Rätselhafte Orte unter der Erde - Mikey L. Theiß - E-Book

Rätselhafte Orte unter der Erde E-Book

Mikey L. Theiß

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Beschreibung

Verlassen liegen sie da. Niemand hat sie seit Jahren betreten. Es gibt sie überall auf der Welt: verlassene, verschüttete, vergessene Orte unter der Erde. Doch was ist geschehen, weil die Tunnel, Bunker oder Keller nicht mehr genutzt werden, die Höhlen gesperrt wurden – ihre Lage verschleiert, in den Unterlagen ausradiert, damit sie niemand finden kann? Warum wurde der Deckmantel des Schweigens über diese Orte geworfen? Was ist dort vorgefallen? Und wieso werden manche dieser Orte sogar gemieden? Neugierig geworden? Dann folgt uns einfach und betretet die besagten Höhlen, Bunker, Bergwerke und Keller. Lasst euch überraschen, welche Geheimnisse die Geschichten aufdecken werden.

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Rätselhafte

Orte unter

der Erde

Anthologie

Alle Rechte vorbehalten.

Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden.

Eine anderweitige Vervielfältigung des

Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.

Die Namen und Handlungen sind frei erfunden.

Evtl. Namensgleichheiten oder Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.

www.verlag-der-schatten.de

Erste Auflage 2023

© Coverbild: Depositphotos Nomadsoul1

Covergestaltung: Verlag der Schatten

© Bilder: Depositphotos cellar-door (Titelseite), Pettys (Tunnel), RFarrarons (Gang), swisshippo (Tropfsteinhöhle), maxcam (Straßburger Skelettsammlung, Goldhort), [email protected] (Schrei aus dem Weltall), alexanderkonsta (Quod erat …), mulderphoto(Projekt), mitzo_bs (Kellergeister), Onyx124 (Kellergänge, Ewigkeitslasten), GennadyGrechishkin (Geheimnis der Zone), mishainik, Valentyn_Volkov (Der Berg), neillockhart (Schienen)

Lektorat: Verlag der Schatten

© Verlag der Schatten, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel

ISBN: 978-3-98528-025-4

Verlassen liegen sie da.

Niemand hat sie seit Jahren betreten.

Es gibt sie überall auf der Welt: verlassene, verschüttete,

vergessene Orte unter der Erde. Doch was ist geschehen,

weil die Tunnel, Bunker oder Keller nicht mehr

genutzt werden, die Höhlen gesperrt wurden – ihre Lage verschleiert, in den Unterlagen ausradiert, damit sie niemand finden kann? Warum wurde der Deckmantel des Schweigens

über diese Orte geworfen? Was ist dort vorgefallen? Und wieso werden manche dieser Orte sogar gemieden?

Neugierig geworden?

Dann folgt uns einfach und betretet die besagten Höhlen,

Bunker, Bergwerke und Keller. Lasst euch überraschen,

welche Geheimnisse die Geschichten aufdecken werden.

Inhalt

Mikey L. Theiß: Die Tropfsteinhöhle

Jörg Olbrich: Straßburger Skelettsammlung

Marcel Sander: Der Schrei aus dem Weltall

C. G. Bittner: Quod erat demonstrandum

Yann Krehl: Das Projekt

Nicola Hölderle: Kellergeister

Elena C. M. Tüx: Kellergänge

Kurt B. Wolf: Goldhort

Jannik Zurmühlen: Das Geheimnis der Zone

Sebastian Steffens: Ewigkeitslasten

W. C. Büttner: Der Berg

Mikey L. Theiß: Die Tropfsteinhöhle

Innerhalb von wenigen Wochen ist die Intelligenz meines Onkels Michael geschrumpft auf die Größe eines Sonnenblumenkernes. Dabei war er einer der klügsten Menschen in meinem Umfeld gewesen.

Mit 16 hat er das bayrische Abitur geschrieben, mit einem Schnitt von 1,0 wohlbemerkt. Er hat das Biologiestudium aufgenommen, seinen Doktor gemacht und ist bereits sehr früh Professor geworden.

Mein Onkel hatte gerade einmal das 38. Lebensjahr vollendet, da wurde er dumm wie Stroh und fing an, von Händen zu sprechen, welche nachts aus den Wänden kämen und nach ihm greifen wollten.

In unserer Familie gibt es niemanden, der mit der Krankheit Schizophrenie diagnostiziert worden war. Erblich bedingt waren seine Wahnvorstellungen, dass Trump die Erde sprengen würde, also nicht.

Ich hatte zwar bereits davor von dieser Krankheit gehört, doch wusste ich nicht, was diese für Auswirkungen mit sich bringen würde.

Es ist anzumerken, dass mein Onkel erst angefangen hatte, sich so zu verhalten, nachdem er von einem Sondereinsatzkommando gerettet worden war.

Vor einiger Zeit hatte er mit drei anderen Wissenschaftlern eine Expedition unter die Erde gestartet. Der Eingang sei verschüttet worden und sie steckten für etwas länger als drei Wochen in der Höhle fest. Durch den fehlenden Empfang war es ihnen nicht möglich gewesen, um Hilfe zu rufen. Zusätzlich erschwerte die Witterung es den Rettungskräften, die Wissenschaftler zu bergen.

Als das Rettungskommando es endlich geschafft hatte, den Eingang freizulegen, war einzig und allein er lebendig aus der Höhle hervorgekommen. Auf Fragen, wo seine Kollegen seien und ob es ihnen gut gehe, hatte mein Onkel nicht geantwortet. Es war sehr seltsam gewesen. Doch die Sanitäter meinten, er stünde unter Schock und leide an Amnesie, daher hatte niemand sein Verhalten weiter untersucht. Zwei Tage später jedoch entdeckte die Polizei die leblosen Körper der anderen Wissenschaftler, woraufhin Michael vorläufig in Untersuchungshaft genommen wurde. Die Leichen befanden sich an den unterschiedlichsten Orten im Inneren des Höhlensystems, wiesen allerdings keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung auf. Trotzdem war Michael nicht nur in den Augen der Polizei verdächtig.

»Professor verhaftet wegen Mordes an Kollegen«,hieß es in allen Schlagzeilen. Sowohl in den Zeitungen als auch in den Nachrichten und im Radio.

Mein Onkel schien über Nacht zum Zentrum der medialen Aufmerksamkeit geworden zu sein.

In den zwei Tagen, in denen er sich zu Hause befand, hatte er zudem angefangen, sich äußerst seltsam zu verhalten.

Angelika, seine Frau, hatte meine Eltern gebeten, ihre Kinder aufzunehmen, bis sie eine andere Wohnung gefunden hätte. Sie meinte, ihr Mann sei unberechenbar geworden und sie habe Angst um deren Sicherheit.

Bereits damals empfand ich das Ganze als sehr suspekt. Nachdem mein Onkel jedoch von der Polizei abgeholt worden war und in Untersuchungshaft kommen sollte, stellte sich recht schnell heraus, dass er offenbar an einer psychischen Krankheit litt und sich deswegen so seltsam verhielt.

»Normalerweise«, hatte der Psychologe im Fernsehen gesagt, »bricht die Krankheit nicht so plötzlich aus.«

Richtig viel hatte ich von der Unterhaltung zwischen meiner Mutter und Angelika, aufgrund der Lautstärke des Gerätes im Wohnzimmer, nicht mitbekommen. Ich hatte sie belauscht, da ich mich gefragt hatte, wie lange sie wohl noch bleiben würden. Allerdings sprachen sie nur über Michael. Daher bin ich gegangen, als Angelika angefangen hatte zu weinen, und im Nachhinein hätte ich sie erst gar nicht belauschen sollen.

Nachdem Michael in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde, zog Angelika mit ihren Kindern wieder in ihr altes Haus zurück.

Ich dachte, dies sei es gewesen, und kümmerte mich nicht weiter darum. Stattdessen gab ich ausnahmsweise einmal mein Bestes, um nicht erneut sitzen zu bleiben, und widmete meine ungeteilte Aufmerksamkeit meinem Mathebuch.

Als ich aber heute Nachmittag mit meinem Kumpel in meinem Zimmer gemütlich eine Zigarette rauchte, klingelte mein Cousin an der Tür.

Carlos ist das krasse Gegenteil von mir. Er ist drei Jahre jünger als ich, viel zu neugierig und muss seine Nase in jeden Scheiß hineinstecken, der ihn absolut nichts angeht. Er kennt kein Nein als Antwort und nervt jedes Mal so lange, bis ich nachgebe, weil es mir zu blöd wird.

Jedenfalls stand Carlos vor meiner Tür mit einem dicken Buch in der Hand, in welchem ganz viele einzelne Zettel steckten.

»Nico, du musst dir das anschauen!«

Luke hatte natürlich sofort mitbekommen, was los war, und warf einen neugierigen Blick aus meinem Zimmer hinaus auf den Flur.

