Revolver Tarot - R. S. Belcher - E-Book
Beschreibung

Ein sprachlos machender Roman, der in mehreren Genres gleichzeitig explodiert. Wild, düster, einfallsreich, verrückt und mit einer verdammt großen Portion Spaß. (Jonathan Maberry, New York Times Bestseller-Autor und Autor von DEADLANDS) Nevada, 1869: Am Rand der gnadenlosen Vierzigmeilenwüste liegt Golgotha, eine kleine Stadt, in der hinter verschlossenen Türen große Geheimnisse verborgen liegen. Der Sheriff trägt die Narben des Stricks am Hals und manche sagen, er sei ein toter Mann, dessen Zeit noch nicht gekommen ist. Golgotha ist der Ort, an dem sich die Gesegneten und die Verdammten sammeln. Schwärze flutet über die Welt und wenn der Sheriff und seine Leute sie nicht aufhalten, hat Golgotha seinen letzten Sonnenaufgang gesehen … und mit ihr die gesamte Schöpfung. Ein außergewöhnliches Abenteuer zwischen Western, Steampunk und Fantasy, das die Leben verschiedenster Persönlichkeiten auf einen gemeinsamen Kampf zuführt, dessen Wurzeln viel tiefer liegen, als sie sich vorstellen können. "Eine Steampunk-Raserei durch den Wilden Westen, mit Blut und Magie durchzogen." (Rosemary Edghill, Co-Autorin von The Shadow of Albion)

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Seitenzahl:706

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Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»The Six-Gun Tarot«

Copyright ©2013 by Rod Belcher

Published by arrangement with Tom Doherty Associates, LLC.

All rights reserved.

Copyright der deutschen Ausgabe ©2015 by

Papierverzierer Verlag, Essen

Übersetzung: Dennis Frey

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Coverbild: Raymond Swanland

Dieses Werk wurde im Auftrag von St.Martin‘s Press LLC durch dieLiterarischeAgentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen, vermittelt.

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oderveröffentlichtwerden.

ISBN 978-3-944544-31-1

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www.papierverzierer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Für meine Mutter, die den Job von beidenElternteilenübernommenhat, und die ihn besser gemacht hat,als es zwei Menschen je hätten tun können.

Für meine Schwester, die immer für mich da war und wegen der ich stets weitertippen konnte.

Und für meine tollen, wunderbaren Kinder, dieimmerdie größte Schöpfung sein werden, an der ichbeteiligtsein durfte.

Inhaltsverzeichnis
Revolver Tarot
Daten
Widmung
1 - Der Bube der Stäbe
2 - Der Mond
3 - Der Stern
4 - Der Gehängte
5 - Die Welt
6 - Die Königin der Schwerter
7 - Die Sieben der Stäbe
8 - Die Drei der Schwerter
9 - Die Zehn der Münzen
10 - Die Königin der Kelche
11 - Die Sechs der Kelche
12 - Der Teufel
13 - Das Rad des Schicksals
14 - Der König der Stäbe
15 - Die Liebenden
16 - Die Sieben der Münzen
17 - Die Kaiserin
18 - Der Eremit
19 - Die Königin der Münzen
20 - Der Wagen
21 - Die Kraft
22 - Die Fünf der Kelche
23 - Die Zehn der Stäbe
24 - Die Zwei der Stäbe
25 - Das Ass der Schwerter
26 - Der Narr
27 - Die Gerechtigkeit
28 - Der Hierophant
29 - Der Turm
30 - Der Herrscher
31 - Das Ass der Stäbe
32 - Der Ritter der Kelche
33 - Der Tod
34 - Das Gericht
R. S. Belcher
Danksagungen

Kapitel 1

Der Bube der Stäbe

Jim Negrey spürte die Sonne Nevadas wie den Biss einer Klapperschlange auf sich. Es war Mittag und er stolperte nur noch vorwärts. Sein Wille war alles, was ihn im Kampf gegen Schwerkraft und Erschöpfung auf den Beinen hielt. Der rostige Geschmack schaler Furcht erfüllte seinen Mund, während der Magen schon vor Tagen aufgegeben hatte, sich über Hunger zu beschweren. Seine Hände klammerten sich an die ledernen Zügel, an denen er Promise führte. Sie waren seine Rettungsleine. Halfen ihm, weiterhin zu stehen. Weiterhin zu laufen.

Promise war in schlechter Verfassung. Der Sturz von der Düne in der Vierzigmeilenwüste hatte sie dazu verdammt, ihr linkes Bein zu schonen, und daher taumelte sie mehr, als dass sie ging. Genau wie Jim. Er war seit dem Sturz am Vortag nicht mehr auf ihr geritten, aber er wusste, dass ihm keine andere Wahl bleiben würde. Wenn er nicht bald aufsaß und sie an Geschwindigkeit zulegten, würden sie beide als Futter für die Geier enden. Zu Fuß kostete ihn der Rest der Strecke nach Virginia City drei oder sogar vier Tage. Zu viel in dieser trockenen Einöde, auch mit dem Ansporn, den jene Stadt bot, und mit der Aussicht auf den Job bei der Eisenbahn.

In diesem Moment interessierte es ihn nicht, dass er kein Geld in der Tasche hatte. Es kümmerte ihn nicht, dass in seiner Feldflasche nur noch ein paar lauwarme Schluck Wasser herumschwappten oder dass man ihn in Virginia City – sollte er jemals ankommen – von einem der Fahndungsplakate erkennen und zurück nach Albright schicken könnte, wo der Strick auf ihn wartete.

In diesem Moment zählte für ihn nur sein Pferd.

Der braune Mustang hatte ihn seit seiner Kindheit begleitet und er würde ihn nicht hier draußen verrecken lassen. Promise schnaubte Staub aus ihren dunklen Nüstern. Sie schüttelte den Kopf und wurde langsamer.

»Komm schon, Mädchen«, krächzte er und es fühlte sich an, als wäre sein Hals mit zerbrochenem Schiefer gefüllt. »Nur ein kleines bisschen weiter. Komm schon.«

Die Stute gab widerstrebend Jims hartnäckigem Zerren an den Zügeln nach und schleppte sich weiter vorwärts. Jim hob die Hand und strich über ihren Hals. »Gutes Mädchen, Promise. Gutes Mädchen.«

Die Augen des Pferds waren vor Angst weit aufgerissen, aber sie ließ sich von dem vertrauten Klang der Stimme Jims in Sicherheit wiegen.

»Ich hole uns hier raus, Mädchen. Das schwöre ich dir.«

Er wusste, dass es eine Lüge war. Er hatte genauso viel Angst wie sie. Er war 15 Jahre alt und würde hier draußen sterben. Tausende von Meilen entfernt von Zuhause und Familie. Sie gingen weiter in Richtung Westen. Immer nach Westen. Jim wusste, dass irgendwo dort, weit entfernt, der Carson River lag. Doch er hätte genauso gut auf dem Mond liegen können – so leicht konnten sie ihn erreichen. Sie folgten den letzten Resten der Pfade, auf denen vor Jahren Konvois aus Planwagen durch die Vierzigmeilenwüste gezogen waren. Mit mehr Wasser und irgendeinem Schutz vor dem gnadenlosen Wetter hätten sie es vielleicht schaffen können, aber sie hatten weder das eine noch das andere.

Die brackigen Salztümpel, an denen sie vorbeikamen, sprachen eine deutliche Sprache. Sie erzählten von der höllischen Natur dieses Orts. Seit Tagen waren sie wieder und wieder über die ausgeblichenen Knochen von Pferden und schlimmere Dinge gestolpert. Andere verlorene Seelen, die Teil des Mülls der Vierzigmeilenwüste geworden waren. Der Weg zog sich scheinbar endlos dahin und immer wieder fand Jim Artefakte, halb verdeckt von Sand und Lehm. Das zerbrochene Porzellangesicht einer Puppe rief die Erinnerungen an Lottie wach. Sie musste jetzt sieben sein. Eine kaputte Taschenuhr enthielt die verblichene Photographie eines streng wirkenden Mannes in der Uniform der Union. Er erinnerte ihn an Pa. Jim fragte sich, ob irgendein armer Kerl, der diesen Pfad in der Zukunft nehmen musste, ein Erinnerungsstück finden würde, das von Jim und Promise erzählte. Von ihrem Weg durch dieses gottverlassene Stück Land. Einen einsamen Beweis, dass sie überhaupt existiert hatten.

Er wühlte in seiner Hosentasche nach dem Auge und untersuchte es im gnadenlosen Licht der Sonne. Eine perfekte Kugel aus milchigem Glas. Auf einer Seite eine Einlegearbeit – ein dunkler Kreis und darin ein Ring aus mattierter Jade. Im Zentrum der Jade ein Oval in der Farbe der Nacht. Wenn das Licht im richtigen Winkel auf die Jade fiel, erschienen kleine, unlesbare Schriftzeichen, die in den Stein eingraviert waren. Es war das Auge seines Vaters gewesen und es war der Grund für den Anfang und das Ende seiner Reise. Er wickelte es in ein Taschentuch und stopfte es zurück in die Tasche. Nein, er würde es auf keinen Fall der Wüste überlassen. Er schleppte sich weiter und Promise folgte ihm widerstrebend.

