Verlag: neobooks Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung REMEMBER HIS STORY - Celine Ziegler

In Honors Grundschulzeit gab es einen Jungen, an den sie sich ewig erinnern würde. Er war anders, als die anderen Jungs. Seine Haut war täglich bedeckt mit blauen Flecken und er hatte diese kleine Narbe unter seinem Auge. Er war ein Außenseiter, keiner konnte ihn leiden. Nur Honor. Sie wollte mit ihm spielen, während die anderen Kinder aus der Klasse Angst vor ihm hatten, weil ihn die Lehrer als ein grauenvolles Kind bezeichneten. Sie war ein glückliches Kind, mit einer glücklichen Familie, sie wollte, dass der traurige Junge auch glücklich werden würde. Doch er mochte Honor nicht, er mochte niemanden. Und dann, in der dritten Klasse, verschwand er. Der kleine Junge mit den Locken und den grünen Augen verschwand und kam nie wieder zurück. Doch was, wenn Honor diesen kleinen Jungen Jahre später wieder sieht? Wird sie all diese Rätsel lösen? Wird sie die kranke, gläubige Mutter von Nathan überleben und endlich herausfinden, welches Band zwischen ihr und ihm wirklich steht? Für jemanden zu kämpfen, den man liebt, kann schwer sein, doch für jemanden zu kämpfen, mit dem du jeden Tod sterben würdest, ist schwieriger.

Meinungen über das E-Book REMEMBER HIS STORY - Celine Ziegler

E-Book-Leseprobe REMEMBER HIS STORY - Celine Ziegler

Celine Ziegler

REMEMBER HIS STORY

Wenn die Dunkelheit am hellsten scheint

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1

Vor meiner Klassenzimmertür, die mit vielen bunten selbst gebastelten Schmetterlingen verziert ist, lässt meine Mama meine Hand los und kniet sich vor mich. Heute trägt sie wieder einen strengen Dutt, das bedeutet, sie geht gleich arbeiten und Papa wird mich nach der Schule abholen. Ich mag es lieber, wenn Mama ihre blonden Haare offen trägt, denn dann sieht sie so viel unbeschwerter aus.

„So, also Papa wird dich dann pünktlich um halb zwölf vor dem Eingang abholen, ja?“, spricht sie lächelnd zu mir und streicht mir über das grüne Kleid, das sie mir gestern zum Geburtstag geschenkt hat. „Bitte mach dein neues Kleid nicht gleich wieder schmutzig, lass dir nicht ständig alles von den Jungs gefallen. Versprich mir, dass du zu Misses Hatheway gehst, wenn die Jungs dich wieder mit Schlamm bewerfen, okay?“

Ich nicke brav und lächle.

„Gut. Gib mir ein Kuss.“ Mama streckt die Lippen aus und ich gebe ihr einen Kuss auf den Mund, worauf sie mir ein letztes Mal durch die langen blonden Haare streicht und dann mit einem Winken aus der Tür verschwindet.

Ich atme tief ein und aus, bevor ich zum Türgriff greife, weil ich hoffe, dass die Jungs sich nicht über mein neues Kleid lustig machen. Es gefällt mir so sehr, sie würden mir mein Gefallen daran verderben. Gerade als ich zum Türgriff greifen möchte, werde ich unsanft zur Seite geschubst.

„Pass doch auf, du Heuschrecke“, mault Jimmy und stampft mit Tim und Charly an mir vorbei. Jimmy öffnet ruckartig die Tür und sie knallt mir unsanft gegen die Stirn, hinterlässt einen pochenden Schmerz. Doch das interessiert die Jungs nicht. Sie gehen in den Klassenraum und lassen mich hier im Flur stehen, schmeißen die Tür laut hinter sich zu.

Das ist gemein. Ich hatte Geburtstag, können sie nicht wenigstens heute nett zu mir sein? Ich habe ihnen nie etwas getan. Weil der Schmerz in meiner Stirn so wehtut, bleibe ich auf der Stelle stehen und beginne zu schluchzen. Eine erste Träne kullert auf mein neues Kleid und ich will wieder nach Hause zu Papa, mit ihm weiter an seiner Eisenbahn basteln und Musik aus seinem Plattenspieler hören. Ich weiß jetzt schon, dass Jimmy, Tim und Charly mich den ganzen Tag ärgern werden.

Während ich so vor mich hin schluchze und schniefe, holt mich der Knall der Eingangstür aus meiner Sehnsucht nach Hause. Ich schrecke auf und sehe mit verweinten Augen hinter mich.

Nathan, ein Junge aus meiner Klasse, kommt die Treppe hochgeschlurft und starrt währenddessen auf seine Füße. Er geht mit gesenktem Kopf geradeaus zur Tür unseres Klassenzimmers und ich gehe sofort einen Schritt zur Seite, weil er mich anscheinend noch nicht gesehen hat. Er greift zum Türgriff und durch ein Schniefen von mir, sieht er zu mir. Mir fällt sofort auf, dass der blaue Rand um sein linkes Auge fast verheilt ist und der kleine Riss an seiner Oberlippe auch.

Ich sehe weg, als er mich von oben bis unten betrachtet. Er wirkt immer so müde. Ich wische mir beschämt die Tränen von den Wangen. „Hallo Nathan“, grüße ich ihn mit noch weinerlicher Stimme.

Er blinzelt resigniert, dann öffnet er ohne weitere Worte die Tür und lässt mich genauso wie Jimmy und die anderen gemeinen Jungs im Flur stehen.

Ich atme erneut tief ein und aus, wünsche mir immer mehr, wieder nach Hause zu Papa zu können. Kurz überlege ich, einfach so zu tun, als würde ich mich nicht gut fühlen und dann könnte ich vielleicht Papa anrufen, damit er mich abholt und wir gemeinsam den Tag verbringen können.

Doch noch bevor ich meinen Plan richtig ausbauen kann, öffnet sich die Tür zum Klassenraum erneut und Misses Hatheway lugt hinaus. Sie ist noch sehr jung. „Honor“, sagt sie verwirrt, als sie mich erblickt. Sie kommt zu mir in den Flur und kniet sich vor mich, wie Mama es vorhin getan hat. „Wieso weinst du denn? Möchtest du nicht in den Klassenraum kommen?“

„J-Jimmy“, beginne ich wieder zu schluchzen und sie versteht sofort. Jimmy ärgert mich oft und Misses Hatheway gibt ihm auch immer wieder Strafarbeiten, wenn er mich beleidigt oder verletzt, aber er tut es immer wieder.

„Hach, Süße“, seufzt Misses Hatheway und wischt mir mütterlich die kleinen Tränen von den Wangen, die wieder wie Bäche zu fließen begonnen haben. „Du hattest doch gestern Geburtstag. Zeig doch der Klasse dein neues schönes Kleid, die werden Augen machen, wenn sie dich so sehen. Das verspreche ich dir.“

„Jimmy hat mich Heuschrecke genannt“, weine ich und spiele mit meinen, von meiner Mutter perfekt gefeilten Fingernägeln.

„Jimmy macht das nur, weil er dich so hübsch findet, glaube mir. Jungs sind sehr komplizierte Wesen.“ Sie steht schmunzelnd auf und streicht mir über den blonden Schopf. „Komm mit rein. Wir warten schon alle auf dich.“

Schließlich nicke ich trotzig und wische mir schniefend die letzten Tränen von den Wangen. Ich folge Misses Hatheway durch den Türrahmen und hoffe, dass ich nicht ausgelacht werde, weil ich geweint habe. Ich weine sehr schnell, das mag ich nicht, aber ich kann es nicht ändern. Ich bin sehr sensibel, sagt Mama immer, nah am Wasser gebaut. Umso schlimmer ist es, dass ich durch Jimmy immer weniger gern in die Schule gehe, weil er mich ständig beleidigt oder mir wehtut. Doch schlimmer als manche Löcher in meinen Lieblingshosen oder Risse in meinen Kleidern, die er verursacht hat, sind Jimmys Worte. Er macht mir all die Dinge, die ich am liebsten habe, zunichte. Wie mein Kleid. Ich bin keine Heuschrecke, ich trage doch nur das grüne Kleid, das ich zu meinem Geburtstag bekommen habe.

Misses Hatheway ruft durch den Klassenraum, dass alle Schüler sich setzen sollen, und ich laufe mit gesenktem Kopf zu meinem Platz, vorbei an Jimmys und Charlys Tisch, die mich beide missbilligend betrachten. Ich frage mich, wieso sie mich nicht mögen. Schon seit dem Kindergarten mögen sie mich nicht. Ohne Grund.

Ich setze mich auf meinen Sitzplatz neben meiner Freundin Maria. Ihre und meine Familie gehen jeden Sonntag gemeinsam in die Kirche und dadurch habe ich mich mit ihr angefreundet. Sie ist meine beste Freundin, schon seit der ersten Klasse. Maria lächelt mir schweigend zu, während Misses Hatheway vorne den Unterricht beginnt. Maria hat wieder ihre braunen Haare zu einem französischen Zopf geflochten, wie sie es immer hat. Jeden Morgen nimmt ihre Mutter sich die Zeit und macht ihr die schönsten Frisuren, ich beneide sie darum, denn Mama hat morgens nicht viel Zeit und Papa kann nicht flechten.