Ich wusste sofort, dass es kein Zurück mehr geben würde, als Carlos seitlich an mir vorbeischaute.

Mein Cousin hatte seit zwei Jahren einen Crush auf meinen Kumpel. Jetzt würde ich ihn erst recht nicht mehr loswerden. Resignierend atmete ich daher aus.

Einige Minuten später saßen wir allesamt auf meinem Bett und durchforsteten das Buch, welches Carlos mitgebracht hatte.

Auf den Seiten waren allerlei Notizen meines Onkels über die Höhle, in welcher sie für ein paar Wochen gefangen waren. Die letzte war nicht seine erste Expedition dorthin gewesen. Daher war das Buch randvoll gefüllt mit allerlei langweiligen Informationen über Gestrüpp und Kleintiere, wie man es nur in biologischen Enzyklopädien lesen konnte.

Auf Deutsch: Es war ätzend langweilig.

Doch Carlos’ Augen funkelten. »Sieh dir das an«, sagte er nun zum zwanzigsten Mal und hielt mir eine herausgerissene vergilbte Seite vor die Nase, auf welcher sich eine Zeichnung von einem Blatt befand.

»Und was soll mir diese Seite jetzt genau sagen?«

Dass ich mehr Kaffee hätte trinken sollen?

»Mein Papa hat sich für all diese Sachen interessiert.«

Noch immer konnte ich ihm nicht ganz folgen. »Und?«

»Du kennst dich doch mit Substanzen aus. Ist da irgendetwas dabei, was diese Wahnvorstellungen in ihm ausgelöst haben könnte?«

Ach darum ging es ihm.

»Nur weil ich vor zwei Jahren Cannabis vertickt habe, heißt das nicht, dass ich weiß, wie sich irgendwelche Gewächse, die ich noch nie zuvor gesehen habe, auf die Psyche von Menschen auswirken.«

Entmutigt ließ Carlos das Papier sinken und starrte auf das geöffnete Buch hinab. »Aber…«

»Ich wette, er ist verrückt geworden, weil er dort unten eingesperrt war. Du kennst doch deinen Vater.« Ich verschränkte meine Hände hinter dem Kopf und lehnte mich gegen die Wand.

»Nur weil er Angst davor hat, eingesperrt zu sein, verliert er doch nicht den Verstand und ermordet seine Freunde!«

»Würde mehr Sinn ergeben als deine Theorie.«

»Es ist ein Wunder, dass er überhaupt überlebt hat«, gab nun auch Luke seinen Senf dazu, der wie immer recht wenig zu sagen hatte und lieber seine fünfte Zigarette anzündete.

Luke war ein Jahr jünger als ich, hatte dafür aber schon um einiges mehr erlebt. Er hatte mit seinen 17 Jahren bereits fünf Entzugskliniken von innen gesehen, schaffte es aber dennoch immer wieder, von irgendetwas anderem abhängig zu werden.

Angefangen hatte es mit Alkohol. Inzwischen hatte er so gut wie alles durch. Das Schlimmste, seiner Meinung nach, waren Benzodiazepine. Xanax, um genau zu sein. Allerdings meinte er auch, dass Heroin garantiert schlimmer sei.

Hätte ich ihm nicht dabei zugesehen, wie er sein Leben mit den ganzen Drogen versaut hatte, wäre ich garantiert ebenfalls in dieses tiefe Loch gefallen.

»Ich werde mich in der Höhle umsehen«, sagte Carlos entschlossen, packte die losen Blätter zusammen und warf sie achtlos in das Notizbuch zurück.

»Bist du verrückt?« War mein Cousin wirklich so dumm? Der Eingang zur Höhle war nicht ohne Grund abgesperrt. Doch Carlos schien dies nicht abzuschrecken.

»Ich will herausfinden, was mit meinem Vater passiert ist. Das ist alles andere als verrückt.«

Ich ignorierte den Fakt, dass Carlos so gereizt klang wie der Busfahrer, der uns jeden Morgen zur Schule fuhr.

»Das ist dumm! Frag ihn halt einfach! Die Höhle ist einsturzgefährdet!«

Carlos verengte die Augen. »Und? Glaubst du, das hätte ich nicht versucht? Er bemerkt nicht einmal, dass ich da bin!«

Seine Augen wurden glasig, und augenblicklich fühlte ich mich beinahe schlecht, angenommen zu haben, dass dies so einfach sei.

»Sag doch was, Luke.«

Jener wollte mir allerdings nicht beistehen.

»Begleite ihn doch einfach, wenn du dich unwohl dabei fühlst, ihn alleine gehen zu lassen.«

»O nein, sicher nicht!«

Carlos, welcher eben begonnen hatte, wie ein Honigkuchenpferd zu strahlen, blickte nun wieder verbittert auf das Buch hinab. »Dann geh ich eben alleine.«

So kam es, aufgrund meines dummen Gewissens, dass wir uns zu zweit am nächsten Tag auf den Weg zu besagter Höhle machten.

Die Höhle lag in den Bergen und war nur sehr schwer zu Fuß zu erreichen. Weder ich noch Carlos hatten Erfahrung im Bergsteigen. Zugegeben, ich hatte es mir nicht im Ansatz so anstrengend vorgestellt, wie es am Ende wirklich war.

Der Boden war noch matschig, da es nachts geregnet hatte. Überall versperrten uns kleine und große Sträucher den Weg. Als ob dies alles nicht schon schlimm genug wäre, wurden wir auch noch von einem Schwarm hungriger Mücken verfolgt.

Das einzig Gute war, dass wir im Schatten der Bäume laufen konnten. Denn ich begann schon nach knappen zehn Minuten zu schwitzen. Hätten wir den Weg in der prallen Sonne zurücklegen müssen, wäre ich vermutlich bereits geschmolzen.

»Was erhoffst du dir hiervon eigentlich?« Ich war nun mit meinem Shirt am fünften Ast hängen geblieben und langsam, aber sicher gewann meine schlechte Laune wieder die Oberhand.

»Ich habe Plastikbeutel dabei.« Carlos stieg vorsichtig über einen umgefallenen Baumstamm, ohne sich umzudrehen.

»Für was denn?« Ich gab mein Bestes, ihm zu folgen, blieb jedoch unglücklicherweise ein weiteres Mal hängen, wodurch mein Shirt leicht einriss. Ich fluchte einmal laut genug, dass die Vögel aufschreckten und mit lautem Gezwitscher das Weite suchten.

Normalerweise hätte sich Carlos jetzt beschwert. Da er dies jedoch nicht tat, beeilte ich mich, zu ihm aufzuholen.

Mein Cousin stand einige Meter von mir entfernt da und starrte auf eine Stelle, welche ich von meiner Position aus noch nicht sehen konnte.

»Ey, Carlos, hast du ein Einhorn entdeckt?«

Erst als ich auf seiner Höhe war, sah ich das offensichtliche Problem. Die Polizei hatte die Höhle mit Absperrband versehen. Des Weiteren standen Warnschilder links und rechts von dem Eingang, welche auf deren Einsturzgefahr hinweisen sollten, sowie auch Schilder, auf denen »Betreten verboten« stand.

»Ich habe dir doch gesagt, sie ist einsturzgefährdet.« Noch immer gab Carlos kein Wort von sich und langsam begann ich doch, mir Sorgen zu machen. »Willst du umdrehen?«

Der Braunhaarige schüttelte den Kopf. »Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass die Bergwacht die Höhle absperren lassen hat …«

Ich musste mein Bestes geben, mein Lachen zurückzuhalten. »Das ist ein Tatort. Natürlich haben sie die absperren lassen.«

Doch Carlos schien unwohl bei der Sache zu sein, die Absperrbänder zu überschreiten. Natürlich, mein Cousin hatte keinen Dreck am Stecken wie ich und mein Kumpel. Er hatte um einiges mehr Respekt vor der Polizei als ich. Gesunden Respekt.

Gerade als ich erneut versuchen wollte, ihn zum Gehen aufzufordern, setzte er sich wieder in Bewegung und lief auf den Höhleneingang zu.

Na ganz toll.

Dabei hatte ich schon die Hoffnung gehegt, ihn über diese Schiene zu überreden, nach Hause zu gehen und es gut sein zu lassen.

Ich stieg also über das Absperrband und folgte dem Fünfzehnjährigen in die Höhle hinein. Luke hatte ich gesagt, dass er die Polizei rufen solle, falls er spätestens morgen früh nichts von mir hören sollte. Nur um sicherzugehen natürlich.

Carlos schaltete seine Handytaschenlampe an und kniete sich vor einem Gewächs auf den Boden. Mit einer Pinzette zupfte er es ab und legte es in eine der Plastiktüten, welche er kurz darauf verschloss.

