Requiem - Lauren Oliver - E-Book

Requiem E-Book

Lauren Oliver

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Beschreibung

Lena und Julian sind endlich zurück in der Wildnis. Hier sind sie vorerst in Sicherheit und alles könnte gut sein. Doch etwas zwischen den beiden hat sich verändert, und Lena spürt, dass sie eigentlich zu Alex gehört. Aber auch Alex ist nicht mehr der, den sie immer geliebt hat, und wirkt seltsam abweisend. Hana dagegen, Lenas Freundin von früher, führt ein ruhiges und geordnetes Leben ohne Liebe mit dem für sie ausgewählten Partner. Und während die Rebellen alles für den entscheidenden Angriff auf Portland vorbereiten, muss sich Lena ihrer Vergangenheit stellen. --- Dritter und letzter Band der spannenden Serie von Bestseller-Autorin Lauren Oliver ("Wenn du stirbst") --- Kostenloses Extra nur in der Hardcover-Ausgabe: die Kurzgeschichte "Alex"!

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Von Lauren Oliver bei CARLSEN erschienen:Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie Amor-Trilogie: Delirium (Band 1) Pandemonium (Band 2) Geschichten aus der Welt der Amor-Trilogie, E-Books: Hana; Raven; Annabel Dies ist ein fiktionales Werk. Alle Figuren, Ereignisse und Dialoge entspringen der Fantasie der Autorin und bilden nicht die Realität ab. Jede Ähnlichkeit mit wirklichen Geschehnissen beziehungsweise lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig. An die Bewohner Portlands (Maine) und seiner Umgebung: Bitte entschuldigt alle Ausschmückungen und Änderungen, die ich mir mit eurer herrlichen Gegend erlaubt habe.CARLSEN-Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- und strafrechtlich verfolgt werden. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Carlsen Verlag GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt. Alle deutschen Rechte bei CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2014 Originalcopyright © 2013 by Laura Schechter Published by arrangement with Laura Schechter Originalverlag: HarperCollins Children’s Books, a division of HarperCollins Publishers, New York, USA. Originaltitel: Requiem Umschlaggestaltung: formlabor Umschlagfotografie: plainpicture/André Schuster Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier Lektorat: Marlene Uhlenberg Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, LemfördeISBN: 978-3-646-92586-9 Alle Bücher im Internet unter:www.carlsen.de

Für Michael, der die Mauern eingerissen hat

lena

Ich habe wieder angefangen, von Portland zu träumen.

Seit Alex zurück ist – wiederauferstanden, aber gleichzeitig verändert, wie ein Gespenst oder Ungeheuer aus einer der Gruselgeschichten, die wir uns als Kinder erzählt haben –, bahnt sich die Vergangenheit wieder einen Weg. Sie drängt sich durch die Ritzen, wenn ich nicht aufpasse, und zerrt mit gierigen Fingern an mir.

Davor haben sie mich all diese Jahre gewarnt: vor dem Druck auf meiner Brust, den Albträumen, die mich selbst im wachen Zustand verfolgen.

Ich habe dich gewarnt, sagt Tante Carol in meinem Kopf.

Wir haben es dir doch gesagt, erklärt Rachel.

Du hättest hierbleiben sollen. Das ist Hana, die sich über die lange Zeitspanne hinwegreckt, durch all die Schichten der Erinnerung. Und während sie mir eine schwerelose Hand entgegenstreckt, versinke ich.

Mehr als zwei Dutzend von uns sind aus New York mit nach Norden gekommen: Raven, Tack, Julian und ich, außerdem Dani, Gordo und Pike, dazu noch etwa fünfzehn andere, die sich weitgehend damit zufriedengeben, schweigend zu tun, was man ihnen sagt.

Und Alex. Aber nicht mein Alex, sondern ein Fremder, der nie lächelt, nicht lacht und kaum spricht.

Die anderen, die die Lagerhalle in der Nähe von White Plains als Stützpunkt genutzt haben, haben sich in südlicher und westlicher Richtung zerstreut. Inzwischen ist die Halle bestimmt leer geräumt und aufgegeben worden. Nach Julians Befreiung ist es dort nicht mehr sicher. Julian Fineman ist ein Symbol, und zwar ein wichtiges. Die Zombies werden Jagd auf ihn machen. Sie werden ihn aufknüpfen, um ein Zeichen zu setzen.

Wir müssen ganz besonders vorsichtig sein.

Hunter, Bram, Lu und ein paar andere aus dem alten Stützpunkt in Rochester warten direkt südlich von Poughkeepsie auf uns. Es dauert fast drei Tage, bis wir die Strecke zurückgelegt haben; wir müssen ein halbes Dutzend anerkannter Städte umgehen.

Dann, ganz unvermittelt, sind wir da: Der Wald hört einfach auf und vor uns liegt eine ausgedehnte, rissige Betonfläche, auf der noch schwach die geisterhaften weißen Umrisse von Parkplätzen zu sehen sind. Es stehen noch immer verrostete Autos dort, denen diverse Teile fehlen – Reifen oder Metallstücke. Sie wirken klein und beinahe lächerlich, wie ausgedientes Spielzeug, das ein Kind zurückgelassen hat.

