Beschreibung

Was können Worte gegen Gewalt ausrichten? Haben sie überhaupt eine Chance? Frank Westerman rekonstruiert in seinem neuen Buch terroristisch motivierte Geiselnahmen – Anschläge der südmolukkischen Minderheit in den Niederlanden, direkt in seiner Nachbarschaft, die Entführung Hanns Martin Schleyers durch die RAF, die grausamen Geiselaktionen tschetschenischer Rebellen in Russland, die er als Korrespondent miterlebte, bis hin zum Charlie Hebdo-Attentat in Paris. Er beleuchtet sie aus der Perspektive von Tätern, Opfern und der Staatsmacht, der die schwierige Aufgabe zukommt, mit Terroristen zu verhandeln, um Menschenleben zu retten. Westerman rückt hautnah an das Geschehen und die Akteure heran, bringt viele eigene Erfahrungen und Beobachtungen ein, nimmt an Gewalt-Deeskalationstrainings für Spezialeinheiten teil, trifft Attentäter und international anerkannte Unterhändler und zeigt unterschiedliche Strategien im Umgang mit Gewalt auf. Eine packende Reportage über eines der drängendsten Probleme unserer Zeit.

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Seitenzahl: 358

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Frank WestermanReden. Reden? Reden!

Frank Westerman

REDEN.REDEN?REDEN!

Spricht manmit Terroristen?

Aus dem Niederländischen vonGerd Busse und Ulrich Faure

Die deutsche Ausgabe entstand mit freundlicherUnterstützung der Dutch Foundation for Literature/Nederlands Letterenfonds (NLF).

© Een woord een woord, Frank Westermann 2016.Originalverlag: De Bezige Bij, Amsterdam | Antwerpen

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

1. Auflage als E-Book, August 2016entspricht der 1. Druckauflage vom August 2016© Christoph Links Verlag GmbHSchönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0www.christoph-links-verlag.de; [email protected]: Stephanie Raubach, Ch. Links VerlagKarten: Bert Stamkot; Lektorat: Beate ClausnitzerFoto Autor: Keke Keukelaar

ISBN 978-3-86284-348-0

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Quellennachweis

Über den Autor

Wenn niemandniemandem zuhört,fallen Schüssestatt Worte.

Jana Beranová

Prolog

Das angekündigte Gewitter kommt nicht. Der Abendhimmel ist trübe, Wolken ziehen auf, und es beginnt zu stürmen. Doch der Wind bringt keine Abkühlung. Meine Mutter hat mir erlaubt, im Gästezimmer zu schlafen, das nach Norden liegt.

Mitten in der Nacht werde ich durch ein Getöse geweckt, das ich nicht einordnen kann. Irgendetwas zwischen einem Dröhnen und einem Rattern. Unglaublich laut. Die Tür des Gästezimmers geht auf. Meine Mutter kommt in ihrem Morgenmantel zu mir ans Bett. Doch ich schlage die Decke zurück und springe auf, um zum Fenster zu laufen. Im Licht der Laterne an der Ecke sehe ich einen Panzer. Das Ding ruckelt einen Meter vor, dann wieder zurück. Ein Soldat gibt Anweisungen. Der Panzer kommt neben unserer Auffahrt zum Stehen, unter dem Schild »Sackgasse«.

Das muss am Samstag, dem 11. Juni 1977, gewesen sein, zwischen vier Uhr und halb fünf in der Nacht. Schon drei Wochen lang ist die Polizei bei uns in der Straße. Die evangelisch-reformierte Kirche und der Bunker des Katastrophenschutzes sind mit Gittern und Markierungsbändern abgesperrt: Dort befinden sich das Pressezentrum und der Krisenstab für die Zugentführung und die Geiselnahme an einer Schule, die sich zeitgleich abspielen.

Nun plötzlich, in dieser Nacht, wird eine zusätzliche Barrikade errichtet, in einem erweiterten Radius, der auch unser Haus einschließt. »Sie werden die Geiseln befreien«, sagt mein Vater, der ebenfalls aufgestanden ist. Er hat das Radio angestellt, doch es läuft nur Musik.

