Beschreibung

Rote Haare, Sommersprossen, das sind des Teufels Artgenossen. Laura arbeitet gerade in einem American Diner, als plötzlich eine rothaarige Frau durchdreht und Menschen umbringt. Zunächst hält sie es für einen Amoklauf, bis Hunter auftaucht und behauptet, dass ein sogenannter Tagträumer in ihr den augenscheinlichen Kontrollverlust verursacht hätte.  Er behauptet, dass diese Tagträumer zur Armee des Teufels gehören und nur ein Ziel kennen: Das Chaos auf der Erde zu verbreiten. Laura und Hunter müssen aus dem Diner fliehen und geraten auf eine irrwitzige Reise. Dabei muss sich Laura immer wieder die Fragen stellen: Warum wurde sie anscheinend als einzige Rothaarige nicht von einem Tagträumer besetzt? Und was verbirgt Hunter vor ihr? Weitere aktuelle Titel von Ann-Kathrin Karschnick:    Phoenix (Dystopische Trilogie): - Tochter der Asche - Erbe des Feuers - Kinder der Glut Rack (Steampunk Thriller Reihe): - Alle für einen (Teil 1-3) - Einer für alle (Teil 4-6) Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Felix A. Münter): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Einzelbände: RED - Urban Fantasy Thriller Der Fluchsammler - Urban Fantasy Thriller

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EPUB

Seitenzahl: 308


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Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-923-2

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Inhaltsverzeichnis
RED
Impressum
Umrisse
Angriff
Hunter
Flucht
Tagträumer
Hinweis
Herrenhaus
Stein
Kapelle
Verletzungen
Helfer
Gecko
Teufelsgrund
Bergwerk
See
Kette
Buch
Ritual
Einsturz
Ann-Kathrin Karschnick

Umrisse

»Diese Currywurst schmeckt wie ein ungekochtes Gummihuhn.« Die rothaarige Frau stocherte lustlos in ihrem Essen herum und verzog angewidert den Mund. Neben ihr auf der schwarzen Ledersitzecke lagen eine Hermes-Handtasche und ein Seidenschal, der verdächtig nach einem ähnlichen Hersteller schrie. Ihr gegenüber saß ein schlanker Mann mit Anzug, dessen Daumen über das Display eines Handys huschten, als hinge sein Leben davon ab.

Reiche Schnösel, die keine Ahnung vom Leben haben, dachte Laura, hielt auf ihrer Runde durch das Diner an und stemmte eine Hand in die Hüfte. »Die Currywurst ist eine Geflügelkrakauer«, sagte sie, ohne dass sie direkt angesprochen worden war. »Und sie wurde mit viel Liebe von unserem Koch heute früh hergestellt, damit unsere Gäste die Spezialität des Hauses genießen können.«

Sie wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern marschierte zu der Sitzecke, in der sich neue Gäste niederließen. Eine Familie mit zwei Kindern. Der jüngere Sohn stand bei einem der Hocker, die sich vor dem Tresen aufreihten, und drehte ihn so schnell, dass dieser umzukippen drohte. Laura setzte ein Lächeln auf und legte eine Hand auf den Hocker, bevor er ihm auf den Kopf fallen konnte. Als der Junge bemerkte, dass sie nicht seine Mutter war, zog er den Kopf ein und lief zurück zu seinem Vater, um sich an dessen Bein zu klammern.

Laura wartete noch, bis die Familie saß, ehe sie zum Tisch ging. »Willkommen in Lou’s Diner. Mein Name ist Laura und ich bin für Sie zuständig. Haben Sie bereits einen Getränkewunsch?«, ratterte sie ihren Spruch herunter, während sie ihren Block zückte und den Bleistift hinterm Ohr hervorzog.

»Drei Mal Cola und eine Fanta«, sagte der Vater und befreite sich aus der Umklammerung des Sohnes.

»Aber ich wollte doch eine Apfelschorle«, rief das Mädchen, das um die acht Jahre alt sein musste.

»Davon musst du aber immer so häufig auf Toilette, Mia, und wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Trink lieber eine Cola«, erklärte die Mutter und tätschelte ihr den Kopf.

»Dann trink ich gar nichts.« Die Achtjährige verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte vor sich hin.

»Bleibt es bei den Getränken?«, fragte Laura, die solche Diskussionen beinahe täglich erlebte.

»Ja, bitte.« Der Vater lehnte sich zu Laura hinüber. »Wissen Sie, wir versuchen ihr gerade beizubringen, dass sie nicht alles bekommt, was sie will.« Er zwinkerte Laura zu.

»Dafür ist es vielleicht ein wenig zu spät«, dachte Laura, verkniff sich die Worte aber noch rechtzeitig und sagte stattdessen: »Sehr gerne. Ich bringe Ihnen gleich alles.«

Einer der Gäste winkte ihr und deutete an, die Rechnung haben zu wollen. Sie hob die Hand und nickte. Er würde einen Moment warten müssen.

Hinter dem Tresen stand Olivia und unterhielt sich mit einem Stammgast. Michael war Trucker und machte einmal die Woche seit einigen Jahren an Lou’s Diner Rast, um etwas zu essen.

»… haben die wirklich die Straße gesperrt. Musste eine Stunde Umweg machen, weil natürlich alle anderen auch da langgebrettert sind«, beschwerte sich Michael.

Laura schmunzelte. Zumindest auf eines konnte man sich verlassen. Der Trucker erzählte jede Woche von einer neuen Vollsperrung, in der er gesteckt hatte.

Sie sprach die Antwort von Olivia mit, da auch das immer dieselbe war. »So sind die Straßenverhältnisse in Deutschland inzwischen … Oli, kannst du mir drei Cola und eine Fanta machen?«, sagte sie mit einem Lächeln.

»Klar, Kleines«, schob Olivia ein.

