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Masterarbeit aus dem Jahr 2015 im Fachbereich BWL - Bank, Börse, Versicherung, Note: 2,7, Universität Osnabrück (International Accounting), Sprache: Deutsch, Abstract: „Gefürchtet und unseriös – Die Methoden der Ratingagenturen“, so titelte die deutsche Dokumentationssendung Frontal21 im ZDF am 19. März 2013. Die strengen Notengeber hätten wieder zugeschlagen und gerade das gesamte Land Italien auf B-Niveau abgewertet. Durch ihre Urteile sei die Wirtschaftskrise von 2008 wesentlich angefacht worden: „Schrottpapiere“ wurden mit Bestnoten bewertet. Massive Kritik wird geäußert an der mangelnden Zugänglichkeit der Agenturen, ihren unbekannten Methoden sowie den undurchsichtigen Kriterien nach denen Urteile gefällt würden. Kann eine Agentur in der Realität die „Vogel-Perspektive einnehmen und die Rolle des Kontrolleurs einnehmen oder ist sie ebenfalls im Strudel undurchsichtiger Marktpolitik gefangen?
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Veröffentlichungsjahr: 2015
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Inhaltsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aktuelle Problematiken an den Finanzmärkten
3. Grundlagen der Analyse
3.1 Unternehmenshistorie von Standard & Poor´s und Moody´s
3.2 Einbettung in ökonomische Theorien
3.3 Begriffliche Definitionen
3.4 Differenzierungsformen von Ratings
3.5 Ratingskala, Outlook und Watchlist
3.6 Ziele und Anforderungen hochwertiger Ratingurteile
4. Arbeitsprozess eines Unternehmensratings
4.1 Ablauf eines Ratingverfahrens und verwendetes Datenmaterial
4.2 Kriterien und Analysestufen eines Ratingprozesses
4.3 Urteilsbildung und Überwachung in den Ratingagenturen
4.4 Beispiel eines Unternehmensratings durch Standard & Poor´s
5. Unternehmenspolitik und Rating Advisory
5.1 Tätigkeitsbereiche, Einordnung und Ziele der Rating Advisory
5.2 Vorbereitung auf den Ratingprozess
5.3 Unterstützung bei Durchführung sowie Anpassungen im Unternehmen
6. Funktionen und Nutzen von Ratings
7. Qualität von Ratingurteilen
8. Abschließende Beurteilung
9. Anhang
10. Quellenverzeichnis
Tabelle 1: Symbole des kurzfristigen Ratings
Tabelle 2: Symbole des langfristigen Ratings
Tabelle 3: aktuelle Ratingdaten deutscher Unternehmen (2015)
Tabelle 4: Kriterienkatalog Standard & Poor´s und Moody´s
Tabelle 5: Relativer Einfluss von Kennzahlen im deutschen RiskCalc™ Modell
Tabelle 6: Kürzel und Berechnungen des Moody´s RiskCalc™
Tabelle 7: Geschäfts- und Finanzrisikomatrix
Tabelle 8: Knorr Bremse AG - Financial Summary, Sektor: Automotive
Tabelle 9:Beispiel: Tagesordnung für Management Meeting von Standard & Poor´s
Tabelle 10: Average cumulative default rates from 1 to 8 years (%) - 1983 - 1999
Abbildung 1: Ablauf eines Ratingprozesses bei Standard & Poor´s
Abbildung 2: Zusammenhänge im RiskCalc™ Germany
„Gefürchtet und unseriös – Die Methoden der Ratingagenturen“, so titelte die deutsche Dokumentationssendung Frontal21 im ZDF am 19. März 2013[1]. Die strengen Notengeber hätten wieder zugeschlagen und gerade das gesamte Land Italien auf B-Niveau abgewertet. Durch ihre Urteile sei die Wirtschaftskrise von 2008 wesentlich angefacht worden: „Schrottpapiere“ wurden mit Bestnoten bewertet. Massive Kritik wird geäußert an der mangelnden Zugänglichkeit der Agenturen, ihren unbekannten Methoden sowie den undurchsichtigen Kriterien nach denen Urteile gefällt würden. Kann eine Agentur in der Realität die „Vogel-Perspektive einnehmen und die Rolle des Kontrolleurs einnehmen oder ist sie ebenfalls im Strudel undurchsichtiger Marktpolitik gefangen?