Der alte Parkplatz strömt wie ein grauer See in alle Richtungen und erstreckt sich bis zu einer riesigen Konstruktion aus Stahl und Glas: ein altes Einkaufszentrum. Auf einem von weißem Vogeldreck bedeckten Schild steht in geschwungener Schrift EMPIRE-STATE-PLAZA-CENTER.

Es ist ein freudiges Wiedersehen. Tack, Raven und ich rennen los. Bram und Hunter rennen auch und wir treffen mitten auf dem Parkplatz aufeinander. Ich springe lachend in Hunters Arme und er hebt mich hoch.

Alle rufen und reden durcheinander.

Irgendwann setzt Hunter mich wieder ab, aber ich habe weiterhin einen Arm um ihn gelegt, als könnte er sonst verschwinden. Den anderen Arm lege ich um Bram, der Tack die Hand schüttelt, und dann sind wir ein einziger Haufen aus verschlungenen Körpern und springen schreiend im hellen Sonnenschein auf und ab.

»Na, na, na.« Wir lösen uns voneinander, drehen uns um und sehen Lu, die mit hochgezogenen Augenbrauen auf uns zugeschlendert kommt. Sie hat sich die Haare lang wachsen lassen und sie nach vorne gekämmt, so dass sie ihr über die Schultern fallen. »Wen haben wir denn da?«

Zum ersten Mal seit Tagen bin ich richtig glücklich.

In den wenigen Monaten, die wir getrennt waren, haben sich sowohl Bram als auch Hunter verändert. Bram hat erstaunlicherweise zugenommen. Hunter hat mehr Falten in den Augenwinkeln, obwohl sein Lächeln so jungenhaft ist wie eh und je.

»Wie geht es Sarah?«, frage ich. »Ist sie hier?«

»Sarah ist in Maryland geblieben«, sagt Hunter. »Im Stützpunkt dort leben dreißig Leute und so muss sie nicht jedes Jahr umziehen. Die Widerstandsbewegung versucht Kontakt zu ihrer Schwester aufzunehmen.«

»Und was ist mit Grandpa und den anderen?« Ich bin atemlos und habe ein enges Gefühl in der Brust, als würde ich immer noch gedrückt.

Bram und Hunter wechseln einen kurzen Blick.

»Grandpa hat es nicht geschafft«, sagt Hunter knapp. »Wir haben ihn in der Nähe von Baltimore beerdigt.«

Raven dreht den Kopf zur Seite und spuckt auf den Asphalt.

Bram fügt schnell hinzu: »Den anderen geht’s gut.« Er streckt die Hand aus und berührt meine falsche Eingriffsnarbe, die er selbst mir für den Eintritt in die Widerstandsbewegung zugefügt hat. »Sieht gut aus«, sagt er augenzwinkernd.

Wir beschließen, hier unser Nachtlager aufzuschlagen. In der Nähe des alten Einkaufszentrums gibt es sauberes Wasser und die Ruinen alter Häuser und Büros, in denen es noch ein paar nützliche Vorräte gab: ein paar Dosen Essen, die zwischen den Trümmern begraben lagen; verrostetes Werkzeug; sogar ein Gewehr, das Hunter zwischen zwei als Haken verwendeten Hirschhufen unter abgebröckeltem Putz gefunden hat. Außerdem hat ein Mitglied unserer Gruppe – Henley, eine kleine ruhige Frau mit langen grauen Locken – Fieber. So kann sie sich etwas erholen.

Gegen Abend bricht Streit darüber aus, wie es weitergehen soll.

»Wir könnten uns aufteilen«, sagt Raven. Sie hockt neben der Grube, die sie für das Lagerfeuer ausgehoben hat, und schürt die ersten glühenden Flammenzungen mit dem verkohlten Ende eines Stocks.

»Je größer die Gruppe, desto sicherer sind wir«, entgegnet Tack. Er hat seine Fleecejacke ausgezogen und trägt nur ein T-Shirt, so dass seine sehnigen Armmuskeln zu sehen sind. Die Tage werden langsam wärmer und der Wald erwacht zum Leben. Wir können spüren, dass der Frühling kommt – wie ein Tier, das sich leicht im Schlaf regt und heißen Atem ausstößt.

Aber jetzt, da die Sonne tief steht und die Wildnis von langen, dunkelroten Schatten verschluckt wird, ist es kalt. Die Nächte sind immer noch winterlich.

»Lena«, bellt Raven. Ich zucke zusammen. Ich habe ins aufflackernde Feuer gestarrt und die Flammen beobachtet, die sich um Kiefernnadeln, Zweige und trockene Blätter kringeln. »Guck mal nach den Zelten, ja? Es wird bald dunkel.«

Raven hat das Feuer in einer schmalen Senke angefacht, durch die früher mal ein Bach geflossen sein muss. Dort ist es ein wenig vor dem Wind geschützt. Sie hat unser Lager in sicherer Entfernung zum Einkaufszentrum und seinen gespenstischen Flächen aufgeschlagen; wie ein gestrandetes außerirdisches Raumschiff ragt das Gebäude über die Baumwipfel, nichts weiter als verbogenes schwarzes Metall um leere Augenhöhlen. Gut zehn Meter weiter, oberhalb der Böschung, hilft Julian dabei, die Zelte aufzubauen. Er hat mir den Rücken zugekehrt. Auch er trägt nur ein T-Shirt. Die drei Tage in der Wildnis haben ihn bereits verändert. Seine Haare sind zerzaust und direkt hinter seinem linken Ohr hat sich ein Blatt verfangen. Er sieht dünner aus, obwohl er eigentlich noch nicht abgenommen haben kann. Das liegt einfach an den zu großen Kleidern, die wir irgendwo für ihn aufgetrieben haben, und am Draußensein, umgeben von ungezähmter Wildnis, die uns ständig daran erinnert, dass wir jederzeit sterben könnten.

