Right: Er ist doch der Richtige ... oder nicht? - Jana Aston - E-Book

Right: Er ist doch der Richtige ... oder nicht? E-Book

Jana Aston

5,0

Beschreibung

Meine Zukunft habe ich sorgfältig durchgeplant. Ich habe sogar schon den perfekten Mann gefunden, der es mit mir teilen soll - theoretisch zumindest. Denn ich habe beschlossen, dass der beste Freund meines Bruders mein künftiger Ehemann wird, auch wenn dieser mich nicht beachtet. Aber das ist mir egal, denn ich weiß, dass er der Richtige für mich ist. Doch dann platzt dieser Fremde einfach unangemeldet mitten in meinen schönen Traum hinein! Er ist für meinen Geschmack viel zu gutaussehend, bestimmend, hartnäckig und sexy, sowie unvorstellbar unverschämt. Das Wort "Regeln" ist ein Fremdwort ihn. Außerdem ist ihm jedes Mittel recht, um mich zu bekommen. Irgendwie sind wir uns ähnlich. Ich weiß aber nicht, ob mir das gefällt. Was, wenn der Falsche der Richtige für mich ist? Teil 2 der "Wrong"-Serie von New York Times-Bestsellerautorin Jana Aston.

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Seitenzahl: 319

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Beliebtheit




Jana Aston

Right: Er ist doch der Richtige … oder nicht?

Erotischer Roman

Copyright © 2016 by Jana Aston

Published by Arrangement with JanaAston,

c/o Jane Rotrosen Agency LLC, 85 Broad Street, 28th Floor, New York, NY 10004 USA

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

[email protected]

Übersetzung: Linda Mignani

Covergestaltung: © Mia Schulte

Coverfoto: © sakkmesterke - Fotolia

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-318-7

ISBN eBook: 978-3-86495-319-4

Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Epilog

Danksagungen

Anmerkungen

Autorin

An jeden Einzelnen von euch, der Wrong gelesen hat: Danke.

Als ich den Roman geschrieben habe, dachte ich, dass niemand ihn lesen würde, aber ihr habt es trotzdem getan.

Ich hoffe, dass ich euch mit

Kapitel 1

Gegenwart

Ich gleite auf den Beifahrersitz des Sportwagens und mache mich am Sicherheitsgurt zu schaffen, als die Tür neben mir zuschlägt. Sofort nutze ich die Gelegenheit, um ihn zu beobachten, während er vorn am Fahrzeug vorbeiläuft. Sein Gang ist sicher, bedächtig. Die Finger seiner linken Hand streicheln über die Haube, ehe er den Scheinwerfer passiert und die Fahrertür erreicht. Plötzlich fühle ich mich unsicher, und ich fühle mich nie unsicher.

Der Wagen ist zu klein für uns beide. Die Vorstellung, mit ihm auf wenigen Quadratmetern den ganzen Weg nach Philadelphia eingepfercht zu sein, irritiert mich. Warum nur hat er diese Wirkung auf mich? Schließlich habe ich ihn erst vor zwanzig Minuten kennengelernt. Der Türgriff klickt und schon sitzt er hinterm Lenkrad. Eine Sekunde später schnurrt der Motor. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass er sich anschnallt, allerdings schaue ich stur auf meine im Schoß gefalteten Hände, bis die Stille zu erdrückend wird. Er starrt mich an, während das Auto im Leerlauf ist, und wartet anscheinend geduldig darauf, dass er meine Aufmerksamkeit bekommt. Ich drehe den Kopf zur Seite und treffe seinen Blick. Seine Augen sind braun, und ich bemerke außerdem, dass er eine dunkle Ausstrahlung hat und gutaussehend ist. Seine Augen leuchten amüsiert, als er anfängt zu sprechen, und auch das beunruhigt mich.

Warum es das tut?

Kapitel 2

Vor sechzehn Jahren

Ich umklammere meinen nagelneuen Strawberry-Shortcake-Rucksack, der auf meinem Schoß liegt, und sehe erneut aus dem Fenster. Wir nähern uns dem Ziel und es ist meine Aufgabe an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Ich gehe in die erste Klasse, bin kein Kindergartenbaby mehr und daher darf ich mit dem Bus von der Schule nach Hause fahren. Mein Bruder Eric wird mich abholen. Er ist ein Teenager, und das ist seine Aufgabe. Da er mich liebt, wird er mich nicht vergessen. Und natürlich auch, weil Mom ihm angedroht hat, dass er eine Woche Hausarrest bekommt, sollte er nicht daran denken. Der Bus biegt auf den Norrans Drive und dort ist meine Haltestelle. Ich umklammere den Rucksack fester und behalte die Tür im Auge.

„Everly!“ Der Kopf von Timmy Stuart taucht über der Lehne des Vordersitzes auf. Ihm fehlt ein Zahn und seine Haare sind ein einziges Desaster. Das ist meine Schuld, da er mir erlaubt hat, sie zu schneiden. Mom behauptet, dass ich sehr viel Beaufsichtigung brauche. Aber ich glaube nicht, dass Timmys Haarschnitt besser aussehen würde, wenn sie auf mich aufgepasst hätte, also kann das nicht wahr sein.

„Ich habe einen neuen Stift für dich aufgehoben“, sagt er und hält ihn hoch.

Ich erwidere sein Grinsen. Timmy schwärmt bereits seit der Vorschule für mich. Ich sollte wirklich damit aufhören, ihm die Frisur zu versauen. „Danke, Timmy.“ Ich stecke den Stift in eine Seitentasche des Rucksacks. „Willst du einen von meinen Radiergummis?“

Er nimmt den rosafarbenen erdbeerförmigen Radiergummi, den ich ihm hinhalte.

Der Bus hält an und ich eile nach vorn. Als die Türen aufgehen, sehe ich Eric. Ich schlüpfe in die Schultergurte und hüpfe die Stufen auf den Bürgersteig hinunter. Ich wette, dass ich Eric dazu bringen kann, mir anstelle des Joghurts, den ich eigentlich nach der Schule essen soll, ein paar von den Süßigkeiten zu geben, die er in seinem Zimmer verstaut hat. Doch dann halte ich inne, denn ein Junge, den ich noch nie gesehen habe, begleitet Eric. Er muss ein neuer Freund aus seinem ersten Highschooljahr sein und ist süß, wirklich süß.

