Resurrection Inc. - Kevin J. Anderson - E-Book
Beschreibung

Der Debütroman von New York Times-Bestseller Autor Kevin J. Anderson (ebenfalls bekannt durch seine Roman für DUNE, AKTE X und STAR WARS). Die Firma Resurrection Inc. lässt die Toten wiederauferstehen. Ausgestattet mit einem Mikroprozessor im Gehirn, einem synthetischen Herzen und künstlichem Blut, wird aus einer frischen Leiche ein Hausdiener für jedermann. Für den entrichteten Kaufpreis erhält man einen vorprogrammierten Diener, dessen Erinnerungen an sein letztes Dasein völlig erloschen sind. Vermutlich. Doch dann war da noch Danal. Er war das Opfer einer fortwährend wachsenden Organisation geworden, die sich Neosatanisten nennen. Dieser Kult strebt nach einem eigenen Himmel, den er in den Tiefen der Hölle sucht. Danal wird von ihnen ermordet und von der Firma Resurrection Inc. zurückgebracht. Doch er fängt an, sich an sein letztes Leben zu erinnern. Bald weiß er wieder, wer ihn ermordet hat, wer er gewesen ist und welche Pläne Resurrection Inc. noch verfolgt.

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Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über

http://dnb.dnb.deabrufbar.

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Resurrection, Inc.«

Copyright © 1988, 2014 WordFire, Inc. All rights reserved. First published by Signet Books 1988, reissued by WordFire Press 2010 and ECW Press 2014. www.wordfirepress.com

Copyright der deutschen Übersetzung ©2015 by Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Übersetzung, Herstellung, Satz, Lektorat: Papierverzierer Verlag

Cover, Coverlayout: Michael Schubert

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sindurheberrechtlichgeschützt. Sie dürfen ohne vorherigeGenehmigungweder ganz noch auszugsweise kopiert,verändert, vervielfältigt oderveröffentlichtwerden.

ISBN 978-3-95962-003-1

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www.papierverzierer.de

Für John Postovit und Kristine Kathryn Rusch,

die mich durch die vielen Versionen dieser Geschichte begleitet haben.

Und auch für Neil Peart, Geddy Lee und Alex Lifesonvon RUSH,deren eindrucksvolles AlbumGrace Under Pressureeinen

Inhaltsverzeichnis
Resurrection Inc.
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Teil 2
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Teil 3
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Teil 4
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Danksagungen
Kevin J. Anderson

Teil I

Wiederauferstehung

Kapitel 1

Lange nach dem Beginn der Ausgangssperre fanden die beiden Soldaten den Toten auf der Straße. Die nächtliche Atmosphäre der Stadt umgab sie, erfüllte die Luft mit einem schweren, feuchten Nebel, der zwischen den großen und dunklen Gebäuden hervorquoll. Der Gestank von frischem Blut, von Rauch und dem Schweiß dichtgedrängter Körper erfüllte die Luft.

Der erschlagene Mann war nackt und er hielt seine Arme und Beine von sich gestreckt, so dass sie perfekt in die Zacken des mit Blut gezeichneten Pentagramms zeigten, in dessen Mitte er lag. An jeder der fünf Spitzen brannten Kerzen aus schwarzem Paraffin, mit künstlichen Rillen an den Seiten, über die das Wachs abfließen konnte, so dass sie noch älter wirkten, als sie eigentlich waren. Eine riesige Messerwunde hatte den Brustkorb des Opfers geöffnet und ließ ihn aufklaffen, so dass er wie ein zusätzlicher Mund aussah.

Mit stotternden Heckdüsen schwebte das gepanzerte Hovercar der Soldaten zu den Pflastersteinen hinunter. Als das Summen des Motors verstummt war, stieg Soldat Jones, ein großer und schlanker dunkelhäutiger Mann, aus der Maschine. Er zögerte und blieb in der Nähe des Hovercars. »Schon wieder Neo-Satanisten!«, murrte er und atmete schwer.

Der andere Soldat, mit dem Namen Frampton, war derselben Meinung. »Bei denen läuft‘s mir echt eiskalt den Rücken runter.« Er marschierte voraus, wirkte dabei amüsiert und selbstbewusst.

Auffällige Waffen zeichneten sich in den Taschen und Halftern der weißen Rüstung des Soldaten ab; stabile Helme mit schwarzen Laserschutzvisieren schützten ihre Gesichter. In den glücklicherweise kurzen vier Wochen, in denen ihm Frampton zugeteilt worden war, hatte Jones niemals das Gesicht seines Partners gesehen, aber irgendwie stellte er sich vor, dass er darunter ein dummes jungenhaftes Grinsen, Haut voller Pickel und krauses Haar vorfinden würde. Frampton glaubte anscheinend, dass alles lustig war, dass alles ein Spiel war. Doch es spielte keine Rolle – weder waren sie Freunde, noch würden sie es jemals sein. Jeder andere Soldat brachte mehr Gemeinschaftssinn, mehr Teamgeist mit. Andererseits sollte das Jones‘ letzte Nacht auf Streife sein. Daher war es ihm egal.

»Soll ich die Kerzen ausmachen?«, fragte Frampton.

Jones trat vom Hovercar weg, schüttelte seinen Ekel vor dem Pentagramm und dem dazugehörigen Blutopfer ab. »Nein, das werde ich machen. Du kümmerst dich um seine ID.«

Frampton holte ein paar Werkzeuge aus dem Hovercar zurück, während Jones nach und nach jede der fünf schwarzen Kerzen mit der Sohle seines weißen Stiefels zertrat. In einiger Entfernung konnte er durch die Lücken zwischen den massiven, alten Gebäuden die Positionslichter eines anderen Streifenwagens erkennen, der gerade auf seiner Route unterwegs war.

Frampton machte eine Menge unnötigen Lärm, da er seine Ausrüstung auf die Pflastersteine inmitten des Pentagramms fallen ließ. Er wählte eine der Scanscheiben aus seiner Ausrüstung und drückte sie auf eine Hand des Toten. Die optischen Detektoren kopierten die Wirbel und Linien der Fingerabdrücke des Mannes und suchten nach einem passenden Gegenstück im riesigen Online-Netzwerk der Stadt.

»Nichts im Netz über ihn.« Frampton überprüfte es noch einmal, aber es kam die gleiche Antwort heraus.

»Nur Nummern«, sagte Jones.

»Ich frage mich, wie die Neo-Satanisten andauernd Typen erwischen, die es nicht in den Datenbanken gibt? Eigenartig.« Frampton klang atemlos. Er versuchte Jones ständig ein Gespräch aufzuzwingen. Ständig.

Er drehte sein ausdrucksloses, schwarzes Visier für einen langen und stillen Moment in die Richtung seines Partners. Am liebsten hätte er völlig kalt reagiert, wäre gern barsch mit dem anderen Soldaten umgesprungen. Immerhin war es zu spät dazu, um sich anzufreunden – er musste das Theater ohnehin nur noch für eine weitere Nacht durchstehen. »Woher weißt du, dass sie nicht die Daten im Netz verändern?«

Frampton dachte für einen stillen Moment darüber nach. »Das wäre wahnsinnig ausgeklügelt!«

»Glaubst du nicht, dassdasausgeklügelt ist?« Jones zeigte mit der Hand auf den Körper, die Kerzen und das Pentagramm. »Soldaten kommen alle fünf Minuten nach Beginn der Ausgangssperre in dieses Gebiet. Du weißt, wie korrekt sie sind, in was für Abständen sie hier patrouillieren – aber die Neo-Satanisten schaffen es trotzdem, den Körper auf die Straße zu zerren, das Pentagramm zu malen, die Kerzen anzuzünden und zu verschwinden, bevor wir hier ankommen.«

Nur Mitgliedern der Soldaten-Gilde war es erlaubt, auf den Straßen des Bay Area Metroplex zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang unterwegs zu sein. Jones verstand nicht völlig den Grund für die Ausgangssperre – er hatte von Gerüchten über einen möglichen Krieg irgendwo gehört, obwohl er keine Anzeichen eines Kampfes gesehen hatte. Andere, gescheitere Personen, erwähnten als mögliche Ursache die gelegentlichen, gewaltsamen und von den verärgerten Blaukragen verursachten Unruhen. Das hatte allein die Ursache, dass die sogenannten Blaukragen, von Dienern der Resurrection Inc. verdrängt worden waren und somit ihre Jobs verloren hatten.

Jones hatte selbst an einigen der von der Gilde nach Einbruch der Dunkelheit inszenierten Straßenkämpfen teilgenommen. Niemand wurde ernsthaft verwundet – der Schaden belief sich üblicherweise nur auf ein paar zerschossene Palmen, eine Handvoll versengter Dächer und eine Menge Lärm auf den Straßen. Das alles hörte sich schrecklich und gefährlich genug für die öffentliche Meinung der Menschen an, die in ihren Unterkünften kauerten, für die sie immer dankbar sein würden, da sie darin geschützt waren. Außerdem gab es all den Soldaten eine Aufgabe.

Früh an diesem Abend, hatten Jones und Frampton einen untersetzten asiatischen Mann gefangen genommen, der sich unter dem Vordach eines abgedunkelten Geschäftskomplexes niedergekauert hatte. Der Mann hatte versucht, sich zu verstecken, offenbar ohne zu wissen, wohin er gehen sollte – wobei es natürlich auch keine Chance gegeben hätte, den Soldaten zu entkommen.

Frampton hatte zwei seiner Waffen gezogen und wollte auf den Unglücklichen zugehen, aber Jones hielt seinen Partner zurück und hörte dem Geplapper des untersetzten Mannes zu, während er eine Erklärung stammelte. Seine Ehefrau und er hatten sich gestritten, dabei war er aus ihrer Wohnung gestürmt, wohl einerseits weil er die Ausgangssperre vergessen hatte oder andererseits, weil er in der Situation nicht daran gedacht hatte. Jetzt ließe ihn seine Ehefrau nicht mehr herein, so dass er versucht hatte, sich bis zur Dämmerung zu verstecken.

