Rette mich - Becca Fitzpatrick - E-Book

Rette mich E-Book

Becca Fitzpatrick

4,5
8,99 €

oder
Beschreibung

Spannend, sexy und unheimlich gut.

Die letzten fünf Monate ihres Lebens sind wie ausgelöscht. Nora Grey kann sich an rein gar nichts mehr erinnern. Nicht einmal an ihre große Liebe Patch. Sie weiß nur, dass sie eines Abends auf dem Friedhof neben dem Grab ihres Vaters aufwachte, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen war. Ihre Mutter und ihre beste Freundin Vee scheinen mehr zu wissen, wollen jedoch nichts preisgeben. Und dann findet sie eines Morgens einen Zettel auf ihrem Bett, auf dem steht: »Nur, weil du zuhause bist, heißt das noch lange nicht, dass du dich sicher fühlen kannst.« Droht ihr jemand, oder soll es eine Warnung sein? Wer ist in ihr Zimmer eingedrungen? Und was ist in den letzten Monaten passiert?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 593




Becca Fitzpatrick

Rette mich

Engel der NachtBand 3

Roman

Ins Deutsche übertragen von Sigrun Zühlke

Page &Turner

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Silence« bei Simon & Schuster, New York.

Page & Turner Bücher erscheinen im Wilhelm Goldmann Verlag, München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Becca Fitzpatrick

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Page & Turner/Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Waltraud Horbas

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: James Porto

Foto: Ali Eisenach

ISBN 978-3-641-09661-8

www.pageundturner-verlag.de

Für Riley und Jace

Xoxo

PROLOG

Coldwater, Maine, drei Monate zuvor

Auf dem Parkplatz, von dem aus man auf den Friedhof hinunterblicken konnte, kam der schnittige schwarze Audi langsam zum Stehen. Allerdings hatte keiner der drei Männer darin die geringste Absicht, den Toten Respekt zu erweisen. Es war nach Mitternacht, und offiziell war der Friedhof geschlossen. Ein merkwürdiger Sommernebel hing dünn und trostlos in der Luft, wie eine Kette aufsteigender Gespenster. Sogar der Mond, eine schmale, zunehmende Sichel, sah aus wie ein herunterhängendes Augenlid. Noch bevor der Straßenstaub sich legte, sprang der Fahrer heraus und öffnete die beiden hinteren Türen.

Blakely stieg zuerst aus. Er war groß und hatte ein hartes, rechteckiges Gesicht unter ergrauendem Haar – er war beinahe dreißig Menschenjahre alt, aber nach der Nephilimzeitrechnung deutlich älter. Ihm folgte ein zweiter Nephilim namens Hank Millar. Hank war ebenfalls ungewöhnlich groß, mit blondem Haar, blitzenden blauen Augen und einem sympathischen Äußeren. Sein Glaubenssatz lautete »Gerechtigkeit vor Gnade«, und das hatte ihm, zusammen mit seinem schnellen Aufstieg zur Macht in Kreisen der Nephilim, in den letzten Jahren die Namen Faust der Gerechtigkeit, Eiserne Faust und – den berühmtesten – die Schwarze Hand eingetragen. Unter seinen Leuten galt er als ein visionärer Führer, als Erlöser. Doch in den Hinterzimmern wurde er »Die Blutige Hand« genannt. Die flüsternden Stimmen dort sprachen nicht von einem Erretter, sondern von einem gewissenlosen Diktator. Hank amüsierte sich über ihr nervöses Gerede; ein wahrer Diktator hatte absolute Macht und duldete keinen Widerstand. Hoffentlich konnte er eines Tages ihre Erwartungen erfüllen.

Hank stieg aus, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen langen Zug.

»Sind meine Männer versammelt?«

»Zehn Männer in den Wäldern über uns«, antwortete Blakely.

»Noch einmal zehn in Autos an beiden Ausgängen. Fünf sind an verschiedenen Punkten auf dem Friedhof versteckt; drei stehen direkt hinter den Türen des Mausoleums und zwei am Zaun. Noch mehr und wir verraten uns. Zweifellos wird der Mann, den Sie heute Nacht erwarten, seine eigenen Leute dabeihaben.«

Hank lächelte in der Dunkelheit. »Oh, das bezweifle ich.«

Blakely blinzelte. »Sie haben fünfundzwanzig Ihrer besten Nephilimkrieger hergebracht, um gegen einen einzigen Menschen zu kämpfen?«

»Nicht gegen einen Menschen«, erinnerte ihn Hank. »Heute Nacht darf nichts schiefgehen.«

»Wir haben Nora. Wenn er Ihnen Probleme macht, dann lassen Sie ihn am Telefon mit ihr sprechen. Es heißt, Engel könnten keine Berührungen spüren, aber Gefühle sind frei. Ich bin sicher, er kann es fühlen, wenn sie schreit. Dagger steht bereit, er wartet nur auf seinen Einsatz.«

Hank drehte sich zu Blakely und lächelte ihn langsam und abwägend an. »Dagger bewacht sie? Der ist doch kaum zurechnungsfähig.«

»Sie haben gesagt, Sie wollten sie brechen.«

»Das habe ich sicher nicht gesagt. Oder doch?«, grübelte Hank. Es war erst vier kurze Tage her, dass er sie gefangen genommen hatte, dass er sie aus einem Geräteschuppen im Delphic Vergnügungspark herausgezerrt hatte, aber er hatte bereits genau bestimmt, welche Lektionen sie zu lernen hatte. Erstens: Niemals vor seinen Männern seine Autorität zu untergraben. Zweitens: Ergebenheit ihrer Nephilimblutlinie gegenüber. Und was vielleicht am wichtigsten war: ihrem leiblichen Vater Respekt zu erweisen.

Blakely übergab Hank ein kleines mechanisches Gerät mit einem Knopf in der Mitte, der in einem unwirklichen Blauton leuchtete.

»Stecken Sie das in die Tasche. Drücken Sie auf den blauen Knopf, und Ihre Männer kommen von überallher angeschwärmt.«

»Ist es mit Teufelskraft verstärkt worden?«, fragte Hank.