Im Licht des anbrechenden Morgens verändert sich die Farbe des Panzers von schwarz zu blau. Er hat keinen Geschützaufbau. Es ist auch kein Gefechts-, sondern ein Transportpanzer.

Meine Schwester hat sich neben mich gestellt. Plötzlich beginnen in allen Räumen die Scheiben in ihren Halterungen zu tanzen. Ein Düsenjäger nach dem anderen heult durch den Morgenhimmel, es ist noch zu dunkel, um sie sehen zu können. Wie viele mögen es sein?

Als die letzte Maschine unser Haus überflogen hat und nicht mehr zurückkommt, ziehe ich mir rasch eine Hose und ein T-Shirt an. Ich schlinge ein Butterbrot herunter, erst danach darf ich zu Hans Top, der auf der anderen Straßenseite wohnt. Hans ist mein bester Freund.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als wir in unserer Sackgasse wie eingesperrte Tiere hin- und herlaufen, bis zu den Fertiggaragen und zurück. Die Soldaten winken uns heran. »Wenn ihr hier wohnt«, sagen sie, »könnt ihr einen Passierschein bekommen.« Damit würden sie uns an der Absperrung vorbeilassen. Eine Luke an der Seite des Panzerfahrzeugs steht offen. Wir dürfen nacheinander hinein, die Bauchhöhle ist ein dunkles Cockpit. Kabel mit Kopfhörern hängen von der Decke.

Sobald unsere Namenskärtchen aus Pappe fertig sind, probieren wir sie aus. Mitten auf der Kreuzung steht auf einem Dreibein ein Maschinengewehr, aus dem ein Patronengurt heraushängt. Hans und ich zeigen unsere Passierscheine vor, und richtig: Wir dürfen vorbei. Die Soldaten schieben die Stacheldrahtrollen, die quer über der Straße liegen, ein Stück für uns zur Seite.

Der Stacheldraht ist ungewöhnlich, er hat keine Spitzen, sondern kleine Messer.

»NATO-Stacheldraht«, weiß Hans, zwei Jahre älter als ich, und schon in der Orientierungsstufe.

Dann wieder hinter die Absperrung zurück. Die Soldaten lachen ein wenig – und nein: Wir müssen unsere Passierscheine nicht noch einmal zeigen.

Es ist windstill, der Beginn eines heißen Tages. Plötzlich wird die Stille durch ein dröhnendes Geräusch zerrissen, das an dem nahe gelegenen Hochhaus widerhallt. Aus der Kurve bei den Weiden kommt ein Motorrad angesaust. Zwei Männer mit schwarzen Haaren und ohne Helme sitzen darauf. Der Fahrer gibt Gas und hält direkt auf uns zu. Im letzten Moment bremst er und biegt links in die Speenkruidstraat. Die Soldaten dirigieren Hans und mich auf den Bürgersteig. Hinter den Birken in unserem Garten hören wir das Motorrad in einem Bogen um unser Viertel fahren. In Abständen von wenigen Minuten rast es noch ein paarmal auf den Stacheldraht zu. Der Sozius schwenkt einen Lappen in den Farben Blau-Weiß-Grün und Rot. Es ist, wie ich inzwischen weiß, die Flagge der RMS, der Republik Maluku Selatan. Davon habe ich Briefmarken: eine Serie mit acht tropischen Schmetterlingen darauf – ungestempelt.

1.

Von dem Dorf Ossendrecht, dicht an der niederländisch-flämischen Grenze gelegen, gibt es eine geheime Nachbildung.

Das Original-Ossendrecht liegt träge zwischen Weiden, oben auf dem Brabantse Wal, einer auffälligen Anhöhe in der Landschaft. Von der Turmspitze der katholischen Kirche aus blickt man über die seeländischen Polder mit ihren strengreformierten Gemeinden, auf einen Knick in der Schelde, die Kühltürme des Atomkraftwerks Doel und die Hebekräne des Antwerpener Hafens.