Olivia und Lou, der eigentlich Lukas hieß, waren ein älteres Pärchen, das schon seit über zehn Jahren das Diner an der Autobahnraststätte führte. Ihre Liebe zu Amerika und dem Reisen hatte sie dazu gebracht, eines zu eröffnen. Es war eben diese Herzlichkeit, die Laura vor fünf Jahren überzeugt hatte, bei ihnen zu bleiben, statt weiter auf der Straße bei ihrem Ex zu leben.

Unwillkürlich griff sie an ihren Hals und spielte mit ihrer Kette. Ein runder Anhänger mit acht Farbkreisen, die nach innen gerichtet kleiner wurden. Außen Schwarz, Dunkelblau, Hellblau und zur Mitte hin erneut Schwarz. Dann abwechselnd Hell- und Dunkelblau. Schwarze C’s überzogen den Anhänger, die jeweils durch einen Längsstrich voneinander getrennt waren. Als sollten sie ihren direkten Nachbarn nicht sehen, sondern nur den, der ihnen gegenüberlag.

Es war das einzige Erbstück, das sie von ihrer Großmutter erhalten hatte. Wertlosen Plunder hatte ihr Vater es genannt, aber sie erinnerte es an eine Zeit, in der sie noch jemand gewesen war. Nicht nur Laura aus Lou‘s Diner an der Autobahnraststätte. Sondern Laura, die Tochter von Maximilian und Stefanie. Die Enkelin von Erika und Herbert. Damals hatte sie es nicht zu würdigen gewusst. Erst mit der Zeit begriff sie, dass ihre Familie nicht so schlimm gewesen war, wie sie es angenommen hatte.

Vor beinahe acht Jahren, als sie von zu Hause abgehauen war, weil sie sich in einen Jungen verliebt hatte, der ihrem Vater keineswegs gefallen hatte. Den sie nicht mit nach Hause bringen durfte, weil er ein Punk gewesen war und auf der Straße gelebt hatte. Steven – oder wie er sich nannte »Pille« – redete ihr ein, dass die Freiheit, nach der sie suchte, auf der Straße lag. Also war sie mit ihm abgehauen.

So lange, bis Pille sie für eine andere hatte sitzen lassen und mit der Neuen in die Nachbarstadt gezogen war. Das war die Zeit, in der Laura per Anhalter ganz Deutschland erkundet hatte und schlussendlich bei Lou‘s Diner gelandet war.

Olivia zwinkerte ihr zu, als sie ihr die Getränke hinstellte. Das ältere Pärchen war der damals Zwanzigjährigen gegenüber so verständnisvoll gewesen, dass sie ihr ein Dach über dem Kopf und ein Zuhause gegeben hatten. Seitdem lebte sie bei den beiden und arbeitete für sie.

Laura stellte die Getränke auf ihr Tablett und brachte sie an den Tisch. Es war ein ruhiges Leben, wenn man mal von den Kunden absah. Jeden Tag derselbe Ablauf. Früh aufstehen, um das Diner zu reinigen, dann kamen Lukas und Olivia dazu, eröffneten Kasse und Küche. Von da an war sie Kellnerin, bis das Diner nachts schloss. Selten gab es Überraschungen und noch seltener traf sie auf jemanden aus ihrem früheren Leben. Wenn sie doch mal jemand ansprach, ob sie sie kannten, verneinte sie und schickte stattdessen Olivia zu dem entsprechenden Tisch.

»Darf es auch etwas zu essen sein?«, fragte sie, nachdem die Getränke verteilt waren.

Die Mutter nickte, während sie darum kämpfte, die Karte aus den Händen ihres Sohnes zu nehmen. »Wir hätten gerne einmal Pommes mit Mayo, Chicken Nuggets mit Ketchup und zwei Mal den BBQ Burger mit Extra Bacon.«

Laura notierte und marschierte zurück zur Küche, um die Bestellung bei Lou aufzugeben. »Und wenn es einen Moment dauert, macht es nichts. Die Mutter sieht so aus, als ob sie Spaß mit ihren Kindern hat.«

Lukas lachte. »Wieder Urlauber, die die lange Fahrt mit Kindern unterschätzt haben?«, hakte er nach.

»Wenn ich mal Kinder habe, weiß ich zumindest, dass ich solche langen Fahrten nicht mit Nachwuchs machen werde.« Sie lehnte sich an die Wand und beobachtete Lou beim Braten der Fleischbuletten.

»Für Kinder muss man aber eine längere Beziehung eingehen als nur für eine Nacht«, erwiderte Lou mit einem Schmunzeln und wischte sich den Schweiß mit einem Band am Handgelenk von der Stirn. Sein Haarnetz hielt die grauhaarigen Locken zurück, die ihm sonst ins Gesicht fielen.

Laura verschränkte die Arme vor der Brust. »Lange Beziehungen sind nichts für mich. Ich komme von hier nicht weg und niemand will mit mir hierbleiben. Lass mich einfach meinen Spaß haben. Irgendwann kommt der Richtige und dann sehen wir ja, ob er mich aus den Klauen der wilden, amerikanischen Bestie befreien kann.«

Erneut lachte Lukas und drehte die Buletten um. »Lass das Olivia nicht hören, sonst könnte sie denken, du meinst sie.«

»Nur weil du der lammfrommste Mensch bist, der mir je begegnet ist. Gott segne Amerika.« Das war nicht einmal gelogen. Laura hatte auf der Straße viele Menschen getroffen, die tiefenentspannt waren und sich eine gewisse Ruhe angeraucht hatten. Aber Lukas war von Natur aus jemand, den nichts aus dem Konzept bringen konnte. Und Gott war Lauras Zeuge, dass sie es wahrlich oft genug probiert hatte. Es war wie ein Luftballon, den man vor ihre Nase gehängt hatte. In ihrer Hand die Nadel, aber der Ballon wollte einfach nicht platzen, egal wie oft sie ihn piekste.

