Beschreibung

Gewinner des Deutschen Phantastikpreises 2017 in der Kategorie "Bester internationaler Roman" Manche Träume entführen uns in eine Welt, die wir noch nie zuvor betreten haben. Und obwohl sie uns fremd ist, kennt sie unsere Seele seit Hunderten von Jahren. Mein Name ist Willow Parker. Eigentlich dachte ich immer, ich sei ein ganz normales Mädchen. Okay, nicht ganz normal, denn wer sieht schon in den Augen der andern deren eigenes Spiegelbild? Aber seit heute weiß ich nicht einmal mehr, was es bedeutet, normal zu sein...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 321

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


Rebell

Gläserner Zorn

Mirjam H. Hüberli

Inhalt

Impressum

Widmung

Manche Träume …

Prolog

1.Montag-Morgen-Blues mit Albträumen, Verrückten und Hirngespinsten

2.Türkisfarbene Tüllkleider bringen Glück

3.Türkiser Nachthimmel

4.Erstarrte Schmetterlinge im Bauch

5.Zärtliches VW-Käfer-Schnurren und andere Nebensächlichkeiten

6.Wenn du realisierst, dass dein Ausrutscher in die Anomalie mit jeder Sekunde wächst

7.Der Hauch der Schicksalsgöttin

8.Wenn sich Glück in Staub verwandelt

9.Argumente sind nicht immer das, was überzeugt

10.Anders ist nicht gleich anders

11.Rebell, rebellisch – Bo!

12.So ist das eben, wenn die Seele mehr weiß als der Geist

13.Kein Kreis wie der andere. Oder: penible Reinlichkeit, die Lady in Weiß und ein Motorrad mit Stollen

14.Heulende Motoren und nagende Zweifel

15.Gedanken, so leise wie Schneeflocken fallen

16.Unterschätze niemals deinen Gegner – egal, wie winzig er ist

17.Tausend zornige Spiegelsplitter

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Bücher von Mirjam H. Hüberli

Copyright © 2016 by

Drachenmond Verlag

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Konstanze Bergner

Korrektorat: Lillith Korn

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

www.alexanderkopainski.de

Illustrationen: Mirjam H. Hüberli

Spiegeldesign:

Alexander Kopainski nach Vorlage von Mirjam H. Hüberli

ISBN 978-3-95991-718-6

Alle Rechte vorbehalten

Für Bo.

Weil du mit deiner Geschichte

zu mir kamst.

Weil du nicht wusstest,

auf was du dich einlässt.

Und weil du nie das tust,

was ich von dir erwarte.

Manche Träume …

entführen uns

in eine Welt,

die wir noch nie zuvor

betreten haben.

Und obwohl sie uns fremd ist,

kennt sie unsere Seele

seit Hunderten von Jahren.

Vor mehr als vierzehn Jahren …

Prolog

Vor mehr als vierzehn Jahren …

Willow schreckte im Bett hoch.

Hatte Mama etwa vergessen, ihr beim Zubettgehen das Einschlaflied vorzusingen?

Willow wimmerte, weil ihr Herz schmerzte.

Kurzatmig glitt sie vom Bett hinunter und tapste mit wackeligen Schritten aus dem Kinderzimmer. Doch auf der obersten Stufe der Treppe blieb sie stehen, streckte die Fingerchen aus, um sich am Geländer festhalten zu können.

Ihre Hände waren schweißnass. Sie zitterten so sehr, dass sie sich nur mit Mühe an den kalten Gitterstäben festkrallen konnte, und alles wurde vom keuchenden Geräusch ihres Atems begleitet.

»Mama?« Willows Stimme glitt dumpf über die mit weinrotem Teppich bezogenen Stufen und verlor sich in den flauschigen Fasern.

Es war, als ob sie plötzlich keine Luft mehr bekam. Sie röchelte, doch Mama hörte sie einfach nicht. Dabei tat es so weh. So fürchterlich weh!

Wieder blitzte in ihrem Inneren das Gesicht eines schreienden Mädchens auf, die Augen vor Furcht weit aufgerissen. Die Schwärze der Pupillen fraß sämtliches Blau drumherum und ließ das Spiegelbild aufflackern.

Doch da erlosch das Gesicht des Mädchens auch schon wieder.

»Mama?«, wimmerte Willow erneut.

Mama war doch zu Hause … oder?

Willow schloss die Augen und dachte angestrengt nach. Sie hatte in der Küche gespielt, bis Mama mit dem Abwasch fertig gewesen war und sie ins Bett gebracht hatte. Mama nahm sie auf die Arme, schwank sie im Kreis herum und lachte, weil Willows Teddy in den kleinen Händen auf und ab tanzte.

»Ah, du spielst mit deinem Teddy«, sagte Mama und verbesserte sich beim nächsten Atemzug. »Entschuldige, ich meine natürlich mit Prinz Ted. Erzähl mal: Hat Prinz Ted seine Prinzessin schon gefunden?«

»Nein.« Willow schüttelte den Kopf. »Eine echte Prinzessin zu finden ist sehr schwer.« Flüsternd fügt sie die Frage an: »Gehst du heute wieder arbeiten?«

»Nein, Hasi. Heute Nacht bleibe ich bei meiner Prinzessin Willow.«

Mama bettete sie in die Kuscheldecke und sang mit ihr das Einschlaflied. Kurz darauf war Willow im Land der Träume versunken.

Bis der Schmerz ihr den Schlaf geraubt hatte …

Jetzt schwankte Willow auf dem Treppenabsatz.

Vor dem Fenster dämmerte es. Bald würde es tiefe Nacht sein.

Willow klammerte ihre Finger noch fester um das Geländer. Mit wackeligen Schritten zwang sie sich die ersten Stufen hinunter.

»Mama?«, krächzte sie wieder.

Hinten im Rachen tat es weh, wenn sie versuchte zu sprechen, und alles verschwamm vor ihren Augen.

Plötzlich war da wieder dieses Gesicht vor ihrem geistigen Auge. Doch diesmal verwandelte es sich in einen merkwürdigen Tagtraum.

Abermals das kleine Kind. Dazu Reifenspuren, zersplittertes Glas und Wagenteile.

