Beschreibung

Die Angst hat einen neuen Namen: Viktor Maly. Eine junge Mutter wird grausam zugerichtet auf einer Parkbank gefunden, neben sich ihr quicklebendiges Baby - und ein Rattenschädel. Das ist nicht der einzige geheimnisvolle Hinweis, den Chefinspektor Tony Braun erhält: Ausgerechnet Viktor Maly, ein Insasse der Psychiatrie, scheint mehr über den Fall zu wissen. Doch er hat seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Wurde die Frau Opfer eines lange geplanten Komplotts? Da geschieht eine weitere Bluttat. Und es gibt nur einen Zeugen: Viktor Maly ... Wer seine Ermittler unkonventionell mag, seine Morde blutig und die Dunkelheit der Seelen ganz, ganz tief, der kann sich mit den Thrillern um Chefinspektor Tony Braun auf ein besonderes Lesevergnügen freuen. Über 1 Mio Leser haben bisher die Thriller mit dem unkonventionellen Chefinspektor gelesen und waren von den spannenden Handlungen und den einzigartigen Charakteren begeistert. Alle Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Tony-Braun-Thriller-Reihe: "Totes Sommermädchen" - wie alles begann - der erste Tony Braun Thriller "Töten ist ganz einfach" - der zweite Fall "Freunde müssen töten" - der dritte Fall "Alle müssen sterben" - der vierte Fall "Der stille Duft des Todes" - der fünfte Fall "Rattenkinder" - der sechste Fall "Rabenschwester" - der siebte Fall "Stiller Beobachter" - der achte Fall "Strandmädchentod" - der neunte Fall "Stilles Grabeskind" - der zehnte Fall

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 479


Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Linz, Dezember 2019 (Das book wurde im Oktober 2015 bereits von Bastei/Lübbe veröffentlicht).

Lektorat & Korrektorat: Wolma Krefting, www.bueropia.de

Titelgestaltung: www.afp.at

Bildernachweise:

Foto Hintergrund Holzwand / Christian Schiller,

Blood drops isolated on white background: 72377757, NYstudio, copyright iStockphoto

Wir haben uns erlaubt einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

Über die Autoren B.C. Schiller

Barbara und Christian Schiller arbeiten und leben mit ihren beiden Rhodesian Ridgebacks Calisto und Emilio in Wien und auf Mallorca. Gemeinsam waren sie über 20 Jahren in der Marketing- und Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für packende Thriller. B.C. Schiller gehören zu den erfolgreichsten Spannungs-Autoren im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Thrillern über 1,600.000 Leser begeistert.

Facebook

Twitter

Instagram

Bücher von B.C. Schiller

Die Tony Braun Thriller:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony Braun Thriller – wie alles begann

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony Braun Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony Braun Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony Braun Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony Braun Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony Braun Thriller

RABENSCHWESTER - der siebte Tony Braun Thriller

STILLER BEOBACHTER – der achte Tony Braun Thriller

STRANDMÄDCHENTOD – der neunte Tony Braun Thriller

STILLES GRABESKIND – der zehnte Tony Braun Thriller

Alle Tony Braun Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Romane sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Die TARGA HENDRICKS Thriller:

DER MOMENT BEVOR DU STIRBST – der erste Fall mit Targa Hendricks

IMMER WENN DU TÖTEST – der zweite Fall mit Targa Hendricks

Die DAVID STEIN Thriller:

DER HUNDEFLÜSTERER – David Steins erster Auftrag

SCHWARZER SKOPRION – David Steins zweiter Auftrag

ROTE WÜSTENBLUME – David Steins dritter Auftrag

RUSSISCHES MÄDCHEN – David Steins vierter Auftrag

FREMDE GELIEBTE – David Steins fünfter Auftrag

EISIGE GEDANKEN – David Steins sechster Auftrag

Die LEVI KANT Thriller:

BÖSES GEHEIMNIS – der erste Cold Case

BÖSE Tränen – der zweite Cold Case

Die MALLORCA Krimi-Reihe:

MÄDCHENSCHULD – der erste Fall für Ana Ortega

Tauchen Sie ein in die B.C. Schiller Thriller-Welt.

Wir freuen uns über jeden Fan auf Facebook und Follower auf Instagram, Twitter – DANKE!

www.facebook.com

www.instagram.com

www.bcschiller.com

RATTENKINDER

Thriller

B.C. Schiller

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Danksagung

Prolog

In einer stürmischen Regennacht schaufelten sie mein Grab.

Der Himmel erstrahlt im hellen Schein der Blitze, als wäre zu Ehren meines Todes ein Feuerwerk entzündet worden. In diesem Licht wirken die Silhouetten der Wohntürme wie schwarze Kreuze. Auf den Plänen hatten die Türme beeindruckend ausgesehen, und alle waren stolz darauf gewesen. Sie schienen Symbole für eine neue Zeit zu sein, in der Aufbruchsstimmung herrschte und die Menschen plötzlich ihre Chancen witterten. Damals wurde auch ich von dieser Euphorie erfasst und begann, meine Ideen zu verwirklichen. Ich wollte beweisen, dass es möglich ist, seine Herkunft hinter sich zu lassen und endlich akzeptiert zu werden. Als Fremder war ich aus Rumänien gekommen, hatte nur kurz in einem der Türme wohnen wollen – mein eigentliches Ziel jedoch war Österreich. Damals ahnte ich noch nicht, dass mich die einflussreichen Freunde, die ich dort fand, direkt wieder hierher schicken würden, um meiner Bestimmung nachzukommen. Jeder weiß, was ich in den vergangenen Jahren getan habe, doch keiner hat es gewagt, mich aufzuhalten.

Bis jetzt.

Der Weg zu meinem Grab auf dem Hügel ist durch den Regen aufgeweicht, und meine Schuhe sind von Nässe und Schmutz durchdrungen. Als Kind hatte ich nie Schuhe, sondern lief immer barfuß. Deshalb kaufte ich mir von meinem ersten Geld ein vernünftiges Paar, gemacht für die Ewigkeit, wie ich dachte. Dass diese Ewigkeit so schnell kommen würde, konnte ich damals nicht ahnen. Das Ironische an der Sache ist, dass sie mich natürlich ohne die Schuhe begraben werden. Sie werden sie verbrennen – später, an einem geheimen Ort. Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich vor der rechteckigen schwarzen Grube stehe, die sie bereits gestern zur Hälfte ausgehoben und mit Flüchen belegt haben.

Wieder erhellt ein greller Blitz den Nachthimmel, und neben meinem Grab sehe ich die vielen bleichen Rattenschädel liegen, die sie mir auf meine letzte Reise mitgeben werden. Ich mache mir nicht die Mühe, sie zu zählen, aber ich bin stolz, dass es so viele sind. Denn jeder Rattenkopf hat eine Bedeutung, hinter jedem dieser Schädel steckt eine Tragödie oder ein Glücksmoment – je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.

Langsam hebe ich den Kopf, lasse den Regen über mein Gesicht rinnen, wünsche mir, er würde alle Schuld von mir waschen. Aber das ist eine Illusion, wie so vieles in meinem Leben. Mein schwarzer Anzug ist bereits völlig durchnässt, und ich spüre die Feuchtigkeit unangenehm kühl auf der Haut. Ich schaue zu den Wohntürmen hinüber. Die Lichter vieler Taschenlampen und Laternen bringen die geschwärzten Häuserfassaden zum Leuchten. Wahrscheinlich haben sich alle Bewohner auf den Weg gemacht, um meiner Beerdigung beizuwohnen. Es müssen Hunderte von Familien sein, wenn nicht gar Tausende. Die Stimmung wird sich wütend hochschaukeln, schließlich haben in den letzten Jahren viele von ihnen einen meiner Rattenschädel erhalten.

Die vier Totengräber stehen bis zu den Hüften in dem dunklen Loch zu meinen Füßen und führen die letzten Handgriffe aus, ohne auch nur einmal zur mir hinaufzuschauen. Die beiden Männer links und rechts von mir haben die Krägen ihrer Sakkos aufgestellt, von den Krempen ihrer breiten Hüte tropft der Regen. Sie tragen Handschuhe, um sich vor der eisigen Kälte und dem zu schützen.

Immer wieder muss ich in Richtung der Wohntürme blicken. Die Lichterkette, die wie eine leuchtende Schlange langsam den Hügel hinaufkriecht, hat etwas seltsam Faszinierendes an sich. Als Erstes werden jene Frauen den Hügel erreichen, die in der Vergangenheit einen Rattenschädel vor ihrer Haustür gefunden haben. Sie werden sich im Halbkreis aufstellen und mich zuerst leise, dann immer lauter verfluchen. Die sorgfältig gebleichten Rattenknochen werfen sie auf mich, bevor sich schließlich auch die anderen Weiber beteiligen – die, die verschont wurden. Dreck und Knochen und Erdklumpen werden auf mich niederprasseln … Aber ich werde keine Miene verziehen. Diesen Gefallen tue ich ihnen nicht, das verspreche ich mir.