„Das ist deine kleine Schwester?“ Er lächelt mich an.

„Ja, das ist Bever…“

„Everly“, unterbreche ich ihn. „Ich heiße Everly.“

„Wenn es nach Mom und Dad geht, bestimmt nicht.“

Ich höre auf, den Jungen anzustarren, um stattdessen Eric einen bösen Blick zuzuwerfen.

Sein Freund lacht. „Warum nenne ich dich nicht einfach Shortcake?“

Er findet, dass ich ein Erdbeertörtchen bin!

Er reicht mir die Hand, als wäre ich eine Erwachsene. „Ich bin Finn.“

Ich schüttele sie und mein sechsjähriges Herz fasst einen Entschluss. Ich werde Finn heiraten. Dann beugt er sich vor und zerzaust meine Haare.

Kapitel 3

Gegenwart

Ich reiße mich von seinem Blick los und drehe mich wieder der Windschutzscheibe zu, wobei ich die Beine übereinanderschlage und mir das Haar über die rechte Schulter werfe. Seine Augen stören mich. Sie sind viel zu wissbegierig für meinen Geschmack. Ich habe noch nie so faszinierend auf jemanden gewirkt. Und ich habe schlichtweg keine Lust dazu, das Faszinationsobjekt dieses Mannes zu sein.

„Finn und ich passen perfekt zusammen“, fahre ich ihn an. „Bring mich einfach nach Hause.“ Ich deute herablassend auf das stehende Fahrzeug.

„Finn und du seid nicht zusammen.“ Er fährt auf die Ridgebury, die Richtung Salem führt.

Achselzuckend ziehe ich mein Telefon aus der Tasche und tippe auf den Bildschirm.

„Was machst du da?“

Wonach sieht es denn aus? „Ich überprüfe meine Nachrichten. Können wir unsere Unterhaltung jetzt beenden?“

Er macht ein Geräusch, das einem Grunzen ähnelt, ehe er auf einen Knopf auf dem Lenkrad drückt. „Sandra anrufen.“

Uh! Er grunzt mich an, weil ich meine Nachrichten überprüfe und ruft dann über Lautsprecher seine Freundin an? Meinetwegen!

Das Anrufsignal hört auf, sobald eine Frauenstimme sich meldet. „Ja, Sir?“

Ja, Sir? Ich höre mitten im Tippen auf und mein Blick huscht über die Mittelkonsole. Ja, Sexfreak. Ich wette, dass er sie dazu bringt, erst seine Erlaubnis einzuholen, ehe sie kommen darf. Das kann doch nicht wahr sein! Kopfschüttelnd wende ich meine Aufmerksamkeit dorthin, wo sie hingehört: auf mein Telefon. Es ist unfassbar, dass er mich dabei zuhören lässt, wie er seiner Sub befiehlt, sich auszuziehen und neben der Haustür auf ihn zu warten. Wahrscheinlich muss sie sich sogar hinknien. Was für ein Arschloch.

„Sandra, ich will, dass einer der IT-Jungs mir aus den sozialen Netzwerken alles über eine Everly Jensen besorgt.“

Moment! Was?

„Sie ist im Seniorjahr auf der Penn. Ist in Ridgefield, Connecticut aufgewachsen. Sollte leicht sein, sie aufzuspüren.“

„Was machst du da?“, unterbreche ich ihn irritiert und aufgebracht.

„Facebook, Twitter, Instagram. Und jede andere Seite, die ein Collegemädchen momentan benutzt, um Selfies von sich ins Internet zu stellen. Das ist alles.“ Er unterbricht die Verbindung.

„Hallo! Ich sitze direkt neben dir. Willst du, dass ich dir eine Freundschaftsanfrage schicke?“ Ich fuchtele mit dem Telefon herum, während ich rede. „Weil das …“, ich deute Richtung der Lautsprecher im Armaturenbrett, „etwas melodramatisch war.“

„Du warst mehr an deinem Telefon als an einer Unterhaltung interessiert. Daher interessiert es mich, was du so spannend findest.“

Wir sind jetzt auf der Titcus Road, die auf die I-684 führt. Der Verkehr ist mäßig, da alle noch das lange Thanksgivingwochenende genießen. Und ich bin nach wie vor wütend. Das ist nicht die Fahrt zurück zum College, die ich geplant hatte.

„Das nennt man Stalking und nicht Interesse.“ Was meine Freunde machen, ist plötzlich belanglos geworden.

Er lacht. Der Idiot lacht mich tatsächlich aus. „Also ist es für dich in Ordnung, Finn zu stalken, ich jedoch darf dir nicht hinterherspionieren? Du bist amüsant. Ich glaube, dass ich an dir Gefallen finden werde.“

„An mir Gefallen finden? Ich gehöre dir doch gar nicht.“

„Das wirst du aber.“

Kapitel 4

Vor zehn Jahren

„Chloe, er ist da“, flüstere ich.

„Einen Moment“, antwortet sie, ehe ich höre, dass sie ihrer Mom zuruft: „Ich gehe zu Everly!“ Ihre Mutter erwidert irgendwas, und Chloe bestätigt mir daraufhin, dass sie sich auf den Weg macht.

„Dachboden“, wispere ich.

„Verstanden.“ Sie legt auf.

Vier Minuten später knallt die Fliegengittertür, als Nächstes knarzen die Stufen, da Chloe hochjoggt, und anschließend erreicht sie das Spielzimmer im ersten Stock. Jetzt kann ich sie sehen.

„Sie ist in ihrem Zimmer“, ruft Eric, während sie an ihm vorbeiläuft.

„Ich weiß, danke.“

Sie verschwindet aus meinem Sichtbereich, dann geht meine Zimmertür auf und zu. Eine Sekunde später klettert sie mithilfe der Kommode, die ich genau zu diesem Zweck dorthin geschoben habe, durch die Dachbodenöffnung in meinem begehbaren Kleiderschrank.