Er hatte schon vor einer ganzen Weile jedes Zeitgefühl verloren. Die Tage flossen ineinander und sein Schädel brummte, als ob ein Schwarm wütender Hornissen sich darin breitgemacht hätte. Es wurde mit jedem Schritt, den er machte, intensiver, aber er wusste immerhin, dass die Sonne in diesem Moment mehr von vorne als von hinten kam. Wieder blieb er stehen. Wann hatte er in das Auge gesehen? Vor Minuten? Jahren? Die Wagenspuren, versteinert und verdreht im hart gebackenen Boden, hatten ihn an eine Kreuzung im Nirgendwo gebracht. Zwei zerfurchte Wege trafen sich hier an einem Haufen aus Schädeln. Die meisten waren von Kühen oder Coyoten, aber die Anzahl derer, die von Tieren der zweibeinigen Art stammten, beunruhigte Jim. Auf dem Haufen lag ein Stück Schiefer, die zerbrochene Kreidetafel eines Kindes, achtlos weggeworfen und ausgeblichen von Sand, Salz und Sonne. Irgendjemand hatte in roter Farbe krakelige Worte darauf gekritzelt.

Golgotha 18 Meilen. Redemption 32 Meilen. Salvation 50 Meilen.

Während der wenigen Tage, in denen er sich in Panacea herumgedrückt hatte, gleich nachdem er aus Utah herübergekommen war, hatte er sich über die vielen Mormonen in Nevada gewundert. Es war unglaublich, wie viel Einfluss sie in dem jungen Staat bereits hatten sammeln können. Es gab zahlreiche Städte und Vorposten mit den merkwürdigsten religiösen Namen, die den Zug der Mormonen nach Westen bezeugten. Er hatte von keinem der Orte auf der Tafel gehört, aber wo Menschen waren, gab es auch Wasser und Schutz vor der Sonne.

»Da siehst du es, Promise. 18 Meilen noch, dann haben wir es geschafft, Mädchen.« Er zog an den Zügeln und es ging weiter. Nicht dass er vorgehabt hätte, in einem Ort namens Golgotha zu bleiben, aber im Moment hatte er absolut kein Problem damit, zumindest einmal vorbeizuschauen. Die Spur zog sich weiter und Jim konnte die Entfernung nur anhand der stetig wachsenden Schmerzen in seinen ausgetrockneten Muskeln einschätzen. In seinem Kopf schwoll das Brummen weiter an und verhinderte jeden klaren Gedanken. Die Sonne zog sich hinter die Silhouetten der fernen Hügel zurück, doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Schon jetzt fühlte er Kälte auf seiner roten, geschwollenen Haut, während die Temperatur in der Wüste immer weiter fiel. Auch Promise begann zu zittern und schnaubte unleidig. Sie würde nicht viel weiter gehen können, bevor sie sich endgültig ausruhen musste. Ihm war völlig klar, dass es klüger gewesen wäre, nachts zu reisen und die Zeit ohne die brennende Sonne am Himmel zu nutzen, aber er war schlicht und einfach zu müde. Er fror schon jetzt und außerdem hatte er Angst, im Dunkeln die Wagenspur zu verlieren. Er hatte genug Probleme, er musste sich nicht erst verlaufen.

Er sah sich nach einem geeigneten Platz für die Nacht um, als Promise plötzlich erschrocken wieherte. Jim, der noch immer die Zügel in der Hand hielt, wurde brutal vom Boden gerissen, als die Stute sich auf die Hinterbeine stellte. Dann gab Promise’ verletztes Bein nach und beide, der Junge und das Pferd, stürzten einen steinigen Abhang am Rand des Wegs hinunter. Verwirrung, Fallen und dann der plötzliche, schmerzhafte Stopp. Jim lag mit dem Rücken an Promise’ Flanke. Nach einigen vergeblichen Versuchen, aufzustehen, wimmerte das Pferd leise und gab auf. Jim stemmte sich hoch und klopfte den Staub von seinen Kleidern. Außer einem brennenden Handgelenk, an dem ihm der lederne Zügel die Haut weggerissen hatte, war er unverletzt. Die Wände der flachen Schlucht, in der sie gelandet waren, bestanden aus bröckelndem Lehm, in dem sich ein paar kränkliche Salbeipflanzen festgesetzt hatten. Jim kniete sich neben Promise’ Kopf und streichelte die zitternde Stute.

»Schon in Ordnung, Mädchen. Wir brauchen beide eine Pause. Mach die Augen zu. Ich passe auf dich auf. Bei mir bist du sicher.«

In der Ferne heulte ein Coyote auf und das Geräusch wurde von seinen Brüdern aufgenommen. Der Himmel verfärbte sich von dunkelblau zu schwarz. Jim wühlte in den Satteltaschen, bis er Pa’s Pistole fand. Die, die er im Krieg benutzt hatte. Er prüfte den Zylinder des .44er Colts und ließ dann den Verschluss zuschnappen. Er würde sich verteidigen können.

»Mach dir keine Sorgen, Mädchen. Heute Nacht wird dich niemand holen. Ich habe versprochen, dass ich uns hier raushole, und ich werde mein Wort halten. Einen Mann, der sein Wort nicht hält, braucht diese Welt nicht.«

Jim zog die grobe Army-Decke und das zusammengerollte Bettzeug vom Sattel und legte die Decke vorsichtig über Promise. Danach wickelte er sich in das dünne Laken. Der Wind über ihren Köpfen nahm an Geschwindigkeit zu und strich heulend über den Abhang. Ein Strom aus wirbelndem Staub tanzte auf den Schwingen des schrecklichen Geräuschs über sie hinweg. Als er noch ein Junge gewesen war, hatte Jim Angst vor dem Stöhnen des Windes gehabt, der wie ein ruheloser Geist an den Dachsparren zerrte, zwischen denen sein Bett stand. Natürlich war er jetzt ein Mann und ihm war klar, dass ein Mann sich vor so etwas nicht fürchtete. Doch dieser Ort gab ihm das Gefühl, klein und völlig allein zu sein.

Eine Stunde später sah er nach Promise’ Bein. Es war schlimm, aber nicht so schlimm, dass es nicht mehr heilen konnte. Er hätte alles für einen warmen Stall, eine saubere Fellbürste und etwas Hafer und Wasser gegeben. Allerdings würde er sich auch mit etwas Wasser zufriedengeben. Sie war stark. Ihr Herz war stark. Aber es war bereits mehrere Tage her, dass sie das letzte Mal Wasser bekommen hatte. Stärke und Herz brachten einen auch nur bis an einen gewissen Punkt, wenn man in der Wüste unterwegs war. Und an ihrem schweren Atem konnte er hören, dass sie nicht mehr bis Golgotha kommen würde.

Die Eiseskälte nistete sich irgendwann in dieser endlosen Nacht in seinen Knochen ein. Selbst die Mischung aus Kälte und Angst konnte ihn nicht wach halten. Er fiel in die warmen, betäubenden Arme des Schlafs.

Er riss seine Augen auf. Der Coyote war höchstens einen Meter von seinem Gesicht entfernt. Sein Atem sandte einen silbrigen Nebel in die kalte Luft zwischen ihnen. Die Augen des Tieres wirkten wie Bernsteine in einem Kaminfeuer. Es lag Schläue darin, die Jim tief in seinen Eingeweiden spürte. In seinem Kopf hörte er Gesang, Trommeln. Er sah sich selbst als Hasen – eine schwache, verängstigte Beute.

Dann erinnerte er sich an die Pistole. Mit halb erfrorenen Fingern versuchte er sie hastig vom Boden aufzuheben.

Die Augen des Coyoten verengten sich und er hob die Lefzen. Darunter kamen vergilbte Zähne zum Vorschein. Einige waren krumm und schief, aber die Eckzähne waren scharf und grade.

Du denkst, du kannst mich mit dem langsamen, geistlosen Blei töten, kleiner Hase?

Seine Augen sprachen zu Jim.

Ich bin der Feuerbringer, der Gauner-Geist. Ich bin schneller als Old Man Rattler, leiser als das Licht der Mondfrau. Versuch es. Komm schon, versuch es und du wirst sehen. Erschieß mich mit deiner toten, leeren Waffe.

Jim warf einen schnellen Blick auf die Pistole, brachte seine Hand in Position und riss sie dann hoch, bereit zu schießen. Der Coyote war verschwunden, aber sein Atem hing noch in der Luft. Jim hörte ihn in der Ferne jaulen. Es klang wie höhnisches Gelächter auf seine Kosten.

Jims Augenlider zitterten und fielen zu.

Er erwachte mit einem Schreck und rasendem Herzen. Es war noch immer dunkel, aber der Sonnenaufgang wartete schon am Horizont. Noch immer hielt er die Pistole in der Hand. Die Spuren des Coyoten waren direkt vor ihm und er fragte sich, ob er nicht vielleicht schon gestorben war und jetzt noch im Foyer der Hölle umherwanderte, verspottet von Dämonenhunden und verflucht mit ewigem Durst für die Verbrechen, die er zu Hause begangen hatte.

Promise bewegte sich ruckartig. Zuckte. Dann ließ sie einige mittleiderregende Geräusche hören und war wieder still. Jim legte seinen Kopf an ihre Seite. Noch schlug ihr Herz, und ihre Lungen kämpften um Luft.

Wenn er in der Hölle war, hatte er es verdient. Nur er. Er streichelte über ihre Mähne und wartete darauf, dass der Teufel sich aufgebläht und scharlachrot im Osten erhob. Wieder döste er ein.

