder deren Buchstaben vom Regen verschwommen waren.

Ein äußerst blütenweißes Blatt Papier mit so deutlich sichtbaren Worten, dass sie genauso gut auch aus einer Druckerpresse hätten stammen können. Was hatte das zu bedeuten? Hatte Rack mir eine Nachricht hinterlassen? Ich ging sicherheitshalber in Deckung.

Weit und breit gab es nur Bäume und Grabsteine, die auf dem Friedhof nebenan standen. Ein Müllberg, an dessen Seite eine Mülllawine herunterrutschte und eine Frau, die mit einem Rollwagen und ihrem Gehstock versuchte, dieser zu entkommen.

Ich nahm den Zettel und las, was darauf stand. Es war nur eine Zeile, aber diese brannte sich in meinen Sehnerv.

Ich weiß, wo ihr euch versteckt.

Meine Beine zuckten, trieben mich hinein. Ich musste die anderen warnen. The Stick hatte uns gefunden!

Der Mechanismus der Luke war viel zu langsam für meinen Geschmack und ich rutschte die Treppe hinunter. Die Beutel mit dem Fleisch und den restlichen Einkäufen warf ich zu Boden, um schneller durch die Gänge zu gelangen. In einer besonders engen Kurve schlug ich mit der Schulter gegen die Wand. Der Schmerz blieb nur kurz, das Adrenalin übernahm die Oberhand.

Ich riss die Tür zur Brücke auf und rannte zum Tisch, wo Jean und Rack saßen. Marcus und Lady Leonora waren nicht zu sehen.

»Er hat uns entdeckt!«, rief ich und unterbrach ein Gespräch zwischen Jean und Rack. Ich streckte meine Hand nach vorne und holte das erste Mal Luft. Meine Laufeinheiten fehlten mir, merkte ich in diesem Moment. Ich sollte wieder damit anfangen. »The Stick hat uns aufgespürt.«

Rack wandte sich quälend langsam zu mir um und nahm den Zettel entgegen. Als er ihn zwei Mal gewendet hatte, reichte er ihn Jean. »Wo hast du den gefunden?«, fragte Rack.

»Er lag oben auf der Couch direkt vor der Luke. Vermutlich wollte jemand eindringen, aber das Zahlenschloss hat ihn abgehalten.« Ich holte erneut Luft. »Was machen wir denn jetzt?«

»Gar nichts«, sagte Jean und warf den Zettel auf den Tisch. »Wo sind die Einkäufe? Sag mir nicht, dass du sie draußen liegen gelassen hast.«

»Was?« Ich konnte nicht glauben, dass Jean an Essen dachte, obwohl sie die Notiz gelesen hatte. »Er hat uns gefunden!«

Rack zog das Blatt zu sich und zeigte es mir. »Lies, was da draufsteht.«

»Ich weiß, wo ihr euch versteckt!«, rief ich. Dazu brauchte ich die Notiz nicht. »Das ist doch eindeutig.«

»Eben nicht«, erwiderte Jean. »Es steht kein Absender darauf. Und wenn es wirklich The Stick gewesen wäre, hätte er uns keinen Zettel dagelassen, sondern eine Bombe und ein anschließendes Erschießungskommando.« Sie zuckte nur mit den Schultern und erhob sich. »Also, wo ist das Essen?«

»Am Eingang am Boden«, sagte ich. Jean ging seelenruhig von der Brücke und pfiff dabei sogar noch ein Lied. Ich fühlte mich mit meiner Angst vor The Stick auf verlorenem Posten. Wenn wenigstens Lady Leonora hier wäre. Die hätte meine Befürchtungen sicher geteilt. Wobei ich ehrlich zugeben musste, dass Jeans Einwand berechtigt war.

»Du meinst, dass es nicht The Stick gewesen ist?«, fragte ich Rack.

»Wahrscheinlich jemand, der uns erkannt hat. Immerhin hat The Stick angefangen, uns in der Unterwelt zu diskreditieren.« Rack las ihn erneut. »Ich glaube nicht, dass wir uns darum kümmern sollten. Wie auch? Es steht kein Name drauf, keine Forderung, keine eigentliche Drohung. Nur eine Information, mit der wir nichts anfangen können.«

»Du willst es also ignorieren?«, fragte ich.

»Habe ich eine andere Wahl?« Rack legte den Zettel vor mich. »Was sollte ich denn deiner Meinung nach tun?«

»Ich weiß nicht, vielleicht überlegen, unsere Brücke woanders aufzubauen. Irgendwer scheint zu wissen, dass wir hier sind. In Gefahr sind wir damit so oder so.«

»Und was bringt uns eine Flucht in ein neues Versteck? Wir müssten alles mitnehmen. Und wir hätten das Büro nicht mehr. Es gibt keine Ausweichmöglichkeit für uns.« Rack schüttelte den Kopf. »Wenn es nicht The Stick ist, werden wir mit der Situation schon fertig.«

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. »Bist du dir sicher?«

»Natürlich nicht. Wenn ich mir sicher wäre, würde ich dir einen Plan vorlegen. Zumindest glaube ich, dass derjenige nicht schlimmer sein kann als The Stick.« Rack rieb sich über die Brust, als er den Namen aussprach. Es war die Stelle, an der er gefoltert worden war. Ich presste die Lippen aufeinander. Diese anbarische Quelle hatte ihm Schmerzen zugefügt, die er wohl lieber vergessen wollte.

Ich atmete durch und seufzte schließlich. »Um unserer aller willen hoffe ich, dass du recht behältst. Ich werde aber trotzdem die Augen offen halten und herausfinden, wer genau von unserer Existenz weiß.«

»Mach das.« Rack schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und grinste. »Ich werde in der Zwischenzeit den Kerl zur Strecke bringen, der unsere Stadt vernichten will.«

Kapitel 2

rack

»Wir sollten wirklich versuchen, mal aufzuräumen«, sagte Lady C und wischte mit ihrem Taschentuch über meinen Schreibtisch.

»Wenn du dich dazu berufen fühlst: Ich halte dich nicht auf.« Ich warf mich wieder auf mein Bett und deutete ihr, die Tür hinter sich zu schließen. »Du wolltest mit mir unter vier Augen sprechen?«, fragte ich und hielt ihr die Papiere unter die Nase, die Theo damals aus dem Lagerhaus von Ted gestohlen hatte. Ich hatte bereits den nächsten Hinweis darauf gefunden, was wir tun würden, und Marcus war dabei, alles mit Jean vorzubereiten. Heute Nacht würden wir im Refugium von The Stick