Er bindet ein Seil an einen Baum und zurrt es fest. Unsere Zelte sind alt und schon mehrfach gerissen und wieder geflickt worden. Sie stehen nicht mehr von alleine. Sie müssen abgestützt, zwischen Bäumen aufgespannt und zum Leben erweckt werden wie Segel im Wind.

Gordo steht neben Julian und sieht ihm anerkennend zu.

»Braucht ihr Hilfe?« Ich bleibe ein paar Schritte entfernt stehen.

Julian und Gordo drehen sich um.

»Lena!« Julians Gesicht leuchtet auf, fällt dann aber gleich wieder in sich zusammen, als er merkt, dass ich gar nicht vorhabe, näher zu kommen. Ich bin diejenige, die ihn hierhergebracht hat, an diesen seltsamen neuen Ort, und jetzt habe ich ihm nichts zu bieten.

»Wir kommen schon klar«, sagt Gordo. Er hat leuchtend rote Haare, und obwohl er nicht älter ist als Tack, hat er einen Bart, der ihm bis auf die Brust reicht. »Sind gleich fertig.«

Julian richtet sich auf und wischt sich die Handflächen an seiner Jeans ab. Er zögert, dann kommt er auf mich zu, wobei er sich eine Haarsträhne hinters Ohr streicht. »Es ist kalt«, sagt er, als er etwa einen Meter entfernt ist. »Du solltest besser zum Feuer gehen.«

»Mir geht’s gut«, sage ich, ziehe jedoch die Ärmel meiner Windjacke über die Hände. Die Kälte ist in mir drin. Mich ans Feuer zu setzen wird nichts nützen. »Die Zelte sehen gut aus.«

»Danke. Ich glaube, ich hab den Bogen langsam raus.« Sein Lächeln dringt nicht ganz bis zu seinen Augen durch.

Drei Tage. Drei Tage voller gezwungener Gespräche und Schweigen. Ich weiß, dass er sich fragt, was sich verändert hat und ob es wieder rückgängig zu machen ist. Ich weiß, dass ich ihn verletze. Es gibt Fragen, die er vermeidet, und Dinge, die er sich zu sagen verkneift.

Er gibt mir Zeit. Er ist geduldig und sanft.

»Du siehst schön aus in diesem Licht«, sagt er.

»Ich glaube, du wirst blind.« Es soll ein Witz sein, aber meine Stimme klingt barsch.

Julian schüttelt stirnrunzelnd den Kopf und wendet den Blick ab. Das leuchtend gelbe Blatt steckt immer noch zwischen seinen Haaren, hinter dem Ohr. Ich sehne mich danach, die Hand auszustrecken, es wegzunehmen, mit den Fingern durch seine Haare zu fahren und mit ihm darüber zu lachen. Das ist die Wildnis, würde ich sagen. Hättest du das je gedacht? Und er würde meine Hand in seine nehmen und sie drücken. Dann würde er sagen: Was würde ich nur ohne dich machen?

Aber ich kann mich nicht dazu durchringen, die Hand zu heben. »Du hast ein Blatt in den Haaren.«

»Ein was?« Julian sieht erschrocken aus, als hätte ich ihn aus einem Traum geweckt.

»Ein Blatt. In deinen Haaren.«

Er fährt sich ungeduldig mit der Hand durchs Haar. »Lena, ich …«

Peng.

Wir zucken beide zusammen, als ein Schuss fällt. Hinter Julian fliegen Vögel aus den Bäumen auf und verdunkeln den Himmel, bevor einzelne Umrisse zu erkennen sind. »Mist«, sagt jemand.

Zwischen den Bäumen hinter den Zelten erscheinen Dani und Alex. Sie haben Gewehre über der Schulter. Gordo steht auf.

»Ein Hirsch?«, fragt er. Das Tageslicht ist fast vollständig erloschen. Alex’ Haare sehen beinahe schwarz aus.

»Zu riesig für einen Hirsch«, sagt Dani. Sie ist groß und hat ausladende Schultern, eine breite flache Stirn und Mandelaugen. Sie erinnert mich an Miyako, die gestorben ist, bevor wir letzten Winter Richtung Süden aufgebrochen sind. Wir haben ihren Leichnam an einem eisigen Tag verbrannt, kurz bevor der erste Schnee fiel.

»Ein Bär?«, fragt Gordo.

»Könnte sein«, entgegnet Dani knapp. Dani ist härter als Miyako, die Wildnis hat sie gestählt.

»Hast du ihn erwischt?«, frage ich übereifrig, obwohl ich die Antwort bereits kenne. Aber ich will, dass Alex mich ansieht, mit mir spricht.

