Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Rattenkinder - B.C. Schiller

Die Angst hat einen neuen Namen: Viktor Maly. Eine junge Mutter wird grausam zugerichtet auf einer Parkbank gefunden, neben sich ihr quicklebendiges Baby - und ein Rattenschädel. Das ist nicht der einzige geheimnisvolle Hinweis, den Chefinspektor Tony Braun erhält: Ausgerechnet Viktor Maly, ein Insasse der Psychiatrie, scheint mehr über den Fall zu wissen. Doch er hat seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Wurde die Frau Opfer eines lange geplanten Komplotts? Da geschieht eine weitere Bluttat. Und es gibt nur einen Zeugen: Viktor Maly ... Wer seine Ermittler unkonventionell mag, seine Morde blutig und die Dunkelheit der Seelen ganz, ganz tief, der kann sich mit den Thrillern um Chefinspektor Tony Braun auf ein besonderes Lesevergnügen freuen. Alle Tony Braun Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Meinungen über das E-Book Rattenkinder - B.C. Schiller

E-Book-Leseprobe Rattenkinder - B.C. Schiller

Inhalt

Cover

Über die Autoren

Titel

Impressum

Zitat

Prolog

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Danksagung

Über die Autoren

B.C. Schiller ist das Autoren-Duo Barbara und Christian Schiller. Ihre abgründigen Thriller sind seit Jahren fester Bestandteil der E-Book-Bestseller-Charts, sie sind echte Stars der deutschsprachigen Selfpublisher-Szene. Christian Schiller interviewte für seine Radiofeatures viele finstere Gestalten, wie den österreichischen Serienkiller Jack Unterweger. Diese Erfahrungen, aber auch Barbara Schillers bizarre Erlebnisse in Osteuropa fließen in fiktiver Form in ihre Thriller ein. Zusammen mit ihrem Rhodesian Ridgeback Kajumba Jabali leben sie auf Mallorca und in Wien.

B.C. Schiller

RATTENKINDER

Thriller

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2015 by Barbara & Christian Schiller

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Bettina Steinhage

Textredakteurin: Lisa Bitzer

Titelillustration: © FinePic®, München

Umschlaggestaltung: Pauline Schimmelpenninck

Büro für Gestaltung, Berlin

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-1381-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

»Langsam begreife ich die Denkweise der Reichen. Sie raffen Geld an sich und töten, weil sie über dem Gesetz stehen. Besser: Sie sind das Gesetz. Es ist eine eigene Welt. So will ich sein.«

Viktor Maly

Prolog

In einer stürmischen Regennacht schaufelten sie mein Grab.

Auch heute erstrahlt der Himmel im hellen Schein der Blitze, als würde zu Ehren meines Todes ein Feuerwerk entzündet. In diesem Licht wirken die Silhouetten der Wohntürme wie schwarze Kreuze. Auf den Plänen hatten die Türme beeindruckend ausgesehen, und alle waren stolz darauf gewesen. Sie symbolisierten eine neue Zeit, in der die Menschen plötzlich ihre Chance witterten und Aufbruchsstimmung herrschte. Damals wurde auch ich von dieser Euphorie erfasst und begann, meine Ideen zu verwirklichen. Ich wollte beweisen, dass es möglich ist, seine Herkunft hinter sich zu lassen und endlich akzeptiert zu werden. Als Fremder war ich aus Rumänien gekommen, hatte nur kurz in einem der Türme wohnen wollen – mein eigentliches Ziel war Österreich. Damals ahnte ich noch nicht, dass mich die einflussreichen Freunde, die ich dort fand, direkt wieder hierher, schicken würden, um mich meinem Schicksal zu stellen. Jeder weiß, was ich in den vergangenen Jahren getan habe, doch keiner hat es gewagt, mich zu stoppen.

Bis jetzt.

Der Weg zu meinem Grab auf dem Hügel ist durch den Regen aufgeweicht, und als ich auf meine hellen Schuhe blicke, muss ich feststellen, dass sie von Nässe und Schmutz durchdrungen sind. Als Kind hatte ich nie Schuhe, sondern lief immer barfuß. Deshalb kaufte ich mir von meinem ersten Geld ein vernünftiges Paar, gemacht für die Ewigkeit, wie ich dachte. Dass diese Ewigkeit so schnell kommen würde, konnte ich damals nicht ahnen. Das Ironische an der Sache ist, dass sie mich natürlich ohne die Schuhe begraben werden, die verbrennen sie später, an einem geheimen Ort. Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich vor dem rechteckigen schwarzen Loch stehe, das sie bereits gestern zur Hälfte ausgehoben und mit Flüchen belegt haben.

Wieder erhellt ein greller Blitz den Nachthimmel, und neben meinem Grab sehe ich die vielen bleichen Rattenschädel liegen, die sie mir auf meine letzte Reise mitgeben werden. Ich mache mir nicht die Mühe, sie zu zählen, aber ich bin stolz, dass es so viele sind. Denn jeder Rattenkopf hat eine Bedeutung, hinter jedem dieser Schädel steckt eine Tragödie oder ein Glücksmoment – je nachdem welche Perspektive man einnimmt.

Langsam hebe ich den Kopf, lasse den Regen über mein Gesicht rinnen, wünsche mir, er würde alle Schuld von mir waschen. Aber das ist eine Illusion, wie so vieles in meinem Leben. Das Wasser hat meinen schwarzen Anzug bereits völlig durchnässt, und ich spüre die Feuchtigkeit unangenehm kühl auf der Haut. Ich blicke zu den Wohntürmen hinüber. Die Lichter vieler Taschenlampen und Laternen bringen die geschwärzten Häuserfassaden zum Leuchten. Wahrscheinlich haben sich alle Bewohner auf den Weg gemacht, um bei meiner Beerdigung dabei zu sein. Es müssen Hunderte von Familien sein, wenn nicht gar Tausende. Die Stimmung wird sich wütend hochschaukeln, schließlich haben in den letzten Jahren viele von ihnen einen meiner Rattenschädel erhalten.

Die vier Totengräber stehen bis zu den Hüften in der Grube und führen die letzten Handgriffe aus, ohne auch nur einmal zur mir aufzusehen. Die beiden Männer links und rechts von mir haben die Krägen ihrer Sakkos aufgestellt, von den Krempen ihrer breiten Hüte tropft der Regen. Da der Wind immer stärker pfeift, haben sie Handschuhe an, um sich vor der eisigen Kälte zu schützen.

Immer wieder muss ich in Richtung der Wohntürme blicken. Die Lichterkette, die wie eine leuchtende Schlange langsam den Hügel nach oben kriecht, hat etwas seltsam Faszinierendes an sich. Als Erstes werden die Frauen den Hügel erreichen, die in der Vergangenheit einen Rattenschädel vor ihrer Haustür gefunden haben. Sie werden sich im Halbkreis aufstellen und mich zuerst leise, dann immer lauter verfluchen. Die sorgfältig gesäuberten Rattenknochen werfen sie auf mich, bevor sich schließlich auch die anderen Weiber beteiligen – die, die verschont wurden. Es wird Dreck und Knochen und Erdklumpen auf mich hageln … Aber ich werde keine Miene verziehen. Diesen Gefallen tue ich ihnen nicht, verspreche ich mir.

Doch es kommt anders. Ich hatte keine Vorstellung vom Sterben, stelle ich mit Verwunderung fest. Denn als die Frauen tatsächlich anfangen, mit Knochen und Steinen nach mir zu werfen, spüre ich plötzlich die Panik, die sich in meinen Eingeweiden einnistet und mich daran hindern will, mein Ende aufrecht wie ein Mann durchzustehen. Wie schwer es ist, in Würde zu sterben, geht es mir durch den Kopf. Aber ich schiebe diesen Gedanken beiseite, verstecke ihn in der hintersten Ecke meines Bewusstseins. Lieber will ich an jene Menschen denken, die ich glücklich gemacht habe. Und das sind viele. Es gibt also keinen Grund, jetzt Schwäche zu zeigen.

Endlich sind die Männer mit ihrer Arbeit fertig und klettern aus der Grube. Der Halbkreis hinter mir wird immer dichter, ich spüre den Atem einer Frau in meinem Nacken und höre zwischen zwei Donnerschlägen ihre geflüsterten Worte: »Du findest niemals Ruhe. Es wird immer weitergehen!«

In ihrer Wut werfen die Weiber mit allem nach mir, was sie zwischen die Finger bekommen. Auf einmal nehme ich etwas hinter mir wahr, drehe den Kopf und erkenne den Schatten eines kleinen Jungen, der in meinem Rücken steht, mit einem großen gezackten Stein in der Hand. Er holt aus, und ich fühle, wie er seine ganze Kraft in diesen einen Wurf legt. Der Stein trifft mich am Hinterkopf, und die Wucht des Schlags treibt mich zwei Schritte nach vorn, auf das Grab zu. Ich spüre, wie mir warmes Blut in den Nacken läuft. Beifälliges Gemurmel erklingt, das in den rituellen Gesang übergeht, der unser Volk schon seit Jahrhunderten auf seiner Wanderschaft begleitet.