Das Duplikat Ossendrechts, in seinen Abmessungen nahezu so groß wie das Original, besitzt keine Kirche. Es ist ein Satellitendorf aus Betonbauten, ebenfalls oben auf dem Brabantse Wal gelegen, doch verborgen im Nadelgehölz der Grenzwälder. Obwohl dort niemand lebt, ist es von einem Zaun mit Kameraüberwachung umgeben. »Ossendrecht-2« könnte man sagen, in Analogie zu den verbotenen, auf Landkarten nicht verzeichneten Sowjetstädten »Tomsk-7« oder »Krasnojarsk-26« in der sibirischen Taiga, allerdings nicht so geheimnisumwittert. Wir sind schließlich in den Niederlanden, da geht es transparent zu.

Ossendrecht-2, mit einem Hotel, einer Turnhalle und einer Einkaufsstraße, ist Eigentum des Innenministeriums. Hier trainiert die Polizei:

–Das Räumen besetzter Häuser.

–Das Vermitteln bei Nachbarschaftsstreitigkeiten.

–Das Losschneiden von Umweltaktivisten.

–Den Einsatz von Tränengas.

–Das Ausschalten von Schwerkriminellen.

–Das Umstimmen von Selbstmördern, die auf das Dach des Hotels geklettert sind.

»Springer nennen wir die«, sagt mein Gastgeber, ein Polizeioffizier in blauer Uniform mit diversen goldenen Auszeichnungen. Er ist bereit, mich in Ossendrecht-2 herumzuführen, unter der Bedingung, dass ich seinen Namen nicht preisgebe, da er »operativer Unterhändler« sei.

Ich nehme seine Visitenkarte und frage, was das genau bedeutet: »operativer Unterhändler«.

»Dass ich, wenn du nächste Woche gekommen wärst, keine Zeit für dich gehabt hätte.«

Mir fällt so schnell nichts ein, was in der kommenden Woche an Außergewöhnlichem ins Haus stehen würde.

»Da haben wir in Den Haag den Atomgipfel, mit hohen Tieren wie Obama und Merkel.«

Ich sehe zu ihm hinauf, während ich auf die Pointe warte.

»Dann sind wir in Bereitschaft.«

»Für den Fall, dass jemand als Geisel genommen wird?«

»Dann werden wir aktiv.«

Nennen wir ihn Kees. Er ist 60, ein bedächtig wirkender Mann. Er könnte eine Art Kümmerer in einem Problemviertel sein – hinter seinen Brillengläsern wachsam die Umgebung im Auge behaltend. Wir sitzen einander gegenüber in der Kantine der Polizeiakademie, »Standort Ossendrecht«, der School voor Gevaar- en Crisisbeheersing.

»Der Staat hat das Gewaltmonopol«, sagt Kees. »Und wir wollen, dass das so bleibt.« Grüppchen von Angehörigen der ME, der Mobilen Einheit, kommen herein, sie stecken in Pullovern mit Schulterpolstern. Brocken von Kerlen mit Stoppelfrisuren, Karikaturen ihrer selbst. »Siehst du das da?«, fragt Kees – er deutet mit einer kurzen Bewegung seines Kinns in Richtung eines Automaten mit Snickers, Mars und Croky-Chips-Beuteln. An der Wand, seitlich des Automaten, steht in regelmäßiger Schrift:

Alle, die sich in den Niederlanden befinden, werden in gleichen Fällen gleich behandelt. Diskriminierung aus Gründen der Religion, der Lebensanschauung, der politischen Gesinnung, der Rasse, des Geschlechts oder Sonstigem ist nicht erlaubt.