»Hab ihn vielleicht gestreift«, sagt Dani. »Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist er abgehauen.«

Alex sagt nichts, nimmt meine Anwesenheit noch nicht einmal wahr. Er geht weiter, schlängelt sich zwischen den Zelten hindurch und an Julian und mir vorbei, so nah, dass ich mir einbilde, ihn riechen zu können – den vertrauten Geruch nach Gras und sonnengetrocknetem Holz, ein Geruch aus Portland, bei dem ich aufschreien will, mein Gesicht an seine Brust schmiegen und tief einatmen.

Dann geht er oberhalb der Böschung entlang, als Ravens Stimme zu uns durchdringt: »Essen ist fertig. Wer nicht kommt, kriegt nichts ab.«

»Komm.« Julian streicht mit den Fingerspitzen über meinen Arm. Sanft, geduldig.

Meine Füße drehen mich um und tragen mich die Böschung hinunter auf das Feuer zu, das jetzt heiß und kräftig brennt; auf den Jungen zu, der daneben zu einem Schatten wird, vom Rauch verhüllt. Das ist Alex jetzt: ein Schatten, eine Illusion.

Seit drei Tagen hat er nicht mit mir gesprochen, mich noch nicht einmal angesehen.

hana

Will jemand mein dunkelstes Geheimnis erfahren? In der Sonntagsschule habe ich bei den Tests immer abgeschrieben.

Ich konnte nie viel mit dem Buch Psst anfangen, noch nicht mal als Kind. Das einzige Kapitel, das mich überhaupt interessierte, war »Legenden und Klagen«, das voller Märchen über die Welt vor dem Heilmittel ist. Meine Lieblingsgeschichte, die Geschichte von Salomo, geht so:

Es waren einmal zur Zeit der Krankheit zwei Frauen, die mit einem Säugling zum König kamen. Beide Frauen behaupteten, der Säugling sei der ihre. Beide weigerten sich, der anderen Frau das Kind zu überlassen, und traten leidenschaftlich für ihre Sache ein. Jede sagte, sie würde vor Kummer sterben, wenn das Baby nicht ihr zurückgegeben werde.

Der König namens Salomo hörte sich die Reden der beiden Frauen an und verkündete schließlich, er habe eine gerechte Lösung gefunden.

»Wir werden das Kind in zwei Hälften teilen«, sagte er, »und so bekommt jede von euch einen Teil.«

Den Frauen erschien das gerecht und so kam der Henker und teilte das Baby mit einer Axt sauber mitten durch.

Und das Baby weinte nicht, es gab nicht das geringste Geräusch von sich, und die Mütter sahen zu, und anschließend war tausend Jahre lang ein Blutfleck auf dem Boden des Palasts, der mit keinem Mittel der Welt entfernt oder aufgehellt werden konnte …

Ich glaube, ich war erst acht oder neun, als ich diesen Abschnitt zum ersten Mal las, aber er beeindruckte mich tief. Tagelang bekam ich das Bild des armen Babys nicht aus dem Kopf. Ich stellte mir immer wieder vor, wie es aufgeschnitten auf den Fliesen lag wie ein aufgespießter Schmetterling hinter Glas.

Das ist das Tolle an der Geschichte. Sie ist wahr. Ich meine damit, selbst wenn sie nicht wirklich passiert ist – und es gibt durchaus Kontroversen über das Kapitel »Legenden und Klagen« und darüber, ob es historisch korrekt ist –, ist sie ein wahrhaftiges Abbild der Welt. Ich weiß noch, dass ich mich genauso gefühlt habe wie dieses Baby: hin und her gerissen, gespalten, gefangen zwischen Loyalität und meinen eigenen Wünschen.

So ist die Welt der Krankheit.

So war es auch für mich, bevor ich geheilt wurde.

In genau einundzwanzig Tagen werde ich verheiratet sein.

Meine Mutter sieht aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, und ich hoffe beinahe, dass sie es tut. Ich habe sie in meinem ganzen Leben erst zweimal weinen sehen: einmal, als sie sich den Knöchel brach, und einmal letztes Jahr, als sie aus dem Haus trat und feststellen musste, dass Demonstranten über unser Gartentor geklettert waren, unseren Rasen zerwühlt und ihr schönes Auto demoliert hatten.

Aber schließlich sagt sie nur: »Du siehst wunderschön aus, Hana.« Und dann: »Aber an der Taille ist es ein bisschen zu weit.«

Mrs Killegan – Nennen Sie mich Anne, hatte sie affektiert gesagt, als wir das erste Mal zur Anprobe kamen – umkreist mich langsam, steckt fest und zupft zurecht. Sie ist groß, hat matte blonde Haare und eine verkniffene Miene, als hätte sie über die Jahre versehentlich diverse Steck- und Nähnadeln verschluckt. »Sind Sie sicher, dass es bei den angeschnittenen Ärmeln bleiben soll?«

»Ja, ich bin sicher«, antworte ich, während meine Mutter gleichzeitig fragt: »Finden Sie, dass sie darin zu jung aussieht?«

Mrs Killegan – Anne – gestikuliert ausdrucksvoll mit einer langen, knochigen Hand. »Die ganze Stadt wird zusehen«, sagt sie.

»Das ganze Land«, verbessert meine Mutter sie.