Ich weiß, mein Sterben wird sich hinziehen, und mein Tod wird grausam sein. Einer der Männer wird mir zu guter Letzt das Herz aus der Brust schneiden – ich kann mir schon denken, wer das ist. Wie eine Trophäe wird er das blutige Stück Fleisch in die Höhe halten, um es dann gemeinsam mit meinen Schuhen und einem der Rattenschädel zu verbrennen.

Doch das kann mir egal sein, denn wenn es so weit ist, bin ich bereits tot und liege in meinem kalten Grab.

1

In einer Minute und fünfzehn Sekunden werde ich mein Schweigen brechen. Dann habe ich genau ein Jahr lang kein Wort gesprochen. Ich werde meine Psychiaterin zu mir rufen und sie bitten, die Polizei zu alarmieren. Sie wird überrascht und verwirrt sein, aber sie wird meinen Wunsch erfüllen.

Zu meiner eigenen Sicherheit stecke ich mir die Schere, die ich vorhin dem Assistenten gestohlen habe, in meinen rechten Ärmel. Denn mein poröser Verstand sagt mir, dass ich auf Übergriffe vorbereitet sein muss.

Dann drücke ich auf den Alarmknopf, höre die Sirene und weiß, dass draußen im Korridor eine rote Signallampe aufleuchtet. In exakt vierzig Sekunden stürzen die Pfleger herein, und ich werde schreien. Jawohl, ich werde schreien, und ich werde mich erinnern.

2

Zehn Minuten, bevor Viktor Maly mit der Schere zustechen würde, saß er schweigend mit dem Chefinspektor der Mordkommission Linz an einem Tisch.

Tony Braun war von Dr. Karen Jansen am frühen Morgen aus dem Bett geklingelt worden. Hektisch hatte sie ihm mitgeteilt, dass es um Leben und Tod gehe. Dass ihr Patient Viktor Maly zum ersten Mal seit einem Jahr wieder gesprochen habe. Dass er über eine Nachricht von größter Wichtigkeit für die Polizei verfüge und diese Information möglicherweise ein Verbrechen verhindern könne.

Doch seit Braun an diesem Dezembermorgen todmüde in der Psychiatrischen Klinik von Linz eingetroffen war, hatte Maly keinen Ton von sich gegeben. In dem karg eingerichteten Zimmer wirkte sein Schweigen genauso düster und bedrohlich wie die Wolken, die tief über der Stadt hingen und Schnee ankündigten.

Die Zeit verging, und Braun wurde immer unruhiger. Der Raum war überheizt, und er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Er fuhr sich durch die halblangen dunklen Haare, strich sich über den angegrauten Dreitagebart und tippte ungeduldig mit den Springerstiefeln auf den Boden. Es war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen hierherzukommen. Welche Information konnte Karens Patient schon für ihn haben?

Sie hatte ihm am Telefon zwar versichert, dass Maly aus psychiatrischer Sicht gesund und darüber hinaus ausgesprochen intelligent sei, doch davon war in diesem Moment nicht viel zu bemerken. Je länger Braun über die ganze Situation nachdachte, desto absurder erschien sie ihm. Natürlich hatte er sich gefreut, als er Karens Stimme nach all der Zeit so unerwartet gehört hatte. Und er war neugierig auf die Informationen gewesen, die Maly angeblich besaß. Aber vor allem hatte er Karen die Bitte nicht abschlagen können, denn sie hatte seinem Sohn Jimmy vor ein paar Jahren sehr geholfen.

Nach zwanzig Minuten des Wartens kam er nun aber an den Punkt, an dem ihn Karens Patient nur noch nervte. Mit den tief liegenden dunklen Augen, die wach umherblickten, und den Falten auf der Stirn, die sich wahrscheinlich durch angestrengtes Grübeln über irgendwelche verrückten Botschaften so tief in die Haut gegraben hatten, wirkte Maly nicht wie ein typischer Insasse der Psychiatrie. Doch Braun war nicht hier, um über den Wahnsinn des Mannes zu urteilen.

»Danke … dass Sie … gekommen sind.«

Die Stimme von Maly, die urplötzlich erklang, fraß sich heiß und schneidend durch die Stille. In Brauns Ohren mangelte es ihr an jeglicher Menschlichkeit. Es war die Stimme eines Mannes, den schreckliche Bilder in seinem Kopf quälten, Bilder, die nach draußen wollten – aber wenn er den Mund öffnete, hatte er sie bereits vergessen. Denn Maly litt an einer retrograden Amnesie und kannte nur seinen Namen, wie Karen bei Brauns Ankunft erklärt hatte.

Braun seufzte. »Weshalb wollen Sie mich sprechen?«

»Ich habe … eine Information … für Sie.« Maly beugte sich vor und schob langsam den rechten Arm über den Tisch, auf Braun zu.

»Was ist das für eine Information?«

»Geduld.«

Maly machte lange Pausen zwischen Worten und Sätzen. Er wirkte wie ein verirrter Wanderer in einer schwarzen Welt, in der es nur vereinzelte Lichtpunkte am Horizont gab, die ihm die Richtung wiesen. Braun hatte das Gefühl, als müsste sein Gegenüber erst nach Worten suchen, als hätte der Mann in dem Jahr seines Schweigens das Sprechen verlernt.

»Sind … wir uns … schon einmal … begegnet?«, wollte Maly wissen.

»Nicht dass ich wüsste.« Dieser Typ war Braun gänzlich unbekannt.

»Braun … Der Name … sagt mir etwas. Aber vielleicht … bilde ich mir das auch nur … ein.«

Wieder verfiel Maly in ein dumpfes Schweigen. Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer, während er die Lippen zu einem dünnen Strich zusammenpresste und die Augen zukniff, als wollte er einen winzigen lichten Streifen seiner Erinnerung mit den Lidern festhalten.

»Wer will Kaffee? Ich hole uns welchen«, versuchte Karen die Atmosphäre ein wenig aufzulockern.

An ihrer Tonlage erkannte Braun, dass ihr die Situation unangenehm war. Am Telefon hatte sie geklungen, als wäre Maly im Besitz brisanter Nachrichten, jetzt aber erkannte sie wohl selbst, wie unglaublich das geklungen hatte.

»Kaffee?«, fragte sie erneut und lächelte gequält.

»Ja, warum nicht.«

Braun drehte sich zu ihr und nickte. Seit ihrem letzten Treffen vor vier Jahren hatte sie sich kaum verändert. Noch immer trug sie die braunen Haare offen, und ihr leichter Silberblick irritierte ihn wie eh und je.

»Ich mach das!« Karens Assistent Thomas Just sprang auf und war bereits aus der Tür, noch ehe jemand reagieren konnte.

Maly drehte den Kopf hin und her, als wäre ihm der Kragen seiner weißen Jacke mit einem Mal zu eng. Braun lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er betrachtete den Mann, der noch immer den Kopf von links nach rechts bewegte und dabei die Zähne bleckte, als stünde er kurz vor einem Anfall.

»Die Information hat mich selbst überrascht«, flüsterte Maly und legte dann seine Wange auf die Tischplatte, als würde ihm die weiße Plastikoberfläche den Text soufflieren. Seine Worte kamen jetzt flüssiger, klangen aber immer noch seltsam monoton. »Plötzlich war diese Botschaft in meinem Kopf. Es klang fast wie ein Befehl.«

»Hm.« Nur mühsam unterdrückte Braun ein Gähnen. Er fühlte sich schlapp – und auch deprimiert durch die lähmende Atmosphäre im Raum. Die seltsame Euphorie, die ihn bei der Fahrt durch die menschenleeren Straßen von Linz erfüllt hatte, war verschwunden. Die Wände des Zimmers rückten zunehmend näher und raubten ihm den Platz zum klaren Denken. Maly hing jetzt beinahe ganz auf dem Tisch und öffnete den Mund, zunächst ohne ein Wort hervorzubringen, wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Kein Wunder, dass der Typ durchdreht, dachte Braun. In dieser trostlosen Bude muss man ja verrückt werden.

»Sie glauben mir nicht«, murmelte Maly. »Sie denken, ich will nur Ihre Zeit stehlen. Aber das stimmt nicht.« Er drehte den Kopf, visierte Braun an und schrie auf einmal laut: »Ich beweise es Ihnen!«

In Brauns Kopf klappten die Wände des Zimmers auf wie ein Geschenkkarton, und das Adrenalin durchflutete seinen Körper. Einen Wimpernschlag später war er auf den Beinen, sein Stuhl fiel krachend auf den Boden. Doch Maly war eine Spur schneller. Wie ein geübter Taschenspieler ließ er eine Schere aus dem rechten Ärmel gleiten und stach sich damit völlig unvermittelt in die Spitze des linken Zeigefingers. Obwohl die Wunde tief war, drang kein Laut über Malys Lippen. Blut spritzte auf die weiße Tischplatte und verteilte sich dort zu einem abstrakten Muster.

Aus dem Augenwinkel beobachtete Braun, wie Karen auf den roten Alarmknopf neben der Tür drückte und ihm etwas zurief. Doch ihre Stimme ging in dem röhrenden Ton der Sirene unter, die sich wie eine Schraube in Brauns Gehörgang fräste. Er packte Maly am Arm und riss ihm die Schere aus der Hand.

