Red Planet - Roter Planet - Robert A. Heinlein - E-Book

Red Planet - Roter Planet E-Book

Robert A. Heinlein

4,8

Beschreibung

Jim und seine Familie gehören zu den ersten Siedlern der Marskolonie. Von den Marsianern misstrauische beäugt, haben sich die Menschen der lebensfeindlichen Umwelt angepasst und sich eingerichtet. Die Kinder besuchen das Internat, das sich im sicheren Norden befindet – tausende Kilometer von den Familien entfernt. Der neue Schuldirektor diszipliniert die Kinder mit militärischen Drill und macht ihnen auch sonst das Leben schwer. Als Jim dann zufällig erfährt, dass die Kolonie dem Eistod überlassen werden soll, machen sich er und sein bester Freund Frank auf den Weg. Sie wollen die Kolonie warnen. Doch der Weg ist extrem gefährlich… Robert Heinlein, der Grand Master der Science Fiction, schuf mit Red Planet einen temporeichen Klassiker der Jugend-Science-Fiction-Literatur. Ein Abenteuerroman, der Sci-Fi-Fans bis heute fasziniert.

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Seitenzahl: 323

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Robert A. Heinlein

ROTER PLANET

ROMAN

Titel der englischen Originalausgabe:RED PLANET

1. AuflageVeröffentlicht durch denMANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYKFrankfurt am Main 2016www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen AusgabeMANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYKText © Robert A. Heinlein 1949

Deutschsprachige Übersetzung: Jan EnselingLektorat: Nora Marie BorruschSatz & Bildbearbeitung: Karl-Heinz ZapfCover- und Umschlaggestaltung: Slobodan Cedic und Matthias Lück

VP: 125-102-01-06-0616

eISBN: 978-3-945493-74-8

ROTER PLANET

Robert A. Heinlein

Für TISH

ÜBER DEN AUTOR

Robert Anson Heinlein wurde 1907 in Butler, Missouri, geboren. Er schloss die US-Marineakademie ab und wurde 1934 krankheitsbedingt in den Ruhestand versetzt. Er studierte Mathematik und Physik an der Graduiertenschule der Universität Kalifornien und war Besitzer einer Silbermine, bevor er 1939 mit dem Schreiben von Science-Fiction-Romanen begann. 1947 erschien sein erstes fiktionales Werk, Reiseziel: Mond. Zu seinen Romanen gehören Ein Doppelleben im Kosmos (1956), Starship Troopers (1959), Fremder in einer fremden Welt (1961) und Mondspuren (1966), allesamt Gewinner des Hugo Award. Heinlein war Gastkommentator der ersten Mondlandung durch Apollo 11. 1975 erhielt er den Grand Master Nebula Award für sein Lebenswerk. Heinlein starb 1988.

INHALTSVERZEICHNIS

I Willis

II Kolonie Süd, Mars

III Gekko

IV Lowell-Akademie

V Nichts bleibt ungehört

VI Flucht

VII Verfolgt

VIII Die andere Welt

IX Politik

X „Wir sind eingekesselt!“

XI Belagert

XII „Nicht schießen!“

XIII „Das ist ein Ultimatum.“

XIV Willis

KAPITEL EINS

Willis

Die dünne Luft war kühl, aber nicht wirklich kalt. In den südlichen Breitengraden hatte der Winter noch nicht Einzug gehalten und die Tagestemperaturen lagen in der Regel über dem Gefrierpunkt.

Das seltsame Wesen, das vor der Tür eines kuppelförmigen Gebäudes stand, war von annähernd menschlicher Erscheinung, aber kein menschliches Wesen hatte jemals solch einen Kopf besessen. Etwas wie ein Hahnenkamm ragte aus dem Schädel hervor, die Augenlinsen waren weit und starrten und die Vorderseite des Gesichts ragte hervor wie eine Schnauze. Die unirdische Erscheinung wurde noch durch ein Muster aus schwarzen und gelben Tigerstreifen verstärkt, die den gesamten Kopf bedeckten.

Das Wesen war mit einer pistolenartigen Feuerwaffe ausgestattet, die an seinem Gürtel befestigt war, und trug in der Armbeuge eine Kugel, größer als ein Basketball und kleiner als ein Medizinball. Es legte den Ball auf den linken Arm, öffnete die äußere Tür des Gebäudes und trat ein.

