Reden ist Silber, Schweigen dein Tod - Elizabeth Goddard - E-Book

Reden ist Silber, Schweigen dein Tod E-Book

Elizabeth Goddard

0,0
12,99 €

Beschreibung

Rae Burke hat als investigative Journalistin für eine gute Story schon viel aufs Spiel gesetzt – aber diesmal geht es um mehr. Ihre Schwägerin Zoey wird vermisst, und als Rae sich auf Spurensuche in ihrer Vergangenheit begibt, kommen erschreckende Dinge ans Licht. Niemand könnte als Unterstützer in dieser Sache besser geeignet sein als Liam McKade. Doch wird der ehemalige Undercover-Ermittler sich darauf einlassen, wieder mit ihr zusammenzuarbeiten? Immerhin hat sie ihm beim letzten Mal nicht nur das Herz gebrochen – er wäre ihretwegen auch beinahe gestorben. Und Rae hat sich längst wieder zur Zielscheibe gefährlicher Männer gemacht …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 451

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Elizabeth Goddard

Reden ist Silber, Schweigen dein Tod

Über das Buch:Rae Burke hat als investigative Journalistin für eine gute Story schon viel aufs Spiel gesetzt – aber diesmal geht es um mehr. Ihre Schwägerin Zoey wird vermisst, und als Rae sich auf Spurensuche in ihrer Vergangenheit begibt, kommen erschreckende Dinge ans Licht. Niemand könnte als Unterstützer in dieser Sache besser geeignet sein als Liam McKade. Doch wird der ehemalige Undercover-Ermittler sich darauf einlassen, wieder mit ihr zusammenzuarbeiten? Immerhin hat sie ihm beim letzten Mal nicht nur das Herz gebrochen – er wäre ihretwegen auch beinahe gestorben. Und Rae hat sich längst wieder zur Zielscheibe gefährlicher Männer gemacht …

Über die Autorin:Elizabeth Goddard hat Computertechnologie studiert und mehrere Jahre in der Branche gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie ist Mutter von vier inzwischen fast erwachsenen Kindern und lebt in Michigan.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96362-866-5 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2020 by Elizabeth Goddard Originally published in English under the titleDon’t Keep Silentby Revell, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA All rights reserved German edition © 2021 by Francke-Buch GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Silvia Lutz Umschlagbilder: © iStockphoto.com / Mumemories Pixabay / Goumbik Umschlaggestaltung: Francke-Buch GmbH Satz und Datenkonvertierung E-Book: Francke-Buch GmbH

www.francke-buch.de

Für Jonathan Ich bewundere die Hingabe, mit der du deiner Berufung, die gute Nachricht zu verbreiten, folgst. Du fragst nie, was andere denken könnten, wenn du mitten in der Hektik eines Krankenhauses ein Gebet sprichst oder im Supermarkt einen völlig Fremden fragst, ob du für ihn beten darfst. Du wurdest zu Taten geboren, zu denen anderen der Mut fehlt. Mach weiter so, Gott ist mit dir!

Du aber tritt für die Leute ein, die sich selbst nicht verteidigen können! Schütze das Recht der Hilflosen! Sprich für sie und regiere gerecht! Hilf den Armen und Unterdrückten!

Sprüche 31,8-9

Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.

Johann Wolfgang von Goethe

Prolog

ROCKY MOUNTAINS

NORDWEST-WYOMING

Wenn wir uns nie begegnet wären, du und ich, hättest du mich nie geliebt. Und ich hätte deine Liebe nie erwidert. Schau uns jetzt an! Ich habe dich in Schwierigkeiten gebracht. Dich verletzt. Ich wollte dich nur beschützen. Bitte vergib mir. Bitte vergiss nie, dass ich dich liebe. Dass ich dich geliebt habe.

Sie unterschrieb mit ihrem vollen Namen und fügte zur Sicherheit ihre Adresse hinzu, dann steckte sie den Zettel in ihre Jeanstasche. Mit ihren letzten Worten – falls es ihre letzten Worte waren – wollte sie ihm helfen, einen Schlussstrich zu ziehen.

Ihr Entführer dachte, hier im Nirgendwo, inmitten dieser rauen, eisigen Welt könnte sie nicht entkommen. Bei den meisten Menschen hätte das wohl zugetroffen.

Ohne Internet und andere Kommunikationsmöglichkeiten war sie komplett auf sich gestellt. Das idyllische, für Urlaube reicher Menschen erbaute Blockhaus war mit dem Nötigsten ausgestattet, was sie zum Überleben brauchte. Bis er herkommen würde. Er wusste aus Erfahrung, wozu sie fähig war, und hatte geschworen, dass er sie nie wieder unterschätzen würde.

Aber er hatte sich verkalkuliert.

Sie blickte durch das kleine Fenster auf die hohen Schneemassen, die sie umgaben, und stellte ihre eigenen Berechnungen an. Er begriff nicht, dass sie lieber den sicheren Tod riskierte – eine Frau im Kampf gegen die Natur –, als ihm in die Hände zu fallen. Denn diese Begegnung würde sie nicht überleben. Draußen auf dem gefrorenen See, umgeben von Tausenden Hektar unberührter, schneebedeckter, unwegsamer Gebirgslandschaft, hatte sie bessere Chancen.

Angesichts der teuren Einrichtung des Hauses überraschte es sie, dass keine Bilder von einheimischen Künstlern die Wände zierten. Vielleicht waren sie aber auch nur für die Dauer ihres Aufenthalts entfernt worden. Das einzige Kunstwerk war die eindrucksvolle Schnitzerei in den Zedernbalken – eine überraschend präzise Abbildung einer bekannten heißen Quelle, dem Morning Glory Pool. Sie hätte sie sofort gegen etwas eingetauscht, was ihr bei ihrer Flucht helfen könnte, am besten eine Waffe. Doch auch so hatte sie zumindest ein paar nützliche Dinge aufgetrieben – wie die museumsreifen Schneeschuhe, die zu Wandleuchtern umfunktioniert worden waren.

Ich brauche nicht viel.

Nachdem sie die Schneeschuhe von der Wand genommen hatte, verteilte sie eine Schicht alter Zeitungen unter ihrer Kleidung, um einen zusätzlichen Schutz vor der Kälte zu haben. Dann holte sie einige Wolldecken aus dem Schrank und zog eine gesteppte vom Bett. So dick vermummt würde sie nur langsam vorankommen, doch je länger sie da draußen durchhalten konnte, umso besser. Trotzdem würde sie wahrscheinlich erfrieren.

Aber wenigstens würde sie selbst über die Art ihres Todes entschieden haben.

Sie biss die Zähne zusammen. Sie konnte ihn nicht gewinnen lassen. Sie würde ihn nicht gewinnen lassen.

Sie atmete tief aus und versuchte die Anspannung abzuschütteln. Leider hatte sie warten müssen, bis die beiden Männer, die den Auftrag hatten, sie zu bewachen, auf ihren Schneemobilen weggefahren waren. Die Fahrzeuge waren im Winter die einzige Möglichkeit, diese Hütte zu erreichen oder von hier wegzukommen. Spätestens in einer Stunde würde es dunkel sein.

Ihre Bewacher sahen »keine Fluchtgefahr«, wie sie es formuliert hatten. Wer wagte sich schon tagsüber ohne den nötigen Schutz in die gefrorene Bergwelt, geschweige denn nachts?

Das war der erste Fehler seiner Handlanger gewesen. Sie hatte nur auf einen solchen Fehler gewartet.

Sie holte Luft und öffnete die Tür. Eisige Kälte schlug ihr entgegen. Schnee wehte in die Hütte und brannte auf ihren Wangen.

Ihre Kehle schnürte sich zusammen.

Einen kurzen Moment lang stellte sie ihre Entscheidung infrage. Aber sie hatte keine Wahl.

Sie rückte die Wolldecke so zurecht, dass sie ihr ganzes Gesicht bedeckte und nur die Augen frei ließ, und zog die Bettdecke enger über die anderen Schichten.

Die Männer hatten den Schnee vor der Tür weggeschaufelt, um zu ihren Schneemobilen zu gelangen. So würden wenigstens nicht gleich die ersten Meter schwierig werden. Sie ging einen Schritt. Dann noch einen. Und noch einen. Die Schneeschuhe hielten. Sie verließ den frei geschaufelten Pfad und stapfte auf der gefrorenen weißen Schneekruste weiter. Die Tränen, die ihr über die Wangen liefen, konnten Freudentränen sein; vielleicht weinte sie aber auch aus purer Angst. Sie wusste es nicht genau.

Der schneidend kalte Gegenwind behinderte ihr Vorankommen, als wollte er sie auffordern, es sich noch einmal gut zu überlegen, indem er ihr ins Ohr flüsterte, dass sie in ihren sicheren Tod lief.