Er erinnerte sich daran, wie stark die Hände seines Vaters gewesen waren, aber auch an seine sanfte Stimme. Pa schrie fast nie, außer wenn er getrunken hatte, um die Kopfschmerzen zu vertreiben. Es war ein kalter West Virginia Frühling gewesen. Der Frost hing noch immer jeden Morgen an den zarten, blühenden Zichorien und den Pflanzen auf dem Friedhof, aber gegen Mittag war der Himmel hell und klar, und der stürmische Wind zwischen den Bergen war etwas zu warm, um ihn als kalt zu bezeichnen. Pa und Jim reparierten den Zaun des alten Wimmer, der an ihr eigenes Grundstück grenzte. Pa hatte alle möglichen anfallenden Arbeiten für das Volk im ganzen Preston County erledigt, seit er aus dem Krieg zurückgekehrt war. Er hatte sogar beim Anbau des Cheat River Saloon, drüben in Albright geholfen, der nächsten Stadt, vom Haus der Negreys aus gesehen.

Lottie hatte ihnen ein Lunchpaket gebracht: Maismuffins, etwas Butter und ein paar Äpfel. Dazu einen Eimer mit frischem Wasser. Lottie war damals fünf gewesen und ihre Haare hatten die Farbe von Stroh gehabt, beinahe genau wie Jims. Ihre waren noch etwas heller, goldener im Sonnenlicht. Sie fielen ihr beinahe bis zur Hüfte und Mum kämmte sie jeden Abend mit ihrem feinen, silbernen Kamm vor dem Kamin aus, bevor sie ins Bett musste. Die Erinnerung daran schmerzte Jim. Das war immer das Erste, woran er dachte, wenn er sich an Zuhause erinnerte.

»Schmeckt es gut, Daddy?«, fragte Lottie. Pa lehnte am Zaunpfahl und aß eifrig seinen Apfel. »M’hm.« Er nickte. »Sag deiner Mutter, dass sie immer fantastisches Essen schickt. Viel besser als diese staubtrockenen Cracker und das Skillygallee, das uns General Pope immer hat vorsetzen lassen.«

Jim nahm einen großen, kühlenden Schluck aus der Wasserkelle und sah Pa an. Wie er dasaß und mit Lottie lachte. Jim konnte sich nicht vorstellen, jemals so groß, so stolz oder so heldenhaft wie Billy Negrey zu sein. Der Tag, an dem sein Pa vom Krieg nach Hause gekommen war, der Tag, an dem Präsident Lincoln verkündet hatte, dass es nun endlich vorbei sei, war der glücklichste Tag in Jims jungem Leben gewesen. Auch wenn Pa ausgemergelt zurückgekehrt war und Mum ihn ständig drängen musste, mehr zu essen, trotz seiner Augenklappe und der Kopfschmerzen. All das machte ihn für Jim nur noch mysteriöser und beeindruckender.

Lottie beobachtete ihren Vater eingehend, während er seinen Apfel bis auf das Kerngehäuse abnagte.

»Hat General Pope dir dein Auge weggenommen?«, fragte sie.

Pa lachte. »Ich denke, auf eine gewisse Art kann man das schon so sagen, meine Kleine. Dein Vater hat sich nicht schnell genug geduckt und eine Kugel direkt ins Auge bekommen. Will mich aber nicht beschweren. Ein paar von den anderen Jungs hat es hundertmal schlimmer erwischt.«

»Pa, warum sagt Mr. Campbell aus der Stadt, dass du ein Chinesenauge hast?«, fragte Jim mit etwas verlegenem Lächeln.

»Das weißt du ganz genau, James Matherson Negrey.« Pa sah von einem erwartungsvollen Gesicht zum nächsten und schüttelte den Kopf.

»Werdet ihr zwei eigentlich nie müde, diese Geschichte zu hören?« Beide schüttelten gleichzeitig die Köpfe und Billy lachte.

»Na gut, na gut. Also, während ich unter General Pope gedient habe, war meine Einheit – die First Infantry out of West Virginia – in diese große Schlacht verwickelt. Wisst ihr …«

»Bull Run, oder Pa?«, unterbrach ihn Jim. Er wusste die Antwort bereits, und auch Billy wusste, dass er es wusste.

»Yessir«, antwortete er. »Das zweite Mal, dass wir uns um denselben Fetzen Land prügeln mussten. Auf jeden Fall hatte der alte Pope sich mächtig verrechnet und …«

»Wie sehr hat er sich verrechnet, Pa?« Dieses Mal war es Lottie, die ihn unterbrach.

»Liebling, wir haben den Hintern versohlt bekommen wie freche, kleine Jungs.«

Die Kinder lachten, so wie jedes Mal, und Billy fuhr fort.

»Wir bekamen den Befehl zum Rückzug und das war der Moment. Der Moment, in dem ich eine Kugel direkt ins Auge bekam. Ich drehte gerade den Kopf, um zu sehen, ob der alte Luther Potts sich zurückzog, als sie mich traf. Hat wahrscheinlich mein Leben gerettet, dass ich mich umgesehen habe.« Billy rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken.

»Alles in Ordnung, Pa?«, fragte Jim.

»Alles bestens. Bring mir etwas Wasser, ja? Also Lottie, wo war ich?«

»Man hat dir ins Auge geschossen.«

»Richtig. Also, danach kann ich mich erstmal an nicht mehr viel erinnern. Hatte eine Menge Schmerzen. Ich hörte … Na ja, ich konnte manches von dem hören, was um mich herum geschah.«

»Was denn zum Beispiel, Pa?«, fragte sie.

»Nichts für dich. Jedenfalls packte mich jemand und schleppte mich ein Stück. Schließlich hörte ich, wie die Feldärzte jemandem befahlen, mich festzuhalten. Dann schlief ich erst mal eine lange Zeit. Ich hab von dir geträumt. Von Jim und eurer Mutter. Das Zeug, das sie dir da geben, lässt dich merkwürdigen Kram träumen. Ich kann mich dran erinnern, wie ich jemanden sah. Komplett in edle, grüne Seide gekleidet. Ein alter Mann, aber mit langen Haaren, wie bei einer Frau. Er laberte auf mich ein, aber ich verstand kein Wort.«

»Wann bist du aufgewacht, Pa?«, fragte Jim. Er kannte die Geschichte mittlerweile so gut, dass er sie selbst hätte erzählen können, aber er versuchte immer wieder mit Fragen, neue Details aus seinem Vater herauszubekommen.

»Ein paar Tage später, im Sanitätszelt. Ich hatte höllische Kopfschmerzen und es war irgendwie schwer, klar zu denken oder zu hören.« Billy machte eine Pause und schien ein wenig zusammenzuzucken. Jim reichte ihm die Kelle mit dem kalten Wasser. Er nahm einen langen Schluck und blinzelte mehrfach mit dem guten Auge. »Ich erfuhr, dass wir uns hatten zurückziehen müssen und jetzt auf dem Weg nach Washington waren, um dort die Stellungen zu halten. General Pope hatte sich eine Menge Ärger eingehandelt. Sie sagten mir, dass ich mein Auge verloren hatte, mich aber glücklich schätzen konnte, noch am Leben zu sein. In dem Moment wusste ich das natürlich nicht zu schätzen, aber verglichen mit all den Jungs, die gar nicht mehr heimkamen, muss ich wirklich einen Schutzengel gehabt haben.«

»Und was war mit dem Chinesen, Pa?«, quietschte Lottie aufgeregt.

Diesmal zuckte Billy deutlich zusammen, doch er fuhr mit gequältem Lächeln fort. »Na ja, als meine Einheit in Washington ankam, wurden ein paar von uns, die ziemlich angeschlagen waren, in ein Krankenhaus verfrachtet. Und da tauchte eines nachts dieser merkwürdige Johnny in seinem Pyjama und mit einem von diesen kleinen Hüten neben meinem Bett auf.«

»Hattest du Angst, Pa?«, fragte Jim.

Aber Billy schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich, Jim. Das Krankenhaus war ein merkwürdiger Ort und diese Medizin, die sie uns gaben – dieses Morphium – machte einen ganz wirr im Kopf. Ich dachte wirklich nicht, dass der Chinese tatsächlich da war. Er sprach, aber seine Stimme war wie ein Lied, so weich, als wäre ich der Einzige auf der Welt, der ihn hören konnte. Er sagte›Du wirst ausreichen‹. Bis heute habe ich keine Ahnung, was der verdammte Kerl eigentlich wollte, aber er sagte etwas über den Mond und dass ich mich versteckte – oder so ähnlich. Dann berührte er mich hier, direkt hier an der Stirn, und ich schlief ein. Als ich wieder aufwachte, war ich nicht mehr in dem Bett im Krankenhaus, sondern in so einer Art Chinesen-Unterschlupf. Da waren gleich mehrere, und sie alle murmelten vor sich hin und zogen diese üblen, großen Stricknadeln aus meiner Haut. Schmerzen spürte ich aber gar keine. Derjenige, der mich aus dem Krankenhaus geholt hatte, sagte, dass sie Heiler seien und gekommen waren, um mir ein Geschenk zu machen. Er hob einen Spiegel hoch und ich sah das Auge zum ersten Mal. Er erklärte mir, dass es ein altes Erbstück seiner Sippschaft aus China sei.«

»Hast du ihm das geglaubt?«, fragte Jim.