„Hi“, flüstert sie und läuft auf Zehenspitzen über die Balken, bis sie die Plattform erreicht, die ich neben der Lüftung errichtet habe, die ins Spielzimmer führt. Sie legt sich auf den ausgebreiteten Schlafsack. „Was machen sie?“

„Videospiele.“ Zwar flüstern wir, aber da sie die Lautstärke hoch aufgedreht haben, müssen wir nicht allzu leise sein. „Er sieht gut in dem Eagles-Shirt aus, nicht wahr?“

Chloe nickt. „So süß.“

„Ich liebe Baseball.“

„Die Eagles spielen Football.“

„Oh.“ Ich überlege kurz. „Ich habe ja eine Menge Zeit, um alles über Football zu lernen. Bin ja erst zwölf. Er wird mich nicht ernst nehmen, bis ich mindestens sechzehn bin.“

„Wahrscheinlich nicht.“

Ich schlage den pinkfarbenen Notizblock auf, der auf dem Cover einen kursiven goldenen Schriftzug hat, auf dem Dreams & Schemes steht. In ihm erfasse ich meine Stichpunkte über Finn Camden sowie Zeichnungen, die mittlerweile ziemlich gut sind. Ich erstelle eine Notiz, um mich daran zu erinnern, dass ich alles über die Eagles herausfinden muss, ehe ich bis zum Ende durchblättere. Dort übe ich die Unterschriften: Everly Camden, Mrs. Camden, Mrs. Finn Camden. Auch das kann ich bereits recht gut, doch zu üben, hat noch niemandem geschadet.

Für eine Weile beobachten wir Eric und Finn durch die Lüftung, bis Chloe verkündet: „Mein Dad hat abgesagt.“

„Was? Wieso?“ Sie sollte nächste Woche nach New York reisen, um ihn zu besuchen. Ihre Eltern wurden vor drei Jahren geschieden und sie sieht ihren Vater fast gar nicht mehr.

„Er hat mir mitgeteilt, dass er auf einer Geschäftsreise ist.“ Sie zuckt mit den Achseln, doch ich sehe, wie ihre Augen sich mit Tränen füllen.

Er ist so gemein.

„Der ist blöd. Aber ich habe sowieso eine bessere Idee.“ Ich lege ihr einen Arm um die Schultern.

Sie wischt sich über die Augen und sammelt sich. Chloe zeigt selten offen, dass sie verletzt ist.

„Ich wette, dass du uns in den Hershey Park begleiten kannst. Ich frage meine Eltern heute Abend. Ich weiß, dass sie Ja sagen werden.“ Und das werden sie, weil sie einfach die besten sind. „Wir fahren mit allen Achterbahnen. Und wir gehen auch auf die Spaßrutsche, obwohl wir eigentlich zu alt dafür sind. Außerdem bleiben wir einen ganzen Tag im Wasserpark. Ich habe vierzig Dollar gespart und wir kaufen uns einen Haufen Süßigkeiten.“

„Vielleicht“, sagt sie, aber sie lächelt. „Was machst du diesen Herbst, wenn Eric und Finn weggehen, um das College zu besuchen?“ Anscheinend hat sie genug über ihren Dad geredet.

Traurig seufze ich. „Ich habe ja mein Notizheft.“ Mit dem Stift poche ich auf die aufgeschlagene Seite. „Um zu lernen.“ Plötzlich ist es still im Spielzimmer, also höre ich auf zu reden. Wir beobachten, wie Eric und Finn die Fernbedienungen auf die Ottomane werfen und die Treppe nach unten nehmen.

„Warte“, sage ich und halte einen Finger hoch. Wir lauschen, bis die Kühlschranktür zuschlägt. „Sie machen sich einen Snack. Lass uns gehen.“

Nachdem ich im Schrank stehe, laufe ich sofort zu meinem Schminktisch, um mein Aussehen zu prüfen. Da ich noch kein Make-up tragen darf, muss mein Bonne-Bill-Erdbeerlippenbalsam und ein kurzes Haarekämmen reichen. Eine Minute später schlendern Chloe und ich in die Küche. Die Jungs schieben gerade Pizzabrötchen ins Rohr.

„Oh, ich wusste nicht, dass ihr den Backofen benutzt. Wir wollten Kekse backen“, verkünde ich, wobei ich es sogar schaffe, erstaunt zu klingen, dass sie in der Küche sind. Ich bin schließlich zwölf und nicht sechs.

„Kein Problem, Shortcake. Wir brauchen den Ofen nur für zehn Minuten.“ Finn grinst und ich kann mich für einen Moment nicht mehr konzentrieren. Er braucht einen Haarschnitt. Sein sandbraunes Haar ist länger als gewöhnlich.

„Was für Kekse mögt ihr?“, frage ich, als ich zum Vorratsschrank gehe, wobei ich die Frage an Finn richte. „Wir bringen euch welche, wenn wir fertig sind.“

„Du weißt doch, dass ich Schokoladensplitterkekse mag“, antwortet Eric, sodass ich in Panik gerate. Ich will wissen, was Finn mag.

„Dein Freund ist zu Besuch. Es ist höflich, seinen Gast zu fragen.“ Ich lächele. Das war ziemlich geschickt, oder etwa nicht?

Eric starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Allerdings ignoriere ich ihn und schaue Finn an. „Was für welche möchtest du?“

„Höh?“ Er trinkt einen Schluck Cola und sieht mich an. „Schokoladensplitterkekse esse ich auch gerne.“

„Genau. Wer liebt nicht Schokokekse und Football?“ Moment! Macht das überhaupt Sinn? Ich höre mich wie eine Idiotin an. Flirten ist ganz schön schwer.

„Football?“, erkundigt sich Finn.

„Dein Sweater.“ Ich nicke in seine Richtung und deponiere die Zutaten auf die Theke. Chloe steht bereits dort, bewaffnet mit einer Rührschüssel und einem Holzlöffel.

„Los, Eagles!“, sage ich und mache eine Siegerfaust. Auf der Stelle will ich sterben. Das war so dämlich.