Just, der gerade wieder zur Tür hereinkam, ließ vor Schreck das Tablett mit den Tassen fallen. Wie in Zeitlupe schwappte der pechschwarze Kaffee über den weißen Boden und suchte sich mit langen Fingern zwischen den umgestürzten Stühlen seinen Weg zu Maly, der wimmernd an der Wand lehnte, den blutigen Finger in den Mund gesteckt. Zwei Pfleger stürzten herein, rannten auf Maly zu und hielten ihn fest.

»Er will mich umbringen«, gurgelte Maly, riss den linken Arm aus dem Klammergriff und wischte sich mit dem blutigen Finger über das Gesicht. Es sah aus wie ein Clownsmund mit ausgefransten Enden. »Er will mich umbringen«, wiederholte er und deutete mit dem ausgestreckten Finger auf Braun.

»Was wollen Sie damit sagen? Dass Sie sich durch mich bedroht fühlen?«, fragte Braun mit hochgezogenen Augenbrauen. Er hatte den Mann nicht einmal berührt.

»Woher wissen Sie das?«, fragte Maly verwirrt. »Sie … Sie kennen mich also doch …«

»Genug jetzt!« Karen stieß sich von der Wand neben der Tür ab. Ihr Gesicht hatte plötzlich einen harten Zug angenommen, den Braun gar nicht an ihr kannte.

»Es ist besser, wenn du jetzt gehst, Braun. Tut mir leid, dass ich dich herbestellt habe«, sagte sie entschieden und stellte sich dann vor Maly. »Viktor, was soll denn das? Reißen Sie sich zusammen!«

»Eine allumfassende Dunkelheit umgibt mich«, murmelte Maly. »Ständig muss ich auf der Hut sein, darf niemals die Kontrolle verlieren … Das ist sehr anstrengend.« Maly versuchte sich erneut aus dem Griff der Pfleger zu befreien, doch es gelang ihm nicht.

»Lasst ihn los«, wies Karen die Pfleger an, und gleich darauf rutschte Maly an der Wand entlang auf den Boden, wo er hocken blieb und seinen Finger betrachtete.

Karen drehte sich zu ihrem Assistenten. »Gibst du Viktor bitte eine Spritze, damit er sich beruhigt?«

»Aber natürlich.« Just öffnete den weißen Metallkoffer, den die Pfleger mitgebracht hatten, und nahm eine Spritze heraus.

»Wie geht es Ihrem Finger?«, fragte Karen, ging neben Maly in die Hocke und sprayte ein blutstillendes Mittel auf die Wunde. »Sie müssen sich jetzt ausruhen. Die Verletzung muss nicht genäht werden. Wie sind Sie überhaupt an die Schere gekommen?«

Maly schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

Karen schickte die Pfleger mit einer ungeduldigen Geste aus dem Raum und begann einen Verband um Malys Fingerkuppe zu wickeln. »Braun, ich hab doch gesagt, du sollst verschwinden.«

»Halt! Er muss bleiben«, stammelte Maly und schüttelte ihre Hand ab. Er stand auf. »Ich muss die Information weitergeben.«

»Ich kann das nicht zulassen.« Sie erhob sich und stellte sich vor ihren Patienten.

»Auf … auf meine Verantwortung.« Maly klang erschöpft. Langsam schob er sich an der weißen Tapete entlang, verschmolz mit ihr, wirkte mit seiner weißen Kleidung und dem bleichen Gesicht beinahe wie eine Halluzination. »Sie wollen mich schlagen«, flüsterte er beinahe unhörbar, ohne den Blick von Braun zu nehmen.

Der trat ganz nahe an Maly heran, atmete seinen Geruch ein und fühlte sich sofort verseucht, vergiftet. »Was haben Sie gesagt?«

»Sie wollen mich schlagen! Sie haben Ihre Aggressionen nicht unter Kontrolle.« Maly drehte sich zu Just um, der in der Mitte des Zimmers stand und sich gerade in Richtung des Patienten in Bewegung setzte, um ihm die Injektion zu verpassen.

»Moment, warten Sie mit der Spritze!«, rief Braun.

Gespannt blickte er in das Gesicht des Patienten, aber dessen Miene war schon wieder undurchdringlich. Braun seufzte. Er hatte in seiner Karriere schon einige irre Typen kennengelernt. Sie gaben sich kühl und souverän, aber in ihnen brodelte es. Und irgendwann explodierte das Ganze und wurde zu einer Katastrophe. Maly war eine tickende Zeitbombe.

»Als verantwortliche Psychiaterin muss ich dieses Gespräch jetzt abbrechen«, meldete sich Karen zu Wort.

Maly hob den Kopf und blähte die Nasenflügel, beinahe so, als wollte er die Worte seiner behandelnden Ärztin einatmen. Dann räusperte er sich, packte Brauns Hand und drückte ihm ein zusammengeknülltes Papier in die Finger.

»Loslassen!«, zischte Braun überrascht und stieß Maly zurück.

»Braun, raus jetzt!« Karen ging dazwischen und winkte Just zu sich.

»Nein. Nein! Das ist doch die Botschaft.« Maly wich zurück, bis er gegen das Bett stieß. Seufzend ließ er sich auf die Matratze fallen. »Das ist Ihre Information«, flüsterte er.

Braun faltete den Zettel auseinander und drehte sich ratlos zu Karen um. Doch sie erwiderte den Blick nicht.

»Geh jetzt endlich«, sagte sie stattdessen gereizt.

»Was ist das für ein Fleck auf dem Papier?«, fragte Braun Maly. »Ist das Ihr Blut?«

»Alles, was ich sehe, ist ein schwarzer Abgrund, an dessen Rand ich mich entlangtaste.« Der weiße Verband über Malys linkem Zeigefinger, den Karen noch nicht vollständig hatte anlegen können, hatte sich wieder blutig rot gefärbt. »Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin, oder sehen, wie ich dieses Dunkel jemals hinter mir lasse.«

»Was sind das für Zahlen auf dem Zettel, und von wem stammt das Blut?«, wiederholte Braun, und diesmal klang er noch ungehaltener.

Maly hatte die Augen geschlossen, als würde er schlafen, doch Braun war sich sicher, dass er jedes Wort genau verstand. Er sollte recht behalten.

Der durchgeknallte Kerl drehte den Kopf, ohne seine Augen zu öffnen, und sprach wieder genauso stockend wie zu Beginn: »Das … sind Fragen, die wir … uns für später … aufheben sollten.«

3

Braun hatte eine böse Vorahnung, als er beim Park ankam. Malys bizarres Verhalten hatte ihn zwar ziemlich genervt und, wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch befremdet. Trotzdem hatte ihm sein Bauchgefühl geraten, die Andeutungen und den seltsamen Zettel ernst zu nehmen und nicht als bloßen Irrsinn eines Durchgeknallten abzutun.

Er fischte sein Handy aus der Hosentasche und betrachtete erneut das Foto des Zettels: ein Blutstropfen links, eine Zeichnung rechts und daneben eine Ziffernreihe. 48 18 4714 1740. Was sollte das bedeuten? War das ein Code? Vielleicht eine chiffrierte Botschaft? Noch in der Psychiatrischen Klinik hatte Braun das Papier fotografiert und an seinen IT-Spezialisten Jan Faber gemailt.

Jan war ein Ex-Häftling im Rollstuhl, der häufiger als Berater für Brauns Abteilung arbeitete. Mit seiner unkonventionellen Vorgangsweise hatte er ihnen schon öfter gute Dienste geleistet – das hatten Brauns Vorgesetzte bereits mehr als einmal widerwillig zugeben müssen. Jan hatte natürlich nicht lange gebraucht, um die Zahlenfolge zu entschlüsseln.

»Es sind Koordinaten«, antwortete er Braun nur Minuten, nachdem dieser die SMS losgeschickt hatte.

»Koordinaten?«

»Richtig, du Superbulle«, lachte Jan. »Das sind Zahlen von null bis neun, die dazu dienen, einen bestimmten Ort auf der Welt zu lokalisieren. Alles klar? 48°18’47ʺN, 14°17’40ʺE.«

Braun grunzte zustimmend.

»Die Zeichnung auf dem Zettel passt übrigens genau zu dem Ort, den die Koordinaten beschreiben. Damit ist wohl eine Parkbank gemeint.«

»Woher weißt du das alles?«, wollte Braun irritiert wissen.

Jan lachte wieder. »Wenn du das nächste Mal bei mir bist, alter Mann, erkläre ich dir mal, was Google Streetview ist, okay? Dein Viktor Maly hat mich übrigens ziemlich neugierig gemacht, ich sehe zu, was ich über ihn im Netz finde.«

Jan hatte recht gehabt. Die Koordinaten hatten Braun in den weitläufigen Park direkt an der Donau geführt. Dichter Nebel hatte die Stadt fest im Griff, nur manchmal durchbrach eines der vorbeifahrenden Flussschiffe die undurchsichtige Welt, während es langsam auf dem Wasser dahinglitt. Auch der Park selbst wirkte düster und abweisend. Obwohl es noch nicht einmal acht Uhr morgens war, herrschte ziemlich viel Betrieb auf den Straßen der Stadt, und auf der Nibelungenbrücke gleich neben den Grünflächen stauten sich schon jetzt die Autos. Wie graue Wesen aus einer Zwischenwelt hasteten die Passanten auf ihrem Weg zur Arbeit an Braun vorbei. Alle schienen unter Zeitdruck zu stehen, die Hektik war geradezu greifbar.