Als die Frauen nun tatsächlich anfangen, mit Knochen und Steinen nach mir zu werfen, spüre ich plötzlich die Panik, die sich in meinen Eingeweiden breitmacht und mich daran hindern will, meinem Ende aufrecht wie ein Mann entgegenzusehen. Wie schwer es ist, in Würde zu sterben, geht es mir durch den Kopf. Aber ich schiebe diesen Gedanken beiseite, verbanne ihn in die hinterste Ecke meines Verstandes. Lieber will ich an jene Menschen denken, die ich glücklich gemacht habe. Und das sind viele. Es gibt also keinen Grund, jetzt Schwäche zu zeigen.

Endlich sind die vier Männer mit ihrer Arbeit fertig und klettern aus der Grube. Der Halbkreis hinter mir schließt sich immer enger, ich spüre den Atem einer Frau in meinem Nacken und höre zwischen zwei Donnerschlägen ihre geflüsterten Worte: „Du findest niemals Ruhe. Es wird immer weitergehen!“

In ihrer Wut werfen die Weiber mit allem nach mir, was sie zwischen die Finger bekommen. Auf einmal nehme ich hinter mir einen Schatten wahr, drehe den Kopf und erkenne einen kleinen Jungen, der dort steht, in der Hand einen großen gezackten Stein. Er holt aus, und ich fühle, wie er seine ganze Kraft in diesen einen Wurf legt. Der Stein trifft mich am Hinterkopf, und die Wucht des Schlags lässt mich nach vorn taumeln, auf das Grab zu. Ich spüre, wie mir warmes Blut in den Nacken läuft. Beifälliges Gemurmel ertönt, das in den rituellen Gesang übergeht, der unser Volk schon seit Jahrhunderten auf seiner Wanderschaft begleitet.

Ich weiß, mein Sterben wird lange dauern, und mein Tod wird grausam sein. Einer der Männer wird mir zu guter Letzt das Herz aus der Brust schneiden – ich kann mir schon denken, wer das ist. Er wird das blutige Organ wie eine Trophäe in die Höhe halten, um es dann zusammen mit meinen Schuhen und einem der Rattenschädel zu verbrennen.

Doch das kann mir egal sein, denn wenn es so weit ist, bin ich bereits tot und liege in meinem kalten Grab.

Kapitel Eins

In einer Minute und fünfzehn Sekunden werde ich mein Schweigen brechen. Dann habe ich genau ein Jahr lang kein Wort gesprochen. Ich werde meine Psychiaterin zu mir rufen und sie bitten, die Polizei zu alarmieren. Sie wird überrascht und verwirrt sein, aber sie wird meinen Wunsch erfüllen.

Zu meiner eigenen Sicherheit verstecke ich die Schere, die ich vorhin dem Assistenten gestohlen habe, in meinem rechten Ärmel. Denn mein poröser Verstand sagt mir, dass ich auf Übergriffe vorbereitet sein muss.

Dann drücke ich auf den Alarmknopf, höre die Sirene und weiß, dass draußen im Korridor eine rote Signallampe aufleuchtet. In exakt vierzig Sekunden stürzen die Pfleger herein, und ich werde schreien. Jawohl, ich werde schreien, und ich werde mich erinnern.

Kapitel Zwei

Zehn Minuten, bevor Viktor Maly mit der Schere zustechen würde, saß er schweigend mit dem Chefinspektor der Mordkommission Linz an einem Tisch.

Tony Braun war von Dr. Karen Jansen am frühen Morgen aus dem Bett geklingelt worden. Mit hektischer Stimme hatte sie ihm mitgeteilt, es gehe um Leben und Tod. Ihr Patient Viktor Maly habe zum ersten Mal seit einem Jahr wieder gesprochen. Und er verfüge über eine Nachricht von größter Wichtigkeit für die Polizei und möglicherweise könne diese Information ein Verbrechen verhindern.

Doch seit Braun an diesem Dezembermorgen todmüde in der psychiatrischen Klinik von Linz eingetroffen war, hatte Maly keinen Ton mehr von sich gegeben. In dem karg eingerichteten Zimmer wirkte sein Schweigen genauso düster und bedrückend wie die Wolken, die tief über der Stadt hingen und Schnee ankündigten.

Die Zeit verging, und Braun wurde immer unruhiger. Der Raum war überheizt, und er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Er fuhr sich durch die halblangen dunklen Haare, strich sich über den angegrauten Dreitagebart und tippte ungeduldig mit den Springerstiefeln auf den Boden. Hierherzukommen war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen. Welche Information konnte Karens Patient schon für ihn haben?

Sie hatte ihm am Telefon zwar versichert, dass Maly aus psychiatrischer Sicht gesund und darüber hinaus äußerst intelligent sei, doch davon war in diesem Moment nicht viel zu bemerken. Je länger Braun über die ganze Situation nachdachte, desto absurder erschien sie ihm. Natürlich hatte er sich gefreut, Karens Stimme unerwartet und nach all der Zeit wieder zu hören. Und er war neugierig auf die Informationen gewesen, die angeblich von so großer Wichtigkeit für die Polizei waren. Aber vor allem hatte er Karen die Bitte nicht abschlagen können, denn vor ein paar Jahren hatte sie seinem Sohn Jimmy sehr geholfen.

Nach zwanzig Minuten des Wartens war Braun nun aber so weit, dass ihn Karens Patient nur noch nervte. Mit den tiefliegenden dunklen Augen, die wach umherblickten, und den Falten auf der Stirn, die sich wahrscheinlich durch angestrengtes Grübeln über irgendwelche verrückten Botschaften tief in die Haut gegraben hatten, wirkte Maly nicht wie ein typischer Insasse der Psychiatrie. Aber Braun war nicht hier, um über den Wahnsinn des Mannes zu urteilen.

„Danke … dass Sie … gekommen sind.“

Die Stimme von Maly, die urplötzlich erklang, fraß sich kalt und schneidend durch die Stille. In Brauns Ohren mangelte es ihr an jeglicher Menschlichkeit. Es war die Stimme eines Mannes, der von schreckliche Bildern in seinem Kopf gequält wurde, von Bildern, die nach draußen wollten – doch sobald er den Mund öffnete, hatte er sie bereits wieder vergessen. Denn Maly litt an einer retrograden Amnesie und kannte nur seinen Namen, wie Karen Braun bei dessen Ankunft erklärt hatte.

Braun seufzte. „Weshalb wollen Sie mich sprechen?“

„Ich habe … eine Information … für Sie.“ Maly beugte sich vor und schob langsam den rechten Arm über den Tisch, auf Braun zu.

„Was ist das für eine Information?“

„Geduld.“

Maly machte lange Pausen zwischen seinen Worten und Sätzen. Er wirkte wie ein Umherirrender in einer schwarzen Welt, in der nur vereinzelte Lichtpunkte ihm die Richtung wiesen. Braun hatte das Gefühl, als würde sein Gegenüber krampfhaft versuchen, sich an die richtigen Wörter zu erinnern, so als hätte er in dem Jahr seines Schweigens das Sprechen verlernt.

„Sind … wir uns … schon einmal … begegnet?“, fragte Maly.

„Nicht, dass ich wüsste.“ Dieser Mann war Braun gänzlich unbekannt.

„Braun … Der Name … sagt mir etwas. Aber vielleicht … bilde ich mir das auch nur … ein.“

Wieder verfiel Maly in ein dumpfes Schweigen. Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer, während er die Lippen zu einem dünnen Strich zusammenpresste und die Augen zukniff, als wollte er einen winzigen lichten Streifen seiner Erinnerung hinter den Lidern festhalten.

„Wer will Kaffee? Ich hole uns welchen“, versuchte Karen die Atmosphäre ein wenig aufzulockern.

An ihrer Tonlage erkannte Braun, dass ihr die Situation unangenehm war. Am Telefon hatte sie geklungen, als wäre Maly im Besitz brisanter Informationen, jetzt aber erkannte sie wohl selbst, wie wenig glaubhaft das war.

„Kaffee?“, fragte sie erneut und lächelte gequält.

„Ja, warum nicht.“

Braun wandte sich ihr zu und nickte. Seit ihrem letzten Treffen vor vier Jahren hatte sie sich kaum verändert. Noch immer trug sie das braune Haar offen, und ihr leichter Silberblick irritierte ihn wie eh und je.

„Ich mach das!“ Karens Assistent Thomas Just sprang auf und war bereits aus der Tür, noch ehe jemand reagieren konnte.

Maly drehte den Kopf hin und her, als wäre ihm der Kragen seiner weißen Jacke mit einem Mal zu eng. Braun lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er beobachtete den Mann, der noch immer den Kopf von links nach rechts bewegte und dabei die Zähne bleckte, als stünde er kurz vor einem Anfall.