Hilflos tippte der asiatische Mann sein Passwort in das Online-Terminal des gepanzerten Hovercars; seine ID war ausgeloggt.

»Du weißt, was wir jetzt tun müssen?«, fragte Jones hinter seinem Visier.

Der Mann schluckte und ließ resigniert seinen Kopf hängen. »Ja.«

»Alle Ihre Online-Zugriffsrechte werden für eine Woche eingefroren. Tut mir leid. Aber Ausgangssperre ist Ausgangssperre.« Während Frampton und Jones ihn nach Hause brachten, blieb der asiatische Mann hinter dem Absperrfeld im hinteren Teil des Hovercars, und die miese Laune war ihm deutlich anzusehen.

Solange das Netz seine Identität nicht anerkannte, würde der Mann für den Rest der Woche nicht existieren: er wäre nicht in der Lage, irgendetwas zu kaufen, per Videoübertragung oder auch nur so zu telefonieren, irgendein Entertainment zu nutzen, oder sogar in sein eigenes Haus einzutreten, sofern ihn niemand dort einließ.

Die Ehefrau dieses Mannes hatte erschrocken ausgesehen, aber wenig überrascht gewirkte, als die Soldaten zu ihr kamen, um ihren Ehemann zurück in die Wohnung zu geleiten; sie schien wenig erfreut, über sein Heimkommen und die Aussicht, für die kommende Woche alles selbst erledigen zu müssen, machte sie offenbar noch wütender, als sie es zuvor ohnehin gewesen sein mochte.

-

Am Tatort öffnete Frampton dieses gekühlte, luftdichte Segment im hinteren Teil des Hovercars und wandte sich dann wieder dem erschlagenen Mann im Pentagramm zu. »Geh mir mal zur Hand.«

Jones beugte sich herunter, um die kalten, nackten Füße der Leiche zu greifen, während der andere Soldat den Toten unter den Achseln packte. Er konnte das gummiartige Fleisch der Knöchel des Opfers sogar durch seine Flexstahl-Gewebe-Handschuhe fühlen.

Frampton schnaubte missbilligend, während er sich den in den Brustkorb des Toten eingeritzten Mund besah. »Nun. Dann geht es also jetzt in die Fabrik für dich, mein Junge. Ich wette, nach dem Abteilungswechsel wird dir bald die Aufregung von hier draußen fehlen.«

Abteilungswechsel galten als Strafe in der Soldaten-Gilde, und auch Jones hatte zuvor so gedacht. Bis zu jenem Moment, in dem er sich während einer der seltenen Tagesschichten auf der Straße befand. Es hatte ihn erstarren lassen und sein Gewissen hatte seitdem angefangen, ihm andauernd reinzureden, denn er hatte eine Dienerin gesehen, die mitten in ihrer Arbeit aufgehört hatte und einfach davongerannt war.

Alle Diener waren wiederbelebte Leichnahme, tote Körper, denen man Mikroprozessoren in die Gehirne gepflanzt hatte, damit sie sich wieder bewegen konnten. Dies brachte sie dazu, zu gehen, zu sprechen, und sie taten das, was man ihnen sagte. Sie erfüllten niedrige und monotone Aufgaben und waren darüber hinaus viel günstiger als Androiden, die man zuvor hergestellt hatte.

Aber trotz ihres rasierten Kopfes, der leblosen Blässe ihrer Haut und des grauen Overalls, den alle Diener wie eine Uniform trugen, hatte Jones so seine Schwierigkeiten damit, zu leugnen, dass dieser sich auflehnende, weibliche Diener nicht menschlich war, dass sie wirklich tot und nicht einfach nur wiederbelebt war, dass sie wirklichunwichtigwar.

Für den Soldaten war die Maßregelung der Gilde daraufhin eher ironisch: Am nächsten Morgen sollte Jones von seinem leichten Dienst während der Ausgangssperre zur Ganztagsschicht bei Resurrection Inc. wechseln, wo er wiederauferstandene Diener zu ihren Einsatzorten eskortieren sollte.

Nun, und zumindest würde es ihn von Frampton und seinem ständigen dämlichen Geplapper fortbringen.

Sie brachten den erschlagenen Mann in das hintere Abteil des Hovercars und falteten Arme und Beine, damit er in den Bereich hineinpasste. Über die kleine Online-Tastatur in seiner Hand gab Frampton die Daten von ihrer Entdeckung ein. »Todesursache festgestellt«, sagte Frampton. »Eine einzelne Wunde, kein anderer sichtbarer körperlicher Schaden, keine ID-Informationen im Netz.«

Jones blickte auf die Wunde im Brustkorb des Mannes. »Einverstanden.«

»Zur Resurrection Inc.? Richtig?«

»Yeah.«

Frampton senkte seine Stimme ein bisschen. »Oh Mann, ich hoffe, dass mir so was niemals passiert.« Wegen des dunklen Visiers konnte Jones den Ausdruck auf dem Gesicht seines Partners nicht lesen.

Jones schloss das hintere Abteil und stellte die Kontrollen auf›Tiefkühlen‹. Ein Zischen erfüllte die Luft. Er wusste genau, was Frampton meinte, aber er fragte trotzdem: »Was meinst du? Du willst kein Opfer der Neo-Satanisten sein oder nur nicht zum Diener werden?«

»Weder noch.«

Kapitel 2

Im sechsten Untergeschoss der Resurrection Inc. legte der Techniker den Körper von Tank 66 auf einen sauberen Kontrolltisch. Die Arme des Körpers hingen schlaff herunter, zwar noch tropfend, aber schon einsatzbereit, so wie der Techniker sie eingestellt hatte. Nach vier Tagen der Aufbereitung waren die Muskeln von der Starre befreit und das tote Gehirn konnte mit der Dienerprogrammierung überschrieben werden. Der Raum roch so stark nach Chemikalien, dass die Augen und Nasen der Techniker oft sogar noch zwei Jahre nach Beendigung der Tätigkeit brannten.

Auf der Tasche des reißfesten Laborkittels, den der Techniker trug, hatte er vorsichtig den Namen »Rodney Quick« mit einem Laser eingraviert, denn so würde ihn niemand stehlen. Dies war unnötig, da Rodney Quick im Allgemeinen der einzige Mensch war, der eine ganze Schicht allein im Untergeschoss Sechs zubrachte; alle anderen Arbeiter waren Diener – kahlgeschoren und mit ihrem speziellen grauen Overall ausgestattet – und kein Diener dachte im Traum daran, seinen Laborkittel zu stehlen. Aber der eingravierte Name gab Rodney das Gefühl, wichtig zu sein. Und so würden er und seine Arbeit auch von jemandem beachtet werden, wer auch immer auf ihn aufmerksam werden würde.

Rodney richtete die biegsamen Glieder des toten Körpers, während Tropfen des Lösungsbades herunterfielen und über die im Boden eingelassenen Entwässerungsrillen abflossen. Der Techniker summte, als er ein Bündel zerfetzter, doppelseitiger Schwämme fand und damit die dickflüssige Lösung vom Körper abtupfte.

Volles und weiches braunes Haar hing glatt von der einen Seite seines Kopfes herunter, wohingegen sich Rodney das Haar auf der anderen Seite völlig abrasiert hatte, so dass die Kopfhaut über seinem Ohr zu sehen war. Er kam immer ein bisschen näher als jeder, der ihn jemals einzuschüchtern versucht hatte, und seine wässerigen blauen Augen flatterten stets von einer Seite zur anderen. Er trug einen Goldring am linken Nasenflügel und zwei aufgeklebte Fingernägel an der rechten Hand, was irgendwie modisch wirken sollte.

Beim Einstellen der hellen Arbeitslampe, ließ Rodney den hellsten Punkt des Lichtstrahls über den nackten Körper des Mannes fahren und leuchtete auch die offenstehende Opferwunde in der Mitte des Brustkorbs aus. Neben dem Arbeitstisch fielen scharfkantige Schatten auf den Fußboden, die sofort als grotesk verzerrte Abbilder auf jede Bewegung Rodneys reagierten. Das erinnerte ihn an die Monster, die er sich unter seiner Betteinheit vorgestellt hatte, als er noch ein Kind gewesen war.

Der Diener-Rohling aus Tank 66 hatte gerade die vielen Tage der Initiierungs-Sequenz des Wiederauferstehungsprozesses abgeschlossen, in denen das Objekt in einer Lösung voller Reinigungsbakterien eingeweicht worden war, die die Milchsäure aus den Muskeln entfernte und die Leiche von Dreck und unverdautem Essen säuberte. Als ein letzter Schritt, bevor der Körper zum Kontrolltisch gebracht worden war, hatte Rodney alle Blutgefäße entwässert und sie mit einer Salzlösung als Vorbereitung für das SynBlut befüllt.

Rodney schob eine vergrößernde Schutzbrille über seine Augen und beugte sich hinunter, um die Wunde im Brustkorb des Mannes genauer zu untersuchen. Sein eigener Schatten fiel über den geschundenen Körper, aber Rodney bemerkte ihn nicht, da sein Sichtfeld auf Grund der Brille eingeschränkt war. Der Techniker konnte sehen, dass die Wunde ziemlich sauber war; das Gewebe war durchtrennt und die Adern und Arterien waren zerrissen worden, aber Rodney glaubte nicht, dass es schwierig wäre, das zu reparieren.

