Verlag: BookRix Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Rheinland, Gebeinland: Krimis vom Rhein E-Book

Alfred Bekker  

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E-Book-Beschreibung Rheinland, Gebeinland: Krimis vom Rhein - Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buches entspricht 1082 Taschenbuchseiten.Ein Privatdetektiv aus Düsseldorf ermittelt in Mordfällen aus Krefeld und Mönchengladbach. Der Fall einer sogenannten Hexe in Gerresheim beschäftigt einen anderen Ermittler und um Beethoven und Bonn geht es im letzten Krimi dieser Sammlung. Vier Romane der Sonderklasse in einem Buch! Vier Romane um Mord und Totschlag entlang des Rheins.Lokal, brutal, raffiniert und bisweilen auch skurril und lustig. Aber immer überraschend in der Auflösung!Dieses Buch enthält folgende vier Romane:Alfred Bekker: Tuch und TodAlfred Bekker: Der ArmbrustmörderHorst Bieber: ...acht, neun, aus?Stephan Peters: Die Hexe von GerresheimCover: Steve Mayer

Meinungen über das E-Book Rheinland, Gebeinland: Krimis vom Rhein - Alfred Bekker

E-Book-Leseprobe Rheinland, Gebeinland: Krimis vom Rhein - Alfred Bekker

Alfred Bekker, Horst Bieber

Rheinland, Gebeinland: Krimis vom Rhein

Cassiopeiapress Sammelband mit 4 spannenden Kriminalromanen

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Rheinland, Gebeinland - Krimis vom Rhein: Vier Romane

von Alfred Bekker, Horst Bieber, Stephan Peters

 

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Authors

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses Buches entspricht 1082 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende vier Romane:

Alfred Bekker: Tuch und Tod

Alfred Bekker: Der Armbrustmörder

Horst Bieber: ...acht, neun, aus?

Stephan Peters: Die Hexe von Gerresheim

Tuch und Tod

Kriminalroman von Alfred Bekker

Berringers erster Fall

Prolog

November …

Nebel liegt über der Tiefebene des Niederrheins. Wäre er nicht, könnte man bis Krefeld sehen. So aber reicht der Blick nur bis zu einem etwas windschiefen Kirchturm, dessen Spitze die grauen Nebelschwaden durchbohrt. Ein mahnendes Fanal, das ein von dunklen, melancholischen Geistern beherrschtes Land überragt.

Das Krächzen eines Raben, der in einem der blattlosen Äste eines knorrigen, vom Blitz getroffenen Baumes hockt, mischt sich mit dem metallischen Ratschen einer Waffe, die durchgeladen wird.

Es ist lausig kalt, aber fast windstill.

Letzteres ist selten in der Gegend und wirkt beinahe so, als hielte die Natur den Atem an, als würde sie die Konzentration des Jägers vor dem Schuss teilen.

Die Waffe wird angelegt, das Zielfernrohr justiert.

Im Fadenkreuz befindet sich das Gesicht eines Menschen. Man sieht sogar, dass es grinst. Ein Grinsen, das im krassen Gegensatz zur Melancholie der Landschaft steht.

Noch ahnt der Mann, zu dem dieses Gesicht gehört, nichts davon, dass er zur Zielscheibe geworden ist.

Der Finger legt sich um den Abzug.

Krümmt sich.

Verstärkt den Druck.

Es ist so leicht.

Das Fadenkreuz liegt genau zwischen den Augen.

Der Druckpunkt wird überschritten.

Eine Melone zerplatzt.

Ein paar Reste hängen noch an der Nylonschnur, deren oberes Ende um einen Ast geknotet worden ist.

Das Fadenkreuz schwenkt nach links, zur zweiten Melone, auf die das Foto eines anderen Mannes geklebt wurde. Der Rabe fliegt krächzend davon. Die zweite Melone schwingt etwas hin und her. Der Schuss trifft sie trotzdem.

Training ist eben alles!

Dezember …

Ein Schrei, der Entschlossenheit demonstrieren soll. Die Hand trifft auf die Spanplatte auf und zuckt zurück.

Ein weiterer Schrei folgt – diesmal vor Schmerz.

„Wo sind Sie mit Ihren Gedanken?“

„So ein verdammter Mist!“

„Wir machen hier Kampfsport! Wenn Sie mit Ihren Gedanken nicht richtig dabei sind, kann das gefährlich werden.“

„Ja, ja …“

„Und einen Bruchtest sollte man dann schon gar nicht machen! Das habe ich Ihnen aber gesagt!“

„Ah, meine Hand …“

„Legen Sie ein Kühl-Pack drauf. Und dann machen Sie erst einmal eine Pause.“

„Okay.“

„Wenn Sie zuschlagen, haben Sie eine Wut, als wollten Sie jemanden umbringen –

aber Sie vergessen dann alles, was ich Ihnen gesagt habe – und dann tut’s halt weh!

Es geht um Konzentration! Um die Bündelung aller Kräfte - und dazu reicht es nicht, wenn nur die Muskeln fit sind. Das Oberstübchen muss auch mitmachen!“ Januar …

Peter Gerath ließ das Pferd – eine ruhige Island-Stute – den aufgeweichten Feldweg entlangtraben. Es hatte am Vortag geregnet, und die Wege waren entsprechend nass.

Die Hufe sanken manchmal ein paar Zentimeter in den Schlamm, und wenn er das Tier durch eine Pfütze preschen ließ, spritzte es hoch auf. Das Wetter war von einem Tag zum anderen vollkommen umgeschlagen, am Tag zuvor noch nasskalt und durchwachsen, an diesem schwitzte Peter Gerath bereits in seiner gefütterten Reiterweste, und es sah nach einem der ersten wirklich schönen Tage des Jahres aus.

Gerath zügelte das Pferd, streckte sich im Sattel und ließ den Blick schweifen. Die Landschaft war durch Hecken, Büsche, kleine Baumgruppen und Wäldchen geprägt.

Dazwischen lagen kleinere Siedlungen oder Gehöfte. Die Wege waren gut in Schuss und wurden wenig frequentiert. Ein Paradies für jemanden, der allein ausreiten und mit sich, seinem Pferd und der Welt allein sein wollte.

Im Südwesten konnte man die ersten Häuser von Münchheide sehen und aus dem Norden klang ein beständiges Rauschen herüber. Das war die A44.

Dahinter begann das Stadtgebiet von Krefeld, und die Tatsache, dass er die Autobahn hören konnte, sagte Gerath, dass er bereits zu weit nach Norden geritten war.

Es war nicht das erste Mal, dass er auf dem Rücken dieser ruhigen Stute, die auf den Namen Laura hörte, förmlich Raum und Zeit vergaß. Selbst sein Handy nahm Peter Gerath auf diese Ausritte, die er sich in schöner Regelmäßigkeit einmal in der Woche gönnte, nicht mit. Die Maschinen seiner Firma Avlar Tex mochten rund um die Uhr und ohne Pause laufen – ihr Besitzer gönnte sich den Luxus, zwei bis drei Stunden jeden Sonntagmorgen für sich zu reservieren. Das musste einfach sein. Die Zeit war noch knapp genug bemessen, um die mentalen Batterien wieder aufzuladen.

Peter Gerath sog die noch kühle Luft in sich ein.

Mitte fünfzig bist du, dachte er. Zu alt, um noch mal neu anzufangen, aber alt genug, um schon einiges erreicht zu haben. Der Aufbau von Avlar Tex, einer Herstellerfirma für Spezialfasern, hatte seine Haare grau und seine Gesichtszüge hart und wie aus Stein gemeißelt werden lassen. Der Erfolg hatte eben seinen Preis. Aber der Preis des Misserfolgs war höher – in so fern dachte Gerath nicht im Traum daran, sich zu beklagen.

Letzte, bereits verblassende Nebelschwaden krochen aus den Gräben heraus, stiegen von den feuchten Feldern empor, bis sie von der Kraft der Sonnenstrahlen aufgelöst wurden. Peter Gerath versuchte diesen wunderschönen Anblick zu genießen, ihn in sich aufzunehmen und diesen Eindruck in seinem Gehirn abzuspeichern, damit er ihn jederzeit wieder abrufen konnte, wenn die Dämonen des hektischen Arbeitstages ihn allzu sehr hetzten. Er versuchte an nichts zu denken. An gar nichts. Aber das war zurzeit unmöglich.

Ich sollte mit allem Schluss machen, dachte er. Das ist es nicht wert. Soll jemand anderes die Millionen einsacken und dafür das Risiko in Kauf nehmen, immer und in jeder Hinsicht die Zielscheibe zu sein! Warum tust du dir das an? Dir und deiner Familie?

Die Gedanken rasten nur so durch seinen Kopf. Es war ein schlechtes Zeichen, wenn er nicht einmal in dieser Umgebung abzuschalten vermochte. Das kam nur ganz selten vor. Gerath schluckte und schloss für einen Moment die Augen. Das überraschend warme, fast schon frühlingshafte Sonnenlicht schimmerte rot durch seine Augenlider.

Du bringst es zu Ende, dachte er. Und gleichgültig, was dir die Stimmen in deinem Kopf auch einflüstern mögen, du gibst nicht so einfach auf und lässt dich vom Geld jagen …

Einigen leitenden Angestellten von Avlar Tex hatte Gerath schon einmal Seminare gegen das Burn-out-Syndrom verordnet. Er selbst glaubte allerdings, so etwas nicht nötig zu haben. Vielleicht ein Irrtum!, hörte er den Kommentator in seinem Hinterkopf, der sich einfach nicht unterdrücken ließ. Die Zeichen waren doch deutlich. Und wer, zum Teufel, verlangte eigentlich von ihm, dass er den Super-Macher spielte – abgesehen von ihm selbst?

Peter Gerath öffnete die Augen. Er seufzte hörbar, er rang förmlich nach frischer Luft.

Das Pferd schnaubte.

Gerath lenkte es herum. Er sah, dass die Identifizierungsnummer mit dem Krefelder Kennzeichen sich etwas vom Sattel gelöst hatte. Sie zeigte an, dass er die Gebühr bezahlt hatte, mit der die Stadt Krefeld angeblich die Reiterwege instand hielt. Gerath hielt das allerdings für ein Märchen und glaubte vielmehr, dass diese Einnahmen einfach im Meer des kommunalen Haushaltsdefizits untergingen wie Tränen in einem Ozean.

In einem gemächlichen Tempo ritt er den Weg, den er genommen hatte, wieder zurück.

Ein Schuss krachte und unterbrach das sanfte und vertraute Hintergrundrauschen der A44.

Das Pferd wieherte, stob nach vorn und strauchelte. Ein zweiter Schuss donnerte, und die Stute rutschte im selben Moment zu Boden. Peter Gerath konnte sich gerade noch durch einen beherzten Sprung retten, um nicht unter dem massigen Leib des Tieres begraben zu werden. Ein weiterer Schuss peitschte in seine Richtung. Gerath rollte über den weichen, matschigen Boden.

Die Schulter schmerzte vom Aufprall. Es dauerte einen Moment, ehe er begriff, dass er nicht getroffen worden war. Eine Welle aus Schmerz durchflutete ihn. Die Hände, mit denen er sich abzufangen versucht hatte, waren voller Blut. Es ergoss sich in einer dunkelroten Lache, die schließlich durch das braune Wasser einer Pfütze verdünnt wurde.