Das Mädchen lag ganz still auf dem Boden, doch der eine Arm stand in einem hässlich unnatürlichen Winkel vom Körper ab, das Knie war verdreht. Ihre offenen Augen stierten ins Nichts und auch in ihnen war nichts als Leere. Rote Tränen trockneten auf den Wangen. Auf Wangen, die an manchen Stellen keine Haut mehr hatten. Da war nichts mehr übrig als blutendes Fleisch. Abgewetzt bis auf die Knochen.

Überall Blut. Auf dem pinken Pullover, dem blonden Haar, sogar auf dem Asphalt. Rundherum flackerten Lichter und der Mund des Mädchens öffnete sich ein winziges bisschen. Doch es war nichts als ihr letzter Atemzug und mit ihm schrie Willow in heller Panik auf. Denn dieses Mädchen ohne Haut und mit den toten Augen, das war sie selbst …

Willow rannte, so schnell es ihre wackeligen Beinchen zuließen, die Treppe hinunter. Fast hatte sie den Boden erreicht, als sich ihre plüschigen Hello-Kitty-Hausschuhe in dem Teppich verhedderten. Willow stolperte und landete laut polternd auf dem Dielenboden.

Ihre Knie pochten und Tränen brannten in ihren Augen, aber all das war nichts im Vergleich zu den Schmerzen in ihrem Inneren. Es fühlte sich an, als ob sie von innen heraus verbrennen würde.

»Mama …«, schluchzte sie.

Noch während Willows Mutter die Schlafzimmertür aufriss, umwallte der seidige Morgenmantel den zitternden Körper des Mädchens und vor ihren Augen wurde alles schwarz.

So schwarz wie die erwachende Nacht …

1

Montag-Morgen-Blues mit Albträumen, Verrückten und Hirngespinsten

Wenn ich etwas noch weniger ausstehen kann als den Montagmorgen, dann ist es diese peinlich inszenierte Dramaqueen, die den Faktor »Fremdschämen« längst hinter sich gelassen hat.

Ich ignoriere also die schrille Stimme, die man schon von Weitem hören kann, stakse die Treppe zum Uni-Eingang hinauf und zupfe mein Carrie-Bradshaw-Outfit zurecht.

Natürlich ist das nicht mein tägliches Styling. Aber dieser Tag kommt mir sowieso nicht normal vor. Ich komme mir nicht normal vor. Klar, ich war noch nie ganz normal. Zumindest haben mir das schon etliche »nette« Leute an den Kopf geworfen. Ganz falsch liegen sie damit wohl nicht …

Für den Bruchteil einer Sekunde leben die Bilder des nächtlichen Traums wieder in mir auf, und ich fahre fast unmerklich zusammen, während sich meine Finger tief in den türkisfarbenen Tüll meines Kleides krallen. Vergeblich versuche ich, die Traumfetzen der vergangenen Nacht einzufangen. Die Bilder verblassen, bevor ich sie erwischen kann.

Da war etwas mit einem Gesicht ohne Haut. Einem Kind. Einer Mutter. Meiner Mutter …?

Und Panik?

Aber ich kann mich nicht an dieses Haus entsinnen, auch nicht an meine Mutter. Schließlich habe ich an das Leben vor Oma kaum noch Erinnerungen. Nur an dieses kleine Mädchen auf dem Asphalt … Womöglich, weil es irgendwie mit dem Tod meiner Eltern zusammenhängt?

Das Blut. Überall war Blut … Da geschah irgendetwas Grauenhaftes.

Ist Blut nicht immer widerlich und grauenhaft?

Ich schaudere beim bloßen Gedanken an den Geruch, so … so … ekelhaft metallisch und süß.

Aber irgendwas war noch … Ein Schrei? Schreckliche Schmerzen? Furcht?

Ein kräftiger Schubs lässt mich abermals zusammenfahren und reißt mich aus meinen düsteren Gedanken. Schon überholt mich auf der rechten Seite eine ziemlich missratene Imitation von Superman. Würde das pinke S (Ja, heute trägt Mann Pink!) auf der Brust nicht so dominant ins Augen stechen, hätte ich nie im Leben erraten, was der Kerl darstellen möchte.

Ähm, ja … zurück zu meinem Outfit – und damit zum allmonatlichen Motto-Tag. (Eine Idee des gesamten Professoren-Kollegiums – ganz der amerikanische Way of Life.) Heute mit dem Thema »Mode und TV-Serien« und das ist genau mein Ding, denn ich liebe beides abgöttisch. Ausgefallene Klamotten (mein Schrank ist voll davon!) und die TV-Helden.

Trotz augenscheinlicher Kostümierung bleiben die Menschen, die darunterstecken, dieselben, und so erkenne ich die Gruppierungen auf den ersten Blick: Da sind die Sportfreaks mit ihren knielangen Schlabbershorts und zeltartigen Shirts. Die Schönheitsfanatiker, denen ihr Taschenspiegel in die Handinnenfläche eingewachsen zu sein scheint. Die Coolen und Beliebten muss ich wohl nicht noch extra erwähnen, genauso wenig wie die Möchtegerns und die Nerds, die nirgendwo so richtig reinzupassen scheinen. Natürlich darf auch die Anti-Motto-Bewegung nicht fehlen.

Wo ich selbst einzuordnen bin, darauf will ich lieber nicht näher eingehen. Nur so viel: Ich fühle mich weder den Coolen noch den Schönheitsfanatikern zugehörig und schon gar nicht bin ich so etwas wie ein Sportfreak …

Ich erklimme die letzten Stufen, was in einem solchen Kleid und noch dazu hochhackigen Schuhen gar nicht so einfach ist (zumindest nicht, wenn man galant dabei aussehen möchte), und passiere die Anti-Motto-Bewegung, als mir wieder diese hochnäsige Stimme entgegensurrt, die ich schon draußen hören konnte.

Drinnen, ein Stück weiter den Korridor entlang, erblicke ich, neben dem bereits erwähnten Superman-in-Pink-Typen, den Rest der coolen »Superhelden« und auf der gegenüberliegenden Seite, hübsch in Szene gesetzt, einige Schönheitsfanatiker.

In derselben Sekunde mache ich auch die Person aus, zu der das unangenehme Stimmorgan gehört.

Stella.

»Was soll das hier werden, wenn›s fertig ist?«, keift sie.

Eigentlich ignoriere ich solche hysterischen Auftritte gekonnt. Wem sollte das auch was bringen?