Er maß den Brustkorb und ging – er ließ den Tisch unbeaufsichtigt –, um nach einem angemessenen SynHerz zu suchen. Im Wiederauferstehungsraum liefen andere Diener herum, erfüllten ihre vorprogrammierten Aufgaben, überprüften Listen und überwachten die Tanks, wobei sie jede Aktion sorgfältig notierten. Rodney dachte oft an die Ironie der Funktion von assistierenden Dienern im Untergeschoss Sechs – es war ein bisschen so, als würden Rinder in einem Schlachthaus mitarbeiten.

Der Techniker stand schließlich vor der Tür zum Vorratsraum für Organe und tippte die Eingabeaufforderung in das an der Tür angebrachte Online-Terminal ein. Ein paar Momente später, begleitet von einer Wolke aus kryogenem Nebel, glitt die Tür auf und ein blinkendes Licht wies auf den Platz an dem sich eine passende Herzpumpe befand. Rodney entnahm das SynHerz und es reizte ihn sehr, während er den feucht-riechenden Lagerraum verließ, das Organ in die Luft zu werfen und es wieder aufzufangen. Aber er hielt sich zurück – so wie immer, schließlich konnte ja die Aufseherin zusehen.

»Aus der Nutzlosigkeit des Sterbens, erschaffen wir den Dienst für die Menschheit«, lautete die Inschrift über den Aufzugtüren – ein Zitat von Francois Nathans, dem Chef der Resurrection Inc. Rodney hatte auf einmal das Zitat nach zwei Jahren wiederentdeckt, in denen er dort unten gearbeitet hatte, und er war sich nicht sicher, ob man es jemals mit einer zu großen Portion Ernsthaftigkeit oder zu großer Respektlosigkeit gebrauchen sollte.

Einige wichtige Kriterien mussten erfüllt werden, ehe Rodney den Wiederauferstehungsprozess einleiten konnte. Die Soldaten waren sich nicht immer im Klaren darüber, was sie taten, wenn sie einen Körper zu ihm brachten. Rodney lehnte einige Diener-Rohlinge ab, wenn sie zu sehr zerstückelt worden waren, oder wenn die Verwesung zu weit fortgeschritten war. Ein potenzieller Diener musste im Allgemeinen das Opfer eines plötzlichen Todes gewesen sein – eine durch kräftezehrende Krankheit oder aufgrund des Alters gestorbene Person war unbrauchbar, da die Funktionsweise des Körpers schon beschädigt wäre. Und Rodney Quick war nicht dazu bereit, seine ganze Zeit damit zu verschwenden, Nervenstränge zu flicken, zueinander passende Muskelfasern zu verpflanzen und auf einem Schrottplatz voller SynAugen, SynLebern und SynLungen zu hocken – nein, danke.Soverzweifelt war das Unternehmen noch nicht, dass es um jeden Preis Diener am Leben erhalten wollte. Außerdem musste der ganze Prozess kostengünstig bleiben, denn ansonsten wäre das ganze Geschäftskonzept hinfällig.

Ein Unfalltoter, ein Vergifteter oder sogar jemand, der an einem Herzstillstand gestorben war, galt noch als brauchbar. Die Soldaten brachten sogar die nur teilweise angemessenen Körper herein, mal jemanden, den sie nach Beginn der Ausgangssperre oder während des Tages tot aufgefunden hatten, mal im Bett gestorben und mal während einer der Straßenschlachten. Manchmal fragte sich Rodney, wie viel Einfluss Francois Nathans auf die Soldaten hatte, da die Gilde wie selbstverständlich mit ihm zusammenarbeitete, obwohl Nathans sie öffentlich dafür kritisierte, ihnen allen den »Schutz« der Gilde aufzuzwingen.

Unzureichende Diener-Rohlinge und andere abgelehnte Körper wurden verschickt und zu Tierfutter für die Viehbetriebe im verödeten mittleren Westen verarbeitet. Klar, manchmal jammerten die Familien darüber, nicht den Körper ihres geliebten Angehörigen für welche Begräbnisriten auch immer zur Verfügung gestellt zu bekommen, aber Nathans und sein Partner Stromgaard Van Ryman hatten es vor Gericht erstritten – sowohl gesetzlich als auch moralisch – und die Öffentlichkeit davon überzeugt, dass die Toten eine bedeutende Quelle, ja, einen Rohstoff darstellten, der der Menschheit von großem Nutzen sein würde. Was für eine Verschwendung es doch wäre, meinten sie, wenn man den toten Körper einfach nutzlos in der Erde versenken würde, nur damit ein paar Familienmitglieder darüber weinen könnten.

Rodney brachte das SynHerz zum Tisch und atmete tief ein, während er die Raumtemperatur runterregelte, damit er nicht ins Schwitzen geriet. Dann nahm er seine vergrößernde Schutzbrille ab, ordnete seine Werkzeuge und begann zu arbeiten. Er benutzte arterielle Dichtungsmittel, kapillare Pfropfen und Zellzement, um die Herzpumpe fest an Ort und Stelle einzubauen. Beinahe jede halbe Stunde fuhr ein Schmerz durch seinen steifen Rücken.

Der Techniker arbeitete allein, in Ruhe, und schließlich steckte er die kleine, kugelförmige Batterie in die Herzkammer des SynHerzes und dachte daran, während er die Wunde des Brustkorbs schloss, wie erstaunlich leicht es ihm von der Hand ging. Sein Rückgrat schmerzte und seine Finger waren steif, aber es erfüllte ihn mit Stolz, wieder seine Fähigkeit bewiesen zu haben. Sollte doch die Aufseherin zu leugnen versuchen, dass er einer der verdammt besten Techniker der Resurrection Inc. war.

Da Rodneys Eltern Blaukragen gewesen waren, hatte er sich bei allem selbst durchkämpfen müssen. Das konnte nur geschehen, weil er Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen mitbrachte. Er hatte seine Teenagerjahre mit Angst zugebracht, wusste, dass er dazu verurteilt war, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten, die einer lästigen körperlichen Arbeit nachgegangen waren, zu der man weder Hirn noch Talent brauchte. Und sogar diese trostlose Zukunft war ihm auch noch durch die Diener Revolution gestohlen worden.

Aber Rodney hatte genug Jahre damit zugebracht, um ein bisschen zu planen, um sich darüber klar zu werden, wie er sich anpassen musste, um in einer sich rasch verändernden neuen Welt zu überleben. Er hatte überall im Internet recherchiert, alle möglichen Quellen durchsucht, hatte sich abgeschottet, seine Teenagerwelt nur auf helle Bildpunkte fokussiert. Er hatte auf der Leiter des Erfolgs jegliche Anstrengung aufgebracht, die nötig gewesen war, um Sprosse für Sprosse nach oben zu steigen, bis er schließlich eine Position erreicht hatte, auf der er sich wichtig fühlen könnte: als Haupt-Techniker im Untergeschoss Sechs der Resurrection Inc.

Aber auch hier wurden die Blaukragen-Jobs, die unteren Ränge auf der Leiter des Erfolgs, mit Dienern besetzt – und so fand sich Rodney Quick wieder nah am Boden, obwohl es keineswegs seine eigene Schuld gewesen war.

Rodneys Vater, ein ehemaliger Angestellter in einer Fabrik, die Shampoo- und Seifenprodukte herstellte, war in einer der frühen Anti-Diener-Demonstrationen getötet worden, als er die volle Wucht des Elektro-Gewehrs eines Soldaten zu spüren bekam. Rodneys Mutter, die aus ihrem Job als Spülkraft des Sonnenschein-Cafés geflogen war, lebte von da an von der Blauen Zuteilung, ein spezieller Fond, der durch einen Teil des Kaufpreises der Diener finanziert wurde. Seine Mutter zog von da an ziellos und teilnahmslos mit den anderen gleichgültigen Blauen durch die Straßen, für die es keine weitere Ausbildung und keine Hoffnung auf irgendeine Art Beschäftigung gab. Der Wettkampf um die übriggebliebenen Jobs war brutal, und Rodneys Mutter hatte nicht das Durchhaltevermögen oder die Begeisterungsfähigkeit, um etwas zu kämpfen, von dem sie immer gedacht hatte, es stünde ihr zu. Genauso wenig wollte sie etwas mit ihrem Sohn zu tun haben, an dem der Gestank der Resurrection Inc. haften würde und in dessen Adern gleichzeitig das Blut ihres Ehemannes floss.

Rodney beendete die SynHerz-Operation an dem Diener-Rohling und versiegelte den Brustkorb des Toten, wobei er besonders darauf achtete, dass die Haut vernünftig saß.

Er setzte dann eine Bypass-Pumpe an, die ihren langsamen und sanften Prozess einleitete und die Blutgefäße mit SynBlut befüllte.

Rodney hielt seine Hände hinter seinem Rücken in einer napoleonischen Pose fest, ging von dem Tisch, auf dem der Diener lag, weg und ließ die Pumpen ihre Arbeit erledigen. Er inspizierte den ganzen Wiederauferstehungsraum wie ein Kommandant, der seine Truppen kontrolliert. Ab und zu halfen ihm menschliche Techniker mit Inspektionen und Operationen, aber meistens blieb Rodney der einzige Mensch im Untergeschoss Sechs.

Siebzig verschiedene Tanks reichten vom Fußboden bis zur Decke und waren in perfekter geometrischer Anordnung im Raum verteilt worden. Einige Tanks waren für das Anfangsbad mit Reinigungsbakterien bestimmt; andere gehörten zu einer Lösung von genetisch instabilen Bakterien, ein letzter Handgriff vor der Wiederbelebung. Zwischen einigen Tanks war ein Haltebereich im Fußboden eingelassen, in dem sich eine silberne, schlammartige Paste. Jederzeit hätte Rodney mehr als einhundert verschiedene Diener für die Wiederauferstehung vorbereiten können.

