RE: Das Kapital -  - E-Book

RE: Das Kapital E-Book

0,0
16,99 €

Beschreibung

Globalisierung, Finanzcrash, Klima, Armutsrevolten, Wachstumsschwäche – die multiple Krise, die die westlichen Gesellschaften durchlebt, nimmt kein Ende. Ist der Kapitalismus am Ende? Diese Frage wird inzwischen auch unter den Eliten der Weltwirtschaftsgipfel diskutiert. Grund genug, das Kapital noch einmal zu lesen. Das Buch, das die Bewegungsgesetze kapitalistischer Gesellschaften enthüllt, die weißen Flecken der ökonomischen Wissenschaften kritisiert, die Begriffe geschärft hat, mit denen wir die Welt, in der wir leben, begreifen können. Die Phänomene unserer Gegenwart scheinen weit entfernt von der Welt, in der Karl Marx sein Buch schrieb. Aber das Kapital erklärt nicht nur die Keimformen, aus denen diese Welt entstand, sondern identifiziert in der Entstehungsgeschichte und der Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise, die den Wohlstand der Welt in unvorstellbarer Weise gemehrt hat, zugleich die Mechanismen seiner Zerstörung, seiner Endlichkeit – und die Kräfte zu seiner Überwindung. Gilt das noch im Zeitalter des Turbokapitalismus? Soziologen, Publizisten, Politiker, Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler haben das Kapital noch einmal gelesen. Ausgehend von jeweils einem Kapitel des Werkes ziehen sie die Linien zur Gegenwart und denken über die Aktualität und die Grenzen der Marxschen Theorie nach, subjektiv, essayistisch und mit dem Blick auf die politischen Möglichkeiten heute. Denn darauf, so Marx, kommt es an: Die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 315

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



 

 

RE. DAS KAPITAL

POLITISCHE ÖKONOMIE IM 21. JAHRHUNDERT

HERAUSGEGEBEN VOM MATHIAS GREFFRATH

VERLAG ANTJE KUNSTMANN

ZUM BUCH

»Marx ist aktuell: Er beschrieb die Gesellschaft, in der wir heute leben – die jetzige Finanzkrise eingeschlossen.«

Franziska Augstein

Globalisierung, Finanzcrash, Klima, Armutsrevolten, Wachstumsschwäche – die westlichen Gesellschaften stecken in einer multiplen Krise. Ist der Kapitalismus am Ende? Diese Frage wird inzwischen auch unter den Eliten der Weltwirtschaftsgipfel diskutiert.

Grund genug, das »Kapital« noch einmal zu lesen. Das Buch, das die Bewegungsgesetze kapitalistischer Gesellschaften enthüllt, die weißen Flecken der ökonomischen Wissenschaften kritisiert, die Begriffe geschärft hat, mit denen wir die Welt, in der wir leben, besser begreifen können.

Die Phänomene unserer turbokapitalistischen Gegenwart scheinen weit entfernt von der Realität, in der Karl Marx sein Buch schrieb. Aber das »Kapital« erklärt nicht nur die Keimformen, aus denen diese Welt entstand, sondern identifiziert in der Entstehungsgeschichte und der Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise zugleich die Mechanismen seiner Zerstörung, seiner Endlichkeit – und die Kräfte zu seiner Überwindung.

Soziologen, Publizisten, Politiker, Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler haben das »Kapital« noch einmal gelesen. Ausgehend von jeweils einem Kapitel des Werkes ziehen sie die Parallelen zur Gegenwart und denken über die Aktualität und die Grenzen der Marxschen Theorie nach, subjektiv, essayistisch und mit dem Blick auf die politischen Möglichkeiten heute. Denn darauf, so Marx, kommt es an: Die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern.

ÜBER DEN AUTOR

Mathias Greffrath wurde 1945 geboren, hat Soziologie und Psychologie studiert, lebt in Berlin. Er war Redakteur beim Rundfunk, der Zeit und der Wochenpost. Seit 20 Jahren schreibt er als freier Autor Artikel und Hörspiele. In den letzten Jahren hat er sich neben ökonomischen Fragen vorwiegend mit der Geschichte der Aufklärung, der Zukunft der Arbeit und dem Menschenbild der Gehirnforschung beschäftigt.

INHALT

VORBEMERKUNG

  1. DER MEHRWERT DER GESCHICHTE

Mathias Greffrath über das Kapital als Gott der Moderne, das Verhältnis von Automation und Ausbeutung und den Nutzen der Marx-Lektüre.

  2. GANZ AM ANFANG BEGINNEN

John Holloway entdeckt schon im ersten Satz des Kapital eine Theorie des Reichtums und der Revolution.

  3. KAPITAL UND ANTHROPOZÄN

Elmar Altvater findet im Doppelcharakter der Arbeit den Konflikt zwischen Kapital und Natur.

  4. WAS UNS MARX HEUTE NOCH ZU SAGEN HAT

Hans-Werner Sinn wirft einen ordoliberalen Blick auf Marx’ makroökonomische Leistungen und die Stagnationstendenzen im Gegenwartskapitalismus.

  5. EINE GENIALE PROGNOSE

Sahra Wagenknecht kritisiert die Konzentration wirtschaftlicher Macht im Lichte von Marx’ Prognose über das Ende des Kapitalismus.

  6. NIEMAND WIRD FREIWILLIG ARBEITER

Wolfgang Streeck blickt auf die gewaltsamen Anfänge des Kapitalismus in der »sogenannten ursprünglichen Akkumulation« und ihr Fortwirken bis heute.

  7. DIALEKTIK UND ENTFREMDUNG – EIN GESPRÄCH

Michael Quante zieht einen Bogen von der Entfremdungskritik des jungen, romantischen Marx zur »Kritik der politischen Ökonomie«.

  8. BEFREIT DIE MASCHINEN – DENN SIE BEFREIEN UNS

Paul Mason untersucht das Verhältnis von technischem Fortschritt, sinkender Profitrate und Avantgarden des Postkapitalismus.

  9. MITEINANDER GEGENEINANDER ARBEITEN

Robert Misik rekonstruiert, wie das Kapital unsere schönste Eigenschaft, die Fähigkeit zur Kooperation, ausbeutet – und uns damit auf den Postkapitalismus vorbereitet.

10. DIE SCHWARZE MATERIE DES KAPITALS

David Harvey liest Krisenphänomene von Käuferstreik bis globaler Verschuldung als allgegenwärtige Dialektik von »Wert« und »Anti-Wert«.