„Ich möchte jetzt, dass ihr Vierergruppen bildet und dann gemeinsam überlegt, welche Spiele wir am Tag der offenen Tür spielen könnten, okay? Die Kindergartenkinder sollen immerhin unterhalten werden“, verkündet Misses Hatheway und setzt sich an ihr Pult. „Notiert eure Ideen und dann schreiben wir sie gemeinsam an die Tafel. Und los!“

Und schon ist der Trubel groß. Maria und ich sehen uns schon grinsend an, da wir immer in einer Gruppe sind, von daher brauchen wir nur noch zwei weitere Mitglieder.

„Wie wäre es mit Patricia?“, fragt Maria mich und sieht nach ihr. Doch im selben Moment sehen wir, dass sie bereits in einer Gruppe mit den anderen Mädchen ist.

Wir seufzen beide. Wir sind nur sechs Mädchen in der Klasse und das bedeutet, dass Maria und ich mit zwei Jungs eine Gruppe bilden müssen.

„Ich frage Julien“, sagt Maria und will gerade aufstehen, als wir wieder feststellen müssen, dass auch Julien gerade eine Gruppe mit ein paar Jungs gebildet hat.

Ich sehe mich um, wer noch allein sitzt, und mein Blick fällt auf Nathan, der mit trüben Augen auf die Schere in seiner Hand starrt, womit er gedankenverloren rumspielt. „Wie wäre es mit Nathan?“, frage ich Maria, halte meinen Blick aber auf ihm. Er ist immer allein und bei Gruppenarbeiten merkt man erst, wie unerwünscht er tatsächlich in unsrer Klasse ist, deswegen nutze ich die Chance, um ihm zu zeigen, dass nicht jeder etwas gegen ihn hat.

„Nathan? Der ist komisch, mit dem will ich nicht in einer Gruppe sein. Wer weiß, ob er uns auch verprügelt, wenn wir seine Spielideen nicht annehmen.“ Maria sieht ängstlich zu ihm rüber.

Sie redet über den Vorfall letzte Woche. Nathan hat sich mit einem Jungen aus der vierten Klasse geprügelt, den genauen Grund wissen wir leider nicht, aber es wird erzählt, dass Nathan ihn ohne Anlass geärgert hat und dann ist die Sache ausgeartet. Er gerät oft in Prügeleien mit Mitschülern und jedes Mal heißt es, dass er der Auslöser sei. Manchmal weiß ich nicht, ob das die Wahrheit ist, denn Nathan ist ein stiller Junge, wenn man nicht mit ihm redet, er schweigt den ganzen Tag. Und wie er immer wieder in Streitigkeiten mit anderen Jungs gelangt, wundert mich schon seit der ersten Klasse.

„Maria, Honor, habt ihr noch keine Partner?“, ruft Misses Hatheway zu uns.

Wir schütteln beide den Kopf.

Sie sieht sich im Raum um, dann sagt sie: „Ah, Nathan und Jimmy sind noch allein. Setzt euch bitte zusammen.“

Sofort will ich nicht mehr in Gruppen zusammenarbeiten. Jimmy in meiner Gruppe? Er wird doch ständig wieder abwertende Kommentare über mein Kleid sagen und mich Heuschrecke nennen, mir an den Haaren ziehen oder aus Versehen mein Kleid bemalen.

Jimmy kommt schon mit einem gemeinen Lächeln an unseren Tisch, während Nathan sitzen bleibt und anscheinend gar nicht mitbekommen hat, dass wir eine Gruppe bilden sollen. „Na, Heuschrecke“, feixt Jimmy und setzt sich mit einem Stuhl an Marias und meinen Tisch uns gegenüber.

„Sie ist keine Heuschrecke“, verteidigt Maria mich mutig, während ich nur eingeschüchtert den Kopf hängen lasse und bete, dass der Tag so schnell wie möglich rumgeht.

„Sie sieht aber aus wie eine.“ Jimmy greift über den Tisch zu der Schleife meines Kleides vor meiner Brust und zieht daran.

„Hey, lass das“, jammere ich und will seine Hand wegstoßen, damit er die schöne Schleife nicht abreißt. „Das habe ich zum Geburtstag bekommen!“

Und genau in dem Moment, als ich schon das erste Reißen gehört habe, fällt ein Mäppchen auf unseren Tisch und Nathan lässt sich gleichgültig auf einen Stuhl neben Jimmy sinken. Jimmy erschrickt und lässt sofort meine Schleife los. Zum Glück. Er rutscht weiter weg von Nathan und ein ängstlicher Ausdruck schleicht sich auf sein Gesicht, während Nathan nur auf die Tischplatte starrt und die Arme verschränkt. Jimmy hat Angst vor ihm. Wie jeder andere. Alle wissen, dass Nathan sich oft prügelt und gewalttätig ist, deshalb will niemand mit ihm reden, weil sie nicht die Nächsten sein wollen, die von ihm gehauen werden. Und durch Nathans ständige blaue Flecken an den Armen, Hals und im Gesicht, der kleinen Narbe unter seinem rechten Auge, wirkt er noch gefährlicher.

„Okay, fangen wir an“, beendet Maria die Stille und holt einen Schreibblock aus ihrem Schulranzen. „Wer möchte schreiben?“

Alle schweigen. Ich, weil ich Angst vor Jimmy habe, Jimmy, weil er Angst vor Nathan hat und Nathan, weil er noch immer desinteressiert auf den Tisch starrt.

„Dann schreibe ich.“ Maria holt ihren Füller heraus. „Habt ihr Ideen?“

„Wie wäre es mit Reise nach Jerusalem?“, frage ich lächelnd, weil ich dieses Spiel liebe.

„Das kann man nur in kleinen Gruppen spielen, dumme Heuschrecke“, wirft Jimmy ein.

Sofort schweige ich wieder und sehe verängstigt auf meine Finger. Er kann es einfach nicht lassen.

„Das stimmt doch gar nicht.“ Maria schreibt meine Idee auf den Zettel. „Das Spiel kannst du mit so vielen spielen, wie du willst, du dummer Rotkopf.“ Sie spielt auf Jimmys orangerotes Haar an.

Von seinem Aussehen könnte man nie denken, dass er so gemein sein kann. Sein Gesicht ist voller Sommersprossen, seine Haut blass, er sieht eigentlich lieb aus. Bis er den Mund öffnet. Dann ist er einfach nur fies.

„Halt die Klappe, du langweilige Kirchentussi“, motzt Jimmy zurück und zieht Maria den Füller aus der Hand, worauf sie einen dicken Strich über ihr Blatt malt.

„Hey, lass das!“ Ich versuche, nach dem Füller zu greifen, doch er hält ihn hinter sich.

„Was, wenn nicht?“ Er sieht mich gespielt schmollend an. „Heulst du dann wieder und lässt dich von Misses Hatheway wie ein kleines Baby behandeln, Heuschrecke?“

Sofort beginnt meine Unterlippe zu zittern. „Ich bin keine Heuschrecke“, gebe ich mit weinerlicher Stimme zurück, versuche, nicht zu weinen.

„Doch bist du. Und du bist genauso hässlich wie dieses hässliche Kleid, du Heulsuse.“

„Ich bin nicht hässlich“, schniefe ich leise. Papa sagt immer, ich sei hübsch, egal, was Jimmy sagt.

Als Maria erneut nach dem Füller greifen will, nimmt Jimmy die Feder und drückt sie fest auf den Tisch, sodass sie sich völlig verbiegt.

„Bist du blöd?“, schreit Maria und zieht ihm jetzt den Füller aus der Hand. „Du hast ihn kaputt gemacht!“

„Was ist denn hier schon wieder los?“ Misses Hatheway steht mit verschränkten Armen an unserem Tisch. Ich sehe sie flehend an und bitte sie mit meinen verweinten Augen darum, mich einfach nach Hause gehen zu lassen. „Solltet ihr nicht arbeiten? Stattdessen streitet ihr euch wieder! Jimmy, wie oft habe ich dir gesagt, du sollst die Mädchen in Ruhe lassen!“

„Jimmy hat meinen Füller kaputt gemacht“, sagt Maria und hält zornig ihren Stift in die Luft.

Misses Hatheway nimmt ihn und sieht ihn sich an. Dann sieht sie erbost zu Jimmy. „Wieso hast du das getan? Du kannst doch nicht einfach die Schulutensilien deiner Mitschülerinnen zerstören!“

Jimmy hat sofort wieder diesen typisch unschuldigen Blick auf dem Gesicht, mit dem man meinen könnte, er wäre der Engel höchstpersönlich. „Ich war das nicht, Misses Hatheway“, sagt er mit Glitzern in den Augen.