Als er sich auf seinen Job bei der Resurrection Inc. vorbereitet hatte, war Rodney im Netz der Geschichte der Diener und des Unternehmens nachgegangen. Nach den vielen fehlgeschlagenen Versuchen, einen brauchbaren, menschlich wirkenden Androiden zu bauen, waren die Forscher an der unüberwindlich erscheinenden Aufgabe verzweifelt, etwas so Hochentwickeltes wie einen menschlichen Körper herzustellen. Sogar die paar beinahe erfolgreichen Androiden-Versuche wären unerschwinglich teuer geworden, um sie in die Massen-Produktion zu geben – und wenn ein Androiden-Arbeiter mehr kostete als sogar ein Gewerkschafts-Arbeiter, warum also überhaupt der Aufwand?

Aber fünfzehn Jahre zuvor hatte Francois Nathans herausgefunden, dass es eine beinahe unerschöpfliche Menge an Nahezu-Androiden gab, die darauf wartete, genutzt zu werden: die perfekte Maschine des menschlichen Körpers, meistens als tot entsorgt, aber immer noch aus vollkommen brauchbaren Materialien mit wenig Reparaturbedarf. Bevor man versuche, Körper aus unbelebten Materialien serienmäßig herzustellen, solle man die zarten Mechanismen von Muskeln und Knochen und Sehnen und Sinnesorganen wieder instand setzen, behauptete Nathans, denn es würde mehr Sinn machen, einen neuen »Motor« in eine bereits existierende Apparatur zu stecken – die halt gerade nicht mehr funktionierte –, als alles von neuem zu entwerfen.

Der hochentwickelte, in den Kopf eines Dieners eingebettete Mikroprozessor verband sich mit dem Gehirn, stimulierte die Neuronen, simulierte das Leben. An den richtigen Synapsen befestigt, handelte der Mikroprozessor als kontrollierender Motor – als neuer Motor für die ausrangierte Maschine. Ein spezieller »Befehl« bannte alle Diener und ließ sie den Menschen gehorchen, ihre Reflexe zügeln und zwang sie, Anweisungen zu befolgen.

Was Rodney betraf, so waren für ihn Diener keine wirklichen Menschen; der Techniker konnte sie sich nicht als solche vorstellen. Natürlich bewegten sich die Körper, und Diener konnten antworten, wenn man mit ihnen redete, aber in ihnen befand sich keine wirklichePerson. Diener behielten ihre Sprachfähigkeiten und etwas Basiswissen – ein paar Dinge, die in dem Moment des Sterbens auf der Oberfläche des Temporallappens zurückblieben. Diener variierten auch. Einige verhielten sich wie schwachsinnige Zombies, die ausdrücklich Anweisungen für fast alles benötigten, aber andere behielten eine Art Restintelligenz und konnten fast im Plauderton antworten.

Aber kein Diener hatte eine Erinnerung an sein vergangenes Leben – das alles war entweder beim Sterben oder im Auferstehungsprozess gelöscht worden…oder vielleicht reichte der Mikroprozessor nur nicht tief genug, um diese Erinnerungen einzufangen. Es spielte keine Rolle. Auch wenn Rodney Quick so viel Kunstfertigkeit in ihre Erschaffung stecke, so waren sie doch alle nur Gebrauchsgegenstände: Maschinen, Geräte.

Ganz gewiss keine Menschen.

Rodney blieb stehen und glotzte den Körper einer gutgebauten jungen Frau an, die in einem der letzten Bäder schwamm und an ihrer Taille, an Handgelenken und Beinen mit Gewichten beschwert war. Die Frontplatte des Tanks war durchsichtig, und obwohl sie in der dicken goldfarbenen Lösung hing, konnte sich Rodney all ihre Details bis zu ihrer Vervollkommnung vorstellen. Sie war bereits rasiert worden, aber Rodney erinnert sich daran, wie sie hereingekommen war, tot, weil sie sich mit Gift selbst das Leben genommen hatte. Sie hatte volles rotes Haar gehabt, schön…fast wie die Farbe des Blutes. Rodney speicherte die Aufzeichnungen über diese Details stets ab.

Es schien, dass, wann immer er versuchte, eine Beziehung zu einer Frau einzugehen, selbst einer ehrlichen, gutherzigen Menschenfrau, sie diese immer abbrach. Händler des Todes wurden verachtet und sind schon in der gesamten Menschengeschichte gemieden worden, obwohl die Menschen in seiner Zeit stets behaupteten, vorurteilsfreier über diesen Dingen zu stehen. Leichenwäscher und Leichenbestatter, Küster während des Black Death, Totengräber, deretain Japan, »Resurrektionisten« im neunzehnten Jahrhundert, die verbotenerweise Leichen für medizinische Forschungszwecke zur Verfügung gestellt hatten. Wie zur Hölle sollte er gegen übriggebliebene kulturelle Gefühle ankämpfen?

Rodney fragte sich manchmal, ob das Schwitzen in den Teenagerjahren über seinem Internet-Terminal, um sich aus der drohenden Arbeitslosigkeit herauszuarbeiten und eine wirkliche Beschäftigung zu bekommen, ihn weniger sozialfähig gemacht hatte … nicht wirklich fähig, eine Beziehung zu anderen einzugehen. Er zog sich modisch an, entsprechend der Bilder in all den Online-Journalen. Er versuchte witzig zu sein, mitfühlend, interessant – doch Frauen verhielten sich sprunghaft, so unvorhersehbar, mit dem wahnsinnig energiegeladenen Verlangen, jemandemwehzutun.

Diener-Frauen hingegen sagten niemals ein böses Wort. Rodney legte seine Fingerspitzen auf das warme Glas des Finaltanks und starrte den nackten Körper der ehemals rothaarigen Frau an, wartete, während sie sich seicht in den langsamen Konvektionsströmen der amniotischen Flüssigkeit bewegte. Sein eigener Atem kondensierte auf dem Glas.

»Was genau tun Sie gerade, Mr. Quick?« Die Stimme einer Frau: tief und dick, monoton, aber mit einem Beiklang, der Rodneys Blut gefrieren ließ.

Die Aufseherin verschränkte ihre Arme vor einer dunkelvioletten, ärmellosen Tunika, auf der vereinzelte silberne Linien verliefen. Sie blickte auf Rodney herab und durch ihr stämmiges Auftreten erschien sie noch größer als sie eigentlich war. Ihr langes bläulich-blondes Haar war zu drei Zöpfen geflochten, ordentlich nach außen gestellt und am Rücken an ihrer purpurnen Tunika festgesteckt. Eine Online-Tastatur war ihr auf die Handfläche tätowiert worden. Die Augen der Aufseherin glänzten, wirkten abwesend, aber die harten Linien ihrer Brauen und ihrer Lippen zerstörten schnell den verträumten Blick, den sie gleichermaßen hätte tragen können. Obwohl sie ihn direkt anstarrte, fühlte sich Rodney, als ob die Aufseherin ihn mit vielen weiteren Augen überwachte als nur mit den beiden in ihrem Gesicht.

Einer der wenigen Menschen, die als eine wandelnde Schnittstelle mit dem Internet fungierten, war die Aufseherin, die die unteren Ebenen der Resurrection Inc. kontrollierte. In ihrem Gehirn war ein spezieller Onlineprozessor eingepflanzt worden, damit sie direkt mit dem Netz in Verbindung treten konnte. Schnittstellen gab es selten und sie wurden sehr geschätzt, daher hatte Francois Nathans sie zu seinereigenenAufseherin ernannt, die er schützte und für die er alles tat, um sie glücklich zu machen. Folglich erwartete eine Aufseherin auch keine Widerworte, wenn sie ihren geschäftlich wirkenden Fantasien nachging, die sie an ihren menschlichen Untergebenen ausließ.

Ihr gefiel es, Rodney fertigzumachen. Zumindest kam es ihm so vor.

»Ich fragte, was Sie gerade tun, Mr. Quick.« Die Monotonie ihrer Stimme änderte sich nicht, aber Rodney konnte einen Hauch von Überraschung heraushören, da er ihre Frage nicht sofort beantwortet hatte.

»Ich untersuche die Tanks, Madame. Um sicherzugehen, dass die Diener keine Fehler bei der Erfüllung ihrer Aufgaben gemacht haben.«

»Diener machen keine Fehler, wenn die Anweisungen eindeutig sind«, sagte sie.

»Sie haben recht, Madame. Ich vergewissere mich, ob meine Anweisungen eindeutig waren.« Rodney formte seine Finger zu einer Faust.

»Warum kümmern Sie sich so ausführlich um Tank 66? Gehört das zur Routine?« Die Stimme der Aufseherin ging am Ende ein wenig nach oben, gerade so viel, dass er es als Frage verstehen konnte.