„Die Information hat mich selbst überrascht“, flüsterte Maly und legte dann seine Wange auf die Tischplatte, als würde ihm die weiße Plastikoberfläche die richtigen Worte ins Ohr flüstern. „Plötzlich war diese Botschaft in meinem Kopf. Es klang fast wie ein Befehl.“

„Hm.“ Nur mühsam unterdrückte Braun ein Gähnen. Er fühlte sich schlapp – und auch deprimiert durch die lähmende Atmosphäre in diesem Raum. Die seltsame Euphorie, die ihn auf der Fahrt durch die menschenleeren Straßen von Linz erfasst hatte, war verschwunden. Die Wände des Zimmers schienen zunehmend näher zu rücken und raubten ihm die Kraft zum klaren Denken. Maly hing jetzt beinahe ganz auf dem Tisch und machte den Mund auf und zu, wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Kein Wunder, dass der Typ durchdreht, dachte Braun. In dieser trostlosen Umgebung muss man ja verrückt werden.

„Sie glauben mir nicht“, murmelte Maly. „Sie denken, ich will nur Ihre Zeit stehlen. Aber das ist nicht wahr.“ Er drehte den Kopf, starrte Braun an und schrie auf einmal laut: „Ich beweise es Ihnen!“

In Brauns Kopf klappten die Wände des Zimmers auf wie ein Geschenkkarton, und das Adrenalin durchflutete seinen Körper. Einen Wimpernschlag später war er auf den Beinen, sein Stuhl fiel hinter ihm krachend zu Boden. Doch Maly war eine Spur schneller. Wie ein geübter Taschenspieler ließ er eine Schere aus seinem rechten Ärmel gleiten und stach sich damit völlig unvermittelt in die Spitze des linken Zeigefingers. Obwohl die Wunde tief war, drang kein Laut über Malys Lippen. Blut spritzte auf die weiße Tischplatte, verteilte sich dort und bildete ein abstraktes Muster.

Aus dem Augenwinkel nahm Braun wahr, dass Karen auf den roten Alarmknopf neben der Tür drückte und ihm etwas zurief. Doch ihre Stimme ging in dem schrillen Ton der ausgelösten Sirene unter, die sich wie eine Schraube in Brauns Gehörgang fräste. Er packte Maly am Arm und riss ihm die Schere aus der Hand.

Just, der in dem Moment zur Tür hereinkam, ließ vor Schreck das Tablett mit den Tassen darauf fallen. Wie in Zeitlupe schwappte der pechschwarze Kaffee über den weißen Boden und suchte sich mit langen Fingern zwischen den umgestürzten Stühlen seinen Weg zu Maly, der wimmernd vor der Wand hockte, den blutigen Finger in den Mund gesteckt. Zwei Pfleger stürzten herein, rannten auf Maly zu und packten ihn an den Armen.

„Er will mich umbringen“, jammerte Maly, riss den linken Arm aus dem Klammergriff und fuhr sich mit dem blutigen Finger in Kreisen über das Gesicht. Es sah aus wie ein Clownsmund mit ausgefransten Enden. „Er will mich umbringen“, wiederholte er und deutete mit dem ausgestreckten Finger auf Braun.

„Was wollen Sie damit sagen? Dass Sie sich durch mich bedroht fühlen?“, fragte Braun mit hochgezogenen Augenbrauen. Er hatte den Mann nicht einmal berührt.

„Woher wissen Sie das?“, fragte Maly verwirrt. „Sie … Sie kennen mich also doch …“

„Genug jetzt!“ Karen stieß sich von der Wand neben der Tür ab. Ihr Gesicht zeigte plötzlich einen harten Zug, den Braun gar nicht an ihr kannte.

„Es ist besser, wenn du jetzt gehst, Braun. Tut mir leid, dass ich dich hierherbestellt habe“, sagte sie resigniert und stellte sich dann vor Maly. „Viktor, was soll das? Reißen Sie sich zusammen!“

„Eine allumfassende Dunkelheit umgibt mich“, brabbelte der vor sich hin. „Ständig muss ich aufpassen, darf niemals die Kontrolle verlieren … Das ist sehr anstrengend.“ Maly versuchte sich erneut aus dem Griff der Pfleger zu winden, doch es gelang ihm nicht.

„Lasst ihn los“, wies Karen die Pfleger an und wandte sich dann an ihren Assistenten. „Gib Viktor bitte eine Spritze, damit er sich beruhigt.“

„Aber natürlich.“ Just öffnete den weißen Metallkoffer, den die Pfleger mitgebracht hatten, und nahm eine Spritze heraus.

„Wie geht es Ihrem Finger?“, fragte Karen, ging neben Maly in die Hocke und trug ein blutstillendes Mittel auf die Wunde auf. „Sie müssen sich jetzt ausruhen. Die Verletzung muss aber nicht genäht werden. Wie sind Sie überhaupt an die Schere gekommen?“

Maly schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

Karen schickte die Pfleger mit einer ungeduldigen Geste aus dem Raum und begann damit, einen Verband um Malys Fingerkuppe zu wickeln. „Braun, ich hab doch gesagt, du sollst verschwinden.“

„Halt! Er muss bleiben“, stammelte Maly und schüttelte ihre Hand ab. Langsam rappelte er sich hoch. „Ich muss die Information weitergeben.“

„Ich kann das nicht zulassen.“ Karen erhob sich und stellte sich vor ihren Patienten.

„Auf … auf meine Verantwortung.“ Maly klang erschöpft. Wie in Zeitlupe schob er sich die weiße Tapete entlang, verschmolz mit ihr, wirkte mit seiner hellen Kleidung und dem bleichen Gesicht beinahe wie eine geisterhafte Erscheinung. „Sie wollen mich schlagen“, flüsterte er beinahe unhörbar und blickte Braun dabei unverwandt an.

Der trat ganz nahe an Maly heran, atmete dessen Geruch ein und fühlte sich sofort verseucht, vergiftet. „Was haben Sie gesagt?“

„Sie wollen mich schlagen! Sie haben Ihre Aggressionen nicht im Griff.“ Maly drehte sich zu Just um, der gerade in Richtung des Patienten gehen wollte, um ihm die Injektion zu verpassen.

„Moment, warten Sie mit der Spritze!“, rief Braun.

Gespannt blickte er in Malys Gesicht, aber dessen Miene war schon wieder undurchdringlich. Braun seufzte. Er hatte in seiner Karriere schon einige irre Typen kennengelernt. Oft gaben sie sich kühl und souverän, aber in ihrem Inneren brodelte es. Und irgendwann explodierte dann das Ganze und endete in einer Katastrophe. Maly war eine tickende Zeitbombe.

„Als verantwortliche Psychiaterin muss ich dieses Gespräch jetzt abbrechen“, meldete sich Karen zu Wort.

Maly hob den Kopf und blähte die Nasenflügel, beinahe so, als wollte er die Worte seiner behandelnden Ärztin inhalieren. Dann räusperte er sich, packte plötzlich Brauns Arm und drückte ihm ein zusammengeknülltes Stück Papier in die Hand.

„Loslassen!“, zischte Braun überrascht und stieß Maly zurück.

„Braun, raus jetzt!“ Karen ging dazwischen und winkte Just zu sich.

„Nein. Nein! Das ist doch die Botschaft.“ Maly wich zurück, bis er gegen sein Bett stieß. Kraftlos ließ er sich auf die Matratze fallen. „Das ist Ihre Information“, flüsterte er.

Braun faltete den Zettel auseinander und drehte sich ratlos zu Karen um. Doch sie erwiderte seinen Blick nicht.

„Geh jetzt endlich“, sagte sie stattdessen gereizt.

„Was ist das für ein Fleck auf dem Papier?“, fragte Braun Maly. „Ist das Ihr Blut?“

„Alles, was ich sehe, ist ein schwarzer Abgrund, an dessen Rand ich mich entlangtaste.“ Der weiße Verband über Malys linkem Zeigefinger färbte sich bereits wieder blutig rot. „Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin, oder sehen, wie ich dieses Dunkel jemals wieder hinter mir lasse.“

„Was sind das für Zahlen auf dem Zettel, und von wem stammt das Blut?“, wiederholte Braun, und diesmal klang er noch ungehaltener.

Maly hielt die Augen geschlossen, als würde er schlafen, doch Braun war sich sicher, dass er jedes Wort genau verstanden hatte. Er sollte recht behalten.

Der durchgeknallte Kerl drehte den Kopf, ohne seine Augen zu öffnen, und sprach wieder genauso stockend wie zu Beginn: „Das … sind Fragen, die wir … uns für später … aufheben sollten.“

Kapitel Drei

Braun hatte eine böse Vorahnung, als er im Park ankam. Malys bizarres Verhalten hatte ihn zwar ziemlich befremdet und, wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch genervt. Trotzdem riet ihm sein Bauchgefühl, Malys Andeutungen und den mysteriösen Zettel ernst zu nehmen und nicht als bloßen Irrsinn eines Durchgeknallten abzutun.