Braun blieb am vorderen Eingang des Parks stehen und sah sich um. Bänke gab es jede Menge. Sie standen links und rechts eines gekiesten Gehwegs, der wie eine große liegende Acht den schmutzig-braunen Rasen zerteilte und steil zur Donau hin abfiel. In einiger Entfernung, auf einer Bank direkt an der Böschung, saß eine junge Frau, neben sich einen Kinderwagen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite eines froststarren Blumenbeets, sah Braun einen Mann und eine Frau sitzen. Wahrscheinlich ein altes Ehepaar, denn sie trugen beide die gleiche Windjacke und wirkten sehr vertraut. Sie unterhielten sich angeregt und blickten dabei ständig zu der jungen Mutter mit dem Kinderwagen.

Braun ließ den Blick schweifen. Auf einer Parkbank am anderen Ende des Kieswegs wickelte sich gerade ein Obdachloser aus einer alten Abdeckplane und sah sich nach allen Seiten um. Er trug einen dicken verschlissenen Wintermantel und hatte einen verbeulten Einkaufswagen neben sich stehen, der bis oben hin mit seinen Habseligkeiten gefüllt war. Unvermittelt ließ er sich von der Sitzfläche gleiten, kroch auf allen vieren hinter die Parkbank und suchte hastig den Boden nach etwas ab.

Braun konnte nicht erkennen, was es war. Er kniff die Augen zusammen. Jetzt hatte sich der Mann wieder aufgerichtet und verstaute einen Gegenstand in seiner Manteltasche. Was hat er dort hinten aus der Erde gebuddelt?, fragte sich Braun. Plötzlich schien es der Obdachlose ziemlich eilig zu haben – wahrscheinlich hatte er mitbekommen, dass er beobachtet wurde.

»Warten Sie einen Augenblick!«, rief Braun und lief über die steinhart gefrorene Wiese auf ihn zu. Der Nebel legte sich wie ein feuchtes Tuch über sein Gesicht, während er das Tempo anzog.

Der Obdachlose begann, mit seinem Einkaufswagen loszurennen, aber die kleinen Räder verkeilten sich im Schotter des Gehwegs, der Wagen machte durch den Schwung eine halbe Drehung und kippte dann vornüber, was auch den Mann zu Fall brauchte. Braun konnte nur noch seine Umrisse erkennen, hörte dafür aber ein markerschütterndes Geheul, das sich langsam in ein schrilles Kreischen verwandelte. Kam es von vorn, von dem Penner? Es war fast so, als würde der Nebel nicht nur die Menschen, sondern auch all die Geräusche, die von ihnen ausgingen, verschlucken und in eine wabernde akustische Suppe verwandeln.

Als Braun den Obdachlosen erreicht hatte, sah er, wie dieser inmitten seiner Habseligkeiten lag und wild mit den Armen um sich schlug. Er bückte sich zu dem Mann hinunter und klopfte ihm leicht auf die Schulter. »Ich will nur mit Ihnen reden«, sagte er, doch der andere schien ihn nicht zu hören, sondern schlug weiter mit den Händen nach ihm.

»Stehen Sie endlich auf!« Braun atmete tief durch und zerrte den Obdachlosen an seinem Mantelkragen hoch. Der Kerl verströmte einen üblen Gestank nach Schnaps und ungewaschenen Klamotten, lediglich abgemildert durch den intensiven Marihuana-Geruch, der ebenfalls von ihm ausging. Im krassen Gegensatz zu der abgerissenen Kleidung und seinen widerlichen Ausdünstungen war das Gesicht des Obdachlosen glatt rasiert, und er sah auch relativ jung aus. Auf Braun wirkte der Mann wie jemand, der in dieser Turbo-Gesellschaft den Anschluss verloren hatte und deshalb unter die Räder gekommen war.

»Machen Sie doch kein Theater. Ich will nur wissen, was Sie da haben«, versuchte er das Ganze deshalb abzukürzen, denn insgeheim tat ihm der Mann sogar leid.

Doch der Obdachlose steigerte sich immer weiter in seine Panik hinein, die in einem lang gezogenen, verzweifelten Schrei gipfelte, bei dem Braun das Blut in den Adern gefror.

Durch den Lärm, den der Penner mit seiner Schreierei veranstaltete, war das Baby im Kinderwagen ein paar Meter weiter aufgewacht und begann nun ebenfalls herzzerreißend zu brüllen. Warum kümmert sich die Mutter nicht um ihr Kind?, fragte sich Braun. Den Krach hielt ja kein Mensch aus.

Er ließ den Obdachlosen los und trat ein paar Schritte zurück, um zu erkennen, was oben auf der Böschung los war. Undeutlich sah er, dass der Kinderwagen durch das strampelnde und wimmernde Baby bedenklich zu wippen begonnen hatte und langsam die Böschung hinunter zur Donau rollte.

Wieso reagierte die Mutter nicht?

»Halt endlich die Klappe«, sagte er zu dem Obdachlosen, der jetzt völlig weggetreten war, laut eine Melodie summte und sich mit den Fäusten auf die Brust schlug.

Der Kinderwagen hatte inzwischen Fahrt aufgenommen. Er war ein Modell mit dicken Reifen, das man sogar zum Joggen verwenden konnte. Das Baby brüllte und strampelte, sodass der Kinderwagen noch schneller die Böschung hinunterrollte – direkt auf den breiten Fluss zu. Gierig leckten die schwarzen Wellen am Ufer, schienen nur darauf zu warten, den Wagen mitsamt dem Baby zu verschlingen.

»Stoppt den Kinderwagen!«, rief Braun einigen vereinzelten Passanten auf dem Uferweg zu, die dick vermummt vorbeieilten, während er lossprintete. Aber in dieser nebeligen Parallelwelt hörte niemand auf ihn, und keiner reagierte.

Er hastete über die Wiese auf die Böschung zu, konnte nur knapp einem Radfahrer ausweichen und rannte den Weg hinunter, der direkt am Kunstmuseum vorbei zu einem Anleger für Ausflugsschiffe führte. Der Kinderwagen holperte bereits über den rissigen Beton des Anlegers, prallte gegen einen Poller, der die Fahrt abbremste, schlingerte bedenklich und drohte mit dem schreienden Baby umzukippen, doch Braun sprang rechtzeitig nach vorn und fing den Wagen auf, bevor er ins Wasser kippen konnte.

»Alles in Ordnung, mein Kleines.« Mit einer Hand strich er sanft über die pfirsichzarte Wange, aber das Baby brüllte umso heftiger. Wahrscheinlich hatten es die eiskalten Finger von Braun erschreckt. Deshalb schob er den Kinderwagen schnell die Böschung hinauf und bemerkte im selben Augenblick, als er auf dem Weg oben ankam, dass der Obdachlose dabei war abzuhauen. Er hatte all seine Habseligkeiten wieder eingesammelt und in den Einkaufswagen gestopft.

»Mann, du nervst«, seufzte Braun.

Aber im Moment war das Baby wichtiger. Langsam schälte sich die Parkbank aus dem Nebel, als Braun, den Kinderwagen vor sich herschiebend, darauf zusteuerte.

»Sind Sie die Mutter?«, fragte er, aber die Frau auf der Bank schien ihn nicht zu hören. »Hallo? Warum kümmern Sie sich nicht um Ihr Kind?«

Verständnislos stand Braun vor der Frau, die ihn immer noch ignorierte. Im grauen Licht des Morgens schien ihr zusammengesunkener Körper auf der Parkbank merkwürdig konturenlos.

»Uns ist auch schon aufgefallen, dass sich die Frau gar nicht mit ihrem Baby beschäftigt«, hörte Braun eine dünne Stimme hinter sich.

Das alte Ehepaar von der gegenüberliegenden Parkbank kam über die Wiese auf ihn zu, das gefrorene Gras knirschte unter ihren Füßen. Die Frau wirkte ziemlich aufgeregt, und der Mann tätschelte unentwegt ihren Arm, um sie zu beruhigen.

»Wahrscheinlich ist sie betrunken«, entrüstete sich die Frau im vertraulichen Ton. »Das geht schon seit längerer Zeit so. Sie sitzt einfach nur da und rührt sich nicht. Wenn Sie mich fragen, dann ist sie eine schlechte Mutter.«

»Vielleicht fehlt ihr etwas«, antwortete Braun einsilbig, der das Gerede der Passantin ziemlich anmaßend fand.

Er drehte sich wieder zu der Frau auf der Parkbank um. Die trostlose Stimmung, die rings um ihn herrschte, legte sich wie ein schwerer Mantel auf seine Schultern. Der Nebel erschien ihm plötzlich noch dichter, der Himmel hing tiefer, die Luft war schwer und bleiern. Brauns Bauchgefühl schlug Alarm.