Eigentlich …

Denn die Worte gelten zwar nicht mir – aber indirekt irgendwie schon. Sie sind an Noah gerichtet aka verdammt heißer Typ aka so was wie mein Fast-Freund.

Noah beschenkt Stella gerade mit einem verkniffenen Lächeln. Solche Anfälle beeindrucken ihn nicht weiter. Und wie ich eben bemerke, hat er sich tatsächlich in Schale geworfen. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist? Fehlt nur noch die Zigarre und seine Aufmache wäre perfekt für Mr Big. Ich meine meinen Mr Big. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich diese Sorte Mann, die nie wirklich weiß, was sie will, bevorzuge.

In meiner Fantasievorstellung, die natürlich absolut perfekt ist – Hey, schließlich ist es meine Fantasie! –, ist mein Traumtyp einer der Sorte, der auf einer Höllenmaschine heranbraust und innerhalb eines Herzschlags weiß: Das Mädel gehört zu mir! Aber ähnlich kompliziert wie der Mr-Big-Kerl in der Serie ist auch Noahs und mein Beziehungsstatus. Noah leidet offensichtlich unter Bindungsängsten.

Dennoch weiß ich, dass er der Richtige ist. Schließlich ist kein echter Mensch perfekt.

Seit dem Tag, als ich Noah das erste Mal über den Weg gelaufen bin, habe ich diese besondere Verbindung zwischen uns gespürt. Sie ist schwer zu beschreiben. Es war nur ein kurzer Blick – ein flüchtiger Moment, in dem unsere Augen zueinander fanden -, der mein Herz höher schlagen ließ. Unser »Wir« ist nicht greifbar. Auch nicht sichtbar, aber dennoch … Es fühlt sich an, wie … wie … Es will mir einfach kein guter Vergleich einfallen. Vielleicht wie ein romantischer Sonnenaufgang im Herzen.

Ich bin mir sicher, Noah ist das Yang zu meinem Yin. Zwar besuchen wir nicht denselben Studiengang – ich Kunst, er Mathe – aber dieselbe Uni.

Und wenn wir schon beim Thema Kunst sind …

Manche glauben, im Kunstkurs ist nicht das Anhäufen von Wissen und intensives Lernen gefragt, nein, Kunst zu studieren sei ein Klacks. Du brauchst nur ein Übermaß an kreativer Energie (natürlich auf Knopfdruck abrufbar) und schon bist du mittendrin, in diesem Knäuel aus abgefahrenen Studenten, die sonst nichts mit sich anzufangen wissen – so die verquere Vorstellung. Selbst die Geeks sind hier angeblich so euphorisch, wie ihr leidgeprüfter Geist es eben zulässt. Manche nehmen sogar an, in Kunstkursen seien Worte wie Skandal, Blamage und Katastrophe aus dem Wortschatz gestrichen.

Doch weit gefehlt!

Es ist nun mal ein ungeschriebenes Gesetz der Menschheit, dass sich in willkürlich zusammengewürfelten Gruppen automatisch verschiedene Cliquen bilden. Und wo es Cliquen gibt, gibt es auch Gerede. Mal ganz abgesehen davon, dass wir in Anbetracht der gesamten Uni-Konstellation sowieso den Platz der anormalen Außenseiter eingenommen haben. Als »Kunstfreaks« eben.

Ich betrachte kurz mein Tüllkleid und schmunzele.

Aber wer will denn schon normal sein?

Normal … schon wieder dieses Wort.

Was ist heute bloß los?

Langsam nähere ich mich meinem Schließfach. Dann gilt meine Aufmerksamkeit wieder Noah. Dem Mann in meinem Leben, dessen Verhalten sich seit einigen Tagen zu verändern scheint …

Nicht viel, es sind bloß Kleinigkeiten, die den meisten Leuten nicht mal auffallen würden.

Seine Körperhaltung verändert sich. Auch seine Augen nehmen einen anderen Glanz an, und wie sich sein Mund verzieht, wenn er mich entdeckt – so wie jetzt.

Womöglich ist er endlich bereit, sich seinen Ängsten zu stellen und in unserer Beziehung einen gewaltigen Schritt weiterzugehen? (Dass diese Veränderungen bloß Luftschlösser meiner wild gesponnenen Gedanken sein könnten, diese Tatsache verdränge ich gerade meisterlich.)

Vielleicht können wir das böse Wort, das unseren Status bis jetzt beschrieben hat, ja tatsächlich abstreifen, und aus einem »Kompliziert« wird einfach so ein »Unkompliziert«?

Flüchtig finden sich unsere Blicke, ein Lächeln huscht über sein Gesicht und als ich mich gedankenverloren an einen der Spinde (nicht an meinen) lehne, kann ich nicht verhindern, dass mir ein glückseliger Seufzer entweicht.

Verdammt, sieht der Kerl in seinem Nadelstreifenanzug gut aus!

»Hey, Sweety«, drängt sich eine Frauenstimme zwischen meine Gedankenflüge von Noah und mir als Traumpaar und mein Mund verzieht sich zu einem angedeuteten Grinsen.

Die Begrüßung kommt von meiner Freundin.

Als ich den Kopf drehe und Sam angucke, wird das Schmunzeln noch eine Spur breiter.

In ihren Pupillen tanzt wie immer das Spiegelbild. Das alles ist total strange, ich weiß. Denn hey: Wer sieht schon in den Augen des Gegenübers dessen eigenes Spiegelbild? Wenn ich mich selbst darin überdeutlich erblicken könnte – kein Thema. Aber alles andere? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit …

Fragt mich nicht, wie es dennoch funktioniert. Verrückt ist ja schon, dass ich diese Projektion überhaupt erkennen kann, denn die Fläche des Auges ist bekanntermaßen eher begrenzt.

Vermutlich ist es so wie bei vielen Dingen, die außergewöhnlich sind: Sie sind unerklärlich. Trotzdem möchte ich versuchen, diesen intensiven Moment, denn das ist er ohne Frage, zu schildern: Es ist, als bleibt für eine Millisekunde die Zeit stehen. Die Spiegelung »zoomt« sich quasi zu mir heran, sodass ich das gesamte Spiegelbild genau betrachten kann. Es überrascht mich mittlerweile nicht mehr, dass sich Äußerlichkeiten wie Frisur und Klamotten jeweils von der Person selbst unterscheiden – bis auf das Gesicht, das ist immer absolut identisch.