„Oh.“ Finn sieht auf den Pullover. „Mein Bruder hat mir den gegeben.“

„Ich liebe Football!“, platze ich heraus. Eric bedenkt mich mit einem eigentümlichen Blick. Okay, das war übertrieben.

„Ich bin ja so froh, dass du inzwischen Football magst“, sagt Eric zögerlich.

Oh nein. Er wird nachhaken. Ich hätte nie diese Teen-Dating-Ratgeber im Internet lesen sollen. Offensichtlich bin ich nicht erfahren genug, um wie ein Teenager zu flirten. Ich ziehe den Kopf ein und stoße innerlich ein Gebet aus.

„Dad wird sich so freuen.“

Was? Ich werfe Eric einen verstohlenen Blick zu. Er reibt sein Kinn und wartet darauf, dass ich ihm Aufmerksamkeit schenke.

„Endlich hat er jemanden, mit dem er jedes Wochenende Football schauen kann“, sagt er mit einem selbstgefälligen Grinsen.

Kapitel 5

Gegenwart

„Wieso nennt er dich eigentlich Shortcake?“ Er sieht mich an. Sein linker Arm ist angewinkelt, liegt lässig an der Türverkleidung und seine Finger ruhen auf dem Lenkrad. Die rechte Hand ist auf seinem Oberschenkel. Die Hose steht ihm ausgezeichnet. Ich kann die Form seiner Muskeln unter dem Stoff ausmachen. Mein Blick verweilt dort, während ich mich frage, ob ich auch einen anderen Umriss erkennen kann.

Nein!, ermahne ich mich. Er ist nicht derjenige, an dem du interessiert bist.

„Ich habe immer angenommen, dass du ein kleiner sommersprossiger Rotschopf bist oder dass du möglicherweise wie eine Cabbage-Patch-Puppe aussiehst.“

„Hey!“

Angesichts meiner Verärgerung verzieht er belustigt die Lippen. Wir stehen im Stau auf der I-684. Er legt einen Arm um meine Kopfstütze und richtet seine gesamte Aufmerksamkeit auf mich. Er lehnt sich zu mir, bis sein Kopf Zentimeter von meinem entfernt ist. Obwohl er mich nicht berührt, fühlt es sich so an, als wäre er überall auf mir. Es fühlt sich intim an. „Aber du bist wunderschön.“

Oh …!

Oh nein!

Sein Blick schweift über mein Gesicht, sodass ich mich frage, was er dort entdeckt. Ablehnung? Reine Panik? Anziehungskraft? Ich schlucke und es hört sich in diesem beengten Raum laut an. Er riecht gut. Warum muss er dermaßen gut riechen? Auf seinem Kinn ist ein leichter Bartschatten, und ich möchte wissen, wie er sich auf meinem Hals anfühlen würde. Hör auf nachzudenken. Ich muss das sofort beenden. Oder fang an, über etwas anderes zu grübeln. Verwaiste Kängurus wären ein super Thema.

Er wertet mein Schweigen als Erlaubnis, um weiterzusprechen. „Umwerfend, um genau zu sein. Dein Haar …“ Der Verkehr bewegt sich, und er setzt sich richtig hin, um weiterzufahren. „Es ist nicht rot.“

„Nein.“

„Ich kann es kaum abwarten, meine Hände darin zu vergraben“, sagt er und ich atme hektisch ein. „Oder es mir um die Faust zu wickeln, um dich näher zu mir zu ziehen, vielleicht um deinen Kopf nach hinten zu zerren, während ich dich vornüberbeuge …“

„Hör sofort auf damit.“ Ich klinge etwas atemlos, sogar in meinen eigenen Ohren.

Er lacht, fährt aber in einem weniger intimen Tonfall fort. „Es hat die Farbe eines gottverdammten Hershey-Riegels. Ich kann mir dich nicht als rothaariges Kind vorstellen, also macht Shortcake keinen Sinn. Dabei ist Finn ein ziemlich logisch veranlagter Kerl.“

„Als wir uns das erste Mal getroffen haben, habe ich einen Strawberry-Shortcake-Rucksack getragen“, murmele ich.

„Wie bitte?“

Für einen Moment wirkt er völlig aus der Bahn geworfen und wirft mir einen Seitenblick zu. Er führt seine Hand von seinem Oberschenkel zum Mund. Ich bin mir nicht sicher, warum, weil er sowieso zu heftig lacht, um es zu kaschieren.

„Ich war sechs, Arschloch!“

Er kriegt sich endlich ein und nickt. „Ich brauche einen Kosenamen für dich, wenn ich in einen Wettstreit gegen Finn um deine Zuneigung treten will.“

„Es gibt keinen Wettstreit.“

„Du hast recht. Finn buhlt nicht um dich, also ist es mein Spiel.“ Er zwinkert mir zu und ich stöhne. „Höschenlos … Und die englische Sprache hat die perfekte Bezeichnung dafür: Commando.“

„Was?“

„Ich nenne dich Commando, da wir Spitznamen vergeben, die auf ersten Treffen beruhen.“

Ich brauche ein paar Sekunden, um seine Worte zu verarbeiten. „Ich trage Unterwäsche!“

„Gut. Dann beschreib sie mir.“

„Nein! Du bist wirklich offensiv. Bist du dir darüber im Klaren?“

„Aus deinem Mund werte ich das als Kompliment.“

„Schon okay“, sage ich abweisend und schlage die Beine übereinander. Ich tippe auf mein Telefon und frage mich, ob ich berechnen kann, wie lange ich noch mit ihm in diesem Auto eingeschlossen bin.

„Boots.“

„Was?“ Ob mit ihm irgendwas nicht in Ordnung ist? Gibt es nicht eine Krankheit, die Menschen dazu veranlasst, mit Wörtern herauszuplatzen, die keinen Sinn ergeben? Wahrscheinlich leidet er darunter. Das werde ich auf WebMD überprüfen.