Ein Nicken. »Wenn es aktiviert wird, soll es den Engel zeitweilig bewegungsunfähig machen. Ich kann Ihnen nicht sagen, für wie lange. Es ist ein Prototyp, und ich habe ihn noch nicht ausgiebig getestet.«

»Hast du mit irgendjemandem hierüber gesprochen?«

»Sie haben mir befohlen, es nicht zu tun, Sir.«

Zufrieden steckte Hank den Apparat in die Tasche. »Wünsch mir Glück, Blakely.«

Sein Freund schlug ihm auf die Schulter. »Das brauchen Sie nicht.«

Hank warf seine Zigarette weg und ging die Treppe hinunter, die zum Friedhof führte, einem nebligen Stück Land, das einen Aussichtspunkt sinnlos erscheinen ließ. Er hatte gehofft, den Engel zuerst zu sehen, von oben, tröstete sich aber damit, dass er die Unterstützung seines sorgfältig ausgewählten und gut trainierten Trupps hatte.

Am Fuß der Treppe spähte Hank argwöhnisch in die Schatten. Es hatte zu nieseln begonnen, und der Nebel wurde fortgewaschen. Er konnte turmhohe Grabsteine ausmachen und wild verschlungene Bäume. Der Friedhof war verwildert und beinahe wie ein Labyrinth angelegt. Kein Wunder, dass Blakely diesen Ort vorgeschlagen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein menschliches Auge die Geschehnisse dieser Nacht zufällig mitansehen würde, war äußerst gering.

Da. Da vorn. Der Engel lehnte an einem Grabstein, richtete sich aber bei Hanks Anblick auf. Ganz in Schwarz gekleidet, einschließlich einer schwarzen Motorradlederjacke, war es schwierig, ihn von den Schatten zu unterscheiden. Er hatte sich seit Tagen nicht rasiert, sein Haar war struppig und ungekämmt, und sein Gesicht war von Sorgenfalten gezeichnet. Trauerte er also, weil seine Freundin verschwunden war? Umso besser.

»Du siehst ein bisschen mitgenommen aus … Patch, richtig?«, sagte Hank und blieb ein paar Schritte entfernt stehen.

Der Engel lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. »Und ich dachte schon, dass du vielleicht selbst ein paar schlaflose Nächte gehabt hättest. Schließlich ist sie dein eigenes Fleisch und Blut. Aber es scheint, als hättest du deinen Schönheitsschlaf bekommen. Rixon hat immer gesagt, du wärst ein hübscher Junge.«

Hank ignorierte die Beleidigung. Rixon war der gefallene Engel, der seinen Körper jedes Jahr im Monat Cheschwan in Besitz genommen hatte, und er war so gut wie tot. Ohne ihn gab es nichts mehr auf der Welt, was Hank noch schrecken konnte. »Nun, was hast du mir zu bieten? Es sollte lieber was Gutes sein.«

»Ich habe deinem Haus einen Besuch abgestattet, aber du hattest den Schwanz eingeklemmt. Warst untergetaucht und hattest deine Familie mitgenommen«, sagte der Engel mit leiser Stimme, in der etwas mitschwang, das Hank nicht recht deuten konnte. Es war irgendetwas zwischen Verachtung und … Hohn.

»Ja, ich dachte mir, dass du etwas Unüberlegtes tun könntest. Auge um Auge, ist das nicht der Glaubenssatz der gefallenen Engel?« Hank konnte nicht sagen, ob ihn das kühle Auftreten des Engels beeindruckte oder irritierte. Er hatte erwartet, den Engel außer sich und verzweifelt vorzufinden. Er hatte zumindest erwartet, ihn zu einer Gewalttat hinreißen zu können. Irgendeinem Vorwand, um seine Männer herbeirufen zu können. Nichts war so gut geeignet wie ein Blutbad, um Kameradschaft herzustellen. »Lass uns das höfliche Geplänkel beenden: Sag mir, dass du mir was Nützliches mitgebracht hast.«

Der Engel zuckte mit den Schultern. »Mir lag mehr daran herauszufinden, wo du deine Tochter versteckt hast, als für dich den Maulwurf zu spielen.«

Die Muskeln in Hanks Kiefer spannten sich an. »Das war nicht der Deal.«

»Ich besorge dir die Information, die du brauchst«, antwortete der Engel. Er sprach beinahe im Plauderton, doch ein frostiges Glitzern lag in seinen Augen. »Aber zuerst lass Nora frei. Hol deine Männer jetzt ans Telefon.«

»Ich muss mich vergewissern, dass du langfristig kooperierst. Ich behalte sie, bis du deinen Teil der Abmachung einhältst.«

Die Mundwinkel des Engels hoben sich, aber man konnte es nicht wirklich als Lächeln bezeichnen. Etwas Bedrohliches lag in seiner Miene. »Ich bin nicht hier, um zu verhandeln.«

»Du bist dazu auch nicht in der Lage.« Hank griff in seine Brusttasche und holte ein Telefon heraus. »Ich verliere langsam die Geduld. Wenn du meine Zeit verschwendet hast, wird es für deine Freundin eine sehr unangenehme Nacht. Ein Anruf, und sie wird hungern …«

Bevor er Zeit hatte, seine Drohung wahr zu machen, spürte Hank, wie er rückwärtsstolperte. Die Arme des Engels flogen blitzartig nach vorn, und Hank bekam keine Luft mehr. Sein Kopf traf auf etwas Festes, und Wellen aus Dunkelheit rollten durch sein Blickfeld.

»Es wird anders laufen«, zischte der Engel. Hank versuchte zu schreien, aber die Hand des Engels lag fest um seine Kehle. Hank trat um sich, doch es nützte nichts; der Engel war zu stark. Er tastete nach dem Panikknopf in seiner Tasche, aber seine Finger fummelten unnütz herum. Der Engel hatte ihm die Luft abgedrückt. Rote Lichter explodierten hinter seinen Augen, und seine Brust fühlte sich an, als hätte jemand einen Stein darauf gerollt.

Einer plötzlichen Eingebung folgend drang Hank in den Geist des Engels ein, zog die Stränge auseinander, die seine Gedanken formten, schwächte seinen Antrieb, indem er unaufhörlich flüsterte: Lass Hank Millar los, lass ihn jetzt los …

»Mentale Manipulation?«, fluchte der Engel. »Spar dir die Mühe. Ruf an«, befahl er. »Sollte sie in den nächsten zwei Minuten freigelassen werden, dann töte ich dich schnell. Wenn es länger dauert, dann reiße ich dich in Stücke. Und ich werde jeden deiner Schreie genießen, glaub mir.«

»Du – kannst – mich – nicht – töten!«, geiferte Hank.

