Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Rigor Mortis - Peter James

Ein Fehler -Zwei Tote -Keine GnadeDer siebte Fall für Detective Superintendent Roy Grace und sein Team spielt in Brighton und New YorkDie treuen Fans von Peter James werden den neuen Roy Grace-Thriller lieben – für Neueinsteiger ist es das perfekte Buch, um diesen Autor zu entdeckenCarly Chase ist traumatisiert. Sie war in einen tragischen Unfall verwickelt, bei dem ein Student ums Leben kam. Zwei andere Fahrer begingen Fahrerflucht. Die sind jetzt tot. Für Detective Superintendent Roy Grace könnte sie die Nächste sein. Denn der junge Mann stammte aus einer der besten Mafia-Familien New Yorks. Und die wollen Rache. Das Beste wäre, wenn Carly abtauchen würde. Doch sie hat einen anderen Plan. Dabei ist der Killer ihr bereits auf den Fersen: Er beobachtet, er wartet und dann….„Chef, wir haben einen Anruf von einem Beamten der New Yorker Polizei erhalten. Der Verstorbene war amerikanischer Staatsbürger und studierte Wirtschaft an der Brighton University. Übrigens: Der Mädchenname seiner Mutter lautet Giordino.“Alle Blicke waren jetzt auf Glenn Branson gerichtet.„Sagt euch der Name etwas?“Allgemeines Kopfschütteln.„Sal Giordino?“Noch immer keine Reaktion.„Mal ‚Der Pate‘ gesehen?“Diesmal nickten alle.„Mit Marlon Brando. Dem Boss der Bosse. Dem Paten. Dem Capo der Capos.“„Ja“, sagte Roy Grace.„Nun, das ist ihr Vater. Sal Giordino ist der augenblickliche Pate von York.“Pressestimmen: »Peter James ist einer der besten Krimischriftsteller der Welt.« Lee Child »Peter James erschafft Welten, die einem so vertraut sind, wie der eigene Garten. Nur sind sie doppelt so clever, smart und unterhaltsam.« Steve Berry »Ein faszinierender Thriller. Ein packender page-turner, der psychologische Spannung mit detailgenauer Polizeiarbeit verbindet; in der Tradition von P.D. James und Ian Rankin zu ihren besten Zeiten!« Jeffery Deaver »Peter James gehört zum weltweiten Thriller-Adel.« Alex Dengler, denglers-buchkritik.de, 15.1.2012 »Peter James hat sich an der Spitze der britischen Spannungsliteratur etabliert – sein atmosphärischer, schneller und unglaublich spannender neuer Thriller wird das manifestieren.« The Bookseller» Wie immer ist das die „Muss-ich-gelesen-haben“-Lektüre für diesen Sommer!« Daily Mail

Meinungen über das E-Book Rigor Mortis - Peter James

E-Book-Leseprobe Rigor Mortis - Peter James

Peter James

Rigor Mortis

Ein neuer Fall für Roy GraceThriller

Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg

FISCHER E-Books

Inhalt

[Widmung]123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445464748495051525354555657585960616263646566676869707172737475767778798081828384858687888990919293949596979899100101102103104105106107108109110111112113114115Danksagung

Für Eve Klaesson-Lindeblad

1

AM MORGEN DES UNFALLS verschlief Carly, weil sie vergessen hatte, den Wecker zu stellen. Sie erwachte mit einem schrecklichen Kater, halb zerquetscht unter einem feuchten Hund, während aus dem Zimmer ihres Sohnes das irre Dröhnen von Trommeln und Becken herüberdrang. Außerdem regnete es in Strömen.

Sie blieb einen Augenblick liegen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Sie hatte einen Termin bei der Fußpflegerin, die ein schmerzhaftes Hühnerauge entfernen sollte, und in knapp zwei Stunden würde ein verhasster Mandant in ihrem Büro auftauchen. Sie merkte schon, es war einer jener Tage, die schlimm begannen und nur noch schlimmer werden konnten. Genau wie das Getrommel.

»Tyler!«, brüllte sie. »Hör auf damit, Herrgott nochmal. Bist du fertig?«

Otis sprang vom Bett und bellte wütend sein Spiegelbild an.

Das Schlagzeug verstummte.

Sie taumelte ins Badezimmer und schluckte zwei Paracetamol. Ich bin nicht gerade ein Vorbild für meinen Sohn, dachte sie. Ich bin nicht mal ein Vorbild für meinen Hund.

Wie aufs Stichwort tappte Otis ins Badezimmer, die Leine erwartungsvoll in der Schnauze.

»Was gibt’s zum Frühstück, Mum?«, rief Tyler.