»Ich finde die Ärmel schön«, sage ich und füge beinahe hinzu: Es ist schließlich meine Hochzeit. Aber das stimmt nicht mehr – nicht seit den Zwischenfällen im Januar und Bürgermeister Hargroves Tod. Jetzt gehört meine Hochzeit dem Volk. Das erklären mir seit Wochen alle. Gestern hat uns die staatliche Nachrichtenagentur angerufen, um zu fragen, ob sie Bildmaterial der Hochzeit senden oder ein eigenes Fernsehteam schicken dürften, um die Zeremonie zu filmen.

Das Land braucht jetzt Symbole – mehr denn je.

Wir stehen vor einem dreiteiligen Spiegel; das Stirnrunzeln meiner Mutter wird aus verschiedenen Winkeln reflektiert. »Mrs Killegan hat Recht«, sagt sie und berührt mich am Arm. »Lass uns mal ausprobieren, wie es mit dreiviertellangen Ärmeln aussieht, okay?«

Ich hüte mich, mit ihr zu diskutieren. Drei Spiegelbilder nicken gleichzeitig; drei identische Mädchen mit geflochtenem, blondem Haar in drei identischen weißen bodenlangen Kleidern. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Das Kleid und die hellen Lichter im Ankleidezimmer haben mich verwandelt. Mein ganzes Leben lang war ich Hana Tate.

Aber das Mädchen dort im Spiegel ist nicht Hana Tate. Das ist Hana Hargrove, die zukünftige Frau des zukünftigen Bürgermeisters und ein Symbol für alles, was an der geheilten Welt richtig ist.

Ein Pfad und ein Weg für alle.

»Ich schaue mal, was ich noch hinten habe«, sagt Mrs Killegan. »Wir ziehen Ihnen mal was ganz anderes an, damit Sie einen Vergleich haben.« Sie gleitet über den abgewetzten grauen Teppich und verschwindet im Lager. Durch die offene Tür sehe ich Dutzende in Plastikfolien gehüllte Kleider, die ordentlich an Stangen hängen.

Meine Mutter seufzt. Wir sind jetzt schon seit zwei Stunden hier und ich komme mir langsam vor wie eine Vogelscheuche: ausgestopft, zurechtgeknufft, zusammengenäht. Meine Mutter sitzt auf einer ausgeblichenen Fußbank neben den Spiegeln und hält ihre Handtasche steif im Schoß, damit sie nicht mit dem Teppich in Kontakt kommt.

Mrs Killegans Laden war immer die beste Adresse für Hochzeitskleider in ganz Portland, aber auch hier machen sich die Nachwirkungen der Zwischenfälle und die daraufhin verschärften Sicherheitsmaßnahmen bemerkbar. Das Geld ist bei fast allen knapp und das sieht man. Eine Glühbirne der Deckenlampen ist durchgebrannt und der Laden riecht muffig, als wäre hier in letzter Zeit nicht sauber gemacht worden. An einer Wand wirft die feuchte Tapete Blasen, und vorhin habe ich einen großen braunen Fleck auf einem der gestreiften Sofas entdeckt. Mrs Killegan bemerkte meinen Blick und warf beiläufig einen Schal darüber, um ihn zu verdecken.

»Du siehst wirklich wunderschön aus, Hana«, sagt meine Mutter.

»Danke«, entgegne ich. Ich weiß, dass ich wunderschön aussehe. Das klingt vielleicht eingebildet, aber es ist die Wahrheit.

Das ist noch etwas, das sich seit meinem Eingriff verändert hat. Obwohl mir die Leute auch früher schon dauernd sagten, dass ich hübsch sei, habe ich selbst es, als ich noch ungeheilt war, nicht so empfunden. Aber nach dem Eingriff ist eine Mauer in mir eingestürzt. Jetzt erkenne ich, dass ich in der Tat schlicht und ergreifend schön bin.

Es interessiert mich allerdings nicht mehr.

»So, hier.« Mrs Killegan taucht mit mehreren in Plastik gehüllten Kleidern über dem Arm aus dem Hinterzimmer auf. Ich unterdrücke einen Seufzer, aber nicht schnell genug. Mrs Killegan legt mir eine Hand auf den Arm. »Keine Sorge, Schätzchen«, sagt sie. »Wir finden das perfekte Kleid. Darum geht es schließlich, nicht wahr?«

Ich lasse ein Lächeln auf meinem Gesicht erscheinen und das hübsche Mädchen im Spiegel tut es mir nach. »Selbstverständlich«, sage ich.

Ein perfektes Kleid. Ein perfekter Partner. Ein perfektes Leben voller Glück.

Perfektion ist ein Versprechen; sie bestärkt uns darin, dass wir Recht haben.

Mrs Killegans Geschäft liegt in Old Port und als wir wieder auf die Straße hinaustreten, atme ich die vertrauten Gerüche von getrocknetem Seetang und altem Holz ein. Das Wetter ist schön, aber aus der Bucht weht ein kalter Wind. Nur ein paar wenige Boote schaukeln auf dem Wasser, vor allem Fischerboote oder mit Werbung versehene Segelboote. Aus der Entfernung sehen die kotverdreckten Holzpfeiler im Wasser aus wie Schilfgras.

Bis auf zwei Aufseher und Tony, unseren Leibwächter, ist die Straße verlassen. Kurz nach den Zwischenfällen, bei denen Fred Hargroves Vater, der Bürgermeister, getötet wurde, haben meine Eltern einen Sicherheitsdienst engagiert und es wurde beschlossen, dass ich mein Studium abbrechen und so bald wie möglich heiraten sollte.