Des Weiteren konnten in jüngster Vergangenheit eklatante Fehlurteile aufgedeckt werden. Diese verursachten massive Zweifel an der Effizienz, der Objektivität und der Transparenz der eingesetzten Verfahren. Als bekanntester und schwerwiegendster sei der Fall „Lehman Brothers“ genannt[2]. Die Bilanzsumme betrug mehr als 650 Mrd. US-$, als sich die Investment Bank am 15. September 2008 unter den Gläubigerschutz nach US-amerikanischen Chapter 11. stellte und damit die größte Insolvenz der Geschichte feststand. Der daraus resultierende Schaden wurde von Experten als gewaltiger für die Finanz- und Realwirtschaft beurteilt, als die Angriffe auf das World-Trade Center in New York. Europa blieb nicht verschont. Am Tag der Insolvenz soll Lehman der Frankfurter Niederlassung der Europäischen Zentralbank eine Summe von 8 bis 9 Mrd. US-$ geschuldet haben. Es scheint nicht nachvollziehbar, warum am Morgen des 14.09.2008 das Rating von Lehman Brothers von den beiden führenden amerikanischen Agenturen Standard & Poor´s und Moody´s bei unverändertem Investment-Grade Rating bestand[3]. Hat die Investmentbank selbst effektiv und eigennützig die Agenturen getäuscht oder handelt es sich um eine bis dato gut versteckte Gefälligkeitsleistung?
Es stellen sich unweigerlich Fragen, nach der Ursache dieses offensichtlichen Versagens: einer positiven Einschätzung der Zahlungsfähigkeit bei einer nur Stunden später feststehenden Insolvenz. Existieren mögliche Mängel in der Arbeitsweise der Agentur oder wurden unvorhersehbare äußere Umstände zur Ursache des Untergangs? Werden unter Umständen willkürlich Entscheidungen getroffen oder gibt es klare Arbeitsstrukturen?
Im Verlauf dieser Arbeit werden zunächst die elementaren Problematiken des aktuellen Finanzmarktes näher erläutert. Es werden einige aus der Fülle von Risiken und Problemen für Anleger detaillierter erläutert und die Verbindungen zum Rating gezogen.
Daraufhin werden in Abschnitt drei die Grundlagen der Analyse betrachtet. Es gilt zunächst den historischen Hintergrund der aktuellen Situation nachzuvollziehen, um im Weiteren erkennen zu können, inwieweit die Entwicklungen in ökonomischen Theorien verankert sind. Im Folgenden wird erklärt nach welchen Theorien ein Rating am Markt zusätzlichen Nutzen und Informationen bereitstellt. In den Abschnitten 3.3 bis 3.5 werden zum vertiefenden Verständnis Definitionen elementarer Begrifflichkeiten erläutert, mögliche Differenzierungsformen eines Ratings sowie Erklärungen zu Ratingergebnissen und weiteren Ratingangaben vorgenommen. Darauf folgend werden relevante Anforderungen an ein Rating beleuchtet, die für ein hochwertiges Ratingverfahren unabdingbar sind.
Ausgehend von dieser Basis wird in Abschnitt vier der Arbeitsprozess während eines Unternehmensratings analysiert. Dazu werden das zu verwendende Datenmaterial und ein Überblick über die Arbeitsweise beschrieben. Einige der während des Verfahrens besonders zu berücksichtigen Unternehmenskriterien werden daraufhin einer genaueren Betrachtung unterzogen. Im Folgenden gilt es zu zeigen, welche Stufen in einem Analyseprozess enthalten sind und wie diese zu Urteilen verdichtet werden. Zum besseren Verständnis schließt sich ein Beispielrating von der Agentur Standard & Poor´s an.