Sie starrte ihr Spiegelbild an. Zum Glück war der größte Teil ihres einundvierzigjährigen Gesichts, das an diesem Morgen eher wie zweihunderteinundvierzig aussah, hinter dem zerzausten blonden Haar verborgen, das an verfilztes Stroh erinnerte. »Arsen!« Ihre Kehle war rau von zu vielen Zigaretten. »Mit Zyankali und Rattengift gewürzt.«

Otis kratzte mit der Pfote auf den Fliesen.

»Tut mir leid, kein Spaziergang. Nicht heute Morgen. Später. Okay?«

»Das gab’s schon gestern!«, rief Tyler.

»Hat aber nicht funktioniert, oder?«

Sie drehte die Dusche auf, wartete, bis das Wasser warm wurde, und stieg hinein.

2

STUART FERGUSON SASS IN JEANS, Sicherheitsstiefeln und Firmenoverall hoch oben im Führerhaus und wartete auf Grün. Die Scheibenwischer waren eingeschaltet. Der Berufsverkehr quälte sich unter ihm über die Old Shoreham Road in Brighton. Der Motor seines 24-Tonner Sattelschleppers, eines Kühltransporters von Volvo, hüllte seine Beine von unten in warme Luft. Es war Ende April, doch der Winter hielt das Land noch fest im Griff, und heute Morgen war er im Schnee gestartet. Von wegen Klimaerwärmung.

Er gähnte und schaute genervt in den trüben Morgen. Dann nahm er einen großen Schluck Red Bull. Er steckte die Dose in die Halterung, fuhr sich mit den feuchten, fleischigen Händen über den rasierten Kopf und trommelte auf dem Lenkrad den Rhythmus von Bat Out Of Hell, das laut genug aufgedreht war, um die toten Fische hinter ihm zu wecken. Es war die fünfte oder sechste Dose in den letzten Stunden, und er zitterte förmlich vor lauter Koffein. Aber nur das und die Musik konnten ihn jetzt noch wachhalten.

Er hatte sich gestern Nachmittag auf den Weg gemacht und war von Aberdeen aus durchgefahren. Siebenhundertfünfzig Kilometer laut Tacho. Er war achtzehn Stunden fast ohne Pause unterwegs, hatte nur einmal in Newport Pagnell etwas gegessen und vor ein paar Stunden ein Nickerchen in einer Haltebucht gemacht. Ohne den Unfall am Autobahnkreuz M1/M6 wäre er pünktlich um acht hier gewesen, also vor einer Stunde.

Doch es war sinnlos, den Unfall zu erwähnen, denn es gab ständig Unfälle. Zu viele Leute auf der Straße, zu viele Autos, zu viele Lastwagen, zu viele Idioten, zu viel Ablenkung, zu viel Eile. Im Laufe der Jahre hatte er alles erlebt. Aber er war stolz auf seinen Rekord. Neunzehn Jahre und kein Kratzer – und auch kein Strafzettel.

Als er routinemäßig einen Blick aufs Armaturenbrett warf, um Öldruck und Temperaturanzeige zu prüfen, sprang die Ampel um. Er schaltete in den ersten Gang und gab Gas, als er die Kreuzung zur Boundary Road überquerte und die steile Straße hinunter zum Meer fuhr, das einen knappen Kilometer entfernt lag. Zuerst war er bei Springs gewesen, einer Lachsräucherei einige Kilometer nördlich in den Sussex Downs. Jetzt musste er noch den Rest seiner Ladung beim Tesco-Supermarkt im Holmbush Centre am Stadtrand abliefern. Danach würde er nach Newhaven fahren, seinen Wagen mit gefrorenem Lamm aus Neuseeland beladen, ein paar Stunden am Hafen schlafen und wieder nach Schottland zurückkehren.

Zu Jessie.

Er vermisste sie. Er warf einen Blick auf das Foto, das neben den Bildern seiner Kinder Donell und Logan am Armaturenbrett klebte. Die beiden vermisste er auch. Seine ätzende Exfrau Maddie stritt ständig mit ihm wegen des Besuchsrechts. Aber immerhin half ihm seine süße Jessie, das Leben wieder ins Lot zu bringen.

Sie war im vierten Monat schwanger. Nach drei entsetzlichen Jahren hatte er endlich wieder ein Ziel im Leben statt nur eine Vergangenheit voller Bitterkeit und Schuldzuweisungen.

Normalerweise hätte er sich auf dem Hinweg ein paar Stunden Zeit genommen, um richtig zu schlafen – so wie es die gesetzlichen Vorschriften verlangten. Aber die Warnlampe der Kühlvorrichtung blinkte, und die Temperatur stieg stetig. Er konnte es nicht riskieren, dass seine wertvolle Ladung aus Muscheln, Krabben, Garnelen und Lachs verdarb. Also musste er weiterfahren.