»… und jeden von uns.« Lukas zuckte mit den Schultern und legte eine Scheibe Käse auf die bereits gebratene Seite. »Reichst du mir bitte mal die Zwiebeln?«, murmelte er vor sich hin, während sie zum Kühlschrank ging und die nächste Schale der bereits am Morgen vorbereiteten Zwiebeln rausholte.

»Brauchst du noch was?« Laura reichte ihm die Schale und lief zurück in Richtung Ausgang zum Restaurant. »Sonst bin ich erst mal wieder vorne.«

»Grüß mir meine geliebte Frau, wenn du sie siehst. Sag ihr, dass ich sie vermisse«, rief er hinter ihr her.

Bevor sie Olivia etwas sagen konnte, steckte diese den Kopf durch die Küchentür. »Das weiß ich doch, Honey. Und alle unsere Gäste wissen es jetzt auch.«

Das Lächeln auf Lauras Lippen war nicht gespielt, als sie die Küche verließ und sich auf die nächste Runde durch das Diner machte. Die Tische füllten sich, die Mittagszeit stand bevor und viele hielten dafür bei Lou‘s Diner. Sie seufzte, als die Kinder der Cola-Fanta-Familie bereits mit den Füßen auf dem schwarzen Leder standen und darauf herumhüpften, als wäre es ein Trampolin. Ein langer Tag stand bevor, aber sie hatte wie immer ihre Geheimwaffe parat. Ein falsches Lächeln, das sie in den vielen Jahren perfektioniert hatte, und ihre Gedanken, in denen sie den Gästen alles an den Kopf werfen konnte, was sie wollte.

»Hey, yo, beweg deinen fetten Hintern auch mal in unsere Richtung«, ertönte mit einem Mal eine Stimme am Ende des Diners.

Eine Gruppe junger Kerle, vielleicht gerade erst achtzehn Jahre alt, quetschte sich zu fünft in eine Nische, die für vier Personen gedacht war. Laura ging zu dem Tisch und legte eine Karte auf den Tisch. »Wer von euch ist denn hier so mutig, obwohl er keine Ahnung hat, wie man höflich mit einem anderen Menschen umgeht?«

Alle lachten und starrten auf einen spindeldürren Kerl, der ein rot-weiß-kariertes Flanellhemd offen trug, darunter ein Shirt, das nur zum Teil in der Hose steckte. »Yo, wir warten hier schon fünf Minuten. Das ist wirklich nicht cool, Mann.«

Laura legte den Kopf schief und verzog das Gesicht mitleidig. »Oh, das hätte ich mir denken können. Nur jemand, der seinen Schwanz noch nie in eine Frau gesteckt hat, würde mich für einen Mann halten.« Während des Redens deutete sie auf ihre nicht unerhebliche Oberweite. »Ich gebe dir einen Tipp, Kleiner. Das hier nennt man Brüste und die gehören normalerweise zu einer Frau. Wenn du also vorhast, mich korrekt anzureden, darfst du mich Laura nennen und nicht Mann oder Yo. Verstanden?«

Seine Freunde grölten vor Lachen, er selbst wurde so rot wie die Ketchuptütchen auf dem Tisch. »He, Frauen hatte ich schon viele«, verteidigte er sich so vehement, dass Laura die Anzahl mit Sicherheit an einer Hand hätte abzählen können.

»Wenn du alle so unschicklich behandelt hast, werden sie dich sicher blendend in Erinnerung behalten«, kommentierte Laura und zog ihren Block hervor.

»Das will ich auch meinen. Habe sie ordentlich beschickt.« Er sah sich Beifall heischend nach seinen Freunden um, doch die kicherten nur noch.

»Letzte Chance, Kleiner. Wollt ihr was bestellen?« Laura hatte Mühe, sich zurückzuhalten. Über die Jahre hinweg war sie abgestumpft, was die Beleidigungen der Gäste anging. Meistens ging es nicht gegen sie persönlich, sondern war auf das Essen, die Qualität der Servietten oder die Reinlichkeit der Toiletten gemünzt. Doch ab und an gab es diese Querschläger, die sie direkt anmachten. Meistens waren es Kommentare zu ihrem Gewicht und ihrer entsprechenden Arbeitsleistung. Sie war kein schlankes Püppchen wie die, die in den Filmen immer in einem American Diner arbeiteten. Sie hatte nach eigenem Gefühl zehn Kilo zu viel auf den Rippen. Aber ihr war das egal. Sie fühlte sich mittlerweile wohl in ihrer Haut.

Immerhin hatte es eine Zeit gegeben, in der Pille sie für jedes Gramm zu viel niedergemacht und sie daran erinnert hatte, dass sie ja in die engen Jeans passen wollte, die er ihr besorgt hatte. Doch davon hatte sie sich losgesagt. Es war ein harter Weg gewesen, nicht mehr die Blicke zu sehen, von denen sie genau wusste, was sie aussagten: Will die wirklich diese enge Kellnerinnenuniform tragen? Sollte sie die Leggins nicht lieber weglassen und eine weite Hose unter dem Rock anziehen? Wahrscheinlich selbst die beste Kundin des Diners.

Das Selbstvertrauen ihrer Stimme hatte ihr geholfen, die Blicke zu ignorieren. Zudem mochten Olivia und Lou sie so, wie sie war. Und da es die einzigen Menschen waren, auf deren Meinung sie wert legte, konnte sie mit solchen Bemerkungen wie der des jungen Mannes klarkommen, ohne sich nachts in den Schlaf zu weinen.

»Fünf Mal Bier und Currywurst mit Pommes«, sagte ein anderer junger Kerl, dem es offensichtlich peinlich war, was sein Kumpel da von sich gab. Er schickte ein zaghaftes Lächeln hinterher, in dem Laura klar die Entschuldigung für das Fehlverhalten sah.