Beging sie einen Fehler?

Nein! Wenn sie nicht floh, erwartete sie in der Hütte der sichere Tod. Sie betrachtete den zugefrorenen See. Es würde viel schneller gehen, über das dicke Eis zu marschieren, als den weiten Weg um den See herum zu nehmen. Vor Einbruch der Dunkelheit würde sie es nicht schaffen, auf die andere Seite zu gelangen, vielleicht nicht einmal auf dem direkten Weg. Und falls doch, erwartete sie dort eine unwegsame Wildnis.

Dieser Gedanke lähmte sie. Sollte sie doch lieber umkehren? Sie warf einen Blick zurück zur Hütte. Nein! Ihre einzige Hoffnung lag hier draußen. Vielleicht stieß sie auf eine andere Hütte oder sogar eine Forststraße. Sie könnte einem Jäger begegnen, einem Schneemobilfahrer oder einem Ranger. In diesem abgelegenen Wald hielt sich noch jemand auf. Sie hatte heute Gewehrschüsse gehört. Ein Schneemobil. Noch ein Hoffnungsfunke.

Ihr Entführer hatte keine Ahnung, wie stark ihr Lebenswille war.

Sie setzte einen Fuß vor den anderen und zwang sich weiterzugehen. Leider wusste sie nicht, wie es unter dem tiefen Schnee aussah. Die Märzsonne erwärmte das Eis und das konnte zu tückischen Rissen führen.

Bei jedem mühsamen Schritt rang sie keuchend um Luft.

Eine halbe Stunde. Eine Stunde. Da sie in Bewegung war, blieb ihr warm. Wenn sie aufgab, würde sie sterben. Sie musste weiter, so lange, bis sie einen Unterschlupf fand oder jemanden, der ihr helfen konnte. Die Temperaturen sanken, als die Nacht hereinbrach. Wenigstens beleuchtete der Mond ihren Weg und sie konnte das andere Ufer, das sich vor ihr erstreckte, sehen.

Es besteht immer noch Hoffnung.

Ein lautes Knacken zerriss die nächtliche Stille. Sie blieb abrupt stehen und fühlte das Beben bis tief in ihre Knochen. Der weiße Pulverschnee, der die Eisdecke unter ihr verbarg, bewegte sich.

Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihr bewusst, was passieren würde.

Kapitel 1

ZWEI TAGE VORHER …

DIENSTAG, 8:43 UHR

DENVER, COLORADO

Rae Burke stand in der Kälte vor der Tür auf der Veranda. In ihrem Inneren rangen Grauen und Hoffnung miteinander. Die Vorhänge des kleinen Hauses, in dem ihr Bruder Alan mit seiner Frau Zoey und seiner süßen vierjährigen Tochter Callie wohnte, waren zugezogen.

Rae klopfte noch einmal. Einen Moment später ging die Tür gerade so weit auf, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Ihr Bruder blieb im Schatten stehen. Ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, schaltete sie das Licht an. Schon besser. Das Haus wirkte sofort wärmer und gemütlicher. Alles sah aus wie immer – bis auf ihren Bruder. Normalerweise war er tadellos gekleidet; sie hatte ihn nur selten in Jogginghose gesehen.

Rae stellte ihre Handtasche auf den Tisch bei der Garderobe und zog die Jacke aus, dann hielt sie inne und sah Alan forschend an. Seine Augen waren blutunterlaufen und er hatte sich nicht rasiert.

»Du konntest nicht schlafen«, stellte sie fest.

Er schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Wie sollte ich auch?«

»Oh, Alan.« Sie umarmte ihn, wie es nur eine Schwester konnte. Ohne seine Arme loszulassen, trat sie einen Schritt zurück. »Ich nehme an, du hast die Polizei benachrichtigt?«

Er schüttelte ihre Hände ab und rieb sich den Nacken. »Ja, ich habe sie bei der Polizei als vermisst gemeldet. Sie wollten natürlich wissen, ob wir uns gestritten haben oder ob sie so etwas schon öfter gemacht hat.« Er schaute Rae vielsagend an.

Vor Jahren war Zoey schon einmal für mehrere Tage verschwunden, aber damals war sie noch nicht mit Alan verheiratet gewesen.

»Wie lang ist sie schon fort?« Vielleicht brauchte Zoey einfach eine kleine Auszeit. Sich um ein Kind mit besonderen Bedürfnissen zu kümmern, konnte kräftezehrend sein.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Zu lange. Callie bedeutet Zoey alles. Uns beiden.«

Rae nickte. »Zoey würde sie nie verlassen. Sie würde dich nie verlassen. Erzähl mir, was passiert ist.«

»Also, Zoey hat Callie morgens um neun zur Verhaltenstherapie gebracht. Um eins hat mich die Therapeutin angerufen. Ich habe Callie abgeholt und dachte, Zoey hätte sich nur hingelegt und den Wecker nicht gehört. Ich habe sie auf ihrem Handy anzurufen versucht und ihr eine Nachricht geschrieben. Aber sie hat nicht geantwortet.« Sie waren in den offenen Ess- und Wohnbereich hinübergegangen, wo Alan nun nervös auf und ab lief. Regale mit Büchern für Leseanfänger und Ratgebern über Kinder mit Autismus säumten die Wände. »Ihr Auto war auch nicht da.« Tiefe Sorgenfalten gruben sich in seine Stirn. »Ihr Handy war zuletzt hier zu Hause eingeloggt, aber wie man sieht, ist sie nicht hier. Entweder ist ihr Akku leer oder sie hat das Handy ausgeschaltet, keine Ahnung. Ich habe gewartet, dass sie nach Hause kommt oder sich bei mir meldet. Erst habe ich natürlich noch geglaubt, sie würde zurückkommen und eine vernünftige Erklärung haben. Ich habe ihre Freundinnen angerufen. Ich habe dich angerufen. Schließlich habe ich die Polizei kontaktiert und ihnen klarzumachen versucht, dass Zoey ihre Tochter niemals zurücklassen würde.«

Warum hatte Alan sich nicht früher bei ihr gemeldet? Sie bemühte sich, nicht verletzt zu reagieren. Sie kannte die Antwort: Alan hatte gehofft, Zoey würde doch noch zurückkommen, und Rae nicht alarmieren wollen. Sie hatte ihn gewarnt und er wollte auf keinen Fall ihr »Ich habe es dir ja gleich gesagt« hören.

»Die einzige gute Nachricht ist, dass mich die Polizei jetzt endlich ernst nimmt, da Zoey über Nacht fortgeblieben ist. Ich wollte dich informieren, bevor du es aus den Nachrichten erfährst.«

»Hast du die Nachbarn gefragt, ob sie etwas gesehen haben?«

»Natürlich! Was denkst du denn?«

Sie hatte ihn nicht verärgern wollen, aber sie verstand natürlich, dass er durch den Wind war. Rae ging in die Küche, um Kaffee zu kochen. Sie bezweifelte, dass Alan etwas gegessen hatte. Sie schaute in den Kühlschrank. Eier. Toastbrot. Marmelade. Kein Speck.

»Was machst du da?«

»Na, Frühstück. Du musst bei Kräften bleiben. Außerdem hat Callie bestimmt Hunger, wenn sie …« Rae blickte sich um. »Ist sie in der Therapie oder in der Schule?«

Sein Gesicht verdunkelte sich. »Sie ist hier zu Hause.«

»Bringt das nicht ihren gewohnten Tagesablauf durcheinander?«

»Den behalte ich so gut wie möglich bei. Deshalb kann ich ja nicht losziehen, um Zoey zu suchen!«, flüsterte Alan frustriert. »Meine Tochter braucht mich. Gestern Abend hat sie ständig nach Zoey gefragt. Die Gutenachtgeschichte habe ich dann übernommen, aber sie war darüber nicht gerade glücklich und hat sich die ganze Nacht unruhig im Bett gewälzt.«

Rae verrührte die Eier, die sie aufgeschlagen und in eine Schüssel gegeben hatte. Zoey war Veganerin – die Eier waren nur für Alan. Deshalb hatte Rae auch keine Milch zum Unterrühren gefunden. Nicht einmal Soja- oder Mandelmilch. Sie hatte Obst und Gemüse im Kühlschrank erwartet, aber er war ungewöhnlich leer. Zoey war offenbar vor ihrem Verschwinden zu abgelenkt gewesen, um einzukaufen.