Die Frage, weswegen ich selbst keine Spiegelung im Auge trage, wenn ich mich im Spiegel betrachte, ist bestimmt nur eine kleine, kaum nennenswerte Nebensächlichkeit …

Ich reiße meinen Blick von Sams Reflexion los und lasse ihn stattdessen über ihr Motto-Styling schweifen. Das rote, hautenge Kleid, das ihren Hüften schmeichelt, der knallige Lippenstift – alles klar!

»Sam als Samantha Jones?«, frage ich mit hochgezogener Augenbraue.

»Worauf du deinen Knackarsch verwetten kannst«, kontert sie breit grinsend.

Wir haben uns, ohne je ein Wort darüber verloren zu haben, dieselbe TV-Serie gesucht. Das ist mal wieder echt typisch für uns beide. Sie, die Sexbombe Samantha, und ich, die leicht hysterische Carrie mit Style. Außerdem fühle ich mich der wuschelblonden »Kolumnistin« auch wegen meines Zinkens (ich nenne ihn liebevoll »Charakternase«) und natürlich meiner Haarmähne ziemlich verbunden. Abgesehen von meinem Teint. Mit dem würde ich locker jedes Casting zur Zombiebraut gewinnen.

»Na, hat unsere Madame Stella mal wieder ein Luxusproblemchen?« Sam deutet mit dem Kinn zu dem keifenden Stimmchen hinüber.

»Der sollte mal jemand zur Abschreckung einen Spiegel vorhalten«, brummele ich kopfschüttelnd.

Endlich setze ich mich wieder in Bewegung, gehe die paar letzten Meter und bleibe bei meinem Schließfach, nur wenige Schritte neben Noah, stehen.

Während mein Blick von meinem Schließfach zu Noahs breiten Schultern gleitet, lausche ich Sam, gleichzeitig dringen auch Stellas Vorwürfe zu mir durch.

»Ich habe keinen Bock, wegen dir die Semesterarbeit wiederholen zu müssen«, giftet Stella weiter.

Aber nicht nur Noah scheint auf Durchzug geschaltet zu haben, auch mein Gehirn verarbeitet gerade ganz andere Informationen.

Wo bin ich stehen geblieben? Ach ja, bei Noah und seinen breiten Schultern. Auch wenn sein Oberkörper gerade von einem Jackett umkleidet wird, so kann ich dennoch seine gewölbten Schultermuskeln darunter erahnen, als er die Arme anhebt.

Stella schwafelt irgendwas Unbedeutendes über ein Projekt, bei dem Noah seinen Teil beizutragen habe. Es hätte mich mehr als überrascht, wenn er sich von solchen Vorwürfen hätte beirren lassen. Stella kann zwar mit ihrer Dominanz auf eine Vielzahl von Studenten einschüchternd wirken, aber sicher nicht auf ihn: Noah, den kein Überraschungstest ins Schwitzen bringt. Noah, der jegliche Herausforderung mit einem kühlen Schulterzucken abtut. Noah, gegen dessen Coolness erst noch ein Kraut wachsen muss. Noah, der nie seine wahren Gefühle zeigt?

Unbeirrt sieht er Stella jetzt an. Wie er sich dabei durch sein blondes Haar streift und halbwegs entschuldigend seinen Mund verzieht, mich hin und wieder mit einem verführerischen Lächeln beschenkt – wie kann ein einzelner Kerl so unwiderstehlich sein? Das sollte echt verboten werden!

Ich reiße mich von ihm los und versuche mich darauf zu konzentrieren, was mich in der nächsten Stunde erwartet: Professor Stöhr.

Zudem quasselt Sam gerade auf mich ein. »Weißt du eigentlich, dass du ein unverschämtes Glück hast …«

Mehr höre ich von Sams Geschwafel nicht. Denn gerade, als ich meine Umhängetasche nach vorne ziehe und sie aufzerre, um die nötigen Unterlagen zusammenzusuchen, irritiert mich ein eigenartiges Gefühl. Ich kann nicht einmal genau sagen, was es ist, aber es bringt mich instinktiv dazu, mich nach links zu drehen. Mein türkisfarbenes Tüllkleid raschelt und schwingt eine flüchtige Sekunde im Luftzug, dann verfällt es schlagartig in eine bleierne Starre.

»He, Willow, hörst du mir überhaupt zu?«, empört sich Sam. Doch ich bin gefangen in dem merkwürdigen Kribbeln, das sich beim nächsten Atemzug in ein unbehagliches verwandelt, denn in dieser Sekunde bemerke ich den unheimlichen Kerl das allererste Mal.

Er verlässt soeben die Mädchentoilette, bleibt dann stehen und lässt seinen Blick über die Studenten schweifen.

Was hat dieser Kerl denn bitteschön in der Mädchentoilette zu suchen?!

Aber es ist nicht bloß diese Tatsache, die mich verwirrt, sondern seine gesamte optische Erscheinung. Klar, er ist leger gekleidet: schwarze Stoffhosen, dunkles Shirt, braune Lederjacke und Flatcap. Alles ganz normal also – abgesehen davon, dass in dem Unigebäude hochsommerliche Temperaturen herrschen.

Und doch: Etwas stimmt mit ihm nicht …

Ein ungesundes bleiches Antlitz, dazu ein ausdrucksloser Blick, den er hinter einer verspiegelten Sonnenbrille verbirgt, eine kantige Nase und Haarsträhnen, die der Farbe Schwarz leider keine Ehre machen. Sie lugen unter seiner Flatcap hervor, und obwohl die Haare unbestreitbar fettig sind, fehlt jeglicher Glanz darin. Vielmehr wirken sie so düster, wie ich es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe.

Schwarz wie Ruß, matt wie Asche.

Zwar habe ich mir noch nie ernsthafte Gedanken darüber gemacht, wie ein Geist aussehen würde, aber das ist tatsächlich das erste Wort, das mir bei seinem Anblick in den Sinn kommt. Er gleicht einem geisterhaften Schatten seiner selbst.

Irgendwie gruselt es mich bei diesem Gedanken.

Mir ist sofort klar, dass er nicht hierhergehört. Es ist nicht, weil ich ihn bisher noch nie hier an der Uni gesehen habe, und auch nicht wegen seines auffallenden Erscheinungsbildes. Da ist so eine innere Stimme, die mir zuwispert, dass etwas mit dem Kerl ganz und gar nicht in Ordnung ist.