Laura nickte ihm zu, zwinkerte einmal und verschwand in Richtung Olivia, um die Bestellungen abzugeben.

»Vollidioten«, murmelte sie, weil sie ein erneutes Lachen von dem Tisch hörte.

»Fünf Mal Cola«, bestellte sie bei Olivia. »Und mach extra viel Eis rein. Ich bin mal ein paar Minuten an der frischen Luft.«

Olivia nickte und nahm ihren Block entgegen. Frische Luft war nur ein Code dafür, dass Laura sich in den kleinen Raum neben der Küche setzte und rauchte. Es war die Abstellkammer, die zugleich ein großes Fenster hatte, so dass der Rauch direkt abziehen konnte. Niemand hatte ein Problem damit, dass sie nach Rauch roch, solange nur ihre Finger sauber waren.

Sie schloss die Tür hinter sich. Fünf Minuten würde sie Olivia mit der Meute im Diner alleine lassen können. Danach musste Laura sie wieder unterstützen, bevor die Gäste sie auseinandernahmen wie ein Frettchen eine Wohnung.

Ein ausrangierter, kippelnder Hocker stand in der Abstellkammer, direkt neben dem Eimer mit den Reinigungsmitteln und einigen Stofflappen, mit denen sie den Boden putzte. Mit dem Rücken lehnte sie an der Wand und zog die selbstgedrehten Zigaretten hervor. Kaum brannte die Zigarette, spürte Laura die Entspannung durch ihre Lungenflügel in ihre Adern heizen. Sie atmete tief aus und verbannte die schlechten Gedanken aus ihrem Körper.

Es war ein Ritual, das sie alle paar Stunden durchführte. Eigentlich hätte sie schon vor Jahren aufhören wollen, aber die Gewohnheit trieb sie immer wieder in diese Abstellkammer. Der Rauch schoss aus ihrem Mund und stieg zum Fenster auf. Draußen ein trister Tag, die Sonne war hinter Wolken verschwunden und ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Für sie einer von 365 Tagen im Jahr, die sie auf der Autobahnraststätte verbrachte. Mit Pille hatte sie damals davon geträumt, dem System zu entkommen und um die Welt zu reisen. Sich auf Containerschiffe zu schleichen, um an die entlegensten Orte zu gelangen. Doch es scheiterte schon daran, dass man ohne Personalausweis oder Reisepass nicht in den Hafen kam. Geschweige denn an Bord eines international verkehrenden Schiffes. Die Kontrollen waren zumindest so streng gewesen, dass sie es kein zweites Mal versucht hatten.

Sie wandte den Blick von dem Fenster ab. Pille war schon lange kein Teil ihres Lebens mehr, und sie hatte nicht vor, ihn jemals wieder hineinzulassen. Inzwischen wusste sie, was für ein Fehler er gewesen war. Erfahrungen, die sie in der Jugend gemacht hatte und am liebsten verdrängen wollte. Andererseits hatten eben diese Erfahrungen sie zu dem Menschen gemacht, der sie war. Sie schmunzelte. Eigentlich hätte sie Pille dankbar sein müssen. Wäre er nicht gewesen, hätte sie niemals den Schritt gewagt und wäre von zu Hause weggelaufen. Ihr Elternhaus war nie schlecht gewesen, auch wenn sie das als Fünfzehnjährige gedacht hatte. Welche dachte das nicht? Der immer arbeitende Vater, der keine Zeit für sie hatte. Die Oma, die versuchte, ihr den esoterischen Kram beizubringen, den sie selbst auslebte. Als Kind hatte Laura die Geschichten über irgendwelche magischen Tiere auf Pfaden noch interessant gefunden, aber je älter sie wurde, desto mehr nervten sie die Besuche ihrer Großmutter.

»Und jetzt bist du bei deinen seltsamen Tieren«, murmelte Laura, während sie erneut die Kette in die Hand nahm und über die Oberfläche fuhr.

Sie zog an der Zigarette und behielt den Rauch einen Moment lang in sich, ehe sie ihn ausstieß.

Wie ein wabernder Schatten zog er davon und verließ den Raum durch das Fenster. Die Zigarette war fast aufgeraucht. Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man in die Vergangenheit abdriftet, dachte sie und zog ein letztes Mal.

Gedankenlos atmete sie aus.

Doch diesmal traf der Rauch auf einen Widerstand, schmiegte sich darum wie eine Plastiktüte um einen nach Luft ringenden Kopf. Jedes schreckliche Detail wurde sichtbar. Tiefliegende Augen, vier winzige Hörner auf der Stirn und ein schädelhaftes Loch dort, wo die Nase hätte sein sollen. Die Finsternis sprach aus diesen Gesichtszügen. Laura war sich zunächst nicht sicher, ob sie einfach zu wenig geschlafen hatte. Sie strich sich über die Augen. Aber als sie diese wieder öffnete, hatte sich der Rauch lediglich weiter um das Gesicht ausgebreitet. Nur eine Armlänge vor ihrem Gesicht. Und es starrte sie direkt an.

Vor Schreck ließ Laura die Zigarette fallen.

Angriff

Sie schrie nicht. Warum, wusste sie nicht. Auf jeden Fall blieb ihre Stimme stumm. Dafür schlug sie zu. Aus dem Reflex heraus. Ihre Faust glitt durch das Gesicht und zerteilte den Rauch, als ob der Schädel nie dagewesen wäre. Laura stolperte vorwärts, während sie sich darum bemühte, von dem Stuhl zu springen und aus der Tür zu entkommen. Doch ihre Finger zitterten so sehr, dass sie es nicht schaffte, den Knauf zu drehen.

»Komm schon!«, brüllte sie sich selbst an.

