Red Ties - C.G. Starling - E-Book
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C.G. Starling

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Beschreibung

Nachdem Katharina nur knapp einen Anschlag überlebt, wird sie rund um die Uhr von Sicherheitsleuten überwacht, aber die Bedrohung ist nicht überwunden. Dann wird sie zur First Lady, doch bald kommt sie schockierenden Geheimnissen auf die Spur und kämpft weiterhin mit ihrem Gewissen... Der Machtapparat beginnt zu bröckeln...Das Finale des Romance-Thrillers des Jahres.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

1. Teil

2. Teil

3. Teil

C. G. Starling

Red Ties

Untergang der Macht

Band 3 der Serie

Verbindungen zur Macht – Band 1

Gipfel der Macht – Band 2

Untergang der Macht – Band 3

1. Teil

1. Kapitel

Im nächsten Moment liege ich in einem Helikopter auf einer Bahre. Ärzte stehen um mich herum. Ivan ist auch da… Was verdammt noch mal ist passiert? Alles ist voller Blut und die Ärzte machen etwas mit mir… Sie sagen etwas auf Russisch und lassen Ivan durch. Er nimmt meine Hand…

„Ich… ich sterbe jetzt…“ Ich sage das, als wollte ich von meinem Gegenüber hören, dass das in Ordnung ist. Dass ich darf. Weil ich noch nie so schlimm verletzt war…

„Neihn.“ Er schluckt, „das wirst du nicht – ich verspreche es… “ Aber ich weiß nicht, ob er das kann…

„Ich…hast du…“

„Nein“, sage ich, „das würde ich nie tun – ich werde den vernichten, der dir das angetan hat… und wenn es ein Staatschef war, ich werde eine Atombombe auf sein Land werfen…“

„Tu das… nicht…“ Das Letzte, das ich will ist für den dritten Weltkrieg verantwortlich zu sein…

„Dann bleib am Leben. Ich liebe dich…“ Ich will ihm sagen, dass ich das auch tue, aber ich kann nicht mehr reden… ich weiß auch nicht, ob ich das schaffe, am Leben zu bleiben. Ich weiß, dass ich verdammt krank bin dass ich mehrere Kugeln im Körper haben muss und wer überlebt das schon? Sie werden mich stundenlang operieren müssen. Vielleicht wache ich nie wieder auf. Ich will nicht, dass sie das tun, aber ich weiß, dass sie das werden. Irgendwie bekomme ich alles mit, obwohl ich bewusstlos bin – ich sehe sie, wie sie versuchen, meinen Körper am Leben zu erhalten und mir Blut geben. Sie reden über die Operation und wie schlecht meine Chancen stehen. Ivan will es nicht einsehen – er will mich in das beste Krankenhaus bringen… er droht Ihnen, wenn sie mein Leben nicht retten können – ich weiß, dass er es nicht war, so würde er nicht reden, er denkt, ich bekomme es nicht mit… er war es nicht… aber wer dann… ist das jetzt noch wichtig? Ich weiß nicht mal, ob es mir wirklich wichtig ist, dass mein Körper überlegt. Irgendwie fühle ich kaum noch Bezug zu ihm… er sieht so blutig aus von außen, so unglaublich zerstört… wenn ich das überlebe, wie werde ich dann je wieder ganz gesund? Wer tut so etwas? Irgendwann sind sie beim Krankenhaus. Sie schieben mich sofort in den OP. Ivan geht mit rein – sie geben ihm einen Mundschutz, dabei dachte ich, dass er Besprechungen haben muss, aber das ist ihm jetzt egal – dann liegt ihm doch etwas an mir. Dann würde er mich nicht alleine lassen, wenn ich im Sterben liege… wenn er das gewesen wäre, würde er mich nicht retten. Er könnte mich in diesem abgeschiedenen Privatkrankenhaus töten lassen und keiner würde es je bemerken. Ich sehe nur Teile der Operation, aber ich bekomme mit, dass mich alle drei Kugeln getroffen haben und dass sie fast mein Herz getroffen hätten, aber nicht ganz – meine Lunge hat Risse, aber ich brauche keine Transplantation – das hätte ich auch nie gewollt, aber Ivan hätte das angeordnet und mir jedes Organ gegeben, wenn es nötig gewesen wäre – ich bin froh, dass es das nicht ist irgendwie… irgendwann muss ich doch in Bewusstlosigkeit gedriftet sein. Es fühlt sich an wie zu schlafen und immer wieder aus einem bösen Traum aufzuwachen… ich bin immer wieder im Wald und dann bin ich wieder hier…

2. Kapitel

Irgendwann komme ich zu mir. Ich wünschte, es wäre nicht passiert. Ich hänge an einer Atemmaschine und bekomme Luft durch ein Gerät. Mein Brustkorb fühlt sich an, als hätten mehrere Messer ihn durchbohrt und jeder Atemzug tut schrecklich weh und wird von dem Gerät gesteuert, was gruselig und maschinell klingt.

„Sie ist aufgewacht, ich rufe ihn an…“, höre ich jemanden sagen. Aber ich will nicht wach sein – nicht wach bleiben. Wie lange war ich weg, wenn er nicht mehr da ist? Kurz darauf höre ich Stimmen – sie sagen etwas auf Russisch – sie reden energisch und dann kommen sie rein. Patov war die ganze Zeit da… oder ich habe mein Zeitempfinden verloren. Er nimmt meine Hand.

„Es wird wieder gut“, sagt er, „es wird alles gut.“ Aber ich weiß es nicht. Ich kann nicht reden – nichts sagen – wie kann man sich von so etwas erholen? Wie lange dauert das?