»Ja, äh, alles ist Routine, Madame. Ich pumpe in diesem Augenblick SynBlut rein, und dann wird er in den Tank der›Stufe Zwei‹überführt. Sie können gerne meinen chirurgischen Eingriff untersuchen – sehen Sie nach, damit Sie davon überzeugt sind, dass ich mit größter Sorgfalt gearbeitet habe, als ich die neue Herzpumpe einsetzte. Ich bin mir sicher, dass alles zufriedenstellend erfolgt ist.«

»Da Sie hier beschäftigt sind, Mr. Quick, erwarte ich auch nichts anderes als›zufriedenstellend‹. Sie sind allerdings wenig bereit, besser zu werden, wie mir scheint.« Sie verzog verärgert das Gesicht und sprach dann weiter. »Der Diener aus Tank 66 hat jetzt einen neuen Auftraggeber und einen Namen. Sie werden ihn ab sofort als›Danal‹bezeichnen.« Sie machte eine Pause und sprach einen Moment später weiter. Ihr Blick bohrte sich in ihn. »Ich möchte Sie warnen, Mr. Quick. Francois Nathans selbst hat sein Interesse an diesem besonderen Diener ausgedrückt. Wenn die Wiederauferstehung abgeschlossen ist, wird Danal vor Vincent Van Ryman präsentiert werden, der ebenfalls an ihm interessiert ist.«

»Van Ryman? Aber … das ist doch dieser Neo-Satanisten-Priester?«

»Das ist seine Angelegenheit, nicht Ihre«, sagte die Aufseherin und erhob ihre Stimme, wodurch sie verhältnismäßig stark modulierte. »Alles, was Sie zu interessieren hat, ist, dass es für Mr. Nathans äußerst wichtig ist. Deswegen wird Ihre Leistung von dieser Wiederauferstehung einen direkten Einfluss auf Ihre eigene künftige Stellung haben. Denken Sie mit Bedacht daran, Mr. Quick, bevor Sie die weibliche Anatomie zu sehr ablenkt.«

Rodney schluckte. »Ja, Madame. Ich, äh, ver…stehe voll und ganz. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

»Ich habe überhaupt kein Vertrauen in Ihre was-auch-immer. Sie können mich also gar nicht enttäuschen.« Die Aufseherin drehte sich kurzerhand um und ging durch den Raum zum Aufzugsschacht. Dabei blickte sie ihn mit ihren glänzenden, weißen Online-Augen an, nicht mit den wirklichen Augen.

Verwirrt zog sich Rodney von dem Tank der Frau zurück und eilte zum Inspektionstisch, auf dem die Bypass-Pumpe brummte und die Salzlösung gegen künstliches Blut tauschte. Rodney benutzte seine vergrößernde Schutzbrille, um kleine Fehler an der versiegelten Brustkorbwunde zu überprüfen. Zufrieden nahm er die Schutzbrille ab und trat zurück, um sich den blassen, bewegungslosen und unter dem grellen Licht liegenden Körper anzuschauen.

Ein Teil von ihm hasste diesen Ort, aber er konnte nicht daran denken, von dort wegzugehen. Allerdings muss man manchmal vielleicht bei kleinen Dingen rebellieren. Er grinste und streichelte Danals kalte Wangen in augenscheinlich väterlicher Zuneigung. Er murmelte zu sich. »So viel zarte liebevolle Sorgfalt für eine Leiche!«

Er schluckte trocken, sah sich um, ob die Aufseherin ihn gesehen hatte. Sie schlich sich immer an, um zu spionieren. Er sah sie nicht, aber das bedeutete nichts – war sie mit dem Netz verbunden, hatte sie Zugang zu allen Ohren und Augen des ganzen Netzwerks.

Die anderen Diener vollführten weiter ihre sinnlosen Aufgaben. Die Tanks sprudelten und die Herzpumpe summte, sonst war alles ruhig. Untergeschoss Sechs erschien ihm plötzlich fremd, und Rodney fühlte sich verwundbar und allein.

Kapitel 3

Jones ordnete behutsam die Teile seiner Rüstung auf dem weichen Schlafzimmerboden und sortierte seine Waffen auf der Betteinheit. Er gähnte und streckte sich, bevor er mit dem mühseligen täglichen Prozess begann, seine Uniform zusammenzusetzen.

Er schob den Brustpanzer über seine Schultern und befestigte daran den Beckenschutz, vergewisserte sich, dass alles richtig saß, bevor er die Teile an der Naht zusammensetzte. Dann kamen der Armschutz und mehrere Elemente des Beinschutzes. Die weiße Rüstung war aus leichten Flexstahl-Fasern hergestellt worden, mit Duraverstärkungen an den Gelenken, die einen flexiblen und bequemen Anzug bildeten und rundum schützten.

Als letztes nahm er den mit Fiberglas verstärkten Helm in die Hand und starrte für einen Moment die Reflexion des polarisierten schwarzen Visiers an. Das Visier konnte sogar einem direkten Laserschuss widerstehen, aber es war auch schwer hindurchzusehen. Jones verengte seine dunklen Augen, versuchte, im Spiegelbild hart auszusehen, was ihm jedoch kaum gelang, wie er fand. Sein Schnurrbart war noch immer dünn, war niemals wirklich voll geworden, obwohl er ihn seit Jahren nicht rasiert hatte. Jones war groß, gut gebaut, wenn auch nicht besonders muskulös. Alle Soldaten sahen wohl unter ihren Rüstungen so aus.

Er steckte seine Waffen in einer bestimmten Reihenfolge ein und schob sie in die entsprechenden Halterungen seiner Rüstung. Glüh-Messer, Schlagstock, Handgranate, Rauchbombe, zwei Projektilwaffen, ein vollaufgeladenes Elektro-Gewehr und eine Taschenbazooka. So war er ausgestattet mit dem Tod, jeden Tag – dafür fehlten Jones Stärke und Selbstvertrauen, damit er sich weniger klein und abhängig fühlte. Soldaten waren keine Polizisten, gemäß der Berufsbezeichnung, sondern wurden »Allgemeines Sicherheits-Personal« genannt – die schriftliche Variante von »neuzeitlicher Ritter, der die Drachen der sozialen Unruhe bekämpft«.

Sein persönlicher Diener Julia stand am Eingang, beobachtete ihn und wartete auf seine Erlaubnis, sprechen zu dürfen.

»Guten Morgen, Julia.« Er schenkte ihr ein bewusst warmes Lächeln.

»Guten Morgen, Master Jones«, sagte sie wie ein Aufnahmegerät. Sie trug noch die lange blonde Perücke, die er für sie gekauft hatte. Aber dann erinnerte er sich mit einem Hauch Bitterkeit daran, dass er ihr einfach niemals befohlen hatte, sie auszuziehen. Es machte auch nichts. Entsprechend der wenigen Information, die er Resurrection Inc. hatte entlocken können, hatte Julia während ihres Lebens blonde Haare getragen; und anscheinend war Julia tatsächlich ihr wirklicher Vorname gewesen. Aber sie sagten ihm sonst nichts über sie.

Sie war klein und gut gebaut, und hätte geradezu attraktiv ausgesehen – nur nicht im Sinne von wirklich »schön« –, wäre da nicht ihre Kahlköpfigkeit und die unnatürliche Blässe ihrer Haut gewesen. Das durchsichtige SynBlut ließ die Haut eines Dieners noch nicht einmal erröten. Diener mussten nicht schlafen, konnten aber bewegungslos für mehrere Stunden in ihrer Haltung verharren, ohne zu zucken. Julias Haar würde niemals wachsen, genauso wenig wie ihre Fingernägel.

Jones schritt zur Tür seiner Unterkunft. Sie bewegte sich nicht. »Warte bitte auf mich, Julia. Du kannst tagsüber machen, was auch immer du willst. Wir sehen uns, wenn ich wieder nach Hause komme.« Er sprach sanft, als ob es ihr irgendwie wichtig sein könnte.

Julia setzte sich auf einen Stuhl, das Gesicht auf die Eingangstür gerichtet. »Ja, Master Jones.« Ihre blonde Perücke hatte sich auf ihrem Kopf verschoben, aber sie versuchte nicht, sie geradezurücken. Er wusste sehr genau, dass Julia an der gleichen Stelle sitzen würde, unbewegt, wenn er am Abend zurückkehrte.

Er versuchte es so sehr, hoffte darauf, aber er glaubte schon nicht mehr daran, dass es eine Möglichkeit gab, um sie menschlicher wirken zu lassen, um sie wie einen Freund behandeln zu können. Jones hatte ihr die Perücke und einige echte Kleidungsstücke anstelle des grauen Diener-Overalls gekauft, aber die Kleidungsstücke unterstrichen das traurige Bild nur noch: obwohl sie versuchte, sie gewissenhaft zu tragen, wirkten sie an ihr wie Ketten. Irgendwie, fand Jones, sah es so aus, als ob er einen Hund oder einen Affen in ein lächerliches Kostüm gesteckt hatte. Julia war eben nicht für echte Kleidung gemacht oder für irgendwelche menschlich wirkenden Accessoires, denn sie war es nicht – das musste er sich selbst eingestehen – sie war kein Mensch.

Jones ging selten aus, auch nicht, um sich zu amüsieren, und er bemühte sich auch so gut wie nie darum, freundlich oder gar kameradschaftlich zu seinen Kollegen bei der Soldaten-Gilde zu sein. Er wusste auch nicht mehr, wie man Freunde fand, und alles, was ihn tröstete, waren die tiefen Wunden einer vergangenen Freundschaft.

Die Menschen fühlten sich von den Soldaten eingeschüchtert, und Jones vermutete, dass die Gilde diese Sichtweise selbst förderte. Er zweifelte daran, dass auch nur irgendjemand einen Soldaten als echten Freund gewinnen wollte. Sogar unter den weiblichen Soldaten waren nur wenige mit Männern zusammen, und das, obwohl jede Gildenfrau sofort jeden Mann hätte haben können, den sie wollte.

Einen Monat zuvor hatte es sich alles zugespitzt, aber Jones hatte es gut verheimlichen können. Es hatte ihn fertiggemacht, die Wände und die Decke seiner Unterkunft anzustarren, allein, und durch die geistlosen Online-Unterhaltungs-Sender zu klicken.Genug.Ein paar solcher Nächte mehr, und er hätte nur noch geheult oder wäre schreiend nach Beginn der Ausgangssperre durch die Straßen gerannt.