Nach dieser ausführlichen Analyse des Verfahrens wird die Unternehmenspolitik in den Vordergrund gestellt, um zu zeigen, wie ein Unternehmen, durch Mitarbeit von Beratern, der sogenannten Rating Advisory, eine Optimierung des eigenen Ratings vornehmen kann. Dazu werden die Tätigkeitsfelder und die Arbeit von Rating Advisors während des Prozesses erläutert.
Schließlich werden Funktion, Nützlichkeit und Qualität des beschriebenen Ratings erläutert, um abschließend die Ergebnisse in einer Beurteilung aufzuzeigen.
Das theoretisch zur Verfügung stehende Volumen an Informationen und die Geschwindigkeit der heutigen Finanzmärkte stellen Investoren vor erhebliche Probleme, obwohl der rational handelnde Investor sein Kapital stets dort anlegen wird, wo er die höchste Rentabilität erhalten kann[4]. Dieser Annahme folgend, haben Marktteilnehmer durch die Tendenz zur Internationalisierung von Kapitalanlagen und Portfoliomanagement, einen steigenden Informationsbedarf. Besonders trifft dies auf institutionelle Anleger zu, die grenzüberschreitend Portfolios verwalten[5]. Unternehmen tragen in Zukunft daher zunehmend die Aufgabe, dem Kapitalmarkt nachzuweisen, dass Anleger bei einer Investition in ihre Anleihen Wertpapiere einer gewissen Qualität erhalten[6].
Die Ursachen der unterschiedlichen Entwicklung zwischen kontinentaleuropäischen und amerikanischen Kapitalmärkten, sind u. a. in den Finanzierungsstrukturen von Betrieben verankert. Grundsätzlich werden Kapitalmärkte in den USA zunehmend von kleineren Unternehmen in Anspruch genommen. Dieser Trend zur Disintermediation, weg vom Hausbank-System, hin zur Kapitalbeschaffung am freien Markt, greift in Deutschland erst langsam um sich[7].
Die weltweiten neuen finanziellen Möglichkeiten bergen gleichzeitig Komplexität und Risiken, die im Besonderen durch drei Entwicklungen begünstigt werden. Anhaltendes Wachstum führt zu steigendem Bedarf finanzieller Mittel, dem auf Seiten der Anleger erhebliche liquide Mittel gegenüberstehen. Folglich kommt es zu einem starken Anstieg des Emissionsvolumens an internationalen Wertpapiermärkten. Durch Internationalisierung der Märkte werden dem Anleger neue Möglichkeiten der Diversifikation ermöglicht, die zur Risikoreduzierung genutzt werden können. Problematisch bleibt die Beurteilung der Bonität ausländischer Anbieter aufgrund unterschiedlicher nationalrechtlicher Bestimmungen, die die Vergleichbarkeit erschweren. Weiterhin ist ein stetiger Wechsel von Regulierungs- und Deregulierungstendenzen durch Regierungen zu erkennen. Es zeigt sich zudem in Europa eine steigende Tendenz zur privatwirtschaftlichen Lösung des Finanzierungsbedarfs.
Zunehmender Ausbau und Verflechtung von globalen Kommunikationsnetzwerken haben problemlosen und zeitunabhängigen Wertpapierhandel erst ermöglicht. Ein gravierender Nachteil dieser Entwicklung ist, wie eingangs erwähnt, dass es dem einzelnen Investor aufgrund der Fülle von Informationen und dem Tempo der Entwicklungen, kaum noch möglich ist einen Überblick über Zahlungsfähigkeit und Güte von Emissionen und Emittenten zu verschaffen[8]. Grund dafür ist ein begrenztes Kontingent an Zeit und Mitteln. Daher sind einzelne Anleger außerstande die erforderlichen Bonitätsanalysen für Emittenten eigenständig durchzuführen. Folglich steigt die Attraktivität ein bereits vorliegendes Urteil als Ersatz für eine eigene Analyse zu verwenden[9]. Hinzu kommen mangelnde Kenntnisse der örtlichen Verhältnisse sowie Finanz- und Rechnungslegungsgrundsätzen[10]. Die Aussagen der Ratingagenturen können daher als internationalisierte Aussagen über die Bonität von Schuldtiteln betrachtet werden. Sie sollen im Interesse der Emittenten und Investoren eine erhöhte Markttransparenz herstellen[11]. Weltweit verständliche und eindeutige Qualitätsschlüssel werden zunehmend zu entscheidenden Kommunikationsmitteln im Wertpapierhandel[12].