Plötzlich fühlte er einen schneidenden Schmerz an seiner Wange. Er wollte aufheulen, aber der Ton erreichte seine Lippen nicht. Seine Luftröhre wurde zerquetscht, eingezwängt im Griff des Engels. Der rohe, brennende Schmerz wurde stärker, und Hank roch Blut, gemischt mit seinem eigenen Schweiß.

»Stück für Stück«, zischte der Engel und ließ etwas Papierartiges, das in eine dunkle Flüssigkeit getaucht zu sein schien, vor Hanks kreiselndem Gesichtsfeld baumeln.

Hank spürte, wie seine Augen sich weiteten. Seine Haut!

»Ruf deine Männer«, befahl der Engel. Er hörte sich jetzt sehr viel ungeduldiger an.

»Kann nicht … sprechen!«, gurgelte Hank. Wenn er nur den Panikknopf erreichen könnte …

Schwöre, dass du sie jetzt freilässt, und ich lasse dich sprechen. Die Drohung des Engels schlüpfte ganz einfach in Hanks Kopf.

Du machst einen großen Fehler, Junge, schoss Hank zurück. Seine Finger fanden seine Tasche und schlüpften hinein. Er umklammerte das Gerät.

Der Engel gab einen kehligen Laut der Ungeduld von sich, entriss ihm das Gerät und warf es in den Nebel hinaus. Schwöre, oder dein Arm ist als Nächstes dran.

Ich halte mich an unsere ursprüngliche Abmachung, antwortete Hank. Ich werde ihr Leben verschonen und jeden Gedanken daran, Chauncey Langeais’ Tod zu rächen, begraben, wenn du mir die Information bringst, die ich brauche. Bis dahin, das schwöre ich, werde ich ihr nichts tun …

Der Engel schlug Hanks Kopf auf den Boden. Zwischen Übelkeit und Schmerz hörte er den Engel sagen: Ich lasse sie keine fünf Minuten länger in deiner Gewalt, und schon gar nicht so lange, bis ich gefunden habe, was du willst.

Hank versuchte, über die Schulter des Engels zu blicken, aber alles, was er sehen konnte, war ein Zaun aus Grabsteinen. Der Engel hatte ihn am Boden, außer Sicht. Seine Männer konnten ihn nicht sehen. Er glaubte nicht, dass der Engel ihn töten konnte – er war unsterblich –, aber er würde nicht hier liegen und sich verstümmeln lassen, bis er aussah wie eine verwesende Leiche.

Er verzog den Mund und sah den Engel fest an. Ich weiß noch, wie sie geschrien hat, als ich sie weggeschleift habe. Wusstest du, dass sie deinen Namen geschrien hat? Immer wieder. Sie hat gesagt, du würdest sie suchen kommen. Das war in den ersten zwei Tagen, natürlich. Ich glaube, sie fängt endlich an einzusehen, dass du es nicht mit mir aufnehmen kannst.

Er sah, wie das Gesicht des Engels sich verdunkelte. Seine Schultern zuckten, seine schwarzen Augen weiteten sich vor Wut. Und dann geschah alles in atemberaubender Tortur. Erst war Hank kurz davor, durch den weißglühenden Schmerz seines gemarterten Fleisches das Bewusstsein zu verlieren, im nächsten Moment starrte er auf die Fäuste des Engels, die mit seinem Blut bedeckt waren.

Ein ohrenbetäubendes Heulen scholl aus Hanks Körper. Der Schmerz explodierte in ihm, machte ihn beinahe bewusstlos. Von weit her hörte er die Laufschritte seiner Nephilimmänner.

»Befreit – mich – von – ihm«, fauchte er, während der Engel weiter über seinen Körper herfiel. In jedem seiner Nervenenden loderte ein Feuer. Hitze und Agonie tropften aus seinen Poren. Er sah auf seine Hand, aber da war kein Fleisch mehr, nur noch zerfetzte Knochen. Der Engel würde ihn in Stücke reißen. Er hörte seine Männer vor Anstrengung knurren, doch der Engel war immer noch über ihm, und seine Hände setzten alles in Brand, was sie berührten.

Hank fluchte. »Blakely!«

»Zieht ihn weg – sofort!«, kam Blakelys schroffer Befehl an seine Männer.

Der Engel wurde davongeschleift, aber nicht schnell genug. Hank lag auf der Erde, keuchend. Er war nass von Blut, und die Schmerzen durchbohrten ihn wie glühendes Eisen. Er schlug Blakelys dargebotene Hand weg und stand mühsam auf. Er fühlte sich haltlos, wankend und trunken von seinem eigenen Leiden. Nach den glotzenden Blicken seiner Männer zu urteilen bot er einen entsetzlichen Anblick. So schwer, wie die Wunden aussahen, würde es wahrscheinlich eine ganze Woche dauern, bis sie geheilt waren – sogar, wenn er sich mit Teufelskraft behalf.

»Sollen wir ihn mitnehmen, Sir?«

Hank betupfte seine Lippe, die aufgeplatzt war und wie Mus in seinem Gesicht hing, mit einem Taschentuch. »Nein. Eingesperrt nützt er uns nichts. Sag Dagger, dass das Mädchen achtundvierzig Stunden lang nichts bekommt außer Wasser.« Sein Atem kam stoßweise. »Wenn der Junge hier nicht mitspielen will, dann zahlt sie dafür.«

Mit einem Nicken wandte sich Blakely vom Ort des Geschehens ab und tippte in sein Telefon.

Hank spuckte einen blutigen Zahn aus, untersuchte ihn stumm und steckte ihn dann in die Tasche. Er fixierte den Engel, dessen Wut einzig an seinen geballten Fäusten zu sehen war. »Noch einmal, die Regeln unseres Eides, um jedes weitere Missverständnis auszuschließen. Erstens, du wirst das Vertrauen der gefallenen Engel zurückgewinnen und dich wieder in ihre Ränge einfügen …«

»Ich werde dich töten«, warnte der Engel ihn ruhig. Obwohl ihn noch fünf Männer festhielten, wehrte er sich nicht mehr. Er stand tödlich still, seine schwarzen Augen brannten vor Hass. Hank spürte, wie die Angst kurz und schmerzhaft durch seine Därme fuhr.