„Sie werden ihn finden – sie durchkämmen das Gebiet – er wird hier niemals rauskommen.“ Ich weiß nicht, ob mich das freuen soll – mir ist klar, dass wer auch immer das getan hat, sterben wird, aber ich weiß nicht mal, ob ich das gut finden soll. Bin ich dann verantwortlich? Will ich, dass man mich so rächt? Würde das was besser machen? Er nimmt meine Hand, „es tut mir so leid.“

„Wa- rum“, bringe ich heraus.

„Wir finden es heraus“, sagt er, „aber ich glaube nicht, dass es mit dir zu tun hatte… das… hatte es nicht…“ Also ging es um ihn… sie wollten ihm einfach etwas wegnehmen, das er liebt?

„Es tut mir so leid…“, sagt er, „es wird nie mehr passieren.“ Nein. Wenn ich das nicht überlebe, dann kann es das auch gar nicht…

3. Kapitel

Aber ich überlebe es… es geht mir jeden Tag etwas besser. Die Schmerzen gehen weg, ich kann wieder normal atmen. Sie operieren mich noch zwei Male, einmal nur, damit ich weniger schlimme Narben habe – das wäre mir egal gewesen, aber Ivan will wohl nicht, dass ich zu viel davontrage oder es geht ihm wirklich um Ästhetik – mir ist es egal… ich hätte nicht gedacht, dass ich überlege – er muss die besten Leute engagiert haben. Es dauert ewig, bis sie mich entlassen. Ich bekomme es kaum mit. Ivan ist oft da, obwohl er die Zeit eigentlich nicht haben kann… irgendwann darf ich zurück. Natürlich gibt es auch in dem Anwesen eine Krankenstation und Ärzte… es ist schöner nicht mehr im Krankenhaus zu sein, aber es geht mir immer noch schlecht. Die Wunden tun immer noch weh, aber das ist nicht mal alles. Ich kann kaum schlafen, weil ich dauernd schreiend aufwache. Sie stellen doppelt so viele Wachen wie sonst in mein unser Zimmer und Ivan übernachtet immer bei mir… sie haben Scharfschützen an allen Fenstern – so viele, dass ich eher sehe, dass eine Gefahr davon ausgeht, dass sich bei ihnen aus Versehen ein Schuss löst, als dass uns jemand etwas tun kann, aber ich fürchte mich trotzdem davor. Er ist bei mir. Umarmt mich. Verspricht mir, dass sie den Attentäter finden werden und dass sie jedem Tipp nachgehen… Als es mir besser geht, reden wir darum, wie ich mich wieder in der Öffentlichkeit zeige, weil die ausländischen Medien schon spekulieren würden, was mit mir passiert sei – will man eine Schwangerschaft verbergen, lebe ich noch? Wurde ich von Ivan selber aus dem Weg geräumt? Ich will mich dem nicht stellen. Ich weiß nicht, wie ich es verarbeiten soll, vor allem, wenn ich mit niemandem reden kann, außer der Psychologin, die für mich bestellt wurde... aber ich hasse es, dass Ivan nicht mit mir darüber redet. Möglicherweise ist das die russische Art und er kann deswegen einfach kein Gefühl zeigen. In meiner Zeit helfen mir Trainer, wieder fit zu werden, und Ärzte beobachten mich rund um die Uhr. Außerdem arbeiten Berater mit mir an einer Erklärung, warum ich mich so lange aus der Öffentlichkeit zurückgezogen habe. Sie wollen, dass ich sage, es hätte gedauert, bis ich mich vor dem Schock mit Alexander erholt habe und ich sei fertig, wegen den Reaktionen meines Landes, aber ich will das nicht so. Am liebsten würde ich einfach die Wahrheit sagen, am liebsten würde ich einfach die Wahrheit wissen. In meinem Traum bin ich wieder in dem Wald. Ich werde wieder verfolgt – ich sehe die Lichter der Autos auf der nächsten Straße. Ich muss nur diese Straße erreichen, aber ich weiß, dass ich hier nicht raus komme – ich bin in diesem Traum gefangen und ich werde wieder und wieder sterben müssen, auch wenn ich weiß, dass es nur ein Traum war. Der Killer steht neben mir...

„Na los, erschieß mich, lass mich aufwachen, bitte“, sage ich. „Woher weißt du, ob dein Leben nicht ein Traum ist und du in Wirklichkeit gestorben bist... wie soll man das überleben…?“ Ich weiß es nicht. Es ist so gruselig – der Gedanke, nicht mal zu wissen, ob ich noch lebe.

„Willst du denn gar nicht wissen, wer ich bin und warum ich dich damals verfolgt habe...“ Er lächelt, „woher willst du wissen, dass er es nicht doch… gewesen ist – vielleicht bist du ihm auf die Nerven gegangen. Wolltest zu viel entscheiden, ist es nicht so...“

„Er hätte es doch längst tun können…“, schreie ich…. „Das sagt er immer, aber warum bringt er es wohl nicht an die Öffentlichkeit... was glaubst du, was er hinter deinem Rücken tut... was er gegen Alexander plant... ob er es nicht nochmal versucht, dich zu...“

„Neihn“, sage ich, „du bist nichts weiter, als mein Unterbewusstsein, ich habe keine Angst davor, also mach schon...“

„Nein, du weißt zu viel, ich werde es langsam tun und vorher habe ich noch ein paar Fragen...“ Er schießt mir erst ins Bein. Ich wache davon nicht auf... ich will aufwachen – es soll mich jemand aus dem Traum ziehen, aber es passiert nicht. Ich atme hektisch und schrecke hoch, sodass mein Rücken und meine Brust davon so wehtun, dass ich schreie. Regen donnert gegen die Scheibe. Sofort ist es hell und Wachen kommen rein und Ärzte. Patov liegt neben mir und umarmt mich so leicht, dass es nicht wehtut. Er ist wirklich hier.