Jetzt wusste ich, wofür die Dinger waren.

»Du willst jetzt nicht allen Ernstes jede Pflanze in diesem Buch suchen gehen, oder?«

Carlos drückte mir sein Handy in die Hand. »Doch. Genau das werde ich tun.«

Ausatmend folgte ich ihm zu der nächsten Pflanze. »Und wie willst du herausfinden, ob sie Halluzinationen auslösen?«

Carlos antwortete nicht sofort. Erst musste er eine weitere Pflanze von ihrer Wurzel entfernen.

»Ich schicke sie Verena zu, nachdem ich Papa gefragt habe, ob er sich an sie erinnern kann.«

»Verena?« Irgendwoher kannte ich den Namen, doch wollte mir momentan einfach nicht einfallen, wer dies war.

»Sie hat den Doktor bei Papa gemacht.«

Ich nickte nur leicht, wobei ich zu jenem Zeitpunkt nicht einmal bemerkte, dass er diese Geste ja unmöglich sehen konnte.

Je weiter wir uns von der Oberfläche entfernten, desto mulmiger wurde mir. Um uns herum wurde es immer dunkler und ohne die Taschenlampenfunktion des Handys erkannte man nun gar nichts mehr. Ich wollte überhaupt nicht wissen, was für Viecher sich hier aufhielten. Wenigstens war die Höhle relativ groß, sodass ich keine Angst haben musste, mir den Kopf zu stoßen. An die Decke leuchten wollte ich dennoch nicht.

»Hast du nicht gesagt, dein Vater hat dich nicht erkannt. Glaubst du allen Ernstes, er wird diese Blätter erkennen?«

Natürlich bekam ich keine Antwort darauf.

Was habe ich auch anderes erwartet?

Mit der Zeit wurde es zunehmend kälter. Am Eingang der Höhle war es noch angenehm warm gewesen, doch mittlerweile war es so frisch, dass ich fast zittern musste.

»Wir sollten umdrehen.«

Allmählich begann ich zu glauben, dass Michael tatsächlich nur verrückt wurde, weil er hier unten eingesperrt war. Ich wusste, ich würde mit Sicherheit in der ersten Stunde den Kopf verlieren, sollte der Eingang verschüttet werden. Zumal wir uns bereits ein gutes Stück von der Oberfläche entfernt hatten.

Ich blieb stehen und leuchtete nach hinten. Wir waren so weit gelaufen, dass wir den Eingang gar nicht mehr sehen konnten. Was, wenn er schon verschüttet worden war? Immerhin standen die Schilder nicht ohne Grund dort. Die Warnungen »Einsturzgefahr« und »Betreten verboten« standen schließlich nicht an jeder Ecke.

»Wir sind weit genug gelaufen. Lass uns zurückgehen.«

Ich konnte Carlos’ Kichern hören. »Hast du etwa Angst?«

»Natürlich nicht!« Wie immer war mein Ego zu groß, um dies zuzugeben, doch ja, ich hatte Angst. Wenn ich nur daran dachte, dass die Höhle jede Sekunde direkt über unseren Köpfen einstürzen könnte, wurde mir schlecht.

Vielleicht war es ja nicht einmal nur das Eingesperrtsein, was Michael zugesetzt hatte. Auch die Angst, dass er jede Sekunde lebendig begraben werden könnte, muss unaushaltbar gewesen sein. Dies würde jeden Menschen auf lange Sicht verrückt machen, und mein Onkel war diesen Gedanken mehrere Wochen lang ausgesetzt.

»Ich gehe«, beschloss ich schließlich, da es mir zu viel wurde. Ich spürte bereits das Krabbeln von irgendwelchen Tierchen an meinen Beinen, doch weigerte ich mich hinunterzusehen. Diese Viecher Tag und Nacht auf der Haut zu spüren würde ebenso sehr gut dazu beitragen, Wahnvorstellungen zu bekommen.

»Dann gib mir mein Handy zurück. Ich laufe weiter.«

Verständnislos blickte ich Carlos an. Wie konnte er unter diesen Bedingungen weiterlaufen wollen? Es war so dunkel und jetzt, wo ich so darüber nachdenke, konnten die Akkus, welche mein Onkel mitgeschleppt hatte, unmöglich die ganzen Wochen durchgehalten haben.

Eine lange Zeit in purer Dunkelheit zu leben, dazu noch nicht zu wissen, ob man jemals wieder das Tageslicht sehen könne, würde jeden Menschen verrückt machen. Doch ganz gleich, wie viele Dinge ich aufzählte, Carlos war fest entschlossen, dass es an irgendwelchen Pflanzen hier unter der Erde gelegen haben musste.

Wir liefen also weiter. Weiter durch den dunklen Gang, bis wir irgendwann das Rauschen von Wasser hörten.

»Eine Quelle!« Carlos eilte enthusiastisch den Gang entlang. Doppelt so schnell wie zuvor. »Papa hat davon geschrieben!«

Ich gab mein Bestes, mit ihm mitzuhalten. Noch immer machte ich mir Sorgen, dass wir nicht wieder rechtzeitig hinausfinden würden. Doch Carlos lief munter weiter.

Eine Minute später breiteten sich die Wände plötzlich aus und wir befanden uns in einem größeren Raum. Der Boden hatte sich mittlerweile von Erde in glitschigen Stein verwandelt und an der Decke hingen große Zapfen.

Eine Tropfsteinhöhle!

Carlos nahm mir nun sein Handy ab, da er sich selbst umsehen wollte. Ich zog mein eigenes Smartphone heraus und schaltete ebenso die Taschenlampenfunktion an.

Würde sich dieses Wunderwerk nicht in einer einsturzgefährdeten Höhle befinden, könnte man sicher richtig Asche damit machen.

Ich schoss einige Bilder, die ich später meiner Freundin zeigen wollte.

»Nico, schau mal!«

Genervt, da ich gerade dabei war, ein Bild zu machen, folgte ich der Stimme meines Cousins, welcher vor einem kleinen Bach stand.

»Schön, Wasser.« Andernfalls wäre sein Vater sicher verdurstet in der Zeit, in welcher er hier eingesperrt war.

Hier gefiel es mir jedoch. Hier schien es weniger Insekten zu haben als am Eingang.

Da fiel es mir mit einem Schlag wieder ein. Wir waren in einer unsicheren Höhle.

»Wir gehen jetzt wieder.«

Carlos atmete genervt aus. »Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du ja gehen kannst, wenn du Angst hast.«

»Ich habe keine Angst.«

»Natürlich nicht.« Der Lockenkopf rollte mit den Augen.

»Dein Handy hat nicht mehr viel Akku und es wird bald dunkel.«

Erneut atmete mein Cousin theatralisch genervt aus. »Na gut.«

Damit drehten wir schließlich wieder um.

Zu meinem Entsetzen gab es drei Durchgänge, welche allesamt in derselben Richtung lagen, aus der wir gekommen waren.

In der Dunkelheit, nur mit dem Licht unserer Handys, sahen sie alle gleich aus.

Scheiße. Das konnte doch nicht sein!

Langsam, aber sicher stieg die Panik in mir hoch. Gleichzeitig fragte ich mich, wie sich mein Onkel nur in der Dunkelheit hatte zurechtfinden können, wenn die Tunnel alle gleich aussahen.

»Wir hätten uns den Eingang irgendwie kennzeichnen sollen …«, murmelte mein Cousin neben mir vor sich hin.

»Ach echt?« Er war ja so schnell weggesprungen, dass ich Mühe gehabt hatte, ihm zu folgen.

»Du warst doch damit beschäftigt gewesen, Bilder zu machen!«

»Ach, jetzt bin ich schuld oder was?«

Ich ballte meine freie Hand zur Faust. Dasselbe tat er.

In jenem Moment fragte ich mich, ob solch eine Auseinandersetzung dazu geführt hatte, dass mein Onkel auf seine Freunde losgegangen war. Eine einfache Auseinandersetzung. Vielleicht hatte jemand seine Akkus oder Verpflegung vergessen. Vielleicht wurde aber auch vergessen, jemandem Bescheid zu sagen, dass sie die Bergwacht informieren sollten, falls sie zu lange weg wären. Letzteres kann sehr leicht dazu geführt haben, dass einer die Kontrolle verlor, wenn es um Leben oder Tod ging. Oder aber es war genau so banal wie gerade und jemand hatte nur vergessen, den Eingang zu markieren, durch welchen sie gekommen waren.

»Das bringt uns jetzt auch nicht weiter«, sagte ich schließlich resignierend und blickte zu den Tunneln.