Er fischte sein Handy aus der Hosentasche und betrachtete erneut das Bild des Zettels: links ein Blutstropfen, rechts eine Zeichnung und daneben eine achtstellige Ziffernreihe. Noch in der psychiatrischen Klinik hatte Braun das Papier fotografiert und an seinen IT-Spezialisten Jan Faber gemailt.

Jan war ein Ex-Häftling im Rollstuhl, der freiberuflich als Berater für Brauns Abteilung arbeitete. Mit seiner unkonventionellen Vorgangsweise hatte er ihnen schon öfter gute Dienste geleistet – das hatten Brauns Vorgesetzte bereits mehr als einmal widerwillig zugeben müssen. Jan hatte natürlich nicht lange gebraucht, um die Zahlenfolge zu entschlüsseln.

„Es sind Koordinaten“, antwortete er Braun nur Minuten, nachdem dieser die Mail losgeschickt hatte.

„Koordinaten?“

„Richtig, Sherlock“, lachte Jan. „Das sind Zahlen von null bis neun, die dazu dienen, einen bestimmten Punkt auf der Erdoberfläche zu lokalisieren. Alles klar?“

Braun grunzte zustimmend und unterbrach Jan nicht weiter.

„Die Zeichnung auf dem Zettel passt übrigens genau zu dem Ort, den die Koordinaten beschreiben. Es soll wohl eine Parkbank sein.“

„Was du alles weißt“, brummte Braun.

Jan lachte wieder. „Wenn du das nächste Mal bei mir bist, alter Mann, erkläre ich dir, was Google Streetview ist, okay? Dein Viktor Maly hat mich übrigens ziemlich neugierig gemacht, ich sehe zu, ob ich etwas über ihn im Netz finden kann.“

Jan hatte recht gehabt. Die Koordinaten hatten Braun in den weitläufigen Park direkt an der Donau geführt. Dichter Nebel lag noch über der Stadt, nur manchmal durchbrach eines der vorbeifahrenden Flussschiffe die undurchsichtige Welt, während es langsam auf dem Wasser dahinglitt. Auch der Park selbst wirkte düster und abweisend. Obwohl es noch nicht einmal acht Uhr morgens war, herrschte rege Betriebsamkeit auf den Straßen, und auf der Nibelungenbrücke gleich neben dem Park stauten sich schon jetzt die Autos. Wie graue Wesen aus einer Zwischenwelt hasteten die Passanten auf ihrem Weg zur Arbeit an Braun vorbei. Alle schienen unter Zeitdruck zu stehen, die Hektik war geradezu greifbar.

Braun blieb am vorderen Eingang des Parks stehen und sah sich um. Bänke gab es jede Menge. Sie standen zu beiden Seiten eines gekiesten Gehwegs, der wie eine große liegende Acht den schmutzig braunen Rasen zerteilte und zur Donau hin steil abfiel. In einiger Entfernung, auf einer Bank direkt an der Böschung, saß eine junge Frau, neben sich einen Kinderwagen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite eines froststarren Blumenbeets, sah Braun einen Mann und eine Frau sitzen. Wahrscheinlich ein altes Ehepaar, denn sie trugen die gleichen Windjacken und wirkten sehr vertraut miteinander. Sie unterhielten sich angeregt und blickten dabei ständig zu der jungen Mutter mit dem Kinderwagen.

Braun ließ den Blick schweifen. Unter einer Parkbank am anderen Ende des Kieswegs wickelte sich gerade ein Obdachloser aus einer alten Abdeckplane und sah sich mehrmals nach allen Seiten um. Er trug einen dicken verschlissenen Wintermantel und hatte einen verbeulten Einkaufswagen neben sich stehen, der bis oben hin mit seinen Habseligkeiten gefüllt war. Unvermittelt ließ er sich von der Sitzfläche gleiten, kroch auf allen vieren hinter die Parkbank und schien fieberhaft den Boden nach etwas abzusuchen.

Braun konnte nicht erkennen, was es war, aber es genügte ihm, den Obdachlosen näher in Augenschein zu nehmen. Er beobachtete, wie sich der Mann wieder aufrichtete und irgendeinen Gegenstand sorgfältig in seine Manteltasche steckte. Was hat er dort hinten aus der Erde gebuddelt?, dachte Braun. Plötzlich schien es der Obdachlose ziemlich eilig zu haben – wahrscheinlich hatte er mitbekommen, dass Braun ihn observierte.

„Warten Sie einen Augenblick!“, rief Braun und lief über die steinhart gefrorene Wiese auf ihn zu. Der Nebel legte sich wie ein feuchtes Tuch über sein Gesicht, während er das Tempo anzog.

Der Obdachlose begann, mit seinem Einkaufswagen loszurennen, aber die kleinen Räder verkeilten sich zwischen den Kieselsteinen des Gehwegs, der Wagen machte durch den Schwung eine halbe Drehung und kippte dann vornüber, was auch den Mann zu Fall brachte. Braun konnte nur noch seine Umrisse erkennen, hörte aber plötzlich ein markerschütterndes Geheul, das langsam in ein schrilles Kreischen überging. Kam es von vorn, von dem Penner? Es war fast so, als würde der Nebel nicht nur die Menschen verschlucken, sondern auch all ihre Laute und Äußerungen zu einem undefinierbaren akustischen Brei verwandeln.

Als Braun den Obdachlosen erreicht hatte, sah er, wie dieser inmitten seiner Habseligkeiten lag und wild mit den Armen durch die Luft ruderte. Er bückte sich zu dem Mann hinunter und klopfte ihm leicht auf die Schulter. „Ich will doch nur mit Ihnen reden“, sagte er, aber der Mann schien ihn nicht zu hören, sondern schlug weiter um sich.

„Stehen Sie endlich auf!“ Braun atmete tief durch und zerrte den Obdachlosen an seinem Mantelkragen hoch. Der Mann verströmte einen abstoßenden Gestank nach Schnaps und ungewaschenen Klamotten, die nur durch den intensiven Marihuana-Geruch abgemildert wurde, der von ihm ausging. Im krassen Gegensatz zu der abgerissenen Kleidung und den widerlichen Ausdünstungen war das Gesicht des Obdachlosen glatt rasiert, und er sah auch relativ jung aus. Auf Braun wirkte der Obdachlose wie jemand, der mit dieser Turbo-Gesellschaft nicht klar gekommen und deshalb unter die Räder geraten war.

„Machen Sie jetzt kein Theater! Ich will nur wissen, was Sie da haben“, versuchte Braun die ganze Angelegenheit abzukürzen, denn der Mann tat ihm insgeheim leid.

Doch der Obdachlose steigerte sich immer weiter in seine Panik hinein, die in einem lang gezogenen, verzweifelten Schrei gipfelte, bei dem Braun das Blut in den Adern gefror.

Durch den Lärm, den der Penner mit seiner Brüllerei veranstaltete, war das Baby im Kinderwagen aufgewacht und begann nun ebenfalls herzzerreißend zu schreien. Warum kümmert sich die Mutter nicht um ihr Kind?, fragte sich Braun. Den Krach hielt ja kein Mensch aus.

Er ließ den Obdachlosen los und tat ein paar Schritte zurück, um zu erkennen, was oben auf der Böschung los war. Undeutlich sah er, dass der Kinderwagen durch das strampelnde und wimmernde Baby bedenklich zu wippen begonnen hatte und langsam die Böschung hinunter zur Donau rollte.

Wieso reagierte die Mutter nicht?

„Halt endlich die Klappe!“, herrschte er den Obdachlosen an, der jetzt völlig weggetreten war, laut eine Melodie summte und sich mit den Fäusten auf die Brust schlug.

Der Kinderwagen hatte inzwischen Fahrt aufgenommen. Er war ein Modell mit dicken Reifen, das man sogar beim Joggen mitführen konnte. Das Baby brüllte und strampelte, sodass der Kinderwagen noch schneller den Abhang hinunterrollte – direkt auf den breiten Fluss zu. Gierig leckten die schwarzen Wellen am Ufer, schienen nur darauf zu warten, den Kinderwagen mitsamt dem Baby zu verschlingen.

„Stoppt den Kinderwagen!“, rief Braun einigen vereinzelten Passanten auf dem Uferweg zu, die dick vermummt vorbeieilten, während er lossprintete. Aber in dieser nebeligen Parallelwelt hörte ihn niemand, und niemand reagierte.

Er hastete über die Wiese auf die Böschung zu, konnte nur knapp einem Radfahrer ausweichen und rannte den Weg hinunter, der direkt am Kunstmuseum vorbei zu einem Anleger für Ausflugsschiffe führte. Der Kinderwagen holperte bereits über den rissigen Beton des Anlegers und prallte gegen einen Poller, der die Fahrt etwas abbremste. Doch er begann bedenklich zu schlingern und drohte mit dem schreienden Baby umzukippen, aber Braun sprang rechtzeitig nach vorne und hielt den Wagen auf, bevor er ins Wasser stürzen konnte.