Solange er aufpasste, war alles gut. Er wusste, an welchen Stellen die Lastwagen überprüft wurden, und hörte CB-Funk, um keine Warnung zu verpassen. Deshalb machte er auch den Umweg durch die Stadt, statt die Umgehungsstraße zu nehmen.

Er fluchte.

Vor ihm leuchtete ein rotes Licht, dann senkte sich eine Schranke. Der Bahnübergang Portslade. Die Fahrzeuge bremsten und kamen zum Stehen. Mit zischenden Bremsen hielt auch er an. Links von ihm stemmte sich ein blonder Mann gegen den Regen und schloss die Tür eines Maklerbüros namens Rand und Co. auf.

Stuart fragte sich, wie es wohl wäre, einen solchen Job zu haben. Morgens aufzustehen, ins Büro zu fahren und abends zu seiner Familie heimzukehren, statt endlose Tage und Nächte allein im Lastwagen zu verbringen, in Raststätten zu essen oder vor dem beschissenen Fernseher in der Fahrerkabine einen Burger zu mampfen. Vielleicht wäre er noch verheiratet, wenn er einen solchen Job gehabt hätte. Würde seine Kinder immer noch jeden Abend und jedes Wochenende sehen.

Nur wusste er, dass er mit einem solchen Job nicht glücklich wäre. Er liebte die Freiheit der Straße. Er brauchte sie. Er fragte sich, ob sich der Typ morgens jemals einen Lastwagen angesehen und gedacht hatte: Am liebsten würde ich jetzt den Zündschlüssel umdrehen, statt hier reinzugehen.

Aus der Ferne mochte vieles besser aussehen, aber wenn er eins gelernt hatte, dann, dass überall Scheiße herumlag. Und irgendwann trat man rein.

3

TONY HATTE IHR DEN SPITZNAMENSanta gegeben, da Suzy an dem verschneiten Dezembernachmittag, an dem sie in dem Haus seiner Eltern in den Hamptons zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten, dunkelrote Satinunterwäsche getragen hatte. Für ihn war das wie ein Geschenk zu Weihnachten.

Sie hatte gegrinst, als er das sagte, und frech erwidert, zum Glück sei kein anderes Weihnachtsgeschenk gekommen.

Seit jenem Tag waren sie völlig hin und weg voneinander. So sehr, dass Tony Revere den Plan eines MBA-Studiums in Harvard aufgegeben hatte und stattdessen mit Suzy von New York nach England gezogen war, sehr zum Verdruss seiner dominanten Mutter. Nun studierten beide an der University of Brighton.

»Du Faulpelz!«, sagte er. »Du gottverdammter Faulpelz.«

»Na und, ich habe heute keine Vorlesungen.«

»Aber es ist halb neun.«

»Weiß ich doch. Ich habe dich schon um acht gehört. Dann um Viertel nach. Dann um fünf vor halb. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.«

Er schaute auf sie hinunter. »Du bist schön genug. Soll ich dir mal was sagen? Wir haben uns seit Mitternacht nicht mehr geliebt.«

»Hast du mich über?«

»Sieht so aus.«

»Dann muss ich wohl mein altes schwarzes Buch herauskramen.«

»Ach, ja?«

Sie hob die Hand und packte ihn sanft, aber energisch unterhalb der Gürtelschnalle. Sie grinste, als er aufkeuchte. »Komm wieder ins Bett.«

»Ich muss zu meinem Tutor, und danach habe ich eine Vorlesung.«

»Worüber?«

»Galbraith’sche Herausforderungen an die heutige Erwerbsbevölkerung.«

»Mensch, du Glückspilz.«

»Und ob. Wenn ich die Wahl habe, mir das anzuhören oder den Morgen mit dir im Bett zu verbringen, brauche ich nicht lange zu überlegen.«

»Gut. Also komm wieder ins Bett.«

»Von wegen. Du weißt, was passiert, wenn ich in diesem Semester keine guten Noten bekomme.«

»Dann musst du heim in die Staaten zu Mami.«

»Du kennst doch meine Mutter.«

»Und ob. Ganz schön furchteinflößend.«

»Du sagst es.«

»Du hast also Angst vor ihr?«

»Vor meiner Mutter haben alle Angst.«

Suzy setzte sich auf und schob ihr langes dunkles Haar nach hinten. »Mehr als vor mir? Ist das der Grund, warum du hergekommen bist? Bin ich nur eine Ausrede, um vor ihr wegzulaufen?«

Er beugte sich hinunter und küsste sie, schmeckte ihren schläfrigen Atem. »Habe ich dir schon mal gesagt, dass du hinreißend bist?«

»Etwa tausendmal. Du bist auch hinreißend. Habe ich dir das schon mal gesagt?«

»Etwa tausendmal. Du bist wie eine Schallplatte, die hängen geblieben ist.« Er hängte sich den superleichten Rucksack über die Schultern.