»He, Sam«, zische ich schließlich und zerre sie ungestüm am Unterarm, ungeachtet dessen, dass ich ihr noch eine Antwort schulde. Aber diesen Fremdkörper von Kerl muss ich ihr unbedingt zeigen.

Als ich meinen Kopf jedoch zur Mädchentoilette zurückdrehe, ist der Typ verschwunden.

Vom Erdboden verschluckt.

Ich blinzele, reibe mir die Augen, und für einen Atemzug frage ich mich ernsthaft, ob er bloß ein restliches Anhängsel meines gestrigen Albtraums war. Denn ganz offensichtlich hat ihn sonst niemand bemerkt. Womöglich lediglich ein weiterer (tragischer!) Anstupser meiner Psyche, um mir klarzumachen, dass ich mich jenseits der Normalität bewege – als ob ich das nicht ohnehin schon wüsste!

Hm, vielleicht habe ich ihn auch aus dem einfachen Grund als Einzige wahrgenommen, weil ich dringend aufs Klo muss? Nein, nur Wunschdenken!

»Was ist?«, fragt Sam und starrt mich mit komischem Gesichtsausdruck an. Erst als sie weiterspricht, wird mir klar, wie entgeistert ich dreinblicken muss. »Ach du Scheiße, was ist denn mit dir los? Du siehst ja blasser aus als jeder Vamp.«

»Wenigstens nicht so blass wie der Typ …« Ich unterbreche mich selbst und lasse meinen Blick abermals über die Köpfe der Studenten schweifen.

Keine Spur von ihm.

»Welcher Typ?«

Ich schüttle den Kopf. »Ach, nicht so wichtig.«

»Tatsächlich? Warum bist du dann so weiß wie eine überbelichtete Kinoleinwand?«, kontert Sam. So wie sie mich nun ansieht (mit diesem gequälten Ausdruck im Gesicht), wissen wir beide, dass sie mich viel zu gut kennt und mit ihrer Feststellung voll ins Schwarze getroffen hat – Widerworte zwecklos.

Sie zieht mich am Arm ein Stück näher und baut sich vor mir auf. »Du siehst heute sowieso aus wie der wandelnde Tod auf Latschen.«

»Oh, danke«, gebe ich zuckersüß zurück, als hätte sie mir soeben ein Kompliment gemacht.

Sie ignoriert meine Sarkasmus-Ader und fragt: »Also, was ist los?« Ihre Besorgnis kitzelt am Nerv meiner Gereiztheit. »Es ist bestimmt wegen Noah.«

»Himmel noch mal! Was du immer gleich denkst. In meinem Leben dreht sich nicht alles nur um Noah«, fauche ich einen Zacken zu laut, weil ich eigentlich genau weiß, dass ich nur allzu oft von ihm schwärme. »Alles bestens«, betone ich noch einmal, da sich Sams Stirn bei meinen Worten skeptisch kräuselt, und meine Gedanken wandern zu dem Kerl, der mein Herz zum Fliegen bringt. »Okay, okay, schon klar, dass ich dir wegen ihm ständig in den Ohren liege. Noah ist einfach –«

»– verdammt heiß?«

»Ja, und –«

»– unglaublich sexy?«

»Ja –«

»– und der atemberaubendste Kerl, den es gibt? Ich weiß, ich weiß. Das hast du schon das eine oder andere Mal erwähnt.«

»Stell mich nicht als so eine oberflächliche Tussi hin! Noah ist viel mehr als das. Hinter seiner coolen und unnahbaren Fassade steckt ein sensibler und aufmerksamer Kerl, der das Herz auf dem richtigen Fleck hat und -«

»… verdammt gut küssen kann«, übernimmt Sam abermals.

Ich seufze. Wo sie recht hat, hat sie recht, und ich spreche das aus, was mich seit Wochen immer wieder belastet: »Wenn da nicht seine Bindungsangst wäre -«

»– wäre er der perfekte Mann«, beendet Sam die Sache.

Ich verziehe meinen Mundwinkel und nicke.

»Aber das Noah-hat-ein-Problem-Thema haben wir echt zur Genüge durchgekaut, was soll denn das Getue jetzt?«

»Ich habe doch gar nichts gesagt«, wehre ich Sams Vorwürfe ab und erwische mich dabei, wie mein Blick den Korridor abermals nach dem Fremdkörper-Kerl absucht. »Es ist nichts weiter mit ihm. Vorhin habe ich einen merkwürdigen Typen gesehen, der aus dem Mädchenklo kam, und ich wollte dich fragen, ob der neu an der Uni ist, aber ehe ich ihn dir zeigen konnte, war er verschwunden.«

»Das ist alles?«

»Genau. Kein Liebeskummer, keine Skandale, rein gar nichts.«

»Oh«, sagt Sam knapp und presst die Lippen zusammen. Fast wirkt sie enttäuscht, aber der Zustand ist nur von kurzer Dauer, dann siegt die Neugier: »Auf welche Art merkwürdig?«

Typisch Sam! Ich verkneife mir ein Schmunzeln. Sie braucht immer eine bildliche Beschreibung der Leute. Nicht etwa im Sinne von schwarzhaarig, blass und blablabla, sondern eine mit lebenden Beispielen. Berühmten lebenden Beispielen. Bevorzugte Spezies: Leinwandhelden.

»Eine Mischung aus einer Art Zombie in Gestalt von Sam Witwer aus Being Human und David Giuntoli aus Grimm als Untoten. Nur ohne jegliche Hautfarbe, Charme und Sex-Appeal. Quasi die Mr-Hyde-Version von Dr. Jekyll.«

»Uäh!« Sam rümpft angewidert die Nase. Die Geste wird augenblicklich von einem schelmischen Grinsen abgelöst. Ich kann die Gedankensprünge in ihrem Kopf förmlich hüpfen sehen. »Wirklich eine gruselige Mischung aus Sam und David? Ha, den Kerl muss ich sehen.«

»Wäre der Vergleich zu Mr Collins aus »Stolz und Vorurteil« abschreckender?«, grinse ich. »Vertrau mir einfach, du hast nichts verpasst.«

Sam macht eben den Mund auf, um mir zu antworten, als sich eine andere Stimme dazwischendrängt.

»Hey, Willow.«

Augenblicklich geht mein Atem schneller.