„Alles in Ordnung, mein Kleines.“ Mit einer Hand strich er sanft über die pfirsichzarte Wange, aber das Baby brüllte umso heftiger. Wahrscheinlich hatten es die eiskalten Finger von Braun erschreckt. Deshalb schob er den Kinderwagen schnell die Böschung hinauf und bemerkte im selben Augenblick, in dem er oben ankam, dass der Obdachlose dabei war abzuhauen. Er hatte all seine Habseligkeiten wieder eingesammelt und in den Einkaufswagen gestopft.

„Mann, du nervst“, seufzte Braun.

Aber im Moment war das Baby wichtiger. Langsam schälte sich die Parkbank aus dem Nebel, als Braun, den Kinderwagen vor sich herschiebend, darauf zusteuerte.

„Sind Sie die Mutter?“, fragte er, aber die Frau auf der Bank schien ihn nicht zu hören. „Hallo? Warum kümmern Sie sich nicht um Ihr Baby?“ Verständnislos stand Braun vor der Mutter, die ihn immer noch ignorierte. Im grauen Licht des Morgens wirkte ihr zusammengesunkener Körper merkwürdig konturenlos.

„Uns ist auch schon aufgefallen, dass sich die Frau gar nicht mit ihrem Baby beschäftigt“, hörte Braun eine dünne Stimme hinter sich.

Das alte Ehepaar von der gegenüberliegenden Parkbank kam über die Wiese auf ihn zu, das gefrorene Gras knirschte unter ihren Füßen. Die Frau wirkte ziemlich aufgeregt, und der Mann tätschelte unentwegt ihren Arm, um sie zu beruhigen.

„Wahrscheinlich ist sie betrunken“, entrüstete sich die Frau in vertraulichem Ton. „Das geht schon seit längerer Zeit so. Sie sitzt einfach nur da und rührt sich nicht. Wenn Sie mich fragen, dann ist sie eine schlechte Mutter.“

„Vielleicht fehlt ihr etwas“, antwortete Braun einsilbig, der das Gerede der Passantin ziemlich anmaßend fand.

Er drehte sich wieder zu der Frau auf der Parkbank um. Die trostlose Stimmung, die der Park verbreitete, legte sich wie ein schwerer Mantel um seine Schultern. Der Nebel erschien ihm plötzlich noch dichter, der Himmel hing tiefer, die Luft war schwer und bleiern. Brauns Bauchgefühl schlug Alarm.

„Hallo, können Sie mich hören?“ Vorsichtig beugte er sich zu der Frau hinunter. Ihre Haut war glatt und weiß wie teures Porzellan, doch aus der Nähe wirkte sie nicht mehr ganz so jung, wie er zunächst gedacht hatte. „Ich bin von der Polizei. Verstehen Sie mich?“

Noch immer keine Reaktion. Die Frau auf der Parkbank trug einen Pelzmantel und hatte einen dicken Schal mit rotem Muster mehrfach um den Hals geschlungen. Ihr Kopf war nach vorne auf die Brust gesunken, und sie hatte trotz des trüben Wetters eine riesige Sonnenbrille auf, sodass Braun kaum etwas von ihrem Gesicht erkennen konnte. Eine blonde Haarsträhne hatte sich aus ihrem Zopf gelöst und wehte über Gesicht und Schal, als würde sie ein Eigenleben führen.

Mit zwei Fingern tippte Braun gegen die Wange der Frau. Ihre Haut fühlte sich eiskalt an, und ihr Kopf kippte durch die Berührung sanft zur Seite. Plötzlich hatte Braun einen charakteristischen Geruch in der Nase, der ihm sehr vertraut vorkam. Es roch nach rostigem Metall, nach Angst und Sterben. Braun war dieser Geruch schon oft begegnet: Es war das Aroma des Blutes, der Gestank der Hoffnungslosigkeit – der Duft des Todes.

Langsam beugte sich Braun noch weiter über die Frau. Er strich sacht über den Schal mit dem roten Muster, spürte, wie vermutet, dickes geronnenes Blut, das die Wolle durchtränkt hatte. Mit zwei Fingern lockerte er den Schal um den Hals der Frau und hob dazu leicht ihr Kinn an. Doch sofort kippte ihr Kopf nach hinten, als würde er nur von einigen wenigen Hautfetzen auf dem Körper gehalten werden. Wie war das möglich?

Dann sah er den Draht. Ein dünner Metallfaden hatte so scharf den Hals der Toten zerteilt, dass er nicht nur Haut, Knorpel und Sehnen, sondern auch die Nackenwirbel beinahe vollständig durchtrennt hatte und den Kopf wie bei einer Puppe fragil hin und her pendeln ließ.

Hinter sich hörte Braun das alte Ehepaar aufgeregt miteinander tuscheln, neben sich das Baby schluchzen, vor sich sah er die tote Frau. Wahrscheinlich war sie noch gestern voller Stolz mit ihrem Kind durch die Stadt spaziert, hatte sich über dieses junge Leben gefreut und keinen Gedanken an das Morgen verschwendet. Aber die Stunde des Todes war für sie schon bestimmt gewesen, und ihre Zeit war mit unerbittlicher Hast dem Ende entgegengerast.

Tief in seinem Inneren wusste Braun, dass ihn dieser hässliche Tod viele ruhelose Nächte kosten würde. Doch er würde dafür sorgen, dass die Tote Gerechtigkeit erfuhr.

Mit der Spitze seines Kugelschreibers schob Braun die riesige Sonnenbrille der Frau nach oben auf die marmorne Stirn. Er sah ihr in die Augen, die leblos und starr blickten. Die Panik in ihrem Gesicht, aber auch ein Ausdruck tiefer Enttäuschung war für immer auf ihrem Antlitz eingefroren. Sie hatte gewusst, dass es Zeit war zu sterben, dass sie ihr Kind nie würde aufwachsen sehen, dass sie nie mehr die Liebe erfahren würde.

Das Baby schien diesen Schmerz zu spüren, denn sein Schreien war in ein Schluchzen übergegangen, das todtraurig und leise die Nebelschleier dieses kalten Dezembermorgens zerriss und einfach nicht enden wollte.

Kapitel Vier

Das Handy schrillte, und vor Schreck hätte sie beinahe den Teller fallen lassen. Im letzten Moment schaffte sie es, ihn der Frau in die schwieligen Hände zu drücken.

„Hallo. Was? … Natürlich bin ich schon wach“, beeilte sie sich in ihr Handy zu sagen.

Franka drehte sich ein wenig zur Seite und entfernte sich von der langen Schlange der Menschen, die abgerissen und erbärmlich dort anstanden – das Abbild einer einzigen menschlichen Tragödie. Still und mit hängenden Köpfen warteten Männer und Frauen darauf, sich mit Tee und Suppe ein wenig aufwärmen zu können. Einer Alten rutschte der heiße Teller aus den Händen und zersplitterte mit einem lauten Knall auf dem Boden. Ein leises Raunen schwappte bis zu Franka herüber.

„Welcher Lärm? Ach so … Nein, ich bin nicht zu Hause.“

Sie redete nicht gern darüber, dass sie jeden Montag um fünf Uhr morgens in der Oase auftauchte, einer Zufluchtsstätte für die Obdachlosen von Linz. Hier schenkte sie als freiwillige Helferin Tee und Suppe aus, um den Menschen, die am Rand der Gesellschaft lebten, etwas von ihrem unverdienten Glück zurückzugeben. Sie wollte ihr Engagement nicht an die große Glocke hängen. Franka nahm diese Aufgabe sehr ernst und war lieber aktiv tätig, anstatt darüber zu reden.

„Wo ich bin? Äh … Ist doch egal. Gib mir fünfzehn Minuten“, sagte sie, nachdem sie dem Anrufer schweigend zugehört hatte. „Ich warte daheim auf dich. Lass anklingeln, dann komm ich runter.“

Hastig steckte sie das Handy ein und ging zu dem übermüdeten Mann im dicken Wollpullover, der hinter dem großen Suppenkessel stand. Das war Wolfgang, der die Oase ins Leben gerufen hatte.

„Ich kann nicht länger bleiben. Es gibt etwas zu tun.“

Wolfgang nickte ihr wortlos zu, und sie ging ohne Abschiedsgruß an den abgeschlagenen Tischen vorbei, wo Männer und Frauen heiße Suppe löffelten und sich leise unterhielten. An einem Tisch direkt neben der Treppe, die zur Verwaltung führte, saß Nana, die auf der Straße lebte, seit Franka denken konnte. Ein Lächeln huschte über das Gesicht der älteren Frau, und Franka hielt trotz aller Eile an, um kurz mit ihr zu reden.

„Bist du bei dem Arzt gewesen, den ich dir empfohlen habe?“, fragte sie.