»Ich nehme den rechten Gang und du den linken.«

»Spinnst du? Das kommt absolut nicht infrage! Ich kann dir nicht helfen, wenn du draufgehst! Deine Mutter wird mich umbringen! Du gehst nirgendwo alleine hin!«

Carlos grinste. »Sagst du das nicht nur, weil du Angst davor hast, alleine in einen der Tunnel zu gehen?«

»Ach halt doch die Klappe. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich keine Angst habe. Wir gehen da rein«, beschloss ich kurzerhand und lief in den Tunnel hinein, welcher sich am weitesten links befand.

Carlos zuckte mit den Schultern, was ich an der Bewegung des Lichtkegels seines Smartphones bemerkte, und folgte mir anschließend.

Dieser Tunnel war auf jeden Fall der falsche.

Die Wände waren bewachsen von seltsamen Pilzen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Gut, ich gehe keine Pilze pflücken, daher war dies nichts Außergewöhnliches und die könnten auch sehr gut ungiftig sein. Allerdings wollte ich kein Risiko eingehen.

»Cool!« Carlos sah sich um wie ein fünfjähriges Kind im Bällebad.

Bevor er jedoch einen der Pilze anfassen konnte, zog ich ihn am Handgelenk zurück. »Wir haben keine Ahnung, was die Pilze machen. Am Ende sondern sie irgendwelche giftigen Sporen ab, wenn sie gepflückt werden.«

»Aber …«

»Kein Aber.« Ich zog ihn hinter mir her, zurück in die Tropfsteinhöhle.

Da der linke Tunnel nicht der richtige war, eilte ich einfach geradewegs in den nächsten.

Doch auch dieser führte nicht zum Höhleneingang. Stattdessen gelangten wir zu einem sehr alten Ticketstand. Offenbar war ich nicht der Erste gewesen, der die Idee hatte, diese Tropfsteinhöhle zu Geld zu machen.

Hinter dem Ticketstand gab es einen Zugang. Dieser war allerdings mit Holz vernagelt. Zumindest schienen die Bretter von außen irgendwie befestigt worden zu sein, denn sie ließen sich kein Stück bewegen. Das Holz fest in den Griff zu bekommen, war unmöglich. Die Abstände zwischen den Brettern waren viel zu klein, und der Gang dahinter war zudem von außen mit Steinen zugeschüttet worden. Insgesamt war dies alles sehr seltsam.

Warum hatte Michael nie gesagt, dass die Höhle früher für Besichtigungen offen stand? Warum hatte ich nie etwas in Zeitungsartikeln darüber gelesen? So lange konnte sie für den Tourismus bislang nicht geschlossen sein. Immerhin schien es bereits moderne Schreibmaschinen gegeben zu haben, als sie noch für die Öffentlichkeit zugänglich war. Denn eine befand sich in dem Ticketstand. Allerdings gab es eine Menge Spinnenweben, welche ihn beinahe einhüllten wie einen Kokon.

»Igitt, hat es hier viele Spinnen!«

Ungeduldig zog mein Cousin an meiner Kleidung. Doch ich hatte den interessantesten Raum der ganzen Höhle entdeckt.

»Lass uns zurückgehen.«

Bei seinem Gequengel musste ich glatt grinsen. »Ausgerechnet jetzt willst du zurückgehen?«

Tatsächlich kamen wir vor Sonnenuntergang wieder an der Oberfläche an. Nie zuvor war ich so froh gewesen, das Licht der Sonne zu sehen.

Langsam, aber sicher tauten meine Gliedmaßen durch die Hitze wieder auf, obwohl es nicht im Ansatz mehr so warm war wie heute Vormittag, als wir die Höhle betreten hatten.

Auf dem Weg zum Fuß des Berges machte der Akku von Carlos’ Handy schlapp. Zwar beschwerte er sich lauthals darüber, dass er nun auf der Heimfahrt keine Musik mehr hören könne, doch ich war einfach nur froh, dass es nicht in der Höhle geschehen war.

Zu Hause recherchierte ich. Ich musste einfach wissen, was es mit dieser Tropfsteinhöhle auf sich hatte, warum sie verbarrikadiert war und weswegen ich nichts von ihrer Existenz gewusst hatte, obwohl ich in der Nähe aufgewachsen bin.

Ich war schon immer interessiert an Tropfsteinhöhlen gewesen. Doch ich dachte, die uns nächst gelegene wäre fünf Stunden mit dem Auto entfernt.

Ich durchforstete das Internet sicher gute vier Stunden, doch ich fand nichts. Absolut nichts. Es war, als hätte diese Höhle für die Öffentlichkeit nie existiert!

An jenem Abend stand ich frustriert sicher zwei Stunden unter der Dusche, da ich noch immer das Gefühl von krabbelnden Insekten auf meiner Haut verspürte. Selbst nach dem langen Duschen verschwand dieser ekelhafte Eindruck nicht. Erst als ich am nächsten Tag aufwachte, hatte das unangenehme Kribbeln auf meinen Beinen endlich nachgelassen.

Ich war gerade dabei, eine Scheibe Weißbrot in den Toaster zu stecken, da tauchte Carlos erneut vor unserer Haustür auf. Ich ahnte Übles.

»Ich gehe mit dir sicher nicht noch mal in die Höhle. Das kannst du knicken«, sagte ich, noch bevor er überhaupt etwas von sich geben konnte.

»Eigentlich wollte ich fragen, ob du mich zu meinem Papa in die Psychiatrie begleiten könntest.«

Irritiert zwinkerte ich zweimal, als er jedoch weitersprach, wurde mir klar, weswegen er ausgerechnet zu mir gekommen war.

»Mama darf nicht wissen, dass ich in der Höhle war, und ich darf nur mit Papa sprechen, wenn ein Erwachsener dabei ist.«

Ja, ich bin vor fast genau zwei Wochen 18 geworden. Allerdings hatte niemand wirklich Lust, dies zu feiern, da sie alle mit den Gedanken bei meinem Onkel waren, der einen Tag zuvor von der Polizei verhaftet worden war. Ich durfte nicht einmal meine Freunde einladen und die Musik aufdrehen. Das hat mich schon ziemlich angekotzt. Also sind wir in eine Disco gegangen. Jedoch war selbst dort die Stimmung gedämpft, da ich mich wenige Stunden zuvor wegen der Musik mit meinen Eltern gestritten hatte.

Also der beste 18. Geburtstag, den man sich vorstellen kann.

»Meinetwegen, aber erst nach dem Frühstück.«

Carlos strahlte über beide Ohren.

»Willst du auch einen Toast?«

Zwei Stunden später standen wir schließlich vor der Tür der geschlossenen Psychiatrie. Carlos hatte denselben Rucksack dabei, in den er gestern all die Tütchen gepackt hatte.

Ich wusste noch immer nicht, weshalb ich mich dazu überreden habe lassen, ihn hierher zu begleiten. Vermutlich weil ich am Morgen generell zu müde bin, um irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Wahrscheinlich aber auch, weil mich die Geschichte mit der Tropfsteinhöhle noch immer nicht in Ruhe ließ. Carlos hatte es also wirklich geschafft, mich anzustecken.

Die nette Dame im Eingangsbereich meinte jedoch, dass wir ihn erst nachmittags besuchen dürften. Zwar hatte sie sich entschuldigt und sie konnte natürlich auch nichts dafür, dennoch war ich innerlich enttäuscht. Ich wollte Antworten und dies am besten sofort.

Carlos war bestimmt genauso enttäuscht wie ich. Er hatte es kaum abwarten können, seinen Vater zu sehen.

Am Ende entschieden wir uns dazu, zuerst zu Verena zu fahren. Vielleicht wusste sie ja etwas über diese Höhle.

Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass Carlos sie über sein Vorhaben aufgeklärt hatte. Doch natürlich hatte er dies nicht getan. Daher verbrachte Verena die nächsten zehn Minuten damit, uns beide über die Gefahren aufzuklären. Dies war nichts Neues. Ich wusste schließlich, dass die Höhle einsturzgefährdet war. Trotzdem ärgerte es mich etwas, dass sie den Nerv hatte, mir diese Fakten ebenso ins Gesicht zu klatschen, als sei ich ein zehnjähriges Kind und wüsste nicht darüber Bescheid.

»Wie weit seid ihr hineingegangen?«

Diese Frage irritierte mich. Wusste sie etwas über die Tropfsteinhöhle? Bevor ich allerdings ihr Wissen testen konnte, kam mir der Lockenkopf zuvor.

»Wir waren in der Tropfsteinhöhle.«

Innerlich hielt ich mir bereits die Hand über die Augen. Wie konnte man nur so naiv sein? Kurz darauf beschlich mich die Nervosität. Was, wenn sie die Polizei darüber in Kenntnis setzte?

»Bitte sagt mir, dass ihr nichts angefasst habt.«

Verwirrt warfen wir uns einen Blick zu, weshalb Verena laut ausatmete.

»Wieso?«, fragte ich schließlich, da sie offenbar keine Intention hegte weiterzusprechen.