„Ach ja? Wer soll es denn sonst gewesen sein?“

Jimmy öffnet den Mund und scheint zu überlegen. Ich sehe ihn ungläubig an. Er hat den Füller kaputt gemacht! „Nathan war es!“, sagt er schließlich empört und zeigt auf Nathan, der immer noch schweigend und resigniert neben ihm sitzt, auf den Tisch starrt. Er regt sich kein Stück. Als hätte er gewusst, dass Jimmy ihm die Schuld geben würde.

„Was?“, ruft Misses Hatheway aus. „Nathan schon wieder!“ Sie geht um den Tisch herum und haut den kaputten Füller vor Nathan darauf, worauf er mit müden Augen zu ihr aufblickt. „Ich hätte es mir ja schon fast denken können! Du kommst mit zum Rektor, ständig zerstörst du die Sachen der anderen!“

„Aber Nathan war es nicht“, lasse ich sie kleinlaut wissen, worauf Jimmy mich mit zusammengekniffenen Augen ansieht. „Es war Jimmy.“

„Schon gut, Honor“, wütet sie und zieht Nathan am Arm von seinem Stuhl. Sein Blick ist noch immer so gleichgültig, als wäre er ein Schlafwandler. „Nathan kann es einfach nicht lassen.“ Sie sieht ihn böse an. „Das ist das letzte Mal, dass du so frech bist! Der Rektor wird deine Eltern anrufen!“

Ich beobachte perplex, wie sie ihn aus dem Klassenraum hinter sich herzieht und er es sich gefallen lässt. Er bekommt oft von Schülern in unserer Klasse Sachen in die Schuhe geschoben, die er nie getan hat, und trotzdem wehrt er sich nie. Ihm scheint das wirklich alles egal zu sein. Ob er jetzt von der Schule geworfen wird? Die Lehrer haben ihm oft mit einem Schulverweis gedroht, bisher ist aber noch nichts passiert.

Ich frage mich, wie seine Eltern jedes Mal reagieren, wenn der Rektor ständig bei ihm zu Hause anruft. Sie müssen ihn ja sehr oft schimpfen. Aber ich habe sie sowieso noch nie gesehen, er kommt immer allein zur Schule, ich habe ihn nur einmal aus einem schwarzen Auto aussteigen sehen. Wenn ich mir vorstelle, meine Eltern würden angerufen werden, weil ich etwas angestellt habe, bekomme ich unglaubliche Angst. Sie wären sehr enttäuscht von mir und würden mir wahrscheinlich meine Spielsachen wegnehmen. Aber ich würde auch niemals den Füller eines Mitschülers kaputt machen, denn mir wurde immer beigebracht, dass Gewalt keine Lösung ist.

„Du bist gemein“, traue ich mich zu Jimmy zu sagen, der selbstgefällig zusieht, wie Misses Hatheway Nathan aus der Tür zieht.

Er sieht mich grimmig an. „Was hast du gesagt, Heuschrecke?“

Ich knicke ein wenig ein, doch ich wiederhole: „Du bist gemein. Nathan hat nichts getan.“

Er kneift seine Augen wieder zusammen und dann reißt er auch schon, noch bevor ich reagieren kann, die grüne Schleife von meinem Kleid.

„Hey, bist du bescheuert?“ Maria reißt ihm die Schleife aus der Hand.

Ich beginne sofort wieder zu weinen. Jetzt hat er es tatsächlich kaputt gemacht. Viele lose Fäden hängen vor meinem Oberteil und ein kleines Loch ist entstanden, wodurch man mein weißes Unterhemd sehen kann.

„Oh, jetzt heult sie wieder“, macht Jimmy. „Du bist so eine Heulsuse, wie halten das ihre Eltern nur mit ihr aus?“

Ich halte mir die Hände vors Gesicht und verstecke mich weinend dahinter, weil es mir unangenehm ist, immer sofort zu weinen. Ich bin eine Heulsuse. So wie Jimmy es gesagt hat. Maria streicht mir tröstend über den Rücken und Jimmy geht von unserem Tisch weg zu Charly und Tim.

Nathan war bis zur großen Pause nicht mehr im Unterricht. Ich nehme an, dass seine Eltern ihn von der Schule abholen mussten. Er tut mir leid. Ständig bekommt er Ärger für Dinge, die er nicht getan hat. Aber wieso wehrt er sich nie dagegen? Ich verstehe ihn nicht. Er würde noch lange nicht so viele Strafen bekommen, wenn er sich mal behauptet und versucht, die Wahrheit zu sagen. Obwohl. Wahrscheinlich würden ihm die Lehrer nicht glauben. Kein Lehrer kann ihn ausstehen, weil er immer so viele Schüler verletzt, angeblich soll er eine Lehrerin getreten haben.

Immer noch leise schniefend sitze ich mit Maria auf einer Bank am Schulhof, während die anderen Kinder um uns herum Fangen spielen oder am Klettergerüst hangeln.

„Mach dir nichts draus“, tröstet Maria mich. „Meine Mama kann dein Kleid wieder nähen, das hat sie doch sonst auch immer gemacht.“

„Aber es sieht dann nicht mehr so aus wie vorher“, jammere ich und sehe auf das Loch in meiner Brust, wo die Fäden raushängen.

„Ich sage ihr, dass sie sich viel Mühe geben soll. Jimmy ist ein doofer Blödmann, ich finde dein Kleid schön.“

„Danke … Übrigens ist mein Geburtstag heute um zwei. Mama meinte, sie könne dich abholen, weil deine Mama heute länger arbeiten muss.“

Maria nickt lächelnd. „Okay. Ich habe ein supercooles Geschenk für dich!“

Jetzt lächle ich auch. Doch dann wird Maria von einem Mädchen auf dem Schulhof gerufen und sie lässt mich kurz allein. Seufzend sehe ich auf die grüne Schleife in meiner Hand. Ich hatte mich so gefreut, das Kleid heute anzuziehen, und Mama hat heute Morgen auch noch gesagt, ich solle es nicht kaputt machen, und jetzt ist es doch kaputt. Es war neben meinem hellblauen Kleid mein liebstes.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich jemand auf die Bank neben meiner setzt. Ich blicke auf und wische mir ein paar Tränen von den Wangen, weil ich immer noch nicht ganz aufhören kann zu weinen. Es ist Nathan. Anscheinend mussten seine Eltern ihn doch nicht abholen. Er hat seine Hände in den Jackentaschen seiner schwarzen Jacke vergraben und lehnt sich wieder mit diesem gleichgültigen Blick zurück, sieht auf den Schulhof. Ich mag seine Haare. Sie sind so wuschelig und lockig, hängen ihm fast völlig über die grünen Augen.

Ich schniefe noch mal und rufe mit heiserer Stimme zu ihm rüber: „Hat der Rektor deine Eltern angerufen?“ Weil er nicht reagiert, rufe ich erneut und spiele nervös mit der Schleife in meiner Hand. „Nathan?“

Er sieht jetzt zu mir rüber, allerdings ändert sich sein Ausdruck nicht. Anscheinend möchte er mir nicht antworten oder hat mich einfach nicht verstanden, weil der Krach auf dem Schulhof so laut ist.

Ich rutsche ein wenig auf der Bank näher zu seiner. „Ich habe Jimmy gesagt, dass es gemein war, dass er dir die Schuld gegeben hat.“

Nathan ignoriert mich und sieht wieder nach vorne zum Hof.

Ich verziehe etwas verletzt den Mund. Mittlerweile sollte ich schon daran gewöhnt sein, dass er mich ignoriert, doch trotzdem lässt es mich schlecht fühlen. Ich versuche oft, mit ihm zu reden, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlt, denn selbst hier in den Pausen kommt ihm niemand näher als vier Schritte, weil ihn alle fürchten. „Was hat der Rektor zu dir gesagt?“, frage ich wieder. „Hast du viel Ärger bekommen?“

Wieder antwortet er nicht, sondern sieht sogar in die entgegengesetzte Richtung, sodass ich nicht mal mehr sein Gesicht sehen kann.

Traurig spüre ich, wie sich erneut Tränen in meinen Augen ansammeln. Ich habe gerade mal die Hälfte des Schultages hinter mir und fast die ganze Zeit damit verbracht zu weinen. Nur wegen Jimmy. Er tut mir immer wieder weh, das macht mich noch sensibler.

Unmädchenhaft ziehe ich die Nase hoch und ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Nathan zu mir sieht. Er greift in seine Hosentasche und schmeißt mir etwas vor die Füße.

Verwundert betrachte ich das kleine Plastikpäckchen vor mir und stelle schnell fest, dass es Taschentücher sind. Verwirrt sehe ich zu ihm.

„Wisch dir damit die Tränen weg“, sagt er und sieht wieder resigniert nach vorne.