„Es ist nichts“, sage ich den Ärzten, „es ist nur ein Alptraum gewesen...“

„Sie müssen sich trotzdem aufsehen, ob die Wunde aufgegangen ist...“, sagt Ivan. Natürlich müssen sie das – sie müssen dauernd nach mir sehen. Ich kann nichts mehr alleine machen.

„Sieh mich an“, sagt er und ich lege mich auf die Seite, wo es einigermaßen geht.

„Willst du mir nicht sagen, was genau passiert ist...?“, fragt er.

„Neihn“, sage ich. Ich will nichts weniger. Wenn ich darüber rede, dann wird es realer. Ich will darüber nicht reden – ich will es vergessen... „es war meine Schuld...ich habe getan, was du gesagt hast, dass ich nicht tun soll...“

„Es ist nicht deine Schuld...es ist niemals deine...“, sagt er und schluckt, „außerdem hast du das Video zerstört... zumindest wäre es wirklich raus gekommen, wenn du das nicht getan hättest – wer hätte das schon gewusst...“

„Dann ist der Rest... was ist mit ihnen passiert, wo sind sie jetzt...“

„Wir haben das unter Kontrolle, das ist alles, das du wissen musst“, sagt er, „aber das beantwortet meine Frage nicht.“

„Ich kann darüber nicht reden“, sage ich, „es wäre nicht gut für mich...du kannst... es dir doch denken...“

„Ich will alles wissen“, sagt er und nimmt meine Hand, „außerdem kann es sein, dass du Teile davon nicht mehr weißt...“ Mir wird schwindelig bei dem bloßen Gedanken. Im Traum sind auch einige komische Szenen vorgekommen.

„Ich dachte, du hast mir dafür die Psychologin auf den Hals gehetzt...“ Er lacht leicht, während die Ärzte meinen Nachthemd hochziehen und den Verband am Rücken abmachen, „ich weiß, dass du ihr nicht alles sagst...“

Er schluckt, „ich weiß, wie schwer das ist...“

„Das weißt du nicht...“

„Woher willst du das wissen? Ich habe schon einige Anschläge überlebt...“

„Warst du je so schwer verletzt...?“

„Ein paar Mal...auch wenn man das schwer vergleichen kann...“

„Das... glaube ich nicht, das weiß... keiner...“

„Natürlich nicht, es würde mich schwach und angreifbar wirken lassen und sie nur noch anstacheln...“

„Ich habe das nicht gewusst, ich dachte, irgendwie immer...“

„Dass ich unantastbar wäre oder so etwas...“

„Ja, vermutlich...“ Ich schlucke, „was hast du erlebt?“

„Sie haben auf mich geschossen...ein Schuss hat mich an der Schulter getroffen, es war nicht weit vom Herzen weg…“

„Hattest du Angst, dass es wieder passiert...“

„Jeden Tag, aber das spielt keine Rolle, jetzt du...“ Ich verstehe. Es klingt, als hätte er mir schon zu viel verraten. Für seine Verhältnisse ist das wirklich viel, das er gesagt hat. Mehr, als ich mir je erträumt hätte.

„Ich“, sage ich, „ich bin in diesem Auto gefahren, ich... wusste nicht, dass er das wirklich tun wollte, ich dachte, dass... er einfach Geld wollte oder politische Forderungen, oder...“ Sie wechseln meinen Verband und behandeln die Wunde. Es tut weh.

„Hat er irgendetwas anderes zu dir gesagt?“

„Dass ich nicht wissen kann, ob du es nicht warst, der ihn beauftragt hat, dass ich… einfach still sein soll und...ich war auf einmal in diesem Wald und ich bin zur Straße gerannt....und...“

„Ist davor noch etwas passiert, denk nach“, sagt er... „Ich weiß es nicht, ich will nicht nachdenken... ich... weiß es einfach nicht... ich...“

„Ich muss es aber wissen, nur so, können wir ihn finden...“ Dann läuft er also immer noch da draußen rum... „Nein, ich glaube nicht... ich...“

„Hat er dir sonst noch wehgetan...“

„Er wollte mich töten, aber sonst...Nein.“

„Deine Verletzungen sagen etwas anderes...“

„Was soll das heißen?“

„Du hast Kratzer und noch eine Schusswunde am Bein.“ Mir wird schwindelig. Davon weiß ich nichts. Das habe ich nie bemerkt… nie… Ich schaue hektisch mein Bein an und da ist wirklich ein Verband.

„Ich habe geträumt, dass er Dinge von mir wissen wollte... mich gefoltert hat... aber das ist nicht wahr, oder, sag mir, dass das nicht wahr ist…“ Seine Miene verdüstert sich. Er legt eine Hand auf meine Schulter. Dann berührt er meinen Kopf, zieht ihn zu seiner Brust und umarmt mich, so gut es geht, damit er keinen Arzt bei seiner Arbeit behindert.

„Wenn das wahr ist, dann werde ich ihn finden... und ihm das Gleiche antun, bevor ich ihm den Kopf abschneide...“

„Neihn“, sage ich instinktiv.

„Willst du das nicht.“ Natürlich nicht – ich will das alles nicht mehr – nicht noch mehr Gewalt.