Er bemühte sich um kühle Gleichgültigkeit: »… wonach du sie bespitzeln und mir direkt über ihre Pläne berichten wirst.«

»Ich schwöre hier und jetzt«, sagte der Engel mit mühsam kontrollierter Stimme, »und diese Männer hier sind meine Zeugen, dass ich nicht ruhen werde, bis du tot bist.«

»Reine Zeitverschwendung. Du kannst mich nicht töten. Oder hast du vielleicht vergessen, woher ein Nephilim sein Geburtsrecht auf Unsterblichkeit hat?«

Ein amüsiertes Murmeln ging durch die Gruppe der Männer, aber Hank brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Wenn ich entscheide, dass du mir genügend Informationen geliefert hast, so dass wir die gefallenen Engel erfolgreich daran hindern können, während des nächsten Cheschwan die Körper von Nephilim in Besitz zu nehmen …«

»Alles, was du ihr antust, wird dir zehnfach heimgezahlt werden.«

Hanks Mund verzog sich zu der Andeutung eines Lächelns. »Eine überflüssige Bemerkung, findest du nicht? Wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie sich nicht einmal mehr an deinen Namen erinnern.«

»Erinnere du dich nur gut an diesen Augenblick«, sagte der Engel mit eisiger Leidenschaft. »Er wird zurückkehren, um dich heimzusuchen.«

»Genug davon«, schnappte Hank mit einer angewiderten Geste und machte Anstalten, zum Wagen zurückzugehen. »Bringt ihn zum Delphic Vergnügungspark zurück. Wir wollen ihn so bald wie möglich zurück unter den gefallenen Engeln haben.«

»Ich gebe dir meine Flügel.«

Hank hielt inne, nicht sicher, ob er den Engel richtig verstanden hatte. Er lachte bellend auf: »Was?«

»Schwöre einen Eid, Nora jetzt sofort freizulassen, und sie gehören dir.« Der Engel hörte sich besorgt an, das erste Anzeichen, dass er nachgeben könnte. Musik in Hanks Ohren.

»Was sollte ich denn mit deinen Flügeln anfangen?«, gab er ausdruckslos zurück, aber der Engel hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Soweit er wusste, hatte noch kein Nephilim einem Engel die Flügel ausgerissen. Die taten das ab und zu untereinander, aber die Idee, dass ein Nephilim solche Macht haben könnte, war neu. Eine große Versuchung. Die Geschichte seiner Eroberung würde sich wie ein Lauffeuer unter den Nephilim verbreiten.

»Dir wird schon was einfallen«, sagte der Engel ungeduldig.

»Ich schwöre, dass ich sie vor Cheschwan freilasse«, gab Hank zurück, wobei er jeden Eifer aus seiner Stimme verbannte. Er wusste, wie verheerend es wäre, wenn er sich sein Entzücken anmerken ließe.

»Das reicht nicht.«

»Deine Flügel sind zwar eine hübsche Trophäe, aber ich habe Größeres vor. Ich werde sie Ende des Sommers freilassen, mein letztes Angebot.« Er wandte sich ab und schluckte seinen gierigen Überschwang hinunter.

»Abgemacht«, sagte der Engel in stiller Resignation, und Hank atmete langsam aus.

Er drehte sich um. »Wie soll das vor sich gehen?«

»Deine Männer werden sie ausreißen.«

Hank machte den Mund auf, um zu widersprechen, aber der Engel unterbrach ihn. »Sie sind stark genug. Wenn ich mich nicht wehre, dann können neun oder zehn von ihnen es zusammen schaffen. Und ich lebe wieder unter dem Delphic und lasse durchsickern, dass die Erzengel meine Flügel ausgerissen haben. Aber damit das funktioniert, dürfen wir nicht miteinander in Verbindung gebracht werden«, warnte er.

Ohne Zögern schüttelte Hank ein paar Blutstropfen von seiner verstümmelten Hand ins Gras zu seinen Füßen. »Ich schwöre, Nora freizulassen, bevor der Sommer zu Ende ist. Wenn ich meinen Eid breche, soll ich sterben und wieder zu dem Staub werden, aus dem ich gemacht wurde.«

Der Engel zog sein Hemd über die Schultern und stützte die Hände auf die Knie. Sein Oberkörper hob und senkte sich mit jedem Atemzug. Mit einer Tapferkeit, die Hank gleichzeitig verabscheute und ihm neidete, sagte der Engel zu ihm: »Nun macht schon.«

Hank hätte ihm gern selbst die Ehre erwiesen, aber seine Vorsicht war stärker. Er konnte nicht sicher sein, ob er nicht Spuren von Teufelskraft an sich trug. Wenn die Stelle, an der die Flügel eines Engels am Rücken hafteten, so sensibel war, wie die Gerüchte behaupteten, dann könnte ihn eine einzige Berührung verraten. Er hatte zu hart gearbeitet, um so spät im Spiel noch einen Fehler zu begehen.

Er bezwang sein Bedauern und wandte sich an seine Männer. »Reißt dem Engel die Flügel aus und macht hinterher hier sauber. Dann werft seinen Körper vor die Tore des Delphic, wo er mit Sicherheit gefunden wird. Und sorgt dafür, dass ihr nicht gesehen werdet.« Er hätte gern befohlen, den Engel mit seinem Brandzeichen zu markieren – einer geballten Faust –, einem sichtbaren Zeichen seines Triumphs, was seinen Ruhm unter den Nephilim mit Sicherheit gemehrt hätte, aber der Engel hatte Recht. Wenn es klappen sollte, dann durfte kein Beweis mehr existieren, dass sie miteinander Kontakt gehabt hatten.

Zurück beim Auto blickte Hank zum Friedhof. Es war bereits vorüber. Der Engel lag auf dem Bauch auf dem Boden, ohne Hemd, mit zwei blutigen Wunden, die sich über seinen Rücken zogen. Obwohl er nicht den geringsten Schmerz gespürt hatte, schien sein Körper doch durch den Verlust in einen Schockzustand geraten zu sein. Hank hatte außerdem gehört, dass die Narben ausgerissener Flügel die Achillesferse eines Engels waren. Da hatten die Gerüchte wohl Recht.

»War’s das für heute?«, fragte Blakely ihn, der von hinten zu ihm kam.