Peter Gerath blickte wie erstarrt auf das Pferd, dessen Bauch von den Kugeln zerfetzt war. Der Blick des Tieres wirkte starr und tot.

Peter Gerath kauerte am Boden, kroch etwas nach vorn, um hinter dem Pferdekörper eine bessere Deckung zu finden. Dann verhielt er sich ruhig. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Irgendwann musste das ja passieren!, dachte er. Dieser Unmensch! Lag auf der Lauer und erschoss ein unschuldiges Pferd!

Er wagte es kaum zu atmen, starrte hinüber zum Waldrand. Von dort aus war seiner Meinung nach geschossen worden. Aber konnte er da wirklich sicher sein? Gerath achtete auf jede Bewegung, jedes verdächtige Knacken im Unterholz, das laut genug war, das Rauschen der A44 zu übertönen.

Aber da war nichts.

Zumindest nichts, was irgendwie ungewöhnlich gewesen wäre.

Die Bäume waren zwar kahl, aber trotzdem konnte Gerath niemanden sehen. So sehr er sich auch anstrengte. Er griff an die blutverschmierte Satteltasche. Schließlich gelang es ihm, ein Fernglas hervorzuholen. Damit begann er dann, dass verdächtige Areal abzusuchen.

Eine kleine Ewigkeit harrte er so aus.

Schließlich hörte er, wie in der Ferne ein Wagen gestartet wurde. Aber ob das etwas mit den Schüssen zu tun hatte, war reine Spekulation.

1. Kapitel: Ein Detektiv namens Berringer

Robert Berringer spürte die Hitze. Sein Haar wurde förmlich versengt. Er starrte in die auflodernden Flammen. Sie züngelten aus dem Wagen empor, der sich innerhalb von Sekunden in einen explodierenden Glutball verwandelt hatte. Metallteile wurden durch die Luft geschleudert.

Ein einziger Gedanke durchzuckte Berringers Bewusstsein.

Sie sind dort, in dieser Hölle! Und es gibt nichts, was ich tun kann.

Zwei Namen.

Zwei Tote.

Bettina.

Alexander.

Seine Frau und sein Kind.

„Robert!“

Wie ein scharfes Messer schnitt dieser Ruf durch seine Gedanken und hallte vielfach in seinem Kopf wieder.

„Robert!“

Schweiß perlte ihm von der Stirn. Er zitterte und spürte, wie Hände ihn an den Schultern fassten.

„Robert! Was ist mit dir los?“

Berringer wandte den Kopf und sah in ein Paar braune Augen. Sie gehörten einem Gesicht, das mit der Gegenwart zu tun hatte und dessen Anblick ihn daher auch sofort ins Hier und Jetzt transferierte. Die Hitze war weg. Die Flammen ebenfalls. Nur die Schweißperlen auf seiner Stirn blieben und dazu die Erinnerung an die Hölle, die er durchlitten hatte. Die Hölle von damals.

Das Gesicht gehörte Vanessa Karrenbrock, einer jungen Frau, die stundenweise in seiner Detektei arbeitete, um Ordnung in seine Buchhaltung zu bringen. Außerdem sorgte sie dafür, dass ausstehende Honorare auch angemahnt und eingetrieben wurden.

Eines Tages war sie in seinem heruntergekommenen Büro in Düsseldorf Bilk aufgetaucht und ihn mit ihrer Eloquenz davon überzeugt, dass er unbedingt auf ihre Dienste angewiesen wäre. Das ist Kapitalismus, hatte er gedacht. Man überzeugt jemanden davon, Bedürfnisse zu haben, von denen derjenige bis dahin nichts geahnt hat.

Vanessa war siebenundzwanzig, was, im Vergleich zu Berringers fünfundvierzig Jahren, ziemlich jung, für eine BWL-Studentin im dritten Semester aber schon recht getagt war. Sie hatte alles in ihrem Leben abgebrochen, was man abbrechen konnte, und auch dieses Studium würde sie vermutlich nicht beenden. Außerdem sah in Jeans und T-Shirt nun wirklich nicht so aus, als hätte sie vor, sich dem Lebensstil einer BWL-Studentin wenigstens für Dauer eines kompletten Studiums anzupassen. Da Berringers Büro in der Nähe der Universität lag, hatte er sich oft einen Sport daraus gemacht, einzuschätzen, welcher Fakultät die Studenten angehörten, die dort das Straßenbild prägten. Konservativ-biedere BWLer, elegante Romanistinnen, Sozialwissenschaftler im Grunge-Look oder angehende Psychologen mit Stachelhalsband.

Berringer hoffte, dass Vanessa den Job zumindest so lange behielt, bis die nächste Steuererklärung beim Finanzamt war, sonst konnte es ziemlich unangenehm für ihn werden.

Sie hatte sich manche Freiheiten herausgenommen. Zum Beispiel die, ihren Arbeitgeber Robert zu nennen und zu duzen. Berringer hatte nicht früh genug widersprochen, so war daraus etwas geworden, was man ein Gewohnheitsrecht nennen konnte. Berringer wusste, dass er ihr das Duzen nicht mehr würde abgewöhnen können, und darum versuchte er es auch gar nicht erst.

Er atmete tief durch.

Sie sah ihn etwas verstört an. Er wich ihrem Blick aus. Der Schock, der in ihren Zügen zu lesen stand, war unübersehbar. Sie hatte ihn nie zuvor in diesem Zustand gesehen, und wenn Berringer es hätte vermeiden können, dann wäre das auch niemals so weit gekommen.

Er sah an ihr vorbei.

Jetzt hatte er erst einmal genug damit zu tun, selbst bei Verstand zu bleiben und den Weg zurück in die Realität zu finden, da konnte er sich um das schockierte Gesicht seiner Mitarbeiterin nicht auch noch kümmern. Prioritäten setzen. Darauf kam es an.

Das hatte er in den zwanzig Dienstjahren bei der Polizei gelernt. Schnell entscheiden, was wichtig, was etwas weniger wichtig war und was im Moment erst einmal vernachlässigt werde konnte. Nur so vermied man es, sich in kritischen Situationen zu verzetteln.

Er sah an ihr vorbei, blickte zur Uhr.

„Es ist zehn Uhr zwanzig am Vormittag. Wir haben Dienstag. Ich befinde mich auf meinem Hausboot im Düsseldorfer Hafen, für das ich keinen Namen gefunden habe und das ich deshalb DIE NAMENLOSE genannt habe …“ Erst murmelte, dann sagte er diese Dinge laut vor sich hin, was Vanessa Karrenbrock natürlich noch mehr verwunderte. Aber für Berringer war das sehr wichtig. Es war eine Technik, die bei posttraumatischen Belastungsstörungen half, wenn der Betreffende einmal wieder durch die Macht der Vergangenheit gefesselt war. Ein kleiner, unscheinbarer Anlass reichte aus, um das Erlebte zu reaktivieren. Dieselbe Temperatur, ein Geräusch, das damals eine Rolle gespielt hatte, ein Wort oder ein Geruch. Der Körper hatte sein eigenes Gedächtnis, und plötzlich befand sich der Betreffende wieder in jener Hölle, die er bereits so oft durchlitten hatte.

Aber es war schon besser geworden. Die Anfälle waren nicht mehr so häufig und vor allem nicht mehr so lang. Doch Berringer gab sich keinen Illusionen hin, was die Zukunft betraf. Und sein Psychiater im Übrigen auch nicht. Es dauerte eben einige Zeit, bis man es verarbeitet hatte, dass die eigene Familie durch eine Autobombe aus dem Leben gerissen wurde. Einfach so. Und weg!

Sein Psychiater hatte ihm gesagt, dass er mit bescheidenen Erfolgen zufrieden sein müsse. Berringer hatte sich selbst auf diesem Gebiet fortgebildet und festgestellt, dass der Mann Recht hatte. Andere Traumatisierte verloren den Verstand und wurden geisteskrank. Das war ihm erspart geblieben. Also konnte er doch eigentlich ganz zufrieden sein.

Zufrieden …

Ein Wort, das Berringer in diesem Zusammenhang irgendwie unpassend erschien.

Er saß kerzengerade auf der Couch in seinem Wohnzimmer auf der NAMENLOSEN, die ihren festen Liegeplatz im Düsseldorfer Hafen hatte. Die NAMENLOSE war ein ehemaliger Binnenfrachter, den Berringer sich in jahrelanger und mühevoller Kleinarbeit zum Hausboot umfunktioniert hatte. Natürlich war er immer noch nicht fertig. Wer ihn kannte wusste, dass dies auch in Zukunft nie der Fall sein würde. Ein ewiges Projekt.

Durch die Bullaugen, die Berringer nachträglich hatte einsetzen lassen – erst hatte er es selbst versucht und dann erkannt, dass es doch besser war, jemanden zu fragen, der auch etwas davon verstand! – sah er einen lang gezogenen Frachter daher fahren.

Wahrscheinlich Richtung Duisburg. Alles, was schwimmen konnte, schipperte nach Duisburg, dem größten Binnenhafen Europas. Im Vergleich dazu war der Düsseldorfer Hafen nahezu unbedeutend.

Ein Signal ertönte.

Für Berringer bedeutete dieser Ton die endgültige Rückkehr in die Gegenwart.

Er sah Vanessa an.

„Was machst du hier eigentlich?“, fragte er.

„Eigentlich wäre ich heute im Büro, das ist richtig.“

„Und warum bist du da nicht?“

„Weil wir einen Klienten haben, den ich erstmal shoppen schickten musste, um hier raus zu fahren und dich aus deinem Dämmerzustand zu erlösen! Warum hast du dein Handy nicht abgenommen?“

„Weil es nicht geklingelt hat!“

„Hat es!“

Es lag auf einer Kommode. Vanessa nahm es und reichte es Berringer. Auf dem Display stand: Vier Anrufe in Abwesenheit.

Berringer erhob sich von der Couch und streckte sich. Er trug ein fleckiges Sweatshirt und eine Jeans. Das Haar ging schon deutlich zurück, und der Bart hatte graue Stellen.

„Robert, was war los?“, beharrte sie. „Wenn ich nicht wüsste, dass du total gegen so etwas eingestellt bist, dann würde ich jetzt denken, du nimmst vielleicht Drogen oder so was…“

„Ich bin manchmal so“, sagte er. „Und ich lasse es behandeln. Wenn mich nicht jemand in meinen eigenen vier Wänden überrascht, dann bekommt das normalerweise auch niemand mit …“

Was er nur nicht garantieren konnte, wie ihm die vom Widerspruchsgeist geprägte Stimme in seinem Hinterkopf erklärte. Es konnte immer und überall passieren, wenn die Auslöser – die sogenannten Trigger - vorhanden waren. Das wusste er sehr gut.

„Ich habe es unter Kontrolle“, behauptete Berringer.

Sagte er das, um dich selbst zu beruhigen oder um Vanessa etwas vorzumachen?

Letztere konnte er vielleicht belügen. Aber sich selbst konnte er nichts vormachen.

„Es sah sehr gefährlich aus“, sagte sie.