Drinnen gab es einen kleinen Vorraum und eine innere Tür. Sobald sich die Außentür geschlossen hatte, begann der Luftdruck, begleitet von einem leisen Seufzen, im Vorraum anzusteigen. Aus einem Lautsprecher über der Innentür dröhnte ein schwerer Bass: „Nun? Wer ist da? Sprechen Sie! Sprechen Sie!“

Der Besucher legte den Ball vorsichtig auf den Boden, packte dann sein hässliches Gesicht, hob es an und schob es über die Stirn. Darunter kam das Gesicht eines jungen Erdenmenschen zum Vorschein. „Ich bin’s, Jim Marlowe, Doc“, antwortete er.

„Na dann, komm rein. Komm rein! Steh da nicht rum und kau auf deinen Fingernägeln.“

„Ist gut.“ Als der der Luftdruck im Vorraum an den im Rest des Hauses angepasst war, öffnete sich die innere Tür automatisch. Jim sagte: „Komm mit, Willis“, und ging hinein.

Aus der Unterseite des Balls wuchsen drei Höcker, und er folgte dem Jungen mit einer Gangart, die Drehen, Gehen und Rollen miteinander verband. Genauer gesagt schlingerte er wie ein Fass, das über einen Anleger gehievt wird. Sie gingen einen Gang entlang und betraten einen großen Raum, der die halbe Bodenfläche des kreisrunden Hauses einnahm. Doktor MacRae blickte auf, stand jedoch nicht auf. „Wie geht’s, Jim? Leg ruhig ab. Kaffee steht auf dem Arbeitstisch. Hallo, Willis“, fügte er hinzu und widmete sich wieder seiner Arbeit. Er verband gerade die Hand eines Jungen, der ungefähr in Jims Alter war.

„Danke, Doc. Oh – hallo, Francis. Was machst du denn hier?“

„Hi, Jim. Ich habe einen Wassersucher getötet und mir den Daumen an einem seiner Stacheln verletzt.“

„Nicht bewegen!“, befahl der Arzt.

„Das Zeug brennt!“, protestierte Francis.

„Das soll es auch. Halt den Mund.“

„Wie in aller Welt hast du das gemacht?“, bohrte Jim nach. „Du solltest es doch besser wissen, als eins von diesen Dingern anzufassen. Ausbrennen und verbrennen, die Viecher.“ Er öffnete den Reißverschluss seiner Außenbekleidung, streifte sie sich von Armen und Beinen ab und hängte sie auf einen Ständer neben der Tür. An den Haken hingen Francis’ Anzug, auf dessen Kopfbedeckung in bunten Farben eine Art indianischer Kriegsbemalung prangte, sowie der Anzug des Doktors, dessen Maske schlicht gehalten war. Für einen Aufenthalt im Inneren des Mars war Jim nun stilsicher und passend gekleidet: splitternackt, abgesehen von einem roten Slip.

„Ich hab das Viech verbrannt“, erklärte Francis, „aber es hat sich bewegt, als ich es angefasst habe. Ich wollte an den Schwanz, um daraus eine Halskette zu machen.“

„Dann hast du es nicht richtig verbrannt. Wahrscheinlich war es noch voller Eier. Für wen machst du denn die Halskette?“

„Nicht deine Sache. Und ich habe den Eierbeutel verbrannt. Für wen hältst du mich? Für einen Touristen?“

„Manchmal frage ich mich das schon. Du weißt doch, dass die Dinger bis Sonnenuntergang nicht sterben.“

„Red keinen Unsinn, Jim“, riet ihm der Doktor. „Also, Frank, ich spritze dir jetzt ein Gegengift. Wird dir zwar nichts nutzen, aber deine Mutter wird sich freuen. Morgen ungefähr wird dein Daumen so dick angeschwollen sein wie ein vergifteter Welpe; komm dann zurück und ich steche rein.“

„Werde ich meinen Daumen verlieren?“, fragte der Junge. „Nö. Aber für ein paar Tage musst du dich mit der linken Hand kratzen. Also, Jim, was führt dich zu mir? Bauchschmerzen?“

„Nein, Doc. Es geht um Willis.“

„Willis, soso. Er sieht mir doch recht keck aus.“ Der Doktor starrte auf das Wesen herab. Willis saß zu seinen Füßen und war herübergekommen, um zuzusehen, wie Franks Daumen verbunden wurde. Dafür hatte er sich drei Augenstiele aus der Oberseite seiner kugelförmigen Masse wachsen lassen. Die Stiele standen wie Daumen in einem gleichschenkligen Dreieck ab und aus jedem wuchs je ein unheimlich menschliches Auge heraus. Der kleine Kerl drehte sich langsam auf seinen Höckern oder Scheinfüßchen herum, sodass jedes Auge die Gelegenheit bekam, den Doktor zu betrachten.