11. DIE DREI ENDSPIELE DES KAPITALISMUS

Étienne Balibar analysiert, was Marx mit der »Expropriation der Expropriateure« gemeint hat – und was wir heute damit verbinden können.

DIE AUTOREN

VORBEMERKUNG

Kein sozialwissenschaftliches Werk hat in den letzten 150 Jahren eine so starke politische Wirkung gehabt wie Das Kapital. Die europäische Arbeiterbewegung, die bolschewistischen Revolutionäre, die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt – sie alle beriefen sich auf Marx’ Kapital, das nicht nur die Feinmechanik des Kapitalismus untersuchte, sondern sein Ende zu prophezeien schien. Kein wissenschaftliches Werk hat die intellektuellen Debatten des 20. Jahrhunderts so befeuert wie das »Kapital«, und keine Theorie hat die Sozialwissenschaften so bereichert wie der Historische Materialismus. Aber keine Theorie wurde vom akademischen mainstream der Wirtschaftswissenschaften im Westen so hartnäckig ignoriert. Heute, nach dem Ende der Systemkonkurrenz und unter dem Eindruck der multiplen Krise des globalisierten Kapitalismus denken nicht nur Marxisten über das mögliche Ende der kapitalistischen Produktionsweise nach. Grund genug, das Buch noch einmal zu lesen, das die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaft enthüllt, die weißen Flecken der ökonomischen Wissenschaft kritisiert und die Begriffe schärft, mit denen wir die Welt, in der wir leben, immer begreifen können.

Gilt das noch im Zeitalter des Turbokapitalismus? Die Autoren dieses Bandes – Soziologen, Ökonomen, Philosophen – sind, mit einer Ausnahme, wissenschaftlich wie politisch durch die Marx’sche Schule gegangen, aber keiner dieser Texte liefert eine Rundum-Interpretation aus einem Guss, eher schon werden offene Fragen und liegengebliebene Aufgaben – theoretische und politische – formuliert. Es sind Texte »auf mittlerer Flughöhe«: keine ausgepichte Marx-Philologie, aber auch keine pauschalen Würdigungen oder »Auch-Marx-hat-schon-gesagt«-Analysen von Gegenwartsproblemen, sondern eher tastende Versuche, jeweils ausgehend von einem Kapitel, oder einem Abschnitt, oder einem Satz des Werkes nach der Aktualität des Kapital zu fragen, nach der Brauchbarkeit seiner Kategorien: ein Symposium.

Die Auswahl der Autoren war, bei der (glücklicherweise) unübersehbaren Zahl von Autoren, Interpretationsschulen und Temperamenten, die sich mit Marx auseinandersetzen, naturgemäß subjektiv. Die Autoren waren frei in der Wahl ihres Anknüpfungspunktes innerhalb des Werkes. Das begründet die Unterschiede, aber auch die impliziten Querverweise in diesen Essays. Wenn die Leserin und der Leser – ob mit dem Kapital vertraut oder nicht – aus diesen Texten einen frischen Eindruck über die Reichweite, die Methode, die Absicht, die Grenzen und die Größe des Marx’schen Vorhabens gewinnt und neugierig auf mehr wird, steht dem nichts im Wege – außer die unübersehbare Menge an Literatur und die ungeheure Reichweite eines Werkes, das sich mit dem Kapital nicht erschöpft, aber dort seinen prägnantesten und folgenreichsten Ausdruck findet.1

MG

 

 

Die Idee für diese Hommage zum 150. Jahrestag des Kapital entstand in einem Gespräch mit Wolfgang Streeck und Barbara Schäfer, der Redakteurin der Reihe »Essay und Diskurs« im Deutschlandfunk, der neun der Texte im Winter 2016/7 sendete. Für diesen Band wurden sie von den Autoren überarbeitet.

 

 

  1Das Kapital und alle anderen Marx-Texte werden durchgehend nach der Ausgabe Marx-Engels-Werke (MEW) des Dietz-Verlags (Berlin) zitiert.

MATHIAS GREFFRATH ÜBERMEHRWERT

 

 

 

Lieber Freund,

Vorigen Mittwoch reiste ich von London ab, per steamer, und erreichte unter Sturm und Ungewitter Hamburg Freitag nachmittags, um dort das Manuskript des ersten Bandes Herrn Meißner zu überliefern. (…) Das ganze Werk erscheint in 3 Bänden. Der Titel ist: »Das Kapital. Kritik der Politischen Oekonomie«, Der erste Band umfaßt das Erste Buch: »Der Produktionsprozeß des Kapitals«. Es ist sicher das furchtbarste Missile, das den Bürgern (Grundeigentümer eingeschlossen) noch an den Kopf geschleudert worden ist. Es ist nun wichtig, daß Ihr in der Presse, d. h. den Blättern, die Euch zu Gebot stehn, aufmerksam macht auf das baldige Erscheinen.

Hannover, 17. April 1867. Tout á toi,

Marx an Johann Philipp Becker, Briefe 3 (MEW 31:541)

 

MATHIAS GREFFRATHDER MEHRWERT DER GESCHICHTE

Die Weltwirtschaft hat sich von den Exzessen der Finanzspekulation noch nicht erholt; die Ökonomen reden von einer säkularen Stagnation, die den entwickelten Volkswirtschaften bevorstehe; die nächste technologische Revolution lässt eine gigantische neue Welle der Arbeitslosigkeit erwarten; Millionen von Menschen, die auf dem globalen Markt nicht nachgefragt werden, machen sich auf die Wanderschaft, und die Temperatur in der Atmosphäre steigt stetig. »Das kapitalistische System passt nicht mehr in diese Welt« – längst sagen das nicht nur übriggebliebene Linke.

Die kapitalistische Akkumulation, so heißt es im Kapital von Karl Marx, am Ende des Kapitels über die Mehrwertproduktion, »untergräbt die Springquellen alles Reichtums: die Erde und den Arbeiter« (MEW 23:530). – Klimakrise, Arbeitslosigkeit und Wachstumsschwäche scheinen Marxens Theorie zu bestätigen. Aber sind diese großflächigen Prognosen schon ein Grund, das Buch noch einmal zu lesen? Zumal die Lektüre mühsam ist und Monate verschlingt, vielleicht Jahre, wenn man nicht gar in den Debatten der marxistischen Schriftgelehrten versinkt, die ganze Bibliotheken über die Feindifferenzen der Wertformanalyse vollgeschrieben haben.