»Noch ein Anruf«, sagte Hank mit ironischem Unterton. »An die Mutter des Mädchens.«

Er wählte und hielt das Handy ans Ohr. Er räusperte sich und sagte dann mit angespannter und besorgter Stimme: »Blythe, meine Liebe, ich habe gerade deine Nachricht erhalten. Die Familie und ich waren im Urlaub, und ich bin gerade auf dem Weg zum Flughafen. Ich nehme den nächsten Flug nach Hause. Erzähl mir alles. Was meinst du mit entführt? Bist du sicher? Was hat denn die Polizei gesagt?« Er hielt inne und lauschte kurz ihrem erstickten Schluchzen. »Hör mir zu«, sagte er dann bestimmt. »Ich bin für dich da. Ich werde alles Menschenmögliche tun. Wenn Nora irgendwo da draußen ist, dann werden wir sie finden.«

Eins

Coldwater, Maine, Gegenwart

Noch bevor ich die Augen aufschlug, wusste ich, dass ich in Gefahr war.

Ich rührte mich, als ich Schritte näher kommen hörte. Ein leises Flackern von Schlaf blieb zurück, dämpfte meine Konzentration. Ich lag flach auf dem Rücken, ein Luftzug drang durch mein Hemd. Mein Nacken war in einem schmerzhaften Winkel verdreht; langsam öffnete ich die Augen. Lange Steine ragten aus dem blauschwarzen Nebel. Einen merkwürdigen, kurzen Augenblick lang hatte ich ein Bild von schiefen Zähnen vor Augen, dann sah ich sie als das, was sie wirklich waren. Grabsteine.

Ich versuchte, mich aufzusetzen, aber meine Hände glitten auf dem nassen Gras aus. Ich kämpfte immer noch mit dem Schleier aus Schlaf, der um meine Gedanken lag, und rollte mich seitwärts aus einem halb versunkenen Grab, wobei ich meinen Weg aus dem Dunst herausfühlte. Die Knie meiner Hose sogen sich mit Tau voll, als ich zwischen den unregelmäßig verteilten Gräbern und Grabsteinen herumkroch. Ein Schimmer von Erinnerung tauchte auf, aber das war ein Nebengedanke; wegen des unerträglichen Schmerzes, der in meinem Kopf herrschte, konnte ich mich nicht dazu bringen, mich zu konzentrieren.

Ich kroch an einem schmiedeeisernen Zaun entlang, wobei ich eine Lage verrotteten Laubs platt stampfte, die schon jahrelang dort lag. Ein geisterhaftes Heulen wehte von oben herunter, und obwohl es mich erschauern ließ, war es doch nicht das Geräusch, das mich am meisten ängstigte. Die Schritte trampelten über das Gras hinter mir, aber ob sie nah oder weit entfernt waren, konnte ich nicht einschätzen. Ein Schrei durchschnitt den Nebel, und ich lief schneller. Ich wusste instinktiv, dass ich mich verstecken musste, aber ich hatte die Orientierung verloren; es war zu dunkel, um klar sehen zu können, und der unheimliche blaue Nebel verzauberte alles, was ich sah.

In der Ferne, eingeklemmt zwischen zwei Wänden aus dürren und verwilderten Bäumen, schimmerte das Weiß eines Steinmausoleums in der Nacht. Ich kam auf die Füße und rannte darauf zu.

Ich schlüpfte zwischen zwei Marmorstatuen hindurch, und als ich auf der anderen Seite herauskam, wartete er dort auf mich. Eine turmhohe Silhouette, den Arm zum Schlag erhoben. Ich stolperte rückwärts. Im Fallen erst bemerkte ich meinen Fehler: Er war aus Stein. Ein Engel, erhöht auf einem Sockel, der die Toten bewachte. Ich unterdrückte gerade noch ein nervöses Lachen, als mein Kopf mit etwas Hartem zusammenstieß, was die Welt verrückte. Dunkelheit umgab mich.

Ich konnte nicht lange bewusstlos gewesen sein. Als das intensive Schwarz der Bewusstlosigkeit schwand, atmete ich noch immer heftig vom angestrengten Laufen. Ich wusste, dass ich aufstehen musste, konnte mich aber nicht erinnern warum. Also lag ich einfach da, während der eiskalte Tau sich mit dem warmen Schweiß auf meiner Haut mischte. Viel später erst schlug ich die Augen auf, und der nächstgelegene Grabstein geriet in meinen Fokus.

Die Buchstaben des Epitaphs waren in Einzeilern graviert.

HARRISON GREY

HINGEBUNGSVOLLER EHEMANN UND VATER

GESTORBEN AM 16. MÄRZ 2008

Ich biss mir auf die Lippe, um nicht laut aufzuschreien. Jetzt verstand ich, warum mir der Schatten, der über meiner Schulter gelauert hatte, seit ich vor ein paar Minuten aufgewacht war, so vertraut vorkam. Ich war auf dem Stadtfriedhof von Coldwater. Am Grab meines Vaters.

Ein Albtraum, dachte ich. Ich bin noch nicht wirklich aufgewacht. Das hier ist alles nur ein schrecklicher Traum.

Der Engel beobachtete mich, seine angeschlagenen Flügel hinter ihm entfaltet, sein rechter Arm in den Friedhof hinein deutend. Sein Ausdruck war vorsichtig unbeteiligt, aber der Schwung seiner Lippen war eher ironisch als wohlwollend. Einen Moment lang konnte ich mir beinahe einreden, er sei real und ich nicht allein.

Ich lächelte ihm zu und spürte, wie meine Unterlippe zu zittern begann. Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Wangenknochen und trocknete Tränen, die ich mich nicht erinnern konnte, geweint zu haben. Ich wollte verzweifelt in seine Arme klettern, wollte den Schlag seiner Flügel spüren, wenn er uns über die Tore und von diesem Ort fortbringen würde.

Das erneute Geräusch von Schritten holte mich aus meiner Benommenheit zurück. Jetzt waren sie schneller, brachen durch das Gras.

Ich drehte mich zu dem Geräusch herum, verwirrt von dem Tanz eines Lichts, das in der dunstigen Dunkelheit auf- und abtauchte. Sein Strahl hob und senkte sich mit der Kadenz der Schritte. – Knirsch … Leuchten … Knirsch … Leuchten …

Eine Taschenlampe.

Ich kniff die Augen zusammen, als das Licht zwischen meinen Augen anhielt und mich blendete. Mir kam die schreckliche Erkenntnis, dass ich eindeutig nicht träumte.

»Sieh mal einer an«, knurrte eine Männerstimme, versteckt hinter dem Lichtstrahl. »Du darfst dich hier nicht aufhalten. Der Friedhof ist geschlossen.«

Ich wandte das Gesicht ab, aber hinter meinen Augenlidern tanzten immer noch Lichtblitze.