Alan tigerte weiter auf und ab und sah aus, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen. »Sie will ihre Mutter, aber ich kann sie ihr nicht geben.«

Raes Herz wurde schwer. »Und du willst deine Frau.«

Falls Zoey nicht zurückkam oder gefunden wurde, würde die Polizei irgendwann Alan ins Visier nehmen. Und falls doch, würde die Polizei Alan verdächtigen, für das, was seiner Frau zugestoßen war, verantwortlich zu sein. Solche Geschichten kamen fast täglich in den Nachrichten: »Mann tötet seine Frau und versucht die Wahrheit zu vertuschen.« Diese Gedanken behielt Rae allerdings lieber für sich. Alan hatte genug andere Sorgen.

Sie beobachtete ihren Bruder beim Hin- und Herlaufen. Er war kein Mörder.

Und Zoey war nicht tot. Sie musste am Leben sein. Etwas anderes würde Rae nicht akzeptieren. Um ihres Bruders willen. Um Callies willen.

Bei der Suche nach einer vermissten Person waren die ersten zweiundsiebzig Stunden entscheidend, vor allem die ersten achtundvierzig, bevor dann die Aussichten auf Hinweise schwanden und Spuren verloren gingen.

Rae steckte das Toastbrot in den Toaster und rührte dann die Eier um. »Ich weiß, dass ich nur nach Strohhalmen greife, aber vielleicht ist sie zu ihrer Mutter gefahren? Du hast der Polizei gesagt, dass es keine Auseinandersetzung gab. Aber ich bin deine Schwester. Sag mir bitte ehrlich: Hattet ihr Streit?«

»Nein, hatten wir nicht!«

Eine gewisse Nuance in seinem gereizten Tonfall ließ sie aufmerken. Als investigative Journalistin interviewte sie oft Menschen, die die Wahrheit zu verheimlichen versuchten. Deshalb war sie geübt darin, auf solche Feinheiten zu achten. Trotzdem war Alan kein Lügner. Er würde Zoey nicht verletzen, selbst wenn er verärgert war. Seine sanfte und einfühlsame Art hatte Zoey von Anfang an fasziniert. Falls er jetzt etwas vor Rae verheimlichte, dann nur deshalb, weil die Meinungsverschiedenheiten, die Zoey und er möglicherweise gehabt hatten, niemanden etwas angingen.

»Okay. Hast du ihre Mutter denn schon gefragt?«, wollte sie wissen.

»Nein.«

Rae hatte nie herausgefunden, warum ihre Schwägerin keinen Kontakt zu ihrer Mutter hatte. Hatte Zoey Alan ihre Geheimnisse anvertraut?

Rae wusste nicht, was sie noch sagen sollte, und konzentrierte sich fürs Erste auf die Eier in der Pfanne. Alan hätte Callie bestimmt irgendwann ein Frühstück zubereitet. Er würde auch in dieser Krise nicht vergessen, sich um seine Tochter zu kümmern, oder? Sie legte eine Scheibe Toastbrot auf jeden Teller, dann warf sie einen fragenden Blick zum Flur. »Das Frühstück ist fertig. Sollen wir Callie holen?«

Obwohl Rae absolut keinen Appetit hatte, würde sie etwas essen. Vielleicht würde Alan es dann auch tun.

Er warf einen Blick auf die Uhr und schüttelte schnell den Kopf. »Sie hat schon etwas gegessen. Cornflakes mit der letzten Mandelmilch. Danach habe ich sie zum Spielen in ihr Zimmer gebracht. Aber sie ist eingeschlafen und ich habe sie ins Bett gelegt. Ich habe keine Ahnung, ob das ihren Rhythmus zu sehr durcheinanderbringt, aber da sie letzte Nacht ja nicht gut geschlafen hat, braucht sie ein Nickerchen. Und das verschafft mir eine Pause. Callie isst nur bestimmte Sachen und selbst die nur, wenn sie auf eine ganz bestimmte Art zubereitet sind.« Er warf einen skeptischen Blick auf die Eier.

Hatte sie damit etwas falsch gemacht? Rae seufzte. »Ich wollte nur helfen. Aber wir beide können doch essen, oder?«

»Danach ist mir wirklich nicht.«

»Du musst für Callie stark bleiben. Und auch für Zoey.« Rae teilte den Pfanneninhalt auf zwei Teller auf. Sie stellte sie auf den Tisch, setzte sich und hoffte, Alan würde sich zu ihr gesellen.

Er runzelte die Stirn, doch dann nickte er, kam zu ihr herüber und setzte sich langsam. Dann starrte er seinen Teller an, als würde er durch ihn hindurchsehen.

Rae schob ihre Portion Ei mit der Gabel hin und her und kam sich absolut lächerlich vor. Hatte sie wirklich geglaubt, einer von ihnen könnte etwas essen? »Soll ich hierbleiben und dir mit Callie helfen? Das kann ich gerne machen.« Sie hatte im Moment keine Arbeit und andernfalls hätte sie sie hintangestellt, um ihrem Bruder zu helfen. Und Zoey. Ihrer Freundin. Oh Gott, bitte … Sie wusste nicht, was sie beten sollte.

»Nein. Wenn schon Zoey nicht da ist, braucht Callie wenigstens mich. Ich will dafür sorgen, dass für sie alles so normal wie möglich ist. Ich habe ihr erzählt, dass ihre Mutter eine Freundin besucht.«

»Glaubst du, sie ahnt, dass etwas nicht stimmt?«

»Ich beschäftige sie, damit sie nicht merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aber auf Dauer geht das nicht. Ich weiß nicht, wie sie reagieren wird. Kinder wie Callie sind …«

»Es ist okay, Alan. Du brauchst es mir nicht zu erklären. Eine solche Nachricht wäre für jedes Kind schwer zu verkraften.« Sie schluckte schwer. »Ich will für dich da sein. Was kann ich tun?«

Alan pikste ein wenig Ei auf seine Gabel, hob sie aber nicht zum Mund. Als er schließlich sprach, war offensichtlich, wie schwer ihm die Worte fielen: »Du hast mich vor ihren Geheimnissen gewarnt. Ich weiß, dass sie tagelang verschwunden war, als ihr zusammengewohnt habt. Vielleicht hat ihr jetziges Verschwinden mit damals zu tun. Ich hoffe einfach, sie kommt zu mir zurück. Zu uns.«

Dass er eine Verbindung zwischen den beiden Vorfällen herstellte, verriet seine Verzweiflung. Als er den Blick hob und sie ansah, glaubte Rae, seine Gedanken lesen zu können.

»Du willst, dass ich … Ich soll sie suchen?«

»Nachforschungen sind Teil deines Berufs. Ich weiß, dass deine Arbeit anders aussieht als die einer Polizistin, aber es gibt Gemeinsamkeiten. Du erinnerst mich oft an Papa.«

»Ich bin bestimmt nicht wie Papa.« Ihr Vater hatte als Journalist viele Auszeichnungen bekommen. Er war Auslandskorrespondent gewesen und hatte sich für Menschen eingesetzt, die selbst keine Stimme hatten. Unermüdlich hatte er das Böse auf der Welt enthüllt, bis es ihn schließlich zum Schweigen gebracht hatte. Rae versuchte in seine Fußstapfen zu treten. Allerdings ohne dabei zu sterben.

»Doch. Doch, du bist wie er. Die Kriegsgebiete, die Schlachten, in denen du kämpfst, sind anders, ja, aber du findest Menschen, Rae. Du deckst ihre Geschichten auf.«

Das hatte sie früher getan. Jahrelang hatte sie Enthüllungsstorys geschrieben. Aber nach dem »Debakel«, wie ihr Chef es bezeichnet hatte, hatte man ihr gekündigt. Diese Sache hätte ihr viel Anerkennung einbringen können, wenn sie anders ausgegangen wäre.

»Hast du der Polizei erzählt, dass Zoey vor einigen Jahren schon einmal verschwunden ist?«, kam Rae auf das eigentliche Thema zurück.

»Ich habe ihnen alles erzählt, schließlich habe ich nichts zu verbergen.«

Rae trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.

»Rae, du hast mir nie irgendwelche Details über damals erzählt, als Zoey während des Studiums fort war.«

»Ich konnte dir nichts erzählen, weil ich nichts wusste.« Wenigstens nichts, was irgendetwas hätte ändern können – oder das jetzt könnte. Rae zwang sich, von dem Ei zu essen, das inzwischen kalt und gummiartig geworden war. Alan folgte ihrem Beispiel. Wenigstens etwas.

Vielleicht könnte sie wirklich etwas erreichen, wenn sie seiner Bitte nachkam und Nachforschungen anstellte. »Was ist mit Mama? Weiß sie, was passiert ist?«

»Mir graut davor, es ihr zu sagen.«

»Ruf sie an. Sie kommt bestimmt, um bei ihrer Enkelin zu sein.« Ihre Mutter wohnte in Texas und arbeitete als Sekretärin für einen Erdölkonzern.