Jetzt begleitet uns Tony überallhin. Wenn er frei hat, wird er von seinem Bruder Rick vertreten. Es hat einen Monat gedauert, bis ich die beiden auseinanderhalten konnte. Sie haben kurze, dicke Hälse und glänzende Glatzen. Beide reden sehr wenig und wenn sie es doch tun, ist es niemals interessant.

Eine meiner größten Ängste vor dem Eingriff war, dass das Heilmittel irgendwie mein Gehirn ausknipsen und meine Denkfähigkeit beeinträchtigen würde. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich kann jetzt viel klarer denken. In gewisser Weise fühle ich sogar klarer. Früher wurden meine Gefühle immer von einer Art Fieber begleitet; ich war von Panik, Angst und widerstreitenden Wünschen erfüllt. In manchen Nächten konnte ich kaum schlafen, an manchen Tagen hatte ich das Gefühl, mein Inneres versuche mir aus dem Hals zu krabbeln.

Ich war infiziert. Jetzt ist die Infektion weg.

Tony steht an das Auto gelehnt da. Ob er wohl die ganzen drei Stunden, die wir bei Mrs Killegan waren, in dieser Position verharrt hat? Als wir näher kommen, richtet er sich auf und öffnet meiner Mutter die Autotür.

»Danke, Tony«, sagt sie. »Gab’s Schwierigkeiten?«

»Nein, Madam.«

»Gut.« Sie setzt sich auf die Rückbank und ich rutsche neben sie. Wir haben dieses Auto erst seit zwei Monaten – ein Ersatz für das demolierte – und nur ein paar Tage, nachdem wir es bekommen hatten, hat jemand mit einem Schlüssel das Wort SAU in den Lack gekratzt, während meine Mutter beim Einkaufen war. Insgeheim glaube ich, dass meine Mutter Tony nur engagiert hat, um das neue Auto zu schützen.

Nachdem Tony die Autotür geschlossen hat, bekommt die Welt draußen vor den getönten Scheiben einen dunkelblauen Stich. Er stellt im Radio den NNS ein, den Nationalen Nachrichtensender. Die Stimmen der Radiosprecher sind vertraut und beruhigend.

Ich lehne den Kopf zurück und sehe zu, wie die Welt draußen am Fenster vorbeizieht. Ich habe mein ganzes Leben in Portland verbracht und verbinde mit fast jeder Straße und jeder Ecke Erinnerungen. Aber auch die sind jetzt weit entfernt, sicher in der Vergangenheit versunken.

Vor einem ganzen Leben saß ich mit Lena auf diesen Picknickbänken und lockte Möwen mit Brotkrumen. Wir unterhielten uns übers Fliegen. Wir unterhielten uns über Flucht. Das war Kinderkram wie der Glaube an Einhörner und Zauberei.

Ich hätte nie gedacht, dass sie es wirklich tun würde.

Mein Magen krampft sich zusammen. Mir wird bewusst, dass ich seit dem Frühstück nichts gegessen habe. Ich habe offenbar Hunger.

»Ganz schön viel zu tun diese Woche«, sagt meine Mutter.

»Ja.«

»Und vergiss nicht, dass dich die Post heute Nachmittag interviewen will.«

»Das habe ich nicht vergessen.«

»Jetzt müssen wir nur noch ein Kleid für dich finden, das du bei Freds Amtseinführung tragen kannst, dann haben wir alles. Oder hast du dich schon für das gelbe entschieden, das wir neulich bei Lava gesehen haben?«

»Ich weiß es noch nicht«, sage ich.

»Was soll das heißen, du weißt es noch nicht? Die Amtseinführung ist schon in fünf Tagen, Hana. Und alle Augen werden auf dich gerichtet sein.«

»Also dann das Gelbe.«

»Ich habe allerdings keine Ahnung, was ich anziehen soll …«

Wir fahren inzwischen durchs West End, wo wir früher gewohnt haben. Diese Gegend war schon immer beliebt bei hohen Tieren in Kirche und Medizin: Priestern der Kirche der Neuen Ordnung, Regierungsvertretern, Ärzten und Forschern der Labors. Zweifellos wurde sie deshalb während der Unruhen nach den Zwischenfällen so heftig angegriffen.

Die Unruhen wurden schnell niedergeschlagen; es wird immer noch viel darüber diskutiert, ob sie Ausdruck einer richtigen Bewegung waren oder einfach nur das Ergebnis fehlgeleiteter Wut und der Leidenschaften, die wir so angestrengt auszulöschen versuchen. Auf jeden Fall hatten viele Leute das Gefühl, dass sie im West End zu nah am Zentrum waren, zu nah an den problematischeren Stadtvierteln, wo sich Sympathisanten und Widerständler verstecken. Viele Familien sind genau wie wir von der Halbinsel weggezogen.

»Hana, vergiss nicht, dass wir am Montag mit dem Caterer sprechen müssen.«

»Ich weiß, ich weiß.«

Wir fahren über die Danforth Street in die Vaughan Street, wo wir früher gewohnt haben. Ich beuge mich ein wenig vor und versuche einen Blick auf unser altes Haus zu erhaschen, aber die immergrüne Hecke der Andersons verbirgt es fast ganz und ich sehe nur kurz den grünen Dachgiebel.