„Das ist es aber nicht. Und im Übrigen ist dieses Schiff eigentlich für jeden Außenstehenden ein Tabu-Gebiet. Was glaubst du, weswegen ich ein Büro habe?“

„Ich bin eine Außenstehende?“, wunderte sich Vanessa und zuckte mit den Schultern.

„Du bezahlst mich, deswegen bist du auch der Boss. Dein Wort ist Gesetz, und wenn du das so siehst, soll es mir recht sein.“

„Nimm es nicht persönlich, aber …“ Berringer sprach nicht weiter.

Vanessa nutzte die Pause, um das Gespräch auf ein Thema zu lenken, das ihr unter den Nägeln brannte. „Zieh dir was Vernünftiges an. Der Mann, der bisher vergeblich unser Klient werden wollte, ist sehr stilvoll gekleidet. Wegen unserem Büro hat er schon ganz komisch aus der Wäsche geguckt! Ich habe dir ja von Anfang an gesagt, dass du mal etwas Geld für eine saubere Tapete investieren solltest. Manche Kunden legen nämlich Wert auf so was!“

„Ich kann nur eins bezahlen: Die Tapete oder dich.“ Sie grinste schelmisch. „Dann will ich nichts gesagt haben. Vielleicht wird dieser fleckige Retro-Look aus den Siebzigern irgendwann wieder modern, und dann kann man jedem erzählen, dass die getrockneten Wasserschäden auf den Blumenmotiven in Wahrheit ein gewollter Aquarell-Effekt sind.“

„Du solltest in die Werbung gehen“, meinte Berringer. „Oder in die Politik.“ Sie runzelte die Stirn. „Wieso?“

„Na, wer fleckige Tapete zum Design definieren kann, der kann alles verkaufen!“ Schon drei Jahre betrieb Berringer die Detektei. Er hatte sie gleich nach seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem Polizeidienst gegründet. Nach dem Tod seiner Familie war es ihm unmöglich gewesen, einfach so weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Er hatte sein Leben damals neu erfinden müssen, und manchmal konnte er immer noch nicht glauben, dass es dieses Attentat auf seine Familie tatsächlich gegeben hatte. Wenn er die Augen schloss und schlief, hoffte er insgeheim, dass ihn jemand weckte und darauf hinwies, dass alles nichts weiter als ein böser Traum war.

Aber so ging das nicht.

Berringer wusste es selbst am besten.

„Hat dieser Kunde dir gesagt, worum es geht?“, fragte Berringer.

„Als ob du da wählerisch sein könntest!“

„Ich frage ja nur.“

„Dieser Mann wollte den Chef persönlich sprechen“, berichtete Vanessa. „Davon war er nicht abzubringen.“

„Was hast du ihm gesagt?“, fragte der Detektiv.

„Dass du bei einem wichtigen Einsatz bist, der sich etwas verzögert hat …“ Berringer schmunzelte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Blick wirkte deutlich entspannter als zuvor.

„Eine gute Ausrede. Die solltest du dir merken.“

„Der Mann hat Geld. Glaub mir, ich habe einen sechsten Sinn dafür. Bis ins kleinste Detail ist er sehr stilvoll gekleidet, und die Rolex an seinem Handgelenk habe ich auch nicht übersehen.“

„Fahr schon mal zurück. Ich komme dann nach“, sagte er.

Aber sie machte keinerlei Anstalten zu gehen.

Vanessa musterte Berringer einige Augenblicke stirnrunzelnd.

Berringer stutzte. „Was ist los? Stimmt was mit mir nicht – abgesehen davon, dass mein Sweatshirt wahrscheinlich im Moment nicht unbedingt gut riecht?“

„Du bist dir sicher, dass alles in Ordnung ist?“

„Ja.“

Die Vertraulichkeit, mit der Vanessa ihn vom ersten Augenblick an angesprochen hatte, ging ihm auf die Nerven. Aber andererseits war es nicht leicht, jemanden zu finden, der mit der eher chaotischen Büroorganisation der Detektei Berringer zurechtkam.

Wortlos drehte sich Vanessa um und ging.

Berringers Büro lag auf dem Fürstenwall im Stadtteil Bilk – nur eine Viertelstunde Fußweg vom Hafen entfernt und in direkter Nähe zur Universität und der Düsseldorfer Altstadt. Viele Kneipen prägten das Erscheinungsbild dieser Gegend.

Die Mietpreise waren niedrig und sorgten zusammen mit der Uni-Nähe dafür, dass das Durchschnittsalter sehr viel jünger war als im Rest der Landeshauptstadt.

Außerdem siedelten sich in der Gegend auch viele Angestellte aus den Medien- und Werbeagenturen an, die im benachbarten Hafenviertel wie Pilze aus dem Boden schossen und das Gebiet dort zum In-Viertel gemacht hatten.

Berringers Büro lag im vierten Stock eines Altbaus ohne Fahrstuhl. Wer hier residierte, brauchte keinen Heimtrainer mehr, hatte Berringer gedacht, als er sich die Räumlichkeiten zum ersten Mal angesehen hatte. Noch zwei Stockwerke höher und man hätte von der Fensterfront aus sogar das Polizeipräsidium am Ende des Fürstenwalls sehen können. Aber diese tägliche Erinnerung an sein erstes Leben blieb ihm glücklicherweise erspart.

In der ersten Zeit seiner Selbstständigkeit als Privatdetektiv hatte Berringer ganz auf ein eigenes Büro verzichtet und Klienten auf seinem Hausboot empfangen. Einer dieser Klienten war Unternehmensberater und Marketingspezialist, für den Berringer ausstehende Honorarzahlungen hatte eintreiben sollen, wobei das Hauptproblem darin bestanden hatte, überhaupt eine ladungsfähige Adresse für die Zustellung gerichtlicher Mahnbescheide zu finden. Jedenfalls hatte dieser Klient Berringer seinerzeit dringend empfohlen, sich eine repräsentative Büroadresse mit hoher Publikumsfrequenz zu suchen. „Wenn jemand zum Beispiel in den Schadow-Arkaden ein paar Blumen kauft und gleichzeitig daran zweifelt, ob seine Partnerin ihn vielleicht betrügt, braucht er nur zufällig Ihr Schild mit der Aufschrift ROBERT

BERRINGER – PRIVATE ERMITTLUNGEN zu sehen und Sie haben einen Klienten gewonnen!“, war seine Ansicht gewesen.

Allerdings hatte Berringer einfach nicht das Geld, um sich eine so repräsentative Büroadresse leisten zu können.

Irgendwann mal!, hatte er sich vorgenommen. Aber das waren Zukunftsträume. Im Moment kämpfte er noch um das geschäftliche Überleben.

Die Investition hätte sich zwar vermutlich schon deswegen gelohnt, weil nicht nur die Zahl der Kunden sich verändert hätte, sondern auch deren Art. Sicherheitskonzepte für Großunternehmen brachten einfach mehr Geld in die Kasse als Ermittlungen über untreue Ehepartner. Aber zurzeit war ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner Kundschaft wohl ganz froh darüber, ihn an einem unscheinbaren, nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Ort aufsuchen zu können. Schließlich waren manche der Aufträge, die Berringer übernahm, hart am Rande der Legalität.

Vor Berringers Bürotür wartete ein breitschultriger Kerl im dunklen Anzug auf dem Flur und spielte mit einem Jojo. Berringer musterte ihn und fragte sich, ob es einen Studiengang gab, in dem man BWL zusammen mit Sport belegen musste.

„Kann ich was für Sie tun?“

„Sind Sie der Detektiv?“

„Ja.“

„Mein Chef wartet da drinnen auf Sie.“

Als Robert Berringer sein Büro betrat, zog er seinen Parka aus und warf ihn auf einen der Ledersessel, die dort eine etwas klobig wirkende Sitzgruppe bildeten. Er hatte sie vom Sperrmüll. An den Armlehnen waren einige ziemlich abgeriebene Stellen, ansonsten waren sie in Ordnung, fand Berringer. Unter dem Parka trug er ein dunkelblaues Jackett und ein weißes Hemd. Das war sein Outfit für vornehme Anlässe. Das Hemd war zwar ungebügelt und seine einzige Krawatte hatte er nicht finden können, aber Berringer fühlte sich gut angezogen.

So, wie Vanessa den Klienten beschrieben hatte, wusste dieser ein elegantes Auftreten durchaus zu schätzen, wobei dies bei Berringer dadurch geschmälert wurde, dass Berringer seine fleckige Jeans noch immer trug.

Der Klient hingegen trug das berühmte Manager-Grau. Die Rolex am Handgelenk und die goldenen Manschettenknöpfe machten deutlich, dass die Begriffe „Geld“ und

„Probleme“ sich wahrscheinlich erst ab sechsstelligen Fehlbeträgen zusammenaddierten. Die Selbstverständlichkeit, mit der er den maßgeschneiderten Dreiteiler trug, machte außerdem klar, dass dies offenbar seine tägliche Arbeitskleidung war und keineswegs ein gutes Stück, das man zu Beerdigungen und Hochzeiten aus dem Schrank holte.

Eisgraue Augen musterten Berringer. Augen, die es offenbar gewohnt waren, blitzschnell Menschen einzuschätzen und zu entscheiden, ob ein weiterer Kontakt mit ihnen lohnte oder nicht. Hopp oder topp, bestanden oder durchgefallen. Dieser Blick glich einer Bonitätsüberprüfung im Schnelldurchlauf.

Der Klient stand auf.

Etwas langsamer, als es nötig gewesen wäre, um Berringers ausgestreckte Hand ohne Verzögerung entgegen nehmen zu können. Der Händedruck war sehr fest. Da wollte jemand von Anfang an deutlich machen, wer der Chef war.

„Gerath“, sagte er hart und knapp. „ Der Gerath.“

„Ah, ja…“

Die wirklich Großen und Wichtigen hatten nur einen Namen. Spock. Prince.

Konsalik.

Die noch größeren bekamen noch einen Artikel dazu.

Die Dietrich.

Der Kaiser.

Der Gerath schien sich selbst in diese besondere Wichtigkeitskategorie einzureihen, wobei Berringers Erfahrung nach der Gebrauch des Artikels immer auch auf einen etwas divenhaften Charakterzug hindeutete.

Es gelang Berringer nicht, seine momentane Ratlosigkeit darüber, wer der Gerath wohl sein mochte, zu verbergen und so sah sich der Klient genötigt, seinen vollen Namen zu nennen. Berringer konnte nur hoffen, das der Gerath nach dieser Demütigung noch an einer Geschäftsbeziehung interessiert war.

„Peter Gerath, ich bin der Inhaber der Gerath Avlar Tex GmbH & Co. KG in Krefeld.

Wir stellen Spezialfasern her, die in der Produktion von kugelsicheren Westen oder Segeln eingesetzt werden. Aber zu den Einzelheiten werden wir sicher gleich kommen, wie ich annehme…“

Die Selbstsicherheit, die dieser Mann zur Schau trug, wirkte auf Berringer etwas aufgesetzt. Zwar bestand für den Detektiv kein Zweifel daran, dass dieser Mann es sicher gewohnt war, wie der natürliche Boss – oder neudeutsch: Entscheider –

aufzutreten, aber Berringer spürte auch, dass diesen äußerlich wie aus Granit wirkenden Mann irgendetwas bis ins Mark verunsichert haben musste, auch wenn er sich redlich Mühe gab, dies nicht nach außen dringen zu lassen.