»Das ist der Grund, weshalb es uns gibt.«

Kees hatte 1976 bei der Mobilen Einheit angefangen – mit einem Helm, einem Schild und einem Gummiknüppel. Seine Aufgabe war es, effizient Zugriffe durchzuführen. Er hatte gelernt, wie man einen Demonstranten mit einem einzigen Judogriff aus einer Sitzblockade herauszieht, auch wenn der sich bei seinen Kameraden eingehakt hat. Judo gehört noch immer zur Ausbildung, die Mitglieder der Einheit haben allesamt einen braunen oder schwarzen Gürtel. Kees hat in seiner Laufbahn allerdings einen anderen Weg eingeschlagen: Er ist Unterhändler bei Geiseldramen und Entführungen geworden. »Männer ohne Waffe« werden sie an der Akademie spöttisch genannt. Kees findet nicht, dass er zur soften Abteilung der Polizeiarbeit gehöre. »Wenn du der Letzte bist, der ein Gespräch mit jemandem führt, der kurz davor steht, liquidiert zu werden, geht einem das ganz schön unter die Haut.«

So wie die meisten seiner Unterhändler-Kollegen ist er Rotterdamer – eine merkwürdige Überrepräsentanz, für die Kees keine Erklärung hat.

Vielleicht, äußere ich die Vermutung, sind Rotterdamer mit ihrem Geschäftssinn besser im Verhandeln?

Kees weicht mir geschickt aus. »In der Ausbildung dreht sich alles um Wehrhaftigkeit«, sagt er. »Darauf wird man getrimmt.« Wer bei der Polizei arbeite, erhalte Kampftraining und stehe mindestens 32 Stunden pro Jahr auf dem Schießstand. Die Kehrseite sei, dass der durchschnittliche Polizist die Worte »Entschuldigung« oder »Danke« nicht über die Lippen bekomme, und das sei schade, sagt Kees, denn nur mit »Halt!« oder »Lass die Waffe fallen!« komme man selten weiter. Deshalb schule er Polizisten im Umgang mit verbalen Waffen.

»Bevor ich einen Kursteilnehmer neben einen Springer aufs Dach stelle, sage ich: Was glaubst du, was dir da gleich dein Pfefferspray nützen wird?«

Kees beugt sich zu mir herüber und schaut mir direkt in die Augen. Er lässt seine Frage zwischen uns hin- und herpendeln, beinahe hypnotisierend – als säßen wir im Verhörraum. Er fixiert mich ein paar Sekunden, dann steht er auf. »Es ist Zeit für die Führung.« Kees zieht seine Jacke über und rückt den Gürtel mit dem Pistolenholster zurecht.

Draußen erstrecken sich Grünanlagen, in der Ferne liegt ein Wohnviertel. Ossendrecht-2 sieht auf den ersten Blick ganz normal aus. Der Merelweg kreuzt die Dennenlaan. Dann entdecke ich jedoch schräg auf dem Bürgersteig einen Ganoven-Opel und einen Ford Transit Bus, beide ausgebrannt. Am Straßenrand liegen gefüllte Overalls – leblose Körper ohne Kopf, die Gliedmaßen unnatürlich abgeknickt.

»Die wiegen jeder 85 Kilo«, sagt Kees. »Die müssen die Männer über den Zaun dahinten schleppen.«

Für meinen Begleiter ist es in Ordnung, dass ich Notizen mache, doch er wartet nicht auf mich. Er läuft weiter zum Bahnhof. Vor uns steht ein gelber Zug, ohne Ziel, an den Schienen festgerostet. Es ist kein altertümlicher »Hundekopf«-Triebwagen, sondern ein moderner Intercity mit dem Lokführerstand hoch über dem Rumpf. Der Zug hebt sich als gelb-blaues Band vor dem Dunkelgrün des Waldrandes ab, und es ist nicht zu vermeiden, dass dieser Anblick auch die zwei gestrandeten Züge aus den Kulissen meiner Kindheit zum Vorschein bringt.

»Spielt ihr hier Zugentführungen nach?«, frage ich.