Raes Blick wanderte zum Fernseher. Alan hatte den Ton stumm geschaltet. In den Nachrichten lief ein Bericht über sterbliche Überreste, die gefunden und identifiziert worden waren. Normalerweise schaute ihr Bruder lieber Naturdokus und andere wissenschaftliche Sendungen, aber wahrscheinlich wollte er wegen Zoeys Verschwinden die Augen offen halten. Eins stand fest: Wenn Zoey nicht bald heimkam, würden Reporter sein Haus belagern. Polizisten würden kommen, Fragen stellen und alles durchsuchen. Sein und Callies Leben würde noch mehr auf den Kopf gestellt werden. Was würde das bei Callie auslösen? Raes Magen zog sich zusammen.

»Und Rae …«

Sie schaute Alan fragend an.

»Denk bitte daran!«

Sie hatte ihn noch nie so niedergeschlagen erlebt. Um seinetwillen zwang sie sich, zuversichtlich zu wirken. »Woran?«

»Wenn du das machst, dann denk daran, dass es hier nicht um eine Story geht. Es geht nicht um den Pulitzerpreis, sondern um unsere Familie. Um meine Frau, egal, welche Geheimnisse sie hat.«

Bedauern machte sich in ihr breit. Sie verstand genau, was er meinte. »Natürlich ist das für mich keine Gelegenheit für eine Story, Alan. Ich hoffe, du kennst mich gut genug, um das zu wissen.«

»Das hoffe ich auch.«

Vielleicht würde Zoey einfach zurückkommen, so wie damals. Sie hatte irgendein unbeschreibliches Trauma überlebt. Kurz danach hatte sie Alan kennengelernt.

Rae hatte den Verdacht, dass Zoey bei ihrem letzten Verschwinden von einem Stalker missbraucht worden war. Ihre Freundin hatte nie über ihr Zuhause oder ihre Familie sprechen wollen und nur gesagt, dass sie nie zurückgehen würde.

Obwohl Rae in der aktuellen Situation das Beste hoffen wollte, befürchtete sie das Schlimmste: dass Zoey sich in einer furchtbaren Lage befand oder womöglich tot war.

Alan schob seinen Teller weg. »Fang bei ihrer Mutter in Jackson Hole an. Finde sie und sprich mit ihr. Vielleicht ist sie inzwischen umgezogen. Zoeys Vater ist vor langer Zeit gestorben. Mehr hat sie mir über ihr früheres Leben nicht erzählt. Es war, als wollte sie ihre Vergangenheit vergessen. Sich davor verstecken. Da sie so viel durchgemacht hat, habe ich sie nie gefragt, warum sie nach Colorado gezogen ist. Wir haben die Vergangenheit hinter uns gelassen und all unsere Hoffnungen auf die Gegenwart und die Zukunft gesetzt. Wir haben ja sogar heimlich geheiratet, damit sie sich nicht unter Druck fühlen musste, Menschen aus ihrem alten Leben zur Hochzeit einzuladen. Wenn ich jetzt zurückblicke, erkenne ich, dass das ein Fehler war. Ich hätte sie bitten müssen, mir mehr zu erzählen. Diese Menschen einzubeziehen.«

»Es war kein Fehler, sie zu heiraten. Das darfst du auf keinen Fall denken!«

»Ich liebe sie. Liebe deckt viele Sünden zu, nicht wahr? Sie zu heiraten, war nicht falsch. Callie ist der lebende Beweis dafür. Aber ich hätte einiges anders machen können. Ich halte es für sinnvoll, bei ihrer Mutter anzufangen. Einen besseren Plan haben wir nicht.«

Rae schluckte schwer. Zu Jackson Hole sollte sie mindestens tausend Kilometer Abstand halten. Dort wohnte immerhin der Grund für ihre finanziellen und emotionalen Probleme. Die Ursache für den täglichen Schmerz in ihrem Inneren.

Alan beobachtete sie. Er wartete auf eine Antwort. War sie bereit dazu? Die Polizei würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um Zoey zu finden, aber Rae wusste aus Erfahrung, dass sie nicht immer Erfolg hatte. Es gab einfach zu viele Schlupfwinkel und zu viele Verbrecher.

Sie schloss die Augen und atmete langsam aus.

Was soll ich nur machen? Bin ich die Richtige für den Versuch? Und wenn sie Alan enttäuschte? Ihn, Callie und Zoey?

»Warum rufst du nicht ihre Mutter an?«, fragte Rae.

»Was soll ich ihr sagen? Hallo, hier ist Ihr Schwiegersohn, von dem Sie nichts wussten, Ihre Tochter wird vermisst?«

»Ich verstehe das Problem, aber ich finde trotzdem, dass du es tun solltest.«

Alan fuhr sich mit den Händen durchs Haar und ihm entkam ein erstickter Schluchzer. Er biss sich auf die Lippe und begegnete Raes Blick. »Ich weiß nicht, wie ich sie erreichen kann. Und selbst wenn ich eine Nummer hätte, würde ich im Moment keinen vernünftigen Satz zustande bringen. Rae, wenn du mir nicht hilfst, wer dann? Außer der Polizei natürlich. Außer den Medien, die irgendwann Zoeys Bild überall veröffentlichen. Ich fühle mich so schrecklich hilflos. Wirklich, am liebsten würde ich sofort selbst losziehen, aber wir wissen beide, ich würde alles nur noch schlimmer machen. Du dagegen bist gut in so was. Wenn du es nicht machst, dann …«

»Okay. Okay.« Rae stand auf und brachte die Teller zur Spüle. »Lass mich bitte einen Moment nachdenken.«

Alan trat neben sie. »Wir sollten jede Hilfe nutzen, die uns zur Verfügung steht. Wenn ich dich beim Recherchieren irgendwie unterstützen kann, mache ich das natürlich. Damit kenne ich mich aus. Aber Callie muss natürlich an erster Stelle stehen.«

»Papa wäre stolz auf dich, Alan.« Rae lächelte ihn vorsichtig an. »Du bist zwar kein investigativer Journalist, aber du denkst wie einer.«

»Diese Gene hast du geerbt, das weißt du ganz genau. Ich bin der Computernerd.«

Rae öffnete den Mund, doch Alan war noch nicht fertig.

»Spar dir die Frage. Ich habe ihren privaten Laptop natürlich schon untersucht. Der hilft uns nicht weiter. Darauf befinden sich nur Suchanfragen zu Möglichkeiten, wie sie unserer Tochter helfen kann, ein glückliches Leben zu führen. Auf ihrem Arbeitsrechner habe ich nur Dinge gefunden, die mit ihrem Teilzeitjob für die Cybersicherheitsfirma zu tun haben. Ich habe mir das alles angesehen, bevor ich die Polizei angerufen habe.« Er zuckte mit den Schultern. »Das heißt nicht, dass ich ihr nicht trauen würde. Ich musste einfach zuerst nachsehen.«

Natürlich hatte Alan dahin gehend schon alles überprüft. Zoey hatte eine genauso große Leidenschaft für Informatik, sicher einer der Gründe, warum die beiden zueinandergefunden hatten.

»Die Polizei wird das auch alles durchsuchen wollen. Sie werden ihre Anrufe zurückverfolgen und alle digitalen Spuren, die sie hinterlassen hat.«

Sosehr Rae auch hoffte, dass Zoey jeden Moment ins Haus spazieren würde, sagte ihr sechster Sinn, dass das nicht so bald geschehen würde. Wenn überhaupt.

»Bevor du ihre Mutter suchst, musst du noch etwas wissen.« Alan setzte sich wieder an den Küchentisch.

»Was denn?«

»Ich habe etwas erfahren. Die Polizei hat mir gesagt, dass es keine Zoey Dumont gibt, die von Wyoming nach Colorado gezogen ist. In Jackson Hole hat nie jemand mit diesem Namen gelebt. Es kann also nicht ihr Geburtsname sein.«

»Du meine Güte! Wer ist deine Frau dann?«

Er stieß die Luft aus. »Das wüsste ich auch gern.«

Kapitel 2

Alan starrte die Tür an, durch die seine Schwester soeben das Haus verlassen hatte. Sie wollte das übernehmen, was eigentlich er tun sollte: seine Frau suchen. Aber das konnte er nicht, denn seine Tochter brauchte ihn.

Er hatte das Gefühl, seine ganze Welt würde in sich zusammenbrechen. Im Moment war er so erschöpft, dass er nicht einmal sicher war, ob er Tatsachen und Fiktion auseinanderhalten konnte.

»Papa?«

Callie war eindeutig eine Tatsache.