„Ich werde dich Boots nennen“, klärt er mich auf und nickt in Richtung meiner Beine. Ich trage kniehohe braune Stiefel über der Jeans. Meine Beine sehen unglaublich aus. Schließlich habe ich das gesamte Outfit mit Bedacht gewählt. Und zwar für Finn.

„Da du Einspruch gegen Commando eingelegt hast, nehmen wir Boots.“

Ich atme hörbar aus. „Na schön!“

Kapitel 6

Vor sechs Jahren

„Chloe, kannst du bitte den Reißverschluss zumachen?“ Um es oben zu halten, presse ich das Vorderteil des Partykleids gegen meine Brust.

„Erledigt“, verkündet sie.

Ich gehe zum Spiegel, um meine Erscheinung zu überprüfen. Schmuck ist angelegt. Die Frisur sitzt, und ich trage die Killer-High-Heels, für die ich seit Schulbeginn verhandeln musste. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf Chloe. Sie sieht zwar perfekt aus, dennoch zupft sie an ihrem Kleid herum, um ihr Unbehagen zu überspielen.

„Hör auf herumzuzappeln. Du bist wunderschön. Steh dazu.“

Sie lässt die Hände nach unten fallen und stellt sich etwas aufrechter hin. Dann huscht ihr Blick zum Spiegel, um eine Bestätigung für meine Worte zu finden. Würde ich sie nicht zwingen, die Highschoolzeit zu genießen, wäre Chloe damit zufrieden, nichts anderes zu tun als zu lernen und ihre Vita mit Volontärprojekten aufzupeppen. Wenn sie sich nicht hinter ihren unförmigen Sweatshirts und einem Stapel Bücher versteckt, ist sie äußerst hübsch. Ihr Haar ist beinahe rot, aber nicht ganz, da es von Brauntönen durchzogen ist, daher ist sie kein wirklicher Rotschopf. Doch sie hat Sommersprossen, die auf ihre irischen Wurzeln hinweisen.

„Lass uns nach unten gehen und auf Tim und Dave warten. Sie sollten jeden Moment eintreffen und Mom will bestimmt eine Million Fotos schießen.“ Ich schaue in meine Clutch, um zu überprüfen, ob mein Lippenstift noch da ist, und mache das Gleiche für Chloe, da sie nie daran denken würde, überhaupt einen mitzunehmen.

Ich bin auf der untersten Stufe, als ich ihn höre. Finn Camden ist hier. Mein Herz schlägt schnell, und ich stoppe so abrupt im Foyer, dass Chloe gegen mich läuft. Zwei Jahre ist es her, dass ich Finn gesehen habe – das letzte Mal im Sommer, in dem Finn das College abgeschlossen hat. Ich hätte es nicht besser timen können, selbst wenn ich es versucht hätte. Und ich habe natürlich Pläne geschmiedet. Es ist unmöglich, mich in diesem Outfit zu übersehen. Bemerke mich. Als Frau, nicht als kleines Mädchen und die jüngere Schwester von Eric.

„Wer zum Teufel hat dir diese Schuhe erlaubt?“ Eric erscheint auf der Kellertreppe. Er trägt einen der Stühle von der alten Essgruppe, die im Untergeschoss stehen, seitdem Mom sie vor ein paar Jahren durch eine neue ersetzt hat. Finn kommt einen Moment später in Sicht. Sein Haar ist zerzaust und seine Haut weist noch eine leichte Sommerbräune auf. Er hat Sportshorts an und ein graues T-Shirt. Ich versuche, so viel wie möglich von ihm zu erfassen, während er neben Eric steht. Daher mache ich ein mentales Foto, um nachher jedes Detail dieser Begegnung in meinem Tagebuch zu notieren.

„Shortcake!“ Finn lächelt mich an, und ich warte auf seine Reaktion, die mir bestätigt, dass er erkennt, dass ich kein Kind mehr bin, und dass er mich attraktiv findet. Doch ich bekomme nichts davon, außer dem gleichen freundlichen Grinsen, das er mir immer gibt.

„Dad, darf sie das Haus in den Schuhen verlassen?“

Mein Vater kommt mit einem dritten Stuhl aus dem Keller, und Eric verschwendet keine Sekunde, um seine Meinung kundzutun. Gott sei Dank ist er nach dem College nicht wieder hier eingezogen. Ich würde als Jungfrau sterben. Sein Beschützerinstinkt ist weit ausgeprägter als der unserer Eltern, und damit meine ich, von beiden zusammengenommen.

„Das geht nur deine Mutter und Everly etwas an. Ich halte mich raus.“ Dad küsst mich auf die Stirn. „Du siehst bezaubernd aus, Prinzessin. Sei brav und verausgabe dich nicht heute Abend. Du willst nicht morgen während des Footballspiels einschlafen.“

Uhh! Aus den Augenwinkeln sehe ich das selbstgefällige Grinsen von Eric, doch ich ignoriere es.

„Was habt ihr heute vor?“ Ich deute auf die Stühle.

„Mom schenkt Finn unsere alte Sitzgruppe für seine neue Wohnung.“ Eric schlägt Finn auf den Rücken. „Er hat einen Job an der Penn bekommen. Dieser Idiot wird die Zukunft Amerikas unterrichten.“

„Ich bin mir unsicher, was die Zukunft von Amerika angeht, Alter. Doch wenn es um ein paar Tausend Wirtschaftsstudenten geht, dann vielleicht.“ Finn zuckt mit den Schultern, und es ist das Süßeste, das ich je gesehen habe.

Ich stelle fest, dass er gewachsen ist. Finn ist nicht mehr der dürre Highschooljunge, an den ich mich erinnere. Er ist austrainiert und hat eine Läuferstatur. Ich weiß, dass er Cross-Country für die Summit-Highschool gelaufen ist.

Im ersten Jahr habe ich mich auch für Cross-Country angemeldet. Das war der schrecklichste Nachmittag meiner Highschoollaufbahn. Offensichtlich werden wir keines dieser Pärchen sein, die zusammen joggen. Das macht jedoch nichts.

Mit den Stühlen marschieren sie aus der Haustür. Ich drehe mich Chloe zu. „Die Collegeentscheidung ist getroffen. Wir gehen auf die Penn.“

„Nur einer von uns hat den Notendurchschnitt für die Penn“, sagt sie langsam und zieht die Nase kraus.