»Dein Vater hat mich ursprünglich bei der Untersuchung dabeihaben wollen. Es ist schrecklich, was mit ihm passiert ist.« Verena setzte sich auf das Sofa und fuhr sich durch die Haare. Sie wirkte auf mich beinahe so wie Angelika, als diese herausfand, dass ihr Mann nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.

»In der Tropfsteinhöhle gab es einen Ticketstand.« Ich bemerkte zwar, dass ihr diese Thematik offenbar zusetzte, doch wollte ich Antworten, und ich hatte das Gefühl, sie war die Einzige, die sie uns geben konnte.

»Sie war früher für die Öffentlichkeit zugänglich gewesen, bis einige Besucher angefangen hatten, sich seltsam zu verhalten. Es kamen zunehmend mehr Leute mit Wahnvorstellungen zu der Höhle. Laut den Arbeitern kamen dieselben Leute immer und immer wieder und verhielten sich jedes Mal noch seltsamer. Als einer davon auf einen Arbeiter losging, weil dieser ihm den Zutritt verbot, wurde die Höhle verschlossen.«

Carlos setzte sich nun auch auf die Couch. »Das heißt, irgendetwas in der Höhle hat diese Wahnvorstellungen ausgelöst?«

»Genau das sollte dein Vater recherchieren.« Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

Carlos stellte noch zwei Fragen, doch Verena schien nicht länger ansprechbar zu sein. Ich entschuldigte mich also für ihn und zog ihn am Handgelenk aus ihrer Wohnung heraus.

»Siehst du! Ich hatte recht!«

Ich war nicht in der Lage, mich nun mit ihm darüber zu streiten.

»Wenn es eine Substanz war, kann man sicher auch ein Gegenmittel herstellen!«

Noch immer ignorierte ich ihn und zog ihn stattdessen hinter mir her zu dem Auto meiner Mutter.

»Wo fahren wir hin?«

»Zu deinem Vater.«

Kaum hatte ich jenen Satz ausgesprochen, stieg der Lockenkopf in den Wagen.

Eine Dreiviertelstunde später befanden wir uns erneut vor der geschlossenen Psychiatrie.

Wir stiegen aus und ich schloss das Auto ab. Ungeduldig verlagerte Carlos sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, während ich mit der Dame im Eingangsbereich sprach.

Einige Minuten später fanden wir uns auch schon in einem weißen Raum wieder, welcher sich zwischen der Schließanlage und der Station befand.

Als Michael den Raum betrat, fielen mir die Augen beinahe auf den Boden. Er hatte so viel abgenommen, dass er nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Beinahe wie Luke jedes Mal, kurz nachdem er aus einer Entzugsklinik kam.

»Papa!« Carlos schien sich schon an den Anblick gewöhnt zu haben. »Schau dir das an!«

Doch Michael wirkte abwesend. Er sah überallhin, nur nicht auf die kleinen Plastiktüten mit den Pflanzen, welche ihm Carlos regelrecht vor die Nase hielt.

Manchmal lächelte er abwesend, manchmal schien er innerlich mit sich selbst eine Unterhaltung zu führen, nickte und redete irgendetwas Belangloses vor sich hin, wobei Carlos’ Hoffnung, dass er ihn hörte, wahrscheinlich eine Achterbahnfahrt hinlegte.

»Jetzt schau doch mal, Papa, was ich dort gefunden habe!«

Ganz gleich, wie oft sein Sohn versuchte, ihn in die Realität zurückzubringen, der Professor sah überallhin, nur nicht zu seinem Sohn.

Ich fragte mich bereits, ob er überhaupt realisierte, dass er sich gerade in einer Unterhaltung mit ihm befand. Sah er ihn überhaupt?

Irgendwie machte mir das Ganze Angst. Was auch immer diesen Zustand in ihm hervorgerufen hatte, wir waren vielleicht damit in Kontakt gekommen.

Ein kalter Schauder rann mir über den Rücken, als ich daran dachte, dass es mir so vielleicht auch ergehen hätte können, wären wir noch länger dort unten geblieben.

»Uh Farbwechsel!«

Resignierend legte Carlos seine Stirn auf der Tischplatte ab. »Das hat doch alles keinen Sinn hier. Er wird nie wieder mit mir sprechen.«

Zu jenem Zeitpunkt wurde es mir klar. Es war eine ganz dumme Idee gewesen, den Fünfzehnjährigen hierherzubringen. Carlos gab sein Bestes, seine Tränen zurückzuhalten, während Michael plötzlich aufsprang und sich hinter dem Stuhl versteckte, da er offenbar Angst vor dem Schluchzen seines Sohnes hatte.

Ich biss mir auf die Lippen. Irgendwie hatte ich mir das Treffen hier anders vorgestellt.

Ich erinnerte mich an meine eigenen Worte von vorgestern.

»Das ist dumm! Frag ihn halt einfach!«

Gott, wie dumm war ich bitte? Wie konnte ich Carlos so etwas nur an den Kopf werfen?

»Hey, ich bin mir sicher, ihm wird es bald besser gehen.« Vorsichtig strich ich über die Locken des jungen Mannes, welcher sich keine Sekunde später an mich klammerte wie an einen Rettungsreifen beim Untergang der Titanic.

Noch immer strich ich ihm über den Rücken in einem Versuch, ihn zu beruhigen. »Ich bring dich nach Hause, okay?«

Natürlich antwortete Carlos nicht. Jener war zu sehr damit beschäftigt, zu versuchen die Tränen zu unterdrücken.

»Wir hätten nicht in die Höhle gehen sollen«, murmelte ich vor mich hin, doch Carlos schien noch immer nicht ansprechbar zu sein. Dabei hegte ich schon die Hoffnung, dass er wenigstens auf diese Thematik anspringen würde.

»Höhle!«, hallte es vom anderen Ende des Tisches.

Keine zwei Sekunden nachdem ich das Wort ausgesprochen hatte, krabbelte Michael unter dem Tisch hindurch zu mir und griff nach meinen Beinen. Ich erschrak, als er seinen Kopf zwischen meinem Schoss und der Tischplatte hochbewegte wie eine Giraffe, welche sich nach den Blättern streckte.

»BRING MIR PILZE MIT!«

Ich habe noch nie etwas so Angsteinflößendes in meinem Leben gesehen wie die rot verquollenen Augen, welche mich ansahen, als wollten sie mich bei lebendigem Leibe häuten, sollte ich nun das Wörtchen Nein in den Mund nehmen.

Carlos war neben mir ebenfalls zusammengezuckt und klammerte sich nun um einiges heftiger an mich.

Kaum hatten die Pfleger gesehen, was hier vor sich ging, stürmten sie zur Tür herein und taten ihr Bestes, meinen Onkel mit Arzneimitteln ruhigzustellen und ihn unter dem Tisch hervor von uns wegzubekommen.

Einer der Pflegekräfte entschuldigte sich, nicht schneller reagiert zu haben, doch ich stand noch so unter Schock, dass ich gar nicht begriff, was er überhaupt zu mir sagte.

Erst einige Stunden später, als sich der Schock endgültig gelichtet hatte und ich gerade mit Luke telefonierte, verstand ich, was vorgefallen war. Die Wahnvorstellungen und die Halluzinationen waren Entzugserscheinungen gewesen. Michael war süchtig nach den Pilzen aus der Tropfsteinhöhle.

Drei Wochen später verstarb er. Die Höhle wurde eine weitere Woche später zugeschüttet.

Heute, viele Jahre später, wird deren Existenz noch immer totgeschwiegen und weder ich noch mein Cousin haben seit dem Tod seines Vaters je wieder ein Wort über sie verloren.

Mikey L. Theiß, geboren 2003, bemüht sich darum, die Widersprüche der menschlichen Psyche detailliert in seinen Texten zum Ausdruck zu bringen. In seiner Schulzeit besuchte der Japanologie-Student regelmäßig die Literatur-AG seines Gymnasiums. Übrigens isst er keine Pilze.

Jörg Olbrich: Straßburger Skelettsammlung

1

»Du willst bei der Hitze auf überwucherten Betonresten herumklettern, um einem Hirngespinst nachzujagen?«

»So habe ich das nicht gesagt.«

»Es läuft aber darauf hinaus. Wir können zum See fahren. Dann nehmen wir allerdings einen Kasten kaltes Bier mit und lassen es uns gut gehen.«

»Das kannst du gerne tun.« Kim Feya sah Max Schuhmann zornig an. Sie hatte von Anfang an bezweifelt, dass der Zwanzigjährige von dem Plan begeistert sein würde. Weil er mit ihrer besten Freundin Caro Henschel zusammen war, konnte sie ihn nicht ausschließen. Gemeinsam mit Caros Bruder Niklas, saßen sie im Wohnzimmer derer Eltern.