Wenn es also –150 Jahre nach seinem Erscheinen – einen vitalen, aktuellen, nicht nur historischen Grund gibt, das Kapital zu lesen, dieses Buch, das den Anspruch erhebt, das »ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft« (23:15) entdeckt zu haben –, dann müsste das Buch den Test bestehen, dass man mit der Marx’schen Brille immer noch etwas sehen kann, was man sonst nicht sieht, dann müssten die Marx’schen Begriffe die Wirklichkeit, in der wir heute leben, anders aufschließen als andere. Man prüft den Pudding, indem man ihn isst, pflegte der Fabrikant Friedrich Engels zu sagen. Fangen wir also an.

Der Gott der moderne

Mit dem Anfang. Oder noch davor: mit dem Titel. Das Kapital, so heißt das Buch. Das Kapital – nicht: Die Kapitalisten, nicht: Die Ausbeutung, nicht: Die Arbeit oder Der Weg zum Sozialismus – obwohl alles das eine Rolle spielt. Sondern Das Kapital. Etwas salopp könnte man Marxens Hauptwerk, das er nach Jahrzehnten von Lektüre, Exzerpieren und Nachdenken im Londoner Exil, im Lesesaal des British Museum, nach unzähligen billigen Zigarren und immer abgelenkt durch Krankheit, Tagespublizistik und politische Tätigkeit, 1867 veröffentlicht, man könnte dieses Buch als einen Roman verstehen. Einen Roman, in dem ›das Kapital‹ der Held der Erzählung ist, das eigentliche Subjekt der Neuzeit, eine unsichtbare, insofern metaphysische, aber durchaus im Diesseits wirkende Macht. Der Gott der Moderne, der sich eine »Welt nach seinem eigenen Bilde schafft« (vgl. Kommunistisches Manifest, MEW4:466).

Der biblische Ton ist kein Zufall, wenn denn Gott die Kraft ist, die alles bewegt, der Geist, der alles durchformt, in alle Poren dieser Welt eindringen kann. In dieser Lesart des Kapital können wir – heute mehr noch als zu Marxens Zeiten – ein Bild unserer Gesellschaft erkennen. Erleben, erleiden und erfahren wir nicht Tag für Tag, wie Menschen nur als Faktor Arbeit in Frage kommen? Als flexible Ressource eingesetzt werden? Familien hinsichtlich ihrer Fähigkeit, ›Humankapital‹ aufzuziehen, betrachtet werden? Universitäten zu Produktionsstätten profitabler Qualifikationen geworden sind, Nationen zu Wirtschafts-›Standorten‹ und kulturelle Traditionen zum ›content‹ von Bewusstseinsindustrien? Kurz: Erleben wir nicht, dass für den Blick des Kapitals die Dinge und die Menschen dieser Welt nur vorkommen, soweit sie profitabel sind?

Aber zurück zum Buch: Diese Romanfigur, dieser Geist, der den Kapitalismus antreibt, taucht erst im 4. Kapitel des Kapital auf. Da wird das Kapital gezeugt und auch gleich geboren. Vorher, in den Kapiteln der akribischen Analyse der Ware und des Geldes, die so viel Schwierigkeiten machen, dass sie einen zum Aufgeben zwingen können – auf diesen 150 Seiten ist das Kapital noch nicht auf der Welt, da wird über die Voraussetzungen seiner Zeugung theoretisiert: die Ware, die Arbeit, den Tausch, das Geld. Und dann kommt, nicht ohne spannungstreibende Rhetorik, die Frage: Wie kommt es, dass eine Geldmenge, mit der ich auf den Markt gehe, wächst, wie kann der Gesamtwert einer Wirtschaft wachsen, wenn doch angeblich immer nur Äquivalente getauscht werden? Die Frage ist alles andere als trivial: Die klassischen Ökonomen zu Marxens Zeit haben sie jedenfalls nicht widerspruchsfrei gelöst.

Im vierten Kapitel entsteht also aus Geld: das Kapital. Und da alle großen Revolutionäre unseres Weltbildes, ob nun Darwin oder Freud auch große Schriftsteller sind, so gibt Marx dem abstrakten Kapital einen fassbaren Körper – den eines Geldbesitzers – und lässt den auf einer Straße irgendwo in England auf einen Arbeitskraftbesitzer treffen, worauf die beiden nach einer kurzen Verhandlung, so Marx, in »jene verborgne Stätte der Produktion« eilen, »an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business«. »[D]er eine«, so formuliert es der Balzac-Leser Marx, »bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andre scheu, widerstrebsam, wie jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen hat …« (23:191)

Das geheimnis des mehrwerts

Hinter dieser Tür enthüllt sich das Gesetz der »Plusmacherei«. Denn mit Dampf und Maschinen und Muskeln wird hier der Reichtum der Gesellschaft gemehrt, Mehrwert produziert. Möglich ist das, weil der Kapitalist seinem Gegenüber eine Ware abgekauft hat, die über die wundersame Eigenschaft verfügt, mehr Wert zu erzeugen, als zu ihrer Produktion erforderlich war. Seine Arbeitskraft. Wer Arbeitskraft erwirbt und mit Maschinen oder Rohstoff kombiniert, kann sein Geld vermehren. Und umgekehrt: Wer nur Arbeitskraft zum Verkaufen hat, fängt immer wieder von vorne an. Kapital, das ist also kein Ding und keine Substanz und kein Geld, sondern dieser Wertsteigerungsprozess in Räumen, die man nur ›on business‹ betritt. Dabei geht alles mit rechtlich korrekten und philosophisch unbedenklichen Dingen zu. Die Kapitalisten betrügen nicht, sie zahlen den Wert dessen, was sie gekauft haben: den Wert der Arbeitskraft. Dieser Wert, so sagten es die Klassiker der bürgerlichen Ökonomie, wird durch die Arbeitsmenge bestimmt, die erforderlich ist, um die Arbeitskraft herzustellen. Mit anderen Worten: die Arbeitsmenge, die in den normalen Lebenshaltungskosten steckt: Lebensmittel, Wohnung, Hygiene, Familienerhalt usw.