»Hallo, können Sie mich hören?« Vorsichtig beugte er sich zu der Frau hinunter. Ihre Haut war glatt und weiß wie Porzellan. Aus der Nähe wirkte die Mutter nicht mehr ganz so jung, wie er im ersten Moment gedacht hatte. »Ich bin von der Polizei. Verstehen Sie mich?«

Noch immer keine Reaktion. Die Frau auf der Parkbank trug einen Kunstpelzmantel und hatte einen dicken Schal mit rotem Muster mehrmals um den Hals geschlungen. Ihr Kopf war nach vorn auf die Brust gesunken, und sie trug trotz der nebligen Wetterverhältnisse eine riesige Sonnenbrille, sodass Braun kaum etwas von ihrem Gesicht erkennen konnte. Eine Strähne blonden Haares hatte sich aus ihrem Zopf gelöst und wehte über Gesicht und Schal, als würde sie ein Eigenleben führen.

Mit zwei Fingern tippte Braun die Wange der Frau an. Ihre Haut fühlte sich eiskalt an, und ihr Kopf kippte durch die Berührung sanft zur Seite. Plötzlich hatte Braun einen Geruch in der Nase, der ihm allzu vertraut war. Es roch nach rostigem Metall, nach Angst und Sterben. Braun war dieser Geruch schon oft begegnet: Es war das Aroma des Blutes, der Gestank der Hoffnungslosigkeit – der Duft des Todes.

Langsam beugte sich Braun noch weiter über die Frau. Strich sacht über den Schal mit dem roten Muster, spürte, wie vermutet, dickes geronnenes Blut, das sich in die Wolle gesaugt hatte. Mit zwei Fingern lockerte er den Schal um den Hals der Frau und hob dazu leicht ihr Kinn an. Doch sofort kippte ihr Kopf nach hinten, als würde er nur von einigen wenigen Hautfetzen auf dem Körper gehalten. Wie war das möglich?

Dann sah er den Draht. Ein dünner Metallfaden hatte so scharf den Hals der Toten zerteilt, dass er nicht nur Haut, Knorpel und Sehnen, sondern auch die Nackenwirbel beinahe vollständig durchtrennt hatte, und der Kopf nun wie bei einer Puppe fragil hin und her pendelte.

Hinter sich hörte Braun das alte Ehepaar aufgeregt tuscheln, neben sich das Baby schluchzen, vor sich sah er die tote Frau. Wahrscheinlich war sie noch gestern voller Stolz mit ihrem Kind durch die Stadt spaziert, hatte sich über dieses junge Leben gefreut und keinen Gedanken an das Morgen verschwendet. Aber die Stunde des Todes war für sie schon bestimmt gewesen, und ihre Zeit war mit unerbittlicher Hast dem Ende entgegengerast.

Tief in seinem Inneren wusste Braun, dass er viele Nächte mit diesem hässlichen Mord verbringen und nicht eher ruhen würde, bis die Tote Gerechtigkeit erfahren hatte.

Mit der Spitze seines Kugelschreibers schob Braun die riesige Sonnenbrille der Frau nach oben auf die marmorne Stirn. Er sah ihr in die Augen, die leblos und starr geradeaus blickten. Die Panik in ihrem Gesicht, der Ausdruck nackter Angst, war für immer auf ihrem Antlitz eingefroren. Sie hatte gewusst, dass es Zeit war zu sterben, dass sie ihr Kind nie würde aufwachsen sehen, dass sie nie mehr die Liebe erfahren würde.

Das Baby schien diesen Schmerz zu spüren, denn sein Schreien war in ein Schluchzen übergegangen, das todtraurig und leise den Nebel dieses kalten Dezembermorgens zerriss und einfach nicht enden wollte.

4

Das Handy schrillte, und vor Schreck hätte sie beinahe den Teller fallen lassen. Im letzten Moment schaffte sie es, ihn der Frau in die schwieligen Hände zu drücken.

»Hallo. Was? … Natürlich bin ich schon wach«, beeilte sie sich in ihr Handy zu sagen.

Franka drehte sich ein wenig zur Seite und entfernte sich von der langen Menschenschlange, die abgerissen und erbärmlich zu einer einzigen menschlichen Tragödie verschmolzen war. Still und mit hängenden Köpfen warteten Männer und Frauen darauf, sich mit Tee und Suppe ein wenig aufzuwärmen. Einer Alten rutschte der heiße Teller aus den Händen und zersplitterte mit einem lauten Knall auf dem Boden. Ein leises Raunen im Raum schwappte bis zu Franka herüber.

»Welcher Lärm? Ach so, ja … Nein, ich bin nicht zu Hause.«

Sie redete nicht gern darüber, dass sie ein paar Mal pro Woche um fünf Uhr morgens in der Oase auftauchte, einer Zufluchtsstätte für die Obdachlosen von Linz. Hier schenkte sie unentgeltlich Tee und Suppe aus, um den Menschen, die am Rand der Gesellschaft lebten, etwas von ihrem unverdienten Glück zurückzugeben. Sie wollte ihr Engagement nicht an die große Glocke hängen, frei nach dem Motto: Tu Gutes und sprich nicht drüber. Franka nahm diese Weisheit sehr ernst.

»Wo ich bin? Äh … Ist doch egal. Gib mir fünfzehn Minuten«, sagte sie, nachdem sie dem Anrufer schweigend zugehört hatte. »Ich warte daheim auf dich. Lass anklingeln, dann komm ich runter.«

Hastig steckte sie das Handy ein und ging zu dem übermüdeten Mann im dicken Wollpullover, der hinter dem großen Suppenkessel stand. Das war Wolfgang, der die gewöhnliche Oase ins Leben gerufen hatte.

»Ich kann nicht länger bleiben. Es gibt etwas zu tun.«

Wolfgang nickte ihr wortlos zu, und sie ging ohne Abschiedsgruß an den Tafeln vorbei, wo Männer und Frauen heiße Suppe löffelten und sich leise unterhielten. An einem Tisch direkt neben der Ausgangstür, mit Blick nach draußen auf die Straße, saß Nana, die wie die meisten anderen hier obdachlos war. Ein Lächeln huschte über das Gesicht der älteren Frau, und Franka hielt trotz aller Eile an, um kurz mit ihr zu reden.

»Bist du bei dem Arzt gewesen, den ich dir empfohlen habe?«, fragte sie.

Nana senkte den Kopf und grinste unsicher. »Das mache ich heute«, flüsterte sie, obwohl beide wussten, dass Nana niemals diesen Arzt aufsuchen würde, selbst wenn ihr der zu einer Therapie verhelfen konnte. Nana lebte auf der Straße, weil sie Angst vor geschlossenen Räumen hatte – und solange der Arzt seinen Behandlungsraum nicht nach draußen verlegte, würde das auch so bleiben.

»Ich muss heute früher weg«, sagte Franka und strich der alten Frau sanft über die dünnen Haare. »Sobald ich Zeit habe, gehe ich mit dir zum Arzt.«

»Versprochen?« Die Stimme der Älteren war leise und kraftlos wie ein zarter Windhauch, den man erst bemerkt, wenn er längst vorüber ist. Sie nuschelte etwas, das Franka nicht verstand.

»Was hast du gesagt?«

»Du musst mir versprechen, mit mir dorthin zu gehen.«

»Versprochen.«

Nana legte Franka dankbar den Arm um die Hüfte und berührte aus Versehen die Waffe, die Franka im hinteren Bund ihrer Jeans stecken hatte.

»Was ist das? Ist das wirklich eine Pistole?«, fragte Nana mit großen Augen.

»Ja. Denn auch ich habe manchmal Angst.«

Seltsam – mit der Waffe fühlte sie sich nur bei Tag sicher. Nachts, wenn sie allein in ihrem Bett lag, kam die Erinnerung auf leisen Sohlen und schlich sich wie ein Dieb in ihre Gedanken. In der tiefsten Finsternis schreckte Franka dann aus ihren Schachtelträumen, die ein ständig wiederkehrendes Thema zum Inhalt hatten: ihre Kindheit. In manchen dieser mondlosen Nächte war der Traum so intensiv, dass Franka körperliche Qualen litt. Dann spürte sie die kratzigen Decken auf der Haut, roch das abgestandene, ranzige Fett, mit dem sie gleich die gestohlenen Eier in der uralten Pfanne braten würde. Beim Aufstehen von ihrem Bett stieß sie in Gedanken an die Wände des winzigen Wohnwagens, und sie zitterte vor Kälte, wenn sie in ihrer Erinnerung nach draußen in die trostlose Leere eines Parkplatzes trat, in dessen Nähe es weit und breit kein fließendes Wasser gab und sie sich oft tagelang nicht den Dreck aus dem Gesicht waschen konnte.

Energisch verscheuchte sie die schwarzen Wolken aus ihrem Geist, als sie durch die nebelverhangenen Straßen von Linz lief. Wie immer führte sie ihre Strecke bei dem Gebrauchtwagenhändler vorbei, in dessen Reihen das Objekt ihrer Begierde vor sich hin rostete. Es war das einzige Motorrad auf dem ganzen Gelände, das mehr einem Schrottplatz als einer Verkaufsfläche für Fahrzeuge ähnelte. Franka reckte den Hals. Dort ragte sie aufgebockt aus der Menge, eine Verheißung aus Technik und Schönheit, Geschwindigkeit und Raserei. Irritierende Eleganz, lockende Freiheit, mit Rostflecken am Tank und einem notdürftig mit Draht befestigten Auspuff, dessen Chromoberfläche mittlerweile stumpf geworden war: eine Moto Guzzi 800 Limited Edition, mattschwarz. Mit diesem Motorrad würde Franka alles hinter sich lassen können, selbst ihre Vergangenheit.