„Bring mir einen Becher Java, Jim“, befahl der Doktor, dann beugte er sich vor und bildete mit seinen Händen eine Kuhle. „Also, Willis – hopp!“ Willis machte einen kurzen Hüpfer und landete in den Händen des Doktors, wobei er alle Auswüchse einzog. Der Arzt setzte ihn auf den Untersuchungstisch, und sofort fuhr Willis Beine und Augen wieder aus. Sie starrten einander an.

Vor sich sah der Doktor einen Ball mit dichtem kurz geschorenem Fell wie geschorene Schafwolle und ohne besondere Eigenschaften, abgesehen von den Füßen und den Augenstielen. Die Marskreatur sah einen älteren männlichen Erdenmenschen, der beinahe völlig mit drahtigem weiß-grauem Haar bedeckt war. Auf dem Haupt war das Haar dünn, auf Kinn und Wangen dicht und auf Brust und Armen und Rücken und Beinen dicht bis spärlich. Der Mittelteil dieser fremdartigen, nicht-marsianischen Kreatur war von schneeweißen Shorts bedeckt. Willis machte der Anblick Spaß.

„Wie fühlst du dich, Willis?“, fragte der Doktor. „Gut? Schlecht?“

Genau zwischen den Stielen auf der Krone des Balls bildete sich ein Grübchen, das sich zu einer Öffnung weitete. „Willis gut!“, sagte er. Seine Stimme war der von Jim erstaunlich ähnlich.

„Gut, wie?“ Ohne sich umzudrehen, fügte der Doktor hinzu: „Jim! Wasch die Becher noch mal. Und diesmal desinfizierst du sie. Willst du, dass jeder hier Pips kriegt?“

„Alles klar, Doc“, bestätigte Jim und fügte an Francis gewandt hinzu: „Willst du auch Kaffee?“

„Sicher. Schwach, mit viel Muh drin.“

„Jetzt sei nicht zimperlich.“ Jim griff in die Laborspüle und fischte tatsächlich einen weiteren Becher heraus. Die Spüle war voll mit dreckigem Geschirr. Daneben simmerte ein großer Kolben mit Kaffee über einem Bunsenbrenner. Jim wusch die drei Becher sorgsam aus, ließ sie dann durch den Sterilisator laufen und füllte sie hinterher.

Doktor MacRae nahm einen Becher und sagte: „Jim, dieser Mitbürger hier sagt, dass es ihm gut geht. Wo liegt das Problem?“

„Ich weiß, dass er sagt, dass er in Ordnung ist, Doc, aber er ist es nicht. Können Sie ihn nicht untersuchen und es herausfinden?“

„Ihn untersuchen? Wie denn, Junge? Ich kann nicht einmal seine Temperatur messen, weil ich nicht weiß, wie hoch seine Temperatur sein soll. Ich habe genauso viel Ahnung von seiner Körperchemie wie eine Kuh vom Singen. Willst du, dass ich ihn aufschneide und nachsehe, was in ihm vorgeht?“

Sofort zog Willis alle Fortsätze ein und wurde so nichtssagend wie eine Billardkugel. „Jetzt haben Sie ihn erschreckt“, sagte Jim vorwurfsvoll.

„Tut mir leid.“ Der Doktor streckte die Hand aus und begann, den Fellball zu kraulen und zu kitzeln. „Guter Willis, braver Willis. Niemand wird Willis wehtun. Nun mach schon, Junge, komm wieder aus deinem Loch gekrochen.“

Willis öffnete den Schließmuskel über seiner Sprachmembran nur einen Spaltbreit. „Nicht Willis wehtun?“, fragte er ängstlich mit Jims Stimme.