„Ich... weiß es nicht... ich weiß nicht, was ich will, aber es beruhigt mich...“ Wenn er ihm etwas tun will, dann hat er ihn nicht geschickt... wobei das nicht wahr sein muss. Keine Garantie...

„Es wird dir nichts mehr passieren. Nie wieder.“ Er nimmt meine Hand. Ich spüre, wie eine der Ärzte, meinen Arm nehmen will, mit dem ich ihn umklammere und ich lasse es zu, bis ich sehe, dass sie mir etwas geben wollen

„Was ist das? Schmerzmittel?“

„Zur Beruhigung.“ Sie sprechen Russisch, aber ich verstehe es.

„Nein“, sage ich, „ich will das nicht, ich...will mich nicht beruhigen und ich schlafe nicht mehr...“

„Das musst du...es ist okay, ich bin bei dir...“

„Aber du bleibst nicht hier...“

„Doch, es ist alles gut.“

„Ich schaffe das auch so.“ Aber es ist schon zu spät. Ich werde müde. Es ist, als würde ich wieder in die Tiefe gerissen, in eine Welt, in der ich nicht mehr ganz alleine bin.

4. Kapitel

Ich denke ernsthaft daran aufzuhören, aber irgendwie mache ich dann doch weiter. Als es wieder geht, mache ich das Training weiter… Ich soll mich dadurch sicherer fühlen… aber ich weiß es einfach nicht. Es gibt mir schon ein unsicheres Gefühl, dass ich das tun muss, aber als das alles passiert, konnte ich nichts tun und die Wachen haben versagt…

Sie bringen mich an einen Schießstand. Ivan ist dabei – er lässt mich jetzt wohl doch nirgendwo mehr alleine hin. Nebenan gibt es ein paar Turnhallen.

„Ich bin dein Gegner, ich tue dir nicht weh, ist das ok…“, sagt Victor.

„Natürlich“, sage ich, „ich war schon mal im Karateverein…“ Und da hat mich auch niemand gefragt, aber ich verstehe, dass er mit mir vorsichtig sein soll. Er wirft mich über seine Schulter und eine Sekunde später lande ich auf dem Rücken. Es tut nicht weh, aber ein wenig spüre ich die Schusswunde trotzdem.

„Zeig mir, wie ich das machen kann“, sage ich. „Du kannst es wohl kaum abwarten.“ Ja. Weil schon etwas passiert ist und weil mein Leben offenbar auch weiterhin in Gefahr ist. Er zeigt mir, wie ich den Griff nachmachen kann und ich tue es. Es heißt, dass ich gut darin wäre, aber das hat nur einen Grund – ich habe einfach Angst um mein Leben. Wir trainieren ein bisschen, aber irgendwann kann ich nicht weitermachen. Ich bin zu erschöpft. Ich weiß nicht, was los ist. Normalerweise halte ich viel länger durch… Ich trinke etwas, aber dann will ich sofort weitermachen.

„Komm schon, konzentrieren, angreifen…“ Ich versuche es, aber irgendetwas ist anders. Als ich das nächste Mal zu Boden geworfen werde, wird mir schwarz vor Augen. Sei´s drum, ich muss weitermachen – bei dem nächsten Durchlauf verschwimmt alles – ich bin wieder in diesem Wald – ich weiß, dass ich jeden Moment tot sein könnte. Es fühlt sich an, als wäre ich immer dort gewesen und alles, das ich bis jetzt erlebt habe, war nur ein Traum, den ich in dem Moment meines Todes habe… Ich habe diese Schmerzen, als mich die Kugel trifft. Ich schreie wie am Spieß.

„Katharina, wach auf… Was ist passiert?“, fragt er mich, „soll ich jemanden anrufen…“

„Nein“, sage ich und schlucke, „das geht schon.“ Aber ich weiß nicht, ob ich es geht und ich sehe schon im Hintergrund, dass er doch jemanden anruft.

„Es tut mir leid – ich bin einfach schwach“, sage ich, „ich halte… nicht aus… ich…“

„Ich weiß, wie das ist – so eine posttraumatische Belastungsstörung…“

„Dann haben Sie?“

„Ich nicht“, sagt er, „aber dein Freund…“

„Neihn, niemals…“ Nicht er – er wäre dafür zu hart. „Er hat so etwas auch erlebt – oft genug.“

„Das ist nicht wahr – das wüsste ich, es wäre in den…“ Ich weiß nicht, ob es in den Nachrichten wäre… das war es bei mir doch auch nicht.

„Du solltest mit ihm darüber reden – er könnte es verstehen“, sagt er, „und jetzt komm – wir machen etwas, das dir mehr Spaß machen wird.“ Danach darf ich an den Schießstand – es tut gut. Hier muss ich nicht darauf achten, gut auszusehen oder nichts kaputtzumachen. Irgendwie kann ich mich so am Besten ablenken. Es ist angenehm, aber irgendwann zittern meine Arme, obwohl ich das nicht will. Ich höre auf, lege die Übungswaffe weg. Ich höre Stimmen aus dem Nebenraum. Ivan schüttelt dem Trainer die Hand und umarmt ihn. Also war das wirklich sein Trainer und es muss wahr sein, dass er schon ähnliches erlebt hat. Nur hätte ich nicht gedacht, dass er mich abholen würde. Ich bin immer noch sauer. Ich versuche ihn nicht zu beachten, aber ihn einfach zu ignorieren, wie ich das bei anderen Typen getan habe, auf die ich sauer war, ist irgendwie auch nicht möglich. Vielleicht habe ich doch zu viel Respekt. Ich drehe mich um. Er sieht aus, als würde er gerade aus einer Besprechung kommen – wie immer.