»Ich verstehe eben nicht, was du da finden willst.«

»Das geht mir genauso«, sagte Niklas. »Wenn es bei den alten Bunkern etwas gäbe, hätte man es längst gefunden. Schließlich hat man sie vor über siebzig Jahren gesprengt.«

»Es ist nicht alles zerstört«, entgegnete Kim. »Die Bunker waren nur eine Tarnung. Das eigentliche Geheimnis liegt unter der Erde.«

»Genau das kann ich mir schwer vorstellen.«

Wieder ärgerte sich Kim über Max. Sie mochte den aufgeblasenen Typ nicht. Er hielt sich für etwas Besseres und nutzte jede Gelegenheit, dies den Freunden zu zeigen. In der Schule war er von vielen für seine durchtrainierte Figur bewundert worden. Kim konnte er aber damit nicht beeindrucken.

»Mein Urgroßvater hat es genau beschrieben.« Sie hielt das Tagebuch in die Höhe, das sie beim Aufräumen auf dem Dachboden gefunden hatte. »So etwas kann man sich nicht ausdenken.«

»Was schreibt er denn?«, fragte Caro und legte der Freundin einen Arm um die Schultern. »Bisher hast du nur gesagt, dass es weitere unterirdische Bunker geben müsse. Was ist denn dort passiert?«

»Schreckliche Dinge.«

»Das ist mir zu wenig«, sagte Max.

»Sagt euch der Begriff ›Ahnenerbe‹ etwas?«

»Ja«, antwortete Niklas. »Das war eine Forschungsgemeinschaft im Zweiten Weltkrieg. Es ging um Archäologie und Geschichte. Die Organisation wurde auch als Kunsträuber bezeichnet.«

»Das ist noch lange nicht alles«, erklärte Kim. »Sie haben Menschenversuche durchgeführt, bei denen Tausende zu Tode gekommen sind.«

»Ist das nicht übertrieben?«, fragte Caro.

»Nein. Man hat die Verantwortlichen nach dem Krieg verurteilt. Soll ich euch einen Auszug aus der Klageschrift vorlesen?«

»Wenn es sein muss«, antwortete Max und verdrehte die Augen. »Sonst wirst du sowieso keine Ruhe geben.«

Kim verzichtete auf eine scharfe Erwiderung. Sie hatte ihre Freunde dazu gebracht, dass sie ihr zuhörten. Jetzt musste sie die drei überzeugen. Sie schlug das Tagebuch auf, suchte die passende Stelle und begann vorzulesen: »112 Juden wurden ausgewählt, um eine Skelettsammlung für die Reichsuniversität Straßburg zu vervollständigen. Man fotografierte sie und nahm ihre anthropologischen Maße auf. Dann wurden sie getötet. Danach führten die Wissenschaftler Vergleichsversuche, anatomische Untersuchungen und Studien betreffend die Rassenzugehörigkeit, die pathologischen Charakteristika des Körpers, über Gestalt und Größe des Gehirns, und andere Versuche durch. Die Leichen schickten sie nach Straßburg, wo man sie entfleischte.«

»Das ist widerlich!« Caro sah ihre Freundin entsetzt an.

»Es wird noch viel schlimmer«, sagte Kim.

»Das ist aber doch nicht hier passiert«, sagte Max. »Sonst müsste diese Sache in der Gegend viel bekannter sein.«

»Der Großteil der Opfer stammt aus dem Konzentrationslager in Auschwitz. Getötet wurden die Menschen in Natzweiler. Es gab aber auch hier Menschenversuche, die mit der Straßburger Skelettsammlung in Verbindung standen. Das steht in den Aufzeichnungen meines Urgroßvaters.«

»Warum ist dann nichts darüber bekannt?«

»Das weiß ich nicht, Max. Vielleicht hatten die Menschen Angst, darüber zu sprechen. Anton Feya war als Wachmann eingesetzt. Er beschreibt große Teile der Anlage.«

»Trotzdem ist es merkwürdig, dass man nie etwas von dieser Einrichtung gefunden hat.« Max warf Kim einen skeptischen Blick zu. »Als man die Bunker gesprengt hat, hätte man auch auf die unterirdische Anlage stoßen müssen.«

»Nein. Das Geröll wurde nie abgetragen. Außerdem waren die Bunker nur Tarnung. Es gab keine Verbindung zum Forschungsinstitut.«

»Was willst du dort finden?«, fragte Caro.

»Den Beweis, dass es hier so etwas gegeben hat.«

»Also zweifelst du selbst?«

Kim sah Max ärgerlich an. Natürlich konnte sie nicht sicher sagen, dass die Berichte ihres Urgroßvaters alle stimmten. Sie hatte den Mann selbst nie gekannt, wollte aber nicht daran glauben, dass er sich alles nur ausgedacht hatte.

»Ich finde, wir sollten uns das Ganze mal anschauen. Wenn dort nichts ist, können wir uns immer noch einen schönen Platz am See suchen.«

Kim schaute Niklas dankbar an.

»Im schlimmsten Fall verschwenden wir einen Tag.«

»Ich bin auch dabei«, sagte Cora. »Wo ist der Eingang?«

»In der Felswand, direkt am See. Der Einstieg liegt in einer Tiefe von etwa sechs Metern.«

»Das bedeutet, dass wir Taucherausrüstung brauchen. Und ein Boot.« Max schüttelte den Kopf. »Etwas zu teuer, um einem Hirngespinst nachzujagen.«

»Ich werde die Kosten übernehmen.« Kim hatte von Anfang an gewusst, dass sie die Freunde nicht dazu bringen konnte, Geld in den Plan zu investieren. Die Aktion würde einen großen Teil ihrer Ersparnisse auffressen. Ein Erfolg wäre aber eine Sensation. Sie hoffte, dass sie die Kohle dann zurückerhielt. Mehrfach.

Kim sah, wie es hinter der Stirn von Max arbeitete. Er schien noch immer dagegen zu sein. Andererseits konnte er kaum noch dagegen stimmen, wenn er nicht als Feigling dastehen wollte. Nicht nachdem Caro und Niklas zugestimmt hatten. Schließlich nickte er.

»Ich bin dabei. Auch wenn ich noch immer nicht überzeugt bin, dass an der Sache etwas dran ist.«

»Woher nehmen wir die Ausrüstung.«

»Ich werde Manuel Serth fragen. Er hat alles, was wir brauchen.«

»Bist du irre?«, entfuhr es Max. »Mit dem Spinner will ich nichts zu tun haben. Ich glaube außerdem kaum, dass er uns das Zeug gibt.«

»Doch. Wenn wir ihn mitnehmen.« Kim hatte geahnt, dass dieser Vorschlag auf Ablehnung stoßen würde. Sie hoffte, dass Manuel ihr die Ausrüstung für einen geringen Preis gäbe. Deshalb wollte sie ihn mitnehmen.

»Vergiss es!«

Kim atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Sie war es leid, dass Max an allem, was sie sagte, etwas auszusetzen hatte. Jetzt, wo sie die Freunde überzeugt hatte, wollte sie kein Stück von ihrem Plan abweichen. »Manuel wird im Boot bleiben. Wir sagen ihm nur, dass wir nach einer Höhle suchen. Mehr braucht er nicht zu wissen.«

»Wann willst du starten?«, fragte Niklas.

»Morgen früh.« Kim war dankbar für die Frage, die Max zunächst den Wind aus den Segeln nahm.

Caros Bruder war es dann auch, der die Diskussion beendete und entschlossen aufstand. »Wir sollten keine Zeit verlieren. Es gibt viel vorzubereiten.«

2

Kims Aufregung wuchs mit jedem Meter, den sie sich der steilen Felswand näherten. Seitdem sie vor zehn Tagen das Tagebuch ihres Urgroßvaters gefunden hatte, dachte sie kaum noch an etwas anderes als die unterirdischen Bunker. Jetzt würden sie herausfinden, ob die Aufzeichnungen stimmten.

Sie sah zu Manuel, der in Shorts und einem lächerlichen Hawaii-Hemd am Steuer des Motorboots stand. Der Millionärssohn spielte sich auf, als würde ihm die Sonne aus dem Arsch scheinen. Dabei hatte er in seinem bisherigen Leben nichts auf die Reihe gebracht. Nach einem gerade so bestandenen Abitur hatte er sein Wirtschaftsstudium abgebrochen. Nun behauptete er, dass er Zeit brauche, um den für ihn richtigen Weg zu finden. Sie mochte den Kerl nicht und hatte bereits unzählige seiner Einladungen abgelehnt. Heute aber war er ihnen eine Hilfe.