Sie warf einen Blick auf ihr Handy. Verdammt, wenn Bruno pünktlich war, würde er mitbekommen, dass sie seit einigen Monaten nicht mehr in ihrer Wohnung wohnte. Und spätestens dann würde er vielleicht Fragen stellen, die sie nicht beantworten wollte.

Zum Glück war sein Wagen noch nicht da, als endlich das markante Hochhaus vor ihr auftauchte, dessen oberste Stockwerke vom Nebel verschluckt waren. Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte in die siebte Etage. Dort oben war die Wohnung, von der sie früher immer geträumt hatte, ihr Rückzugsort nach einem harten Arbeitstag, ihr Ruhepol, der irgendwann zu einem Albtraum geworden war. Ihr wurde schon wieder kalt bis ins Mark, wenn sie nur daran dachte. Deshalb war sie auch in ein billiges Hotel gezogen.

Um sich das Hotel und die Wohnungsmiete leisten zu können, vermietete sie ihr Apartment an ein Artistenpaar, das in Linz überwinterte, ehe es im Frühjahr wieder mit seiner Truppe weiterzog. Die beiden waren Seiltänzer, sie übten regelmäßig im Donaupark an einer Brücke. Eines Abends war Franka dort mit ihnen ins Gespräch gekommen und hatte ihnen spontan ihre Wohnung angeboten, als sie sie nach einer möglichen Bleibe gefragt hatten.

Manchmal fühlte sich Franka selbst wie eine Seiltänzerin, die über einem Abgrund balancierte. Es war erstaunlich, wie leicht ihr die Lügen in letzter Zeit über die Lippen kamen. Ihre Stimme hörte sich tatsächlich völlig aufrichtig an, wenn sie Bruno sagte, er solle sie daheim absetzen oder aufgabeln. Er hatte keine Ahnung, dass sie schon seit dem Sommer nicht mehr in ihrem Apartment gewesen war. Und das war auch gut so. Niemand durfte eine Schwäche an ihr entdecken. In der heutigen Gesellschaft war jedes Nachlassen ein Makel, in diesem Leben hatte jeder perfekt zu funktionieren. Wer irgendwann einfach nicht mehr konnte, wurde sofort aussortiert. Deshalb durfte sich Franka auch keine Schwäche erlauben. Sie hatte es bis hierher geschafft und wollte noch weiter kommen.

Als sie die großen Türen zum Foyer aufstieß, wuchs ihre Beklemmung. Immer wieder warf sie einen Blick auf das Handy, das sie neben sich gelegt hatte. Als es dann tatsächlich klingelte, zuckte sie zusammen, atmete tief durch und knipste ihr Gute-Laune-Lächeln an. Sie flog die wenigen Stufen hinunter, öffnete die Eingangstür und bog auf den Bordstein ab. Dann winkte sie dem Mann zu, der in einigen Metern Entfernung an der Motorhaube eines Autos lehnte und eine Zigarette rauchte.

»Guten Morgen«, rief er ihr entgegen. »Hast du noch einen Kaffee für mich?«

»Dafür ist keine Zeit, Bruno. Wir haben schließlich einen Mord.«

Kaum dass sie auf den Beifahrersitz gesunken war, wiederholte sie wie jeden Tag ihr Mantra, um sich wieder auf die Erfolgsspur zurückzubringen: Ich heiße Franka Morgen, bin vierundzwanzig Jahre alt und bei der Mordkommission Linz. Ich bin die jüngste Polizeiinspektorin Österreichs und arbeite im Team von Tony Braun, den ich bereits auf der Polizeiakademie bewundert habe und der auch jetzt noch mein Vorbild ist. Zu diesem Team gehört auch Bruno Berger, der mich gerade abholt. Dieses Team ist meine Familie. Ich darf mir keinen Fehler erlauben, ich darf mir keinen Fehler erlauben, ich darf …

»Erde an Franka! Schläfst du noch?«

Sie hörte Bruno mit den Fingern schnippen und schreckte aus ihren Gedanken. »Wie? Was? Ja, na klar«, sagte sie hastig.

Als Bruno den Wagen über die Nibelungenbrücke steuerte, musste sie sich eingestehen, dass nicht nur ihr Mantra, sondern auch Brunos Nähe sie beruhigte. Sie warf einen schnellen Blick zur Seite. Obwohl er bereits Mitte fünfzig war und seine lockigen Haare langsam weiß wurden, wirkte Bruno wesentlich jünger, als er tatsächlich war. Das lag an seiner lockeren und frischen Art. Wie immer trug er seine charakteristische schwarze Strickmütze, ohne die er niemals aus dem Haus ging.

Während er bei einer Ampel wartete, drehte er sich zu ihr und fragte unverblümt: »Warum lebst du nicht mehr in deiner Wohnung, Franka?«

5

Tony Braun stand auf dem gefrorenen Rasen und unterhielt sich mit dem Gerichtsmediziner Paul Adrian, einem großen Mann mit rasiertem Schädel und langem schwarzem Mantel. Adrian war kurz nach Braun gekommen und hatte das Opfer bereits untersuchen können.

»Der Fundort ist aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Tatort.«

»Kannst du uns schon etwas über den Todeszeitpunkt sagen?«

»Wenn man die tiefen Temperaturen in der Nacht berücksichtigt, würde ich zwischen drei und fünf Uhr morgens tippen. Aber das lässt sich noch genauer feststellen.«

Ein Wagen fuhr bis zu dem schlapp herabhängenden rot-weißen Absperrband, das man rund um den Tatort gezogen hatte. Braun hob die Hand zum Gruß, als Bruno und Franka ausstiegen. Wenn man Bruno so sah, groß und breitschultrig in seinem Hippielook mit Strickmütze, Jeansjacke und der selbst gedrehten Kippe im Mundwinkel, würde man nie auf die Idee kommen, dass er ein über die Landesgrenzen hinaus anerkannter Verhörspezialist war. Er hatte jahrelang auf der Straße für das Drogendezernat gearbeitet und dank seiner unverdächtig entspannten Attitüde reihenweise wertvolle Informationen über Drogendeals aus seinen Kontakten herausgekitzelt.

Franka war das genaue Gegenteil. Sie war klein, ziemlich hübsch, hatte aber aus unerfindlichen Gründen ihre dunklen Haare hellblond gefärbt. Als Polizistin war sie tough und kontrolliert, konnte mit Stresssituationen gut umgehen und war eine brillante Analytikerin. Trotzdem wurde Braun den Verdacht nicht los, dass Franka Angst hatte, eines Tages aus der Rolle der perfekten Polizistin zu fallen und die Kontrolle zu verlieren. Wie üblich machte sie sich auch jetzt voller Eifer an die Arbeit und zupfte sich gleich ein paar Latexhandschuhe aus einer Schachtel, die ihr ein Polizist hinhielt.

»Ah, Franka, unsere Jahrgangsbeste von der Akademie«, begrüßte Adrian sie wie üblich.

So wird es vermutlich die nächsten zehn Jahre gehen, dachte Braun. Für Adrian war Franka immer noch der Grünschnabel von der Polizeiakademie. Aber wenigstens der jahrgangsbeste Grünschnabel, das war schon etwas.

»Was habt ihr außerdem herausgefunden?«, nahm Braun den Faden wieder auf und wandte sich erneut Adrian und Anthea zu, die ebenfalls herangetreten war. Die junge Assistentin des Gerichtsmediziners war wie immer kalkweiß geschminkt und trug eine schwarze Lackjacke.

»Die Tatwaffe ist eine Garrotte«, sagte Anthea und fuhr sich mit einem dunkelrot lackierten Fingernagel über den weißen Hals. »Der Täter hat einen besonders dünnen Stahldraht verwendet, der wie die Klinge eines Rasiermessers wirkt, wenn man ihn im Nacken fest zusammendreht.« Sie hielt eine Plastiktüte hoch. »Wie entgegenkommend von unserem Täter, das Tatwerkzeug gleich hierzulassen. Erleichtert uns die Arbeit ganz enorm. Denn selbst der dünnste Draht besitzt winzige Widerhaken, an denen Hautpartikel hängen bleiben.«

Braun betrachtete die Plastiktüte von allen Seiten. Die Garrotte darin war nicht mehr als ein blutverschmierter Stahldraht mit zwei Griffen aus Metall an den Enden. Dennoch ein höchst effizientes Mordinstrument, das konnte er auf einen Blick erkennen. Perfekt geeignet zum lautlosen Töten.

»Ich frage mich, warum jemand mit einem Profiwerkzeug arbeitet und es dann einfach am Tatort liegen lässt«, sagte Anthea nachdenklich.

»Muss ein ziemlich kräftiger Mann gewesen sein, um diese Verletzung zu erzeugen.« Braun deutete auf den fast vollständig durchtrennten Hals der Frau.