„Geht es dir gut?“, fragt er mich. Ich weiß sofort, dass er davon weiß – das ist wohl das erste, das sie ihm erzählt haben.

„Es ist alles in Ordnung“, sage ich, „ich bin jetzt besser…“

„Du brauchst das nicht geheim zu halten. Wir können darüber reden.“ Er berührt mich an den Schultern.

„Nein, jetzt nicht“, sage ich, „ich kann sowieso nichts geheim halten, aber…“ Ich schlucke, „ich habe gesagt, dass ich das mache und dass ich… trotzdem will… und...“

„Aber das ist nicht alles…“ Verdammt. Warum muss er immer alles wissen.

„Doch“, sage ich und schlucke. „Ich war beim Geheimdienst, ich weiß, wenn jemand lügt…“ Scheiße. Wie konnte ich nur glauben, dass man so eine Person anlügen kann.

„Dann sag mir, wer diese Person war, die mich… ? Warum sollte er mir was tun? Wer hat ihn geschickt… wer hätte ein Interesse daran? Niemand wusste von mir, ich kann mir nicht vorstellen, dass… meine Cousine… oder…“

Sein Blick versteinert sich, „was für ein Interesse sollte ich gehabt haben? Du glaubst das wirklich…“

„Wer weiß. Vielleicht wusste ich zu viel. Ich wurde überwacht und…ich bin… doch sowieso…“

„Was?“

„Nichts…“ Ich kann mich nicht mit ihm streiten oder ihn beleidigen. Er könnte mich zerstören, zerquetschen wie eine Fliege – ich würde mich vielleicht mit jemandem auf meinem Level streiten. „Sag es mir…du brauchst keine Angst zu haben… warum hast du das…?“

„Warum, weil… wo ich herkomme … bist du praktisch… Darth Vader und…ich bin sowieso nur…“

„Was bist du?“

„Irgendein politisches Instrument, um die Beziehungen zu Deutschland zu verbessern oder so und…ich bin die schlechteste in diesem Etikette Unterricht, wenn du es genau wissen willst, ich spreche nicht mal die Sprache, ich… werde mich sowieso nicht lange halten…und diese Dissidenten… die ganzen toten, was wäre, wenn…“ Er sieht mich an, als wäre das alles total abwegig. Jetzt wird er sagen, dass das alles nicht wahr ist – dass er damit nichts zu tun hat, dass das mit mir die Beziehungen zu Deutschland sowieso nicht verbessern würde.

„Katharina, ich liebe dich…“

„Was…?“ Damit hätte ich nicht gerechnet. Ist das wahr? Nur eine Manipulation? Auf einmal dreht sich alles. Wahrscheinlich sollte ich mich nicht so fühlen, wahrscheinlich sollte ich etwas sagen, aber ich kann nicht. Das ist zu viel. Wie kann einer der mächtigsten Menschen der Welt so etwas zu mir sagen?

„Ich würde nie etwas tun, um dich zu verletzen. Ich zeige es dir…wenn du das wirklich willst…wenn es dir hilft.“

„Was genau?“

„Wir haben ihn erwischt…wenn du so willst…“ Ein Teil in mir sagt, dass ich das nicht kann, aber ich weiß, dass ich mich versichern muss. Dass ich wissen muss, was hier eigentlich los ist. Dass ich jetzt hart reagieren muss, nicht wie ein ängstliches Mädchen, sondern wie jemand, der mit der Vergangenheit umgehen kann.

„Ja“, sage ich nur und nicke nur. Wir verabschieden uns und steigen in die Limousine. Ich starre aus dem Fenster und sage kein Wort. Ich kann nicht glauben, was eben passiert ist. Seit dem Anschlag waren wir uns nicht mehr so nah und ich weiß nicht, was ich sagen soll.

„Und…“, sage ich und schlucke, „dann weißt du, was beim Training passiert ist…?“

„Nicht genau. Willst du darüber reden…?“ Ich sage nichts. Ich weiß nicht, ob ich darüber reden will. Schon alleine bei dem Gedanken wird mir schwindelig. Stattdessen nehme ich seine und er faltet sie in meine, aber ich sehe ihn nicht an – ich bin zu schockiert, zu abwesend.

„Ich habe schon... genug gesagt und das tust du doch auch nicht“, sage ich und schlucke. Und das würde er auch nie.

„Es war vor fünf Jahren…“, sagt er auf einmal. „Ich kam gerade von einer Besprechung – er stand draußen in der Menge bei den Journalisten… es ging sehr schnell… zwei Schüsse in die Brust – ich hatte eine schusssichere Weste an…“

„Also ist nichts passiert…“

„Eine Kugel ging in meinen Arm – ich wurde bewusstlos…“

„Und der Täter?“

„Sie haben ihn vor Ort erschossen…“ Ich schlucke. Das muss auch hart gewesen sein – ich habe noch nie einen Menschen sterben sehen.

„Wer war es?“

„Ein Verrückter – Attentäter…das ist alles, das ich weiß. Mehr muss ich nicht wissen… “

„Das ist nie in den Nachrichten gekommen“, sage ich nur. Genauso wenig, wie das, das mit mir passiert ist.