Bill rieb sich die Schläfen und blinzelte noch einmal in die Nachmittagssonne. »Nun, ich war natürlich schon etwas misstrauisch, Jim. Er sagte, das Auge sei sehr wertvoll und ich sollte es wohl besser unter einer Augenklappe verstecken, damit kein Gauner auf die Idee käme, es zu stehlen. Kam mir alles sehr komisch vor. Er und die anderen Johnnys plapperten wie Papageien in ihrer merkwürdigen Sing-Sang Sprache. Ich hab natürlich nichts verstanden, aber sie alle schienen mächtig an mir und dem Auge interessiert zu sein. Sie dankten und wünschten mir Glück. Ein anderer Chinese blies mir Rauch aus einer langen Pfeife ins Gesicht und ich wurde schläfrig. Irgendwie schwindlig, mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch, genau wie von dem Morphium. Als ich wieder erwachte, war ich zurück im Krankenhaus und es war der Morgen des nächsten Tages. Ich hab dem Doktor und meinem Offizier davon erzählt, aber die haben es auf die Medizin geschoben. Hatten natürlich einige Probleme, das neue Auge zu erklären, aber mit all den verletzten Soldaten ging es in dem Krankenhaus wild zu und niemand hatte Zeit, lange herumzurätseln – schon gar nicht bei jemandem, der wach war und eindeutig überleben würde. Sie mussten sich um den nächsten armen Kerl kümmern, den sie vielleicht noch retten konnten. Einige boten an, mir das Auge abzukaufen, direkt aus meinem Kopf raus, aber es hätte sich nicht richtig angefühlt, so ein schönes Geschenk einfach zu verkaufen. Außerdem hatte ich so eine tolle Geschichte, die ich meinen Kindern bis ans Ende meiner Tage erzählen würde.« Billy grunzte und stemmte sich wieder hoch. »Dauerte auch nicht mehr lange, dann war der Krieg vorbei und ich konnte heimkommen. Den Chinesen habe ich nie wieder gesehen. Ende.«

»Ich will es sehen, Pa!«, rief Lottie übermütig, fast schon zitternd vor Vorfreude. »Bitte!«

Billy nickte lächelnd. Er hob die simple schwarze Augenklappe, die seine linke Augenhöhle bedeckte. Lottie lachte und klatschte in die Hände, während Jim einen Schritt näher trat, um einen besseren Blick auf das selten gezeigte Kleinod zu erhaschen.

»Es ist, als hättest du ein grünes Auge«, sagte Lottie leise. »Es ist so hübsch, Pa.«

»Die grüne Farbe darin ist Jade«, erklärte Billy. »Gibt ‚ne Menge Jade in China.«

»Und Tee«, fügte Jim hinzu.

Lottie streckte ihm die Zunge heraus. »Du versuchst nur wieder schlau rüberzukommen.«

»Okay, ihr beiden, genug jetzt.« Billy ließ das Auge wieder hinter der Klappe verschwinden. »Jim, wir gehen zurück an die Arbeit. Lottie, du läufst heim zu deiner Mutter. In Ordnung?«

Jim beobachtete, wie Lottie durch das hohe, trockene Gras tanzte, mit dem leeren Körbchen in der Hand, den Schein der Sonne auf den goldenen Locken. Sie sang ein selbstgedichtetes Lied über China und Jade, wobei sie»Jade«wie»Jatte«aussprach. Jim warf einen Seitenblick zu seinem Vater. Offensichtlich hatten ihn die Kopfschmerzen wieder einmal gepackt. Doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und sah Lottie lächelnd nach. Dann drehte er sich zu Jim um und bedachte den dreizehnjährigen Jungen mit einem Blick, der ihn mehr wärmte, als die Sonne das jemals gekonnt hätte. »Machen wir weiter, mein Sohn.«

Er wachte auf und war wieder in der Wüste. Alles Grün und die frische Bergbrise waren verschwunden. Die Sonne zeigte sich im Osten, bereit, in den Himmel zu steigen und Jim weiter zu braten. Noch war es zwar kühl, aber nicht mehr so sehr, dass man es noch als»kalt«bezeichnen konnte. Er erinnerte sich plötzlich an den Coyoten und wirbelte mit der Pistole in der Hand herum. Nichts bewegte sich. Alles lag genau wie zuvor im heller werdenden Licht. Promise’ Atmung ging schwer und flach. Das Geräusch machte Jim Angst. Er versuchte sie zum Aufstehen zu bewegen, doch das Pferd schüttelte sich nur leicht und blieb liegen.

»Komm schon, Mädchen. Wir müssen uns auf die Beine machen, bevor die Sonne noch höher steigt.«

Promise versuchte aufzustehen, angetrieben vom Klang seiner Stimme. Vergeblich. Er sah sie am Boden, die dunklen Augen voller Schmerzen und Angst. Sein nächster Blick fiel auf die Pistole.

»Es tut mir so leid, dass ich dich hierher geführt habe, Mädchen. So schrecklich leid.« Er hob Pa‘s Pistole und richtete sie auf den Schädel der Stute. »Es tut mir leid.«

Sein Finger schloss sich um den Abzug. Die Hand zitterte. Das hatte sie nicht getan, als er Charlie erschossen hatte. Aber Charlie hatte es auch verdient. Promise nicht. Langsam entspannte er den Hahn wieder und ließ die Waffe in den Staub fallen. Für eine ganze Weile stand er einfach nur da. Sein Schatten wurde kürzer.

»Wir kommen beide wieder hier raus, Mädchen«, sagte er schließlich. Er wühlte sich durch die Satteltasche und förderte seine Feldflasche zu Tage. Er nahm einen letzten, viel zu kleinen Schluck und goss den Rest in Promise’ Mund und über ihre geschwollene Zunge. Das Pferd bemühte sich, keinen Tropfen zu verschwenden. Einige Augenblicke später stemmte sie sich hoch, noch immer wacklig auf den Beinen. Jim strich ihr über die Mähne.

»Gutes Mädchen, gutes Mädchen. Entweder wir schaffen es gemeinsam oder gar nicht. Also los.« Und so trotteten sie weiter in Richtung Golgotha.

Kapitel 2

Der Mond

Die Dunkelheit presste mit schrecklicher Kraft gegen seine Lider. Der Schmerz war zäh und floss wie bleierner Sirup über seinen Schädel. Jim öffnete die Augen und Sonnenlicht stach wie ein Messer hinein. Ein Stöhnen kam über seine aufgesprungenen Lippen.

»Alles in Ordnung«, hörte er eine Stimme zwischen dem Rattern von Wagenrädern. »Wir kümmern uns um dich, Kleiner. Du wirst sehen, du bist ganz schnell wieder auf den Beinen.«

Jim spürte, wie kühle, spinnengleiche Hände unter seinen Rücken glitten und ihn aufsetzten. Er lag unter einer wollartigen Pferdedecke. Sie kratzte über seine rote Haut, hielt aber die brennende Sonne von ihm ab. Eine blasse, totengleiche Hand reichte ihm eine Feldflasche an den Mund. Ein säuerlicher Geruch ging von ihr aus und für einen Moment glaubte Jim, einer der toten Reisenden aus der Vierzigmeilenwüste hätte ihn aufgesammelt. »Trink«, sagte die Stimme. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und nahm tiefe, gierige Schlucke.

»Nicht so schnell.« Eine zweite Stimme. »Sonst kommt dir gleich alles wieder hoch.«

Jims Sicht war noch immer verschwommen und seine Augen waren mit Staub verklebt. Er wandte den Kopf, wodurch er gerade so den Mann erkennen konnte, der ihm die Flasche hinhielt. Sein Gesicht war dünn, das lichte graue Haar aus der langen Stirn zurückgekämmt. Er erinnerte ein bisschen an einen Geier. Er schien sich Sorgen um Jims Zustand zu machen, doch gleichzeitig wirkte er auch fasziniert davon. Genau so hatte Lottie sich einmal eine Ameise angeschaut, die unter einem Marmeladenglas gefangen war. »Wie geht es ihm?«, fragte der Fahrer.

»Den Umständen entsprechend.« Der Mann mit dem Geiergesicht grinste schief. »Ist röter als ein Priester im Hurenhaus.«

»Promise«, krächzte Jim. »Mein Pferd. Geht es ihr gut?«

Die kalten Hände drehten Jims Kopf zur Rückseite des Wagens. Promise trottete hinter ihnen her, die Zügel um eines der Bretter gewickelt, die den Wagen einfassten. Sie wirkte müde, aber sie war in Bewegung und schnaubte, als sie Jim sah. Der Junge brachte ein schwaches Lächeln zustande. »Da siehst du es, Mädchen, ich hab dir doch gesagt …«

Bevor er den Satz beenden konnte, verschluckte ihn erneut die brummende Dunkelheit.

Es war ein heißer Juliabend. Die Glühwürmchen schwebten über dem Vorgarten wie die Funken eines Lagerfeuers. Jim saß auf der Veranda ihres Hauses und suchte am Nachthimmel nach dem Sternbild des Schützen. Lottie schlief bereits, doch Jim durfte länger aufbleiben, um mit Pa vor dem Haus auf der Fiedel zu spielen. Ma würde singen, während die Glühwürmchen tanzten.

Doch in dieser Nacht gab es weder Gesang noch Musik. Jim konnte Ma und Pa im Haus streiten hören. Ihre Stimmen wurden aufgebrachter. Lauter. Schneller.