»Ja.«

»Mit Schauspielern?«

»Und Statisten, als Passagiere.« Kees erklärt, wo der Kordon gezogen wird und aus welcher Position die Scharfschützen den Zug ins Visier nehmen. »Jemanden umlegen ist immer eine Option. Jemanden umstimmen ist schwieriger, aber besser.«

Wir gehen auf den vordersten Waggon zu. »Unser Fach gibt es seit der ersten Zugentführung 1975. Damals hatten wir noch keine eigenen Unterhändler. Nachdem es vorbei war, hat einer von uns bei Scotland Yard Rat geholt.«

Ich bin nach Ossendrecht-2 gekommen, um etwas über die Kunst des Überredens zu erfahren.

Was kann ein Redner gegen einen Mörder ausrichten?

Haben Worte gegen Kugeln Bestand?

Welche Worte?

Es ist April 2014, und gerade sind 276 Schülerinnen in Nigeria durch eine islamistische Terrorgruppe, die sich Boko Haram nennt, entführt worden: »Westliche Bildung ist verboten.« Hilft dagegen eine Kampagne auf Twitter? Bringt es etwas, wenn Michelle Obama ein Foto von sich verbreitet, auf dem sie ein Pappschild mit der Aufschrift #BringBackOurGirls in der Hand hält?

Wenn sich Sprache und Terror wie in einem Duell gegenüberstehen, welche der beiden Parteien zieht dann den Kürzeren?

Fragen wie diese treiben mich um – schon seit der Zeit des Millenniumswechsels. Als Korrespondent in Russland war ich damals Zeuge der aufflammenden Gewalt in Tschetschenien. 1998, ich war gerade erst in Moskau angekommen, wurden am Südufer des Flusses Terek vier Köpfe gefunden. Sie lagen, ausgestellt auf einem Laken, an der Asphaltstraße. »Holt sie euch, wenn ihr euch traut.« Es waren die Köpfe von Technikern eines Telekommunikationsunternehmens, drei Briten und einem Neuseeländer, die zuvor entführt worden waren.

Als Korrespondent gehörte es zu meinen Aufgaben, auch aus Tschetschenien zu berichten. Ich reiste ans russische Ufer des Terek; auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich über einem Hain aus Weiden ein erstes Minarett. Im Schilf lagen Ruderboote, und ein Stück weiter gab es eine Brücke, aber ich habe den Terek niemals überquert. Ich habe mich nicht hinübergetraut – weil ich nicht über Wochen und Monate in irgendeinem Kerker an eine Pritsche oder ein Wasserrohr gekettet werden wollte. Ich wollte nicht vor laufender Kamera meine Eltern anflehen, mein Leben zu retten, für Geldsummen, die sie nicht besaßen. An noch brutalere Videos mochte ich nicht einmal denken.

In meiner Berichterstattung ging ich ausführlich auf die tschetschenische Kidnappingindustrie ein – vielleicht aus Gründen der Selbstrechtfertigung.

Auf einem zugigen Bergpass im Kaukasus interviewte ich eine Gruppe von Kindern, die zu Fuß aus Tschetschenien nach Georgien geflüchtet war. Zwei Schwestern erzählten, wie es sei, wenn man bombardiert werde. »Unheimlich gruselig«, sagte die eine. »Wir haben geschrien«, sagte die andere. Sie hätten an der Bushaltestelle gestanden, doch anstelle des trägen Stadtbusses sei ein Düsenjäger auf sie zugekommen.

Plötzlich zischte mir mein russischer Fotograf »Weg hier!« ins Ohr. »Sofort!« Unter den Flüchtlingen hatte er Schlägertypen ausgemacht, Männer mit buschigen Bärten, die zu uns herüberblickten und – so befürchtete er – berieten, uns als Entführungsbeute über den Bergkamm zu bringen, ins Innere Tschetscheniens.

Unser vorzeitiger Abzug machte mich wütend. Wenn es sogar hier, am Rande der Geschehnisse, nicht sicher war, wie weit sollte ich mich dann noch zurückziehen?