Seine kleine Tochter umklammerte einen Stoffpandabären. Sie hatte Kuscheltiere schon immer lieber gehabt als Puppen. Sie mochte den weichen Stoff – das hatte mit der Sensorik zu tun – viel mehr als harten Kunststoff. Ihr Zimmer war rosa gestrichen und voller Pandas; die pummeligen schwarzweißen Bären waren auf ihr Bettzeug gedruckt und sogar auf die Vorhänge.

Callie kam zu ihm und rieb sich die großen blauen Augen. Ihre blonden Locken waren zerzaust, aber federweich.

Ihm ging jedes Mal das Herz auf, wenn sie »Papa« sagte. Er war dankbar, dass sie endlich sprechen konnte. Bei einigen Kindern mit Autismus war das anders.

Er hätte sie früher wecken sollen, aber er hatte mit Rae unter vier Augen über Zoey sprechen müssen.

Callie kletterte auf seinen Schoß. Sie sah ihrer Mutter sehr ähnlich.

Zoey hatte ihr Studium erst beendet, als sie schon verheiratet und mit Callie schwanger gewesen war. Bei ihrer Hochzeit hatten ihr nur noch wenige Kurse zu ihrem Abschluss gefehlt. Nach Callies Geburt hatte Zoey bei ihrer Tochter zu Hause bleiben und ihr so lange wie möglich ihre ganze Aufmerksamkeit schenken wollen. Da Alan als Techniker genug verdiente, hatten sie sich das leisten können. Er freute sich, dass er seine Familie versorgen konnte. Trotzdem hatte Zoey inzwischen einen Teilzeitjob angenommen. Sie behauptete, dass sie dadurch geistig fit bleibe.

Er lächelte Callie an und versuchte seine innere Unruhe zu verbergen. Callies Augen waren strahlend und unschuldig. Ganz anders als Zoeys Augen. Seine Frau strahlte immer eine gewisse Anspannung aus. Sie kämpfte gegen die Vergangenheit an und bemühte sich, sie nicht an sich heranzulassen. Alan hatte sein Bestes gegeben, um sie vor dem, was sie so verfolgte, abzuschirmen und zu beschützen.

In seinem Hals bildete sich ein Kloß.

Ja, er wollte die beiden beschützen. Aber bei Zoey war ihm das nicht gelungen. Sonst wäre sie jetzt nicht spurlos verschwunden. Womöglich wäre Callie auch fort, wenn sie nicht bei der Therapeutin gewesen wäre. Er drückte seine Tochter wieder an sich und war dankbar, dass sie sich nicht gegen Umarmungen wehrte. Sie befand sich auf der zu vertrauensseligen Seite des Autismus-Spektrums. Sie hatte keine Angst vor Fremden, ging ohne Scheu auf Menschen zu, umarmte sie und ging sogar mit ihnen mit. Callie schenkte jedem ihre Liebe. Jeder war in ihrer Welt willkommen.

Alan küsste sie auf den Kopf und drängte die Tränen zurück, die ihm in die Augen stiegen. Er musste seine Tochter auch vor seinen eigenen negativen Gefühlen beschützen.

Nach einer Weile lehnte Callie sich gemütlich an ihn. Er glaubte schon, sie wäre wieder eingeschlafen, doch dann hob sie das Kinn und schaute ihn an. »Mami. Ich will Mami.«

Der Schmerz, der ihn in diesem Augenblick traf, war viel schlimmer als alles, was er je erlebt hatte. Er konnte das nicht ertragen. Aber ihm blieb keine andere Wahl. »Ich weiß, Liebes.« Er drückte sie einige Momente an sich, dann kitzelte er sie. Fröhliches Lachen sprudelte aus dem Mund des kleinen Mädchens. Es tat ihm unglaublich gut. Callie war ein faszinierendes, wunderbares Geschöpf.

Aber Kitzeln, Kuscheln und Ausreden würden auf Dauer nicht reichen.

Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, falls Zoey nicht bald zurückkam. Was, wenn ihr etwas Schlimmes widerfahren war? Tief in seinem Inneren hatte er das Gefühl, dass sie lebte. Genau wie seine Mutter immer gefühlt hatte, dass sein Vater noch am Leben gewesen war – bis die Gewissheit eines Tages verschwand. Später hatten sie erfahren, dass er zusammen mit den Soldaten, mit denen er unterwegs gewesen war, getötet worden war.

Alan wusste, dass sie einen großen Schritt weiter wären, wenn Zoeys Auto gefunden würde. Dann könnten sie vielleicht auch sagen, ob sie entführt worden war.

Er stellte sich darauf ein, dass ihn die Polizei als Verdächtigen behandeln würde.

Gott, bitte lass es nicht dazu kommen! Um Callies willen. Sie ist doch noch ein Kind. Bitte lass nicht zu, dass ihre Welt erschüttert wird. Das hat sie nicht verdient.

Aber welches Kind verdiente es, seine Eltern zu verlieren? Und doch passierten solche Tragödien fast jeden Tag. Durch seine Schwester hatte er viel über das Böse gelernt. Sie wurde als Journalistin mit Dingen konfrontiert, die sein Vorstellungsvermögen überstiegen. Sein Vater hatte solche Fakten ebenfalls enthüllt. Auf dieser Welt gab es unfassbar viel Schreckliches. Man müsste die Augen schon völlig verschließen, um das nicht zu sehen.

Was würde aus Callie werden, falls die Polizei beschloss, Alan zu verhaften? Er hatte nichts Falsches getan, aber es kam immer wieder vor, dass Unschuldige ins Gefängnis gesperrt wurden. Manchmal wurden sie sogar zur Todesstrafe verurteilt. Falls es zum Schlimmsten kam, könnte seine Mutter oder Rae Callie zu sich nehmen, aber daran wollte Alan noch nicht denken. Er wollte seine Tochter selbst aufziehen. Er wollte mit seiner Frau glücklich sein.

Gott, bitte lass Zoey unversehrt und unverletzt zurückkommen.

Kapitel 3

MITTWOCH, 10:01 UHR

SKIRESORT SADDLEBACK MOUNTAIN

Liam McKade war nicht zum Vergnügen hier.

Skifahrer drängten sich in das Saddleback-Mountain-Café. Sie hatten ihre Helme abgenommen und ihre Jacken ausgezogen, um Sandwiches mit Ei und deftige Kartoffelpuffer zu verspeisen – ein Weltmeister-Frühstück für neue Energie bei der nächsten Abfahrt am Berg.

Er war heute Morgen auch auf der Piste gewesen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren. Schmerzen, die er beim Skifahren früher nicht gehabt hatte, waren durch seinen ganzen Körper geschossen und hatten besonders sein Bein zum Brennen gebracht – die Folgen einer schweren Verletzung, die er sich vor Monaten im Dienst zugezogen hatte. Bis zu einer vollständigen Genesung würde es Monate dauern, hatten die Ärzte gesagt. Die Einschränkungen waren etwas, das er mit seinem Bruder Heath gemeinsam hatte.

Liam war immer ein begeisterter, draufgängerischer Skifahrer gewesen. Er würde sich anstrengen müssen, um wieder so fit zu werden wie vorher. Falls er sich für ein neues Leben entschied und Zeit haben würde, sich auf den Sport zu konzentrieren. Er war mit seinen einunddreißig Jahren immer noch auf der Suche nach seinem Platz auf der Welt. Zum ersten Mal seit Langem hatte er gebetet, dass ihm Gott Türen öffnen und seinen Weg zeigen würde. Das war ein Anfang.

Als ein Tisch frei wurde, setzte er sich. Er war mit einem alten Freund verabredet. Brad Whitfield leitete das Skiresort Saddleback Mountain. Es war sein Lebenstraum. Obwohl Liam schon im letzten Sommer in dieses Tal zurückgekehrt war, hatte er das Treffen mit seinem Freund so lange wie möglich vor sich hergeschoben. Brad war zu Recht stolz auf das, was er erreicht hatte, und Liam sollte ihm gratulieren. In der richtigen geistigen Verfassung würde ihm das leichterfallen.

Ich werde mich schon wieder fangen.

Er brauchte nur Zeit. Es war schon einige Monate her. Wie lange brauchte man, um sich von einer Nahtoderfahrung zu erholen? Es wäre sicher hilfreich, wenn er sich seine früheren Ziele bewusst machte. Und die Frau vergaß, die seine Tarnung hatte auffliegen lassen und ihm das Herz gebrochen hatte.

Als sich ein Mann zu ihm an den Tisch setzte, wollte Liam schon protestieren. Doch dann erkannte er ihn. Brads Gesicht war voller und breiter geworden. Lag das nur an seinem dichten Bart? Brad war genauso alt wie Liam, aber seine wettergegerbte Haut ließ ihn viel älter aussehen. Er schien Liam ebenfalls verwundert zu mustern. Sah er selbst auch anders aus? Vielleicht war es vor allem eine Veränderung in seinen Augen.