Eins seiner Taschentücher. Zwar hat er schon ab und zu mit mir geredet, doch es waren nie nette Sachen. Sonst sagt er immer nur, dass ich ihn nerve und doch verschwinden solle. Doch heute? Er schenkt mir seine Taschentücher. Ich bücke mich dankbar nach den Päckchen und ziehe ein weißes Tuch hervor. „Danke“, weine ich leise und wische mir damit vorsichtig die Nässe von den Wangen. Ich beuge mich zu seiner Bank rüber und lege die Packung ganz an den Rand, weil ich weiß, dass er es nicht mag, wenn ich ihm zu nahe komme. „Das ist lieb von dir.“

Er lässt die Packung da liegen und sieht weiter geradeaus. „Ich wollte nicht lieb sein, es sieht einfach nur bescheuert aus, wenn du ständig heulst.“

Ich schürze die Lippen und sehe auf meine Finger. „Oh“, mache ich traurig und kneife mir unbewusst in meinen Handballen. „Ich kann nichts dafür …“

„Wofür?“

„Dass ich ständig weinen muss.“

„Doch, kannst du. Tu es einfach nicht. Es nervt.“

„Tut mir leid“, sage ich leise und stehe wieder kurz davor zu weinen, doch ich halte die Luft an, weil ich Nathan nicht weiter nerven möchte. Mit gebrochener Stimme füge ich noch hinzu: „Ich wollte dich nicht nerven.“ Und rutsche auf der Bank weiter von ihm weg.

Er beugt sich zu der Packung Taschentücher und wirft sie mir wieder zu, sodass sie direkt in meinen Schoß fällt, dann steht er auf. Als ich ihn fragend ansehe, meint er monoton: „Behalte sie. Du heulst ja schon wieder, das hält keiner aus.“

Meine Unterlippe beginnt wieder zu zittern und ich kann ihm nicht mal ins Gesicht sehen. „Sei nicht so gemein“, flüstere ich.

„Wieso?“

Was eine seltsame Frage. Weil es mich verletzt. „Weil ich immer nett zu dir bin“, erkläre ich.

„Ich will aber nicht, dass du nett zu mir bist“, murrt er böse. „Ich habe dir schon oft gesagt, dass du mich einfach nervst und ich dich nicht mag.“

Eine Träne fließt wieder meine Wange herunter, tropft auf mein Kleid.

„Du nervst und ich mag dich nicht“, wiederholt er. „Bekomm das endlich in deinen blöden Schädel.“

Ich sehe verweint auf und erkenne, dass in seinem Blick noch immer keine direkte Emotion zu erkennen ist. Er sieht noch genauso gleichgültig aus wie vorhin, als Misses Hatheway ihn aus dem Unterricht gezogen hat. Wie kann er nur solche verletzenden Worte sagen, ohne auch nur etwas dabei zu fühlen? Er sieht nicht mal wütend aus.

„Ich wollte doch nur mit dir befreundet sein“, weine ich niedergeschlagen.

„Ich will aber nicht mit dir befreundet sein. Vor allem nicht, wenn du ständig heulst.“

Er will noch etwas dazu sagen, doch eine erwachsene Stimme ertönt über den Schulhof. „Nathan!“ Mister McErming stampft aufgebracht zu ihm und zieht Nathan am Ohr, sodass er sein Gesicht verzieht. „Du hast heute schon genug angestellt, glaubst du nicht, dass du langsam genug Mädchen verletzt hast?“

Ich würde Mister McErming gerne widersprechen, doch ich kann es nicht. Einerseits, weil der Kloß in meinem Hals zu groß ist, und andererseits, weil Nathan mich wirklich verletzt hat. Zwar nicht mehr als sonst, aber gemeinsam mit der kaputten Schleife in meiner Hand tut es noch mehr weh.

„Wir werden jetzt sofort deine Eltern anrufen, diesmal sage ich dem Rektor, er soll keine Ausnahme machen“, wütet der Lehrer und zieht fester an Nathans Ohr, sodass er schon auf die Zehenspitzen muss. Mister McErming sieht zu mir. „Ist alles in Ordnung, Honor? Wo ist Maria?“

„Ich bin hier“, sagt Maria, die gerade zu mir auf die Bank kommt und sofort wieder tröstend eine Hand auf meinen Rücken legt.

„Okay, gut.“ Noch einmal zieht er an Nathans Ohr. „Und jetzt kümmern wir uns um dich, Freundchen.“ Er zieht Nathan mit sich über den Schulhof, der ihm mit schnellen Schritten fast joggend und mit schmerzverzogenem Gesicht folgt.

Ich sehe ihnen hinterher, ignoriere Maria, die mich fragt, was passiert sei. Nathan dreht sich etwas in meine Richtung und sieht zu mir. Jetzt erkenne ich etwas in seinem Gesicht. Verachtung. Mir dreht sich der Magen um. Wieso zeigt er jetzt eine Emotion, aber vorher nie?

Mister McErming und Nathan verschwinden hinter der Tür des Sekretariats.

Ab diesem Tag kommt er nie wieder in die Schule.

Kapitel 2

„Stop, stop, stop, stop, stop!“, ruft meine Violinlehrerin aus und hält sich entsetzt die Ohren zu.

Sofort nehme ich den Bogen von den Saiten und lasse die dunkelbraune Violine seufzend sinken.

„Das war grauenvoll, Honor.“ Misses Baskin schüttelt, sich die Brille von der Nase nehmend, mit dem Kopf. „Johann Sebastian Bach hat sich diese Violinsonate bestimmt nicht ausgedacht, damit du es mit deinen ständig davonschweifenden Gedanken falsch spielen kannst.“

„Tut mir leid“, sage ich kleinlaut. „Ich bin sehr unkonzentriert heute.“

Sie seufzt und streicht sich eine graue Strähne hinter ihr Ohr. „Das mag sein, aber bald hast du das Vorspiel und du kannst es dir nicht erlauben, dich dort zu verspielen. Also noch mal, a-Moll.“

Tief durchatmend halte ich mir wieder die Violine ans Kinn und sehe auf den Notenzettel vor mir. Ich setze den Bogen an und spiele die ersten beiden Töne.

„Okay, stop!“, unterbricht Misses Baskin wieder das Stück. Ich lasse die Violine hängen und sie sieht mich streng an. „Honor-Marie. Das ist jetzt heute dein siebter Versuch und nicht mal die ersten zwei Töne triffst du. Was geht denn in deinem Köpfchen vor?“

Ich lasse mich erschöpft auf einen Hocker fallen und lege die Violine auf den Flügel neben uns. „Ich habe so Angst vor dem Vorspielen. Ich bekomme das Stück doch nie in den zwei Monaten hin … Es ist viel zu schwer für mich.“

„Das Stück ist vielleicht nicht das einfachste, ja, aber du willst die Jury doch von dir überzeugen, nicht wahr? Du musst dich konzentrieren. Und hör auf zu behaupten, dass du das nicht packen würdest, rede dir das gar nicht erst ein, das machen nur Verlierer. Du bist kein Verlierer.“

„Dann würde ich es ja hinbekommen. Stattdessen verspiele ich mich immer und immer wieder.“

„Vielleicht sollten wir die Violine erst mal beiseitelegen.“ Misses Baskin steht auf und stellt sich an den Flügel. „Lass uns mit dem Flügel weitermachen. Eventuell brauchst du einfach mal Abwechslung. Komm, hopp, hopp.“

Ich stehe auf und verstaue meine Violine in meinem Violinenkoffer, auf der Musafia eingestickt ist. Meine Mutter legt viel Wert auf gute Qualität meiner Musikausrüstung, deswegen kauft sie keine Utensilien unter zweitausend Pfund, weswegen wir Stammkunden bei Musafia sind. Umso sorgsamer muss ich mit dem Koffer umgehen, deswegen schließe ich ihn vorsichtig. Ich setze mich an den Flügel und lege meine Notenblätter zurecht, um das vorgegebene Stück zu spielen.

„Okay, jetzt volle Konzentration“, befiehlt Misses Baskin und setzt sich wieder die Brille auf die Nase, damit sie die Noten auf den Zetteln lesen kann. „Setz dich bitte gerade hin. Ein gerader Rücken ist sehr wichtig.“

Sofort ändere ich meine Haltung und lege die Finger auf die Tasten. Ich weiß, dass ich es nicht hinbekommen werde. Heute ist ein Tag, an dem es mir schwerer als sonst fällt, mich zu konzentrieren, dadurch, dass es in letzter Zeit oft gewittert und ich deswegen nicht schlafen kann.

Ich beginne, die Noten zu spielen, und bewege meinen Kopf zu der Melodie, lasse meine Finger über die weißen und schwarzen Tasten gleiten. Es wundert mich, dass Misses Baskin mich noch nicht unterbrochen hat, denn ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade schon zum dritten Mal verspielt habe.

Im Moment passieren einfach zu viele Dinge um mich herum, die mich belasten, weswegen ich oftmals erschöpft bin. Bald mache ich meinen Abschluss an der Privatschule hier in Cardiff und dadurch kommen die Prüfungen immer näher. Ich schreibe gute Noten und hatte nie sonderlich viele Probleme in der Schule, doch es ist viel, was auf mich zukommt. Und da ich gerne an der Musikhochschule in Birmingham studieren würde, muss ich die Violine und den Flügel perfekt beherrschen können, weil ich in zwei Monaten dort das Vorspielen habe, das über meine Zukunft entscheiden wird. Entweder ich schaffe es oder ich schaffe es nicht. Das macht mir Angst und raubt mir so manchen Nerv, den ich eigentlich mehr als gebrauchen könnte.