Nana senkte den Kopf und grinste unsicher. „Das mache ich noch“, flüsterte sie, obwohl beide wussten, dass Nana niemals diesen Arzt aufsuchen würde, der ihr zu einer Therapie verhelfen konnte. Nana lebte auf der Straße, weil sie Angst vor geschlossenen Räumen hatte – und solange der Arzt seine Behandlungsräume nicht nach draußen verlegte, würde sie nicht zu ihm gehen.

„Ich muss heute früher weg“, sagte Franka und strich Nana sanft über die dünnen Haare. „Sobald ich Zeit habe, gehe ich mit dir zum Arzt.“

„Versprochen?“ Die Stimme der Älteren war leise und kraftlos wie ein zarter Windhauch, den man erst bemerkt, wenn er längst vorüber ist. Sie nuschelte etwas, das Franka nicht verstand.

„Was hast du gesagt?“

„Du musst mir versprechen, mich zu begleiten.“

„Versprochen.“

Nana legte Franka dankbar den Arm um die Hüfte und berührte aus Versehen die Waffe, die Franka hinten im Bund ihrer Jeans stecken hatte.

„Was ist das? Ist das wirklich eine Pistole?“, fragte Nana mit großen Augen.

„Ja. Denn auch ich habe manchmal Angst.“

Seltsam – mit der Waffe fühlte sie sich nur bei Tag sicher. Nachts, wenn sie allein und schutzlos in ihrem Bett lag, kam die Erinnerung auf leisen Sohlen und schlich sich wie ein Dieb in ihre Gedanken. In der tiefen Finsternis schreckte Franka dann aus ihren Schachtelträumen, die ein ständig wiederkehrendes Thema zum Inhalt hatten: ihre Kindheit. In manchen dieser mondlosen Nächte war der Traum so intensiv, dass Franka körperliche Qualen litt. Dann spürte sie die kratzigen Decken auf der Haut, roch das abgestandene, ranzige Fett, mit dem sie gleich die gestohlenen Eier in der uralten Pfanne braten würde. Wenn sie aus ihrem Bett aufstand, stieß sie in Gedanken an die Wände des winzigen Wohnwagens, und sie zitterte vor Kälte, wenn sie in ihrer Erinnerung die trostlose Leere eines Parkplatzes betrat, auf dem es kein fließendes Wasser gab und sie sich oft tagelang nicht den Dreck aus dem Gesicht waschen konnte.

Energisch verscheuchte sie die schwarzen Gedankenwolken, als sie durch die nebelverhangenen Straßen von Linz lief. Wie immer führte sie ihr Weg an dem Gebrauchtwagenhändler vorbei, in dessen Reihen das Objekt ihrer Begierde vor sich hin rostete. Es war das einzige Motorrad auf dem ganzen Gelände, das mehr einem Schrottplatz als einer Ausstellungsfläche für Fahrzeuge ähnelte. Franka reckte den Hals. Aufgebockt stand sie da, eine Verheißung aus Technik und Eleganz, Geschwindigkeit und Dynamik. Irritierende Eleganz, mit Rostflecken am Tank und einem notdürftig mit Draht befestigten Auspuff, dessen Chromoberfläche mittlerweile stumpf geworden war: eine Nero Guzzi 800 Limited Edition in Mattschwarz. Mit diesem Motorrad würde Franka alles hinter sich lassen können, selbst ihre Vergangenheit.

Sie warf einen Blick auf ihr Handy. Verdammt, wenn er pünktlich war, würde er sie vielleicht vom Pförtner anrufen lassen. So würde er erfahren, dass Franka Morgen schon seit einigen Monaten nicht mehr in ihrer Wohnung wohnte. Und spätestens dann würde er vielleicht Fragen stellen, die sie nicht beantworten wollte.

Zum Glück war sein Wagen noch nicht da, als endlich das markante Hochhaus vor ihr auftauchte, dessen oberste Stockwerke im Nebel lagen. Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte hinauf zur siebten Etage. Dort oben war die Wohnung, von der sie früher immer geträumt hatte, ihr Rückzugsort nach einem harten Arbeitstag, ihr Ruhepol, der irgendwann zu einem Albtraum geworden war. Deshalb war sie auch in ein billiges Hotel gezogen – sie hatte ihre selbst gewählte trügerische Sicherheit nicht mehr ertragen.

Um sich das Hotel und die Wohnung leisten zu können, vermietete sie ihr Apartment an ein Artistenpaar, das in Linz überwinterte, ehe es im Frühjahr wieder mit seiner Truppe weiterzog. Die beiden waren Seiltänzer, und sie hatte ihnen spontan ihre Wohnung angeboten, als die beiden, die regelmäßig im Donaupark an einer Brücke probten, sie nach einer Bleibe gefragt hatten.

Manchmal fühlte sich Franka selbst wie eine Seiltänzerin, die über einem Abgrund balancierte. Sie wunderte sich über sich selbst, wie leicht ihr die Lügen in letzter Zeit über die Lippen kamen. Ihre Stimme hörte sich tatsächlich völlig aufrichtig an, wenn sie Bruno sagte, er solle sie daheim absetzen oder abholen. Er hatte keine Ahnung, dass sie schon seit dem Sommer nicht mehr in ihrem Apartment lebte. Und das war auch gut so. Niemand durfte eine Schwäche an ihr entdecken. In der heutigen Gesellschaft war jedes Nachlassen ein Makel, in diesem Leben hatte jeder perfekt zu funktionieren. Wer irgendwann diese ungeschriebenen Regeln nicht mehr einhalten konnte oder wollte, wurde sofort aussortiert. Ein hakendes Rädchen im Getriebe war unerwünscht, denn in diesem Leben gab es kleinen Raum für Sensibilitäten. Deshalb durfte sich Franka auch keine Schwäche erlauben. Sie hatte es bis hierher geschafft und wollte noch weiter kommen.

Als sie die großen Türen zum Foyer aufstieß, wuchs ihre Beklemmung. Sie nickte dem Pförtner zu, der das Prozedere von ihr schon kannte, und setzte sich auf die Stufen des Eingangsbereichs – sie schaffte es keinen Meter weiter nach oben. Immer wieder warf sie einen Blick auf das Handy, das sie neben sich gelegt hatte. Als es dann tatsächlich klingelte, fuhr sie hoch, atmete tief durch und knipste ihr Gute-Laune-Lächeln an. Sie flog die wenigen Stufen nach unten, öffnete die Eingangstür und trat nach draußen auf den Gehsteig. Dann winkte sie dem Mann zu, der in einigen Metern Entfernung an der Motorhaube eines Autos lehnte und eine Zigarette rauchte.

„Guten Morgen“, rief er ihr entgegen. „Hast du noch einen Kaffee für mich?“

„Dafür ist keine Zeit, Bruno. Wir haben einen Mord.“

Kaum hatte sie sich auf den Beifahrersitz fallen lassen, spulte sie wie jeden Tag ihr Erinnerungsritual in ihrem Kopf ab, um sich wieder auf Kurs zurückzubringen: Ich heiße Franka Morgen, bin vierundzwanzig Jahre alt und bei der Mordkommission Linz. Ich bin die jüngste Polizeiinspektorin Österreichs und arbeite im Team von Tony Braun, den ich bereits auf der Polizeiakademie bewundert habe und der auch jetzt noch mein Vorbild ist. Dieses Team ist meine Familie. Ich darf mir keinen Fehler erlauben, ich darf mir keinen Fehler erlauben, ich darf …

„Erde an Franka! Kannst du mich verstehen?“

Sie hörte Bruno mit den Fingern schnippen und schreckte aus ihren Gedanken. „Wie? Was? Ja, na klar“, sagte sie hastig.

Als Bruno den Wagen über die Nibelungenbrücke steuerte, musste sie sich eingestehen, dass nicht nur ihr Mantra, sondern auch Brunos Nähe sie beruhigte. Sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Obwohl er bereits Mitte fünfzig war und seine lockigen Haare langsam weiß wurden, wirkte Bruno wesentlich jünger, als er tatsächlich war. Das lag an seiner aufgeräumten und frischen Art. Wie immer trug er seine charakteristische schwarze Strickmütze, ohne die er niemals aus dem Haus ging.

Während er an einer Ampel wartete, drehte er sich zu ihr und fragte unverblümt: „Warum wohnst du nicht mehr in deiner Wohnung, Franka?“

Kapitel Fünf

Tony Braun stand auf dem gefrorenen Rasen und unterhielt sich mit dem Gerichtsmediziner Paul Adrian, einem großen Mann mit rasiertem Schädel und langem schwarzem Mantel. Adrian war kurz nach Braun gekommen und hatte das Opfer bereits untersuchen können.