Jones hatte aus einem Impuls heraus einen Großteil seiner erarbeiteten Ersparnisse in den Kauf eines Dieners gesteckt, bevor er groß darüber nachgedacht hatte. Obwohl sie nicht teuer gewesen und eingeschränkt empfänglich war, fühlte er sich durch den Kauf von Julia extrem schuldig. Schuldig wofür? Er wusste es nicht. Wenige Menschen in seinem Umfeld hatten jemals einen Diener besessen; und er war sich noch nicht einmal sicher, ob er wirklich einen haben wollte. Seit er für die Resurrection Inc. als Schutzmann angestellt worden war, hatte Jones die Diener vor den verärgerten Menschen auf den Straßen beschützt und behütet, trotz seiner tiefen Abneigung und dem Unbehagen in Anwesenheit eines Dieners. Also warum hatte er sich einen besorgt? Was war der Grund?

Klar, er hatte sich selbst schon davon überzeugt, dass er einen brauchte, denn irgendjemand musste die Fußböden kehren, kochen, saubermachen und die anderen Routinearbeiten erledigen, die von einem Diener erwartet wurden, aber Jones wollte auch jemanden zum Reden haben – einen Gefährten, einen Freund. Nun ja, er fühlte sich halt einsam.Mir blutet das Herz, dachte er bitter. Es war nun mal nicht seine Schuld, aber es war einfach nicht seine Art, um eine Freundschaft zu kämpfen, und dafür alles zu riskieren. Freunde konnte man nicht dazu zwingen – schließlich starben sie auch irgendwann … Mit einem Diener ging das leichter: als Ersatzbegleiter.Das bin ich, dachte er,der gute alte ich-geh-den-Weg-des-geringsten-Widerstands-Jones.

Von Anfang an, mit unrealistischen Erwartungen und maßloser Hoffnung, hatte Jones Julia als ebenbürtig, als einen Menschen betrachtet. Obwohl Julia selten mit etwas anderem antwortete als mit mechanischen Gesten oder einzelnen Worten, redete er mit ihr,fragtesie, ob sie Dinge tun würde. Er wollte ein Freund sein, in der Erwartung, dafür einen Freund zu bekommen. Er suchte Trost und musste deswegen jemanden um sich haben. Er redete und sie hörte aufmerksam zu, interessierte sich scheinbar, ungeachtet dessen, ob sie den Sinn verstand. Und Jones fühlte sich erleichtert, dass sein aufgestauter Wortschwall auf ein hörendes Ohr fiel – Diener hin oder her. Aber tief in sich wusste er, dass Julia sich nicht für ihn interessierte, und er bezweifelte, dass sie in irgendeiner Weise verstand, was er wirklich fühlte.

Jones hatte einmal versucht, mit ihr Liebe zu machen. Sie war völlig hingebungsvoll gewesen, auch wenn er sich widerwillig damit abfinden musste, ihr ausdrücklich, Schritt für Schritt Anweisungen zu geben. Jedoch war ihm das Liebemachen nicht spontan genug und von ihrer Seite ohne Gefühl oder Einfühlungsvermögen gewesen – Julia hatte einfach eine Aufgabe erledigt, so wie sie alle Aufgaben erledigte. Und Jones hatte sich danach einfach schäbig gefühlt.

Oft, wenn er nicht schlafen konnte, sagte er sich, dass er einen Diener gekauft hatte, keinen Freund, noch nicht einmal ein Haustier – vielmehr einGerät. Aber er wollte die Hoffnung noch nicht völlig aufgeben. Jones suchte weiterhin nach etwas, nach einem Flimmern hinter ihren Augen, einer Antwort auf seine Worte und Gesten, etwas, um ihn wissen zu lassen, dass sie in ihm eher eine Person als ihren Herren, ihren »Master«, sah.

Es war vermutlich nichts anderes als der Nachklang jener Hoffnung, die ihn verdammt, die seine Strafe verhängt und die ihm den Job bei der Resurrection Inc. aufgedrückt hatte. Für einen Moment hatte er zu lange auf die Straße geblickt, als ein wilder Diener eine Durchgangsstraße hinuntergelaufen war, auf der nur menschliche Fußgänger hätten gehen sollen. Jones patrouillierte in voller Montur durch die Straßen, an den zahlreichen, eingeschüchterten Verkäufern und Handwerkern vorbei, und er beobachtete die bettelnden Sänger und Spieler. Dann lief der weibliche Diener an ihm vorbei, in ihren glasigen Augen schimmerte die Angst, und auch ihre Haut wirkte gerötet.

Der graue Overall flatterte hinter ihr her. Jones hatte noch nie in seinem Leben jemanden so schnell laufen gesehen.

Aber es gab noch etwas anderes, das sich noch schneller durch die Menschenmenge bewegte. Mit der Geschwindigkeit eines Blitzes raste etwas durch die Massen, als ob es geradezu telepathisch von Person zu Person weitergegeben wurde: eine Warnung – hier lief etwas falsch. Die Lunte brannte bereits, denn das Ungewöhnliche, das Fremde hatte sich eingestellt: ein Diener mit Angst im Gesicht, mit Leben in den Augen und auf der Flucht vor den rufenden Verfolgern. Die Menge lief zusammen, begann den Weg zu versperren.

Für einen Moment erstarrte Jones vor Schock und Überraschung. Der weibliche Diener schien etwas gestohlen zu haben, ein paar Gebrauchsgegenstände – ein Diener hatte etwasgestohlen! Jones‘ Erstaunen wuchs weiter. Wie ferngesteuert zog er sein Elektro-Gewehr heraus.

Die Menschen sahen den Soldaten und schienen für einen Moment die Luft anzuhalten. Sie wollten Blut sehen. Jones konnte es fühlen.

Der weibliche Diener wusste, dass er in der Falle saß. Jones erschrak und versuchte ihn nicht direkt anzuschauen, während er mit seinem Elektro-Gewehr auf ihn zielte; er hatte es auf niedrig eingestellt. Der weibliche Diener hatte ihn für eine winzige Sekunde angeschaut, mit einem Flehen in den Augen, als ob er sein Zögern verstehen würde. Obwohl ja nichts durch das schwarze Laservisier zu sehen sein konnte.

Ehe er feuern konnte, sprang der Diener in drei großen Sätzen über die Straße, hielt dabei das offenbar wichtige Diebesgut weiterhin in den Händen. Zu spät sah Jones die »Nicht betreten«-Rasenfläche, eine von so vielen scheinbar zufällig verteilten Flächen an den Straßenrändern – ein viereckiges Stück Rasen, das von einem Stacheldrahtzaun umgeben war; jeder wusste, dass die Grünflächen von einem Desintegrator-Feld geschützt wurden, das jedermann sofort vaporisieren lassen würde, der sich traute, das perfekte Stück Rasen zu betreten.

Jones wurde sofort klar, was die Dienerin vorhatte, und feuerte eine Salve aus seinem Elektro-Gewehr, wobei er ein paar Menschen aus der Menge dahinter betäubte, die einfach zu dicht beieinander standen. Die Dienerin sprang anmutig über den Stacheldrahtzaun und stürzte sich, ohne zu zögern, in das grüne Gras, wo sie sich sofort in Luft auflöste. Ein feiner Ozongeruch stieg auf. Jones starrte nur hinterher. Der Desintegrator und das üppige Gras hatten den weiblichen Diener vollkommen verschluckt – ein Diener, der vielleicht wieder in seiner eigenen Menschlichkeit erwacht war…doch das würde er nun niemals erfahren.

Dann verwandelte sich die Menge, die für einen Moment von ihren alltäglichen Beschäftigungen abgelenkt war, in einen widerwärtigen Haufen. Andere Soldaten kamen schließlich angelaufen, um den Aufruhr niederzuschlagen; ein Dutzend Menschen war gestorben. Und Jones fühlte, wie unsichtbare Finger auf ihn zeigten.

Aber die Soldaten-Gilde bestrafte seine Mitglieder nicht offen sichtbar, wollte sich nicht selbst öffentlich schaden – die Gilde schützte sich selbst. Aber Versetzung war immer eine Möglichkeit. Ja, die Gilde wusste schon, wie man sich schützte, klar – und so war er von seinem Job bei der Ausgangssperre zu dem viel unangenehmeren Job gewechselt, bei dem er die Resurrection Inc. beschützen musste.

Jetzt fragte er sich, ob es all die Anstrengung wert gewesen war, sechs Jahre zuvor in der Gilde aufgenommen worden zu sein. Ein Soldat musste sich in die Gilde einkaufen oder musste von jemandem, der wichtig war, gewählt oder gesponsert werden.

Jones war von einem Freund, Fitzgerald Helms, gesponsert worden. Eigentlich war das Wort »Freund«, dieses einsilbige Wort, vollkommen unzureichend, um die komplexe und vertrauensvolle Beziehung zu beschreiben, die er mit Fitzgerald Helms gehabt hatte. Es war so eine Sache, die nur einmal im Leben passiert – einen Freund zu haben, der dir das Gefühl gibt, er wäre dein eigener Klon, der dir zeigt, dass dir nur eine exakte Kohlenstoffkopie ähnlicher sein könnte.

Jones und Fitzgerald Helms hatten während ihrer Teenagerjahre viel Zeit auf der Straße verbracht, als der Dschungel der Stadt noch weitaus mehr ein Hochgefühl ausgelöst hatte im Vergleich zu dieser verworrenen Angst. Helms hatte eine gemischte Hautfarbe, war blass genug, dass er sich mühelos hätte als Weißer verkleiden können, aber das wollte er nie. Er ließ seine rötliche Wischmop-Afro-Frisur in alle Richtungen abstehen, während Jones selbst sein drahtiges schwarzes Haar getrimmt hatte, so dass es dicht am Kopf lag. Beide hatten versucht, sich einen Schnurrbart wachsen zu lassen, als sie vierzehn gewesen waren, beide jedoch mit mäßigem Erfolg.