Ich beende das Stück und sehe Misses Baskin erwartungsvoll an.

Sie schüttelt nur langsam mit dem Kopf und verzieht ihren faltigen Mund. „Eine Katastrophe.“

Sofort fallen meine Schultern wieder. Das ist wirklich eine Katastrophe.

Ich ziehe mir meine schwarzen Lederhandschuhe über, damit ich weniger friere, und laufe dann mit meinem Violinenkoffer und meiner Schultasche aus der U-Bahn in die Stadt. Ich bin sehr froh, wenn ich endlich zu Hause bin. Es kommt oft vor, dass ich nicht vor sieben Uhr nach Hause komme, da mein Schulunterricht bis vier Uhr geht und ich vier Mal die Woche nach der Schule Violin- und Klavierunterricht habe. Ich bin froh, wenn in einer Woche endlich Weihnachtsferien sind und ich wieder meine Freizeit genießen kann. Wenigstens morgens ausschlafen und lange wach bleiben. Meine Zeit mit meinen Freunden verbringen und einfach wieder Spaß haben. Die letzten Wochen bestehen nur noch aus lernen, lernen und proben.

Ich betrete die Apotheke, um Beruhigungstabletten für meinen Vater zu kaufen. Er mag Gewitter auch nicht, deswegen braucht er nachts etwas, womit er ruhig schlafen kann. Ich lächle einer Verkäuferin freundlich zu und gehe dann zwischen die vielen Regale. Da ich schon genau weiß, wo die Tabletten stehen, greife ich danach und nehme gleich zwei Packungen, damit ich übermorgen nicht wieder nach der Schule hierherlaufen muss. Als ich gerade zur Kasse gehen will, piept mein Handy in meiner Jackentasche und ich versuche, mein Gepäck halten zu können, damit ich die Nachricht lesen kann. Meinen Violinenkoffer kann ich nicht einfach auf den schmutzigen Boden des Ladens stellen. Fast fällt mir die Medizin aus der Hand, doch ich schaffe es gerade noch so, mein Handy hervorzuziehen.

Bring bitte noch Milch aus dem Supermarkt mit, Schätzchen. Mama

Seufzend will ich wieder das Handy in die Jackentasche meines Mantels schieben, da fällt mir doch die Medizin runter. Als ich mich bücke, rutscht mir fast noch das weiße Plakat unter dem Arm raus, doch ich arrangiere mich noch schnell.

Ich will gerade zur Kasse, als mein Blick auf einen Jungen fällt, der im selben Gang steht wie ich. Ich erkenne sein Gesicht nicht, da er eine Kapuze trägt und sich etwas von mir wegdreht, doch trotzdem entgeht mir nicht, dass er ab und zu mal wieder zu mir sieht. Er hält ein paar Medikamente in der Hand. Wer weiß, was er hat. Ich schultere meine Tasche wieder ordentlich.

Doch mir entgeht nicht, was der Junge gemacht hat, als ich mich gerade wegdrehen wollte. Er hat die Medikamente in seine Jackentaschen geschoben. Deswegen hat er als so geguckt! Er wollte nicht erwischt werden.

Ich sollte ihn nicht so offensichtlich anstarren. Doch ich bin zu entsetzt. Er kann doch nicht einfach in einer Apotheke stehlen.

Keine Sekunde später sieht er wieder zu mir. Er merkt sofort, dass ich ihn dabei gesehen habe, wie er die Packungen eingesteckt hat. Kurz sehen wir uns einfach nur an. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Soll ich ihn verraten? Oder einfach so tun, als hätte ich nichts gesehen?

Schließlich setzt er sich als Erstes in Bewegung. Er steckt seine Hände in die schwarze Jacke und sieht mich die ganze Zeit an, während er auf mich zuläuft. Ich muss zugeben, dass er beängstigend aussieht. Da helfen auch nicht die Locken, die aus seiner Kapuze hervorlugen. Wie eingefroren bleibe ich auf der Stelle stehen und mein Herz pocht immer schneller, je näher er mir kommt.

Kurz bevor er bei mir ankommt und ich mir sicher bin, dass er mir etwas androhen wird, damit ich ihn nicht verrate, läuft er einfach an mir vorbei, als wäre nichts gewesen. Verwirrt drehe ich mich zu ihm um und beobachte, wie er ganz locker in Richtung Ausgang läuft. Die Verkäuferin an der Kasse beäugt ihn zwar misstrauisch, sagt dennoch nichts, denn er sieht wirklich nicht aus wie jemand, der sich nicht trauen würde, zu stehlen. Groß, schwarz gekleidet, böse Augen. Einfach einschüchternd. Kein Wunder, dass die Verkäuferin sich nicht traut, ihn aufzuhalten, ich traue mich immerhin auch nicht.

Die glasigen Schiebetüren öffnen sich und er läuft hinaus. Total perplex stehe ich noch in dem Gang und sehe ihm weiter hinterher. Er dreht sich etwas in meine Richtung und sieht über meine Schulter genau in meine Augen. Es fühlt sich an wie eine stumme Warnung, ihn jetzt besser nicht zu verraten.

Und es hat gewirkt. Ich bezahle meine Medikamente und laufe nach Hause.

„Papa! Mama!“, rufe ich durchs Haus, als ich die Haustür hinter mir schließe und meine Tasche mit dem Koffer ordentlich auf den Boden stelle. „Ich bin zu Hause!“

„Wir sind in der Küche, Liebling!“, ruft meine Mutter zurück und ich gehe mit den Tabletten und der Milch in die Küche.

Ich stelle die Milch zu Mama neben den Herd, an dem sie steht und gerade eine Suppe kocht, und küsse sie auf die Wange. Dann setze ich mich zu Papa an den Tisch, der mich erstarrt anblickt.

„Wie war die Probe?“, fragt Mama.

Ich spiele mit der Gabel neben meinem Teller rum und ignoriere Papas Blick. „Gut“, lüge ich. „Es könnte nicht besser laufen.“ Mama soll nicht wissen, dass ich mich ständig verspiele und hinterherhänge. Sie würde mich sonst nur noch öfter zu den Proben schicken und mich an den Wochenenden zu Misses Baskin schicken, anstatt etwas mit Freunden unternehmen zu dürfen.

„Das freut mich.“ Mama stellt den Kochtopf auf den Tisch und setzt sich neben Papa, dem sie etwas in seinen Suppenteller schöpft.

Seine Augen sind immer noch groß, während er mich perplex anstarrt. „Wer bist du?“, fragt er leise.

Ich lächle ihm zu und schütte ihm Tee ein. „Honor, Papa. Deine Tochter.“

Sein Blick zeigt Verwirrung. „Meine Tochter?“

„Ja, Liebling“, sagt meine Mutter und streicht ihm liebevoll über die Hand. „Du scheinst noch viele Kopfschmerzen zu haben. Aber jetzt iss erst mal, ja?“

Kurz sieht er mich noch eindringlich an, dann nickt er wie benebelt und nimmt den Löffel in die Hand, um die Suppe zu essen. Mama und ich beginnen ebenfalls zu essen.

Papa hat schon vor ein paar Jahren begonnen, dement zu werden. Es gibt Tage, an denen man es ihm kaum anmerkt und dann gibt es Tage – wie heute –, an denen er vergisst, dass ich seine Tochter bin. In der sechsten Klasse hat es angefangen. Mittlerweile habe ich mich schon daran gewöhnt, dass er mich vergisst und ich ihm immer wieder sagen muss, dass er tatsächlich mein Vater ist, doch es tut immer noch ein wenig weh, wenn das passiert. Es ist einfach traurig. An manchen Tagen wird er auch wütend. Er rastet einfach aus, weil ihm alles zu viel wird, doch das dauert oft nicht lange an, weil die Erinnerungen in seinem Kopf wie Flashbacks wieder zurückkehren. So hat es der Arzt zumindest beschrieben. Doch Mama und ich können damit umgehen. Es ist Alltag für uns und er ist trotzdem noch immer mein Vater, mit dem ich an manchen Tagen in seinem Zimmer sitze und seine Eisenbahnen aufbaue, während wir seine alten Platten auf seinem Plattenspieler hören.

Das Einzige, das alles nur schlimmer macht, ist, dass es nicht besser wird, eher jeden Monat schrecklicher. Manchmal vergisst er sogar Mama. Sie versucht dann, nie ihren Schmerz dahinter zu zeigen, doch ich merke es immer wieder. Es macht sie einfach traurig. Vor allem, weil er gerade mal sechsundfünfzig ist.