„Ich bin Robert Berringer. Meine Mitarbeiterin hat mir bereits gesagt, dass Sie mich dringend sprechen möchten, aber ich wurde leider etwas aufgehalten.“

„Ich verstehe. Sie werden als Freiberufler sicherlich auch von einem Acht-Stunden-Tag oder dergleichen nur träumen können.“

„Das ist leider wahr. Aber während meiner Zeit als Kriminalbeamter war das leider auch nicht besser.“

Gerath ließ den Blick durch den Raum schweifen. Abgesehen von dem großen Computertisch und einem Regal mit Aktenordnern gab es keine weitere Einrichtung.

Der Blick auf die fleckige Tapete war also vollkommen frei. „Ich sage immer: Ein Acht-Stunden-Tag ist etwas für Herzkranke! Da ist doch ein normal veranlagter Mensch überhaupt nicht ausgelastet!“

Berringer lächelte mild. „Ich wette, Ihr Betriebsrat kann dieser Ansicht nicht so ganz zustimmen.“

„Welcher Betriebsrat?“, fragte Gerath. „Diesen Firlefanz habe ich bisher erfolgreich verhindern können, obwohl das immer schwieriger wird. Na ja, man braucht eben einen guten Anwalt und ein paar Tricks. Und da wir schließlich keine Billigschneiderei, sondern ein High Tech-Unternehmen sind, bezahle ich ohnehin über Tarif, sodass sich niemand beschwert. Unsere Produkte laufen hervorragend, auch international. Die indonesische Polizei wird demnächst mit kugelsicheren Westen ausgerüstet, die unsere Fasern enthalten und auf der nächsten BOOT-Messe hier in Düsseldorf wird man eine Auswahl neuester High Tech-Produkte für die Segel einer völlig neuen Generation sehen. Die Wörter surfen und segeln wird man in Zukunft anders buchstabieren, sag ich Ihnen!“

Peter Gerath machte eine große Geste und setzte sich wieder. Berringer nahm ebenfalls Platz. Vanessa Karrenbrock fragte den Gast, ob er noch Kaffee wolle, aber Gerath verneinte. Kein Wunder, dachte Berringer. Vanessas Kaffee war schlecht. Viel zu dünn. Es schien auch völlig sinnlos zu sein, ihr das beibringen zu wollen. Vanessa selbst bevorzugte aromatisierte Tee-Sorten und hatte auch schon versucht, Berringer zu dieser Ersatzdroge zu bekehren. Bisher allerdings ohne jeden Erfolg. Inzwischen war Berringer dazu übergegangen, löslichen Kaffee zu verwenden.

Peter Gerath hatte von der Kaffee-Misere in der Detektei Berringer natürlich nichts wissen können und war prompt auf Vanessas freundliche, einladende Art hereingefallen.

Die Tür öffnete sich.

Ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren in Lederjacke und Jeans unterdrückte ein Gähnen und stutzte, als er Gerath sah.

„Sorry!“, sagte er. „Ich wusste nicht, dass du ein Meeting hast, Robert!“

„Mark, wenn du dich bitte zu uns setzen würdest!“, sagte Berringer. „Herr Gerath, dies ist Mark Lange, ein weiterer Mitarbeiter meiner Firma.“ Mark war in Wahrheit ebenfalls nur stundenweise bei Berringer angestellt. Er half ihm bei Observationen und immer dann, wenn der Computer streikte. Im Moment versuchte er die kostenlose, auf dreißig Tage begrenzte Probeversion eines Bildbearbeitungsprogramms zu knacken.

Ein weiteres Gähnen unterdrückend nahm Mark Lange in der Runde Platz. Von den Aufträgen abgesehen, die er bei Berringer bekam, war er zurzeit arbeitslos. Zuvor war Angestellter der Geldtransportfirma Delos aus Mönchengladbach gewesen, die nach einem Skandal sondergleichen vor dem Konkurs stand. Gelder von Kunden waren entnommen und für Spekulationen benutzt worden. Jetzt stand die ganze Branche vor einem Scherbenhaufen, denn wer vertraute einer Geldtransportfirma noch seine Einnahmen an, wenn er damit rechnen musste, dass die entsprechenden Gelder nicht dort ankamen, wo sie erwartet wurden?

Für die ohnehin schlecht bezahlten Delos-Mitarbeiter hatte dies die Entlassung bedeutet.

Berringer hatte ihn vor ein paar Jahren – noch während seiner Zeit bei der Polizei -

bei Ermittlungen um einen Überfall kennen gelernt. Seit zwei Monaten stand Mark Lange der Detektei nun nach Bedarf zur Verfügung, und Berringer war vollauf zufrieden mit dem jungen Mann. Gerade bei langwierigen Observationen war es eigentlich unumgänglich im Team zu arbeiten.

„Was ist Ihr Anliegen, Herr Gerath?“, fragte Berringer.

Gerath blickte zur Seite, zunächst kurz zu Mark Lange hinüber und anschließend zu Vanessa, die ihn erwartungsvoll und interessiert ansah.

„Ich dachte eigentlich, dass ich die Angelegenheit mit Ihnen persönlich besprechen könnte, Herr Berringer.“

„Vor meinen Mitarbeitern sollten Sie keine Geheimnisse haben. Im Übrigen müsste ich sie hinterher ohnehin über die Sachlage in Kenntnis setzen, also stören Sie sich bitte nicht an ihrer Anwesenheit.“

Gerath räusperte sich. „Wie Sie meinen …“

„Worum geht es also?“

„Vor zwei Wochen ist ein Anschlag auf mein Leben verübt worden. Ich habe ein Pferd auf einem Reiterhof in Pension und widme mich jeden Sonntagmorgen einem ausführlichen Ausritt. Ich bin kein sportlicher Reiter, müssen Sie wissen. Oder sollte ich sagen: nicht mehr? Ab und an macht mein Rücken nämlich nicht mehr mit. Ich hatte ein ruhiges, gut zu lenkendes Pferd und nehme meistens denselben Rundweg, nördlich von Münchheide. Das Tier kannte diesen Weg schon. Offenbar hat jemand meine Gewohnheiten ausgekundschaftet und sich auf die Lauer gelegt.“ Die Maske der Selbstsicherheit war jetzt für in paar Augenblick völlig ihm abgefallen. Berringer spürte erneut und diesmal noch deutlicher, dass dieser Mann zutiefst erschüttert worden war.

„Was ist geschehen?“

„Mir wurde meine Island-Stute Laura förmlich unter dem Hintern weggeschossen, wenn Sie mir diese drastische Ausdrucksweise verzeihen!“

„Natürlich.“

„Ich hatte Glück mit dem Leben und einer Schulterprellung davongekommen zu sein.

Der Kerl hatte es auf mich abgesehen, da bin ich mir hundertprozentig sicher.“

„Sie haben gesehen, dass es ein ‚Kerl’ war?“, hakte Berringer sofort nach. Die alte Polizistenschule machte sich bemerkbar. Auf Kleinigkeiten achten. Die Details führten am Ende oft genug zur Lösung des Falls oder entlarvten falsche Aussagen.

Gerath reagierte genervt. „Nein, natürlich habe ich das nicht gesehen“, sagte er jetzt ziemlich unwirsch. Im nächsten Moment hatte er sich wieder unter Kontrolle, aber Berringer fand seinen anfänglichen Eindruck bestätigt, dass unter der kalten Granitfassade dieses Unternehmers etwas brodelte, das nun für Sekunden an die Oberfläche gekommen war. Die Nerven dieses Mannes waren bis zum Zerreißen gespannt. Aber nach dem, was er berichtet hatte, war das auch kein Wunder, fand Berringer. „Ich habe vom Täter überhaupt nichts gesehen. Die Schüsse sind aus einem Waldstück abgegeben worden. Dort war das Unterholz so dicht, dass ich auf die Entfernung nichts erkennen konnte.“ Er atmete tief durch und zuckte die Schultern. „Einen Wagen hörte ich etwas später davonbrausen, das ist alles. Wirklich alles.“

„Ich nehme an, Sie sind zur Polizei gegangen.“

„Ja, natürlich. Schließlich wollte ich es nicht darauf ankommen lassen, dass dieser Killer mich in Kürze doch noch niederstreckt. Schließlich hat der Schütze ja sein Ziel nicht erreicht und was immer ihn auch zu seiner Tat getrieben haben mag – die Vermutung liegt ja wohl nahe, dass er keine Ruhe geben wird, bis er es geschafft hat.

Und so kam es dann ja auch…“

Berringers Augen verengten sich. „Es gab noch einen zweiten Anschlag?“, vergewisserte er sich.

Gerath nickte. „Ja. Und das ist auch der Grund dafür, dass ich mich jetzt an Sie wende, Herr Berringer, nachdem die Polizei leider so kläglich versagt hat.“ Er seufzte. „Aber am besten alles der Reihe nach.“

„Bitte!“

„Ich bin nach dem ersten Anschlag natürlich zur Polizei gegangen. Der bearbeitende Kommissar, der das Dezernat für Tötungsdelikte bei der Krefelder Kriminalpolizei leitet, erschien mir ziemlich inkompetent.“

„Erinnern Sie sich zufällig an den Namen?“, fragte Berringer.

„Dittmann oder so ähnlich.“

„Kriminalhauptkommissar Björn Dietrich?“, hakte Berringer nach. Schließlich hatte Berringer immer noch guten Kontakt zu den ehemaligen Kollegen und kannte viele der Dezernatsleiter in den umliegenden Städten.

Gerath sah den Detektiv etwas erstaunt an. „Ja, richtig, so hieß er. Ein schlaksiger Kerl mit strubbeligen Locken. Unter einem Beamten stelle ich mir sowieso etwas anderes vor. Aber wahrscheinlich denkt der, dass er sein dreizehntes Monatsgehalt und die fette Beamtenpension auch bekommt, wenn er herumläuft wie ein Wischmob.“ Er blies seinen Brustkorb auf und erinnerte Berringer an einen Gorilla-Silberrücken, der Eindruck machen wollte. Die Haarfarbe stimmte auf jeden Fall überein. „Das sollte unsereins mal machen!“, ereiferte er sich. „Die Geschäftskunden würden doch Reißaus nehmen und sich fragen, ob eine Firma, die ihren Mitarbeitern nicht einmal genug zahlen kann, um sich einen Gang zum Frisör zu leisten, wohl der richtige Geschäftspartner sein kann …“ Er vollführte eine ruckartige Bewegung.

„Wieso fragen Sie? Kennen Sie den Kerl?“

„Björn und ich waren früher beide hier in Düsseldorf bei der Kripo, bis Björn nach Krefeld versetzt wurde.“

„Verstehe“, murmelte Gerath etwas kleinlaut.

„Dieser Umstand erleichtert vermutlich die Zusammenarbeit mit der Polizei Krefeld ganz erheblich. Ich kann zwar nicht behaupten, dass Björn je davon begeistert war, wenn ihm ein Privatermittler in die Quere kam, aber wenn jeder die Kompetenzen des anderen respektiert, können beide Seiten nur profitieren.“ Gerath schwieg einen Augenblick und lehnte sich zurück.

„Sie sind doch jetzt nicht beleidigt?“, fragte der Unternehmer.