»Wie viele sind noch hier?«, wollte er wissen.

»Was?« Meine Stimme war ein trockenes Flüstern.

»Wer ist sonst noch mit dir hier?«, fragte er aggressiver weiter. »Habt wohl gedacht, ihr könntet hier herauskommen und irgendwelche nächtlichen Spielchen treiben, was? Verstecken, nehme ich an? Oder Geister auf dem Friedhof jagen? Aber nicht, wenn ich Nachtwache schiebe, da gibt’s das nicht!«

Was ich hier tat? War ich hergekommen, um meinen Vater zu besuchen? Ich kramte in meinem Gedächtnis, aber das war verstörend leer. Ich konnte mich nicht daran erinnern, auf den Friedhof gekommen zu sein. Eigentlich konnte ich mich an kaum etwas erinnern. Es war, als wäre mir die ganze Nacht irgendwie unter den Füßen weggezogen worden.

Noch schlimmer, ich konnte mich auch an heute Morgen nicht erinnern.

Ich konnte mich nicht daran erinnern, mich angezogen oder gefrühstückt zu haben, in die Schule gegangen zu sein. War heute überhaupt Schule gewesen?

Ich verdrängte meine Panik vorübergehend nach ganz hinten und konzentrierte mich stattdessen darauf, mich körperlich zu orientieren; ich nahm die ausgestreckte Hand des Mannes. Sobald ich aufrecht saß, leuchtete mich die Taschenlampe wieder an.

»Wie alt bist du?«, wollte er wissen.

Endlich etwas, wo ich mir sicher war. »Sechzehn.« Beinahe siebzehn. Mein Geburtstag war im August.

»Was in drei Teufels Namen machst du hier draußen ganz allein? Weißt du nicht, dass es längst nach Sperrstunde ist?«

Ich sah mich hilflos um. »Ich …«

»Du bist nicht weggelaufen, oder? Sag mir nur, dass du ein Zuhause hast.«

»Ja.« Das Farmhaus. Ich erinnerte mich plötzlich an mein Zuhause, und mein Herz schlug vor Freude höher, bis mir kurz darauf dasselbe Herz wieder in die Hose rutschte. Draußen, nach der Sperrstunde? Wie lange danach? Ich versuchte erfolglos, die Vorstellung des wütenden Gesichts meiner Mutter auszublenden, wenn ich durch die Haustür kam.

»Hat ›ja‹ eine Adresse?«

»Hawthorne Lane.« Ich stand auf, fing aber heftig an zu schwanken, als mir das Blut in den Kopf schoss. Warum konnte ich mich nicht daran erinnern, wie ich hierhergekommen war? Ich musste gefahren sein. Aber wo hatte ich den Fiat geparkt? Und wo war meine Handtasche, meine Schlüssel?

»Hast du was getrunken?«, fragte er und kniff die Augen zusammen.

Ich schüttelte den Kopf.

Der Strahl der Taschenlampe, der sich etwas von meinem Gesicht entfernt hatte, war plötzlich wieder genau zwischen meine Augen gerichtet.

»Warte mal einen Moment«, sagte er, und ein Ton, den ich nicht mochte, lag plötzlich in seiner Stimme. »Du bist doch dieses Mädchen, oder? Nora Grey«, rief er aus, als wäre mein Name ein automatischer Reflex.

Ich trat einen Schritt zurück. »Woher wissen Sie meinen Namen?«

»Aus dem Fernsehen. Die Belohnung. Hank Millar hat sie ausgesetzt.« Was auch immer er dann sagte, trieb an mir vorbei. Marcie Millar war für mich das, was einem Erzfeind am nächsten kam. Was hatte ihr Vater mit mir zu tun?

»Du wirst seit Ende Juni gesucht.«

»Juni?«, wiederholte ich, während ein Funken Panik in mir aufstob. »Wovon reden Sie da? Es ist April.« Und wer suchte nach mir? Hank Millar? Warum?

»April?« Er glotzte mich merkwürdig an. »Wie kommst du denn darauf, Kindchen, es ist September.«

September? Nein. Das konnte nicht sein. Ich müsste es doch wissen, wenn mein zehntes Schuljahr vorüber wäre. Ich wüsste es doch, wenn die Sommerferien begonnen und wieder geendet hätten. Ich war gerade erst vor ein paar Minuten hier aufgewacht, orientierungslos, das schon, aber doch nicht blöde.

Aber warum sollte der Mann lügen?

Jetzt, wo er die Taschenlampe heruntergenommen hatte, sah ich ihn mir an, bekam ein komplettes Bild. Seine Jeans waren fleckig, seine Gesichtsbehaarung buschig, weil er sich mehrere Tage nicht rasiert hatte, seine Fingernägel lang und schwarz unter den Rändern. Er sah den Vagabunden erschreckend ähnlich, die die Eisenbahnschienen entlangliefen und in den Sommermonaten oben am Fluss ihre Unterkünfte bauten. Es war bekannt, dass sie Waffen trugen.

»Sie haben Recht, ich sollte machen, dass ich nach Hause komme«, sagte ich, ging rückwärts und legte meine Hand auf meine Tasche. Die vertraute Ausbuchtung meines Handys fehlte. Meine Autoschlüssel auch.

»Und wo meinst du, dass du hingehst?«, fragte er und folgte mir.

Mein Magen zog sich bei seiner plötzlichen Bewegung zusammen, und ich fing an zu rennen. Ich rannte in die Richtung, in die der Steinengel zeigte, in der Hoffnung, dort das Südtor zu finden. Ich hätte den Nordeingang genommen, den ich kannte, aber dazu hätte ich dem Mann entgegenrennen müssen, statt vor ihm wegzulaufen. Der Boden verschwand unter meinen Füßen, und ich stolperte einen Berg hinunter. Zweige zerkratzten meine Arme; meine Schuhe schlugen auf den unebenen und steinigen Boden.

»Nora!«, rief der Mann.

Ich wollte mich dafür schütteln, dass ich ihm gesagt hatte, wo ich wohnte. Was, wenn er mich verfolgte?

Seine Schritte waren länger, und ich hörte, wie er aufholte. Ich schlug wild mit den Armen, schlug die Zweige zurück, die sich wie Krallen in meinen Kleidern verfingen. Seine Hand ergriff meine Schulter, und ich schwang herum, schlug sie weg. »Fassen Sie mich nicht an!«

»Jetzt warte doch mal eine Minute. Ich habe dir von der Belohnung erzählt, und die will ich auch kriegen.«

Er griff ein zweites Mal nach meinem Arm, und in einem Adrenalinschub trat ich ihm gegen das Schienbein.