»Nicht unbedingt«, widersprach Adrian. »Bei einer Garrotte ist die Hebelwirkung entscheidend. Diese Verletzung könnte auch von einer Frau verursacht worden sein. Vorausgesetzt natürlich, sie ist extrem kaltblütig und richtig, richtig wütend.« Er grinste vielsagend in die Runde, worauf aber niemand reagierte.

»Das heißt, wir können nicht ausschließen, dass unser Täter eine Frau ist«, brummte Braun und wandte sich an Bruno, der gerade einen Schluck aus einem Kaffeebecher trank. »Was ist mit dem Baby?«

»Wird von einer Krankenschwester versorgt. Mit ihm ist alles in Ordnung. Ist übrigens ein Junge«, antwortete Bruno und deutete nach hinten zu einem Notarztwagen.

»Franka, kümmere dich um die Spusi. Vielleicht haben die schon etwas gefunden, das uns weiterhilft.«

Die Leute von der Spurensicherung waren nicht mehr als helle Punkte in dem gleichförmigen Grau und wirkten in ihren weißen Plastikanzügen wie Außerirdische auf der Suche nach neuem Leben. Sie waren schon seit einer gefühlten Ewigkeit dabei, alle möglichen Spuren zu fotografieren und verdächtige Gegenstände rund um die Parkbank aufzusammeln und einzutüten.

Braun steckte die Hände in die Manteltaschen, ging über die Wiese und stellte sich so hin, dass er das Opfer direkt vor sich sehen konnte. Durch die vielen Polizisten, die gerade durch den Park wuselten, hatte der Tatort seinen Schrecken verloren. Trotzdem umgab die junge Frau nach wie vor eine Aura der tiefen Trauer.

Plötzlich hörte Braun Frankas Stimme. Der neblige Morgen schien seine Ohren geschärft zu haben, denn er vernahm ganz klar den aufgeregten Unterton, als sie einen Mann von der Spurensicherung fragte: »Was haben Sie da gefunden?«

»Scheint ein Tierschädel zu sein«, murmelte der Kollege.

»Ein Tierschädel? Wo haben Sie den her?«

»Lag direkt neben der Leiche auf der Bank. Er könnte von einer Maus sein oder vielleicht von einer Ratte.«

»Lassen Sie mal sehen!« Frankas Stimme wurde noch schriller, noch atemloser.

»Hast du etwas entdeckt, Franka?«, rief Braun zu ihr rüber.

»Einen … einen Rattenschädel«, sagte sie stockend, und Braun glaubte zunächst, nicht richtig gehört zu haben.

Was zum Teufel hatte ein Rattenschädel hier zu suchen?

6

Oktober 1990Gestern in Dogcity angekommen. Zusammen mit Gitano, dem obersten Bulibascha von Sputnix III, der den Ehrentitel »O Rai o Barro« (Großer Herr, dass ich nicht lache!) führt, zum Clantreffen der Roma gegangen. Sind dabei über riesige Müllberge gestiegen. Schrecklicher Gestank, der Bach war wegen dem Regen über die Ufer getreten, eine einzige stinkende Kloake.

Wir sind zu einem der beiden Hochhäuser, die nie fertiggebaut worden sind. Ohne fließend Wasser und Strom. Gitano hat einen Dieselgenerator für Strom, laut und stinkend. Angeblich leben 3000 Roma in den Türmen und dem Slum, aber es sind mehr. 8000, sagt man. Dogcity, die Hölle! Wo alle ihren Dreck einfach zum Fenster rauswerfen. Aber wo soll er auch sonst hin?

Letzten Sommer war hier nicht so viel Müll. Dieses Jahr ist alles schlimmer. Es gibt noch mehr windschiefe Bretterverschläge und verbeulte Wellblechhütten. Dort leben jetzt die Roma aus Rumänien, die vor den Schlägertrupps des Präsidenten Iliescu geflüchtet sind. Arme Schweine.

Gitano habe ich von ausländischen Investoren erzählt, die Sputnix III von Grund auf sanieren wollen. Den Slum plattmachen und kleine Fertighäuser für die Einwohner bauen. Wenn der wüsste! Alle haben um mich rum gesessen, und ich hab das Blaue vom Himmel gelogen, hab was zusammengereimt von Schulen und Kindergärten und so einem Kram. Einige haben sogar geklatscht, als ich dann von einem Flughafen erzählt habe. So ein Schwachsinn! Wie blöd sind die eigentlich? Hocken nur dumpf in ihren Abrissbuden und warten, dass jemand kommt und sie rettet.

Gitano der König frisst mir aus der Hand. Nur die Chovihani, die alte Dorfhexe, ist skeptisch. Aber die bekomme ich schon noch rum. Gitano hat mir eine Liste gegeben mit den Namen der Familien aus Dogcity, die kleine Kinder haben. Die sollen als Erste Wohnungen kriegen, hab ich ihm gesagt. Der Trottel schluckt alles, was ich erzähle. Wie alle anderen hier.

Im ersten Jahr verdienen wir 6 Millionen Dollar. Das habe ich zu meinen Wiener Geschäftspartnern gesagt und die Berechnung auf den Tisch gelegt. Das hat sie überzeugt. Sie glauben mir, genau wie die armen Schweine hier. Die haben mir zugewinkt, als ich mit Gitano durch Dogcity gelaufen bin. Wünschen sich Fernseher und Waschmaschinen. Die glauben tatsächlich, alles wird besser werden. Glauben, ich bin ihr Retter.

Sie kommen mir vor wie ekelhafte Ratten, wenn sie mich mit ihren schmutzigen Fingern betatschen. Ununterbrochen plärren ihre scheiß Babys. Die zerlumpten Mädchen sind ganz hübsch. Mit ihren dunklen Kuhaugen wollen sie mich verführen. Versuchen kann man es ja mal.

Gestern Abend ist mir so eine kleine Nutte hinterhergerannt. Hat sich an mich gehängt wie ein lästiger Straßenköter. Die Polizisten haben sie verjagt für ein paar Dollars, aber sie ist immer wiedergekommen und hat gebettelt. Hat mir ihr Balg hingehalten, das wär von mir. Das hat man davon, wenn man sich im Suff mit einer von denen einlässt.

Aber die Kleine hat mich auf eine Idee gebracht. Ich werde mir die Blödheit dieser Menschen zunutze machen und etwas tun, vor dem sich alle fürchten werden.

7

Der Rattenschädel, der Franka so irritiert hatte, war blendend weiß und glänzte, als wäre er geschrubbt worden. Ansonsten war nichts Auffälliges daran zu entdecken, wie Braun feststellte, als er den Inhalt des Plastikbeutels begutachtete.

»Was ist denn daran so besonders?«, wandte er sich an Franka, die nachdenklich vor ihm stand und an den Nägeln kaute. Der Rattenschädel hatte sie an irgendetwas erinnert, aber an ihrer Miene konnte er erkennen, dass sie diese Erinnerung für sich behalten wollte.

»Ich dachte, es wäre vielleicht ein wichtiger Hinweis«, wich sie aus. »Aber es ist bloß ein alter Knochen.«

Braun schaute sie zweifelnd an. Ihre Antwort gefiel ihm nicht, und er nahm sich vor, sie bei Gelegenheit noch einmal danach zu fragen, warum der Schädel einer Ratte sie so aufwühlte. Im Augenblick gab es wichtigere Dinge.

»Was wissen wir über die Tote?«, wechselte er das Thema. »Habt ihr was in ihrer Handtasche gefunden?«

»Ihr Ausweis war noch drin, ja«, sagte Franka. »Sie heißt Amelie Frey, zweiundvierzig Jahre. Die Frau hat das Kind also relativ spät bekommen«, ergänzte sie.

Langsam wurde Franka wieder die Alte, dank der Routine kehrte ihre Souveränität zurück – das blieb Braun nicht verborgen.

»Raubmord können wir wohl ausschließen. In ihrer Geldbörse hatte sie noch hundert Euro«, ergänzte sie.

»Was denkst du?« Braun freute sich immer auf das geistige Pingpong mit seiner Kollegin, dieses gegenseitige Zuwerfen von absurden Ideen und realen Fakten, aus denen sich plötzlich eine tragfähige Theorie entwickelte, eine Assoziationskette, die sie nicht selten zum Täter führte.

»Es sieht aus wie ein Mord aus Wut und Enttäuschung«, antwortete Franka spontan.

»Glaube, Liebe und Hoffnung haben sich in ihr Gegenteil verkehrt«, schoss Braun den Ball sofort zurück.

»Die Garrotte ist so brutal. So effizient. Der Mörder muss jemand sein, der unterdrückt wurde, der sich und seine Wut lange Zeit in Zaum halten musste«, ergänzte Franka, während sie langsam auf und ab ging.

»Bis er nicht mehr konnte und alles herausgekotzt hat. Vielleicht hat er Rache genommen. Und er hat sich eine extrem verletzliche Stelle dafür ausgesucht, nämlich den Hals.«

»Ist Amelie für unseren Mörder nur ein Symbol, oder geht es hier konkret um sie?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich muss mich korrigieren. Rache ist nicht das richtige Wort«, meinte Braun nachdenklich. »Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen als du und es Hass nennen. Ich habe in ihren Augen so viel Angst gesehen.« Er drehte sich um und ging noch einmal auf die tote Frau zu. »Du musst mich jetzt mit Amelie alleine lassen«, sagte er über die Schulter zu Franka.