Es war überraschend einfach gewesen, Manuel zu überzeugen. Kim hatte ihm erzählt, dass sie nach einer unterirdischen Grotte suchen wollten. Das hatte er, ohne zu zögern, akzeptiert, nachdem sie ihm versprochen hatte, seine nächste Einladung zum Essen anzunehmen. Sie dachte an den lauernden Blick, den ihr der Kerl zugeworfen hatte, und bekam eine Gänsehaut.

»Fahre zur rechten Seite. Dort stoppst du das Boot so nahe wie möglich am Felsen«, sagte Kim, als sie die Klippe erreichten.

»Eine meiner leichtesten Übungen.« Manuel lachte kindisch auf. »Auch wenn ich nicht glaube, dass ihr hier irgendwas finden werdet.«

»Das lass mal unsere Sorge sein.« Kim wollte keine Zeit durch unsinnige Diskussionen verlieren. Es war ihr egal, was der verwöhnte Kerl dachte. Sie war die Einzige der vier Freunde, die bereits Erfahrung mit dem Tauchen hatte, und trug daher einen entsprechenden Anzug. Erst wenn sie den Einstieg wirklich fand, würden Max, Niklas und Caro sie begleiten. Manuel sollte im Boot bleiben. Sie überprüfte ein letztes Mal ihre Ausrüstung. Danach half ihr Niklas, die Atemluftflasche anzulegen. Dann stieg sie die Leiter an der Bordwand hinunter und sprang in den See.

Schon nach den ersten Metern, die sie durch das kalte Wasser tauchte, ließ Kims anfängliche Euphorie nach und wich einer stärker werdenden Beklemmung. Sie hatte bereits mehrere Tauchgänge hinter sich, diese aber noch nie alleine absolviert. Hinzu kam der Druck, unbedingt Erfolg haben zu müssen. Sie mochte nicht an den Spott denken, den sie zu ertragen hätte, sollte sich ihre Idee tatsächlich als Hirngespinst erweisen.

Mit der Lampe, die sie in ihrer rechten Hand hielt, leuchtete sie den Weg vor sich aus und schwamm in gleichmäßigen Zügen weiter. Wie tief das Wasser an dieser Stelle war, wusste sie nicht. Manuel, der ihr das vielleicht hätte sagen können, hatte sie nicht fragen wollen. Über sich sah sie die Sonnenstrahlen in den See fallen. Unter ihr war alles dunkel.

Kim hatte sich die Richtung gemerkt, in die sie tauchen musste. Sie zwang sich, das beklemmende Gefühl zu ignorieren und sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Wie weit war sie jetzt schon vom Boot entfernt?

Sie befürchtete bereits, dass sie von ihrem Weg abgekommen war, als sie vor sich einen Schatten erkannte. War das die Felswand? Nach ein paar weiteren Schwimmzügen wurde ihre Hoffnung bestätigt. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Die Frage war nur, an welcher Stelle. Kim entschloss sich, kurz aufzutauchen, damit sie sich besser orientieren könnte. Sie stieß mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche, schüttelte sich die nassen Haare aus dem Gesicht und winkte ihren Freunden im Boot zu. Cora rief ihr etwas zu, was sie aber nicht verstehen konnte.

Kim erkannte, dass sie die Felswand fast an der geplanten Stelle erreicht hatte. Der erste Teil ihrer Aufgabe war damit erfüllt. Jetzt musste sie nur noch den Einstieg in die Bunker finden. Ihr Urgroßvater hatte geschrieben, dass er sechs Meter unter dem Wasserspiegel lag. Daher wollte sie in dieser Tiefe an der Kante entlangtauchen. Bevor sie diesen Plan in die Tat umsetzte, hielt sie sich, um Kraft zu sammeln, noch eine Minute mit leichten Schwimmschlägen über Wasser. Dann tauchte sie unter.

Trotz der Lampe bereitete es Kim Mühe, sich zu orientieren. Die Felswand war glatt und ragte steil in die Tiefe. Es fiel ihr schwer, die richtige Höhe zu halten. Messen konnte sie den Abstand zur Wasseroberfläche nicht und sie hatte keine Orientierung. Nach mehr als zwanzig Schwimmstößen nach rechts, entschloss sie sich, in der anderen Richtung zu suchen. Weil auch das ohne Erfolg blieb, kehrte sie erneut um und schwamm dieses Mal etwa einen Meter tiefer.

Mit jeder Minute schwand ihre Hoffnung, tatsächlich den Eingang zu dem geheimnisvollen Bunker zu finden. Ihr Luftvorrat war bald aufgebraucht und sie müsste sich auf den Rückweg machen. Verzweifelt schwamm sie weiter an der Felswand entlang. Dann sah sie einen Schatten.

Kim hatte das Gefühl, dass ihr Herzschlag vor Aufregung für ein paar Sekunden aussetzte. Sie schwamm weiter auf den Schatten zu. Dort erkannte sie die Öffnung. Ihre sehnlichste Hoffnung hatte sich erfüllt.

Obwohl sie mit ihren Freunden vereinbart hatte, dass sie nur den Eingang suchen, den Bunker aber auf keinen Fall alleine betreten sollte, schwamm sie zum Loch in der Felswand und steckte den Kopf hindurch. Sie wollte herausfinden, wie weit die Höhle unter Wasser stand. Ohne Taucherausrüstung würden die anderen sonst nicht weit kommen.

Der Durchgang in der Wand war nicht größer als ein Autoreifen. Kim musste sich regelrecht durch das Loch zwängen. Danach erreichte sie eine Art Becken. Wie groß es war, konnte sie nicht erkennen. Sie schwamm noch etwa einen Meter vor und richtete den Blick dann nach oben. Dort musste es eine Möglichkeit geben, das Wasser zu verlassen und in den Bunker einzusteigen.

Wenige Augenblicke später erreichte sie tatsächlich die Wasseroberfläche. Sie schwenkte die Lampe und erkannte einen kleinen Raum, in dessen Zentrum sich das Becken befand, in dem sie aufgetaucht war. Dieses konnte sie über eine schmale Treppe verlassen. Sie zog die Taucherbrille ab, damit sie besser sehen konnte. Dann nahm sie das Mundstück heraus. Ihre Befürchtung, in dem unterirdischen Gewölbe nicht atmen zu können, erfüllte sich nicht. Die Luft roch zwar abgestanden, schien ansonsten aber ungefährlich zu sein.

Ich habe es geschafft!

Kim hätte die Freude am liebsten aus sich herausgeschrien, befürchtete aber, dass die anderen sie hören könnten und dann über sie lachten. Nachdem nun klar war, dass sie von Anfang an recht gehabt hatte, wollte sie den Freunden keinen Grund mehr geben, sie zu verspotten. Im Gegenteil, sie wollte ihren Triumph voll auskosten.

3

»Du hast da unten tatsächlich ein Gewölbe gefunden?«, fragte Manuel etwa eine Viertelstunde später und sah Kim fassungslos an. »Das kann ich nicht glauben.«

»Es ist aber so.«

»Bist du dir da absolut sicher?«

»Ja, Manuel. Ich war dort. Ich weiß nicht, wie groß die Höhle ist, aber sie ist da.« Kim hatte den Taucheranzug ausgezogen und saß nun im Bikini zwischen ihren Freunden. Nachdem sie aus dem kühlen Wasser heraus war, genoss sie für den Moment die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Körper.

»Ich habe noch nie etwas von dieser Höhle gesehen.«

»Von der Oberfläche aus kann man das auch nicht.«

»Ich glaube dir kein Wort.«

Kim ärgerte sich darüber, dass sich Manuel weiter einmischte. Er hatte sie hierhergebracht. Damit war seine Aufgabe erfüllt. Aus allem anderen sollte er sich gefälligst heraushalten. In den Gesichtern ihrer Freunde erkannte sie, dass auch die den Millionärssohn am liebsten über Bord geworfen hätten. Sie mochte sich nicht vorstellen, wie sich der Kerl verhalten hatte, während sie unterwegs gewesen war.

»Es ist mir egal, was du denkst«, sagte Kim. »Ich weiß, was ich gesehen habe.«

»Wie ist diese Höhle?«, wollte Manuel wissen.

»Nass.«

Während Manuels Gesichtsausdruck von ungläubig zu zornig wechselte, begannen Max, Niklas und Caro schallend zu lachen.

»Das meinte ich nicht. Ist sie von Menschen angelegt worden oder hat sie einen natürlichen Ursprung.«

»Woher soll ich das wissen?«

»Das musst du doch erkennen.«

»An den Seiten habe ich nur Fels gesehen. Mehr kann ich dir nicht sagen.«

Kim sah Manuel an, dass er mit der Antwort nicht zufrieden war und ihr noch immer nicht glaubte. Sie wunderte sich darüber, wie vehement er sich jetzt für das Gewölbe interessierte. Auf der Fahrt hierher hatte er alles noch als Unsinn bezeichnet und so getan, als sei es ihm egal, was unter der Wasseroberfläche verborgen war. Sie vermutete, dass es der Kerl einfach nicht ertragen konnte, wenn andere recht hatten. Die ganze Wahrheit würde sie ihm auf keinen Fall sagen.