Brad verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. Er beugte sich über den Tisch und gab Liam die Hand. »Es ist lange her, alter Freund.« Er winkte eine Kellnerin heran. »Können Sie uns bitte zwei Kaffee bringen, Maggie?« Brad schaute fragend zu Liam. »Wie trinkst du ihn?«

»Schwarz und stark.«

»Ich auch. Danke, Maggie.«

»So lange ist es auch wieder nicht her«, kam Liam auf Brads Bemerkung zurück, als Maggie davoneilte. »Dreizehn Jahre. Ungefähr.« Er erwiderte Brads Grinsen. Liam hatte das Drama seines Familienlebens damals nicht länger ausgehalten. Er war vor seinem alkoholsüchtigen Vater und der ständigen Trauer, mit der er und seine Brüder gelebt hatten, nachdem ihre Mutter bei einem Brand gestorben war, geflohen und zu den Marines gegangen. Später hatte er sich dann auf einem ganz anderen Schlachtfeld wiedergefunden und für die amerikanische Drogenvollzugsbehörde gearbeitet.

Er war seit mehreren Monaten wieder in Jackson Hole. Er hätte sich doch früher mit Brad treffen sollen! Erinnerungen, wie sie zu zweit die Skipisten unsicher gemacht hatten, wurden lebendig.

»Ich freue mich, dass du gekommen bist.« Um Brads Augen bildeten sich kleine Falten. »Sobald ich erfuhr, dass du wieder hier bist, wusste ich, dass du der richtige Mann für diese Stelle bist. Aber ich habe auf einen günstigen Moment gewartet. Und ich wollte dich zuerst persönlich sehen. Du weißt schon, um mich zu vergewissern, dass du immer noch derselbe bist.«

Wenn du wüsstest! Liam war offenbar immer noch im Undercovermodus, wenn Brad glaubte, er hätte sich nicht verändert. Das hatte er definitiv. Der äußere Schein konnte täuschen. »Wie bitte? Was für eine Stelle?« Liam lehnte sich schnell zurück und versuchte sein Unbehagen zu verbergen. Mit einem Stellenangebot hatte er nicht gerechnet. Sollte das hier ein Bewerbungsgespräch werden?

Maggie kam mit zwei dampfenden Kaffeetassen zurück. »Bitte schön, die Herren.«

Brad zwinkerte ihr dankend zu und lächelte dann Liam an.

Liam nippte vorsichtig an dem Kaffee und forschte in Brads Gesicht. Es lief ganz automatisch ab, dass er ihn mit diesem analytischen Blick betrachtete, mit dem Polizisten ihre Umgebung beobachten. Brad und er waren in ihrer Jugend hier im Tal die besten Freunde gewesen. Wenigstens, soweit er sich erinnern konnte. Er wünschte, sein langjähriger Freund würde keine unangenehmen Gefühle in ihm auslösen. Er wünschte sich vieles.

Vor allem, dass er einen anderen Weg eingeschlagen hätte und die dunkle Wolke abschütteln könnte, die ihn überallhin zu verfolgen schien.

»Liam?« Brad kniff die Augen zusammen.

Jetzt hatte er nicht mitbekommen, um was für eine Arbeitsstelle es sich handelte.

»Du siehst aus, als wärst du meilenweit weg«, sagte Brad.

Liam atmete tief ein. »Entschuldige bitte.«

»Ist alles in Ordnung?«

»Ja, klar.«

Brad sah nicht überzeugt aus. »Du wohnst auf der Ranch, nicht wahr?«

»Ja.«

»Mit Heath?«

»Ja.«

»Die Emerald M Ranch hat einen guten Ruf. Es ist zwar schon unsere zweite Skisaison, aber die große Eröffnung. Wir haben ein paar Gäste von der Emerald M, die zum Skifahren hier sind.«

»Die Ranch nimmt im Winter doch gar keine Gäste auf.« Noch nicht.

»Ich spreche von Empfehlungen. Heath hat seinen Gästen, die zum Skifahren im Winter wiederkommen wollten, unser Resort empfohlen. Wir würden am liebsten alle hier unterbringen, aber ich habe mit Heath darüber gesprochen, ob er seine Ranch auch für Wintertouristen öffnen könnte.«

»Das hat er mir erzählt.« Aber nicht, dass Brad ihm dazu geraten hatte.

»Er ist ein guter Mann. Aber wenn ich mich recht erinnere, bist du früher nicht allzu gut mit ihm klargekommen. Ist es das, was an dir nagt?«

»An mir nagt nichts. Heath und ich verstehen uns jetzt super. Mir geht es wirklich gut.« Sein Lächeln war zu breit. Ja, er war tatsächlich wieder in eine Rolle geschlüpft. »Heath hat übrigens vor ein paar Monaten geheiratet. Und Austin hat auch eine Frau.«

Es wurde Zeit, dass Liam eine neue Perspektive bekam. Er war nach Hause zurückgekehrt, um zu vergessen, was passiert war. Aber während er sich in Heaths Vorstellung von einem guten Leben einzufügen versuchte, erkannte er mehr und mehr, dass er nicht wusste, wo er überhaupt hingehörte.

Wo ist mein Zuhause? Er passte nirgendwo mehr dazu.

»Wie steht es mit dir?«, fragte Liam.

»Ich war verheiratet, bin aber inzwischen wieder geschieden. Ich habe eine Tochter. Meine Eltern wohnen immer noch in der Nähe von Jackson.« Brad trank einen Schluck Kaffee. »Und du?«

»Nie verheiratet und keine Kinder.« Liam konnte es nicht erwarten, das Thema zu wechseln. »Danke, dass du mich heute eingeladen hast. Erzähl mir mehr über diese Stelle.« Fast hoffte er, dass dieses Stellenangebot eine Tür sein könnte, die Gott für ihn öffnete.

Brad schmunzelte und verriet Liam mit seinem Blick, dass er hoffte, er würde dieses Mal besser aufpassen. »Das Resort ist noch klein. Fünfunddreißig Abfahrten auf achthunderttausend Quadratmetern. Aber wir wollen erweitern. Ich brauche dich für die Sicherheit hier im Resort.« Brad beugte sich näher zu ihm vor. »Ich weiß natürlich, dass du für einen einfachen Posten im Security-Bereich überqualifiziert bist.«

Früher hätte dafür ein Schulabschluss gereicht, aber Liam vermutete, dass sich auf diesem Gebiet viel geändert hatte. »Worum geht es dann?«

»Du wärst Chef des Sicherheitsdienstes und würdest alle Vorgänge im Resort überwachen. Seit ich es eröffnet habe, habe ich viel gelernt. Es gibt viele Hürden, die man nehmen muss. Lizenzen und Verträge, Anträge und Genehmigungen beim Forstamt und Bezirk. Das Restaurant, der Skiverleih, die Skischule, der Pistendienst – da kommt einiges zusammen. Ich brauche für den Sicherheitsdienst einen Mann mit Erfahrung und das nicht nur für eine Saison. Du wohnst wieder hier. Du kennst dieses Tal, die Berge, die Menschen. Du weißt, was für ihren Schutz nötig ist.« Er schaute Liam unverwandt an. »Ich will dich mit an Bord haben. Was hältst du davon?«

Liam spielte mit seinem Handy. »Ich denke darüber nach.«

»Bitte überlege es dir gut. Dieses Skiresort wird weiterwachsen. Ich fühle es.« Brad grinste. »Ach, und noch etwas: Dank der Beziehungen eines Investors hat sich heute jemand bei mir gemeldet, der YouTube-Videos macht. Er will einen Film über die Eröffnung des Resorts drehen. Kannst du dir das vorstellen?«

Liam lachte mit ihm und schüttelte den Kopf. Sein Blick wanderte zum Fenster. Skifahrer in leuchtend bunter Kleidung wedelten die weißen Hänge hinab.