„Wie schwer kann es schon sein?“ Ich beäuge die Tür und hoffe, noch einen flüchtigen Blick auf Finn werfen zu können.

Chloe kneift sich den Nasenrücken. „Es ist eine Eliteuni, Everly.“

„Dann mache ich eben einen auf Natürlich blond.“

„Guter Plan. Aber du weißt, wie der Film ausgegangen ist?“

Ich nicke. „Sie kriegt den Kerl.“

„Nicht den Kerl, für den sie der juristischen Fakultät beigetreten ist.“

Hmpf. Manchmal nimmt Chloe es zu wörtlich. „Das ist nur ein grober Plan. Wir können ihn jederzeit anpassen, während wir zur Tat schreiten.“

Es gibt einen Tumult an der Tür, als Tim und Dave eintreffen, gefolgt von Dad, Eric und Finn. Ich mustere Finns Gesicht auf Anzeichen von Eifersucht. Aber da ist keine. Gar nichts! Sobald Tim mich bemerkt, fallen ihm beinahe die Augen aus dem Kopf. Das besänftigt mein Ego ein wenig. Eric schlägt ihm fest eine Hand auf die Schulter, um sie dann zu umfassen, und beugt sich vor. Wahrscheinlich bedroht er ihn. In der Zwischenzeit schlurft Dave zu Chloe und stößt ein unbeholfenes „Hallo“ aus. Er wird sie niemals flachlegen.

„Fotos!“ Mom taucht aus der Küche mit ihrer Profikamera auf. Sie ist Bibliothekarin in der Mittelstufe, keine Fotografin. Ich bin mir unsicher, was sie mehr liebt: eine neue Kiste mit Büchern zu öffnen oder die Meilensteine ihrer Kinder auf Film festzuhalten. Sie hat uns nach den Autoren ihrer Lieblingskinderbücher benannt. Sie hat sogar unsere Kinderzimmer zu Ehren unserer Namensgeber gestaltet. Ich weiß das, da es davon natürlich auch Fotos gibt.

Es ist die elfte Klasse der Highschool, Junior Year, und ich kenne das Prozedere bereits. Je schneller wir die obligatorischen Bilder machen, desto eher können wir zum Tanzen aufbrechen.

Ich nehme Tims Hand und ziehe ihn zum Kamin. Mom liebt diesen Hintergrund. Hinter ihr macht Eric die allgemeine „Ich-beobachte-dich-Geste“, indem er mit zwei Fingern von seinen Augen zu Tims deutet.

„Ignoriere ihn“, sage ich zu Tim. „Lächle für meine Mom, sodass wir von hier verschwinden können.“

Ich schaue zu Finn hinüber, der leider kein einziges Mal zu mir sieht. Er starrt auf sein Telefon und verabschiedet sich von Eric. Er könnte wenigstens kurz zu mir blicken. Ich beschließe, dass er einfach zu nett ist. Er betrachtet mich immer noch als Erics kleine Schwester, die ein Tabu darstellt. Trotzdem wird sich das ändern, sobald ich achtzehn bin. Ich weiß das. Ich werde es schaffen, die Penn zu besuchen. Und dort wird er mich als eine Erwachsene kennenlernen, zwar eine junge, doch rechtlich wäre es legal, etwas mit mir anzufangen. Schlussendlich wird er mich als viel mehr betrachten.

Kapitel 7

Gegenwart

„Du sparst dich nicht für ihn auf, oder?“

Ich checke gerade mein Facebook-Konto, als er wieder zu reden beginnt. Bei einem Foto in meiner Timeline halte ich inne. Meine Freundin Sophie hat Bilder von Thanksgiving mit ihrem neuen Freund gepostet. Die beiden sind so kuschelig zusammen. Mal kucken, was sie sonst noch so an diesem Wochenende erlebt hat. Ich klicke auf ihr Profil, doch bekomme nicht viel zu sehen, da mir das Handy eine Sekunde später aus der Hand gerissen wird und in der innen liegenden Brusttasche seines Blazers verschwindet.

„Das ist mein Telefon.“

„Das ist mein Auto.“

„Und?“

„Und jetzt können wir uns besser kennenlernen. Du bist sehr unhöflich.“

Ist dieser Typ total irre? Ich beäuge seine Tasche und beschließe, dass es aussichtslos ist, es zurückzubekommen, während er fährt. Seufzend falte ich die Hände auf meinem Schoß und beobachte den Verkehr. „Wir werden uns nicht besser kennenlernen. Du fährst mich bloß nach Hause und das war’s auch schon.“ Ich hebe einen Finger und zeige zwischen uns hin und her.

„Kommen wir auf meine Frage zurück. Bewahrst du dich für Finn auf?“ Er neigt den Kopf in meine Richtung und hebt eine Augenbraue.

Er will nicht ernsthaft wissen, ob ich noch Jungfrau bin? „Ich bin zweiundzwanzig, Arschloch. Ich übe für Finn und bewahre mich nicht auf.“

Er grinst selbstgefällig, und ich möchte ihn schlagen oder einen Porno mit ihm ansehen. Ich bin mir unsicher, was von beidem ich will, und das verwirrt mich. Wäre er doch nur nicht so attraktiv. Dann könnte ich ihn leichter ignorieren. Mit einer Hand reibt er sein Kinn, sodass ich denke, dass er sich das Grinsen vom Gesicht wischen will. „Bin froh, das zu hören, Everly, sehr froh.“

„Bist du das?“ Mich interessieren seine Gedanken über mein Sexleben nicht. Meine Frage ist rein sarkastisch gemeint. „Ich finde es schräg, dass du eine Meinung zu meinem Sexleben hast, und unhöflich, dass du es zur Sprache bringst.“ Nimm das!

Er nickt. „Ich bin erfreut, dass du dankbar dafür sein wirst, was du schlussendlich bekommst.“

„Was?“

„Ich bin erfreut, dass du für mich dankbar sein wirst.“

Ich lehne mich gegen das Fenster und starre ihn an.