Berringer hob die Augenbrauen. Sein Gesicht blieb unbewegt. „Warum sollte ich?“

„Na, wegen der Sachen, die ich gerade über Ihren Freund und Beamte im Allgemeinen …“

„Mal abgesehen davon, dass man das dreizehnte Monatsgehalt mehr oder minder abgeschafft hat und die Kollegen in den vergangenen Jahren mit Einkommenskürzungen und allerlei anderen Unannehmlichkeiten zu tun hatten, haben Sie ja vollkommen recht, Herr Gerath.“

Wieder entstand eine Pause des Schweigens.

Wenigstens ist es ihm hinterher noch peinlich, wenn er sich so in Rage geredet hat, dachte Berringer. Aber sei ehrlich: Du bist froh, dass er nicht dein Chef ist.

Gerath räusperte sich. „Ich habe mich also an die Polizei gewandt“, fuhr er in gedämpftem Tonfall fort. „Leider hat Ihr ehemaliger Kollege Dietrich mit seinen Leuten nicht allzu viel herausgefunden. Dass weiterhin akute Gefahr für mein Leben und vielleicht auch das Leben meine Familie besteht, hat Hauptkommissar Dietrich im Übrigen auch so gesehen. Er hat mir Polizeischutz angeboten. Wissen Sie, wie das aussieht? Regelmäßig patrouillieren jetzt uniformierte Polizisten vor dem Haus, und ein paar Tage war sogar ein Kripo-Beamter bei uns einquartiert. Und dann hatte Dietrich auch noch die glorreiche Idee, mir vorzuschlagen, ich sollte eine kugelsichere Weste tragen! Damit würde ich seinen Kollegen und ihm maßgeblich den Job erleichtern.“

„Ist das keine gute Idee?“, fragte Berringer kühl. „Ich meine, wo Sie doch an der Quelle sitzen!“

Gerath klopfte sich auf die Brust und erinnerte jetzt noch mehr an einen zornigen Silberrücken. „Glauben Sie, ich bin tatsächlich so dick? Ich trage das neueste, mit unserer Faser bestückte Modell der Firma Swanken & Partner. Sitzt wie angegossen und ist so dünn, dass ich wenigstens das Hemd zubekomme und das Ganze nicht so auffällt.“

Berringer blieb gelassen. „Sie wollten mir noch von dem zweiten Anschlag berichten“, versuchte er seinen Klienten wieder auf das eigentliche Thema zurückzuführen. Die Art und Weise, wie Gerath immer wieder dazu neigte abzuschweifen, ging Berringer inzwischen ganz gehörig auf die Nerven und er fragte sich, wie es dieser unkonzentrierte Mann schaffte, eine Firma mit straffer Hand zu leiten – was in seiner Branche mit Sicherheit nötig war.

„Der zweite Anschlag war am Sonntag.“

„Sie waren wieder reiten?“

Gerath machte eine wegwerfende Handbewegung und schüttelte den Kopf. Er hatte die seltene Gabe, Gesprächspartnern schon durch die Körperhaltung klar zu machen, dass sie Idioten waren.

„Wo denken Sie hin, Herr Berringer! So schnell besteige ich kein Pferd mehr! Ich bin nur kurz auf die Terrasse gegangen, um frische Luft zu schnappen. Jemand hat dabei auf mich gefeuert und wenn ich nicht eine dieser Westen getragen hätte, dann wäre ich heute unter Garantie nicht mehr unter den Lebenden!“

„Wenn es sich um Gewehrkugeln handelt, können die aus größerer Entfernung abgefeuert worden sein. Befinden sich im Umkreis von etwa einem Kilometer um Ihren Garten hohe Gebäude?“

„Natürlich befinden sich da hohe Gebäude! Ich wohne in Krefeld, ich nicht auf dem Kuhdorf.“

„Es war nur eine Frage“, sagte Berringer betont ruhig.

Gerath strich mit einer fahrigen Handbewegung über das Gesicht, so als wollte er mit aller Macht etwas hinweg wischen. Er schüttelte den Kopf. Nein, dies war die Realität. Aus diesem Albtraum gab es kein schnelles Erwachen. „Ich möchte, dass Sie mir helfen, Herr Berringer. Die Polizei schafft es nicht, mich am Leben zu erhalten -

aber vielleicht sind Sie ja erfolgreicher. Ihre Angestellte hat mir schon die üblichen Honorarsätze verraten, die Sie nehmen. Ich lege noch ordentlich was drauf, darauf können Sie Gift nehmen. Nur machen Sie dieser Sache ein Ende. Ich will wieder ruhig schlafen können! Ich will wieder unbehelligt ein Spiel der Krefeld Pinguine besuchen können! Ich will wieder auf ohne Angst durch die Landschaft reiten können!“

Berringer nickte leicht. „Wir sind eine kleine Detektei. Ich kann Ihnen keinen Rundum-die-Uhr-Personenschutz organisieren, aber wenn Sie wollen, dann empfehle ich Ihnen da einen Kollegen.“

„Das ist auch nicht nötig. Privaten Personenschutz habe ich mir inzwischen besorgt. Ich will, dass Sie herausfinden, wer dahinter steckt! Seit der Delos-Pleite läuft ja so viel Sicherheitspersonal frei auf dem Arbeitsmarkt herum, dass man sich die Leute aussuchen kann.“

Berringer wirkte nachdenklich. „Gut“, sagte er. „Da Sie über den finanziellen Rahmen ja bereits mit meiner Mitarbeiterin gesprochen haben, können wir gleich zur Sache kommen. Ich brauche noch ein paar Informationen von Ihnen.“

„Bitte! Fragen Sie!“, forderte Gerath den Detektiv etwas überrascht auf.

„Sie sind verheiratet?“, fragte Berringer.

„Ja, meine Frau heißt Regina.“

„Berufstätig?“

„Nein. Früher hat sie die Buchhaltung in der Firma gemacht, aber das hat alles längst Dimensionen erreicht, die ihre Möglichkeiten völlig übersteigen.“

„Haben Sie Kinder?“

„Ja. Till, Andreas und Maja. Sie sind bereits alle drei aus dem Haus und ich muss gestehen, ich habe wenig Kontakt zu ihnen.“ Er zuckte die Schultern. „Vielleicht bin ich kein ganz so fürsorglicher Vater gewesen, wie das heute modern ist.“

„Ich verstehe … Haben Sie selbst irgendeine Vermutung, was der Hintergrund der Anschläge sein könnte? Gibt es jemanden, mit dem Sie in letzter Zeit heftige Auseinandersetzungen hatten?“

Er schüttelte den Kopf. „Nur das Übliche“, sagte er. „In der Firma gibt’s natürlich immer mal ein paar Konflikte. Aber ich vermute etwas anderes.“

„Bitte, heraus damit!“, forderte Berringer den Textilfabrikanten auf, nachdem er gemerkt hatte, dass dieser offensichtlich zögerte.

Gerath schluckte. Sein Blick glitt ins Nirgendwo.

„In unserer Branche wird mit sehr harten Bandagen gekämpft. Ein Großteil der Textilindustrie ist ohnehin bereits aus Deutschland verschwunden und in Billiglohnländer abgewandert. Das Einzige, was hier noch geht, sind High Tech-Qualitätsprodukte. Ansonsten wird bei vielen Produkten in Deutschland nur noch die Linie entwickelt und die eigentliche Produktion nach Asien vergeben. Das machen wir zum größten Teil auch so.“

Kam der Mann irgendwann noch mal zur Sache ging es Berringer durch den Kopf, oder war er gezwungen, sich das allgemeine Lamento eines Wirtschaftskapitäns über den Standort Deutschland anzuhören?

Gerath fuhr fort: „In einer so harten Konkurrenzsituation wird natürlich auch mit Mitteln gekämpft, die nicht ganz legal sind. Darum misstrauen sich alle gegenseitig.

Aber ich weiß dennoch aus zuverlässiger Quelle, dass ich nicht der Einzige bin, der bedroht wurde …“

„Sie meinen der einzige Textilfabrikant?“

„Ja. Ihr Ex-Kollege von der Polizei sagte mir, es ginge das Gerücht um, dass sich eine mafia-ähnliche Organisation in dieser Branche breit gemacht hat, die Schutzgelder erpresst.“

„Sind Sie denn bereits jemals aufgefordert worden zu zahlen?“

„Nein. Aber dieser Dietrich hält es für möglich, dass die mich erst weich kochen wollen …“

„Aber Sie haben nicht den Eindruck.“ Berringer gab seine Antwort im Ton einer Feststellung und nicht einer Frage.

Gerath schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass da jemand absichtlich vorbei geschossen hat. Man wollte mich umbringen – nicht einschüchtern!“

„Wir werden sehen“, versprach Berringer. „Ich brauche noch den Namen und die Anschrift des Reiterhofs, auf dem Sie Ihr Pferd untergebracht hatten und außerdem wäre es gut, wenn Sie mir auf einer Karte den genauen Weg zeigen können, den Sie geritten sind. Unter Umständen müssen wir den Ort des Attentats auch zusammen noch mal aufsuchen. Glauben Sie, Sie schaffen das psychisch?“

„Ich bin Unternehmer und kein heulendes Müsli-Sensibelchen.“ Ein Muskel zuckte unruhig in seinem wie aus Stein gemeißelten Gesicht. Auf der rechten Wange befand sich eine schnurgerade, scharf geschnittene Furche und Berringer fragte sich unwillkürlich, durch welchen bevorzugten Gesichtsausdruck wohl eine derartige Zeichnung in seine Haut hinein gefaltet worden war. Ein Gedanke, der ihn für Sekunden nicht losließ. Eigentlich absurd, dachte er. Aber manchmal tat er absurde Dinge, um sich vor dem zu schützen, was in ihm schlummerte. Vor den unverarbeiteten Erinnerungen an eine Vergangenheit, die jederzeit wieder die Herrschaft über ihn und sein Leben gewinnen konnte. Da war es gut, sich an irgendetwas festzuhalten. An etwas Markantem. An dieser Falte mitten auf der Wange zum Beispiel.

„Warum sollte ich es nicht schaffen, den Ort noch mal aufzusuchen, an dem Laura massakriert wurde?“ Peter Gerath schluckte. „Laura, das ist – Verzeihung: das war -

der Name meiner Stute. Ich habe insgesamt vier Pferde dort, aber keine geht so diszipliniert wie Laura. Gleichgültig ob im Trab oder Tölt …“ Er atmete schwer, so als ob ihm eine zentnerschwere Last auf der Brust lag. Er wollte es nicht wahrhaben, dachte Berringer. Vielleicht kamen bei ihm die Flashbacks noch, aber es könnte gut sein, dass es keine so gute Idee gewesne war, ihm vorzuschlagen, den Ort des Geschehens nochmals aufzusuchen …

Berringer hatte für solche Dinge inzwischen einen siebten Sinn entwickelt.