In diesem Moment zerfaserte das Gesicht ein weiteres Mal, entkam dem Rauch und schoss auf sie zu. Laura stand mit dem Rücken zur Wand. Keine Chance, auszuweichen oder sich zu wehren. Diesmal schrie sie. Laut, durchdringend, dass es jeder im Diner hätte hören müssen.

Was war das nur?

Fast erwartete sie einen Schlag oder Tritt von dem Geist vor ihr, aber sie spürte nichts. Nur ein Kribbeln, wie man es fühlte, wenn man mit einer zu dünnen Jacke im Winter hinausging. Es war nicht unangenehm, zumindest nicht im ersten Augenblick, aber je länger es anhielt, desto unausstehlicher wurde das Gefühl.

Qualm drang aus dem Eimer für die Reinigungsutensilien und breitete sich in dem kleinen Raum aus. Ihre Zigarette war heruntergefallen, hatte die Mittel darin in Brand gesteckt. Dadurch erkannte sie den Geist vor sich, der mit seinem fratzenartigen Gesicht versuchte, auf sie zuzufliegen. Doch etwas hielt ihn immer wieder auf. Er prallte an einer unsichtbaren Mauer ab, die Laura scheinbar umgab. Irritiert hob sie den Kopf und beobachtete das Geschehen. Irgendetwas hinderte den Geist daran, in ihre Nähe zu gelangen. Jeder neue Versuch, den er startete, endete mit derselben Entfernung direkt vor ihr. Je häufiger er abprallte, desto wütender wurde die Fratze. Sie konnte zwar nichts hören, aber sie hätte schwören können, dass der Geist schrie und polterte. Laura richtete sich vorsichtig auf, die Finger zitterten, doch zumindest konnte sie den Knauf packen.

Der Qualm durchdrang ihre unsichtbare Mauer und sie hustete. Von außen polterte jemand gegen die Tür. Lou.

»Alles in Ordnung, Laura?«, rief er und öffnete die Tür.

Ehe er den Raum betrat, verschwand das Geisterwesen auf einmal durch eine Wand in Richtung Diner. Laura machte einen Schritt vor, ließ ihn herein. »Hast du das Ding gerade gesehen?«

»Es brennt, komm da gefälligst raus.« Lukas zerrte an ihrem Arm. »Olivia, den Feuerlöscher!«

»Hast du es gesehen?«, kreischte Laura erneut und packte ihn an den Schultern, bevor er sie endgültig aus der Abstellkammer zog.

»Im Moment sehe ich nur das Feuer. Ich will nicht, dass mein Diner abfackelt. Stell dich da vorne hin und beruhige dich erst einmal.« Sanft tätschelte er ihren Oberarm, als Olivia auch schon mit dem Feuerlöscher angerannt kam und ihn auf Lous Zeichen hin in die Kammer hielt.

Laura hingegen stolperte rückwärts auf eine Wand zu und sackte daran herunter. Was war geschehen? Hatte sie einen Geist gesehen? Aber warum? Und wieso war er ausgerechnet an diesem Tag aufgetaucht? Es war kein besonderer Tag. Ihre Atmung ging schneller und sie schloss die Augen. Sofort sah sie wieder diese Fratze und riss die Lider auf. Sie drehte den Kopf in alle Richtungen, doch es war nirgends zu sehen. Rauch, dachte sie. Rauch hat es sichtbar gemacht. Mit zitternden Fingern griff sie zu ihrer Zigarettenpackung, zündete sich eine an und pustete den Rauch um sich herum in den Gang, doch das Gesicht war nirgendwo zu sehen. Sie spürte, wie die Anspannung von ihr wich und ein irrwitziges Kichern sie erfasste. Vermutlich alles nur eine Halluzination. Ihre Finger kneteten einander, während sie die Zigarette weiterrauchte, den Kopf senkte. Es beruhigte sie, auch wenn sie nicht wusste, weswegen.

Eine Hand berührte sie an der Schulter und sie fuhr hoch. »Rauchen im Gang ist verboten, Honey«, kommentierte Olivia. Der Feuerlöscher stand neben ihr und sie kniete auf dem Boden. »Was ist passiert? Bist du eingeschlafen?«

»Ich …« Laura hielt inne. War das die Erklärung? Eine Art Sekundenschlaf, in der sie ihre Zigarette verloren hatte? Dabei ein Albtraum, der sie so sehr zittern ließ? Aber kamen Albträume nicht erst, wenn man tief und fest schlief? Sie fasste sich an die Stirn und strich sich die roten Haare aus dem Gesicht. »Wahrscheinlich. So muss es gewesen sein«, murmelte sie.

Olivia setzte sich zu ihr an die Wand. »Du arbeitest zu hart, Honey. Wir sollten dir wirklich mal ein paar Tage frei geben.«

Laura lehnte den Kopf an ihre Schulter. »Nur wenn ihr mitkommt. Ihr wisst, ich kann euch nicht alleine lassen.«

»Papperlapapp. Du kriegst nächsten Monat eine Woche Urlaub. Flieg irgendwo in die Sonne. Costa Brava soll ja sehr schön sein jetzt im Herbst«, sagte Lou unbeschwert, doch Laura erkannte die Erleichterung, mit der er immer wieder in die Abstellkammer starrte. Er war froh, dass nicht mehr passiert war.

Laura holte tief Luft und ihr Herzschlag beruhigte sich allmählich. Ein Albtraum. Das war eine logische Erklärung. »Entschuldige. Ich muss wohl wirklich eingepennt sein. Bitte verzeiht mir.«

»Natürlich. Wir sind nur froh, dass dir nichts passiert ist. Geht es dir wirklich gut? Oder sollen wir einen Krankenwagen rufen?«, vergewisserte sich Olivia.