Es ist Noah. Er schiebt sich an Stella vorbei, überhört wissentlich die weiteren Ohne-Punkt-und-Komma-Einwände und bahnt sich einen Weg zu mir.

Für einen Wimpernschlag verliere ich mich in seinem Anblick. Wieder einmal. Das Spiegelbild in seinen Augen bemerke ich kaum noch, und wenn doch, ist da nur eine unglaubliche Wärme in meinem Herzen.

Ich habe nie herausgefunden, ob dieser abartige Tick – nennen wir ihn höflichkeitshalber mal »Gabe« – etwas zu bedeuten hat, und in welche Kategorie der Verrücktheit ich eingestuft werden müsste. Ich habe als Kleinkind deswegen eine Reihe von psychologischen Tests hinter mich bringen müssen. Psychologen wechselten im monatlichen Rhythmus, die angewandten Methoden ebenfalls, nur die Spiegelbilder sind mir geblieben wie ein treuer Begleiter. Weil sie nichts gefunden haben, haben sie es als temporäres Verlust-der-Eltern-Phänomen abgestempelt, das sich bestimmt von alleine wieder geben wird. Das Einzige, das mir über die Jahre klar wurde, ist dass ich die Reflexion offenbar bei jedem Menschen sehe – egal, ob jung oder alt, Mädchen oder Junge, Fremder oder Freund –, nur in meinen eigenen Augen existiert dieser »Verrücktheitsgrad« eben zum Glück nicht.

Noah neigt seinen Kopf zur Seite und lächelt mich unverschämt sexy an. »Sehen wir uns nach dem Kunstkurs?«

Das sind diese Momente, die mich glauben lassen, dass der Tag kommen wird, an dem er bereit ist, aus unserer bisher lockeren Beziehung eine ernsthafte zu machen.

Ich stehe auf Zehenspitzen und mache mich so groß, dass sich unsere Lippen beinahe berühren. Eine, vielleicht zwei Sekunden verharren wir in dieser Position.

Noah kommt näher und streicht zärtlich mit der Nasenspitze die Konturen meiner Wange nach.

Sofort sind meine Gefühle in Aufruhr, weil ich seinen Atem auf meiner Haut spüre, und als er sich meinem Mund nähert, schließe ich wie von selbst die Augen. Nur ein flüchtig gehauchter Kuss, aber er reicht aus, um mein Herz wie wild zum Klopfen zu bringen.

Alles, was ich denken kann, ist: Genau jetzt, genau in diesem Augenblick ist mein Leben perfekt!

Noch bevor ich den Wunsch, diesen Moment für immer einzufrieren, auch nur denken kann, zieht sich Noah langsam von mir zurück.

»Wir sehen uns nach dem Kunstkurs«, raune ich ihm zärtlich ins Ohr.

Stella – mit energisch wippendem Fuß und beiden Armen in die Seite gestemmt – wirft mit den nächsten Liebesbekundungen um sich: »Dauert das noch lang oder soll ich dem Prof vielleicht erklären, dass sich in deinem ohnehin schon viel zu kleinen Hirn kein Platz mehr für mathematische Gleichungen befindet?«

Ohne den Blick von mir abzuwenden, verzieht Noah den Mund und sein Grübchen blitzt auf der Wange auf. »Mich überkommt der Eindruck, dass eine gewisse Frau nicht ohne mich leben kann.« Mir ist schon klar, dass er damit auf Stella anspielt, aber seine Worte würden ebenso gut zu meiner Wenigkeit passen.

»Hm«, seufze ich mehr, als dass ich es ausspreche. »Scheint so.«

Viel zu schnell verschwindet Noah in Stellas Schlepptau und damit in der Masse von Studenten.

Für ein paar Augenblicke verweile ich neben meinem Schließfach und schaue ihm hinterher.

»Kommst du?«

Ich blinzele, ganz so, als ob ich gerade erst aus einem Traum erwacht wäre. Das verschwommene Bild vor meinen Augen gewinnt an Schärfe und ich sehe in Sams erwartungsvolles Gesicht.

»Du weißt doch, der Prof beginnt immer überpünktlich«, stöhnt Sam und hakt sich entschlossen bei mir unter.

Ich lasse mich von ihr den Korridor entlangzerren, weiter Richtung Hörsaal.

Obwohl Sam überhaupt nicht diesen Eindruck erweckt, steckt in ihr tatsächlich ein kleiner Streber. Wobei ich auch ehrlich zugeben muss, dass ich ohne ihre ständigen Motivationsschübe garantiert nicht mehr hier an der Uni sein würde.

Gerade als ich den Fuß über die Schwelle setze, überfällt mich wieder das unangenehme Kribbeln im Rücken. Ein Gefühl, als ob ich beobachtet würde.

Instinktiv weiche ich ein Stück zurück, bleibe dann abrupt stehen und wirbele herum, wodurch mir Sams Arm entgleitet. Doch alles, was ich damit erreiche, ist ein Stau zwischen Korridor und Türschwelle.

Ich sehe nichts Auffälliges. Was habe ich denn auch erwartet? Oder vielleicht eher befürchtet?

Ich schüttele den Kopf und belächele mein Hirngespinst.

Okay, es ist so weit. Jetzt geht’s im Kopf los, denke ich, setze mich in Bewegung – und pralle gegen einen schmächtigen Oberkörper, der mir entgegeneilt.

»’Tschuldige«, murmelt der Kerl vor mir.

Ringsherum drängeln die Studenten an uns vorbei, während ich überrascht aufblicke, obwohl ich die Stimme sofort erkenne.

»Hey, Jonny«, lächele ich.

Die Augen hinter der Hornbrille huschen nervös hin und her, und es vergeht eine weitere Sekunde, ehe er zu begreifen scheint, wer da vor ihm steht.

Jonny ist Sams älterer Bruder, blitzgescheit und in seinem Studiengang auf der Überholspur. Vor einer halben Ewigkeit war ich unsterblich in ihn verliebt – was er natürlich nie erfahren durfte. Dummerweise verschwand eines Tages Sams Tagebuch spurlos und ward nie mehr gesehen. Doch seither reagiert Jonny äußerst verhalten, wenn wir uns alleine irgendwo über den Weg laufen. Womöglich befürchtet er, ich könnte meine Liebe nicht bändigen und ihn in aller Öffentlichkeit hemmungslos überfallen. Doch gerade benimmt er sich auf der gängigen Jonny-Skala noch eine Stufe auffälliger.