Sowohl Jones als auch Fitzgerald Helms vermieden den Kontakt zu ihren gelangweilten Eltern, Kollegen und Geschäftspartnern und gingen daher lieber ihren Jobs nach, neben denen ihnen auch die Lust fehlte,irgendetwasanderes zu unternehmen. Jones und Helms waren weder an Bildung noch am hamsterradartigen Konkurrenzkampf der übrigen Welt interessiert gewesen. Sie akzeptierten ihre Zukunft als Arbeitnehmer, wussten, dass sie einen Job in einer der größeren Produktionsanlagen finden würden, als Gärtner, Mechaniker oder was-auch-immer – die Möglichkeiten schienen unendlich zu sein. Aber dann war die Diener-Revolution gekommen, und die beiden jungen Männer gehörten zu einer Generation, die zu alt war, um ein paar notwendige Kniffe zu erlernen, damit sie mit einer sich verändernden Welt fertig werden würden.

Die jungen Kids – die smarten zumindest – hatten gerade genug Zeit dazu, um sich selbst ausreichende Kenntnisse im Internet anzueignen oder einen Beruf zu erlernen, in dem geistige Fähigkeiten mehr zählten als bewegliche Arme und Beine. Aber Jones und Fitzgerald Helms sahen sich nicht mehr als Teilnehmer in diesem Spiel. Sie waren sportlich, draußen aktiv – wollten etwas anderes überleben als nur den gemeinsamen Straßenkampf –, doch genauso wenig war einer von ihnen gut genug darin, um über eine Karriere in Leichtathletik oder wirklich gefährliche Unternehmungen zu fantasieren. Nach fast einem Jahr konnten sie es nicht mehr vermeiden, sich der Tatsache zu stellen, dass ihnen nur noch eine Option blieb, eine finstere Option, die sie beide so lange wie möglich hinausgezögert hatten.Die Soldaten.Die Gilde würde sie versorgen – wenn sie nur die Tests hinter sich bringen konnten, die sie unweigerlich erfüllen mussten, um aufgenommen zu werden.

Helms und er hatten sich wochenlang darauf vorbereitet, Kämpfen, Trainieren, Laufen, hatten sogar Waffenfunktionen im Netz studiert. Fitzgerald Helms würde zuerst Jones schlagen, dann würde Jones Helms schlagen. Sie sollten fehlerlos übereinstimmen, wie Spiegelbilder zueinander agieren.

Aber am Tag der wirklich brutalen, derechtenTests vor den Staffelvertretern der Gilde, war Helms erfolgreich gewesen und Jones hatte versagt – beide nur ganz knapp.

Fitzgerald Helms meldete sich sofort als Sponsor für Jones, aber keiner von ihnen wusste, wie das gehen sollte. Und so konnte Jones nur die glänzende Rüstung, die Waffen und das Vertrauen, das sein Freund sogar hinter seinem polarisierten Visier ausstrahlte, bewundern.

Ein Jahr später wurde Helms am Ende eines üblen Spiels mit dem Titel »Wer entwischt dem Soldaten?« getötet. Einige arbeitslose Blaukragen, leicht wahnsinnig wegen der Langeweile, der Frustration und der Hoffnungslosigkeit, wurden geradezu selbstmörderisch. Für sie war es ein Spiel, einen Soldaten so lange zu provozieren, ihn anzulocken, bis er ihnen folgte, und wenn er dann nicht locker ließ, töteten sie ihn. Helms geriet in einen überraschenderweise gut geplanten und inszenierten Hinterhalt einiger ehemaliger Restaurantmitarbeiter. Der Anführer, ein dünner und wild-starrender Tellerwäscher, wollte beweisen, was für einen brillanten und manipulativen Geist er doch hatte – hätte er ein bisschen mehr Hirn gehabt, dann hätte er längst einen Job im Internet gefunden.

Er hatte ein Spiel vorbereitet, das kindlich einfach und verzweifelt zugleich aussah, aber Fitzgerald Helms war darauf reingefallen und fand sich als gefangenes Opfer in einer Sackgasse zusammen mit dem wild-starrenden Mann wieder. Der Tellerwäscher erlebte seinen persönlichen Orgasmus, als er den Bolzen nach unten drückte und damit den an seinem eigenen Brustkorb festgeklebten Sprengstoff detonieren ließ, damit auch ja kein Teil seines Körpers intakt bliebe, der in einem Diener zurückkehren könnte … genauso viel wie von Fitzgerald Helms.

Die anderen Komplizen dieses Spiels wurden sofort zusammengetrieben, bereinigend hingerichtet und direkt in die Werkshallen der Resurrection Inc. geschickt. Bevor sie jeden Komplizen getötet hatten, bereitete es den Soldaten großes Vergnügen, sie darüber zu informieren, dass sie als Diener ausschließlich für Arbeiten innerhalb der Gilde benutzt werden würden.

Und entsprechend der Gilden-Regeln nahm Jones den Platz seines Sponsors ein, da Fitzgerald Helms in der Ausübung seiner Pflicht getötet worden war. Jones hatte sich nicht wirklich auf den Tag gefreut, als er die Gilden-Förderung beantragen konnte, aber er hatte gewusst, dass dies über kurz oder lang geschehen würde. Gerüchten zufolge überlebten Soldaten auf der Straße trotz ihrer Waffen und der Rüstung nicht lange.

Jones war ein Sonderpreis auf die hingerichteten, neuen Diener angeboten worden, aber er hatte ihn verfallen lassen. Erst kurze Zeit später hatte er ernsthaft darüber nachgedacht, jemanden wie Julia zu kaufen.

Und jetzt gehörte er zur Gilde, eine bequeme Ausgangssituation auf Lebenszeit.

Er musste sein Bestes geben, sich ernsthaft anstrengen, zumindest zu Ehren von Helms. Alles, was er machen konnte, war dasitzen und an Erinnerungen festhalten, wieder und wieder. Jones wusste, dass er niemals einen anderen Freund wie Helms finden würde und dass es auch keinen Sinn hatte, einen wie ihn zu suchen.

Jetzt stand er im Eingang seiner Wohneinheit und blickte ein letztes Mal zu Julia, die auf dem Stuhl saß und ihn mit gespannter Aufmerksamkeit anstarrte. Sie hatte keinen Muskel bewegt.

Das Licht der Dämmerung warf lange Schatten von den Gebäuden auf die Straße, die alles in eine übertriebene Schwarz-Weiß-Kulisse verwandelten. Unter seinem Visier konnte Jones den feuchten, salzigen Geschmack der Luft aufnehmen. Tauben und Möwen hatten begonnen, den Straßenmüll zu durchwühlen, um irgendetwas zu finden, das sie am vorangegangenen Abend übersehen hatten.

Jones stand vor dem kolossalen Hauptquartier der Resurrection Inc. Die emporragende graue Struktur wirkte wie der Grabstein für die Menschlichkeit – und der unsichtbare Untergrundkomplex war um ein Vielfaches größer als die administrativen Büros darüber. Zwei Gruppen von Drehtüren warteten darauf, die Besucher und Arbeiter zu empfangen. Eine große Marmorplatte mit den eingravierten Worten »Diener im Auftrag der Menschheit – Befreiung von lästigen Tätigkeiten, um unserer wahren Bestimmung zu folgen« prangte an der Front des Gebäudes.

Die Menschen hatten gerade begonnen, sich nach draußen zu wagen, befreit von der Ausgangssperre des vergangenen Tages. Auf den Straßen war es ruhig, aber sie würden später anfangen, ihr hässliches Gesicht zu zeigen. Das taten sie immer. Und Jones musste zurückkehren, ein paar Diener zu ihrem Einsatzort geleiten und sich davon überzeugen, dass nichts außer Kontrolle geriet.

Francois Nathans, der Boss der Resurrection Inc. hatte offenbar eine große Abneigung gegen Soldaten und ihre Gilde bekundet, obwohl er gezwungen war, auf ein paar Soldaten zurückzugreifen, damit sein Unternehmen in Anbetracht seiner Art und auch wegen seines schlechten Images weiterbestehen konnte. Jones versuchte gar nicht erst darüber nachzudenken, angsterfüllt, wegen der möglicherweise daraus resultierenden Probleme, aber dennoch lag darin eine gewisse Ironie, dass dem einzigen Mann im Metroplex, der mächtig genug war, um die Soldaten-Gilde zu vernichten, die Hände gebunden waren, dazu gezwungen, die Dienste der Gilde mehr zu nutzen als jede andere Privatgesellschaft.

Jones blieb für einen Moment stehen, starrte das riesige Beton-Gebäude an, die einzige Instanz, die die Strukturen der Gesellschaft neu formte.Zuerst entdeckten sie das Feuer. Dann die Industrie-Revolution. Dann Resurrection, Incorporated.Das war einer ihrer erfolgreichsten Slogans gewesen.

Und dann was?, dachte Jones.

Mehrere Menschen mieden Jones deutlich, als er seinen Weg durch die glänzende Drehtür bahnte.

Kapitel 4

Der Körper mit dem Namen Danal hing am Ende in dem reinigenden Bad einer amniotischen Lösung. Ein leichter Geruch nach Chemikalien wehte aus den schmalen Schlitzen am oberen Rand des Tanks. Rodney Quick wünschte sich, dass sein Geruchssinn ein für alle Mal dagegen unempfindlich werden würde.

Eine lange, farblose Narbe lief über die Mitte von Danals Brust, wo Rodney das SynHerz implantiert hatte – eine Narbe, die niemals verblassen würde, da ein Diener nicht heilen konnte. Danals Körper war rasiert und seine Nägel geschnitten worden; er hing in einem bernsteinfarbenen Nährstoffbad, trieb darin umher und wurde von schweren Gewichten unten gehalten. Die Augen des angehenden Dieners waren glückselig geschlossen, als ob er einen letzten friedlichen Kuss des Todes genoss.