»Nicht mal jetzt kriegt man euch aus der Ruhe, oder?«, brummte sie. »Dabei hätte ich beinahe den ganzen Laden abgefackelt.«

»Das war ja keine Absicht.« Lou zwinkerte ihr zu und nahm den Feuerlöscher von Olivia entgegen. »Es ist nichts weiter geschehen. Warum also aufregen, wenn nichts passiert ist?«

Laura schüttelte den Kopf. »Wenn euch ein Räuber überfällt, gebt ihr ihm wohl freiwillig das Geld«, sagte sie und stemmte sich langsam nach oben. Sie reichte Olivia eine Hand.

»Wieso auch nicht? Es ist nur Geld, Honey. Das ist versichert, man kriegt es wieder. Denk nicht immer so negativ, sondern genieß das Leben. Morgen fahren wir mal ins Reisebüro und schauen, was man Last Minute bekommen kann.«

»Quatsch. Ich fliege nirgendwo hin. Wer soll denn sonst für euch arbeiten? Nein, nein.« Laura strich ihre Uniform glatt und straffte ihren Rücken. Die Sicherheit, dass sie nur einen Albtraum gehabt hatte, nahm ihr die Angst, die noch wenige Augenblicke zuvor ihre Glieder gelähmt hatte. »Ohne mich seid ihr doch aufgeschmissen.«

Lou und Olivia lachten und schüttelten den Kopf. »Unbelehrbar, dieses Kind, unbelehrbar«, sagte er.

Lou ging zurück in den Diner. Er wollte den Feuerlöscher wieder neben den Eingang zur Küche hängen, wo er hingehörte. Olivia und Laura folgten ihm. Draußen hatte sich nichts verändert. Einige, die den Schrei nach einem Feuerlöscher gehört haben mussten, musterten sie neugierig, doch Laura setzte ihr einstudiertes Lächeln auf und schon wandten sich alle beruhigt ab.

»Hast du bei den Jungs schon die Bestellung aufgenommen?«, fragte Laura und schnappte sich ihren Block.

»Noch nicht. Wollte dir das Vergnügen überlassen«, sagte Olivia und zwinkerte ihr zu. Bevor Laura hinter dem Tresen verschwinden konnte, griff die alte Barbesitzerin ihre Hände. »Ist wirklich alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich. »Ich meine, du musst heute nicht mehr arbeiten. Ich könnte das verstehen, wenn du dich lieber hinlegen möchtest.«

»Es tut mir leid, dass ich die Abstellkammer fast abgebrannt habe. Das mit dem Rauchen sollte ich wohl wieder nach draußen verlegen, was?« Laura verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln.

»Honey, du weißt, dass du bei mir nicht die Starke mimen musst. Ich weiß, was du in deinem Leben durchgemacht hast, und verstehe deinen Schutzmechanismus. Aber es bedeutet nicht, dass du ihn bei allen aufrechterhalten musst. Wir sind für dich da.«

Laura biss sich auf die Unterlippe, hielt die Tränen zurück, die im Begriff waren, in ihr aufzusteigen. Scheinbar nahm sie das Erlebnis mehr mit, als sie vermutet hatte. »Danke, das weiß ich doch. Aber mir geht es wirklich gut.« Sie lehnte sich vor und legte ihre Stirn gegen die von Olivia. Auch wenn ihre Mutter starb, als sie noch ein Kind gewesen war, stellte sie sich manchmal vor, dass Olivia eigentlich ein guter Ersatz war. So in etwa wäre wohl ihre Mutter gewesen – zumindest hoffte sie das.

»In Ordnung. Dann entlasse ich dich wieder in den Außendienst.« Olivia löste sich von ihr und schnappte sich ein paar Gläser, die sie in den Geschirrspüler unter dem Tresen räumte. »Aber lass mir keine Klagen aufkommen.«

»Das kann ich nicht versprechen«, gab Laura grinsend zurück.

»Na gut. Dann aber nicht mehr als üblich.«

Im Diner hatte sich nicht viel verändert. Die Familie mit den zwei Kindern saß noch immer in ihrer Nische. Der Sohn versuchte inzwischen am Rücken seiner Mutter hochzuklettern und die Haare dabei rapunzelartig als Kletterseil zu benutzen. Sie ließ es einfach geschehen. Entweder war sie ähnlich müde wie Laura oder einfach beim zweiten Kind abgestumpft.

Die Frau mit den roten Haaren wirkte verträumt, wie sie so aus dem Fenster starrte. In der hinteren Ecke dröhnten die Jungs von irgendwelchen Errungenschaften, die sie vor nicht allzulanger Zeit bei einem Onlineportal ersteigert hatten. Irgendein cooles Zeug, mit dem Laura nichts anfangen konnte. Die drei Jahre auf der Straße hatten sie vollkommen rausgebracht, was irgendwelche Innovationen angingen. Und in den fünf Jahren danach hatte sie besseres zu tun gehabt, als das aufzuholen. Stattdessen hatte sie ihr Leben sortiert und wieder zu sich gefunden.

Da die Jungs bereits ihre Currywurst bestellt hatten, kam sie zu dem Tisch, an dem ein Neuling saß. Er trug eine verwaschene Cap von einem amerikanischen Footballteam und kaute auf einem Kaugummi. Seine Finger waren voller Schwielen und auf seiner Jacke war ein Aufnäher mit dem Namen seiner Spedition. Ein neuer Trucker, der wohl das erste Mal diese Route fuhr.

»Willkommen in Lou‘s Diner. Mein Name ist Lau…«

Bevor sie zu Ende reden konnte, ertönte ein Schrei hinter ihr. Laura fuhr herum, ihr Block fiel ihr aus den Händen. Die Rothaarige stand auf dem Tisch und hielt ein Messer in der Hand. Ihr Gegenüber saß zusammengesunken vor ihr und umklammerte seinen Hals. Die Kinder der vierköpfigen Familie kreischten so laut, dass Laura sich die Ohren zuhalten musste.

Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, als sie den Ausdruck auf dem Gesicht der Frau bemerkte. Ein diabolisches Grinsen und ein wahnsinnges Funkeln in ihren Augen, das sie rückwärts stolpern ließ. Diesen Blick kannte sie. Diese Grimasse hatte das Gesicht aus ihrem Albtraum aufgelegt. War es etwa doch kein Traum gewesen?

»Honey, geh in Deckung!«, brüllte Olivia und wedelte mit ihren Armen.

Doch Laura konnte sich nicht rühren. Zu sehr erschreckte sie die Tatsache, dass sich die Fratze in dem Gesicht der Frau spiegelte. Hatte sie eine Vorahnung dessen gehabt, was passieren würde?

Die Frau reagierte auf den Schrei von Olivia und warf ein Messer in ihre Richtung. Olivia ging zu Boden. Es war der Moment, in dem Laura aus ihrer Starre erwachte. Sie rannte los, wollte hinter den Tresen, zu Olivia, doch Panik brach aus. Sie kam nicht vorwärts. Die Rothaarige sprang vom Tisch und raste in grotesken Bewegungen auf den nächsten Gast zu, der in Richtung Ausgang drängte und rammte ihm das Messer wieder und wieder in den Rücken. Ohne einen Ton brach er zusammen.

Olivia schrie, hielt sich die Hände vor den Mund. Das ist ein Amoklauf, dachte Laura unverhofft und wünschte sich, dass sie eine Ahnung hätte, wie man darauf zu reagieren hätte. Stattdessen spürte sie nur die Panik in ihren Knochen. Sie sorgte dafür, dass ihr Gang unsicher wurde, ihre Atmung viel zu schnell und ihre Bewegungen ruckartig. Kälte überzog ihre Haut, sie zitterte.

Lou kam aus der Küche. In seinem Gesicht konnte Laura dieselbe Angst erkennen, die sie erfasst hatte. Er war ein perfekter Spiegel ihrer eingenen Empfindungen. »Lou, es ist die Rothaarige!«, war alles, was sie rufen konnte.

Das wiederum lenkte die Aufmerksamkeit der Angreiferin auf Laura. Sie ließ die anderen Gäste in Frieden, stieß sie beiseite, um auf Laura zuzurennen. Die roten Haare wirkten wie ein flammendes Meer, das eine Insel aus Zorn umgab. Tiefe Schatten umrandeten ihre Augen, schimmerten durch die helle Haut, überdeckten sogar die Sommersprossen.

»Nein!«, hauchte Laura und wich zurück. Sie suchte beim Flüchten auf einem der Tische nach einer Waffe – oder etwas, das man als solche benutzen konnte, fand ein Besteckset und griff gleich nach einem nächsten. Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie die Papieruntersetzer vom Tisch fegte. Sie bebte, als sie das Messer aus der Pappverpackung zog und in Richtung der Rothaarigen wischte. »Verschwinden Sie einfach. Ich habe Ihnen nichts getan!«

Ein knurrender Laut, wie das Grollen eines Hundes kurz vor dem Angriff, erklang aus ihrer Kehle. »Nichts getan«, wiederholte die Rothaarige mit einer kratzigen Stimme, die nicht mehr ihrer eigenen entsprach.

Laura stieß mit dem Hintern gegen den letzten Tisch im Diner. Sie erschrak, schrie erneut auf, packte das Steakmesser umso fester. Die fünf Jungs saßen zusammengekauert auf ihrer Sitzbank oder unter dem Tisch. Einer von ihnen hatte ein Handy gezückt und hielt es auf sie gerichtet. Scheinbar filmt er sie.

»Nichts getan, nichts getan«, sagte die Rothaarige immer und immer wieder. Es wurde zu einem grausamen Singsang, der jeden ihrer Schritte begleitete.

Laura wedelte mit der gezackten Klinge in ihre Richtung und hoffte, damit die Angreiferin abzuwehren.

Kurz bevor sie Laura erreichte, blieb sie abrupt stehen. Ein schmerzerfülltes Jaulen ertönte und die Angreiferin packte sich ans Herz, wich vor ihr zurück. Sie wusste nicht, wieso, aber das war der Moment, in dem Laura instinktiv reagierte. Sie packte den ersten Jungen an der Hand und zerrte ihn am Arm von der Lederbank. »Los, raus hier«, brüllte sie.

Das ließen sich die Jungs nicht zweimal sagen. Der, der gefilmt hatte, ließ sein Handy fallen, wollte noch einmal umkehren, um es zu holen, aber Laura trat ihm in den Hintern, noch bevor er auch nur einen Schritt geschafft hatte. »Kein Handy ist dein verdammtes Leben wert!«

Laura scheuchte die fünf vor sich her. Gerade als sie an der Rothaarigen vorbei wollte, sprang sie ihr in den Weg. Es bereitete ihr anscheinend immer noch Schwierigkeiten, in Lauras Nähe zu gelangen, aber sie versuchte es wie eine Wahnsinnige. Sie warf den Kopf vor und zurück, so dass die Haare wilder flogen als bei einem Sturm.

Im Augenwinkel erkannte sie, dass die meisten Gäste zur Tür hinausdrängten oder schon draußen waren. Die Jungen schlängelten sich hindurch und überholten so den einen oder anderen auf dem Weg nach draußen.

»Warum tust du das?«, fragte Laura. In einer Polizeiserie hatte sie mal gesehen, dass man eine Verbindung zu dem Angreifer aufbauen sollte, um ihn zu beruhigen. Im Grunde war sie froh, dass sie überhaupt einen Ton herausbrachte.

»Nichts getan«, kreischte die Rothaarige jedoch nur, als würde jemand sie mit dem Brandeisen quälen.