„Nicht Willis wehtun. Versprochen.“

„Nicht Willis aufschneiden?“

„Nicht Willis aufschneiden. Kein Bisschen.“

Langsam schoben sich die Augen heraus. Irgendwie schaffte er es, einen Ausdruck wachsamer Vorsicht an den Tag zu legen, obwohl er nichts hatte, das einem Gesicht ähnelte. „Das ist besser“, sagte der Doktor. „Kommen wir zum Punkt, Jim. Warum, glaubst du, stimmt was mit dem Kerlchen nicht, wenn er und ich es nicht sehen können?“

„Na ja, Doc, es geht darum, wie er sich benimmt. Drinnen geht’s ihm gut, aber draußen … Früher ist er mir überallhin gefolgt, ist in der Landschaft herumgehüpft und hat überall seine Nase reingesteckt.“

„Er hat keine Nase“, kommentierte Francis.

„Du bist ein echter Streber. Wenn ich ihn aber jetzt mit nach draußen nehme, rollt er sich zu einem Ball zusammen und ich kriege nichts mehr aus ihm heraus. Wenn er nicht krank ist, warum benimmt er sich dann so?“

„So langsam dämmert’s mir“, antwortete Doktor MacRae. „Wie lange sind du und dieser Ballon schon ein Team?“

Jim dachte die vierundzwanzig Monate des Marsjahres zurück. „Ungefähr seit Ende Zeus, fast seit November.“

„Und heute haben wir den letzten März, beinahe Ceres, und der Sommer ist vorbei. Kannst du dir darunter irgendwas vorstellen?“

„Äh, nein.“

„Erwartest du etwa, dass er im Schnee herumspringt? Wir wandern aus, wenn es kalt wird; er lebt hier.“

Jim fiel die Kinnlade herunter. „Sie meinen, er versucht, Winterschlaf zu halten?“

„Was denn sonst? Willis’ Vorfahren hatten einige Millionen Jahre Zeit, sich an die hiesigen Jahreszeiten zu gewöhnen. Du kannst nicht von ihm verlangen, dass er das ignoriert.“

Jim sah besorgt aus. „Ich hatte vor, ihn nach Syrtis Minor mitzunehmen.“

„Syrtis Minor? Ach ja, du gehst ja dieses Jahr weg zur Schule, oder? Du doch auch, Frank.“

„Darauf können Sie wetten!“

„Ich kann mich nicht daran gewöhnen, wie schnell ihr Kinder groß werdet. Erst letzte Woche habe ich deinen Daumen angemalt, damit du nicht mehr daran lutschst.“

„Ich habe niemals am Daumen gelutscht!“, gab Francis zurück.

„Nicht? Dann war es ein anderes Kind. Schwamm drüber. Ich bin auf den Mars gekommen, weil die Jahre angeblich doppelt so lang sind, aber es scheint keinen Unterschied zu machen.“

„Sagen Sie, Doc, wie alt sind Sie?“, wollte Francis wissen.

„Kümmer dich um deine Angelegenheiten. Wer von euch studiert Medizin und kommt zurück, um mir in der Praxis zu helfen?“

Keiner von beiden antwortete. „Na, raus mit der Sprache!“, hakte der Doktor nach. „Was werdet ihr studieren?“

Jim sagte: „Nun ja, ich weiß nicht. Ich interessiere mich für Areografie1, aber ich mag auch Biologie. Vielleicht werde ich auch Planetenwissenschaftler wie mein alter Herr.“

„Das ist ein breites Fach. Damit solltest du eine Weile beschäftigt sein. Und du, Frank?“

Francis blickte ein wenig verlegen drein. „Nun, ähm – verflixt, ich glaube immer noch, dass ich Raketenpilot werden will.“

„Ich dachte, da wärst du rausgewachsen.“ Doktor MacRae sah beinahe geschockt aus.

„Warum nicht?“, antworte Francis beharrlich. „Ich könnte es packen.“

„Genau davor habe ich Angst. Schau mal, Frank, willst du wirklich ein Leben führen voller Regeln und Vorschriften und Disziplin?“

„Hm … Ich will Pilot werden. Ich weiß es.“

„Aber auf deine Verantwortung. Ich habe die Erde verlassen, um von dem ganzen Unsinn wegzukommen. Die Erde ist derart vollgestopft mit Gesetzen, dass ein Mann keine Luft zum Atmen hat. Bisher bietet der Mars noch ein gewisses Maß an Freiheit. Wenn sich das ändert …“