Weitere Erklärungen waren nicht notwendig. Sie wusste, was passieren würde.

Schweigend blieb er vor der Toten stehen. Auf dem von Raureif überzogenen Rasen traten die beiden Bestatter ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, nicht nur wegen des nasskalten Wetters wollten sie die Leiche so schnell wie möglich in die Gerichtsmedizin transportieren. Doch Braun ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Seine Stärke war es, die Schwingungen der Toten aufzusaugen und in ihre Gedanken schlüpfen zu können, die entscheidenden Augenblicke zu erfassen, in denen das Opfer spürte, dass sein Leben unwiderruflich zu Ende ging.

Was hatte Adrian gesagt? Der Fundort der Leiche war auch der Tatort. Fragte man sich da nicht unwillkürlich, was eine Mutter mit ihrem Baby so früh am Morgen und ausgerechnet zu dieser Jahreszeit im Donaupark verloren hatte? Es musste völlig dunkel gewesen sein. Nicht ungefährlich für eine Frau, allein. Vor allem nicht ungefährlich für ihr Baby.

Braun starrte auf das wächserne Gesicht, sah die blonde Haarsträhne, die durch einen leichten Windhauch beinahe zärtlich die Wange der Toten streichelte.

Warum bist du in den Park gegangen?, ließ Braun die Gedanken kreisen. Wolltest du dich mit jemandem treffen? Mit deinem Mörder? Hast du dich nicht gewehrt? Nein, du warst zu überrascht, um an Gegenwehr zu denken. Als du die Gefahr erkannt hast, war es bereits zu spät.

Braun dachte darüber nach, dass das seltsamste Detail bei den Ermittlungen derzeit die Frage war, warum ein Patient der Psychiatrie von Amelie Freys Tod gewusst hatte. Schließlich hatte dieser Irre Viktor Maly seit über einem Jahr kein Wort von sich gegeben, bevor er die Koordinaten des Donauparks auf einem handgeschriebenen Zettel übermittelt hatte. War es Zufall? Bei Mord gab es keine Zufälle. Und weshalb diese ungewöhnliche Tatwaffe? Eine Garrotte war kein alltägliches Mordinstrument. War der Killer wirklich ein Profi? Aber warum beging er dann so einen Anfängerfehler und ließ die Waffe am Tatort zurück? Oder war das Absicht gewesen? Ein Zeichen vielleicht?

Warten wir ab, was die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin herausfinden, entschied Braun. Zunächst mussten die Angehörigen von Amelie Frey ermittelt und informiert und ihr Baby zurückgebracht werden.

»Unser Opfer ist die Tochter von Robert Frey. Du weißt schon, der Besitzer der Privatbank. Ihr Mann heißt Bernhard.« Franka trat in diesem Moment zu ihm und las die Informationen von ihrem Tablet ab, als hätte sie gewusst, woran Braun eben gedacht hatte.

»Ist es Zufall, dass ihr Vater und ihr Mann den gleichen Nachnamen haben?«, fragte Braun und kratzte sich am angegrauten Dreitagebart.

»Nein, Frey hat den Nachnamen seiner Frau angenommen. Früher hieß er Schmitz.«

»Noch was?«

»Ich bekomme demnächst von Jan Info, ob Bernhard Frey beziehungsweise Schmitz aktenkundig geworden ist. Und hier ist auch die Adresse. Römerberg 7.«

»Feine Gegend.«

»Wer informiert denn den Ehemann?«, fragte sie leise.

»Wir beide. Aber erst nehmen wir uns die Zeugen vor.«

Er gab den Bestattern einen Wink. Mit ihrem glänzenden Blechsarg im Schlepptau traten sie heran und legten die tote Amelie Frey hinein. Was nicht ohne Probleme vonstattenging, denn ihr Kopf musste gestützt werden, damit er sich nicht vom Rumpf löste.

»Hat man den Obdachlosen schon gefunden?«, fragte Braun einen der Kollegen von der Streife.

»Natürlich, Chefinspektor. Er sitzt bereits im Vernehmungswagen«, antwortete der Polizist.

Braun winkte Franka zu sich, und gemeinsam stiegen sie in den Vernehmungswagen.

Der Obdachlose zitterte am ganzen Körper und stank noch immer nach Schnaps und Schweiß. Sobald er Braun und Franka sah, zuckte er ängstlich zusammen.

»Wie heißen Sie?«, fragte Braun.

»Stromer«, murmelte der Obdachlose.

»Ist das ein Fantasiename? Haben Sie einen Ausweis oder ein anderes amtliches Dokument?«

Franka blickte Stromer unverwandt an, und Braun konnte sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete.

»Sind Sie heute nicht in der Oase gewesen?«, fragte sie unvermittelt.

»Oase?« Stromer starrte sie verwirrt an. »Kenne ich nicht. Was soll das sein?«

»Das ist eine Suppenküche im Domviertel. Die kennt jeder Obdachlose.«

»Ich geh nirgends hin.« Stromer vergrub sich tief in seinen zerschlissenen Mantel, der in krassem Gegensatz zu seinem glatt rasierten sauberen Gesicht stand. »Bin immer draußen.«

»Und da gibt es Möglichkeiten, sich zu rasieren?« Braun streckte die Hand aus, um Stromer an der Wange zu berühren, doch der Obdachlose zuckte zurück.

»Bin hinten ins Hotel, weil es so kalt war. Dort habe ich ’nen Rasierer gefunden. Wollte mich auch mal schick machen.«

»Ach, so ist das.« Braun nickte verständnisvoll und wandte sich wieder Franka zu. »Mach du weiter. Sie bleiben noch hier sitzen«, hielt er Stromer zurück, der schon aufspringen und mit ihm den Wagen verlassen wollte. »Meine Kollegin wird Ihnen noch ein paar Fragen stellen.«

Franka nickte. »Noch was?«

»Sicher die Fingerabdrücke von ihm. Vielleicht haben wir ihn ja in der Kartei«, sagte Braun beim Hinausgehen und nahm die Tasse mit heißem Kaffee entgegen, die ihm der Polizeiassistent Michael hinhielt.

Auch dem alten Ehepaar, das Braun als Nächstes befragte, war nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Beide litten unter Schlafstörungen und waren deshalb immer so früh auf den Beinen. Es hörte sich so an, als hätten sie sich stundenlang über die schlafende Frau gewundert, die sich nicht um ihr Baby gekümmert hatte.

»Chefinspektor, wenn wir geahnt hätten, dass die Frau tot ist, dann wären wir natürlich nicht auf unserer Bank sitzen geblieben!« Der alte Mann räusperte sich und warf einen schnellen Blick auf seine Frau. »Stellen Sie sich das einmal vor, da ist eine Leiche direkt neben uns. Das hätte ich meiner Frau niemals zugemutet. Sie hat ja ein schwaches Herz, und die ganze Aufregung ist ein bisschen viel für sie.«

»Dass diese Person auch hier sterben musste, mitten im Park«, empörte sich jetzt seine Frau, die bisher geschwiegen hatte. »Früher hätte es so etwas nicht gegeben.«

»Ist schon gut, meine Liebe«, tröstete sie ihr Ehemann. »Wir konnten ja nicht wissen, dass gleich neben uns eine Tote sitzt. Sonst wären wir gar nicht hergekommen oder sofort wieder gegangen. Aber hinterher ist man eben immer klüger«, seufzte er.

Wirklich nette Zeitgenossen, dachte Braun resigniert und wandte sich zum Gehen. Aus ein paar Metern Entfernung winkte ihm Franka zu.

»Du hast dich doch gefragt, was dieser Stromer aus dem Boden gegraben hat. Marihuana. Deshalb ist er auch abgehauen«, sagte sie zu Braun. »Er braucht das gegen seine Schmerzen.«

»Daher der intensive Geruch. Stimmt, am Anfang dachte ich gleich an so was, aber der Schnaps hat es überdeckt.« Er sah zum Wagen, in dem Stromer noch immer saß. »Was hast du mit dem Zeug gemacht?«

»Ich hab’s ihm gelassen. Erfüllt ja einen therapeutischen Zweck.«

Braun grinste, wurde aber schlagartig ernst bei dem Gedanken, was sie als Nächstes tun mussten. »Wir fahren jetzt zu den Freys nach Hause. Es wird Zeit, den Ehemann zu informieren. Sonst noch etwas?« Er hatte bemerkt, dass Franka noch etwas sagen wollte.

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Es wundert mich, dass Stromer die Oase nicht kennt. Jeder Obdachlose in Linz ist dort schon mal gewesen.«

8

Sie schreckte aus einem unruhigen Schlaf hoch, als das Baby schrie. Hastig kroch sie zwischen den Lumpen hervor, mit denen sie sich notdürftig gegen die beißende Kälte geschützt hatte. Das Feuer in dem alten Ofen war bereits bis auf eine schwache Glut heruntergebrannt, und die Kälte drang durch alle Ritzen der baufälligen Hütte.