Der Gang durch die Fabriktür am Ende des 4. Kapitels des Buches, das ist die Urszene und die Urerfahrung für die Leser des Kapital, in den Zirkeln der inzwischen verblichenen Arbeiterbewegung oder den Basisgruppen in der Dritten Welt – und für die vielen, die Das Kapital nie gelesen haben. Die Erfahrung, dass man nichts anzubieten hat auf dem Markt außer Muscle and Blood and Skin and Bones, wie es in Sixteen Tons heißt, dem Lied über den Bergmann, der nach fünfzig Jahren aus der Grube kommt und genau so viel hat wie am Anfang. Das ist die eine Grunderfahrung des proletarischen Daseins. Und die andere: »Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will« – die Parole zieht die politische Quintessenz aus der Marx’schen Bestimmung der lebendigen Arbeit: »Eine Maschine, die nicht im Arbeitsprozeß dient, ist nutzlos. Außerdem verfällt sie der zerstörenden Gewalt des natürlichen Stoffwechsels. Das Eisen verrostet, das Holz verfault. Garn, das nicht verwebt oder verstrickt wird, ist verdorbne Baumwolle. Die lebendige Arbeit muß diese Dinge ergreifen, sie von den Toten erwecken, sie aus nur möglichen in wirkliche und wirkende Gebrauchswerte verwandeln.« (23:198)

Arbeit schafft Gebrauchsdinge, und der Wert dieser Dinge bestimmt sich durch die Arbeit, die zu ihrer Herstellung erforderlich war. Diese Rückführung aller Wertschöpfung auf Arbeit stiftete das Identitätsgefühl der frühen Arbeiterbewegung, sie war der Grund für Klassenbewusstsein.

Politisch korrespondiert Marxens Wertbegriff dem der Arbeiterbewegung – aber die Arbeitswertlehre ist keine Erfindung von Marx. Ihre Ursprünge liegen in der revolutionären Phase der Bourgeoisie, als diese noch gegen die unproduktiven Feudalen den Wert der Arbeit hochhielten. John Locke hielt dafür, dass Eigentum nur durch Arbeit legitimierbar sei, und die Klassiker der Politischen Ökonomie, Adam Smith und David Ricardo, vertraten, mit unterschiedlicher Begründung, die Theorie, dass der Wert von Waren durch die Menge bzw. die Zeit der in ihnen steckenden Arbeit bestimmt wird.

Etwa seit dem Erscheinen von Das Kapital aber wird der Mainstream der akademischen Ökonomie von einer Wert-Lehre dominiert, die den Preis von Waren durch das Spiel von Angebot und Nachfrage erklärt, also durch die Summierung von subjektiven Entscheidungen – aber nicht erklären kann (und sich auch gar nicht der Frage stellt), was den Wert ausmache, wenn Angebot und Nachfrage sich decken. Es ist eine Theorie, für die Wirtschaft wesentlich der Austausch auf dem Markt ist. Für Marx hingegen ist Wirtschaft der gesamte Kreislauf von Produktion, Austausch, Verteilung und Konsum. In Gang gesetzt wird er vom Produktionsprozess, in dem die Arbeit den Rohstoff verändert, ihm Mehrwert zusetzt. Und deshalb widerspricht diese Theorie auch der herrschenden Lehre von den Produktionsfaktoren Kapital, Boden und Arbeit, denen drei Einkommensquellen entsprächen: Profit, Grundrente und Lohn.

Nein, sagt Marx, alle Einkommensarten der Gesellschaft sind Fragmente des Mehrwerts, und diesen Mehrwert kann man nur erklären, wenn man begreift, dass der Gebrauchswert der lebendigen Arbeit im Kapitalismus ein doppelter ist: Sie stellt nützliche Dinge her, die konsumiert werden können, und sie schafft für den Kapitalisten: Mehrwert. Diese Rückführung aller Einkommen auf den Mehrwert der Arbeit, das, so schrieb Marx seinem Partner Engels kurz nach dem Erscheinen des Kapital, mache die »grundneuen Elemente des Buchs aus« (32:11).

Empörung und Theorie

Mit der Kategorie des Mehrwerts aber sind der Klassenkonflikt und der Arbeitskampf zwingend als ein Bewegungsgesetz des kapitalistischen Wirtschaftsprozesses gesetzt. Der Arbeiter wird so wenig wie möglich von seiner Zeit und seiner Haut verkaufen wollen; der Unternehmer muss bestrebt sein, den Arbeitstag auszudehnen. Nicht, oder nicht notwendigerweise, aus Gier, sondern aus Zwang. Denn die Konkurrenz auf dem Markt zwingt ihn, so rationell und so billig wie möglich zu produzieren. Und deshalb die Quelle seines Wertes so optimal wie möglich auszubeuten – wie eine Mine, die er gepachtet hat. So beginnt der Dauerkampf der Antagonisten (heute nennt man sie Sozialpartner), der Kampf um die Länge des Arbeitstages und die Intensität der Arbeit.

Empörung schlägt durch den bemüht kühlen, wissenschaftlichen Ton, wenn Marx die maßlose Ausdehnung des Arbeitstages im frühen, rohen Kapitalismus, in den Höllen der »absoluten Mehrwertproduktion« analysiert, mit den 18-stündigen Arbeitstagen von Eisenbahnarbeitern, den 14-Stunden-Schichten von neunjährigen Kindern, der frühen Sterblichkeit der Grobschmiede, oder, ganz konkret (und Marx ist sichtlich berührt) vom Tod »durch einfache Überarbeit« der Putzmacherin Mary Ann Walkley nach 26 Stunden Arbeit ohne Pause, weil sie die Prachtkleider für den Huldigungsball der Prinzessin von Wales fertigmachen musste. (23:269) Aufs Ganze gesehen aber bemüht sich Marx um die analytische Kälte des historisch denkenden Ökonomen, der im Kapitalisten nicht den Schurken, sondern den Funktionär eines zwangsläufig ablaufenden Prozesses sieht.

»Als Fanatiker der Verwertung des Werts«, so schreibt er am Ende der Darstellung der Formen des Mehrwerts, »zwingt [der Kapitalist] rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen«. Gezwungen von der Konkurrenz wird er so zum Träger »einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsformation bilden können, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist.« (23:618)

Der Kapitalist ist also der stärkste Agent des Fortschritts, allerdings nicht ganz freiwillig. Der Staat unterbindet die schlimmsten Exzesse der absoluten Mehrwertproduktion mit Arbeitszeitregelungen. Diese wiederum nötigen die Kapitalisten zur Erfindung arbeitssparender Maschinen, zur Produktion auf immer größerer Stufenleiter. Die Fabrik bringt Arbeiter zusammen, die gründen Gewerkschaften, das treibt die Löhne hoch, und das wiederum initiiert die nächste Rationalisierungsstufe, durch die Tausende von Arbeitern freigesetzt werden – bis am Ende, im Maschinensystem, »die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit von Inhalt« (23:446). Diese totale Entfremdung aber ist für Marx zugleich »Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte« (25:222). Denn an deren Ende, das ist der kühne utopische Vorgriff, steht der hochaggregierte Maschinenpark der entwickelten Industriegesellschaft, in dem kein einzelner Lohn mehr die Leistung ausdrücken kann, weil niemand berechnen kann: wieviel Wert ›schöpft‹ der Ingenieur, wieviel sein Lehrer, wieviel sein Handlanger und wieviel dessen Frau in diesem großen Mechanismus.