Illusionen über Reportagen, die die Welt zum Guten verändern, hegte ich nicht, doch eines glaubte ich schon: Hört man auf zu erzählen, verändert sich die Welt zum Schlechten. Ein Korrespondent soll Augenzeugenberichte aufzeichnen und Ereignisse aus erster Hand beschreiben. Er ist jemand, der kostbare Fakten ausgräbt – den durch nichts zu ersetzenden Brennstoff für Dialog und Debatte, für Empathie und Verständnis.

Als Berichterstatter fühlte ich mich an der Grenze zu Tschetschenien besiegt. Ich verlor meinen Glauben an die Kraft des freien Wortes. Als Kind hatte ich – selbstverständlich – noch keine Entgegnung auf die Terroraktionen in unserer Nähe gehabt, als Erwachsener in Russland war sie mir im Keim erstickt worden.

Seit 9/11, nach dem Mord an Theo van Gogh und erst recht, seit die Henker des IS ihre Enthauptungsfilme online stellen, frage ich mich, ob wir überhaupt eine verbale Verteidigung gegen Terror haben. Sanfte Kräfte, wer glaubt noch daran? Weder mit Reden noch mit Schreiben scheint man etwas zu erreichen, die schwarze Fahne und die Kalaschnikow rücken vor. »Für den, der die Nuance sucht«, lautete das Credo der Zeitung, für die ich jahrelang berichtete. Ach – hör doch auf, mit Halsabschneidern lässt sich nicht reden. Schick Drohnen, kill them all.

Ich muss mich dagegen wehren und meine Niedergeschlagenheit nicht in Zynismus umschlagen lassen. Deshalb habe ich mich in Ossendrecht-2 angemeldet. Das heißt, ich habe die Leitung der School voor Gevaar- en Crisisbeheersing gebeten, am Training zum Geiselunterhändler teilnehmen zu dürfen.

Wie spricht man einen Terroristen an? In welchem Tonfall? Sagt man »Sie« oder doch besser »du«? Ich möchte diese Erfahrung selbst machen, auch wenn die Szenen gestellt sind. »Kommunikation in Krisensituationen«, heißt der Grundkurs. Die ersten praktischen Übungen beginnen nach dem Sommer, aber da ich nun schon einmal hier bin, bekomme ich – bevor es ernst wird – eine Führung von dem operativen Unterhändler Kees.

Vom Bahnhof aus gehen wir zu einer Straße mit Bäcker, Juwelier und Drogerie. Die Geschäfte kann man lediglich an Beschriftungen wie Juwelier & Diamantenhändler erkennen – die Schaufensterauslagen sind nicht nachgebaut worden. »Das ist nicht nötig«, sagt Kees. »Wenn die Meldung kommt, dass der Juwelier überfallen wird, spielt die Fassade weiter keine Rolle.«

Ich frage nach dem Szenario.

»Wir sorgen dafür, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Wenn so ein Juwelenräuber in die Enge getrieben wird, hält er dem Juwelier die Pistole an den Kopf. Das Einzige, was er dann noch macht, ist schreien und drohen.«

Am Ende der Dennenlaan, hinter einem Verkehrskreisel, steht ein zweistöckiges, sandfarbenes Gebäude: die Botschaft eines willkürlichen Landes.

Verhandlungen mit Geiselnehmern kenne ich nur aus Filmen.

»Wir benutzen Filme in der Ausbildung«, sagt Kees. »Verhandlungssache – wunderbar.« Er erzählt vom Anfang des Films: Ein Topunterhändler der Polizei (Samuel L. Jackson) nimmt seine Vorgesetzten in einem Büro in Chicago als Geiseln und will nur mit seinem Unterhändlerkollegen (Kevin Spacey) reden. Während er auf dessen Ankunft wartet, hat er Kontakt zu einem gewöhnlichen Polizisten, der nicht weiß, welchen Ton er anschlagen soll. »Sag niemals ›nein‹ zu einem Geiselnehmer«, zitiert Kees Samuel L. Jackson. »Steht im Handbuch!«

»Gibt es Handbücher?«

»Was glaubst du denn? Dass das FBI keine Handlungsanweisungen für Geiselnahmen hat?« Ob das in den Niederlanden anders ist, lässt er offen.