Ein unwillkürlicher Schauder lief Rodneys Rücken hinunter, aber es gelang ihm, dieses Gefühl zu verbergen – vor all den Augen, die er nicht sehen konnte. Siebzig andere Tanks arbeiteten ohne Unterlass in dem großen Raum, schufen Diener für Diener. Jeden Tag kamen neue Diener-Rohlinge an und wiederauferstandene Körper gingen, angetrieben von einem eigenständigen Motor, gleichzeitig hinaus. Mikroprozessor eingebaut, Reise genehmigt. Das ganze System war viel zu effektiv, um irgendwie abstoßend zu wirken, und vielleicht war das der Grund, warum es ihn solange zum Narren gehalten hatte.

Die hellen, diffusen Lichter von Untergeschoss Sechs erschienen ihm mit jedem Tag kälter. Der Tod umgab Rodney und der Gestank der Wiederauferstehungschemikalien hing wie eine Wolke über ihm, der Hauch des Schnitters, der an ihm haftete, selbst wenn er von der Arbeit fortging und ein normales Leben zu leben versuchte.

Ein merkwürdiges, grauenhaftes Gefühl wuchs seit Tagen in ihm heran, das es ihm schwer machte, seinen Job ordnungsgemäß zu erfüllen. Nach all der Zeit, die er für die Resurrection Inc. gearbeitet hatte, sah er schließlich seiner eigenen Sterblichkeit entgegen, sah der realen Möglichkeit seines eigenen Todes entgegen. Das Wissen darum ließ seine Nerven allmählich immer dünner werden.

Die Aufseherin hauchte ihm, während sie ihm über die Schulter sah, ihren Atem gegen den Hals, als wäre sie ein Vampir, was seinen Job nur noch mehr zu einem Albtraum machte. Offenbar hatte sie es auf Rodney abgesehen, wollte ihm aus einer Laune heraus den Arbeitsplatz wegnehmen. Rodney wusste von anderen Menschen, die für sie gearbeitet hatten. Sie hatten alle ganz unterschiedliche Berufe gehabt – völlig anders, als es sein Job war –, und sie alle waren verschwunden, ohne Erklärung und ohne Abfindung des Managements. Als wandelnde Schnittstelle zum Internet, wusste die Aufseherin nur zu gut, wie unentbehrlich sie für Resurrection Inc. war. Sie wirkte ekelerregend überzeugt von sich, wusste, dass niemand dem Aufmerksamkeit schenken würde, was sie tat. Rodney war in einem Katz-und-Maus-Spiel gefangen und konnte nur ganz leise für sich in Panik geraten. Er machte einfach weiter seinen Job, hoffte darauf, dass es nicht dieser Tag wäre, nicht dieser. Aber er wusste nicht, wie viel länger er es aushalten konnte, wie viel länger er kriechen konnte und Entschuldigungen finden würde, um die zunehmenden, komplizierten Anschuldigungen der Aufseherin abzuwehren.

Den schlechtesten Teil hatten ein paar der neuen Diener-Rohlinge erwischt, die gemäß den Daten als inoffiziell einzustufen waren und die kurz nach dem nicht-offiziellen Verschwinden einiger Angestellter eintrafen – die bevorzugten Opfer der Aufseherin. Diese Aufzeichnungen gaben gänzlich andere Identitäten der Leichen aus, wohingegen das Internet bestritt, dass es diese fehlenden Menschen je gegeben habe. Doch Rodney vergaß nie ein Gesicht. Nicht einmal die wachsartige Grimasse eines Toten konnte ihn an den Identitäten der Körper zweifeln lassen, wie sie in den Auferstehungstanks hingen.

Und in einen Diener verwandelt zu werden, musste schlimmer sein, als einfach nur zu sterben.

Aber welche Alternative hatte er? Menschen, die einen sauberen Tod starben, endeten als Diener; Rodney kannte als einer von wenigen die Kriterien für diese Aufnahme. Musste er darauf warten, dass ihn eine Krankheitswelle erwischte, die seinen Körper stark genug ruinierte … oder brauchte er einen Tod, in dem sein Körper so sehr verschandelt wäre, dass kein Techniker der Welt, die Stücke wieder zusammensetzen konnte?

Je mehr er darüber nachdachte, desto hilfloser fühlte sich Rodney – es gab keine Möglichkeit des Entkommens, wenn ihn die Aufseherin auserwählt hatte, um ihn zu vernichten. Und er konnte nichts tun, um dann seinen Körper zu schützen. Was für Möglichkeiten blieben da noch?

Doch, er wusste von einer Möglichkeit. Er traute sich kaum, seine innere Stimme aussprechen zu lassen:das Krematorium. Allein die Idee erschrak ihn, aber er wusste, dass es das Richtige sein musste. Erglaubtean das Krematorium. Auch wenn sonst kein Mensch daran glaubte – jetzt war es notwendig.

Mehr als jemals zuvor, mussten sich die Menschen damit beschäftigen, mussten Angst vor dem Tod haben – verursacht durch die zunehmende Gleichgültigkeit, die die Anwesenheit der Diener bewirkte. Aber Rodney hatte von dieser rätselhaften Gruppe Kämpfer gehört – das Krematorium –, wer einen Vertrag mit ihnen schloss, der konnte sich darauf verlassen, dass sie seinen Körper nach dem Tod zerstörten, damit der Kunde nach dem Tod garantiert kein Diener werden würde. Asche zu Asche, Staub zu Staub, mit der ganzen dazugehörigen Zeremonie. Echte Informationen über das gesetzlose Krematorium gab es kaum, und das Internet verschlang sämtliche Berichte über ihre Aktivitäten.

Francois Nathans selbst hatte schon mehrfach immense Belohnungen für jegliche Information über das Krematorium ausgeschrieben. Nathans schien wegen ihnen nervös zu sein, geradezu ängstlich – doch war es vielleicht viel mehr als nur ein Gerücht, wenn sich ein so mächtiger Mann darum kümmerte? Die Soldaten-Gilde drehte jede geeignete Leiche um und brachte sie zur Resurrection Inc.; Rodney wusste nicht, ob der Staat sie brauchte, ob das Unternehmen einfach nur gut für sie zahlte oder ob Nathans selbst gerade an den Schrauben der Hierarchie der Gilde drehte. Aber, wenn das Krematorium geeignete Diener-Rohlinge unter Nathans‘ Nase abgreifen könnte, dann wäre er in die Enge getrieben, müsste sich ein paar unangenehmen Fragen stellen.

Rodney wusste nicht, ob er sich überhaupt traute, sich mit dem Krematorium selbst in Verbindung zu setzen, aber er musste es bald tun. Würden sie ihn überhaupt treffen wollen? Auch wenn sie wussten, dass er für die Resurrection Inc. arbeitete? Er fing wieder an zu zittern. Rodney hatte nicht die leiseste Ahnung, wie man sie suchen sollte. Was, wenn das jemand herausfand?

»Ich mag es, wenn ein Mann nachdenkt … denkt.«

Die Stimme des Mannes schien von den Wänden widerzuhallen, und Rodney wirbelte herum, wollte wissen, wo die Stimme herkam. Für einen schrecklichen Moment war er verwirrt, sah die drei anderen nicht in dem Irrgarten aus Tanks und Arbeitstischen stehen.

»Das ist einer der Gründe, warum ich so hart daran arbeite, Diener zu erschaffen«, fuhr der Mann fort. »Um dem Menschen mehr Zeit für das Philosophieren zu lassen.«

Dann sah Rodney die violette ärmellose Tunika der Aufseherin und ihren kalten, leicht fokussierten, starren Blick, jedoch wurde ihm mit ein wenig Erleichterung klar, dass sie sich auf die zwei neben ihr stehenden Männer zu konzentrieren schien. Der Große von den beiden war viel älter, dünn, aber mit einem wissenden Blick in den Augen, der sogar den Blick der Aufseherin harmlos erscheinen ließ. Er hatte sich fein angezogen und es gab keine Strähne an seinem stahlblauen Haar, die an seinem Kopf nicht ihren festen Platz hatte. Der andere Mann wirkte zwar jünger, aber er war untypisch müde und unruhig. Er hatte leuchtendes, dunkles Haar, und sein schattiger Teint sprach genetisch von seiner asiatischen oder indischen Abstammung. Er war ein paar Zentimeter kleiner als der ältere Mann, aber seine Schultern waren breit und er strahlte etwas Animalisches aus.

Der ältere Mann zog seine Augenbrauen hoch, schaute sich Rodney an und sprach weiter, ohne seinen Blick von dem Techniker zu nehmen. »Seien Sie nicht unhöflich, Aufseherin. Stellen Sie uns einander vor.«

»Ja, Sir«, sagte sie und guckte überrascht. »Mr. Nathans, dies ist Rodney Quick. Rodney, dies ist Francois Nathans und der Herr daneben ist Vincent Van Ryman.«

Niemand lehnte sich vor, um irgendjemandem die Hand zu reichen, und Rodney tat alles, um seine Fassung nicht zu verlieren. Er hatte noch nie zuvor einen der beiden Männer gesehen: den Chef der Resurrection Inc. und den Mann, von dem man vermutete, er wäre Hohepriester der Neo-Satanisten gewesen. Was wollten sie von ihm? Wegen was hatte die Aufseherin ihn denn jetzt wieder angeschwärzt?

Rodney wurde misstrauisch. Er wusste ja gar nicht, wie Nathans oder Van Ryman aussahen. Sein Herz hämmerte schneller, das Blut pulsierte mit solcher Kraft durch seine Adern, dass es den Angstschweiß aus seinen Poren presste. Das konnte eine Falle sein. Das konnte ein eingefädelter Trick sein, damit er in Ehrfurcht vor den wichtigen Besuchern seine Maske der Aufseherin gegenüber fallen ließ … und dann würde sie irgendetwas tun, so dass er womöglich noch sein eigenes Ende in die Wege leitete.

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