„Wann waren Sie zuletzt bei Ihren Pferden?“

„Ich war nicht mehr dort, seit der Anschlag geschah …“ Also doch, dachte Berringer. So fing es immer an. Man mied bestimmte Orte. „Ich werde in den nächsten Tagen bei Ihnen zu Hause vorbeikommen und möchte auch mit Ihrer Frau sowie mit den Mitarbeitern Ihrer Firma sprechen, falls dies sinnvoll erscheinen sollte.“

„Nichts dagegen.“

„Und was ist mit Ihren Kindern? Sind sie informiert?“ Gerath zog die Augenbrauen zusammen und sah Berringer überrascht an. „Die haben nichts mit dieser Sache zu tun. Außerdem sagte ich Ihnen ja schon, dass …“

„Dass Ihr Kontakt derzeit nicht der Beste ist, ich weiß“, vollendete Berringer den Satz.

„Sprechen Sie mit wem immer Sie wollen. Nur sorgen Sie dafür, dass demjenigen, der es auf mich abgesehen hat, das Handwerk gelegt wird!“ Er blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk. Offenbar drängte irgendein Termin.

Typisch, dachte Berringer. Jemanden wie Gerath konnte nicht einmal ein sicheres Rendezvous mit dem eigenen Tod daran hindern, seine geschäftlichen Verabredungen einzuhalten. Und wahrscheinlich war er von seiner eigenen Wichtigkeit so sehr überzeugt, dass er sich nicht im Traum vorzustellen vermochte, dass ihn jemand anderes auch nur ein einziges Mal vertreten könnte.

Ein mildes Lächeln spielte um Berringers Lippen, als er sich sagte: Mal ehrlich, Robert, bist du in dieser Hinsicht vielleicht anders? Wenn ja, dann beweis es und besteh das nächste Mal darauf, dass ein wichtiger Kunde, der in deinem Büro auf dich wartet, sich mit Vanessa auseinandersetzt, und schick Mark Lange zur Krefelder Polizei, um die Detektei über den Stand der Ermittlungen zu informieren …

Peter Gerath erhob sich.

Sitzung beendet, dachte Berringer sarkastisch.

„Sie wollten noch die Adresse des Reiterhofs haben, auf dem ich Laura untergestellt hatte“, erinnerte Gerath ihn.

Berringer hatte sich inzwischen ebenfalls erhoben. Er ging zum Schreibtisch, der trotz der Tatsache, dass inzwischen Vanessa Karrenbrock hier regelmäßig aufräumte, ziemlich chaotisch aussah. Wirklich wegräumen durfte Vanessa hier natürlich auch nichts. Alles, was Berringer ihr zugestand, war, dass sie herumliegende Papiere in farbige Boxen einsortierte. Eine Ordnung, die den Namen verdiente, entstand dadurch zwar nicht, worauf Vanessa ihren Arbeitgeber auch schon des Öfteren hingewiesen hatte. Aber immerhin war das Chaos nicht mehr so augenfällig. Und das, so fand Berringer, war schon mal ein guter Anfang.

Berringer griff zielsicher zu den Post-its, wühlte einen Stift aus einer Schublade und gab beides an Peter Gerath weiter.

Dieser nahm jedoch beides nicht an, griff in seine Jackettinnentasche und zog seine Brieftasche hervor, aus der er eine Visitenkarte nahm. Anschließend holte er seinen eigenen Kugelschreiber hervor und kritzelte etwas auf die Visitenkarte.

„Ich schreibe Ihnen die Adresse des Reiterhofs hier auf. Meine Handynummer steht auch auf der Karte!“, kündigte der Chef von Avlar Tex an. „Man weiß ja nie, vielleicht ergibt sich plötzlich noch irgendeine Frage, die für Ihre Ermittlungen von eminenter Bedeutung ist …“

„Gut möglich“, bestätigte Berringer.

„Der Hof heißt Rahmeier-Hof. Die Besitzerin trägt den Namen Rahmeier. Petra Rahmeier. Ich nehme an, dass Sie früher oder später Kontakt mit ihr aufnehmen werden.“

„Anzunehmen. Wir werden von Ihnen eine Vorauszahlung für sieben Tagessätze verlangen. Die Rechnung geht noch heute im Laufe des Tages raus.“

„In Ordnung.“

Peter Gerath verabschiedete sich ziemlich knapp, aber wieder mit einem sehr dominanten Händedruck, der nach Berringers Empfinden diesmal sogar noch etwas schmerzhafter war als beim ersten Mal.

„Darf ich fragen, wie Sie ausgerechnet auf meine Detektei gekommen sind?“, fragte Berringer.

„Sie dürfen. Erstens kommen Sie nicht aus Krefeld. Ich will keinen, der mit dem lokalen Klüngel verwoben ist, dann macht doch alles gleich die Runde! Und zweitens haben Sie doch herausgekriegt, wer hinter den Einbrüchen bei Schauerte Logistic in Uerdingen steckte. Ich habe davon in der Zeitung gelesen.“

„Ja, das stimmt.“

Er machte eine ausholende Geste und meinte: „Allerdings hätte ich gedacht, dass Ihr Laden besser läuft – bei dem Erfolg, den Sie haben, müssten Sie eigentlich nicht in so einer erbärmlichen Absteige hausen. Wenn ich alleine den Anteil an der Versicherungssumme überschlage, den Sie bei dem Schauerte-Fall wahrscheinlich eingestrichen haben…“

„So etwas wird immer überschätzt.“

Er nickte. „Wahrscheinlich. Na ja, ist auch egal.“ Er klopfte Berringer gönnerhaft auf die Schulter. „Ich gebe gerne jemandem eine Chance, der was drauf hat.“

„Danke. Haben Sie Ihren Wagen in der Nähe parken können?“ Gerath verneinte. „Aber das macht nichts. Mein Bodyguard wartet vor der Tür auf mich. Da kann nichts geschehen“, sagte er, bevor er mit gravitätischem Schritt das Büro verließ.

„Wie war der denn drauf?“, fragte Mark Lange kopfschüttelnd, nachdem Peter Gerath die Detektei verlassen hatte. Der Fünfunddreißigjährige war kräftig gebaut. Das Haar trug er sehr kurz. Die Geheimratsecken hielten sich zwar noch in Grenzen, waren aber bereits unübersehbar. Mark sagte meistens gerade heraus, was er dachte. Und das mochte nicht immer besonders geschliffen oder diplomatisch verbrämt klingen, aber dafür war es ehrlich, was Robert Berringer durchaus zu schätzen wusste. Er mochte es lieber, wenn ihm jemand auf den Kopf zu sagte, dass ihm etwas nicht passte, als wenn lange herumgedruckst oder alles mit einem süßen Zuckerguss übertüncht wurde.

Mark Lange war froh, nach dem Delos-Desaster in der Detektei Berringer zumindest stundenweise einen Job gefunden zu haben, was in dieser Branche zurzeit gar nicht so einfach war. Mehr als tausend Mitarbeiter waren dem Konkurs der Geldtransportfirma zum Opfer gefallen. So viele Kaufhausdetektive, Parkplatzwächter und Seniorenhilfen zur Straßenüberquerung brauchten Mönchengladbach, Düsseldorf und Krefeld nicht einmal zusammen.

Die wenigen Stellen, die es in diesem Beruf gab, waren natürlich schnell weg gewesen. Der Rest der Mitarbeiterschaft von Delos musste nun hoffen, dass der Sozialplan noch irgendwelche Wohltaten bereit hielt oder sich vielleicht doch noch ein gnädiger Investor fand, der das Unternehmen mit Haut und Haaren aufkaufte –

ohne Rücksicht darauf, ob er sich an diesem Bissen vielleicht verschluckte.

„Ein komischer Kerl ist das schon“, stimmte Vanessa zu. „Aber auch ein armer Hund.

Ich weiß nicht, ob ich noch in der Lage wäre, überhaupt nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, wenn in so rascher Folge zwei Mordanschläge auf mich verübt worden wären!“

„Wir beginnen damit, alle Informationen zusammenzutragen, die wir bisher haben“, bestimmte Berringer.

„An deiner Stelle hätte ich diesen Auftrag nicht angenommen“, meinte Mark Lange.

„So?“, fragte Berringer etwas irritiert zurück. Vor einer Woche hatte Berringer ihm aktiv das Du angeboten, damit zumindest in dieser Hinsicht Gleichheit zwischen seinen Angestellten herrschte.

„Diese Gerüchte über eine Textilmafia, die in Krefeld und Umgebung ihr Unwesen treibt, sind doch schon seit längerem im Umlauf. Ich habe in der Zeit, als ich noch für Delos fuhr, davon gehört. Einige der Kunden, für die wir Bareinnahmen zur Bank gebracht haben, waren davon betroffen. Ich weiß das auch nur über drei Ecken …

Offiziell hätte das niemand zugegeben.“

„Weißt du noch, welche Firmen das waren?“, fragte Vanessa.

„Klar. Die Breiler Textil und die Satoria GmbH. Beide in Krefeld ansässig. Die Kollegen haben sich bei diesen Fahrten immer zu drücken versucht, weil sie wohl befürchteten, dass diese Schutzgelderpresser direkten Zugriff auf das Geld nehmen könnten … Ich wusste das zu Anfang natürlich nicht und erfuhr die Hintergründe erst nach und nach.“

„Dann schlage ich vor, dass du deine alten Kontakte reaktivierst, damit wir Näheres wissen.“

„In Ordnung“, bestätigte Mark Lange.

„Ich könnte auch etwas übernehmen“, meinte Vanessa. „Ich weiß, dass du mich für’s Büro bezahlst, Robert, aber im Moment ist da nichts Dringendes zu tun.“ Berringer wandte sich an Vanessa.

„Sind die Daten für die Umsatzsteuervoranmeldung schon beim Steuerberater?“

„Ja. Sonst wäre es jetzt auch schon zu spät.“

„Dann fahr du bitte zu diesem Rahmeier-Hof, wo der Gerath seine Pferde untergebracht hat. Wer immer ihn auch ins Visier genommen haben mag, er muss vorher genau über die Gewohnheit seines Opfers Bescheid gewusst und sich vielleicht auch bei der Hofbesitzerin oder ihrem Personal erkundigt haben.“

„Ich werde mich dort umhören“, versprach Vanessa.

„Und ich werde mich mit Björn Dietrich von der Kripo Krefeld in Verbindung setzen“, kündigte Robert Berringer an.

2. Kapitel: Herzblut – Pferdeblut

Berringer verabredete sich telefonisch mit seinem Ex-Kollegen Björn Dietrich von der Kripo Krefeld. Er fuhr rechtzeitig los und war bereits in der Innenstadt, als sein Handy klingelte. Es war Dietrich. Er musste noch kurz weg, der Termin verschob sich um eine Stunde.

„Tut mir leid, Berry.“

„Schon gut.“

Gar nichts war gut. Berringer nutzte die Stunde, um im CaféIN an der Ecke Marktsraße/Königstraße einen Espresso mit ein paar Tropfen Zitrone zu trinken. Das CaféIN hatte sich die italienische Lebensart auf die Fahnen geschrieben und pries sich darüber hinaus als eine „Apotheke“ der besonderen Art an: So wurde dort zum Beispiel Espresso mit Zitrone als Mittel gegen Kopfschmerzen verordnet.

Wenn ich hier öfter hingehe, werde ich noch medikamentenabhängig, dachte Berringer und bestellte sich noch eine zweite Tasse.

Eine Stunde später befand sich Berringer im obersten Stock des Polizeipräsidiums.

Berringer klopfte. An der Tür des Büros standen Name und Dienstrang eines Kriminalbeamten: Kriminalhauptkommissar Björn Dietrich ― Kripo Krefeld.