Die Faszination bei der Lektüre des Marx’schen Buches entsteht nicht nur durch Materialfülle. Anders als in den Lehrbüchern der Mainstream-Ökonomie werden in seiner Darstellung der kapitalistische Mechanismus, die Geschichte der Technologie, die Veränderung der Arbeitsbedingungen, die sozialen Auseinandersetzungen und die Lebensverhältnisse zusammengedacht und in eine große, idealtypische Erzählung der kapitalistischen Dynamik gebracht. Es ist eine Erzählung, die im 4. Kapitel beginnt, mit eben dieser ironisch stilisierten Begegnung des Geldbesitzers mit dem Arbeitskraftbesitzer, und die danach ihren zwingenden Gang geht, bis zum vorläufigen Endpunkt der kapitalistischen Entwicklung: der Konzentration der Produktion in immer weniger großen Unternehmen, Monopolen, Oligopolen, und, auf der anderen Seite, wachsender Arbeitslosigkeit und Armut.

Es gibt keine endkrise

Kein anderes Werk der ökonomischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts hat diese Kraft der Integration und der Prognose. Marx lässt seine Darstellung im dritten, erst nach seinem Tod von Friedrich Engels herausgegebenen Band des Kapital mit dem viel diskutierten »Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate« enden – dem allmählichen Erlahmen der Kapitalproduktivität. Der Grundgedanke lautet: Wenn nur die Arbeit Wert produziert, aber der Anteil der Arbeit immer weiter zurückgeht gegenüber der Macht der Maschinen, dann entsteht immer weniger Mehrwert. Es ist ein Theorem, das in Teilen in der marxistischen Arbeiterbewegung lange den Glauben an einen automatischen Zusammenbruch der Produktionsweise genährt hat.

Bis jetzt allerdings hat sich das kapitalistische System immer wieder mit neuen Innovationsschüben verjüngt; aber der Preis der Rettungen wird immer höher, wenn – was wir gerade erleben – das Wachstum abflacht, keine neue Basis-Innovation in Sicht ist und die wachsende Zahl der Überflüssigen die Legitimität eines Systems untergräbt, das nicht mehr fähig ist, seine Arbeiter noch auszubeuten, sie, wie Marx im Kommunistischen Manifest schreibt, »ernähren muss, statt von ihnen ernährt zu werden« (Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW 4:461–493, hier: 473).

Sehr knapp, mit ein paar Sätzen nur hat Marx am Ende des ersten Bandes des Kapital ein mögliches Ende dieser Geschichte skizziert: die Konzentration der Kapitale, die Monopolisierung, die Dynamik der Globalisierung lässt die Kluft zwischen obszönem Reichtum und Elend ins Unerträgliche wachsen; zunehmend fesselt das Privateigentum die Möglichkeiten, die in der Technik stecken, es kommt zu Revolutionen, die Produktivkräfte werden vergesellschaftet; nicht länger der chaotische Markt, sondern die vergesellschafteten Individuen entscheidet gemeinsam über die Verwendung des Mehrprodukts. Ein Datum ist dieser Prognose eines glücklichen Ausgangs nicht beigegeben, aber natürlich, da steckt ein Rest von geschichtsphilosophischer Gewissheit über das Ende der Geschichte auf diesen letzten paar Seiten einer Theorie, die in ihrer Gesamtgestalt keine fest definierten Grenzen, nur flexible Schranken der kapitalistischen Produktion kennt. Das Ganze ist flüchtig, wenn auch wortstark hingeworfen, ein schwaches Echo auf die Revolutionspassagen aus dem Manifest, eigentlich ein Fremdkörper in der strengen ökonomischen Theorie.

Dieser dogmatische Rest, man könnte auch sagen, dieser politische Überschuss hat die Rezeptionsgeschichte des Marx’schen Kapital lange bestimmt. In der Arbeiterbewegung, in der das Buch mehr zitiert und populär referiert als gelesen wurde, hat Marxens komplexes Werk nicht nur die Mechanismen der Ausbeutung erklärt und so das Klassenbewusstsein gestärkt, sondern auch die Erwartung des ›großen Kladderadatsch‹ genährt, eines automatischen Zusammenbruchs des Kapitalismus – und damit aktive Strategien zu seiner Transformation unterminiert. Die fragmentarischen Bemerkungen von Marx und Engels über die »Diktatur des Proletariats«, womit sie am ehesten wohl so etwas wie eine rätedemokratische Organisation der Gesellschaft meinten, sind nicht nur vom sowjetischen Kommunismus zur Rechtfertigung der Diktatur missbraucht worden. Und die martialisch klingende Parole von der proletarischen Diktatur hat die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft in die dogmatische Ablehnung einer objektiven Theorie des Werts und in die Verkennung der grundlegenden Krisenhaftigkeit des Kapitalismus getrieben. Um die politischen Konsequenzen der Mehrwerttheorie zu bekämpfen, waren sie gezwungen, die Untersuchung des Produktionsprozesses – so wie die Geschichte der Arbeit und der Technologie – aus ihrem theoretischen Programm zu streichen. So verschwand aus ihren Modellbildern des Marktgeschehens der eigentliche Gegenstand einer ökonomischen Wissenschaft: die produzierende Gesellschaft. Ebenso wie der Blick auf die Mehrwertproduktion, die den Reichtum der Gesellschaft »nur entwickelt… indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« (23:530).

Das wurde vor 150 Jahren geschrieben. Heute sagen uns nicht nur unsere Gefühle, sondern auch die Zahlen: Wir nähern uns der Schranke, aber wo sie genau liegt, kann niemand sagen. Kann man also mit der Kategorie des Mehrwerts heute noch Politik machen?