»Beruhige dich, William. Die Kinder hören dich sonst.«

»Zum Teufel mit ihnen«, brüllte Pa. »Vielleicht sollten sie wissen, was ein Mann durchmachen muss, nur weil er etwas braucht, um den brennenden Schmerz in seinem Kopf zu beruhigen.«

»Du bist betrunken«, zischte Ma. »Bitte, William. Wenn die Kopfschmerzen wieder so schlimm sind, können wir zu Doc Winslow gehen und …«

»Doc Winslow kann auch auf direktem Weg zur Hölle fahren!« Pa wurde sogar noch lauter. »Der hat nichts in seinem Täschchen, das so einen Johnny-Fluch aufhalten könnte. Dieses verfluchte Auge … Wie Ameisen aus Eis, die sich durch meinen Schädel graben.«

»Bitte, Liebling, lass mich dir helfen.«

Jim hörte lautes Krachen. Töpfe und Stühle, die herumgeworfen wurden. Ma‘s ängstliches Weinen. Dann riss Pa die Tür auf und stolperte hinaus in die schwülwarme Nacht. Er blieb stehen, als er seinen Sohn mit weit aufgerissenen Augen vor sich sah.

»Pa«, sagte Jim vorsichtig. »Ist mit Mutter alles in Ordnung?«

Bill Negrey nickte langsam. Im Haus weinte Lottie und Ma versuchte sie zu beruhigen.

»Jim, du weißt, dass ich deine Mutter liebe, oder?«

»Ja, Sir.«

»Manchmal … Weißt du, dieses Ding in meinem Kopf … Manchmal sage ich Sachen. Ich trinke, weil es so schrecklich wehtut.«

»Ich weiß, Pa. Und Ma weiß es auch. Sie weiß es.«

Billy schwankte von der Veranda und auf die Scheune zu. Dann drehte er sich noch einmal zu seinem Sohn um. Das helle Mondlicht verlieh Billys Haut einen silbernen Schimmer und die Augenklappe wurde vom Schatten verschluckt. Jim war erschrocken, wie alt sein Vater in diesem Moment aussah. So viel älter, als er tatsächlich war. Sein gesundes Auge war fest auf Jim gerichtet.

»Kümmer dich gut um Lottie und deine Mutter, mein Junge«, sagte er. »Ich gehe in die Stadt.«

Einige Minuten später ritt er auf seinem Pferd aus dem Stall und verschwand auf dem Feldweg, der in Richtung Albright führte. Es dauerte noch eine Weile, bis Lottie zu weinen aufhörte. Kurz darauf hörte Jim, wie sich die Tür öffnete. Dann spürte er die kleinen, kräftigen Hände seiner Mutter auf den Schultern.

»Es ist schon in Ordnung, Jim.« Ihre Stimme war sanft. »Dein armer Vater muss etwas Frieden für sich finden. Das ist alles.«

Sie legte ihre Arme um ihn und sang »Barb’ra Allen«, ihr Lieblingslied, langsam und süß. Es war alt, genau wie die Berge, aus denen es kam. Von einem anderen Ort, aus einer anderen Zeit. Es war auch traurig, aber dieser Traurigkeit hing eine Schönheit an, die Jim zu jener Zeit noch nicht völlig begreifen konnte. Trotzdem beruhigte sie ihn. Das war das Lied seiner Mutter. Er nahm die Fidel zur Hand und spielte die Melodie zu ihrem Gesang, genau wie Pa es ihm beigebracht hatte.

Die Sterne funkelten und die Glühwürmchen schwebten umher. Der Mond malte alles in rauchigem Silber und tintenartiger Schwärze. Er konnte die Liebe seiner Mutter spüren. Für sich. Für Pa. Alles war in Ordnung. Alles würde wieder gut werden.

Es war das letzte Mal gewesen, dass er seinen Vater lebend gesehen hatte.

Jim öffnete die Augen und sah das scheinbar unendliche, samtige Schwarz des Nachthimmels, gesprenkelt mit silbernen Sternen. Er lag auf dem Rücken, die Augen nach oben gerichtet. Es war kalt. Eine weitere eisige Nacht in der Wüste. Mühsam stemmte er sich hoch und blinzelte. Noch immer war er in die warme Pferdedecke gewickelt, und direkt neben ihm brannte ein knisterndes Lagerfeuer. Etwa zwanzig Meter zu seiner Linken stand der Wagen, in dem er das letzte Mal aufgewacht war. Rechts von sich sah er Promise, angebunden an den kümmerlichsten Baum, den Jim jemals gesehen hatte. Neben ihr standen zwei weitere, kleinere Pferde. Und die Stute wirkte insgesamt sehr viel lebendiger, als er sie gesehen hatte, seit sie die höllische Vierzigmeilenwüste betreten hatten.

»Ein gutes Pferd.« Die Männerstimme drang von der anderen Seite des Feuers zu Jim hinüber. »Starkes Herz und starker Wille.«

Der Mann lehnte sich nach vorne, näher an die Flammen, und der Junge konnte seine Gesichtszüge im zuckenden Feuerschein erkennen. Er war ein Indianer. Der erste echte Indianer, den Jim jemals gesehen hatte. Sein Haar fiel in schwarzen, öligen Strähnen bis auf seine Schultern. Die Nase war gebogen und wirkte zu dünn und spitz für das Gesicht mit den leuchtenden Augen, die das Feuer reflektierten. Unzählige Pockennarben mischten sich mit ebenso zahlreichen Narben alter Wunden und gaben dem Mann ein grimmiges Aussehen, das es schwer machte, sein Alter zu schätzen. Seine Augenbrauen waren über der Nase zusammengewachsen.

Er grinste schräg, während er die Reaktion auf sein Äußeres in Jims Gesicht beobachtete. Das Grinsen offenbarte schiefe, gelbliche Zähne und sehr gerade, scharfe Eckzähne. Aus Jims Gedächtnis wurde ein Bild herangespült, doch bevor sein verwirrtes Hirn es greifen konnte, verschwand es wie ein Fisch in einem tiefen Teich.

»Wir haben die Pferde dort drüben angebunden, damit der Wind meinen Geruch nicht zu ihnen trägt«, erklärte der Indianer ruhig. »Pferde mögen mich nicht.«

»Ich dachte immer, Pferde mögen Indianer.«

»Na ja, mit mir verstehen sie sich nicht so gut.«

Eine kurze Stille.

»Danke«, sagte Jim schließlich. »Dass ihr uns gerettet habt. Ich schulde euch was.«

Der Indianer zuckte mit den Schultern und stand auf. Er war klein und schmal, aber er strahlte eine lässige Stärke aus. Jim bemerkte einen sechsschüssigen Revolver, der an seinem linken Oberschenkel hing, und ein großes Jagdmesser auf der rechten Seite.

»Mutt«, sagte der Indianer und reichte dem Jungen einen Teller mit kalten Bohnen und den Kanten von einem Graubrot.

»Jim«, brachte der Junge noch heraus, bevor er sich auf das Essen stürzte.

Mutt lachte leise. Es war ein trockenes Geräusch, wie Sandstein, der unter den Füßen zerbricht.

»Haben uns schon gedacht, dass du hungrig sein wirst«, meinte er. »Wie lange warst du da draußen, Jim?«

»Ich habe ein bisschen den Überblick verloren. Einige Tage, nehme ich an. Promise hat sich verletzt. Ich glaube, das war am … zweiten Tag? Das hat uns ganz schön ausgebremst. Wir wollten uns eigentlich nach Virginia City durchschlagen. Ich hatte gehofft, dort Arbeit zu finden.«

»Bei der Eisenbahn?«

»M’hm«, brummte Jim an Bohnen und Brot in seinem vollen Mund vorbei.

»Mach langsam.« Mutt reichte ihm eine metallene Tasse mit Wasser. »Dein Magen hat grade ungefähr die Größe einer Faust. Wenn du das Essen weiter so reinschaufelst, geht es dir danach noch übler als vorher.«

Jim wischte sich den Mund an seinem Ärmel ab und nahm einen großen Schluck Wasser.

»Wie alt bist du denn, Kleiner?«

»Letzten Oktober fünfzehn geworden.«

»Und wo kommst du her?«

Jim versteifte sich ein wenig. Er versuchte so natürlich wie immer zu wirken, wenn er über seine Vergangenheit log, aber das war nicht ganz einfach, wenn man todmüde, sonnenverbrannt und völlig verwirrt war. Außerdem erschien es ihm schrecklich respektlos, den Mann anzulügen, der ihm gerade erst das Leben gerettet hatte.

»Kansas«, antwortete er nach einem Augenblick des Zögerns.

Mutt sah ihn etwa so lange an, wie er gezögert hatte, und nickte dann. »Kansas also. Nun, du hast es nicht bis Virginia City geschafft, aber du kannst sicher Arbeit in Golgotha finden.«

»Ist das deine Heimatstadt?«

Der Indianer nickte. »Im Moment.«

»Ich dachte, da wäre noch jemand bei dir gewesen.« Jim sah sich um. »Ich bin aufgewacht und er hatte sich über mich gelehnt. Ich glaube, er hat mir Wasser gegeben.«

»Genau. Das war Clay. Das ist sein Wagen.« Mutt zeigte mit dem Daumen in die entsprechende Richtung. »Er schläft da drin. Ist ein bisschen zu ängstlich, um neben einer Schlange aufzuwachen.«

»Wir hatten auf jeden Fall Glück, dass ihr gerade vorbeigekommen seid.«

Mutt verzog das Gesicht und schenkte Jim Wasser nach. »Ich würde nicht unbedingt sagen, dass wirvorbeigekommensind. Du hast irgendeine Medizin bei dir, Jim.«

Jim lachte. Es tat weh und er hörte so schnell wie möglich wieder auf.