„Es hätte ein falsches Bild vermittelt – wir wollten die Sache nicht auch noch befeuern.“

„Das muss schrecklich gewesen sein“, sage ich und schlucke, „hast du keine Angst, dass es passieren könnte…?“

„Jeden Tag“, sagt er, „ich habe nicht so viele Sicherheitsleute, weil ich sicher bin… fast jeder Mensch auf der Welt lebt sicherer…“ Ich schlucke.

„Ich hätte mir vor ein paar Jahren nie vorstellen können, dass das… solche Nachteile haben kann, Macht zu haben… ich dachte, man könnte man, was man will, ich dachte, man könnte nicht sicherer sein…“

„Alles hat Nachteile.“

„Ich…“, sage ich und sehe ihn an, „im Training… mir wurde schwarz vor Augen und dann war ich wieder da – es war… echt…als wäre ich in der Zeit gesprungen. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es echt war…“

„Dein Verstand hat das nicht richtig verarbeitet – deswegen spielt er es dir vor, als würdest du es im Hier und jetzt erleben…“

„Passiert dir das auch?“

„Nein…wahrscheinlich auch, weil es bei mir nicht so schnell ging… das alles.“ Ich nicke. Ich bin froh, dass wir einfach darüber geredet haben.

5. Kapitel

Am Nachmittag gebe ich live im Fernsehen die Erklärung ab. Wir sind im Kreml und ich sitze neben ihm und lese einfach vor, was ich sagen soll. Ich hasse das. Es brennt mir auf der Zunge, die Wahrheit zu sagen, aber ich vertraue ihm in soweit, dass das auch mir nichts bringen würde. Wir müssen erst mal selber wissen, wie wir damit umgehen, bevor wir etwas tun können. Das ist zumindest, was sie mich glauben lassen. Ich hoffe, dass es auch einfach war ist. Ivan liegt nicht neben mir, als ich aufwache. Wahrscheinlich wieder eine Geheimdienst-Besprechung oder so etwas. Normalerweise darf ich dabei sein, aber jetzt geht das nicht mehr. Jetzt bin ich zu tief drin, um es nicht zu wissen. Ich gehe in den Nebenraum und sehe viele Wachleute und Leute vom Militär dort stehen, dabei passiert doch gar nichts. Alle starren nur auf einen Bildschirm und schauen etwas, das wie eine Fernsehserie aussieht, ein Kriegs-PC-Spiel, aber irgendwie

ist die Grafik zu gut. Einer der Wachleute kommt zu mir: „Du solltest jetzt besser gehen…“

„Neihn. Was läuft hier…?“

Patov dreht sich zu mir um. „Willst du das wirklich sehen?“

„Was ist das?“ Es sieht nicht besonders bedrohlich aus – ein Film von Soldaten, die durch einen Gebäudekomplex laufen. Als wenn ich nicht schon krassere Action-Filme gesehen hätte.

„Das ist eine Live-Aufnahme – sie suchen die Agenten, die dir das angetan haben, es hat jemand einen Tipp bekommen…“

„Was?“, frage ich, „und du verfolgst das einfach so live, als wäre es ein Film…“

„Nein, das ist kein Film...ich muss sehen, ob sie meinen Auftrag erfüllen.“

Er schluckt, „es ist nicht so ganz einfach... du musst dir das nicht ansehen, wenn es zu viel wird...“

Ich schlucke. „Ich dachte, dass wäre nur in Filmen so, dass Präsidenten... so etwas verfolgen...“ Wobei... ich habe schon einmal gehört, dass es bei den Amerikanern so wäre. Dass der amerikanische Präsident die Ermordung irgendwelcher IS-Terroristen Live mit angeguckt hätte. Das kam mir so surreal vor und es jetzt wirklich zu erleben. Ich dachte nur der Rachedurst der Amerikaner wäre so groß und ich... kann über so etwas einfach nicht jubeln, als wäre das nur ein Fußballspiel.

„Und du guckst dir das einfach an, als wäre es...ich...“ „Setz dich zu mir, wenn es dich interessiert...“ Wenn es mich interessiert – natürlich tut es das, aber alles in mir zittert bei dem Gedanken und das ist nichts, das einen einfach interessiert, wie eines seiner Hobbies.

Er nickt den Wachen zu, „ist okay...“ Ich setze mich und er nimmt meine Hand, als würden wir im Kino Händchen halten. „Du kannst jeder Zeit wieder gehen.“

Ich nicke nur. Aber ich werde nicht wieder gehen. Ich werde ihm zeigen, dass ich nicht nur schwach bin und mich anschießen lasse und Alpträume habe und umsorgt werden muss... Sie laufen durch einen engen Gang. Es sind schwer bewaffnete Truppen. Es sieht so aus, wie in einem Ballerspiel oder Action Film, nur sind die Szenen nicht so professionell geschnitten, und ich weiß, dass das real ist. Dass gleich Menschen sterben können. Hoffentlich nicht

„Du hast gesagt, dass sie ihn nur gefangennehmen sollen – warum dann die Waffen?“

„Zur Einschüchterung und wer weiß, es können noch andere Leute bei ihm sein...“

„Das bedeutet, dass wir gleich sehen könnten, wie jemand stirbt.“

„Du kannst gehen...“, sagt er.