»Ah, Willow, du bist es«, druckst er herum und sein Mundwinkel zuckt.

Als ihn jemand anrempelt, weicht er hastig einen Schritt zurück und verliert dabei beinahe sein Gleichgewicht. Sofort strecke ich meine Hand aus, um ihn zu stützen (ha, meine Reaktionszeit ist manchmal echt beneidenswert!), leider fallen ihm dabei sämtliche Unterlagen laut polternd auf den Boden.

Nicht nur er, auch ich gehe in die Hocke, um ihm beim Aufsammeln seines Materials behilflich zu sein. Flüchtig betrachte ich dabei sein Gesicht von der Seite. Die Pupillen wirken unnatürlich groß und merkwürdig verzerrt hinter den Brillengläsern und seine Bewegungen sind unruhig.

Was ist nur mit ihm los? So schreckhaft kenne ich ihn ja gar nicht.

»Jonny?«, frage ich vorsichtig, während ich ihm ein paar Unterlagen reiche. Als ich seine Hand dabei berühre, schießt er in einer übereilten Bewegung hoch.

Er bringt ein höflich korrektes »Danke« über die Lippen und ich komme nicht gegen den Verdacht an, dass irgendwas mit ihm nicht in Ordnung ist.

»Wirklich alles okay?«

»Klar«, sagt er in überspitzter und viel zu hoher Tonlage. »Wieso fragst du? Alles okay. Sicher. Alles okay«, hängt er hastig an und wiederholt sich gleich noch einmal. Dabei zerrt er mir ungestüm das letzte Buch aus den Fingern, das ich noch immer festhalte. »Alles okay.«

»Schön«, sage ich gedehnt und meine Betonung zeigt deutlich, dass ich ihm kein Wort glaube.

Doch er wendet sich bereits von mir ab. »Man sieht sich«, murmelt er über die Schulter, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Dann hechtet er auch schon den Korridor hinunter. Offenbar hat er es eilig, von mir wegzukommen.

»Dieser Tag wird ja immer besser«, sage ich kopfschüttelnd zu mir selbst und betrete endlich den Hörsaal.

Mit einem Stöhnen lasse ich mich auf den Stuhl neben Sam fallen, die es sich in der vordersten Bankreihe gemütlich gemacht hat.

»Was ist?«, fragt sie und mustert mich eindringlich, weil ich meine Tasche energisch auf den Tisch knalle.

»Montagmorgen«, sage ich schulterzuckend, weil es eine logische Erklärung für meine miese Stimmung sein sollte.

»Ist das alles, das du zu bieten hast?«

»Montagmorgen mit Albträumen, einigen Verrückten und einem Hirngespinst«, sage ich und verdrehe in künstlicher Empörung die Augen. »Besser?«

»Viel besser!«, grinst sie und schiebt den Träger ihres Kleides hoch, der sich sogleich wieder verselbstständigt. »Aber wo bleibt der Skandal?«

»Du bist echt sensationsgeil, weißt du das?«

Sie zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. »Man nimmt, was man kriegen kann. Vor allem, wenn die eigenen Skandale auf einen einzigen Teelöffel passen.«

»Du solltest echt Klatschreporterin werden«, werfe ich ein und rede schnell weiter, als ich bei ihr den Ansatz eines Hundeblicks bemerke, der mehr als deutlich sagt: Biiiitte! Erzähl mir was Skandalöses!

»Ich habe leider auch nichts zu bieten. Aber hey: Vielleicht dein Bruder?«

»Jonny?«

Ich nicke und lasse verheißungsvoll die Brauen tanzen.

Immer mehr Studenten suchen sich einen Platz und mit ihnen steigt der Geräuschpegel zusehends an.

»Wir reden hier doch von demselben Jonny? Meinem langweiligen und öden Geek-Bruder, der nur Uni, pauken und die Forschung im Kopf hat?«

»Gewiss.« Ich nicke. »Bin vorhin aus Versehen mit ihm zusammengeprallt und er hat sich wirklich merkwürdig aufgeführt.«

Sam wirkt augenscheinlich enttäuscht. »Ach, du kennst ihn doch.«

»Eben. Und auf einer Skala von eins bis zehn war das mindestens eine Zehn hoch zwei.«

Meine Freundin schweigt. Aber es entgeht mir nicht, wie sich ihre Lippen leicht zu bewegen beginnen, ganz so, als ob sie nicht wisse, was sie sagen soll.

»Hm, hat dein Bruder irgendwelche Probleme?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Sam macht abermals den Mund auf, zögert eine Sekunde und scheint nachzudenken. »Wie kommst du darauf?«

»Weil …« Ich unterbreche mich selbst, um die Sache anders anzugehen. Ich hole tief Luft, presse mir unruhig die Hand gegen die Stirn und lehne mich noch weiter zu ihr hinüber. »Er wirkte total nervös und irgendwie … Wie soll ich sagen …?«

»Raus damit!« Jetzt klingt Sams Stimme belegt. Auch wenn sie ihren Bruder als langweiligen Streber bezeichnet, liebt sie ihn über alles.

»Na ja, irgendwie ängstlich«, bringe ich das Wort endlich über die Lippen.

Besorgnis blitzt in ihrem Gesicht auf, dann lächelt sie, und doch wirkt es aufgesetzt. »Ach, das hat bestimmt mit dieser hirnrissigen Verbindung zu tun, bei der er gerne aufgenommen werden möchte.« Sam beugt sich ebenfalls noch näher zu mir herüber, stützt das spitze Kinn auf ihre Hände, und geht in einen Flüsterton über. »Alles höchst inoffiziell und streng geheim, wenn du verstehst, was ich meine. Ich kenne nicht einmal den Namen.«

»Etwa eine Studentenverbindung?«, frage ich misstrauisch und senke instinktiv meine Stimme. Solche Verbindungen bringen doch nur einen Haufen Ärger ein, das kann man in jeder Serie und in jedem Film »hautnah« miterleben. Dann murmele ich gedankenabwesend: »Irgendwie passt das überhaupt nicht zu Jonny. Ich meine, dass ihm irgendeine Verbindung so ungeheuer wichtig ist.«

»Vielleicht ist er …« Weiter kommt Sam nicht.