»Blödsinn, bin doch kein Arzt. Mir täte jeder leid, den ich wieder zusammenflicken sollte.«

»Nein, ich rede von alter Medizin. Den ersten Mächten. Dinge, die sich wie irrer Rauch und Fieberträume durch die Welt bewegen. Die weißen Männer nennen es Magie – ein kleines Wort, hinter dem sich alle Wahrheiten der Welt verstecken. Die weißen Männer versuchen gerne über die Dinge zu lachen, vor denen sie die meiste Angst haben. Also, Jim: Beherrschst du irgendwelche Magie?«

Jim schwieg. Er erinnerte sich an das, was auf dem Friedhof vor Albright geschehen war. Das namenlose Grab und das Auge. Wenn er davon jemals jemandem erzählen würde – selbst diesem Indianer mit seinem verrückten Gerede – würde man ihn für wahnsinnig halten. Er schüttelte den Kopf und starrte ins Feuer.

»Nein, Sir. Von so was halt ich mich fern. Ich bin ein Christ, ein gottesfürchtiger Diener unseres Herrn, und ich bleib weg von Geistern und solchem Zeug. Das ist alles Teufelswerk.«

»M’hm.« Mutt nickte, aber das gelbe Grinsen war wieder auf sein Gesicht getreten. »Natürlich. Und warum riechst du dann nachMagie? Nach so starker Medizin, dass ich es durch die Wüste verfolgen konnte?«

»Ich … Ich verstehe nicht. Ihr habt hier draußen nach uns gesucht?«

»Ich habe dich letzte Nacht hier draußen gefunden. Ich wollte dir keine Angst machen, also bin ich zurück in die Stadt und habe Clay überredet, mit seinem Wagen hier rauszukommen, um dich und Promise einzusammeln.«

Jim versuchte sich an Einzelheiten der vergangenen Tage zu erinnern, damit er Mutts Worten Glauben schenken könnte. Aber da war nichts. War er so müde gewesen, dass er den Indianer weder gesehen noch gehört hatte? Oder war Mutt wie die Indianer in den Groschenromanen, die Jim gelesen hatte? Diese Indianer waren unsichtbar gewesen, wie Rauch. Oder wie Geister.

»Ich kann es dir wirklich nicht sagen.« Jim legte seine Hand auf die Hosentasche mit dem Auge. »Ich habe keine besonderen Kräfte, Mutt. Wenn ich welche hätte, wäre ich dann etwa in der Wüste hängengeblieben?«

»Weiß deine Familie, dass du hier bist?«

»Zuhause gibt es keine Arbeit«, sagte Jim und die Lüge kam ihm jetzt einfacher über die Lippen. Er hatte viel Übung darin, diese Geschichte zu erzählen, und langsam arbeitete sein Kopf auch wieder wie gewohnt. »Ich habe Ma und Pa gesagt, dass ich hier eine gut bezahlte Arbeit bei der Eisenbahn finden würde und dann Geld nach Hause schicken könnte.«

»Nach Hause in Kansas, richtig?«

»Genau.«

Die kalte Nachtluft füllte sich mit einem Mal mit Heulen und Hecheln. Mutts Hand legte sich auf seine Pistole.

»Coyoten?«, fragte Jim, und rutschte näher an das Feuer. Mutt nickte.

»Sie sehen es auch.«

»Was?«

Etwas bewegte sich in der Dunkelheit. Ein ganzer Schwarm dunkler Gestalten huschte über die Ebene auf das Feuer zu. Sie entfernten sich voneinander. Beschleunigten. Heißer Atem und blutunterlaufene Augen.

»Was auch immer es ist, das du nicht bei dir hast«, antwortete Mutt und zog einen brennenden Ast aus dem Feuer. Jim erhob sich mit leichtem Zittern und griff ebenfalls nach einem der Holzstücke. Mit der anderen Hand wühlte er hektisch in seiner Hosentasche. »Ist es das hier?«, fragte er und hielt das Jadeauge seines Vaters empor.

Ein pelziger Schatten schoss aus der Dunkelheit auf Jims Hand zu. Mutt war mit einem Mal neben ihm. Sein Ast schlug mit einem Funkenregen in die Seite des Coyoten, der mit einem Schmerzenslaut zu Boden ging. Taumelnd kam das Tier wieder auf die Beine und verschwand in der Nacht. Ein weiteres Mitglied des Rudels biss nach Mutts ungeschützter Seite, doch Jim war bereit und schlug mit seiner eigenen Fackel zu. Das Tier heulte auf und zog sich zurück.

Der Junge und der Indianer standen Rücken an Rücken, während die Nacht sie mit scharfen Zähnen umzingelte.

»Das müssen mindestens ein Dutzend sein«, presste Jim zwischen abgehackten, ängstlichen Atemzügen hervor.

Mutt grunzte und schwang seine Fackel. »Ja, ich muss leider sagen, ich habe eine ziemlich große Familie.«

»Was?«

»Das sind meine Geschwister.«

»DeineGeschwister?«

»Mein Vater hat sie geschickt«, sagte Mutt. »Er liebt glänzende Sachen. Ich schätze, dass du ihm das, was du da hast, nicht geben möchtest?«

»Das gehörte meinem Pa«, antwortete Jim aufgebracht. »Ich werde es sicher nicht einem Haufen stinkender Köter geben … Oh, nichts gegen dich.«

»Schon in Ordnung. Was du hier siehst, das sind die schwarzen Schafe der Familie. Und sie stinken wirklich.«

Ein grollendes Knurren klang aus der Dunkelheit zu ihnen herüber. Ein großer, grauer Coyote trat in den Lichtschein ihres Feuers. Er hatte nur ein Auge, und das funkelte den Indianer böse an.

»Squint«, sagte Mutt. »Wusste gar nicht, dass du immer noch Dad’s Drecksarbeit übernimmst. Hast noch nicht begriffen, dass es nichts bringt, sich beim Alten einzuschmeicheln, oder?«

Squint knurrte und Schaum troff aus seinem Maul. In den zuckenden Schatten des Feuers kam das Tier Jim wie der Teufel selbst vor.

»Kann ich nicht machen, Squint«, sagte Mutt ruhig, während er sein Messer zog. »Es ist das Geburtsrecht des Jungen. Wäre nicht in Ordnung, es ihm wegzunehmen. Außerdem, jetzt, wo ich weiß, dass Dad dich geschickt hat, habe ich eigentlich ziemliche Lust, dir in die Quere zu kommen.«

Er grinste und zeigte dem Coyoten seine schiefen Zähne, während er in die Hocke ging, bereit, zuzuschlagen. Squint knurrte einen Befehl und mit einem Mal begannen die anderen zu heulen. Der einäugige Coyote spannte sich an, bereitete sich auf seinen Sprung vor.

»Was denkst du, wie sie dich nennen werden, wenn du gar kein Auge mehr hast?«, flüsterte Mutt.

Dann zerriss das Donnern einer Schrotflinte die Anspannung und rollte über die Ebene. Einer der Coyoten links von Squint wurde in die Luft gerissen, verdreht in einer Wolke aus winzigen Blutstropfen, und fiel dann zuckend zu Boden. Das Heulen riss mit einem Schlag ab.

Jim sah den geiergesichtigen Mann, den Mutt»Clay«genannt hatte, und der auf der Ladefläche seines Wagens stand. Aus einem der beiden Läufe seiner Flinte zog sich eine silberne Spur aus Rauch in den Himmel. Clays dünnen Haare standen ihm in einer ebenso silbernen Wolke vom leberfleckigen Kopf ab und er trug nur eine speckige, lange Unterhose. Es hätte komisch ausgesehen, hätte Jim in diesem Moment nicht so eine Angst gehabt.

»Verzieht euch!«, schrie Clay, brachte die Flinte erneut in Anschlag und schoss. Das schmerzerfüllte Wimmern des getroffenen Coyoten ging im Donnern des Schusses unter. Als er zu Boden ging, war er genauso still wie sein zuvor gefällter Bruder. Clay griff hektisch nach weiteren Patronen, während er mit der anderen Hand den rauchenden Verschluss der Flinte aufriss.

Squint warf einen letzten, brennenden Blick auf Mutt, der mit dem gleichen Hass zurückstarrte. Der große Coyote schnüffelte, dann drehte er sich um und ergriff die Flucht. Er stieß einige hohe Jauler aus, die vom Rest des Rudels aufgenommen wurden, während auch sie sich zur Flucht wandten.

Dann wurde die Wüste wieder still.