„Was, ‚wenn sich das ändert‘, Doc?“

„Na ja, dann suche ich mir natürlich einen anderen Planeten, der nicht verseucht ist. Wenn wir schon dabei sind: Ihr Jungspunde geht doch zur Schule, bevor die Kolonisten umsiedeln, oder?“ Da Erdenmenschen keinen Winterschlaf halten, war es notwendig, dass die Kolonie zweimal im Marsjahr umgesiedelt wurde. Den Südsommer verbrachte man bei Charax, kaum dreißig Grad vom Südpol entfernt; die Kolonie war bereits im Begriff, nach Kopaïs in Utopia umzuziehen, das fast genauso weit im Norden lag, wo sie ein halbes Marsjahr, also beinahe ein volles Erdenjahr bleiben würde.

In Äquatornähe gab es Anlagen, die das ganze Jahr über belegt waren – New Shanghai, Marsport, Syrtis Minor –, jedoch waren diese keine richtigen Kolonien, da sie hauptsächlich von Angestellten der Mars Company bewohnt wurden. Durch Vertrag und Satzung war die Company verpflichtet, fortgeschrittene Bildung nach Vorbild der Erde für Kolonisten auf dem Mars zu erteilen. Die Company ging dieser Verpflichtung nur in Syrtis Minor nach.

„Wir fliegen nächsten Mittwoch“, sagte Jim, „mit dem Postflitzer.“

„So bald?“

„Genau, und deshalb mache ich mir Sorgen um Willis. Was soll ich tun, Doc?“

Willis hörte seinen Namen und sah Jim neugierig an. Er wiederholte das Gesagte, wobei er Jim exakt imitierte: „Was soll ich tun, Doc?“

„Halt die Klappe, Willis …“

„Halt die Klappe, Willis“, äffte Willis den Doktor ebenso perfekt nach.

„Wahrscheinlich ist das Beste, was du für ihn tun kannst, ihn nach draußen zu bringen, ein Loch für ihn zu finden und ihn dort reinzustopfen. Du kannst eure Bekanntschaft erneuern, wenn er den Winterschlaf hinter sich hat.“

„Aber, Doc, das bedeutet, dass ich ihn verlieren werde! Er wird draußen sein, wenn ich von der Schule zurückkomme. Außerdem wird er wahrscheinlich wach sein, noch ehe die Kolonie zurückkehrt.“

„Wahrscheinlich.“ MacRae dachte darüber nach. „Es wird ihm nicht schaden, wenn er wieder auf sich allein gestellt ist. Es ist kein natürliches Leben, das er mit dir führt, Jim. Er ist ein Individuum, das weißt du. Kein Eigentum.“

„Natürlich nicht! Er ist mein Freund.“

„Ich verstehe nicht“, warf Francis ein, „warum Jim so ein Trara um ihn macht. Klar, er redet viel, aber das meiste äfft er einfach nur nach. Wenn ihr mich fragt, er ist ein Idiot.“

„Niemand hat dich gefragt. Willis mag mich, oder, Willis? Hier, komm zu Papa.“ Jim breitete die Arme aus. Die kleine Marskreatur sprang hinauf und machte es sich in seinem Schoß bequem – eine warme, pelzige Masse, die leicht pochte. Jim streichelte ihn.

„Warum fragst du nicht einen der Marsianer?“, schlug MacRae vor.

„Das habe ich versucht, aber ich konnte keinen finden, der in der Stimmung war, überhaupt zuzuhören.“

„Du meinst, du hattest einfach keine Lust, zu warten. Ein Marsianer nimmt dich zur Kenntnis, wenn du dich geduldest. Nun, wieso fragst du nicht ihn? Er kann für sich selbst sprechen.“

„Was soll ich denn sagen?“

„Ich versuch’s mal. Willis!“

Willis wandte zwei Augen dem Doktor zu. MacRae fuhr fort: „Willst du rausgehen und schlafen?“

„Willis nicht müde.“

„Wirst draußen müde. Schön und kalt; findest ein Loch im Boden. Rollst dich zusammen und machst ein hübsches, langes Schläfchen. Was meinst du?“

„Nein!“ Der Doktor musste genau hinsehen, um zu bemerken, dass nicht Jim geantwortet hatte – wenn Willis für sich selbst sprach, benutzte er immer Jims Stimme. Willis’ Lautmembran besaß an sich keine besonderen Eigenschaften, ähnlich wie die Membran eines Radiolautsprechers, sah man davon ab, dass sie Teil eines lebenden Tieres war.