„Der Fundort ist aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Tatort.“

„Kannst du uns schon etwas über den Todeszeitpunkt sagen?“

„Wenn man die niedrigen Temperaturen der Nacht berücksichtigt, würde ich zwischen drei und fünf Uhr morgens tippen. Aber das lässt sich noch genauer feststellen.“

Ein Wagen fuhr bis zu dem rot-weißen Flatterband, mit dem man den Tatort abgesperrt hatte. Braun hob die Hand zum Gruß, als Bruno und Franka ausstiegen. Wenn man Bruno so sah, groß und breitschultrig, in Hippielook mit Strickmütze, Jeansjacke und der selbstgedrehten Kippe im Mundwinkel, würde man nie auf die Idee kommen, dass er ein weithin anerkannter Verhörspezialist war. Er hatte jahrelang auf der Straße für das Drogendezernat gearbeitet und dank seiner unverdächtig entspannten Attitüde regelmäßig wertvolle Informationen über Drogendeals aus seinen Kontakten herausgekitzelt.

Franka war das genaue Gegenteil. Sie war klein, ziemlich hübsch, hatte aber aus unerfindlichen Gründen ihre dunklen Haare hellblond gefärbt. Als Polizistin war sie taff und kontrolliert, konnte mit Stresssituationen gut umgehen und war eine brillante Analytikerin. Aber trotzdem wurde Braun den Verdacht nicht los, dass Franka Angst hatte, eines Tages aus dieser Rolle der perfekten Polizistin zu fallen und die Kontrolle zu verlieren.

Wie immer machte sie sich auch jetzt voller Eifer an die Arbeit und nahm sich ein paar Latexhandschuhe aus einer Schachtel, die ihr ein Polizist hinhielt.

„Ah, Franka, unsere Jahrgangsbeste von der Akademie“, begrüßte Adrian sie wie üblich. So wird es vermutlich die nächsten zehn Jahre gehen, dachte Braun. Für Adrian war Franka immer noch der Grünschnabel von der Akademie. Aber wenigstens der jahrgangsbeste Grünschnabel, das war schon etwas.

„Was habt ihr außerdem herausgefunden?“, nahm Braun den Faden wieder auf und wandte sich erneut Adrian und Anthea zu, die ebenfalls herangetreten war. Die junge Assistentin des Gerichtsmediziners war wie immer kalkweiß geschminkt und trug eine schwarze Lackjacke.

„Die Tatwaffe ist eine Garotte“, sagte Anthea und fuhr sich mit einem dunkelrot lackierten Fingernagel über den weißen Hals. „Der Täter hat einen besonders dünnen Stahldraht verwendet, der wie die Klinge eines Rasiermessers wirkt, wenn man ihn im Nacken fest zusammendreht.“ Sie hielt eine Plastiktüte hoch. „Es war sehr entgegenkommend von unserem Täter, das Beweisstück gleich hierzulassen. Erleichtert uns die Arbeit ganz enorm. Denn selbst der dünnste Draht besitzt winzige Widerhaken, an denen Hautpartikel hängen bleiben.“

Braun betrachtete die Plastiktüte von allen Seiten. Die Garotte darin war nicht mehr als ein blutverschmierter dünner Stahldraht mit zwei Griffen aus Metall an den Enden. Dennoch ein äußerst effizientes Mordinstrument, das konnte er auf einen Blick erkennen. Perfekt geeignet, um lautlos zu töten.

„Ich frage mich, warum jemand mit einem Profiwerkzeug arbeitet und es dann einfach am Tatort liegen lässt“, sagte Anthea nachdenklich.

„Muss ein ziemlich kräftiger Mann gewesen sein, um diese Verletzung zu erzeugen.“ Braun deutete auf den fast vollständig durchtrennten Hals der Frau.

„Nicht unbedingt“, widersprach Adrian. „Bei einer Garotte ist die Hebelwirkung ausschlaggebend. Auch eine Frau könnte diese Verletzung verursachen. Vorausgesetzt natürlich, sie ist extrem kaltblütig und richtig, richtig wütend.“ Er grinste vielsagend.

„Das heißt, wir können nicht ausschließen, dass unser Täter eine Frau ist“, brummte Braun und wandte sich an Bruno, der gerade einen Schluck aus einem Kaffeebecher trank. „Was ist mit dem Baby?“

„Wird von einer Krankenschwester versorgt. Mit ihm ist alles in Ordnung. Ist übrigens ein Junge“, antwortete Bruno und deutete nach hinten zu einem Notarztwagen.

„Franka, kümmere dich um die Spusi. Vielleicht haben die schon etwas gefunden, das uns weiterhilft.“

Die Leute von der Spurensicherung waren nicht mehr als helle Punkte in dem gleichförmigen Grau und wirkten in ihren weißen Plastikanzügen wie Außerirdische auf der Suche nach neuem Leben. Sie waren schon seit einer gefühlten Ewigkeit dabei, alle möglichen Spuren zu fotografieren und verdächtige Gegenstände rund um die Parkbank aufzusammeln und einzutüten.

Braun steckte die Hände in die Manteltaschen, ging über die Wiese und positionierte sich so, dass er das Opfer direkt vor sich sehen konnte. Durch die vielen Polizisten, die gerade durch den Park liefen, hatte der Tatort seinen Schrecken verloren, war nur noch ein geschäftiger Ort für Gerichtsmedizin und Spurensicherung. Trotzdem umgab die junge Frau nach wie vor eine Aura der tiefen Trauer.

Plötzlich hörte Braun Frankas Stimme. Der neblige Morgen schien seine Ohren geschärft zu haben, denn er nahm ganz klar den alarmierten Unterton wahr, als sie einen Mann von der Spurensicherung fragte: „Was haben Sie da gefunden?“

„Scheint ein Tierschädel zu sein“, murmelte der Kollege.

„Ein Tierschädel? Wo haben Sie den her?“

„Lag direkt neben der Leiche auf der Bank. Er könnte von einer Maus sein oder vielleicht von einer Ratte.“

„Lassen Sie mal sehen!“ Frankas Stimme wurde noch schriller, noch aufgeregter.

„Hast du etwas entdeckt, Franka?“, rief Braun zur ihr rüber.

„Einen … einen Rattenschädel“, sagte sie stockend, und Braun glaubte zunächst, nicht richtig gehört zu haben.

Was zum Teufel hatte ein Rattenschädel hier zu suchen?

„Ein Rattenschädel lag auf der Bank“, wiederholte sie tonlos, als sie zu Braun trat. Ihr Gesicht war leichenblass.

Kapitel Sechs

Oktober 1990

Gestern bin ich in Dogcity angekommen. Zusammen mit Goran, dem König von Sputnix III, machte ich mich auf dem Weg zur Ratsversammlung der Roma. Während wir an einem der schwarzen Hochhäuser vorbeigingen, stiegen wir über wahre Müllberge. Der Gestank war bestialisch, durch den Regen war der Bach über die Ufer getreten und hatte das Gelände in eine stinkende Kloake verwandelt. Es waren eins von jenen zwei Hochhäusern, die nie fertiggebaut wurden. In denen es von Menschen gewimmelt hat. Wo es weder fließendes Wasser noch Strom gab. Wo die Roma wie die Tiere hausten. Wo jeder seinen Dreck einfach zum Fenster hinauswarf.

Das letzte Mal, als ich hier gewesen bin, war es warm und der Müll nicht so allgegenwärtig. Aber in diesem Jahr ist alles viel schlimmer geworden. Rund um die Hochhäuser hatte sich Dogcity mit seinen windschiefen Bretterverschlägen und verbeulten Wellblechhütten weiter und weiter ausgedehnt. Dort hausen jetzt die Roma, die aus Rumänien gekommen sind. Die noch weniger wert sind als die Bewohner der Türme. Die noch mehr Kinder haben.

Innerhalb eines Jahres ist Dogcity um das Doppelte gewachsen und komplett verslumt. Ich konnte es selbst nicht mehr begreifen, wie ich nur einen einzigen Tag hier hatte aushalten können. Im Nachhinein betrachtet ist das natürlich schon in Ordnung. Denn nur so habe ich das Vertrauen von Goran gewinnen können. Dem ich von ausländischen Investoren erzählte, die Sputnix III von Grund auf sanieren würden, die den Slum Dogcity dem Erdboden gleich machen und auf dem Areal kleine Fertighäuser für die Einwohner bauen würden. Alle saßen sie in einem Halbkreis um mich herum und lauschten meinen Worten. Ich versprach ihnen das Blaue vom Himmel, redete von Schulen und Kindergärten und davon, dass bald die Bagger auffahren würden. Manchmal gab es Zwischenapplaus bei einer besonders dreisten Lüge von mir. Zum Beispiel, als ich von dem Flughafen erzählte. So ein Schwachsinn. Aber sie denken ja nicht mit. Sitzen nur dumpf in ihren Wellblechhütten oder den halbfertigen Hochhäusern und warten darauf, dass jemand wie ich kommt, um ihnen eine Perspektive zu bieten.