»Na, das ist doch mal was«, sagte Clay und sprang von seinem Wagen. Barfuß humpelte er zu ihnen hinüber. »Habe noch nie gesehen, dass Coyoten sich so verhalten. Du etwa, Mutt?«

Der Indianer zuckte mit den Schultern. »Clay, das ist Jim.«

»Jim Ne… Nelson, Sir«, sagte Jim und schlug ein, als der Alte ihm die Hand reichte. »Gut geschossen.«

»Clay Turlough«, antwortete der alte Mann. »Danke, Junge. Ich kann ein bisschen ungemütlich werden, wenn man mich weckt, ohne dass ich ausgeschlafen habe.«

Clay warf einen Blick in die Dunkelheit, war plötzlich abgelenkt. Dann drückte er Jim die offene Schrotflinte in die Hand und trottete in die Schatten am Rande des Feuerscheins. Als er zurückkam, trug er einen der angeschossenen, blutenden Coyoten im Arm.

»Schau sich das einer an, Mutt. Vielleicht war die Tour hier raus doch keine komplette Zeitverschwendung. Der hier ist nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen und schau, er atmet sogar noch ein bisschen. Ich werde ihn mir drüben am Wagen genauer ansehen.«

Jim tauschte einen Blick mit dem Indianer. Mutt nahm ihm die Flinte ab um sie nachzuladen. »Clay gehört der einzige Mietstall in Golgotha. Er ist in der Gegend der Einzige, der zumindest eine ungefähre Ahnung davon hat, wie man ein krankes Pferd behandelt. Hat wohl ein paar Jahre Medizin studiert, aber nach allem, was man so hört, hat das nicht so funktioniert, wie er es sich vorgestellt hat. Jetzt verdient er seinen Lebensunterhalt damit, dass er Tiere ausstopft. Hat Kunden bis raus nach Carson City. Er … sammelt … tote Dinge.«

Jim näherte sich dem Wagen, während Mutt sich um das Feuer kümmerte und Holz nachlegte. Clay hatte sich eine Öllampe angesteckt und neben den sterbenden Coyoten auf die Ladefläche des Wagens gestellt. Der alte Mann hatte seine Stiefel angezogen und verdeckte seine Unterhose mit einem staubigen Mantel, in den er geschlüpft war.

Seine Hände waren voller Blut, aber das schien ihn nicht zu stören. Er kauerte sich über das Gesicht des Tiers. Jim dachte, er hätte ihn etwas flüstern hören, doch als der Junge näher kam, hörte Clay auf.

»Ah, Mr. Nelson. Schau dir das an, junger Mann. Das ist eine ganz besondere Möglichkeit, sich weiterzubilden – gerade in deinem Alter. Sieh nur: Er ist direkt an der Grenze.«

Die Augen des Tiers waren weit aufgerissen. Die Pupillen saugten gierig jeden letzten Funken Licht auf, griffen nach den letzten Bildern, die in diesem Leben gesehen wurden. Furcht vernebelte seine Augen wie ein grauer Star, aber während der alte Mann und der Junge zusahen, verging die Angst. Dumpfer Frieden legte sich über die Augen, als würde der Coyote schon gar nicht mehr in diese Welt schauen. Das Lebenslicht flackerte, dann verlosch es. Clay atmete laut aus.

»Mensch«, murmelte er. »Du bist töricht in deiner eingebildeten Weisheit.«

Jim starrte ihn verwundert an.

»Shelley«, sagte Clay. »Das Zitat stammt aus Lady Mary Shelleys ausgezeichnetem, wissenschaftlichem Fantasyroman. Wir verstehen halt so wenig, wenn es um das Leben oder seine Schwester, den Tod, geht. Sieh dir dieses Tier an. Warum war es eben noch lebendig, fühlend, denkend, und warum ist es jetzt tot? Warum?«

»Weil Sie es erschossen haben«, sagte Jim.

Clay sah ihn irritiert an, als würde Jim gar nicht vor ihm stehen, oder als hätte er nicht verstanden, was der Junge gesagt hatte. Dann blinzelte er und der fröhliche alte Mann war zurück, zusammen mit dem sauren Geruch, den Jim als Allererstes an ihm wahrgenommen hatte. Wie eine Mischung aus Formaldehyd und Lilienwasser, wobei das Lilienwasser das Formaldehyd zu verstecken versuchte.

»Du hattest einen anstrengenden Tag und eine noch anstrengendere Nacht, mein Junge«, sagte Clay mit einem dünnen Lächeln. Seine blutige Hand lag auf der bewegungslosen Flanke des toten Coyoten. »Ruh dich aus.«

Die beiden Männer wechselten sich mit dem Wachehalten ab, aber die Coyoten kehrten nicht zurück. Kurz vor Sonnenaufgang brachen sie das Lager ab und löschten das Feuer. Als die Sonne sich schließlich über den Horizont schob, waren sie bereits auf dem Weg nach Golgotha. Jim saß neben Mutt auf dem Kutschbock, während Promise neben ihnen hertrottete. Clay und sein toter Coyote blieben auf der Ladefläche.

Später am Tag bat Mutt darum, das Auge sehen zu dürfen. Jim zögerte etwas, reichte es ihm dann aber. Der Indianer rollte es bewundernd zwischen seinen schwieligen, schmutzigen Händen. Jim bemerkte, dass sogar seine Knöchel behaart waren, als Mutt das Auge hochhob und die winzige Inschrift auf der Iris zu entziffern versuchte.

»Das ist Johnnysprache«, erklärte Jim. »Ich schätze mal Chinesisch.«

»Das ist keine Medizin, die ich verstehe«, sagte Mutt schließlich. Die beiden flüsterten, obwohl Clay ohnehin völlig damit beschäftigt war, mit sich selbst und mit dem toten Coyoten zu sprechen. »Aber es ist mächtig. Ich kann spüren, wie es die Energie zwischen den Welten in Schwingung versetzt.«

Jim streckte nervös die Hand aus und nach einer etwas zu langen Pause ließ Mutt das Auge in die Handfläche des Jungen fallen.

»Du solltest besser aufpassen, dass du das nicht verlierst«, sagte Mutt.

»Das ist alles, was ich noch von meinem Pa habe. Ich habe nicht vor, mich jemals davon zu trennen.« Er stopfte es tief in seine Tasche.

In den nächsten Stunden wechselten sie kein Wort mehr. Der Weg durch die Wüste wurde zunehmend von einigen hartnäckigen, grünen Pflanzen gesäumt. Blackbrush, Shadscale und die gelegentliche Yuccapflanze brachen die gnadenlose Einöde ein wenig auf. Ihr Weg führte sie durch kleine Schluchten nach unten, wo noch mehr niedrige, widerstandsfähige Pflanzen wuchsen. An einer Stelle spürte Jim eine Brise über sein Gesicht streichen, die kurz zuvor von frischem Wasser gekühlt worden sein musste. Es wurde merklich milder, während sie die örtliche Flora immer mehr umgab.

»So«, brach Jim schließlich das Schweigen. »Dein Bruder ist also ein Coyote?«

Anstatt zu antworten, stellte Mutt mit listigem Grinsen eine Gegenfrage. »Und wo genau in Kansas lebt deine Familie … Mr. Nelson?«

Jim schloss den Mund und fragte nicht weiter nach.

Einige Meilen später beugte Mutt sich zu ihm hinüber und warf ihm einen Blick zu. »Jim, ich weiß, du wolltest wegen dieses Jobs bei der Eisenbahn nach Virginia City, aber glaub mir, ich bin mein ganzes Leben gereist, immer einen Schritt der Sache voraus, die mir grade in den Arsch beißen wollte. Menschen mit Geheimnissen, Menschen, die vor etwas fliehen, müssen sich in den Schatten halten. Sich einen Platz suchen, der so weit weg von allem liegt, dass die Welt einfach daran vorbeizieht.«

»Einen Platz wie Golgotha?«, fragte Jim.

Mutt nickte. »Verdammt, ja. In einer so kleinen Stadt hat jeder irgendein Geheimnis. Jeder kümmert sich um seinen eigenen Kram und alles geht friedlich seinen Gang. Aber in ‚ner Stadt wie Virginia City, gibt es an jeder Ecke Marshalls und Sheriffs, und wenn du einen Stein in einen Saloon wirfst, triffst du wahrscheinlich einen Kopfgeldjäger oder einen von der Pinkerton Agency. Die haben alle aktuellen Steckbriefe und jeder ist neugierig und steckt seine Nase in deine Angelegenheiten.«

»Und warum erzählst du mir das?«, fragte Jim.

»Schätze mal, ein Mann, der sein Pferd in der Wüste am Leben hält, ist mir sympathisch. Einer, der sich eine Fackel schnappt, um einem Kerl aus der Klemme zu helfen, selbst wenn der Kerl ein Halbblut Injun ist, den er nicht mal kennt.«

Sie kamen an einem Farmhaus vorbei, dessen Pferche voller ruhiger Rinder waren.

»Du und Clay, ihr habt uns gerettet«, sagte Jim. »Musstet ihr nicht, brauchtet ihr nicht, habt ihr aber trotzdem gemacht. Mein Pa hat immer gesagt, ein Mann ist, was er tut, nicht wo er herkommt, oder was andere dir über ihn erzählen. Du hast bei mir und Promise einiges gut.«

Am Straßenrand standen mehrere verfallene Lehmhäuser, die an dem Berghang errichtet waren. Daneben eine Art Schrein aus Steinen und ein verwittertes Römisches Kreuz. All das schien aus völlig unterschiedlichen Epochen zu stammen.

Mutt lächelte leicht und nickte.