Während des Essens erzählt Mama von ihrer Arbeit im Krankenhaus und ich höre ihr neugierig zu. Ich räume den Tisch ab und sie sagt, als sie ins Wohnzimmer geht: „Ich habe dir etwas mitgebracht.“

„Was denn?“

„Hier.“ Sie holt eine Vase mit ein paar kleinen rosa Blumen hervor. „Ein Patient hat sie mir geschenkt und du kannst sie mehr gebrauchen als ich.“

Glücklich nehme ich ihr die Vase ab und drücke sie liebevoll. „Danke! Die sind echt schön.“ Sanft fahre ich über die rosa Blüten. „Das sind Bartnelken, solche habe ich noch nicht.“

„Dann kannst du ja von Glück reden, dass sie mir geschenkt wurden“, lacht Mama und setzt sich neben Papa auf die Couch, der gedankenverloren durch die Sender schaltet.

Ich trage erst die Blumen in mein Zimmer und hole dann meinen Violinenkoffer und meine Schultasche, um gleich noch Hausaufgaben machen zu können. Doch erst ziehe ich ein Buch aus dem Regal. Ich setze mich damit auf mein Bett und schneide die Köpfe der Blumen ab, um sie vorsichtig zwischen die Buchseiten zu legen, damit sie dort gepresst werden. Zufrieden stelle ich es wieder in das Regal.

Schon seit ich klein bin, presse ich Blumen und klebe sie dann in Bücher mit leeren Seite, um eine Art Album zu kreieren. Nur eben nicht mit Fotos, sondern mit Blumen. Ich habe mindesten schon zwanzig Stück davon und alle davon habe ich in meinem Regal stehen. Sie machen viel Arbeit, doch ich liebe es. Blumen sind, neben der Musik, meine große Leidenschaft. Meine Granny hat das damals mit mir gemacht, als ich klein war, und heute kann ich nicht mehr aufhören. Vor zwei Jahren ist sie gestorben, doch ich trage ihr Hobby weiter. Das verbindet mich irgendwie mit ihr.

Um Punkt zehn Uhr bin ich fertig mit meinen Hausaufgaben und gehe ins Bett, nachdem ich mir eine warme Dusche gönne. Die Abende sind meine tägliche Entspannung. Die Stunden von morgens bis abends um sieben sind mehr als anstrengend, weil ich diesen Stress nicht gewohnt bin.

Doch es muss sich auszahlen. Ich muss dieses Stipendium für die Musikhochschule in Birmingham einfach bekommen, ich denke, dass ich es verdient hätte. Ich lerne wirklich hart, auch wenn es nicht immer klappt.

Kapitel 3

„Ich bin mehr als bereit für die Ferien“, stöhnt Olivia, meine beste Freundin und setzt sich neben mich in die U-Bahn. „Auch wenn ich die Matheprüfung versaut habe. Was soll’s? Wer braucht Mathe?“

„Na ja, du wirst es noch oft brauchen“, kichere ich und klemme mir meine Mappe enger an meine Brust.

„Quatsch. Wenn ich Sportlehrerin werde, brauche ich kein Mathe. Alles Quatsch.“

Kopfschüttelnd lache ich. Oli geht mit mir seit der sechsten Klasse auf die gleiche Schule und seitdem sind wir unzertrennlich. Sie ist zwar das genaue Gegenteil von mir und lebt eher ein rebellisches Leben, doch wir sind ein Herz und eine Seele. Umso trauriger ist es, dass wir uns die ganzen Weihnachtsferien nicht sehen werden, weil sie nach Australien zu ihrer Familie fliegen wird.

Heute ist Freitag und vor einer Stunde haben wir die letzte Prüfung hinter uns gebracht. Mathematik. Ich habe ein gutes Gefühl, genauso wie in Englisch, Französisch und Spanisch. Das viele Lernen hat sich definitiv ausgezahlt, somit kann ich beruhigt in die Ferien starten.

„Du tust mir echt leid, dass du die ganzen Ferien arbeiten musst“, sagt Oli und versteckt ihre schwarzen Haare unter einer Wollmütze.

Ich zucke nur mit den Schultern. „Das kannst du nicht arbeiten nennen. Das ist nun mal das Hotel meines Grandpas und ich denke nicht, dass Mama und Grandpa mich dort hart arbeiten lassen.“

„Aber du musst morgens früh aufstehen. Und das reicht schon. Ich verstehe sowieso nicht, wieso du diesen Mist machen musst. Ihr seid reich.“

„Hey, wir sind nicht reich“, erwidere ich. „Wir …“

„Ihr seid nur wohlhabend, schon gecheckt.“ Oli verdreht die Augen. Dann kommen wir an der Station an, an der sie aussteigen muss, und sie verabschiedet sich von mir mit einer Umarmung.

Ich beobachte durch das Fenster der Bahn, wie sie in einer Gasse verschwindet, und schon setzen wir uns in Bewegung. Eigentlich habe ich wirklich keine Lust, in den Ferien zu arbeiten, denn das bringt mich nur von meinen Proben ab und meiner Lust, auch mal zu Hause zu üben. Die ganze Woche war ich jeden Tag bei Misses Baskin und habe versucht, die Violinsonate zu spielen, doch es sei noch immer nicht gut genug, wie sie ständig sagte.

Gedanklich seufze ich.

Ich setze mir in den Kopf, mindestens die Violinsonate bis Silvester perfekt zu beherrschen. Als kleines Geschenk an mich selbst.

Mama möchte aber auch unbedingt, dass ich in den Ferien arbeite, damit ich mir auch mal mein eigenes Geld verdiene. Theoretisch ist es ja ihr Geld, denn sie wird mich bezahlen, doch ich soll verstehen, wie es ist zu arbeiten, denn bisher habe ich genug Taschengeld bekommen und musste mir nie um irgendetwas Gedanken machen. Eigentlich fand ich das gut, denn ich hatte genug Stress mit den ganzen Proben, doch anscheinend reicht das nicht aus. Es muss unbedingt dieses doofe Hotel sein.

Kurz bevor die Bahn an der Haltestation hält, an der ich raus muss, stehe ich schon vor der Tür und sehe heraus, während hinter mir ein altes Pärchen über das anstehende Mittagessen diskutiert. Die Türen öffnen sich und noch bevor ich den ersten Schritt nach draußen machen kann, werde ich unsanft von der Seite von einem schwarz gekleideten Jungen mit Kapuze angestupst, der an mir vorbei nach draußen stürmt. Meine Mappe fliegt auf die geteerte Straße und alle Blätter liegen auf dem Boden, was niemanden zu interessieren scheint, denn ich kann jetzt schon sehen, wie immer mehr Fußabdrücke auf den Zetteln entstehen. Leise fluchend und den vielen Leuten aus dem Weg gehend, knie ich mich auf den Boden, um die vielen Blätter einzusammeln. Das kann doch alles nicht wahr sein. Das sind all meine Notenblätter.

Misses Baskin wird mich umbringen!

Hektisch stopfe ich die Blätter in den Ordner, und als ich gerade nach dem letzten Zettel greifen will, wird er von dem Wind davongeweht. Na toll. Das wird ja immer besser.

Schnell stelle ich mich auf, schultere meine Tasche wieder richtig und gehe durch die vielen Leute hindurch dem Zettel hinterher, der seinen Weg immer weiter zu fliegen scheint. Wo kommt denn plötzlich dieser nervige Wind her?

Mit vielen Entschuldigungs und Sorrys quetsche ich mich durch die Leute, behalte das weiße Papier im Auge. Und genau auf einer Stelle, wo keine Leute stehen, bleibt es still liegen. Erleichtert jogge ich schnell hin und bücke mich danach. Ich mustere es. Risse, Dreck und ein fetter Fußabdruck.

Misses Baskin wird mich so was von umbringen.

Als ich mich gerade umdrehen will, um nach Hause zu laufen, werde ich plötzlich am Ärmel einen Meter zur Seite gezogen. Ich stolpere über meine eigenen Füße durch die plötzliche Geschwindigkeit und lande unsanft auf dem Bürgersteig. Meine Mappe fliegt ebenfalls wieder auf den Boden und alle Notenzettel sind erneut zerstreut.

Total verwirrt verstehe ich erst jetzt, dass ich mitten auf der Straße stand und ein Auto in Höchstgeschwindigkeit auf mich zukam. Wie konnte ich so unvorsichtig sein?

„Beschissene Idee, auf der Straße zu lernen“, höre ich eine tiefe, rauchige Stimme und erst jetzt sehe ich eine Person neben mir. Er ist schwarz gekleidet, hat eine Kapuze auf und dreht sich schon wieder von mir weg, noch bevor ich sein Gesicht sehen kann. Er scheint mich von der Straße gezogen zu haben.

Etwas überfordert sehe ich ihm hinterher, wie er davongeht, mit den Händen in den Jackentaschen. Ich kann ihn doch nicht einfach so weggehen lassen. Wenigstens danke schön sollte ich sagen, immerhin hat er mich vor einem Unfall gerettet. „Hey, Moment mal!“, rufe ich ihm schnell hinterher und sammle rasch die vielen Zettel ein, stopfe sie einfach unsauber in meine Mappe. Ich klemme sie mir unter meinen Arm und jogge ihm hinterher. Er ignoriert meinen Ruf, deswegen rufe ich noch mal: „Stop, warte kurz!“

Doch er läuft immer noch mit schnellen Schritten geradeaus. Er kann mich nur gehört haben, denn jeder andere sieht mich komisch an.