Da kommt zunächst der Einwand: Der Mehrwert ist nicht messbar. Das stimmt. Und zugleich stimmt es nicht. Es stimmt: Die Arbeitswertund Mehrwerttheorie eignet sich nicht zur Bestimmung individueller Preise – Marx selbst liefert die Gründe dafür –, wohl aber kann man mit ihr gesamtgesellschaftliche Tendenzen und Mechanismen erklären – so wie das Gravitationsgesetz gilt, auch wenn man mit ihm nicht den empirischen Fall eines einzelnen Blattes berechnen kann.

So erinnert die gegenwärtige ›säkulare Stagnation‹ der entwickelten Volkswirtschaften an das Marx’sche Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, und die Mechanismen, mit denen die Unternehmer auf schrumpfende Profite reagieren, sind dieselben wie in der Frühzeit der kapitalistischen Mehrwertproduktion: Verlängerung der Arbeitszeit, Schwächung der Gewerkschaften, Verdichtung der Arbeit, Absenkung der Einkommen.

Und wie steht es mit dem anderen Phänomen, das Ökonomen und Öffentlichkeit heute beschäftigt: die gewaltige Produktivitätssteigerung durch die Informationstechnologie, den Computer und das Internet? Die ›Wissensökonomie‹, von der heute so viel geschrieben und geredet wird?

»Die Bedeutung der Arbeit nimmt ab, die von Wissen nimmt zu«, »Wissen wirft längst höhere Investitionsrenditen ab als Kapital.« Das sind einige der Formeln, mit denen seit Ende des letzten Jahrhunderts die ›neue Ungleichheit‹ begründet wird, die horrenden Profite der IT-Branchen, der Druck auf die Löhne, die chronische ›Arbeitslosigkeit‹. Die Bedeutung von Kapital und Arbeit nähmen ab, Wissen sei der neue, alles bestimmende Produktionsfaktor.

Wissen als unabhängige Wertquelle? Marx hätte eine solche Sichtweise »Vulgärökonomie« genannt. Vulgär – damit meinte er nicht die grobe Gier, sondern Theorien, die sich vom Alltagswissen der wirtschaftlichen Akteure und den unmittelbar wahrnehmbaren Formen des Wirtschaftens nicht lösen, die nicht das Gesetz hinter den Dingen suchen. Wissenschaft, so spottet Marx, »wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsformen und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen«. (25:825)

Auf der Grundlage der Marx’schen Theorie vom Mehrwert, der durch (Mehr-)Arbeit entsteht, lässt sich die klassische Vorstellung der drei werthaltigen Produktionsfaktoren Kapital, Arbeit und Boden nicht aufrechterhalten. »Denn ›Geld‹ oder ›Kapital‹ ›arbeiten‹ nicht«, so fasst es der Ökonom Nils Fröhlich zusammen, der mit der angeblich überholten Arbeitswerttheorie das Sozialprodukt berechnet hat, »sie ›erwirtschaften‹ auch keine Rendite. Vielmehr stellen diese vermeintlich selbständigen, scheinbar durch Dinge verursachten Anteile der gesellschaftlichen Wertschöpfung nur unterschiedliche Erscheinungsformen des Mehrwerts, also menschlicher Mehrarbeit, dar.«3

Vulgärökonomisch in diesem Sinne wäre nicht nur die Theorie der drei Produktionsfaktoren, sondern auch die neueste über einen vierten Faktor: das Wissen. Denn was geschieht in dieser Wissensökonomie anders, wenn auch auf unendlich größerem Maßstab, als was beim Übergang vom Handwerk zur Maschinenproduktion passierte. Wenn damals »Muskelentwicklung, Schärfe des Blicks, Virtuosität der Hand« (23:403) in die Maschine wanderten, so sind es jetzt die Arbeitsroutinen und der Erfahrungsschatz ganzer Berufe in die Algorithmen der Informationstechnik. In Generation erarbeitetes Expertenwissen wird in Software verwandelt, als »geistiges Eigentum« patentiert und erscheint so als Eigenschaft des Kapitals. So wie zu Beginn des neuzeitlichen Kapitalismus die Wälder, Weiden und Wege, die als Gemeinbesitz von allen genutzt wurden, von den Grundeigentumskapitalisten eingezäunt und privatisiert wurden, zieht das informationstechnologische Kapital heute Copyright-Zäune um den Gemeinbesitz an Produktionswissen und anwendbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Die ungeheuren Renditen von Microsoft, Amazon, Google und Facebook entstehen ja weniger dadurch, dass sie der Welt eine neue Dimension hinzufügen, als dass ihre Algorithmen das bestehende System von Produktion, Zirkulation und Kommunikation rationeller, schneller und billiger machen. »Business at the speed of thought« – so formulierte Bill Gates den utopischen Fluchtpunkt der Kapitalverwertung: Die Produktions-Software steigert die Produktivität, sprich den relativen Mehrwert der Arbeit. Das Internet als Logistikwerkzeug beschleunigt den Umschlag der Waren, als universale Kommunikationsmaschine horcht es Kunden aus und stupst Bedürfnisse an. Und wenn das alte Fabriksystem einerseits die Kooperationsdichte der Gesellschaft erhöhte, andererseits die Entfremdung der Arbeiter auf die Spitze trieb, ermöglicht das Internet einerseits universelle Kommunikation, andererseits neue Formen der Ausbeutung wie die crowd work, in der isolierte Individuen an ihren Rechnern Werbetextchen formulieren oder Roboter trainieren, keine Arbeitszeitbegrenzung kennen und dann auch noch unterschreiben müssen, dass sie nicht untereinander kommunizieren. Keine Gewerkschaft kann denen helfen, sie sind freie Verkäufer ihrer Arbeitskraft, schutzloser noch als der Tagelöhner, den Marxens Bilderbuch-Kapitalist am Ende des 4. Kapitels anstellt.

Angesichts dieser neuen Ausbeutungsformen, der Arbeitslosigkeit und der kommenden Automatisierungswelle schwillt die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen an. Ein ›Existenzgeld‹ soll die Würde der Überflüssigen sichern. Es wäre die Würde der Almosenempfänger. Von »Menschen«, wie Marx schreibt, »die mit Vergnügen auf den Handel eingehen würden, wenn das Kapital sie zahlen wollte, ohne sie arbeiten zu lassen« (Grundrisse, MEW 42.375). Für ihn wäre das der Gipfel der Entfremdung gewesen: der Verzicht darauf, ein produktives, Reichtum schaffendes Mitglied der Gesellschaft zu sein und deshalb bei seiner Verwendung ein Wörtchen mitzureden.