Ich schlucke, „das... verhindert aber nicht, dass das passiert...“

„Jeden Tag in deinem Leben wurden schon Tausende umgebracht, während du nicht hingesehen hast...“ Er hat recht. Es ist doch immer schon passiert. Die Frage ist nur, ob ich möchte, dass das Teil meiner Welt ist. Am Ende des Ganges befinden sich Türen. Sie brechen eine auf – dahinter ist nichts...Gott sei Dank… Niemanden, den sie erschießen könnten…

„Dann verstecken sie sich woanders...“, sagt einer der Leute, die auch mit gucken... es wirkt eher wie ein Kommentar, den man während eines Fußballspiels abgibt, wenn jemand zum Beispiel einwirft, dass etwas doch ein Foul war oder Abseits, nicht wie ein wichtiger Einwand. Also sehen sie das teilweise auch als Unterhaltungsprogramm…

„Wenn sie finden, sollen sie dann direkt schießen...?“ Keine Antwort. Als wäre dieser Einwand dumm…

„Er muss sich konzentrieren“, sagt einer der Leute... Ja wunderbar. Die anderen reagieren doch auch, aber möglicherweise würden meine Reaktionen ihn mehr beeinflussen. Die Antwort auf die Frage kann ich mir daher denken.

„Ich kann sie in ihr Zimmer bringen“, sagt einer der Wachen auch noch zu Ivan. Er schüttelt den Kopf. Aber ich verstehe. Ich soll die Klappe halten, ansonsten muss ich gehen. Und ich will sehen, was hier passiert, auch wenn es mich schockiert. Die Tür geht auf und da sind sie tatsächlich. Ich erkenne ihn wieder, den Spion, der mich in Moskau verfolgt hat… es war klar, dass er es war, irgendwie wusste ich schon, dass er kannte, wie er in einer Ecke kauert – andere Leute verdecken ihn. Ich hasse ihn. Er wollte mich töten, aber irgendwie tut er mir jetzt auch leid. Niemand sollte einfach so abgeknallt werden und keiner sollte das live verfolgen. Vielleicht sollte ich jetzt doch raus rennen, aber irgendwie kann ich nicht mehr gehen… ich kann nur noch den Bildschirm anstarren…

„Sieh es dir nicht an“, sagt Ivan, aber natürlich tue ich das erst recht. Dann wird geschossen. Blut spritzt… Ivan drückt meinen Kopf in sein Hemd und dann höre ich nur noch die Geräusche, aber es ist noch da… als ich wieder hinsehe, ist die Szene nicht vorbei… ich sehe Menschen am Boden liegen… das sind echte Leichen. Keine Stuntman… Statisten – es ist schwer das auseinander zu halten. Ich habe noch nie echte Leichen gesehen, wahrscheinlich auch nicht im Fernsehen. Sie sehen ein bisschen so aus, wie Puppen – auf einmal so bleich und glasig… wie Tiere irgendwie, wenn sie tot sind… irgendwie plastisch. Aber meinen Entführer haben sie wohl nicht umgebracht. Den einzigen, bei dem ich gehofft hätte, dass er stirbt, packen sie nur, ziehen ihm eine Tüte über den Kopf und führen ihm ab.

„Willst du ihn nicht erschießen, für deine Freundin?“, fragt einer Ivan. Er sieht mich an, als würde er von mir die Antwort wissen wollen. Als könnte ich das entscheiden. Ich begreife noch kaum, was ich da gerade mit angesehen habe…

„Ich... nein...“

„Wir müssen wissen, warum...“, sagt Ivan nur. „Diese... Menschen, die sind wirklich tot...“ Er antwortet darauf nicht, weil die Antwort auch klar ist…

„Und warum…?“

„Es waren Terroristen...“

„Du hättest sagen können, dass das...“

„Du wusstest das…“ Ich hätte es mir denken können. Ich weiß nicht, ob ich wirklich sauer sein soll. Ich weiß, dass die Amerikaner sich auch so etwas angucken – dass auch die First Lady so etwas gesehen haben muss, aber trotzdem macht es mich fertig. Ich bin nicht sauer, weil er es für mich getan hat, aber andererseits ist es vielleicht auch ein Stück weit wegen mir passiert. Irgendwie bin ich erleichtert, dass es jetzt passiert ist – dass der Film vorbei ist, dass dieser Mensch inhaftiert ist – man sollte wegen so etwas nicht erleichtert sein, aber es ist so. Andererseits kann ich nicht glauben, dass das wirklich gerade live an einem anderen Ort passiert ist – es ist so unwirklich. Ich habe noch nie jemanden sterben sehen, schon in Filmen, aber das hier war eine echte Live-Übertragung ohne Schauspieler, es wurde nicht bloß nachgestellt, diese Menschen sind gerade gestorben und ich war so makaber es mir anzusehen, bis auf den Part, den Ivan mir erspart hat, aber trotzdem… so etwas wird normalerweise nicht im Fernsehen gezeigt. Es ist irgendwie etwas krank… Wahrscheinlich sollte ich so etwas sehen können – man erwartet das in meiner Position. Wenn ich jetzt Schwäche zeige, dann nimmt man mich weniger ernst, aber trotzdem dreht sich alles.

„Geht es dir gut?“, fragt Patov.