Unser Haus steht genau wie das der Andersons und das der Richards gegenüber leer und das wird wahrscheinlich auch so bleiben. Wir sehen kein einziges ZU VERKAUFEN-Schild. Keiner kann sich momentan ein Haus leisten. Fred sagt, dass der wirtschaftliche Stillstand mindestens noch ein paar Jahre andauern wird, bis sich die Dinge wieder stabilisiert haben. Jetzt muss die Regierung erst mal die Kontrolle verstärken. Die Menschen müssen auf ihre Plätze verwiesen werden.

Ob die Mäuse schon bis in mein altes Zimmer vorgedrungen sind und ihre Köttel auf dem polierten Holzboden hinterlassen haben und ob die Spinnen in den Ecken schon Netze gewebt haben? Bald wird das Haus aussehen wie Brooks Street 37, kahl, geradezu ausgelutscht. Es wird langsam vom Termitenfraß in sich zusammenfallen.

Das ist jetzt auch anders: Ich kann ohne das frühere Gefühl des Erstickens an die Brooks Street 37 und an Lena und Alex denken.

»Und die Gästeliste, die ich dir in dein Zimmer gelegt habe, bist du bestimmt auch noch nicht durchgegangen.«

»Ich bin noch nicht dazu gekommen«, sage ich geistesabwesend, während ich nach draußen schaue und sehe, wie die Häuser am Fenster vorbeiziehen.

Wir biegen auf die Congress Street ein und die Gegend verändert sich schnell. Bald kommen wir an einer der beiden Tankstellen Portlands vorbei, an der eine Gruppe Aufseher mit erhobenen Gewehren Wache hält; dann an Billigläden und einem Waschsalon mit ausgeblichener orangefarbener Markise; an einem schmuddeligen Lebensmittelgeschäft.

Plötzlich beugt sich meine Mutter vor und legt eine Hand auf Tonys Rückenlehne. »Stellen Sie das lauter«, sagt sie mit scharfer Stimme.

Er dreht an einem Rad am Armaturenbrett.

»Infolge des kürzlichen Ausbruchs in Waterbury, Connecticut …«

»O Gott«, sagt meine Mutter. »Nicht schon wieder.«

»… sind alle Bürger, besonders die in den südöstlichen Vierteln, eindringlich aufgefordert worden, sich in die Notunterkünfte im benachbarten Bethlehem zu begeben. Bill Ardury, Kommandant der Sondereinheit, beruhigte die besorgten Bürger. ›Die Situation ist unter Kontrolle‹, sagte er während seiner siebenminütigen Ansprache. ›Staatliche und städtische Militärangehörige kooperieren, um die Krankheit einzudämmen und sicherzustellen, dass das Gebiet baldmöglichst abgeriegelt, gesäubert und desinfiziert wird. Es gibt keinerlei Anlass, weitere Ansteckung zu befürchten …‹«

»Das reicht«, sagt meine Mutter unvermittelt und lehnt sich zurück. »Ich kann mir das nicht länger anhören.«

Tony dreht wieder am Radio herum. Auf den meisten Sendern hört man nur Rauschen. Letzten Monat sorgte die Entdeckung der Regierung, dass diverse Wellenlängen von den Invaliden gekapert worden waren, für Schlagzeilen. Es war gelungen, kritische Botschaften abzufangen und zu entschlüsseln, was zu einer erfolgreichen Razzia in Chicago und der Festnahme eines halben Dutzends führender Invaliden geführt hatte. Einer von ihnen war verantwortlich für die Planung des Anschlags in Washington D.C. letzten Herbst, bei dem siebenundzwanzig Menschen, darunter eine Mutter und ein Kind, getötet worden waren.

Ich war froh, als die Invaliden hingerichtet wurden.

Einige Leute waren der Meinung, dass die Giftspritze zu human für verurteilte Terroristen sei, aber ich fand, dass man damit eine mächtige Botschaft aussandte: Nicht wir sind die Bösen. Wir sind vernünftig und nachsichtig. Wir stehen für Gerechtigkeit, Struktur und Organisation. Es sind die anderen, die Ungeheilten, die für Chaos sorgen.

»Das ist wirklich abstoßend«, sagt meine Mutter. »Wenn wir gleich bombardiert hätten, als die Probleme … Tony, passen Sie auf!«

Tony steigt auf die Bremse. Die Reifen quietschen. Ich werde nach vorn geschleudert und knalle fast mit der Stirn gegen die vordere Kopfstütze, als mich der Sicherheitsgurt zurückreißt. Ein dumpfes Geräusch ist zu hören. Es riecht nach verbranntem Gummi.

»Scheiße«, sagt meine Mutter. »Scheiße. Was um Gottes willen …?«

»Tut mir leid, Madam, ich hab sie nicht gesehen. Sie kam plötzlich zwischen den Müllcontainern da vorne …«

Ein Mädchen steht vor dem Auto, die Hände flach auf der Motorhaube. Ihre Haare umschließen ihr dünnes, schmales Gesicht wie ein Zelt und ihre Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen. Sie kommt mir bekannt vor.