Brad faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. »Wenn du meinst, dass du Interesse an dieser Stelle haben könntest, solltest du ein paar Leute kennenlernen, die in diesen Traum investiert haben.«

Wie hatte Brad das alles verwirklichen können? »Hast du ihnen von mir erzählt?«

»Andere Skiresorts gehen so weit und setzen tatsächlich Polizisten ein, um betrunkene Skifahrer aus dem Verkehr zu ziehen oder Leute zurückzuholen, die weiter in den Nationalpark vordringen, als erlaubt ist. Das wollen wir hier nicht. Aber ich warne dich: Der Sicherheitsdienst im Resort ist kein Spaziergang.« Er nippte an seinem Kaffee. »Und ja, ich habe den Investoren gesagt, dass ich da jemanden kenne.«

»Danke für diesen Vertrauensvorschuss, Brad. Ehrlich, vielen Dank.« Liam lächelte immer noch. Die Stelle, die Brad beschrieben hatte, reizte ihn definitiv. »Aber ich habe keine Erfahrung im Gaststättengewerbe.«

»Daran gewöhnst du dich bestimmt schnell, du würdest dich im Nullkommanichts einarbeiten. Ich will jemanden, den ich kenne und dem ich vertraue. Letzte Woche hat der Sicherheitschef gekündigt; deshalb war jetzt der richtige Zeitpunkt, um dich anzusprechen. Wenn du letztes Jahr schon hier gewesen wärst, als wir die Stellen besetzt haben, wärst du meine erste Wahl gewesen.«

»Okay. Gib mir ein wenig Bedenkzeit. Ich müsste auch mit Heath sprechen. Er rechnet damit, dass ich ihm auf der Ranch helfe.«

Und Austin wollte, dass Liam als Privatdetektiv mit ihm zusammenarbeitete.

Liam hätte nicht erwartet, dass er gleich mehrere Optionen haben würde. Aber es reizte ihn absolut nicht, Touristen in einem Schneeschlitten durch die Gegend zu kutschieren, wenn Heath die Gästeranch für den Winter öffnete, oder im Sommer Wandertouren in den Bergen zu leiten.

Er wollte auch nicht zu seiner früheren Arbeit bei der Drogenvollzugsbehörde zurückkehren und wieder gegen Drogenhändlerringe ermitteln. Nach seiner Verletzung und dem Auffliegen seiner Tarnung war er eine Weile krankgeschrieben gewesen. Schließlich hatte er gekündigt und eine Abfindung bekommen. Kelvin, sein alter Freund bei der Drogenvollzugsbehörde, der zum stellvertretenden Leiter aufgestiegen war, hoffte dennoch, dass Liam zurückkommen würde. Diese Tür stand immer noch offen. Er vermutete, dass Kelvin ihn deshalb vorhin zu erreichen versucht hatte. Liam hatte noch nicht zurückgerufen.

Brads Handy klingelte. Liam war froh über die Ablenkung.

»Durch diese Stelle kämst du von der Ranch weg, falls du das willst«, sagte Brad, den Zeigefinger schon bereit, um den Anruf entgegenzunehmen. »Ich will mich natürlich nicht einmischen. Aber das könnte doch wirklich etwas für dich sein. Weißt du noch, wie wir früher gemeinsam davon geträumt haben, ein Skiresort aufzumachen?«

Das war nur eine Fantasievorstellung gewesen, um den Problemen zu Hause zu entfliehen.

»Ich überlege es mir und melde mich bald.«

Brad nickte. »Einverstanden. Ich muss da ran. Das sind die YouTube-Leute.« Er wischte über das Display und stand mit dem Handy am Ohr auf.

Liam blieb noch einen Moment sitzen und trank seinen inzwischen kalten Kaffee aus. Mittlerweile waren nicht mehr so viele Skifahrer im Café, aber bald würde der nächste Schwung zum Mittagessen kommen. Noch ein wenig Skilaufen wäre vielleicht gut für ihn, um Abstand zu bekommen von all den offenen Entscheidungen. Es verlangte seine ganze Konzentration und ließ keinen Platz für die vielen Dinge, die schiefgelaufen waren.

Liam schaute durch die Tür in die großzügige Lobby des Resorts. Und dort, auf der anderen Seite, stand sie.

Sein Atem stockte. Schlagartig kehrten seine Gedanken zu dem Moment zurück, als er in einem Graben aufgewacht war und zum bewölkten Himmel hinaufgeblickt hatte. Die Regentropfen hatten einen aufziehenden Sturm angekündigt und er hatte ernsthaft befürchten müssen zu ertrinken, wenn dieser Graben sich mit Wasser füllte.

Während das Leben langsam aus ihm gewichen war, hatte ihn eine einzige Frage beschäftigt: Hatte er ihr Leben gerettet, als er die Kugel abfing, die für sie bestimmt gewesen war?

Kapitel 4

MITTWOCH, 10:45 UHR

Ein großes Panoramafenster umrahmte die tanzenden Schneeflocken und die Gebirgslandschaft des Skiresorts Saddleback Mountain. Das perfekte Motiv für eine Weihnachtskarte. Eine atemberaubende Bilderbuchlandschaft. Jetzt war Mitte März, Weihnachten war weit weg und diese idyllische Kulisse vermochte Raes rasenden Puls nicht zu beruhigen. Nachdem Alan sie gebeten hatte, Zoey zu suchen, hatte sie ihre Tasche gepackt und war so schnell wie möglich nach Jackson Hole gekommen, in dieses schöne Tal mitten in den Rocky Mountains. Das Zuhause des Grand Teton Nationalparks und Tor zum Yellowstone Nationalpark.

Sie hatte versucht ein Zimmer hier im Resort zu bekommen, aber es war ausgebucht. Stattdessen war sie in der Jackson Hole Mountain Ski Lodge zwischen Jackson und Grayback untergekommen; nach ihrer Erwähnung, dass sie an einem Artikel für das Weltreisen-Magazin arbeite, sogar zu einem vergünstigten Preis.

Diese Gelegenheit hatte sie dem telefonischen Bewerbungsgespräch zu verdanken, das sie unmittelbar vor Alans Anruf wegen Zoey geführt hatte. Sie hatte sich als Redakteurin beworben und zugesagt, als Probearbeit einen Reisebericht aus einem Skigebiet zu schreiben. Sie war für diese berufliche Chance natürlich dankbar, war sich aber nicht sicher, ob sie wirklich Teil einer Verlagsgruppe werden wollte, die in ihren Zeitschriften Hotels für Hochzeitsfeiern und Reiseziele für die Flitterwochen empfahl. Solche Themen waren Rae immer viel zu banal gewesen. Sie wollte etwas in der Welt verändern.

Sie hatte es für strategisch sinnvoll gehalten, ihre Zeit in Jackson Hole für beide Zwecke zu nutzen. Doch jetzt, da sie hier war, wusste sie, dass sie für einen solchen Artikel keinen Kopf hatte. Daran würde sie erst denken können, wenn Zoey wieder wohlbehalten zu Hause war.

Rae blätterte in dem Hotelprospekt, in dem die luxuriösen Zimmer und Suiten angepriesen wurden. Daneben wurden die vornehmen Restaurants, aber auch die Berghütten, in denen man Burger und Pommes bekam, der Wellnessbereich mit Pool, viele Wintersportangebote, Cafés und so weiter vorgestellt.

Aus dem Augenwinkel entdeckte sie den Mann, den sie suchte. Er war bestimmt nicht glücklich, sie zu sehen. Der Gedanke, nach Jackson Hole zu kommen, hatte sie abgeschreckt, weil sie genau wusste, dass er hier wohnte. Zugegeben, sie hatte ihn in den letzten Monaten ein wenig gestalkt. Sie hatte sich vergewissern wollen, dass es ihm nach dem Chaos, das sie angerichtet hatte, gut ging.

Beim Gedanken, auf ihn zuzugehen, wurden ihre Handflächen ganz feucht. Zum hundertsten Mal fragte sie sich, warum sie Liam McKade überhaupt wiederbegegnen wollte. Niemand hatte sie aufgefordert, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Alan hatte sie lediglich gebeten, so viel wie möglich über Zoeys geheimnisvolle Vergangenheit herauszufinden. Um etwas in Erfahrung zu bringen, war es wichtig, persönlich in Jackson Hole zu sein. In den sozialen Medien existierte Zoey nicht. Genauso wenig wie Liam McKade: weder auf Facebook noch auf Twitter, Instagram oder sonst wo.

Rae musste von Angesicht zu Angesicht mit Zoeys Mutter sprechen.

Es war richtig gewesen, in dieses kleine Tal zwischen dem Teton und dem Wind River zu kommen. Sie wollte schon ihr ganzes Leben lang etwas Positives in der Welt bewirken. Sie war es gewohnt, Informationen auszugraben. Hinweisen nachzugehen. Fehlverhalten öffentlich anzuprangern. Alles mit dem Ziel, Menschenleben zu retten.

Dieses Mal wollte sie Zoey retten.

Brauchte sie dazu Liams Hilfe? Vielleicht sollte sie einfach kehrtmachen und es allein versuchen. Sie war bisher auch gut zurechtgekommen.

Liam verließ das Restaurant. Raes Blick blieb auf ihn geheftet. Er trug eine Skihose und eine dunkelblaue Jacke. Mit seinem weizenblonden Haar sah er aus, als gehöre er in die Schweizer Alpen. Er sah gut aus. Zu gut.