„Herein!“, rief eine heisere Stimme von drinnen.

Berringer trat ein. Björn Dietrich saß hinter seinem Schreibtisch, und Berringer konnte nur die obere Hälfte des Kopfes sehen, da die untere vom Computerbildschirm verdeckt wurde. Zigarettenrauch hing in der Luft. Dietrich war schon damals, während ihrer gemeinsamen Dienstzeit, ein Kettenraucher gewesen.

Offensichtlich hatte er sich dieses Laster nicht abgewöhnen können.

Dietrich wollte etwas sagen, musste sich aber erst einmal räuspern. Es war der vertraute Klang einer chronisch gewordenen Bronchitis.

Ich wundere mich, dass er damit noch die Fitness-Tests schafft, dachte der Detektiv.

Rauch …

Feuer …

Berringer erkannte alarmiert, dass seine Gedanken abzudriften drohten. Obwohl durch das halb geöffnete Fenster ein kühler Luftzug ins Büro wehte, spürte er plötzlich Hitze auf seiner Haut.

Es ist 14 Uhr 30, hämmerte er sich ein, ich befinde mich im Zimmer 112 des Polizeipräsidiums der Stadt Krefeld, am Nordwall …

Dietrich stand auf. Er war groß, einen halben Kopf größer als Berringer. Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, wedelte mit der Linken den Rauch weg und strich sich danach mit einer fahrigen Geste das gelockte, etwas wirre und inzwischen schon mit leichtem Grau durchsetzte Haar aus der Stirn.

„Hallo, Berry, altes Haus! Was zieht dich mal wieder hierher?“ Ein oder zwei Mal hatten sich die beiden gesehen, seit Berringer aus dem Polizeidienst ausgeschieden war. Die lange gemeinsame Zeit während der Ausbildung und anschließend in der Düsseldorfer Polizei hatten ein Vertrauensverhältnis entstehen lassen, bei dem jeder wusste, dass er sich auf den anderen notfalls blind verlassen konnte. Daran hatte sich auch nichts geändert, nachdem Dietrich nach Krefeld gewechselt war, auch wenn das natürlich zur Folge gehabt hatte, dass der Kontakt immer sporadischer wurde.

„Na, wie laufen die Geschäfte?“, fragte Dietrich.

„Ich kann nicht klagen.“

„Ich schon. Du hast ja vielleicht in der Zeitung davon gelesen. Das Weihnachtsgeld wurde gekürzt, das Urlaubsgeld gestrichen, die Personaldecke weiter ausgedünnt ―

aber am Ende soll die gleiche Leistung stehen.“

Berringer lächelte milde. „Zumindest über diese Dinge brauche ich mich jetzt nicht mehr zu ärgern.“

„Aber anderswo wird das Geld zum Fenster rausgeworfen!“

„Tja, so ist das eben …“

„Nur ein Beispiel aus der jüngsten Zeit, Berry: Die uniformierten Kollegen haben neue Dienstwaffen und auch neue Holster bekommen. Aus Sicherheitsgründen, wie es so schön heißt. Was man nicht bedacht hat, ist Folgendes: Holster und Pistole sind jetzt so breit, dass bei den meisten Kollegen – und damit meine ich jetzt wirklich nicht nur die Beleibteren! – die Sicherheitsgurte in den Dienstfahrzeugen nicht mehr um die Hüften der Beamten passen!“ Dietrich schüttelte den Kopf.

Er griff zu seiner Zigarettenschachtel, wollte den nächsten Glimmstängel herausziehen, legte die Schachtel dann aber wieder zur Seite.

Hat also nicht vergessen, dass ich Nichtraucher bin!, dachte Berringer.

„Jetzt steht das Land Nordrhein-Westfalen vor der Wahl, entweder die ganzen neuen Pistolenholster in den Müll zu schmeißen oder in sämtliche Polizeidienstwagen längere Sicherheitsgurte einzubauen, was auch nicht so ganz billig ist. Denn das wären dann Sonderausführungen, wie du dir denken kannst. Du kannst wirklich froh sein, mit diesem Laden nichts mehr zu tun zu haben.“

„Ich wäre damals gern geblieben“, sagte Berringer. „Mal abgesehen von dem Stress, der überall von oben nach unten weitergegeben wird, habe ich meinen Beruf geliebt.

Aber es ging einfach nicht mehr.“

„Ja, ich weiß …“, murmelte Dietrich.

Nein, dachte Berringer, alles weißt du nicht.

Erinnerungen stiegen in ihm auf. Erinnerungen an ein ziemlich unangenehmes Gespräch mit seinem damaligen Vorgesetzten, Kriminaloberkommissar Heinz Kürten, der gemeint hatte, dass Berringer mit seiner posttraumatischen Belastungsstörung allenfalls noch eingeschränkt diensttauglich wäre.

Himmel, er hatte ja auch recht gehabt, auch wenn Berringer das damals nicht hatte wahrhaben wollen.

Björn Dietrich wusste nichts von den Flashbacks, die Berringer heimsuchten. So nahe standen sie sich nun auch wieder nicht. Außerdem war Berringer der Meinung, dass ihm Menschen, mit denen er zu tun hatte, unbefangen entgegentreten sollten. Das Mitleid anderer lehnte er ab. Er musste mit seinem Problem allein fertig werden. Sein Verstand musste einigermaßen im Gleichgewicht bleiben, damit das schwankende Schiff seiner verwundeten Seele nicht kenterte. Das konnte ihm niemand abnehmen.

Berringers Blick glitt zur Fensterfront. Man hatte vom Polizeipräsidium aus einen hervorragenden Rundumblick über Krefeld, was vor allem daran lag, dass die meisten Häuser nicht besonders hoch waren. Erstaunlich viele Grünflächen unterbrachen die Gebäudefronten. Man konnte den Eindruck gewinnen, sich in einer bebauten Parklandschaft zu befinden.

Das Grün kaschierte zumindest aus der Ferne die vielen schmutzigen Ecken der Stadt. Selbst das Bayerwerk am Rhein war aus dieser Entfernung erst auf den zweiten Blick als Industriebetrieb zu erkennen. Ansonsten ragten nur einige wenige markante Höhen aus diesem flachen Wohn- und Industriepark heraus. Der Wasserturm zum Beispiel – oder Krefelds höchstes Gebäude, das Hochhaus Bleichpfad mit seinen dreiundzwanzig Stockwerken.

Berringer wedelte mit den Händen, um den Rauch zu vertreiben, und unterdrückte einen Hustenreiz.

Dort draußen gelten strenge Abgasnormen für die Schlote!, dachte er. Aber hier, im Zentrum der Rechtschaffenheit, kann man fast ersticken, ohne dass jemand was dagegen tut.

Die Fenster konnte man natürlich nicht öffnen.

Das hat wahrscheinlich Methode!, ging es Berringer durch den Kopf. Jeder Verdächtige, der hier mehr als eine Stunde gefangen gehalten wird, glaubt wahrscheinlich ersticken zu müssen und gesteht dann jedes Verbrechen – die, die er selbst begannen hat, und ein paar andere gleich mit -, nur damit er wieder an die frische Luft geführt wird.

„Der Kerl, der deine Familie auf dem Gewissen hat, sitzt lebenslänglich“, sagte Dietrich. „Ich weiß, dass das kein Trost ist, aber wenn du mal daran denkst, dass wir in anderen Fällen die Täter niemals gefasst haben …“ Er zuckte mit den Schultern.

„Gerade bei Auftragsmorden ist das normalerweise sehr schwer.“ Roman Dinescu.

Es verging kein Tag, an dem Berringer nicht an diesen rumänischen Lohnkiller dachte, der die Autobombe gelegt hatte. Berringer hatte damals zu einem Team gehört, das gegen eine mafiaähnliche Organisation ermittelt hatte. Eigentlich war die Bombe für ihn gewesen, das war ihm durchaus bewusst. Aber das machte es nicht gerade leichter, den Schmerz zu ertragen.

„Kommen wir zur Gegenwart“, meinte Berringer. „Ich arbeite derzeit für einen gewissen Peter Gerath. Ich denke, du weißt, wer das ist.“ Björn Dietrich nickte. „ Der Gerath!“

Da war sie wieder, diese hochherrschaftliche Kombination aus Artikel und Namen.

„Richtig.“ Berringer nickte. „ Der Gerath. Der Boss von Avlar Tex.“

„Es wurde zweimal auf ihn geschossen, beide Mal daneben, nur sein Pferd hat es erwischt“, fasste Dietrich den Fall in wenigen Worten zusammen. „Wir arbeiten an der Sache. Doch anscheinend hat Herr Gerath kein große Vertrauen in die Polizei.“ Berringer grinste. „Wundert dich das? Ich meine, wo eure uniformierten Kollegen doch jetzt entweder ohne Pistolenholster oder ohne Wagen die Bürger schützen müssen.“

Björn Dietrich lächelte dünn. „Vielleicht nehmen sie ja erstmal die alten Holster, um die Einsatzfähigkeit sicherzustellen“, sagte er mit einem leicht beleidigten Unterton.

Achtung! Spaßgrenze erreicht!, hieß das für Berringer. Offenbar war es in Ordnung für Dietrich, die Anschaffung der neuen Holster als Absurdität darzustellen – aber die Einsatzbereitschaft der Polizei generell in Frage zu stellen, das ging wohl zu weit.

Gedankenfreiheit gab es eben nur im Grundgesetz und solange man schwieg. Sobald man den Mund aufmachte war man den unterschiedlichsten Zensursystemen unterworfen. In diesem Fall war es nicht die politische Korrektheit, sondern die polizeiliche. Die zu beachten hatte Berringer wohl in den Jahren, in denen er inzwischen schon nicht mehr im Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen war, vergessen.

Also zurück zu Peter Gerath, dachte Berringer mit einem inneren Seufzer.

„Der Mann schien mir große Angst zu haben, als er bei mir im Büro war“, berichtete er.

Dietrich verschränkte die Arme vor der Brust. „Die hat er wohl auch zu Recht. Es gibt derzeit in dieser Gegend eine Organisation, die offenbar Schutzgelder von Textilunternehmen erpresst. Wer nicht pariert, wird in die Mangel genommen. Man verprügelt ihn. Das ist dann zuerst nur ein Denkzettel. Beim zweiten Mal aber wird der zahlungsunwillige ›Kunde‹ krankenhausreif geschlagen. Es kann auch sein, dass die Werkshalle angezündet wird.“

„Aber bisher wurde noch niemand getötet“, stellte Berringer fest.

„So ist es. Die Brüder sind rabiat, aber wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, bringen die niemanden um. Das würde auch nur Aufsehen erregen und dafür sorgen, dass noch intensiver gefahndet wird.“

„Wenn ich Gerath richtig verstanden habe, dann ist von ihm bisher noch gar kein Geld gefordert worden. Er glaubt, dass er erst weich gekocht werden soll.“

„Ausgeschlossen ist das nicht, aber eigentlich entspricht es nicht der Herangehensweise dieser Bande.“

„Was wisst ihr bisher über diese Organisation?“

„Sie soll von Rumänien aus geleitet werden. Wir wissen, dass es eine Scheinfirma in Liechtenstein gibt, an die verdächtige Zahlungen geleistet werden. Die Firma heißt HansaCor und ist in hundertprozentigem Besitz einer deutsch-rumänischen Import/Export-Firma, die seit langem im Fokus der Ermittlungen hinsichtlich Geldwäsche und dergleichen steht.“

„Wie heißt diese Import/Export-Firma?“, fragte Berringer.