„Ich habe auch geübt.“

„Eine Weile länger.“

„Stimmt“, sagt er grinsend. „Ich übe schon länger als du, und daher ist es begrüßenswert, dass du eine Basis hast, nach der du mich beurteilen kannst.“

„Eine Basis.“ Ich drehe mich etwas auf meinem Sitz, damit ich das linke Bein angewinkelt darauflegen kann. „Du bezeichnest meine sexuelle Erfahrung als eine Basis?“

Er zuckt mit den Achseln. „Ja. Es sei denn, du willst mir ihre Namen nennen, ansonsten bleiben wir bei Basis. Oder willst du spezifischer werden?“ Sein Blick gleitet über mein Gesicht, während ich auch das rechte Bein hochnehme, um es mir richtig bequem zu machen.

„Weil du besser bist?“

„Ja.“

„Arrogant.“

„Zuversichtlich.“

Ich hebe eine Hand. „Also bist du froh, dass ich Sex mit anderen Männern habe. Und du denkst, dass ich irgendwann mit dir schlafen werde und mich deine wahnsinnig tollen sexuellen Fähigkeiten vom Hocker hauen werden?“

„Hattest.“

Fragend ziehe ich eine Augenbraue hoch.

„Ich bin froh, dass du Sex mit anderen Männern hattest. In der Vergangenheit.“ Er sieht in den Rückspiegel und wechselt die Fahrspur.

Ich betrachte sein Profil, während er das Fahrzeug durch den Verkehr manövriert. Eins muss ich ihm lassen: Er ist selbstsicher. Von dem Moment an, als ich ihn vor einer Stunde getroffen habe, hat er sich die ganze Zeit erschöpfend selbstsicher gezeigt.

„Du bist etwas jünger als ich.“

„Sehr viel jünger.“

Er wirft mir einen verärgerten Blick zu. „Ich bin vier Jahre älter als Finn. Das macht kaum einen Unterschied.“

Diesmal zucke ich mit den Achseln.

„Dann bist du eben jünger als ich. Zum Glück brauchst du dich nicht allzu lange zu fragen, ob es anders zwischen uns wäre. Weil du es wissen wirst. Von dem Augenblick an, an dem ich dich berühre, wirst du es wissen.“

Kapitel 8

Vor drei Jahren

Ich betrachte die Katastrophe, die jetzt mein neues Zuhause in Stroh Hall auf der University von Pennsylvania ist. Die Hälfte meiner Kleidung liegt auf dem ungemachten Bett. Mein Schreibtisch ist mit Toilettenartikeln übersät. Taschen mit allem möglichen Zeug liegen auf dem Boden verstreut. Doch zumindest ist der Minikühlschrank angeschlossen. Das ist ein Anfang.

„Bist du dir sicher, dass wir nicht bleiben und dir beim Auspacken helfen sollen?“ Meine Mom beäugt das Chaos mit einem besorgten Stirnrunzeln. „Ich könnte die Laken finden und wenigstens dein Bett machen.“

„Helen, jetzt komm schon. Lass uns fahren. Everly wird explodieren, wenn wir nicht aufhören, sie zu nerven.“ Mein Vater legt ihr einen Arm um die Schultern und küsst sie auf die Stirn. „Sie ist nur drei Fahrtstunden von uns entfernt, Honey.“

Meine Mom zwingt ein Lächeln auf ihr Gesicht und umarmt mich. „Wir sind so stolz auf dich, Everly.“

„Ich weiß, Mom.“

Dad zwinkert mir von der Tür aus zu. Für meine Mutter ist es nicht leicht, sich damit abzufinden, dass die Kinder aus dem Haus sind. Mein Vater nimmt es dagegen gut auf und hat einen Überraschungstrip nach Paris geplant, um zu feiern und sie abzulenken. Sie reisen morgen Abend ab. Fürs Frühstück will er frische Croissants besorgen und ihr dann sagen, dass sie packen soll. Meine Eltern sind reizend. Eigentlich sind sie perfekt. Mein Bruder ist ein paar Jahre, nachdem sie aufs College gegangen sind, zur Welt gekommen und ich acht Jahre später. Sie sind also jung für Eltern mit erwachsenen Kindern. Sie beide haben ihre fünfzigsten Geburtstage gefeiert, als ich in der Abschlussklasse der Highschool war, sind gesund und sehr aktiv. Das dunkle Haar habe ich von meiner Mom. Ihres ist zwar kürzer als meins, hat aber immer noch die gleiche schokobraune Farbe. Dad wird langsam grau, doch sein Haar war von Anfang an viel heller als unseres. Es steht ihm und er wirkt vornehm. Mit Leichtigkeit würden sie als Eltern durchgehen, deren Kinder die Mittelstufe besuchen, anstelle von welchen, die achtzehn und sechsundzwanzig Jahre alt sind.

Als ich sie umarme, überfällt mich aus dem Nichts ein Anflug von Heimweh. Ich war so sehr darauf konzentriert, auf die Penn zu gelangen und hier die Grundlage für meine perfekte Zukunft zu erschaffen, dass ich nicht innegehalten habe, um darüber nachzudenken, wie es sich anfühlen wird. Es ist dumm, da ich ja nicht so weit von zu Hause weg bin. Ich bin mir sicher, dass sie in ein paar Wochen vorbeikommen, um mich zum Abendessen auszuführen. Dennoch, das war’s jetzt. Als Kind werde ich niemals wieder in ihrem Haus leben.

Sie gehen und ich widme mich der Unordnung. Chloes Seite des Zimmers ist natürlich tadellos. Sie ist heute Morgen eingezogen und hat bereits alles ausgepackt. Es steht nicht einmal eine leere Kiste herum. Ich plumpse auf ihr gemachtes Bett und öffne eine Nachricht an Finn. Das ist das erste Mal, dass ich seine Telefonnummer habe. Eric hat uns letzte Woche eine Gruppennachricht geschickt.

‚Everly, das ist Finns Nummer. Falls du verhaftet wirst, benutze sie.‘

‚Ha ha‘, habe ich zurückgeschrieben.