Tony fährt das Seitenfenster herunter. Der Gestank der Müllcontainer – von denen mehrere nebeneinanderstehen – dringt in den Wagen, süßlich und verfault. Meine Mutter hustet und hält sich die Hand vor die Nase.

»Alles in Ordnung?«, ruft Tony und streckt den Kopf aus dem Fenster.

Das Mädchen antwortet nicht. Sie atmet heftig, hyperventiliert beinahe. Ihr Blick huscht von Tony zu meiner Mutter auf der Rückbank und dann zu mir. Ein Schreck durchfährt mich.

Jenny. Lenas Großcousine. Ich habe sie seit dem letzten Sommer nicht mehr gesehen, und sie ist inzwischen viel dünner. Sie sieht auch deutlich älter aus. Aber es ist zweifellos Jenny. Ich erkenne die Art, wie sie die Nasenflügel bläht, ihr stolzes spitzes Kinn und die Augen.

Mir ist klar, dass sie mich auch erkannt hat. Bevor ich etwas sagen kann, nimmt sie mit einem Ruck die Hände von der Motorhaube und flitzt über die Straße. Sie trägt einen schäbigen Rucksack mit Tintenflecken, den ich als Lenas alten erkenne. Auf einer der Seitentaschen stehen in schwarzen runden Buchstaben zwei Namen: Lenas und meiner. Wir haben sie in der siebten Klasse auf ihre Tasche geschrieben, als uns im Unterricht langweilig war. An jenem Tag erfanden wir unser kleines Codewort, unseren Anfeuerspruch, den wir uns später bei Crosslaufwettkämpfen immer zuriefen. Halena. Eine Kombination aus unseren beiden Namen.

»Um Himmels willen. Man sollte meinen, dass das Mädchen alt genug ist, um zu wissen, dass man nicht einfach so ohne zu gucken auf die Straße rennt. Ich hätte beinahe einen Herzinfarkt bekommen.«

»Ich kenne sie«, sage ich automatisch. Ich habe das Bild von Jennys großen dunklen Augen und ihrem blassen Skelettgesicht immer noch im Kopf.

»Was soll das heißen, du kennst sie?« Meine Mutter dreht sich zu mir um.

Ich schließe die Augen und versuche an friedliche Dinge zu denken. An die Bucht. An Möwen, die am blauen Himmel kreisen. An Ströme aus makellosem weißen Stoff. Aber stattdessen sehe ich Jennys Augen, die scharfen Kanten ihrer Wangen und ihres Kinns. »Das war Jenny«, sage ich. »Lenas Großcousine …«

»Pass auf, was du sagst«, unterbricht mich meine Mutter scharf. Mir wird zu spät klar, dass ich den Mund hätte halten sollen. Lenas Name ist in unserer Familie schlimmer als ein Fluch.

Jahrelang war Mom stolz auf meine Freundschaft mit Lena. Sie sah es als Ausdruck ihres Liberalismus’. Wir verurteilen das Mädchen nicht wegen seiner Familie, erklärte sie Gästen, wenn die das Gespräch darauf brachten. Die Krankheit ist nicht erblich; das ist eine überholte Vorstellung.

Als Lena sich dann mit der Krankheit ansteckte und es ihr gelang zu fliehen, bevor sie behandelt werden konnte, fasste meine Mutter das fast als persönliche Beleidigung auf –, als habe Lena das nur getan, um sie bloßzustellen.

All die Jahre über durfte sie bei uns ein und aus gehen, sagte sie in den Tagen nach Lenas Flucht immer wieder zusammenhanglos. Obwohl wir die Risiken kannten. Alle haben uns gewarnt … Tja, wahrscheinlich hätten wir auf sie hören sollen.

»Sie sah dünn aus«, sage ich.

»Tony, nach Hause.« Meine Mutter lehnt den Kopf an die Kopfstütze und schließt die Augen. Ich weiß, dass das Gespräch damit beendet ist.

lena

Mitten in der Nacht wache ich aus einem Albtraum auf. Grace war unter den Dielen unseres alten Zimmers in Tante Carols Haus gefangen. Schreie drangen von unten herauf– Feuer. Das Zimmer war voller Rauch. Ich versuchte Grace zu packen, sie zu retten, aber ihre Hand entglitt meinem Griff immer wieder. Meine Augen brannten, der Rauch raubte mir den Atem und ich wusste, wenn ich jetzt nicht davonlief, würde ich sterben. Aber sie weinte und schrie, ich solle sie retten, sie retten…

Ich setze mich auf und wiederhole in Gedanken Ravens Maxime– die Vergangenheit ist vorbei, es gibt sie nicht–, aber es nützt nichts. Ich kann das Gefühl von Gracies zierlicher, schweißnasser Hand, die meinem Griff entgleitet, nicht abschütteln.

Das Zelt ist überfüllt. Dani liegt dicht neben mir und drei weitere Frauen drängen sich an sie.

Julian hat im Moment noch ein Zelt für sich allein. Es ist ein kleines Zugeständnis. Man gibt ihm Zeit, sich hier einzuleben, genau wie mir, als ich damals in die Wildnis geflohen war. Es dauert eine Weile, bis man sich an das Gefühl der Nähe und der Körper, die dauernd an einen stoßen, gewöhnt hat. In der Wildnis gibt es keine Privatsphäre und auch für Prüderie ist kein Platz.

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