»Das klingt fair. Fairer als die meisten anderen Menschen, um ehrlich zu sein. Deine Geheimnisse sind bei mir sicher, Jim Nelson aus Kansas.«

Zu ihrer Linken lag ein kühler Hain aus Cottonwood Pappeln und zu ihrer Rechten ein bröckliger, steinerner Brunnen. Der Himmel war wolkenlos und blau und flimmerte vor Hitze. Die Luft roch nach Sägemehl und Pferdemist.

Als sie auf die Main Street einbogen, wurde der Wagen langsamer.

»Willkommen in Golgotha«, sagte Mutt.

Kapitel 3

Der Stern

Golgotha lag erwartungsvoll vor ihm.

Jim hatte auf seinem Weg nach Virgina City einige Städte gesehen. Golgotha war anders. Die Stadt war eine merkwürdige Mischung aus alten Ruinen und frischer Farbe, Aufschwung und Verfall – wie eine alte Lady, die sich für ihren Verehrer in Schale schmeißt, mit viel zu viel Makeup und albernen Schleifchen im Haar, und sich nicht darum kümmert, ob das zusammenpasst, sondern sich einfach nur darüber freut, verliebt und am Leben zu sein.

Golgotha war alt, aber noch lange nicht am Ende.

Sie hatten die verrottenden Holzgerippe alter Wohnhäuser und die heruntergekommenen, mit Planen verhängten Eingänge zu bewohnten Höhlen hinter sich gelassen, die in den kühlen, bläulichen Stein des Bergs zu ihrer Linken gegraben worden waren. Alles fühlte sich unglaublich alt an – Überbleibsel von Leben, die vor langer Zeit gelebt worden waren, Erinnerungen, die sich nicht völlig vom Staub schlucken lassen wollten. Das erste Gebäude, das Jims Blick anzog, war das Theater. Es war ein zweistöckiges Gebäude auf der rechten Straßenseite, mit einer Fassade, die in Grautönen und Malvenfarben angestrichen worden war. Diese ungewöhnliche Farbwahl zwang einen praktisch dazu, es anzustarren. Die Markise zog sich im Obergeschoss an der kompletten Front entlang wie ein breites Grinsen. In großen Buchstaben lud sie in Professor Mephistos Theaterbühne ein und verkündete, dass das aktuell aufgeführte Stück den NamenDer kleine braune Krugtrug.

Direkt neben dem Theater befand sich – laut dem großen Schild über der Tür – Shultz’ Gemischtwarenladen und Metzgerei. Ein breit gebauter Mann mit einem buschigen, rostbraunen Schnauzer fegte die Holzplanken des Gehwegs vor dem Geschäft. Er erinnerte Jim an die Zeichnung eines Walrosses, die er vor langer Zeit in einem Buch gesehen hatte. Der Mann trug eine saubere, weiße Schürze. Und rote, von grauen Strähnen durchzogene Haare rahmten sein sommersprossiges Gesicht ein. Er nickte dem vorbeifahrenden Wagen mit einem herzlichen Lächeln zu.

»Das ist Auggie«, sagte Mutt. »Ist sein Laden. Der Laden von ihm und seiner Frau Gert, bis sie vor einer Weile gestorben ist. Auggie hat alles da, was du brauchst, und wenn er es nicht hat, kann er es bestellen. Ach ja, das Postamt ist auch da drin.«

Die Straße war im Grunde ein breiter Graben, gefüllt mit eingetrocknetem Schlamm, Staub und Pferdemist. Die Menschen, die zwischen den Gebäuden unterwegs waren, hielten sich so weit wie möglich auf den hölzernen Gehwegen. Nur wenige gingen auf der Straße und schlängelten sich zwischen trottenden Pferden, klackernden Wagen und all den vor langer Zeit matschigen Pfützen hindurch. Männer grüßten Damen mit einer Hand am Hut und traten einen Schritt von den hölzernen Planken, um die Frauen vorbeizulassen. Die meisten Menschen sahen für Jim ganz normal aus, doch einige waren besonders schick gekleidet, als wären sie auf dem Weg in die Kirche, obwohl es gar nicht Sonntag war.

Gegenüber von Shultz’ Gemischtwarenladen lag der Paradise Falls Saloon, eindeutig das größte Gebäude an der Main Street. Das Paradise hatte drei Etagen und eine große, überdachte Veranda zur Straße hin. Darüber, im zweiten Stock, nahm ein Balkon die gesamte Breite der Hausfront ein. Das oberste Geschoss trug kleinere Balkone und Figuren auf den Geländern. Lauernde Gargoyles und grübelnde Engel.

Eine Gruppe fein gekleideter Männer hatte sich, eingehüllt in eine Wolke aus Zigarrenrauch, vor dem Paradise zusammengefunden. Sie lachten über einen Witz und klopften sich gegenseitig auf die Schultern.

Zurück auf der anderen Seite der Straße, direkt neben Auggies Laden, befand sich die Bank von Golgotha, ein stabil wirkendes Gebäude mit Eisenstäben vor den Fenstern.

Mutt konnte sich ein schmales Grinsen nicht verkneifen, als er Jims Gesichtsausdruck sah, während sie an der Bank vorbeifuhren. Der Junge hatte eine Gruppe von Johnnys gesehen, die auf der Main Street in Richtung des Gemischtwarenladens unterwegs waren. Jim atmete scharf ein. Chinesen.EchteChinesen. Nicht nur in einem Buch oder in Pa‘s Geschichten aus Washington. Es war das erste Mal, dass Jim jemanden sah, der so völlig anders war. Sie trugen schwarze Tuniken und weite Hosen, die wie Pyjamahosen wirkten, und ausladende, kegelförmige Strohhüte, die ihre Gesichter im Schatten verschwinden ließen. Ein paar von ihnen standen barfuß da, die anderen trugen Sandalen. Jim musste ein zweites Mal hinsehen, bis ihm bewusst wurde, dass einige von ihnen Frauen waren, sich ihre Kleidung aber nicht von der der Männer unterschied. Niemand grüßte sie, noch versuchte jemand, sie vor dem Dreck zu schützen. Unter ihren Korbhüten hielten sie die Blicke gesenkt.

Jims Hand glitt in seine Tasche, um das Jadeauge zu umfassen.

»Die meisten von ihnen sind Chinesen«, erklärte Mutt. »Ein paar kommen aus Orten, die ich kaum aussprechen kann. Sie hoffen hier draußen auf Arbeit bei der Eisenbahn, genau wie du. Aber sie bleiben ziemlich unter sich, drüben in Johnnytown, hinter der North Bick Street. Haben da ihre eigenen Saloons, Läden, eigentlich alles. Nur ein kleiner Ratschlag von mir: Geh dort nicht alleine hin.«

Sie fuhren an einem schicken Hotel mit dem einladenden NamenElysiumvorbei. Jim sah einen Barbier, dessen Schild stolz darauf hinwies, dass er auch Zahnprobleme und Verletzungen behandelte. Alte Männer saßen auf einer Bank neben der rot-weiß gestreiften Stange, die den Laden markierte, und schnitzten. Einer von ihnen, ein alter Indianer, unterbrach seine Arbeit und nickte Mutt zu. Jims Begleiter erwiderte die Geste so sacht, dass man es beinahe für einen Zufall hätte halten können. Auf der anderen Straßenseite lag die Stadthalle von Golgotha, deren Front mit korinthischen Säulen verziert worden war.

Mutt lenkte den Wagen in die Prosperity Street, wo sie ein kleines Haus und eine weiß verputzte Kirche hinter sich ließen. Der Berg lag nun hinter ihnen, und als Jim zurückblickte, sah er, dass sich die Prosperity Street den Berghang hinaufschlängelte und zu Zelten, schäbigen Hütten und verfallenden Baracken führte – eine eigene, zusammengewürfelte, kleine Vorstadt, die von ihrem erhöhten Punkt auf Golgotha herabblickte.

»Argent Mountain«, sagte Clay, bevor Jim auch nur fragen konnte. »Das Loch da oben gehört dem alten Geldsack Bick. Die Mine hatte ein paar wirklich gute Adern und das Silber hat die Menschen von überall nach Golgotha gelockt. Und dann war vor ein paar Jahren alles abgebaut.«

»Du findest da oben immer noch eine Menge Arbeiter«, sagte Mutt. »Sie haben sich in den alten Gebäuden eingenistet. Sind ihren Träumen von Golgotha nachgerannt und jetzt sitzen sie hier und haben nicht einmal genug, um wieder zu gehen.«

»Aber ich schätze, Golgotha ist so gut wie jeder andere Ort, wenn man nichts zu tun hat und nur darauf wartet, dass man entweder eine Glückssträhne hat oder stirbt.«

»Sicher«, ergänzte Clay. »Und die Aussicht ist verdammt noch mal besser als in den meisten anderen Städten.«

Vor ihnen ging es ebenfalls bergauf, allerdings wesentlich sanfter. Auf dem Hügel lagen mehrere Wohnhäuser von deutlich höherer Qualität als im Rest der Stadt oder auf dem Argent Mountain. Am Fuß des Hügels stand ein wunderschönes Gebäude, errichtet aus dunklem Holz und blau eingefärbtem Stein. Zwei Glockentürme erhoben sich aus dem Dach und beide wurden von einem großen Kreuz gekrönt. Eine Seite des Gebäudes bestand fast nur aus Bogenfenstern, deren versilbertes Quecksilberglas die strahlende Sonne reflektierte.

»Was ist das?«, fragte Jim erstaunt.