Und dann hat Finn geantwortet. ‚Solltest du Fragen zum Campus haben, schick mir eine Nachricht.‘ Er hat den Satz mit einem Smiley beendet. Das ist doch eine Einladung, oder nicht?

Ich tippe mit dem Finger auf meine Unterlippe, während ich darüber nachdenke, was ich schreiben soll.

‚Hi Finn. Ich bin eingezogen.‘ Ich betrachte das Chaos. Aber meine Sachen sind im Zimmer, also ist es eigentlich keine Lüge. ‚Hast du Zeit, mir den Campus zu zeigen?‘ Ich tippe auf Senden.

Ich bin nicht völlig irre. Er ist eine Lehrkraft und ich bin eine Studentin. Der Plan wird einige Zeit brauchen. Meine Erwartungen sind dementsprechend. Zuerst wird er mich als Tabu erachten. Doch ich werde ihn kleinkriegen. Ich habe vier Jahre, um es zu schaffen. Das ist das Ziel. Im ersten und zweiten Jahr werden wir uns anfreunden und uns mit anderen verabreden. Ich werde auf den richtigen Moment warten. Im dritten Jahr wird er an mich denken, wenn er sich einen runterholt. Im vierten und letzten Jahr werde ich zuschlagen.

Die Tür geht auf und Chloe kommt herein. Sie wirkt begeistert. „Everly! Die Bibliothek hier ist …“ Sie stößt einen Atemzug aus. „Sie ist nur sieben Minuten zu Fuß entfernt!“

Ich rutsche rüber und sie lässt sich neben mich auf das Bett fallen. „Was machst du da?“

„Ich warte darauf, dass Finn mir eine Antwort schickt.“

„Everly!“ Sie stöhnt auf.

„Was? Es ist nur zweckmäßig, dass Finn mir den Campus zeigt.“

„Nichts in deinem Kopf ist zweckmäßig.“

Mein Telefon klingelt. Wir beide beugen uns über das Display, um zu lesen.

‚Klar doch. In welchem Gebäude bist du?‘

‚Stroh Hall‘, antworte ich sofort.

‚Ich treffe dich morgen um 8 Uhr vorm Gebäude und führe dich herum, damit du weißt, wo die Bibliothek ist und wo du einen vernünftigen Kaffee bekommen kannst, wenn du um Mitternacht noch lernst.‘

8 Uhr? Jetzt bin ich diejenige, die stöhnt. Eine derart frühe Verabredung kann niemals auf ein Mittagessen ausgedehnt werden. Der Kerl ist wirklich ahnungslos.

‚Bis morgen um 8 Uhr!‘ Ich hüpfe vom Bett, werfe das Telefon zur Seite und krame in der Tasche herum, in der die Bettwäsche ist, damit ich es beziehen kann.

„Es gibt viele Männer auf dieser Welt“, sagt Chloe und beobachtet mich, während ich fleißig bin. „Finn Camden ist nicht der einzige Typ da draußen.“

„Natürlich ist er das nicht.“ Ich beziehe die Matratze mit dem Spannbettlaken.

„Aber du bist dir sicher, dass er der Eine ist.“

„Der Richtige, ja.“

„Ich sehe das nicht so“, sagt sie leise, als würde es sie schmerzen, es laut auszusprechen. „Ich kann nicht erkennen, dass ihr beide gut zusammenpasst, und ich will nicht erleben, dass du den Richtigen verpasst, bloß weil du so auf Finn fixiert bist.“

Ich bin fertig mit dem Laken und setze mich hin. „Das bin ich doch gar nicht, Chloe. Mit Tim habe ich mich zwei Jahre getroffen und mit Mark den ganzen Sommer über. Aber sie sind nur Jungs, weißt du? Auf lange Sicht ist es wichtig, sich klug zu entscheiden. Ich will es nicht falsch machen und das halbe Leben damit verschwenden, meine Kinder zu ihrem Vater zu fahren oder mich mit der neuen Frau meines Expartners herumzuplagen.“

„Wie in meiner Familie?“ Eigentlich ist es keine Frage von Chloe, sondern eine Aussage. Ihr Dad ist nicht einmal zu ihrem Abschluss gekommen, da er zu beschäftigt mit seiner neuen Familie war.

Ich nicke. „Ja, genau, und wie bei siebzig Prozent unserer Mitschüler. Wenn ich mich klug entscheide, kann ich eine Menge Herzschmerz vermeiden. Ich muss einfach nur schlau sein.“

„Das ist ein erhabenes Ziel, Everly Jensen.“

Ich grinse. „Du weißt, dass ich Herausforderungen liebe.“

„Aber versprich mir eins.“

„Alles, was du willst.“

„Verschwende nicht zu viel Zeit darauf, dem falschen Kerl nachzujagen, denn du könntest deswegen den richtigen verpassen.“

„Deal. Falls mir jemand über den Weg läuft, der besser für mich ist als Finn Camden, gebe ich ihm eine faire Chance.“

Kapitel 9

Gegenwart

„Wir sind uns einig, dass du Finn seit deinem sechsten Lebensjahr stalkst.“

Ich rutsche auf dem Sitz herum und zerre die Ärmel meines Sweaters über die Fingerspitzen. „Ich glaube nicht, dass irgendwas, das ich getan habe, als Stalken durchgeht.“

Er wirft mir einen skeptischen Blick zu.

„Na schön“, schnaube ich. „Ich glaube nicht, dass irgendwas vor dem letzten Jahr als Stalken durchgeht.“

„Das ist eine zutreffendere Antwort. Du verfolgst also Finns Leben“, sagt er langsam, „auf eine freundliche Weise, seitdem du ein Kind warst.“

„Er ist der beste Freund meines Bruders. Er war einfach immer in der Nähe. Es ist nicht so, als hätte ich ihn in der Grundschule gegoogelt.“

„Natürlich nicht“, stimmt er mir zwar zu, doch sein Tonfall lässt mich vermuten, dass er denkt, ich hätte Finn bereits gegoogelt, lange bevor ich allein von der Bushaltestelle nach Hause laufen durfte.