Im Folgenden werden dieser Arbeit die zwei am häufigsten in der Öffentlichkeit genannten angelsächsischen Agenturen zugrunde gelegt: Standard & Poor´s und Moody´s[13]. Zunächst werden die grundlegenden Aspekte einer Unternehmensanalyse näher beleuchtet.
Die Wesensmerkmale eines Ratings lassen sich nicht vollständig erfassen ohne die historischen Begebenheiten zu kennen[14]. Das Ausmaß und strukturelle Umstände nordamerikanischer Märkte führten bereits im 19. Jahrhundert zu einer relativ großen Anzahl an Emittenten, über die sich Anleger einen Überblick verschaffen mussten[15]. Bereits im Jahr 1860 gründete Henry Varnum Poor ein Unternehmen mit dem Zweck der Verfassung von Wirtschaftsberichten. Folglich ist Standard & Poor´s die weltweit älteste Ratingagentur. Der schrittweise in den USA aufgebaute Informationsdienst verfasste zunächst Handbücher zu Eisenbahnunternehmen, Industrieunternehmen und öffentlichen Versorgungsunternehmen[16]. Der steigende Informationsbedarf begründet sich in diesem Jahrhundert durch den zunehmenden Eisenbahnbau und dem damit im Zusammenhang stehenden steigenden Kapitalbedarf. Die Ratings verhalfen zu mehr Transparenz, da langsame Kommunikationswege die Informationsversorgung mitunter erschwerten[17].
John Moody´s gründete im Jahr 1900 ein Unternehmen mit dem Ziel institutionellen und privaten Anlegern ein Handbuch über Wertpapiere von Industrieunternehmen zur Verfügung zu stellen. Die Konkurrenz zur Agentur Standard & Poor´s ist aufgrund dessen historisch fundiert. Nachdem Moody´s aus seinem eigenen Unternehmen im Jahr 1908 ausschied gründete er in New York die „Analyses Publishing Company“[18]. Diese verwendete ab 1909 die heute noch zutreffende Ratingsymbolik Aaa bis C zur Ergebnisvermittlung und wurde erstmals verwendet bei der Beurteilung von 250 Eisenbahnanleihen in den USA[19]. 1910 wurden ebenfalls Analysen von Industrieobligationen und Anleihen öffentlicher Versorgungsunternehmen in „Moody´s Analyses of Investments“ publiziert. Zudem wurde die Monatszeitschrift „The International Investor´s Monthly“ herausgegeben. Nach Übernahme der Minderheitsanteile seiner Partner wurde am 01.07.1914 Moody´s Investor Service gegründet. Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde der Börsenhandel eingestellt, was zum Wegfall der Existenzgrundlage für die Ratingagenturen führte[20].
Im Jahr 1918 wurde von Moody´s ein Handbuch zu ausländischen Wertpapieren und amerikanischen Staatanleihen publiziert und in den 1920er die Ratingbeurteilungen auf amerikanische Städte und Gebietskörperschaften ausgeweitet. 1924 erreichte Moody´s damit erstmalig eine Marktabdeckung in Amerika von fast 100 %. Zudem wurden Ratings für nicht amerikanische Emittenten durchgeführt[21], bis im Jahr 1929 durch die Weltwirtschaftskrise Bankportfolios massiv an Wert verloren. Rund ein Drittel aller Schuldverschreibungen wies Zahlungsstörungen auf[22]. Diese Unsicherheiten bedingten einen massiven Nachfrageanstieg zu Beginn der 1930er[23].