»Aaah!« Er bückte sich und hielt sich das Bein.

Meine eigene Gewalttätigkeit erschreckte mich, aber ich hatte keine andere Möglichkeit. Ich stolperte ein paar Schritte zurück, sah mich hastig um und versuchte, mich zu fangen. Mein Hemd war klamm vom Schweiß, der meinen Rücken hinunterlief und jedes Haar an meinem Körper dazu brachte, sich aufzurichten. Etwas stimmte nicht. Sogar mit meiner schwachen Erinnerung hatte ich doch eine klare Vorstellung vom Lageplan des Friedhofs – schließlich war ich unzählige Male hier gewesen, um das Grab meines Vaters zu besuchen –, aber wenn der Friedhof sich auch bis ins letzte Detail bekannt anfühlte, einschließlich des überwältigenden Geruchs nach brennendem Laub und abgestandenem Teichwasser, stimmte doch etwas an seinem Aussehen nicht.

Und dann bemerkte ich es.

Die Ahornbäume waren rot gesprenkelt. Ein Zeichen des bevorstehenden Herbstes. Aber das war nicht möglich. Es war doch April, nicht September. Wie konnten die Blätter sich verfärben? Sagte der Mann möglicherweise doch die Wahrheit?

Ich blickte zurück und sah, wie der Mann mir hinterherhumpelte, wobei er sein Handy ans Ohr drückte. »Ja, sie ist es. Ich bin mir sicher. Sie verlässt den Friedhof in Richtung Süden.«

Mit neuer Angst arbeitete ich mich vorwärts. Spring über den Zaun. Finde einen gut beleuchteten Ort mit vielen Menschen. Ruf die Polizei. Ruf Vee an …

Vee. Meine beste und vertrauenswürdigste Freundin. Ihr Haus war näher als meines. Da würde ich hinlaufen. Ihre Mutter konnte die Polizei anrufen. Ich würde denen beschreiben, wie der Mann aussah, und sie würden ihn finden. Sie würden dafür sorgen, dass er mich in Ruhe ließ. Dann konnten wir über die Nacht sprechen, konnten meine Schritte zurückverfolgen, und irgendwie würden die Löcher in meiner Erinnerung sich schließen, und ich hätte etwas, womit ich arbeiten konnte. Ich würde diese losgelöste Version von mir selbst abschütteln, dieses Gefühl, in einer Welt zu stecken, die zwar meine war, mich aber zurückwies.

Ich hörte nur zu rennen auf, um mich über den Friedhofszaun zu schwingen. Einen Block weiter, gerade auf der anderen Seite von Wentworth Bridge, gab es ein Feld. Das würde ich überqueren und dann meinen Weg die Baumstraßen hinauffinden – Elm und Maple und Oak – ich konnte durch Gassen und Seitenstraßen abkürzen, bis ich sicher bei Vees Haus ankäme.

Ich lief gerade in Richtung Brücke, als das Geräusch einer Sirene um die Ecke heulte und ein Paar Scheinwerfer mich festnagelten. Eine blaue Kojaklampe war auf dem Dach des Wagens befestigt, der am anderen Ende der Brücke kreischend zum Halten kam.

Instinktiv wollte ich auf ihn zulaufen und den Mann beschreiben, der mich festgehalten hatte, den Polizisten zum Friedhof schicken, aber als meine Gedanken sich klärten, erschrak ich.

Vielleicht war er gar kein Polizist. Vielleicht tat er nur so, als wäre er einer. Schließlich konnte sich jeder eine Kojaklampe zulegen. Wo war sein Streifenwagen? Ich blinzelte von dort, wo ich stand, durch die Windschutzscheibe; der Mann schien keine Uniform zu tragen.

All diese Gedanken überfielen mich auf einen Schlag.

Ich stand am Fuß der abfallenden Brücke und hielt mich an der Steinmauer fest. Ich war mir sicher, dass der mögliche Polizist mich gesehen hatte, aber ich hielt mich trotzdem im Schatten der Bäume, die über das Flussufer ragten. Am Rand meines Gesichtsfeldes sah ich das schwarze Wasser des Wentworth River glänzen. Als Kinder hatten Vee und ich unter genau dieser Brücke gehockt und vom Ufer aus Flusskrebse gefangen, indem wir Stöcke mit aufgespießten Würstchenstücken ins Wasser hielten. Die Flusskrebse hatten ihre Scheren in die Würstchen geklemmt und hielten sich sogar dann noch fest, wenn wir sie aus dem Fluss hoben und in einen Eimer schüttelten.

Der Fluss war in der Mitte tief. Er war außerdem gut versteckt, schlängelte sich durch ein unbebautes Stück Land, wo niemand das Geld investiert hatte, um Straßenlaternen zu installieren. Am Ende des Feldes floss das Wasser dann weiter in Richtung Industriegebiet, an geschlossenen Fabriken vorbei und nach draußen ins Meer.

Ich fragte mich kurz, ob ich es über mich bringen konnte, in den Fluss zu springen. Ich litt unter Höhenangst, aber ich konnte schwimmen. Ich musste es nur bis ins Wasser schaffen …

Eine Autotür schlug zu und brachte mich zurück auf die Straße. Der Mann in dem vermutlichen Polizeiauto war ausgestiegen. Er sah nach Mafia aus: dunkles, lockiges Haar und formell in ein schwarzes Hemd, schwarzen Schlips und schwarze Hosen gekleidet.

Etwas an ihm rüttelte an meiner Erinnerung. Aber bevor ich es wirklich begreifen konnte, ging es mir wieder verloren, und ich stand genauso im Dunklen wie zuvor.

Ein Haufen Zweige und Äste lag auf dem Boden. Ich bückte mich, und als ich mich wieder aufrichtete, hatte ich einen Stock in der Hand, der halb so dick war wie mein Arm.

Der vermeintliche Polizist tat, als sähe er meine Waffe nicht, aber ich wusste, das stimmte nicht. Er steckte sich eine Polizeimarke ans Hemd und hob dann die Hände auf Schulterhöhe. Ich tue dir nichts, besagte die Geste.

Ich glaubte ihm nicht.