„Garol ImEx.“

„Bukarest und Düsseldorf, oder?“

„Ja, stimmt.“

Berringer schnipste mit den Fingern. „Die spielte doch auch seinerzeit eine Rolle, als dieser Roman Dinescu …“ Er sprach nicht weiter, schluckte und sah Dietrich dann direkt an. „Du warst doch damals noch bei uns, bei unserem Team, als wir gegen die

›Eminenz‹ ermittelten.“

„Ja, den Anfang habe ich noch mitbekommen.“

Die „Eminenz“ – das war der Kopf jener Organisation, für die auch Dinescu mutmaßlich gearbeitet hatte. Man hatte nie ermitteln können, wer die „Eminenz“ gewesen war, geschweige denn ihr den Prozess machen können. Es war immer das Gleiche. Die kleinen Handlanger wurden erwischt und verurteilt, aber den großen Fischen gelang es widersinniger Weise immer wieder, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen.

Berringer hatte der Gedanke, dass sich jener Mann, der letztlich für den Tod an seiner Familie verantwortlich war, nicht nur weiterhin auf freiem Fuß befand, sondern auch wahrscheinlich munter seinen illegalen Geschäften nachging, einfach nicht losgelassen. Sein Vorgesetzter hatte ihm damals verboten, sich weiter mit dem Fall zu beschäftigen, und zunächst hatte er dazu auch nicht die Kraft gehabt. Der Prozess gegen Dinescu hatte sich hingezogen und war für Berringer eine einzige Qual gewesen. Das Urteil hatte allerdings alles andere als einen Schlusspunkt gesetzt.

Nicht für Berringer.

Nur der Handlanger war zur Rechenschaft gezogen worden, und der Name des eigentlich Verantwortlichen wurde nicht einmal in den Prozessakten erwähnt.

Denn Dinescu schwieg.

Eisern.

Er wusste, weshalb. Vielleicht fürchtete er um das Leben von Angehörigen, falls er etwas über seinen Auftraggeber verriet.

Berringer hatte sich schließlich mehr oder minder damit abgefunden, dass es einfach keine Möglichkeit gab, an Dinescus Auftraggeber heranzukommen, und dass es vielleicht besser war, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen, anstatt in der Vergangenheit zu versinken.

Nun aber …

Es ist nur ein Strohhalm, sagte er sich. Nicht mehr …

„Ich möchte mehr über Garol ImEx wissen!“, verlangte Berringer mit einer Vehemenz und Entschlossenheit, die Dietrich etwas zurückzucken ließ.

„Wir stehen noch ganz am Anfang, Berry. Und diese Firma ist vielleicht dubios, aber sie spielt bei der Sache wohl eher eine Nebenrolle.“ Kühlen Kopf bewahren, versuchte sich Berringer zur Ordnung zu rufen. Die Fakten analysieren. Stur und akribisch. So kommt man am weitesten. Alles andere bewirkt nur, dass man sich das Hirn vernebelt und das Offensichtliche übersieht …

„Mit welcher Waffe wurde auf Gerath geschossen?“, fragte er. Berringer kam es vor, als ob sich sein Mund ganz automatisch bewegte. Jahrelange Berufsroutine als Ermittler – ob nun im Polizeidienst oder als Privatschnüffler. Das war es, was ihn in diesem Augenblick erst einmal rettete.

„Es war ein Jagdgewehr.“

„In beiden Fällen?“

„Ja.“

„Wurden Patronenhülsen gefunden?“

„Ja, am Tatort des ersten Attentats, in dem kleinen Waldstück, von dem Herr Gerath angab, von dort aus beschossen worden zu sein.“

Berringer trat an die Fensterfront. Der Blick schweifte über die Krefelder Innenstadt.

Ein Heißluftballon hing tief über dem Wasserturm, ein zweiter deutlich höher in der Nähe des Königpalasts. Eine große Altbierbrauerei war der Sponsor.

„Dass ein Jagdgewehr verwendet wurde, spricht nicht dafür, dass ein professioneller Killer der Täter ist“, meinte Berringer schließlich. „Und die Patronenhülsen hätte der sicher aufgesammelt.“

„Das hat mich auch gewundert“, gestand Dietrich.

„Könntest du dir auch in Geraths persönlichem Umfeld jemanden vorstellen, der seinen Tod wünscht – oder ihn vielleicht einfach nur demütigen will?“

„Wie gesagt, wir stehen noch ganz am Anfang, Berry. Tatsache ist, dass wir in dieser Mafiasache nicht weiterkommen, weil da eine Mauer des Schweigens ist. Und was Gerath angeht, so hat er zwar selbst die Vermutung geäußert, dass es diese Organisation auf ihn abgesehen hätte, aber ich habe auch bei ihm das Gefühl, dass er mir nicht alles gesagt hat. Da sind einfach noch zu viele Widersprüche.“

„Vielleicht lassen die sich ja aufklären.“

„Berry!“ Dietrich schaute Berringer direkt an. „Ich habe nichts dagegen, wenn wir zusammenarbeiten. Du kennst den gesetzlichen Rahmen, in dem du dich bewegen darfst. Du kennst ihn zumindest besser als die meisten anderen, die in dem Gewerbe tätig sind. Die glauben, dass sie schon Detektiv sind, wenn sie nur den Gewerbeschein in der Tasche haben. Na ja, das ist bei dir anders, Berry. Ich brauche dir also keine langen Vorträge zu halten …“

„Dann lass es am besten auch!“, fuhr ihn Berringer in die Parade.

„Schon gut.“ Dietrich hob eine Hand. „Ich möchte, dass du mich umgehend informierst, wenn du etwas herausgefunden hast.“

„Sofern das den Interessen meines Auftraggebers nicht zuwiderläuft – ja.“

„Ich weiß nicht, weshalb es dessen Interesse zuwiderlaufen sollte, am Leben zu bleiben.“

„Ich meine ja nur.“

Dietrich nickte leicht. „Schön, dass wir uns da so einig sind, Berry.“ Er griff erneut zur Zigarettenschachtel. Björn Dietrichs Phase der Nikotinabstinenz schien vorbei zu sein. Mit etwas unter zehn Minuten hatte sie ihre maximale zeitliche Länge erreicht.

Berringer verzog das Gesicht und sagte: „Ich lass dich jetzt rauchen, Björn. Wir haben ja alles besprochen.“

„Nichts für ungut, Berry.“

„Ich melde mich.“

„Wehe, wenn nicht!“

Bevor seine Hände vor Nikotingier anfangen zu zittern, dachte Berringer, gehe ich besser.

Er wandte sich in Richtung Tür, hörte das Knipsen des Feuerzeugs und war erleichtert darüber, die Flamme nicht sehen zu müssen.

Berringer war froh, wieder frei atmen zu können.

Am Nordwall, an dem auch das Polizeipräsidium lag, befand sich passender Weise auch eine Haft- und Untersuchungsanstalt, sowie der Sitz des Land- und des Amtsgerichts.

Verhaftung, Verhör und kurzer Prozess in erster und zweiter Instanz in ein- und derselben Straße, dachte Berringer. Sparte eine Menge Spritgeld …

Um zu seinem Wagen zu gelangen, musste er durch den Stadtgarten. Der Parkplatz, auf dem er den Wagen abgestellt hatte, befand sich un der Nähe des Arbeits- und Sozialgerichts am Preußenring.

Seit Roman Dinescus Verurteilung wollte ihn Berringer in der Haft besuchen und zur Rede stellen. Soweit er erfahren hatte, erhielt der Lohnkiller in den Diensten der mysteriösen „Eminenz“ keinerlei Besuch von Angehörigen. Es wären also genug Termine frei gewesen. Gegen Dinescus Willen war das natürlich nicht möglich, aber bislang hatte Berringer noch nicht mal bei ihm anfragen lassen.

Immer wieder hatte er das vor sich hingeschoben.

Am Anfang hatte er natürlich viel Arbeit mit dem Aufbau seiner Detektei gehabt. Es erforderte schon ein gehöriges Maß an Energie, sich als Selbstständiger zu etablieren.

Berringer hatte das zunächst unterschätzt. Andererseits konnte er im Nachhinein eigentlich von Glück sagen, eine Aufgabe gehabt zu haben, die ihn voll und ganz ausgefüllt und nur wenig Zeit zum Nachdenken gelassen hatte. Denn nichts war verheerender für die innere Stabilität als Grübelei. Der Gedanke daran, dass seine Frau und sein Kind noch hätten leben können, wenn er im Wagen gesessen hätte und nicht sie … Dass dies alles gar nicht passiert wäre, hätte er sich nicht für jene Sonderabteilung freiwillig gemeldet, die der „Eminenz“ hatte zu Leibe rücken sollen …

Gedanken, Überlegungen, Mutmaßungen, die Berringer konsequent zu unterdrücken versuchte.

Einmal die Woche ging er zu seinem Psychiater. Dort hatten diese Dinge Platz. Dort konnte er den inneren Dämonen etwas Freigang gewähren, wenn auch in einem eng umgrenzten Gehege.

Berringer erreichte seinen Wagen, einem unscheinbaren Mitsubishi Carisma in graumetallic. Ein Wagen, an den man sich nicht erinnerte, der aber auch keine lahme Ente war – also wie geschaffen für jemanden, der Observationen durchzuführen hatte.

Er fuhr los und fädelte sich in den Verkehr auf dem Preußenring ein, der nach kurzer Zeit den Namen wechselte und dann Frankenring hieß, da meldete sich sein Handy.

Berringer hatte vergessen, es in die Freisprechanlage zu stellen, und während der Fahrt war das schlecht möglich.

Also nahm er den Apparat ans Ohr.

Jetzt nur keine Polizeistreife!, dachte er.

„Hier Berringer.“

„Hallo.“

„Wer ist da?“

„Vanessa. Erkennst du meine Stimme nicht?“

„Was ist los?“

„Ich rufe hier vom Rahmeier-Hof an.“

„Hast du schon was herausgefunden?“

„Und ob. Du glaubst nicht, was sich hier gerade abspielt!“ Der Tag ist klar und kalt. Dichtes Unterholz bietet perfekte Tarnung. Das Zielfernrohr wird justiert.

Dampfende Pferde im Fadenkreuz.

Der Puls rast.

Und die Gedanken auch.

Irgendwann muss jede Rechnung beglichen werden, jede Schuld gesühnt, jedes Verbrechen aufgedeckt und jedes Versäumnis ausgeglichen werden. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Herz um Herz. Und dieses Herz kann man an alles Mögliche hängen.

An eine Idee, eine Religion, eine Erfindung oder an Menschen.

Auch an diese schnaubenden Gäule auf der vor Frost starrenden und mit Raureif bedeckten Weide.

Der Finger legt sich um den Abzug.

Der Knöchel wird weiß.

Richtig treffen, davon hängt alles ab.

Gibt es Gerechtigkeit?

Ja.

Gibt es Frieden?

Im Angesicht von Gräbern.

Vielleicht …