Hinter der Frau tauchte Lou auf. Er hielt ein Beil in der Hand, mit dem er das Fleisch in der Küche zerkleinerte. Laura wusste sofort, was er vorhatte und schloss die Augen für einen Sekundenbruchteil. Sie musste ihm helfen, musste die Rothaarige ablenken, solange er sich an sie heranschlich.

»Was soll der Angriff?«, rief Laura, suchte nach einer Frage, die sie stellen konnte. »Wir haben nichts getan.«

»Nichts getan, nichts getan.«

Laura hielt ihr Messer weiterhin vor sich, war bereit, es einzusetzen, sollte die Rothaarige sie anfallen.

Blut klebte an ihren Händen. Vermutlich von dem ersten Mann, den sie getötet hatte. Laura konnte es nicht mit Sicherheit sagen, aber es verstärkte die Angst in ihr. Es wurde immer schwerer das Messer zu halten.

Lou hatte es fast geschafft. Er war nur noch einen Schritt von der Rothaarigen entfernt. Laura hielt den Atem an. Sie durfte sich nichts anmerken lassen, dennoch konnte sie den Blick nicht von ihrem Ziehvater abwenden. Die Rothaarige schien es nicht zu bemerken, war zu sehr darauf konzentriert, Laura näherzukommen.

Lou hob das Beil, zögerte, aber ließ es dann doch auf die Angreiferin niedersausen. Laura wandte den Blick ab. Zeugin von bereits einem Mord zu sein, hatte ihr gereicht. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, wollte verhindern, dass ihr die Galle aus dem Rachen rauschte.

Sie schloss die Augen und wartete auf die befreienden Worte von Lou, der sie packen und aus dem Diner führen würde.

Doch stattdessen erklang ein gurgelndes Geräusch, das sie aufhorchen ließ. Es waren nicht die Geräusche einer Frau. Ein eiskalter Schauer rann ihre Seele entlang und ließ sie aufblicken.

Das Beil steckte bis zum Anschlag im Rücken der Frau, doch es schien sie nicht einmal zu stören. Sie hatte den Kopf schräg gelegt, so dass die Locken zum Teil ihr verzerrtes Gesicht verdeckten. Laura folgte dem Arm der Rothaarigen bis zu dem Messer, das sie in ihrer Hand hielt. In diesem Moment ließ sie es los, aber die Klinge bewegte sich nicht. Erst als Lou zusammenbrach, wurde Laura klar, dass es in ihm steckte. Diesmal konnte Laura es nicht zurückhalten. Sie übergab sich, zeitgleich rannen ihr die Tränen vor Schmerz, Qual und Trauer aus den Augen.

Sie konnte den Blick nicht von Lou abwenden. Das freundliche Funkeln in seinen Augen, die Unbeschwertheit, wichen mit jeder Sekunde und ließen eine Ruine zurück, die niemand mehr bewohnen konnte. Das Leben erstarb in dem Augenblick, in dem er auf dem Boden aufschlug.

»Nein!«, schrie sie. »NEIN!«

Die Rothaarige drehte ihren Arm so weit nach hinten, dass es knirschte. Aber es gelang ihr, das Beil aus ihrem Rücken zu ziehen. Das Blut floss aus ihr heraus, bildete eine Lache auf dem Boden und vermischte sich mit dem von Lou. Doch im Gegensatz zu ihrem geliebten Ziehvater marschierte die Rothaarige auf den Ausgang zu, wo noch die letzten Gäste zu entkommen versuchten.

Laura krabbelte auf allen vieren zu Lou. Sie drehte ihn auf den Rücken, doch es war längst zu spät. Durch einen Tränenschleier erkannte sie die weit aufgerissenen Augen und die vom Tode eingefallenen Wangen. Laura schluchzte, streichelte ihm über die Stirn und schloss seine Augen, ehe sie sich aufrappelte. Blut klebte an ihren Händen, das sie an ihrer Schürze abwischte, und schlich hinter den Tresen, wollte zu Olivia.

Die Rothaarige kümmerte sich nicht um sie, sondern suchte sich bereits ein neues Opfer. Einen älteren Trucker, der schon seit Jahren Stammgast im Diner war. Laura ging hinter dem Tresen in Deckung und hetzte gebeugt bis zu der Stelle an der sie Olivia hatte zu Boden gehen sehen.

»Olivia!«, flüsterte sie. Der Tresen war geschwungen, so dass sich ihr erst nach einigen Schritten das ganze Bild enthüllte.

Olivia lag noch immer auf dem Boden. Das Gesicht in ihre Richtung gewandt. Ihre Lippen bebten, doch sie konnte kein Wort sagen. Ein Messer steckte in ihrem Bauch.

»Bitte nicht.« Laura ging auf die Knie und krabbelte zu ihr, nahm sie in den Arm.

»L…«, versuchte Olivia zu sagen, doch eine Schmerzwelle ließ sie die Augen schließen.

Laura schüttelte sie, hatte Angst, dass sie ebenfalls starb.

»Bleib bei mir, Olivia!«, rief sie. Ihr war egal, ob die Rothaarige sie hören konnte.

»Lou …!«, brachte Olivia unter Schmerzen hervor.

Laura biss sich auf die Unterlippe, schüttelte den Kopf. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie nahm Olivias Hand und drückte sie. »Halt durch. Die Polizei wird sicher bald da sein.«

»Ohne Lou …« Olivias Kopf sackte zur Seite, sie verlor das Bewusstsein. Diesmal schaffte Laura es nicht, sie zurückzuholen. Egal wie sehr sie das Handtuch aus Olivias Hand auf die blutende Wunde presste, egal wie heftig sie Olivia schüttelte, sie kam nicht mehr zurück zu ihr.

Laura schluchzte, hielt weiterhin Olivias Hand. Sie war alleine. Ganz alleine auf der Welt. Laura hatte ihre liebsten Menschen verloren.

Und hinter ihr das Knurren eines angriffswütigen Hundes.

Hunter