Er machte langsam ein paar Schritte auf mich zu, wobei er darauf achtete, keine plötzlichen Bewegungen zu machen. »Nora. Ich bin’s.« Ich zuckte zusammen, als er meinen Namen aussprach. Ich hatte seine Stimme noch nie zuvor gehört. Mein Herz schlug heftig genug, dass ich es um meine Ohren herum klar wahrnehmen konnte. »Bist du verletzt?«

Ich beobachtete ihn weiter, mit wachsender Besorgnis, wobei meine Gedanken in verschiedene Richtungen davonschossen. Die Marke konnte falsch sein. Ich hatte bereits entschieden, dass dies auf die Kojaklampe zutraf. Aber wenn er kein Polizist war, was war er dann?

»Ich habe deine Mutter angerufen«, sagte er und stieg den Hang zur Brücke hinauf. »Sie trifft sich mit uns im Krankenhaus.«

Ich ließ den Stock nicht los. Meine Schultern hoben und senkten sich mit jedem Atemzug; ich konnte den Luftzug zwischen den Zähnen spüren. Noch ein Schweißtropfen lief unter meinen Kleidern entlang.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Es ist vorbei. Ich lasse nicht zu, dass dich jemand verletzt. Du bist jetzt in Sicherheit.«

Mir gefiel weder sein langer, entspannter Gang noch die vertrauliche Weise, in der er mit mir sprach.

»Kommen Sie nicht näher«, sagte ich zu ihm, und der Schweiß an meinen Händen machte es mir schwer, den Stock fest zu umfassen.

Seine Stirn legte sich in Falten. »Nora?«

Der Stock zitterte in meiner Hand. »Woher kennen Sie meinen Namen?«, wollte ich wissen und zeigte ihm nicht, wie verängstigt ich war. Wie sehr er mich ängstigte.

»Ich bin’s«, wiederholte er und sah mir direkt in die Augen, als ob er erwartete, dass mir plötzlich ein Licht aufging. »Detective Basso.«

»Ich kenne Sie nicht.«

Er sagte einen Augenblick lang nichts. Dann versuchte er es anders. »Erinnerst du dich daran, wo du gewesen bist?«

Ich blickte ihn misstrauisch an.

Ich tauchte tiefer in meine Erinnerung ein, sah sogar bis in die tiefsten und ältesten Korridore, aber sein Gesicht war da nirgends. Ich erinnerte mich überhaupt nicht an ihn. Und dabei wollte ich mich doch an ihn erinnern. Ich wollte etwas – irgendetwas – Bekanntes finden, woran ich mich klammern konnte, damit ich Sinn in einer Welt fand, die, von meinem Blickwinkel aus, völlig verdreht war.

»Wie bist du heute Nacht auf den Friedhof gekommen?«, fragte er, wobei er den Kopf ganz leicht in die entsprechende Richtung neigte. Seine Bewegungen waren vorsichtig. Seine Augen waren vorsichtig. Sogar die Linie seines Mundes war politisch korrekt. »Hat dich jemand da abgesetzt? Bist du gelaufen?« Er wartete. »Du musst es mir sagen, Nora. Es ist wichtig. Was ist heute Nacht geschehen?«

Das wüsste ich selbst gern.

Eine Welle von Übelkeit überkam mich. »Ich will nach Hause.« Ich hörte ein trockenes Knacken zu meinen Füßen. Zu spät bemerkte ich, dass ich den Stock fallen gelassen hatte. Der Wind fühlte sich kalt an meinen leeren Handflächen an. Ich sollte nicht hier sein. Diese ganze Nacht war ein riesiger Fehler.

Nein. Nicht die ganze Nacht. Was wusste ich schon davon? Ich konnte mich ja nicht an alles erinnern. Mein einziger Ausgangspunkt war ein Stückchen Vergangenheit, in der ich auf einem Grab aufgewacht war, kalt und verloren.

Im Kopf malte ich mir ein Bild von unserem Farmhaus, sicher und warm und wirklich, und fühlte, wie mir eine Träne seitlich an der Nase herunterlief.

»Ich kann dich nach Hause fahren.« Er nickte mitfühlend. »Ich muss dich nur vorher ins Krankenhaus bringen.«

Ich kniff die Augen zu, hasste mich selbst dafür, dass ich weinte. Ich konnte mir keine schnellere Art und Weise denken, ihm zu zeigen, wie verängstigt ich wirklich war.

Er seufzte – ein so sanfter Ton, als wünschte er, es gäbe einen Weg, mir die Neuigkeit, die er mir eröffnen musste, zu ersparen. »Du warst elf Wochen lang verschwunden, Nora. Hörst du, was ich sage? Niemand weiß, wo du die letzten drei Monate gewesen bist. Du musst untersucht werden. Wir müssen sichergehen, dass du in Ordnung bist.«

Ich starrte ihn an, ohne ihn wirklich zu sehen. Klitzekleine Glocken läuteten in meinen Ohren, aber sehr weit weg. Tief in meinem Bauch spürte ich ein Schlingern, aber ich versuchte, das Unwohlsein zu ignorieren. Ich hatte vor ihm geweint, aber ich würde mich nicht vor ihm übergeben.

»Wir glauben, dass du entführt worden bist«, sagte er mit unlesbarem Gesichtsausdruck. Er hatte den Abstand zwischen uns verringert und war mir jetzt zu nah. Und sagte Dinge, die ich nicht begreifen konnte. »Entführt.«

Ich blinzelte. Ich stand einfach nur da und blinzelte.

Eine Empfindung ergriff mein Herz, zog und zerrte, mein Körper erschlaffte, schwankte im Wind. Ich sah den goldenen Schein der Straßenlaternen über mir, hörte, wie der Fluss unter der Brücke rauschte, roch die Abgase seines laufenden Motors. Aber es war alles im Hintergrund. Ein nachträglicher, schwindeliger Gedanke.

Mit nur einer kurzen Vorwarnung spürte ich, wie ich schwankte, schwankte. Ins Nichts fiel.

Ich verlor das Bewusstsein, bevor ich den Boden berührte.

Zwei

Ich erwachte im Krankenhaus.

Die Zimmerdecke war weiß, die Wände in heiterem Blau gehalten. Der Raum roch nach Lilien, Weichspüler und Ammoniak. Auf einem Rollwagen neben meinem Bett balancierten zwei Blumensträuße, ein Gesteck aus Luftballons, das mir zurief: GUTE BESSERUNG!,

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