»Guten Morgen«, ertönt es in diesem Moment von der Tür und Professor Stöhr steuert auf sein Pult zu. Seine Halbglatze glänzt mit seinen geröteten Wangen um die Wette. »Alle wach und ausgeruht?«, fragt er scherzhaft und sogleich verfallen selbst die Muntersten in dumpfes Brüten.

Seine monotone und raue Stimme verführt mich, wie jeden Montag, zum Einschlafen. Nur mit Anstrengung schaffe ich es, die Augen offen zu halten. Wirklich wach werde ich allerdings erst, als der Prof die Stunde beendet, das Zusammenräumen von Büchern und Stühlerücken laut wird und in mein Gehirn vordringt.

2

Türkisfarbene Tüllkleider bringen Glück

Bist du wieder eingepennt?«, fragt Sam, als wir uns im Strom der übrigen Studenten einreihen und zu unseren Schließfächern hinüberschwemmen lassen.

»Niemals«, entgegne ich und weiche im letzten Moment einem dunkelhaarigen Mädel im weißen Kittel aus – vermutlich ein Grey’s-Anatomy-Fan. »Ich habe praktisch alles mitbekommen.«

»Ähm, praktisch? Verstehe.« Sam nickt mit zusammengepressten Lippen. Es ist nicht etwa ein Bejahen, eher ein argwöhnisches Kinn­anheben, wie ihre nächsten Worte deutlich machen: »Brauchst du meine Notizen?«

»Das wäre fantastisch!« Noch während ich die Worte ausspreche, drückt mir Sam ihren Block in die Hand. »Allerspätestens Freitag brauche ich sie wieder«, sagt sie augenzwinkernd.

Du bist die Beste!, will ich antworten, aber ich bringe nicht mehr als ein eifriges Nicken zustande, denn da ist Noahs Stimme, die meinen Verstand auf seltsame Weise lahmlegt. Es muss der Zauber der Liebe sein, der alles in mir auf Romantik umschaltet.

»Hey«, raunt er mir in einem sanften, gedehnten Wispern zu. Es klingt unglaublich verführerisch. »Hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass du in diesem Kleid verdammt sexy aussiehst?« Sein Atem kitzelt über mein Ohr, streift zart meinen Hals und überzieht mich mit wohliger Gänsehaut.

Hach, er findet mich sexy, seufze ich innerlich und bekomme gerade noch mit, wie Sam die Augen verdreht und schließlich ohne mich weitergeht.

Langsam drehe ich mich zu Noah um, lasse meinen Blick über seinen Smoking gleiten und bin mir sicher, er könnte es locker mit jedem James-Bond-Darsteller aufnehmen. Ich kämpfe gegen das Gefühl der Schwerelosigkeit an, das sich meinen Bauch schnappt. Wenn ich nicht aufpasse, ertrinke ich in seinen eisblauen Augen.

»Sag mal«, raunt er, dabei schlingt er seine starken Arme um meine Taille und zieht mich an seine Brust. Ich bin ihm so nahe, dass seine blonden Haarsträhnen kitzelnd über meine Wangen streifen. »Hast du am Donnerstagabend schon etwas vor?«, fragt er mit einem anzüglichen Grinsen auf den Lippen.

»Kommt ganz drauf an«, entgegne ich.

»Worauf denn?«, möchte Noah wissen und streicht mir zärtlich übers Kinn.

»Ob es der Richtige ist, der mich fragt«, antworte ich stichelnd und gebe mich so lässig wie möglich, dabei schlägt mein Herz bis zum Hals.

Will sich Noah etwa tatsächlich mit mir verabreden? Zu einem richtigen Date? Keine anderen Frauengeschichten mehr?

Auf diesen Moment habe ich Monate gewartet. Auf diese Frage. Diesen Ausdruck in seinen Augen …

In gespielter Affektiertheit schiebt er mich weg, doch das Grübchen in seiner Wange vertieft sich. »Was, wenn ich derjenige bin, der –«, ergreift Noah erneut das Wort.

Der Rest seiner Frage schwirrt unverstanden durch mich hindurch, denn in diesem Augenblick spüre ich es wieder – dieses unangenehme Gefühl, unter Beobachtung zu stehen.

In Zeitlupe löse ich meinen Blick von Noah und drehe meinen Kopf.

O nein!

Eben schlängelt sich die Jungversion des Mr-Collins-Typen, der sich vorhin in Luft aufgelöst hat, geschickt zwischen den herumstehenden Studenten hindurch, und wenn mich nicht alles täuscht, hält er genau auf mich zu. Na toll, auch das noch!

Merkwürdigerweise kann ich nicht anders, als ihn gebannt anzustarren.

Er starrt zurück, setzt seinen Weg unbeirrt fort, und stoppt erst wenige Zentimeter vor mir. Dabei drängt er fast Noah zur Seite.

Er ist mir viel zu nah. Dieses Hirngespinst …

Okay, im Grunde genommen kann er nicht wirklich eine Halluzination sein, so viel steht fest. Keine Ahnung, wie er es angestellt hat, vorhin einfach so zu verschwinden. Vermutlich liegt die Antwort klar auf der Hand und er hat sich lediglich wieder auf die Mädchentoilette verzogen. Und hey, dass er im Hochsommer mit Lederjacke und Flatcap herumrennt, dafür gibt es auch eine einfache und logische Erklärung: Er stellt sicher irgendein Modethema einer TV-Serie dar, die mir schlichtweg nicht einfallen will. Dass ich nicht eher daraufgekommen bin. Im Geiste klatsche ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn.

Aber wieso gibt sich meine innere Stimme mit dieser Logik nicht zufrieden?

Wie er so vor mir steht, mit seiner pergamentartigen Haut, kommt mir noch ein Gedanke: Vielleicht ist er irgend so ein paranormales »Ding«? Oder ein geisterhaftes Phantom. Was auch immer … Aber müsste ich dann nicht vor lauter Angst sterben? Oder zumindest hysterisch kreischend und mit fuchtelnden Armen durch den Korridor rennen?

Stattdessen ist das Gegenteil der Fall: Ich bin tatsächlich versucht, meinen Finger auszustrecken, um zu sehen, ob meine Hand durch ihn hindurchgleitet. Doch in seinen blassen Augen liegt ein Schimmer von Wut und Ungeduld – eine explosive Mischung!