Sie biss sich auf die Lippe. Zwischen ihnen war es ziemlich gut gelaufen, doch dann hatte sie alles vermasselt. Sie war überzeugt gewesen, dass sie das Richtige tat. Warum löste sein Anblick immer noch so starke Gefühle in ihr aus? Und wie sollte sie ihn um seine Hilfe bitten, wenn sie so vieles bereute?

Rae schlug den Prospekt erneut auf und tat so, als würde sie ihn interessiert lesen, obwohl ihre ganze Konzentration nötig war, um gleichmäßig zu atmen.

Ich kann das nicht. Ich kann das nicht.

Zoeys Leben könnte davon abhängen.

Ich muss.

In ihrer ehemaligen Rolle als investigative Journalistin hätte sie ihn einfach unumwunden um Hilfe gebeten. Aber diese kühne Herangehensweise hatte sie beide in große Schwierigkeiten gebracht. Sie hatte ihre Arbeit verloren und Liam war gezwungen gewesen, sich ihretwegen in Gefahr zu bringen.

Das war genau der Grund, warum sie ihn jetzt brauchte. Wenn sie jemandem vertrauen konnte, dann einem Menschen, der bereit war, für einen anderen sein Leben zu riskieren. Trotzdem stellte sie sich darauf ein, dass er sie abweisen würde. Vorausgesetzt, sie brachte tatsächlich den Mut auf, ihn anzusprechen.

Rae schlich um die Ecke. Vorerst wollte sie ihn einfach beobachten und überlegen, wie sie das Gespräch eröffnen könnte.

Ihr Handy klingelte.

Reggie.

Dads Rechercheredakteur rief sie tatsächlich zurück. Sie biss sich auf die Lippe. »Reggie, hallo, freut mich!«

»Hallo, Rae. Wie geht es dir? Und deiner Mutter?«

»Ihr geht es gut, danke.«

»Schön, das freut mich. Und dir?«

»Eigentlich auch ganz gut.«

»Na, das klingt ja noch ausbaufähig. Deine Nachricht hat sich angehört, als sei es sehr dringend?!«

Sie atmete tief ein. Konnte sie ihn überzeugen? »Als mein Vater getötet wurde, hast du zu mir, zu uns allen, gesagt, dass du für uns da bist, falls wir je deine Hilfe brauchen. Bei jedem anderen hätte ich es nur als höfliche Floskel abgetan. Aber du …«

»Ich stand deinem Vater sehr nahe, Rae. Ich war sein Trauzeuge. Meine Worte waren absolut ernst gemeint. Es tut mir leid, dass ich dich bis jetzt kaum unterstützen konnte. Aber falls es jetzt etwas gibt, was ich für dich tun kann, dann sag es bitte. Ich bin selbstständig und kann mir aussuchen, für welche Kunden ich arbeite. Da ist kein Chef, der mir vorschreibt, was ich zu tun habe. Meine Firma läuft unter dem Namen ›Das Informationsdepot‹.«

Rae lehnte sich an die Wand und entspannte sich. »Ich bin so froh, dass du mir helfen willst.« Sie erklärte Reggie, was passiert war.

»Was brauchst du von mir?«, fragte er, als sie geendet hatte.

»Ich brauche dein Talent, in Datenbanken Informationen zu finden. Du kannst das viel besser als ich. Ich zahle dir natürlich dein übliches Honorar.«

»In solchen Fällen ist mein übliches Honorar kostenlos. Es wirkt, als müssten wir uns schleunigst an die Arbeit machen.«

»Zoey ist verschwunden. Wie sich herausgestellt hat, ist Zoey Dumont nicht ihr Geburtsname. Alan konnte ihre Geburtsurkunde nicht finden. Ich habe auf einer Genealogie-Website eine digitale Kopie aufgestöbert, aber daraus geht nur hervor, dass sie ihren Namen geändert hat, nicht, wie sie vorher hieß. Jedoch wissen wir jetzt, dass ihre Mutter Samara Davidson ist, und ihr verstorbener Vater war Mark Davidson. Bitte finde so viel wie möglich heraus. Ihren echten Namen. Die Adresse ihrer Mutter. Ist es dieselbe Adresse wie in der Geburtsurkunde oder eine andere? Ich brauche jeden Anhaltspunkt, den du finden kannst. Uns läuft die Zeit davon.«

»Die ersten achtundvierzig Stunden sind entscheidend.«

»Ich weiß.«

»Ich bin schon dran, Rae. Du hast so weit schon wirklich gute Arbeit gemacht, aber es wäre ratsam, das nicht im Alleingang weiter aufzuklären. Ich melde mich, sobald ich etwas habe.«

»Danke.« Sie beendete das Gespräch, aber besonders erleichtert fühlte sie sich nicht. Falls Reggie ihr helfen konnte, die Wahrheit über Zoey und ihre Vergangenheit aufzudecken, stünde sie tief in seiner Schuld. Hoffentlich würden sich Spuren auftun, die sie zu Zoey führten. Es musste für Alan die reinste Folter sein, dass er so vieles über seine eigene Frau nicht wusste.

»Du hast mich vor ihren Geheimnissen gewarnt«, hatte er gesagt.

Mit seinen Computerkenntnissen hätte Alan mehr über Zoey herausfinden können, wenn er hinter ihrem Rücken nachgeforscht hätte. Oder wenn er einen Privatdetektiv engagiert hätte. Da wären viele Möglichkeiten gewesen. Aber Alan hatte Zoeys Privatsphäre immer respektiert. Hatte er Angst, sein Eheglück zu gefährden? Er liebte Zoey trotz ihrer Geheimnisse. Seine bedingungslose Liebe zu ihr war bewundernswert.

Aber jetzt würden vielleicht beide einen hohen Preis dafür zahlen.

Rae bekam eine Textnachricht. War Reggie so schnell?

Hast du Bedenken, dass du dich in laufende polizeiliche Ermittlungen einmischst?

Sie antwortete: Ich helfe bei der Suche nach einer vermissten Person. Mein Bruder zählt auf mich.

Dabei beließ sie es.

Polizisten waren auch nur Menschen. Ihnen unterliefen auch Fehler. Solche von der Sorte, die Rae sich nicht leisten konnte. Sie selbst war auch nicht perfekt und hatte furchtbare Fehler gemacht. Allein schon beim Gedanken daran wurde ihr übel. Aber auch wenn einige etwas anderes glaubten, ging es ihr nie um Anerkennung für sich selbst. Auch jetzt nicht. Sie wollte einfach nur Zoey finden.

Sie las die nächste Textnachricht von Reggie.

Zoey Dumonts Geburtsname ist Tawny Davidson.

Als sie den Blick von ihrem Handy hob, schaute sie direkt in Liams Gesicht. Der Blick in seinen braunen Augen klirrte vor Kälte. Ein Gedanke schnürte ihr die Kehle zu: Sie wäre im letzten Frühling gestorben, wenn er nicht gewesen wäre. Rae rang um Luft.

»Was machst du hier?«

Liam hatte ihr nie Angst eingejagt.

Bis jetzt.

Kapitel 5

Rae Burke. Neugierige Reporterin und Herzensbrecherin.

»Warum verfolgst du mich? Ich bin raus aus der Drogenvollzugsbehörde, weißt du das noch nicht? Bei mir ist keine Story mehr zu holen.«

Ihre Kinnlade klappte herunter und sie starrte ihn mit offenem Mund an. Ein hübscher Mund, den er dummerweise geküsst hatte. Das schien ein halbes Leben zurückzuliegen, nein, das war in einem völlig anderen Leben gewesen. Er war nicht mehr derselbe Mann. Der Vorfall war an ihr bestimmt auch nicht spurlos vorübergegangen. Sie konnte also auch nicht mehr dieselbe Frau sein.

»Was? Ich …«

»Und?« Liam sollte sie einfach stehen lassen und ignorieren. Er hätte sie überhaupt nicht ansprechen dürfen. Er wollte mit jenem Leben nichts mehr zu tun haben. Und er wollte auch nicht, dass die Frau, die die Lawine ins Rollen gebracht hatte, wieder in seiner Welt auftauchte.

Dieses Mal musste er mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen denken.

Ihre Sprachlosigkeit überraschte ihn. Ich wollte dich nie wiedersehen. Er hätte nicht gedacht, dass er ihr gegenüber je so kühl sein könnte. Aber sie weckte all die Erinnerungen in ihm, die er unbedingt vergessen wollte. Zum Glück hatte er seinen Gedanken nicht ausgesprochen. Das hätte ihr viel zu viel über seine Gefühle verraten. Er wollte nicht, dass ihr plötzliches Auftauchen ihn so aus der Bahn warf. Dass es so war, war sein