»Was wollt ihr jetzt machen?«, fragte Manuel nach einer Weile.

»Wir tauchen zur Höhle«, antwortete Kim.

»Ich habe nur einen Anzug und auch nur noch eine Flasche. Ihr werdet später noch einmal herkommen müssen. Allerdings nicht mit mir. Ich habe genug von dem Unsinn.«

»Wir brauchen keine Taucheranzüge«, erklärte Kim. »Wir können alle gut genug schwimmen und es ist kein Problem, für zwanzig Sekunden unter Wasser die Luft anzuhalten.«

»Ist das dein Ernst?«

»Was spricht dagegen?«

»Und wenn ich da nicht mitmache?«

Kim stand auf und ging die paar Schritte auf Manuel zu. Dabei streckte sie bewusst den Oberkörper vor. »Hast du etwa unsere Abmachung vergessen?«

»Das habe ich nicht. Außerdem habe ich meinen Teil bereits erfüllt.«

»Nein«, entgegnete Kim. »Das hast du erst, wenn du uns zurückgebracht hast.« Sie erkannte, wie Manuel auf ihre Brüste starrte und ihm die Röte ins Gesicht schoss. Auch wenn der Spinner meinte, dass er alles konnte und wusste, und er sich für etwas Besseres hielt; er würde ihr keinen Wunsch abschlagen.

»Wann wollt ihr aufbrechen«, fragte Manuel nach kurzem Zögern.

»Jetzt«, antwortete Max entschlossen. Er zog das Shirt aus und griff nach seiner Ausrüstung. Dann sprang er ins Wasser. Jeder von ihnen hatte ein Handtuch, Kleidung, Schuhe, eine Lampe und ein paar kleinere Werkzeuge in einer wasserdichten Tasche dabei. Das sollte für einen ersten Erkundungsgang reichen.

Caro und Niklas folgten dem Freund fast gleichzeitig. Dann nahm auch Kim ihren Beutel und ging zur Bordwand. Dort drehte sie sich noch einmal zu Manuel um. »Mach keinen Unsinn. Dann verspreche ich dir einen Abend, den du nie vergessen wirst.« Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang sie in den See.

»Ich hoffe, das Arschloch lässt uns hier nicht hängen«, sagte Niklas, als alle die Felswand erreicht hatten. »Ich trau dem Spinner nicht.«

»Er wird genau das tun, was wir von ihm verlangt haben«, antwortete Kim.

»Was macht dich da so sicher?«, fragte Caro skeptisch.

»Er ist scharf auf mich.«

»Das stimmt«, bestätigte Max. »Ich hätte ihm am liebsten das Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, als er dich beim Umziehen so angeglotzt hat.«

»Du willst doch nicht wirklich mit dem Kerl in die Kiste steigen?«

»Nein, Caro. Es reicht, wenn er das denkt.« Kim schaute zum Boot, das ruhig an der Stelle lag, an der sie es verlassen hatten. Von Manuel war nichts zu sehen. Sie war sich aber sicher, dass er sie genau beobachtete.

»Wir kümmern uns später um den Spinner«, sagte Max entschlossen. »Jetzt will ich wissen, ob es da unten tatsächlich einen Bunker gibt.«

»Ich habe ihn gesehen. Wir müssen etwa sechs Meter tief tauchen. Nach der Öffnung geht es gleich wieder nach oben. Ich denke, dass keiner länger als zwanzig Sekunden braucht. Schafft ihr das?« Nachdem alle das bestätigt hatten, nickte Kim. »Dann folgt mir.«

4

Kim tauchte auf und schwamm sofort zur Seite, um den anderen Platz zu machen. Nach ihr kam Niklas, dann Caro und zum Schluss Max. Alle mussten für einen Moment tief durchatmen. Danach leuchtete Kim zur Treppe. »Dort kommen wir aus dem Becken.«

Die Freunde sahen sich staunend in dem kleinen Raum um.

»Ist euch klar, dass wir seit über fünfundsiebzig Jahren die Ersten sind, die diesen Raum betreten?«, fragte Max, nachdem sich alle angezogen hatten.

»Darüber habe ich bisher gar nicht nachgedacht«, antwortete Kim. Sie war froh, dass selbst Caros Freund mittlerweile voll hinter der Sache stand. Der bisherige Eindruck von der Anlage hatte alle überzeugt und in ihnen den Forscherdrang geweckt.

Niklas deutete auf den Ausgang, der in einen dunklen Gang mündete. »Wir sollten losgehen. Länger als eine Stunde will ich Manuel nicht warten lassen.«

»Geh vor«, sagte Max. »Wir nehmen die Mädels in die Mitte.«

Kim widersprach nicht. Normalerweise ärgerte sie das Machogehabe von Caros Freund. Jetzt war sie froh darüber, dass sie die Führung nicht übernehmen musste.

Nach wenigen Metern erreichten sie eine Treppe, die spiralförmig in die Tiefe führte. Niklas zögerte keine Sekunde und stieg die Stufen hinab. Nach drei Runden kamen sie in einen Raum, aus dem vier Gänge herausführten. Die dicken Stahltüren waren geöffnet. In der Mitte standen Tische mit alten Funkgeräten.

»Das scheint so eine Art Zentrale gewesen zu sein«, vermutete Kim.

»Das glaube ich nicht«, entgegnete Max, dem das Jagdfieber jetzt deutlich anzumerken war. »Hier kamen die Menschen an, wenn sie den Bunker betreten haben. Sicher wurden Einlasskontrollen durchgeführt. Es werden nur sehr wenige die Befugnis gehabt haben, hierherzukommen.«

»Vermutlich hast du recht«, gab Kim zu.

»Lass uns weitergehen«, sagte Niklas. Er wählte den linken Gang aus und leuchtete beim Vorangehen die Wände ab. Auf beiden Seiten lagen Räume. Weil die Türen fehlten, konnten sie hineinschauen und erkannten, dass sie leer waren. Schließlich erreichten sie das Ende des Ganges.

»Das war nix«, stellte Niklas fest. »Hoffentlich sieht es nicht überall so aus.«

»Sicher nicht«, sagte Max. »Wir versuchen den nächsten Gang. Jetzt gehe ich vor.«

Sie liefen zurück in den Raum und nahmen die andere Abzweigung. Nach etwa zehn Metern gelangten sie erneut zu einer Treppe.

»Wir sollten umkehren«, meldete sich Caro zu Wort.

»Bist du irre?«, entgegnete Niklas überrascht. »Es fängt doch gerade erst an, spannend zu werden.«

»Es ist mir fast zu spannend. Wenn wir uns hier unten verirren, wird uns keiner mehr finden. Wir sollten gehen und irgendeiner zuständigen Behörde Bescheid geben. Die ganze Anlage muss erforscht werden. Das ist nicht unsere Aufgabe.«

Kim konnte Caro verstehen, war aber anderer Meinung. Genau wie Max und Niklas hatte sie ihre Freundin nicht unterbrochen. Jetzt schüttelte sie bestimmt den Kopf. »Es ist klar, dass wir melden müssen, was wir hier gefunden haben. Allerdings noch nicht jetzt. Wenn es hier etwas zu entdecken gibt, möchte ich mir das nicht nehmen lassen.«

»Ich auch nicht«, stimmte Max entschlossen zu.

»Wir gehen weiter«, entschied Niklas.

Kim sah Caro an, dass sie mit der Entscheidung nicht einverstanden war. Dennoch fügte sich ihre Freundin.

Die Treppe führte nach unten. Im nächsten Geschoss betraten sie einen Zwischenraum. Wieder gab es vier Gänge in verschiedene Richtungen. Das Bild, das sich den Freunden bot, änderte sich nicht. Die Wände waren betongrau und kahl. Die großen Lampen an den Decken erinnerten daran, in welcher Zeit dieser Bunker errichtet worden war.

Max führte die anderen durch den Gang. Auf beiden Seiten waren Zellen, in denen noch Bettgestelle standen. Ansonsten waren die Räume leer.

»Glaubt ihr, dass man hier die Gefangenen untergebracht hat?« Caros Stimme zitterte leicht. Es war offensichtlich, dass sie sich hier unten immer unwohler fühlte.

»Es können auch die Unterkünfte der Soldaten gewesen sein«, sagte Max.

»Das glaube ich nicht. Schaut euch das an.«

Sie liefen in die gegenüberliegende Zelle, wo Niklas mit der Lampe auf ein Bettgestell leuchtete. Dort lag ein Skelett auf einer stark vergilbten Matratze. Der Lichtstrahl fiel genau auf den Halsstumpf, wo eigentlich der Kopf des Toten hätte sein müssen.