Ich will wissen, ob ein Terrorist, im Gegensatz zu einem »gewöhnlichen« Kriminellen, einen speziellen Ansatz erfordert.

Kees bewegt den Kopf, es könnte irgendetwas zwischen einem Ja und einem Nein bedeuten. Es gebe eine Sache, die man bei Terroristen immer im Auge behalten müsse: »Sie haben ein Ziel.«

Mit einem Mal fühle ich mich wie ein absoluter Dummkopf. Das mit dem Ziel hätte mir selbst einfallen können.

Wir erreichen das Wohnviertel von Ossendrecht-2. Die Häuser haben Fensterrahmen und eine Eingangstür, die ins Leere führt. Cinecittà. Gerade, als ich denke, dass auch gut ein Bühnenscheinwerfer vom Himmel fallen könnte, sagt Kees: »Jeder Unterhändler muss einen guten Witz erzählen können.«

Es folgt kein Witz. Dafür eine Erklärung: Es laufe darauf hinaus, dass man Verblendung mit Relativierung parieren können müsse. Tödlichen Ernst mit einem Augenzwinkern. Aber bekommt man dann nicht ein Problem mit den eigenen Prinzipien? Lachen im Bündnis mit einem Mörder?

»Deine eigenen Prinzipien? Die lässt du zu Hause.« Kees sagt es mit einer Unbekümmertheit, die Zweifel aufkommen lässt, ob er überhaupt Prinzipien hat.

»Täusch dich nicht«, sagt er. »Bis auf den Psychopathen hat jeder so seine Grenzen. Ich selbst habe vor Jahren mein Konto bei der ABN AMRO Bank gekündigt, weil sie Ajax Amsterdam gesponsert haben.«

An der Fazantlaan stehen Container mit Holzklötzen in der Größe von Klinkersteinen. Demonstrantendarsteller dürfen damit Angehörige der Mobilen Einheit bewerfen. Kees erzählt, einmal habe er seine Fußballkumpel mitgenommen, um sich werfend und schreiend an den Ordnungskräften auszutoben. Auf dem Metallbehälter steht: Wurfklötze nach Gebrauch zurücklegen.

Während ich das abschreibe, kreist mir der Gedanke durch den Kopf: Der Terrorist hat ein Ziel. Selbstverständlich: Er eifert für eine Sache, die größer ist als er selbst. Ein Ideal. Und wir? Was setzen wir dem entgegen?

2.

Die erste Zugentführung in der Geschichte war eine misslungene Flugzeugentführung. Die Vision der sieben molukkischen Kämpfer aus dem Kanaldorf Bovensmilde im Norden der Niederlande: ein lahmgelegter Flughafen Schiphol, weit hinten auf der Startbahn eine Boeing 737, ready for take-off. An Bord: nur sie, ihre Waffen und die Besatzung. Gendarmerie und Marineinfanteristen in machtloser Entfernung. Während sie jubelnd vom Boden abheben, werden sie von in- und ausländischen Kamerateams so lange gefilmt, bis sich das Flugzeugheck im Nichts aufgelöst hat.

Wo würde die Maschine wieder zum Vorschein kommen?

Über Ost-Timor, aber das wussten nur sie.

Die Rebellen der linksgerichteten FRETILIN-Partei Ost-Timors würden ihre RMS-Brüder mit offenen Armen empfangen. Wer weiß, vielleicht würden die sieben mit Blumenkränzen behängt werden. Drüben in Dili, um die halbe Erdkugel nach Osten, wollten die Entführer aus dem niederländischen Bovensmilde die indonesische Besatzungsmacht verjagen helfen, um sich anschließend als Sieger nach Ambon, Saparua, Seram und Buru zu begeben, dem Archipel ihrer Eltern: den Molukken.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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