„Die Antwort scheint mir endgültig, versuchen wir’s aber mit einem anderen Ansatz. Willis, möchtest du bei Jim bleiben?“

„Willis bei Jim bleiben.“ Nachdenklich fügte Willis hinzu: „Warm!“

„Da haben wir des Rätsels Lösung, Jim“, sagte der Doktor trocken. „Er mag deine Körpertemperatur. Aber ipse dixit – behalte ihn in deiner Nähe. Ich glaube nicht, dass es ihm schaden wird. Er wird wahrscheinlich fünfzig statt hundert Jahre leben, aber er wird doppelt so viel Spaß haben.“

„Leben die denn normalerweise bis zu hundert Jahre?“, fragte Jim.

„Wer weiß? Wir sind noch nicht lange genug auf dem Planeten, um davon eine Ahnung zu haben. Und jetzt raus mit euch. Ich hab noch zu arbeiten.“ Der Doktor betrachtete nachdenklich sein Bett. Es war seit einer Woche nicht gemacht worden. Er entschied, die Sache bis zum Waschtag aufzuschieben. „Was heißt ‚ipse dixit‘, Doc?“, fragte Francis.

„Es heißt: ‚Das kann man wohl sagen‘.“

„Doc“, schlug Jim vor, „warum kommen Sie heute nicht zum Abendessen zu uns? Ich rufe Mutter an. Und du auch, Frank.“

„Mh-mh“, lehnte Frank ab. „Lieber nicht. Meine Mutter sagt, ich esse viel zu oft bei euch.“

„Wenn meine Mutter hier wäre, würde sie zweifellos dasselbe sagen“, gab der Doktor zu. „Zum Glück stehe ich nicht mehr unter ihrem Pantoffel. Ruf deine Mutter an, Jim.“

Jim ging zum Telefon, schaltete zwei Kolonialhausfrauen ab, die über Babys tratschten, und erreichte schließlich sein Heim über eine alternative Frequenz. Als seine Mutter auf dem Bildschirm erschien, erklärte er ihr seinen Wunsch. „Ich würde mich freuen, den Doktor bei uns zu haben“, sagte sie. „Sag ihm, er soll sich auf den Weg machen, Jimmy.“

„Sofort, Mom!“ Jim schaltete das Gerät aus und griff nach seinem Außenanzug.

„Zieh ihn nicht an“, riet MacRae. „Es ist zu eisig draußen. Wir gehen durch die Tunnel.“

„Das ist doppelt so weit“, widersprach Jim.

„Das überlassen wir Willis. Willis, wofür bist du?“

„Warm“, sagte Willis selbstgefällig.

1 Areografie: ähnlich der „Geografie“ auf der Erde. Nach „Ares“, griechisch für Mars.

KAPITEL ZWEI

Kolonie Süd, Mars

Kolonie Süd war wie ein Rad angelegt. Das Verwaltungsgebäude bildete den Mittelpunkt; Tunnel verliefen in alle Richtungen, und darüber waren Gebäude errichtet worden. Inzwischen war ein Randtunnel begonnen worden, der sich an einige der Speichen des Rades anschloss; bisher war ein Bogen von fünfundvierzig Grad fertiggestellt worden.

Abgesehen von drei Mondhütten, die bei der Gründung der Kolonie errichtet wurden und seitdem leer standen, besaßen alle Gebäude die gleiche Form. Jedes war eine halbkugelförmige Blase aus Silikonplastik, das aus dem Boden des Mars verarbeitet und an Ort und Stelle aufgeblasen wurde. Tatsächlich bestanden alle aus einer Doppelblase: Zuerst wurde eine Blase aufgeblasen, mit einem Durchmesser von etwa neun bis zwölf Metern. Sobald diese ausgehärtet war, betrat man das neue Gebäude durch einen Tunnel und blies eine innere Blase auf, etwas kleiner als die erste. Die äußere Blase „polymerisierte“ – das heißt, durch die Sonneneinstrahlung trocknete sie und härtete aus, während durch eine Batterie aus Ultraviolett- und Wärmelampen die innere Blase gehärtet wurde. Die Wände wurden durch einen ungefähr dreißig Zentimeter breiten Totraum getrennt, wodurch eine Dämmung gegen die bitterkalten Marsnächte entstand, die unter dem Gefrierpunkt lagen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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