Ich beschleunige meine Schritte und komme bei ihm an. „Ich sollte mich bei dir bedanken“, sage ich schnaufend und versuche seinem Schritt standzuhalten. Wir bleiben an einer roten Ampel stehen und ich versuche, meine Atmung zu kontrollieren. „Also … danke schön.“

Er dreht sich jetzt zu mir und ich kann sein Gesicht erkennen. Moment mal … Ist das nicht …? „War’s das?“, murrt er genervt.

Eindringlich betrachte ich ihn und er runzelt schon die Stirn, weil ich ihn so anstarre. „Ja“, sage ich nachdenklich. „Das war’s.“ Er ist sehr unfreundlich dafür, dass ich mich nur bedanken wollte.

Der Junge dreht seinen Kopf wieder weg und in dem Moment springt die Ampel auf Grün. Mir ist egal, ob es die falsche Richtung ist und mein Zuhause sich immer weiter von mir entfernt. Er geht davon, ohne noch etwas zu sagen, doch ich folge ihm wieder flink.

„Bist du nicht der Junge aus der Apotheke?“, frage ich ihn neugierig und fühle mich schwach neben ihm, weil ich zwei Schritte machen muss, während er einen läuft.

Wieder ignoriert er mich und atmet angespannt geradeaus, ich merke genau, wie er versucht, schneller zu werden. Doch ich nutze die Zeit, um ihn genauer zu betrachten. Das ist er definitiv. „Hör auf, mich so anzustarren“, knurrt er.

„Du bist definitiv der Junge aus der Apotheke“, stelle ich fest und ignoriere seine vulgäre Ausdrucksweise.

Er biegt in eine Straße und ich folge ihm weiter.

„Willst du nicht mit mir reden?“, frage ich ihn.

„Ach, ist das so offensichtlich? Hör auf, mir auf die Nerven zu gehen.“

„Du musst nicht gleich beleidigend werden“, sage ich kleinlaut und sehe auf meine Füße.

Plötzlich bleibt er stehen und ich remple gegen seine breite Schulter. „Ich werde jetzt links in diese Gasse biegen“, sagt er gereizt und sieht mir das erste Mal in die Augen. „Und du wirst in die andere Richtung gehen, verstanden?“

Plötzlich fährt ein Schlag der Erkenntnis durch meinen Körper. Ganz davon abgesehen, dass er der Dieb aus der Apotheke ist, kommt er mir noch viel bekannter vor. Ich dachte zwar, dass es Zufall wäre, dass mich seine Augen an jemanden erinnern, aber … Da ist diese Narbe unter seinem linken Auge. Ich starre ihn nur erstarrt an. Das kann doch nicht Nathan sein. Oder? Nathan ist seit Jahren nicht mehr in Cardiff. Das kann nicht sein.

„Alles klar.“ Er dreht sich weg und geht wieder mit schnellen Schritten davon.

Wie benebelt sehe ich ihm hinterher. Ich achte auf jede Bewegung, die er macht, während er davongeht. Vielleicht erkenne ich ja etwas an seiner Gangart. Doch wie sollte ich? Ich habe den kleinen Jungen schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, er läuft bestimmt nicht mehr wie ein Neunjähriger.

Er wird immer kleiner und ich kämpfe mit mir selbst. Ich muss wissen, ob es wirklich Nathan ist. Doch gleichzeitig weiß ich nicht, ob es so eine gute Idee wäre, ihm zu folgen. Er wirkt so angespannt und genervt … Wie früher. Und heute ist er kein Achtjähriger mehr, heute würde er noch viel schlimmere Dinge zu mir sagen. Vielleicht würde er mir wehtun. Ich sollte ihm wirklich nicht folgen.

Doch ich folge ihm trotzdem. Ich halte mich weit genug von ihm entfernt und hoffe, dass er mich nicht sieht. Ich weiß zwar nicht, wie genau ich so herausfinden soll, ob er Nathan ist, aber vielleicht läuft er ja zu einer Wohnung oder einem Haus, wo sein Name an der Klingel steht.

Wenn er wirklich der kleine lockige Nathan aus der Grundschule ist, würden sich mir tausend Fragen im Kopf bilden. Mich interessiert schon seit Jahren, wieso er damals einfach verschwunden ist, wo er wohnt, was er so macht, wie es ihm so geht, wie er so ist? Ob er wirklich immer noch so ein Rebell ist wie früher? Gut vorstellbar ist es auf jeden Fall, denn er war gerade nicht wirklich nett zu mir.

Zehn Minuten folge ich Nathan unauffällig durch ein paar Straßen und komme mir mehr als bescheuert vor. Mama wird mich bald anrufen, weil sie sich Sorgen macht, doch ich will einfach wissen, wer er ist.

Er bleibt an einer Ecke stehen und lehnt sich dann an eine Hauswand. Er sieht sich um. Anscheinend wartet er auf irgendwen.

Schnell verstecke ich mich hinter einem Auto mit einem guten Sicherheitsabstand von mindestens dreißig Metern. Ich überlege, wie es nun weitergehen soll. Er wird sich hier mit irgendwem treffen und dann gehen sie weg. So bekomme ich nie raus, wie er heißt. Wieso mache ich das überhaupt? Ich sollte schon längst zu Hause sein, es beginnt schon dunkel zu werden, außerdem soll Mama sich keine Sorgen machen.

Doch meine Neugier ist größer als meine Vernunft. Mama muss warten.

Ich beuge mich etwas an dem Auto vorbei und sehe wieder zu ihm. Er zündet sich gerade eine Zigarette an, dann bläst er den Rauch aus seiner Nase. Ob Nathan wirklich rauchen würde? Wahrscheinlich. Würde mich nicht wundern, wenn er nicht nur Tabak raucht.

Ich sitze noch weitere fünf Minuten hinter dem Auto. Noch immer steht er an der Hauswand und scheint zu warten. Okay, das geht doch eigentlich ganz einfach. Ich mache es mir viel zu kompliziert. Bevor ich hier noch erfriere, mache ich es jetzt.

Ich beuge mich wieder etwas an dem Auto vorbei und stelle auch klar, dass er mich definitiv nicht sehen kann, aber ich ihn. Ich atme tief ein und aus. Und dann: „Nathan!“ Schnell ducke ich mich ein wenig, doch luge noch so hervor, dass ich ihn sehen kann.

Und tatsächlich. Er dreht sich verwirrt in meine Richtung.

Er ist es!

Ach du heiliger Himmel.

Oder er heißt auch Nathan. Oder er hat nur geguckt, weil er sich erschreckt hat. Was rede ich da? Das wären zu viele Zufälle auf einmal. Dieser rauchende, schwarz gekleidete, große Junge ist definitiv der kleine achtjährige Junge aus meiner Kindheit.

Da vorne steht wirklich dieser kleine Junge, der damals einfach verschwunden ist und wahrscheinlich die meist gehasste Person der Schule war. Dieser kleine, stille Junge mit den blauen Flecken und aufgeplatzten Lippen. Ich kann mich noch erinnern, dass er damals sogar ein wenig kleiner war als ich. Heute überragt er mich mehr als einen Kopf. Nathan war damals zwar schon sehr einschüchternd, doch das ist kein Vergleich zu heute. Er hat eine fast rabenschwarze Aura um sich herum.

Während ich ihn weiter anstarre und nicht fassen kann, dass er tatsächlich er ist, klingelt plötzlich mein Handy. Oh, verdammt, das wird er definitiv hören, denn wir sind die einzigen Leute hier in dieser Straße. Hektisch krame ich mein Handy aus meiner Tasche und versuche, den Ton in meiner Jacke zu dämpfen, indem ich mich fast auf diese setze. Es ist Mama. Schnell gehe ich ran. „Ja, Mama?“, flüstere ich in die Leitung und sehe noch mal zu Nathan, um sicherzugehen, dass er mich nicht gehört hat. Er steht noch immer nur da, schmeißt seine Zigarette weg.

„Wann hast du vor, nach Hause zu kommen?“, nörgelt meine Mutter. „Es ist schon halb sieben und du weißt, dass wir um sechs Uhr essen.“

Seufzend setze ich mich auf den kalten Boden und lehne mich an das Auto. „Tut mir leid. Ich werde in einer halben Stunde zu Hause sein. Olivia und ich haben uns noch so lange unterhalten, du kennst sie ja“, lüge ich.

„In Ordnung, aber sag doch das nächste Mal Bescheid, ich habe mir Sorgen gemacht. Vor allem wenn es dunkel ist.“

„Mama, ich bin achtzehn.“

„Na und? Dir kann immer etwas passieren, Liebling.“

Ich schmunzle. „Wie immer hast du recht. Ich werde bald da sein, wartet nicht mit dem Essen.“

Wir verabschieden uns und ich lege auf, schiebe das Handy in meine Jackentasche. Kurz schließe ich die Augen und lehne meinen Kopf an die Autotür hinter mir.