„Ja, ich muss mich nur hinlegen... du musst sicher noch etwas mit deinen Leuten...besprechen... oder feiern....“ Daraufhin nickt er nur. Hauptsache sie merken nicht alle, dass ich doch ein Problem damit habe… immerhin hat er das für mich getan. Ich sollte ihm dankbar sein, mich freuen, dass es vorbei ist. Ich stehe auf, taumele. Mir ist so schlecht. Ich will nicht umkippen. Ich schaffe es heraus, aber dann klappt mein Kreislauf doch zusammen… Wachen fangen mich auf. Ärzte stürzen auf mich zu. Sie halten mir etwas hin, als wüssten sie genau, dass ich gleich kotzen muss… muss ich aber nicht. Aber dann passiert es doch. Das ist schrecklich peinlich. Aber Ivan sieht mich eher an, als würde es ihm leid tun. Als hätte er mich raus schicken sollen…

„Es tut mir leid, es...“

„Schon gut, ich habe das befürchtet...“, sagt er. „Du traust es mir nicht zu...“

„Nein, das ist schwer und es ist... merkwürdig... das war für mich am Anfang auch...“ Er legt einen Arm um mich und begleitet mich nach draußen. Er bleibt nicht einmal, um mit den Leuten zu feiern oder für die Besprechung, sondern fährt mit mir nach Hause. Ich starre aus dem Fenster. Ich sollte froh sein, dass es vorbei ist, aber irgendetwas in mir sagt mir, dass es das vielleicht gar nicht ist. Als wir zurück sind, ziehen wir uns sofort zurück. Ich fühle mich sowieso zu zittrig, um noch weit zu laufen.

„Immerhin wird er mir jetzt nichts mehr tun“, sage ich nur.

„Das wird er nicht...“, sagt er, „wir werden herausfinden, warum er das getan hat und wer der Auftraggeber ist…“

„Das bedeutet, ihr foltert ihn?“, frage ich.

„Ich würde es nicht so nennen“, sagt er dann, „du musst es dir nicht ansehen…“ Wow. Diesmal muss ich das also nicht.

„Es ist wichtig, dass wir es wissen, wer weiß, wer es das nächste Mal tut – es gibt garantiert Hintermänner bei einer solchen Aktion.“ Ja, das macht Sinn. Aber ich denke nur, dass gar nichts vorbei ist, wenn wir nur den Hampelmann haben, der die Aktion ausgeführt hat. Was ist, wenn es ein Land war…eine Regierung. Ivan kann ihnen dann wohl kaum deswegen den Krieg erklären. Auch wenn er mir das versprochen hat, als ich im Sterben lag, aber er hat das nie so gemeint und das will ich auch nicht. Ich verstehe immer noch nicht, wie ich es mit jemandem so verspielt haben kann, dass er mich tot sehen wollte…

6. Kapitel

Am nächsten Tag darf ich im Parlament sprechen und das Gesetz vorstellen, über das abgestimmt wird. Ich bin nervöser, als vor jedem Uni-Vortrag und allem, das ich vorher getan habe. Die Fernsehauftritt waren leichter. Ich weiß, dass Ivan das auch tut, um mir einen Knochen hinzuwerfen. Er will etwas für mich tun, wo ich so viel durchgemacht habe, mir ein wenig Macht eingestehen. Ich bin ihm dankbar dafür. Ich weiß, dass er es wirklich versucht… Er bringt mich in den goldenen Saal, stellt mich seinen Kollegen vor. Ich habe Angst, dass sie lachen, wenn ich das Gesetz vorstelle, dass homosexuellen mehr Rechte einräumt – so etwas werden sie nicht tolerieren. Sie glauben dann sicherlich auch nur, dass ich diejenige bin, die den Präsidenten verändert hat… Aber was soll´s. Wenn ich sowieso dem Tode geweiht bin, dann kann ich die Zeit wenigstens noch nutzen und etwas verändern. Ich trete ans Podium, schaue durch die Reihen und hole tief Luft… es ist eine Ehre, hier überhaupt sprechen zu dürfen, das sage ich mir immer wieder. Wahrscheinlich kam ich mir nie so wichtig vor, fast als wäre ich selber Präsidentin. Dann muss ich mich auf den Text konzentrieren. Es ist nicht leicht, so einen langen Text auf Russisch aufzusagen.. ihn abzulesen, diese Schriftzeichen, die mir immer noch ein bisschen wie Hieroglyphen vorkommen, aber ich habe mich dran gewöhnt… ich schaffe das. Auch wenn ich einen klaren Akzent habe. Danach klatschen alle. Klar. Das müssen sie – ob es ihnen gefällt oder nicht, sie tun das, weil Patov mich hergebracht hat und er es genehmigt hat und ich seine Freundin bin, die gerade viel durchmacht und trotzdem stimmt am Ende keiner dagegen – keiner. Also habe ich doch etwas geschafft – irgendetwas. Sie gratulieren mir, schütteln mir die Hände und danach gibt es eine Feier mit Sekt und Catering in den den goldenen Hallen. Alle finden meine Leistung beeindruckend und in den sozialen Medien gibt es erste positive Medienartikel und Glückwünsche von ausländischen Staatschefs. Selbst die deutschen Medien schreiben positiv über mich – scheinbar gelte ich jetzt als jemand, die Patov guttut, die eine Brücke zwischen den Ländern sein kann. Genauso wie ich es wollte… sie erkennen es an… sie halten mich nicht mehr für eine Verräterin… es ist ein guter Abend. Und ich fühle mich endlich mal wieder, als könnte alles noch mal besser werden. Ich gehe glücklich ins Bett… Irgendwann mitten in der Nacht wache ich auf – Regen donnert gegen die Fensterscheibe meines Zimmers. Ivan ist nicht da. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es Nachts noch etwas zu erledigen gibt, aber irgendwie kommt es mir merkwürdig vor. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ihn mit mehreren Sicherheitskräften und Militär draußen stehen. Sie steigen gerade in Autos. Sie fahren irgendwohin. Was wollen sie mitten in der Nacht? Es sieht aus, als würden sie in den Krieg ziehen. Irgendetwas stimmt nicht und ich muss wissen, was… Ich ziehe mich um und gehe nach unten. Patov ist schon eingestiegen, aber Alex ist hier: „Ist das okay, wenn du mitkommst…?“