Noch einmal gefragt: Was kann man mit dem Mehrwertbegriff anfangen, in dieser Situation, in der immer weniger Menschen für die Produktion des Notwendigen gebraucht werden, in der, wie Marx schrieb, das System nicht mehr darauf angewiesen, aber auch nicht mehr fähig ist, seine Arbeiter auszubeuten, sie »ernähren muss, statt von ihnen ernährt zu werden«?

Vielleicht, das wäre mein Vorschlag, muss man den Mehrwertbegriff historisieren. »Wir reklamieren den Inhalt der Geschichte.« So formulierte der jugendliche Friedrich Engels mit fanfaranartigem Kursiv-Wir einen den Anspruch aller Mitglieder der Gesellschaft auf das Mehrprodukt. (Die Lage Englands, MEW 1:545) Und er war nicht der einzige Bürger in der Geschichte, der so dachte. »An der Arbeit, die in unsichtbarer Verkettung alle leisten, sind alle berechtigt. (…) Wirtschaft ist nicht Privatsache.« Das schrieb nun nicht Dr. Marx aus London, sondern der AEG-Gründer Walter Rathenau4, in seinen eigenen Worten ein Plutokrat. Reichtum einer Gesellschaft ist nicht die Summe der Einkommen und Vermögen.

Denn warum ist eine Nation reich?

Weil Bürger die Stadtfreiheit erkämpften; weil Seeleute neue Ideen mitbringen; weil Flüchtlingsfrauen härter arbeiten als andere; weil es eine Religion gibt, die Fleiß als gottgefällig ansieht; weil zehn begabte Feinmechaniker zehn andere anziehen; weil Manchester pfiffige Fabrikjungens und Schwaben pfiffige Ingenieurinnen hervorbringt – kurz, weil die ganze Geschichte eines Landes mitproduziert hat, weil die vollständige Liste der Mitwirkenden an neuen Geschäftsideen mindestens so lang ist wie der Abspann von hundert Hollywood-Filmen. Und heute, im Zeitalter der Globalisierung wird es noch ein wenig komplizierter, weil wir nicht nur unsere Turnschuhproduktion nach Guangdong verlegt haben. Die ökonomische Nation – sie reicht heute so weit, wie die Herkunft der von uns benutzten und die Lieferadressen der von uns produzierten Produkte, und eine Theorie des gesellschaftlichen Mehrwerts müsste heute weit in die Welt und weit in die Geschichte reichen.

»Wir reklamieren den Inhalt der Geschichte« – man könnte eine solche Sichtweise in Anlehnung an den Historischen Materialismus einen ›historischen Moralismus‹ nennen. Aber der ›globale Gesamtarbeiter‹, der diesen Mehrwert einklagen könnte, ist keine handliche Kategorie – und schon gar kein politisches Subjekt.

Hat also der Begriff des Mehrwerts – und hat die Arbeitswerttheorie, aus der er abgeleitet ist, also die Theorie der Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit – noch irgendeinen Nutzen über einen solchen historischen Moralismus hinaus? Über eine Kritik ohne starke Kräfte dahinter?

»Alle Ökonomie ist Ökonomie der Zeit« (Grundrisse, MEW 42:105), so heißt es bei Marx. Jede Gesellschaft muss ihre Arbeit auf die notwendigen Tätigkeiten aufteilen und einen Modus der Verwendung des Mehrprodukts finden. In allen Gesellschaften, bis heute, wurde dieses Mehrprodukt von den Eliten angeeignet. Im Kapitalismus nahm es die Form des Mehrwerts an, setzte die Akkumulation von Kapital in Gang und ließ die Produktivkräfte explodieren. Die Zeit, die für die Produktion des Notwendigen nötig war, schrumpfte so rasant, wie die Akkumulation sich beschleunigte. Das führte einerseits zu einer systemnotwendigen Steigerung der Produktion von neutral gesprochen: Überfluss, qualitativ gesprochen: viel Unsinn und darüber hinaus zu einem Überhang an unbeschäftigtem Kapital, das in die Privatisierung ehemals gesellschaft lichen Reichtums an Grundversorgung mit Bildung, Gesundheit und Sicherheit, in die Finanzspekulation und die ökologisch verheerende Ausquetschung der letzten Ressourcen an Rohstoffen drängt.

Und damit sind wir an die Grenzen der Mehrwertproduktion gekommen, jenseits derer, die »Springquellen des Reichtums« ruiniert werden. Es sei denn, wir schaffen einen Sprung in der gesellschaftlichen Evolution: hin zu einer Gesellschaft, die – so am Ende des dritten Bandes des Kapital – »ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regelt und unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringt, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden, ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten Bedingungen vollzieht« (25:828).

Die Notwendigkeit für einen solchen zivilisatorischen Evolutionssprung liegt heute auf der Hand. Denn der Markt scheint weder das Problem der Ungleichheit und der Armut zu lösen, noch die Verwüstung der Natur, weder die Bewältigung des Klimawandels, noch den Umbau unseres Energiesystems. All das erforderte eine Umwidmung gesellschaftlicher Ressourcen, eine Verwendung steigender Quanten des Mehrprodukts für die Lösung dieser Aufgaben, damit wir – wie es am Ende des vor bald 150 Jahren erschienenen Werks Das Kapital heißt – die Erde, deren Nutznießer, nicht deren Eigentümer wir sind, »sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert hinterlassen« (25:784).

Welche politisch-ökonomischen Institutionen eine solche »rationelle und gemeinschaftliche Kontrolle« (25:828) leisten könnten – denn zurzeit leisten es weder der Markt noch die schwächelnde parlamentarische Demokratie –, das wäre eine lohnende Frage für eine Wissenschaft der Politischen Ökonomie, die auf der Höhe unserer Zeit wäre.

Denn Marx hilft hier nicht weiter. Rationelle Produktion, gemeinschaftliche Kontrolle, menschenwürdige Bedingungen – über die Ausfüllung dieser abstrakten Zielformeln hinaus findet sich wenig in seinem Werk, schon deshalb kann man ihn nicht für die Planpannen, die Vergeudung, den Terror im Sowjetkommunismus als theoretischen Zeugen bemühen, auch wenn diese Übung nach wie vor beliebt ist. Selbst die berühmten Sätze über den Kommunismus im Manifest stellen ja eher Fragen, als dass sie Organisationsformen vorschlagen: »jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« (Kritik des Gothaer Programms, MEW 19:21) – gut, gut, aber wie sollen die Ausführungsbestimmungen aussehen? Marx gibt ein paar Hinweise auf Genossenschaften, und, politisch, auf die Pariser Commune, aber das war schon für seine Zeit zu klein gedacht, geschweige denn für die Lösung der Aufgabe, eine komplexe Hightech-Gesellschaft rational zu organisieren und nicht den kostspieligen Suchbewegungen der Märkte zu überlassen.