Goran der König frisst mir aus der Hand. Nur die Dorfschamanin ist skeptisch, aber die werde ich schon noch herumkriegen. Goran gab mir eine selbst zusammengestellte Liste mit den Namen der Familien aus Dogcity, die kleine Kinder haben. Die stünden ganz oben in der Rangfolge für eine Wohnung, sagte ich ihm. Und er glaubte mir. Der schluckt alles, was ich erzähle.

Die Ratsversammlung endete wie üblich mit einer großen Beschwörung durch die Schamanin. Während ihrer Segnungen dachte ich an meine Wiener Geschäftspartner. Die mich belächelt haben. Die nicht glaubten, dass jemand wie ich das große Geschäft machen kann. Aber es geht. Im ersten Jahr verdienen wir sechs Millionen Dollar, habe ich zu ihnen gesagt und meine Berechnung auf den Tisch gelegt. Das hat sie überzeugt. In jener Sekunde haben sie mich akzeptiert.

Die Roma krochen aus ihren Hütten und winkten mir zu, als ich mit Goran durch Dogcity gegangen bin. Glaubten tatsächlich, alles würde besser werden. Auf mich wirken sie wie ekelhafte Ratten, wenn sie mich mit ihren schmutzigen Fingern betatschen. Ununterbrochen plärrten die Babys. Noch hat die Samtene Revolution nicht viel gebracht, erst recht kein Essen.

Die zerlumpten Mädchen, die ab und zu durch den Regen huschten, sind winzig, aber recht hübsch. Mit ihren dunklen Kuhaugen versuchten sie auf ihre dummdreiste Art, mich zu verführen. Aber ich musste mich beherrschen, denn am Abend zuvor ist mir diese kleine Nutte hinterhergerannt. Hat sich an mich gehängt wie ein lästiger Straßenköter. Die Polizisten waren für ein paar Dollarnoten nur allzu gerne bereit, sie zu verjagen, aber sie ist immer wieder herangekrochen und hat gebettelt. Hat mir das Kind entgegengestreckt, das angeblich von mir ist. Das hat man nun davon, wenn man sich im Rausch mit einer von denen einlässt.

Eine windschiefe Bretterbude, in der man selbst gebrannten Fusel ausschenkte und geschmuggelte Zigaretten verkaufte, brachte mich auf die Idee. Nein, es war weniger die Bude als vielmehr die Kinder, die davor im Dreck saßen. Diese zerlumpten Bälger hatten sich aus Rattenknochen winzige Puppen gebastelt, mit denen sie im Schlamm spielten. Ich werde mir den Aberglauben dieser Menschen zunutze machen und eine eigene Signatur erfinden. Etwas, das mich unverwechselbar macht. Etwas, vor dem sich alle fürchten werden.

Kapitel Sieben

Der Rattenschädel, der Franka so irritiert hatte, war blendend weiß und glänzte, als wäre er geschrubbt worden. Ansonsten war nichts Auffälliges daran zu entdecken, wie Braun feststellte, als er den Inhalt des Plastikbeutels begutachtete.

„Was ist denn daran so besonders?“, wandte er sich an Franka, die nachdenklich vor ihm stand und an den Nägeln kaute. Der Rattenschädel hatte sie an irgendetwas erinnert, aber an ihrer Miene konnte er erkennen, dass sie diese Erinnerung für sich behalten wollte.

„Ich dachte, es wäre vielleicht ein wichtiger Hinweis“, wich Franka aus. „Aber es ist bloß ein alter Knochen.“

Braun schaute sie zweifelnd an. Ihre Antwort gefiel ihm nicht, und er nahm sich vor, sie bei Gelegenheit noch einmal danach zu fragen, was der Schädel eines Nagetiers in ihr ausgelöst hatte. Im Augenblick gab es Wichtigeres.

„Was wissen wir über die Tote?“, wechselte er das Thema. „Habt ihr was in ihrer Handtasche gefunden?“

„Ihr Ausweis war noch drin, ja“, sagte Franka. „Sie heißt Amelie Frey, zweiundvierzig Jahre alt. Die Frau hat das Kind also relativ spät bekommen.“

Langsam wird Franka wieder die Alte, dachte Braun. Dank der Routine schien ihre Souveränität zurückzukehren.

„Raubmord können wir wohl ausschließen. In ihrer Geldtasche hatte sie noch hundert Euro“, ergänzte sie.

„Was denkst du?“ Braun freute sich immer auf das geistige Pingpong mit seiner Kollegin, dieses gegenseitige Zuwerfen von absurden Ideen und realen Fakten, aus dem sich plötzlich eine tragfähige Theorie entwickelte, eine Assoziationskette, die sie nicht selten direkt zum Täter führte.

„Es sieht aus wie ein Mord aus Wut, Hass und Enttäuschung“, antwortete Franka spontan.

„Glaube, Liebe und Hoffnung haben sich in ihr Gegenteil verkehrt“, schoss Braun den Ball sofort zurück.

„Jemand, der lange Zeit unterdrückt wurde, hat sich vielleicht gerächt“, setzte Franka hinzu, während sie langsam auf und ab ging.

„Und er hat sich eine extrem verletzliche Stelle ausgesucht, nämlich den Hals.“

„Ist Amelie für unseren Mörder nur ein Symbol oder geht es um konkrete Rache?“

„Rache ist nicht das richtige Wort“, meinte Braun nachdenklich. „Ich würde eher Enttäuschung dazu sagen. Aber nicht nur der Mörder, auch Amelie war enttäuscht. Ich habe in ihren Augen Panik, aber eben auch viel Enttäuschung gesehen.“ Er drehte sich um und ging noch einmal auf die tote Frau zu. „Du musst mich jetzt mit Amelie alleine lassen“, sagte er über die Schulter zu Franka.

Weitere Erklärungen waren nicht notwendig. Sie wusste, was jetzt passieren würde.

Schweigend blieb er vor Amelie stehen. Auf dem mit kleinen Eiskristallen überzogenen Rasen traten die beiden Leichenbestatter ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, nicht nur wegen des nasskalten Wetters wollten sie die Leiche so schnell wie möglich in die Gerichtsmedizin transportieren. Doch Braun ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Seine Stärke war es, die Schwingungen der Toten aufzunehmen und in ihre Gedanken schlüpfen zu können, die entscheidenden Augenblicke zu erfassen, in denen das Opfer spürte, dass sein Leben unwiderruflich zu Ende ging.

Was hatte Adrian gesagt? Der Fundort der Leiche war auch der Tatort. Fragte man sich da nicht unwillkürlich, was eine Mutter mit ihrem Baby so früh am Morgen und ausgerechnet zu dieser Jahreszeit im Donaupark verloren hatte? Es musste völlig dunkel gewesen sein. Nicht ungefährlich für eine Frau, allein. Vor allem nicht ungefährlich für ihr Baby.

Braun starrte auf das wächserne Gesicht, sah die blonde Haarsträhne, die durch einen leichten Windhauch beinahe zärtlich die Wange der Toten streichelte.

Warum bist du in den Park gegangen?, ließ Braun die Gedanken kreisen. Wolltest du die hell erleuchteten Schiffe beobachten, die nachts auf der Donau fahren? Und was war der Grund für deine Enttäuschung? Eine zerschlagene Hoffnung? Wolltest du dich mit jemandem treffen? Mit deinem Mörder? Hast du dich nicht gewehrt? Nein, du warst zu überrascht, zu sehr in Panik, um an Gegenwehr zu denken. Als du die Gefahr erkanntest, war es bereits zu spät.

Braun dachte darüber nach, dass sich die Ermittlungen derzeit hauptsächlich um eine Frage drehten: Warum hatte ihm ein Patient der Psychiatrie, Viktor Maly, der seit über einem Jahr kein Wort gesprochen hatte, die Koordinaten des Donauparks auf einem handgeschriebenen Zettel übermittelt? Und woher hatte er davon gewusst? War es Zufall? Bei Mord gibt es keine Zufälle. Weshalb diese ungewöhnliche Tatwaffe? Eine Garotte war kein alltägliches Mordinstrument. War der Killer wirklich ein Profi? Aber warum beging er dann einen solchen Anfängerfehler und ließ die Waffe am Tatort zurück?

Warten wir ab, was Spurensicherung und Gerichtsmedizin herausfinden, dachte Braun. Zunächst mussten die Angehörigen von Amelie Frey ermittelt und informiert und ihr Baby zurückgebracht werden.

„Unser Opfer ist die Tochter von Robert Frey. Du weißt schon, der Besitzer der Privatbank. Ihr Mann heißt Bernhard.“ Franka trat in diesem Moment zu ihm und las die Informationen von ihrem Tablet ab, als hätte sie gewusst, woran Braun eben gedacht hatte.

„Ist es Zufall, dass ihr Vater und ihr Mann den gleichen Nachnamen haben?“, fragte Braun und kratzte sich am angegrauten Dreitagebart.

„Nein, Frey hat den Nachnamen seiner Frau angenommen. Früher hieß er Schmitz.“

„Noch was?“