Diese ganze Situation macht mich kirre. Dieser Typ aus der Apotheke, der gestohlen hat, ist Nathan. Wie war noch mal sein Nachname? Cort, genau, Cort. Wie könnte ich das je vergessen? Wahrscheinlich würde ich mich immer an ihn erinnern. Wenn ich zurückdenke, wie oft ich als kleines Mädchen versucht habe, Kontakt zu ihm aufzubauen und mit ihm zu spielen, weil er immer so allein und gebrochen aussah, und wie oft er mich abgeblockt und beleidigt hat, rutscht mir das Herz in die Hose. Das sind keine schönen Erinnerungen, doch trotzdem lag er mir am Herzen. Warum, weiß ich nicht und wusste ich, denke ich, auch damals schon nicht, aber er hatte einfach diese trostlose Art an sich. Diese traurige. Und das hat irgendwie einen gewissen Instinkt in mir hervorgerufen, es war mir schon als Kind wichtig, andere Menschen glücklich zu machen.

Ich öffne wieder die Augen.

Und sehe unmittelbar auf eine schwarze Jeans.

„Oh, mein Gott“, keuche ich erschrocken und zucke zusammen, weil Nathan genau vor mir steht und mich mit verschränkten Armen anstarrt.

Allerdings sieht er nicht glücklich aus. Eher genau das Gegenteil. Wieder extrem einschüchternd. Wie hat er nur diesen Blick in seine Augen bekommen? „Wieso zur Hölle folgst du mir?“, faucht er zornig. „Habe ich dir vorhin nicht klar und deutlich gesagt, dass du mich in Ruhe lassen sollst? Was bist du? Ein beschissener Stalker?“

„Nein“, sage ich wortkarg. Er muss denken, ich bin verrückt. Aber das schüchtert mich nur noch mehr ein. „I-Ich … E… Es …“

„Du, was? Stotter nicht so rum.“

Ich knicke vor seiner festen Stimme ein. Mir kommt die ganze Situation mehr als bekannt vor. Damals war es ganz genauso, jedes Mal, wenn ich mit ihm reden wollte, hat er mich auf diese Art und Weise zurückgewiesen. Nur scheint er jetzt seine stille Art abgelegt zu haben, sondern hat keine Scheu mehr, auch mal auf jemanden zuzugehen und ihn zu beleidigen. Beziehungsweise mich. Nathan scheint sich kein Stück geändert zu haben, wenn, dann ist er schlimmer geworden.

„I-Ich wollte dir nicht folgen“, erkläre ich unsicher meine Situation. „Ich … Es tut mir leid.“ Es bringt sowieso nichts. Wenn er nicht merkt, dass ich ihm gefolgt bin, dann muss er dumm sein und das war er damals nicht und heute ist er es mit Sicherheit auch nicht.

Kurz gafft er mich einfach nur mit etwas zusammengekniffenen Augen an und von hier unten sieht er noch bedrohlicher aus. Vor allem, weil es immer dunkler wird und so nimmt seine Aura noch mehr an Dunkelheit zu. „Hat Eduard dich geschickt?“, fragt er schließlich giftig.

Ich blinzle. „Eduard? Nein, ich – niemand hat mich geschickt.“

Er scheint mir direkt in die Seele zu blicken, um herauszufinden, ob ich die Wahrheit sage. Dann dreht er sich etwas und zieht sich wieder die Kapuze über. „Du solltest besser verschwinden. Das ist keine Gegend für kleine Mädchen wie dich.“ Dann geht er auch schon wieder über die Straße.

Ich stehe auf und sehe mich um. Er hat recht. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich hier noch nie war, und gleichzeitig sieht es mehr als gruselig auf. Es sieht so viel anders aus als die Straßen zu Hause. Schnell schultere ich meine Tasche und gehe um das Auto rum. „Wo bin ich hier?“, rufe ich Nathan hinterher, der kurz davor ist, um die Ecke zu verschwinden. „Ich weiß nicht, wie ich wieder zurückkomme!“

„Nicht mein Problem! Die Scheiße hast du dir selbst eingebrockt!“

„Bist du schon aufgeregt?“, fragt mich meine Mutter, als wir beide am Montagmorgen um halb acht morgens aus dem Auto steigen, um in das Hotel meines Grandpa zu gehen.

Ich richte mir den Kragen meines weißen Hemdes und folge ihr durch den Eingang. „Ich weiß nicht, vielleicht ein wenig.“

Uns beiden werden die großen Eingangstüren von zwei Pagen geöffnet und wir betreten das riesige Gebäude. Ich war zwar schon öfter im Ealswirth-Hotel, aber es beeindruckt mich doch jedes Mal wieder. Man sieht sofort, dass mein Grandpa viel Geld hier reingesteckt hat, dadurch sind auch keine einfachen Leute hier, sondern Menschen mit einem gewissen Kontostand.

Mama und ich gehen durch die Lobby zur Rezeption, wo schon eine junge Frau in der typisch dunkelblauen Hoteluniform steht und uns anlächelt. „Guten Morgen. Wissen Sie zufällig, wo sich mein Vater rumtreibt? Er … ach, da ist er ja schon.“

Mein Grandpa kommt in einem Anzug um die Ecke und lächelt uns zu. Er ist eine der nettesten Personen, die ich kenne, dafür liebe ich ihn so. „Ein guter Hotelfachmann kommt nie unpünktlich“, erklärt er und stellt sich zu uns. „Merk dir das, Marie“, sagt er zu mir und wir drücken uns liebevoll. Grandpa nennt mich mit Grandma als Einziger Marie, warum weiß niemand, aber er macht es einfach.

„Natürlich, Grandpa“, sage ich und stelle mich von Mama zu ihm.

„Dad, bitte übertreibe es nicht mit den Aufgaben“, sagt meine Mutter zu ihm. „Das ist heute ihr erster Tag, sei gnädig. Und du weißt ja, dass sie eine Hausstauballergie hat, also lass sie am besten nicht in den Keller. Außerdem …“

„Diana“, unterbricht Opa sie. „Ich kenne meine Enkelin genauso gut wie du. Wir schaukeln das schon. Geh nach Hause und … Tu das, was du auch immer tust.“ Er legt einen Arm um meine Schulter und zieht mich in einen Flur. „Schönen Tag noch!“

Ich sehe über meine Schulter zu Mama, wie sie durchatmend an der Rezeption steht und uns gereizt hinterhersieht. Sie und Grandpa hatten schon immer ein seltsames Verhältnis. Er ist mehr der gelassene Typ und sie ist ein Perfektionist. Das sorgt oft für Reibereien, doch natürlich wird sich nie ernsthaft gestritten. Manchmal ist es ganz lustig, wie Opa sie auf den Arm nimmt, weil sie oftmals wirklich übertreibt. Da kommt er einem viel jünger vor als sie.

„Du kennst dich hier ja schon aus, deswegen können wir uns den Rundgang sparen“, meint Grandpa und setzt sich seine Brille richtig auf die Nase. „Hast du schon gefrühstückt?“

Ich nicke. „Ja, ausgiebig.“

„Schade. Du hättest dich an dem riesigen Frühstücksbüfett bedienen können.“

„Aber ich soll doch arbeiten.“ Ich lache.

„Hach, deine Mutter muss das ja nicht wissen. Ich gestalte dir die paar Wochen hier schon erträglich. Also möchtest du sicher nichts essen? Denn sonst muss ich dir wohl oder übel eine Aufgabe geben.“

Ich schmunzle. „Ich habe wirklich keinen Hunger.“

Er seufzt. „Na schön.“ Er öffnet eine große Eisentür und wir stehen in einer riesigen Halle. Das ist die Veranstaltungshalle, in der Silvester und das Sommerfest stattfinden. Es gibt dann jedes Mal ein prächtiges Feuerwerk und die Feiern hier sind einfach die besten. Auch, wenn ich nicht in diesem Hotel arbeite, gehe ich gerne zu diesen Festen.

„Weil bald Silvester ist, muss die Halle ein wenig aufgemotzt werden“, erklärt Grandpa und wir gehen durch den riesigen Raum. „Darum wirst du dich hauptsächlich kümmern.“

„Allein?“, keuche ich entsetzt.

„Natürlich nicht, mein Schatz. Du hilfst meinen Angestellten beim Aufbauen und dem ganzen Kram, die erklären dir das alles schon. Der Hausmeister sollte hinten in der Küche sein, ihn kannst du fragen, was du machen sollst.“ Er geht auf ein paar Schalter an der Wand zu und drückt mehrere Knöpfe, damit viele Lichter in der Halle angehen und erst jetzt die komplette Größe zu erkennen kommt. „Kann ich dich hier allein lassen?“

„Ja, das sollte kein Problem sein“, sage ich und sehe mich in der großen Halle um.

„Gut. Ruf mich einfach an, wenn du was brauchst. Und vergiss nicht, Pause zu machen. Du kennst die Zeiten.“

Ich nicke lächelnd. „Versprochen, Grandpa.“

Er lächelt zurück. „Ich bin mir sicher, dass ich mich auf dich verlassen kann. Wir sehen uns spätestens in der Mittagspause, klar?“

„Klar.“