Worin läge dann also der praktische Nutzen, heute Das Kapital zu lesen? Vielleicht darin: Man kann bestimmte Begriffe hinterher nicht mehr benutzen, wenn man einmal durch die Tür gegangen ist, in die verborgene Stätte der Produktion im 4. Kapitel des Kapital. Man wird sie nicht mehr benutzen, weil sie die Wirklichkeit verstellen. Man wird nicht mehr »Humankapital« sagen, wo es sich um lebendige Arbeitskraft handelt, man wird bei dem Wort »Zins« immer an Mehrwert denken, bei Arbeitsteilung an Kooperation, bei Kapital nicht an Geld oder Chefs, sondern an ein Herrschaftsverhältnis, bei Wachstum an Gesamtarbeit. Und so weiter. Man läuft nach Marx-Lektüre gleichsam mit einem gewaschenen Gehirn herum, die Flusen der Vulgärökonomie sind weggewaschen.

Und was macht man mit dem gewaschenen Gehirn? Marx glaubte daran, dass »mit der Einsicht in den Zusammenhang … aller theoretische Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände« (Marx an Kugelmann, MEW 32:553) stürzt. Das stimmt wohl, und in diesen Jahren wankt der Glaube auf allen Etagen der Gesellschaft. Aber vom gestürzten Glauben an die Ewigkeit des Kapitalismus bis zum Willen, geschweige denn zur Aktion, die ihn verändert, gar überwindet, ist es kein kurzer Weg, zumal wir den Glauben an ein historisches Subjekt, das die Revolution als seine Aufgabe erkennt und durchführt, wohl endgültig verabschiedet haben. »Sie fragen nach dem Subjekt der Veränderung«, pflegte der Soziologe Pierre Bourdieu zu sagen, und dann schmunzelte er auffordernd: »Na ja, das sind diejenigen, die es machen.« Immerhin, die Lektüre hilft dabei, wenigstens im Denken nicht unter unseren Möglichkeiten zu bleiben. Uns daran zu erinnern, dass in den Maschinen von heute die Arbeit aller Generationen vor uns steckt, die auf Befreiung wartet. Man kann dieses Erbe ausschlagen, sicher. Aber das wäre doch schade – um den Mehrwert der Geschichte.

 

 

  1Nils Fröhlich: Die Marx’sche Werttheorie: Darstellung und gegenwärtige Bedeutung, Arbeitspapier TU Chemnitz 2003, S. 80; siehe auch ders.: Die Aktualität der Arbeitswertlehre. Theoretische und empirische Aspekte, Marburg 2009.

  2 Walther Rathenau, Schriften und Reden, Frankfurt am Main 1964, S. 49,53

JOHN HOLLOWAY ÜBERWIDERSTAND

 

 

 

Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. (…) Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.

Kapital Band 1 (MEW 23:92)

Hundert Jahre lang ist das Buch mit dem Titel »Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie« in der Arbeiterbewegung genau so benutzt worden, wie Marx es seinem Freund, dem Revolutionär Johann Philipp Becker schrieb: als eine Kampfschrift gegen den Kapitalismus. Mehr als hundert Jahre lang haben die Marx-Exegeten über das, was mit Kritik gemeint sei, diskutiert und gestritten. Der Artikel »Kritik der politischen Ökonomie« im »Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus« umfasst 33 Spalten und gefühlt mehrfach so viele Interpretationen. Marx selbst hat sein Unternehmen so charakterisiert: »Kritik der ökonomischen Kategorien, oder, if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben« (Marx an Lassalle, MEW 29.550). Kritik an den versteckten ideologischen Prämissen in den Werken der ökonomischen Klassiker und zugleich eine bessere Theorie des Kapitalismus, das mag im Rahmen eines traditionellen Wissenschaftsverständnisses noch koexistieren – aber wie kann eine Theorie, die für sich in Anspruch nimmt, den Standards und dem Ethos der Wissenschaft zu folgen, gleichzeitig ›Waffe im Klassenkampf‹ sein? Dieser Leitbegriff des »Kommunistischen Manifests« kommt im Kapital nur einmal vor, er leitet die Untersuchung nicht an. Man kann das »Kapital« lesen als eine Systemtheorie, die den inneren Zusammenhang einer entfremdeten Gesellschaft fassbarer und anschaulicher darstellt als konkurrierende Theorien. Und doch ist der Klassenkampf immer präsent: in den historischen Kapiteln, in den Kategorien und ihrer Verknüpfung. Und schon im ersten Satz – so jedenfalls interpretiert es John Holloway, dessen »Kapital«-Lektüre von den Marx’schen Frühschriften geprägt ist, von der Dialektik der Negativität, wie sie die Frankfurter Schule entwickelt hat, von der Revolutionstheorie Herbert Marcuses – und vom Widerstand und Aufstand der Zapatistas von Chiapas, den Holloway, der in Mexiko lehrt, erlebt hat.

 

 

JOHN HOLLOWAYGANZ AM ANFANG BEGINNEN

I

Lies den ersten Satz und lies ihn dann noch einmal. Das Kapital ist ein langes und komplexes Buch, aber ein Großteil der darin entwickelten Argumentation findet sich bereits im ersten Satz, dem die meisten Menschen kaum Aufmerksamkeit schenken. Die Schuld dafür liegt bei Marx. Unglücklicherweise vermittelt er den Eindruck, dass das Buch mit dem zweiten Satz anfängt, wohingegen bereits im ersten Satz auf die zentrale Argumentation hingedeutet wird. Diese Konfusion hat enorme theoretische und politische Folgen. Wenn wir mit dem ersten Satz beginnen, eröffnet uns das eine ganz andere Lesart des Kapital. Nämlich nicht nur als eine Theorie der Funktionsweise des Kapitalismus, sondern als Theorie der Revolution, aber als Theorie der Revolution, die sich von den revolutionären Theorien des Zwanzigsten Jahrhunderts völlig unterscheidet, eine Theorie, in denen die Anliegen der heutigen antikapitalistischen Bewegungen ihren Widerhall finden.