Sie schaute ihn an. Er war groß und schlank, hatte das kurze dunkle Haar zu unregelmäßigen Stacheln gegelt und trug einen Dreitagebart, den sie gern am Gesicht spürte. Er trug einen gesteppten Anorak über zwei T-Shirts, dazu Jeans und Turnschuhe und roch nach dem Eau de Cologne von Abercrombie and Fitch, das sie so gerne mochte.

Er verströmte eine Selbstsicherheit, die sie bei ihrer ersten Begegnung in der dunklen Pravda-Kellerbar in Greenwich Village so sehr fasziniert hatte. Sie hatte mit ihrer besten Freundin Katie in New York Urlaub gemacht. Die arme Katie war allein nach England zurückgeflogen, während sie bei Tony geblieben war.

»Wann kommst du zurück?«

»Sobald ich kann.«

»Das ist nicht bald genug!«

Er küsste sie noch einmal. »Ich liebe dich. Ich vergöttere dich.«

Sie wedelte mit den Armen. »Mehr.«

»Du bist das unglaublichste, schönste, liebenswerteste Geschöpf auf diesem Planeten.«

»Mehr!«

»In jeder Sekunde, die ich von dir getrennt bin, vermisse ich dich immer und immer und immer mehr.«

Wieder wedelte sie mit den Armen. »Mehr!«

»Jetzt wirst du allmählich gierig.«

»Du machst mich gierig.«

»Und du machst mich geil wie sonst was. Ich muss los, bevor es zu spät ist!«

»Willst du mich wirklich so zurücklassen?«

»Yep.«

Er küsste sie noch einmal, setzte sich eine Baseballkappe auf und schob sein Mountainbike aus der Wohnung hinaus in den kalten, windigen Aprilmorgen. Als er die Haustür hinter sich schloss, atmete er tief die salzige Seeluft ein und schaute auf die Uhr.

Scheiße.

In zwanzig Minuten musste er bei seinem Tutor sein. Wenn er wie ein Irrer in die Pedale trat, könnte es gerade noch klappen.

4

KLICK. PIIIIIIEP … tschiiiip … uhuhuhhrrr … tschiiiip … groooommm … piff, ha, ha, ha, quiek, ha ha …

»Die Geräusche machen mich wahnsinnig«, sagte Carly.

Tyler beugte sich auf dem Beifahrersitz ihres Audi-Cabriolets über sein iPhone und konzentrierte sich ganz auf sein bescheuertes Spiel namens Angry Birds. Warum nur musste alles, was er machte, mit Lärm verbunden sein?

Das Telefon gab ein Geräusch von sich, als zerbräche Glas.

»Wir sind spät dran«, sagte er, ohne aufzublicken, und spielte weiter. Klong-quiek-ha, ha, ha-grooommm …

»Tyler, bitte, ich habe Kopfschmerzen.«

»Ach ja?« Er grinste. »Dann hättest du dich gestern Abend nicht volllaufen lassen sollen. Wieder mal.«

Sie zuckte zusammen, als sie den Ausdruck hörte.

Klong-quiek-ha, ha, ha-grooommm …

Gleich würde sie sich das verfluchte Telefon schnappen und aus dem Fenster werfen. »Du hättest dich gestern Abend auch volllaufen lassen, um diesen Volltrottel zu ertragen.«

»Geschieht dir ganz recht bei deinen Blind Dates.«

»Danke vielmals.«

»Keine Ursache. Ich komme zu spät zur Schule. Das gibt Ärger.« Er schaute angestrengt durch seine ovale Nickelbrille. Klick-klick-piep-piep-piep.

»Ich rufe an und erkläre es.«

»Du rufst immer an und erklärst es. Du bist verantwortungslos. Vielleicht sollte ich in eine Pflegefamilie gehen.«

»Das wünsche ich mir schon seit Jahren.« Sie schaute durch die Windschutzscheibe auf die rote Ampel und den steten Verkehrsstrom, der sich vor ihnen über die Kreuzung quälte. Dann sah sie wieder auf die Uhr. 8.46 Uhr. Mit etwas Glück konnte sie Tyler an der Schule absetzen und rechtzeitig bei der Fußpflegerin sein. Toll, was für ein Morgen! Zuerst ein Hühnerauge entfernen, dann ihr Mandant, Mr. Häufchen Elend. Kein Wunder, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Carly hätte sich vermutlich die Kugel gegeben, wenn sie mit ihm verheiratet gewesen wäre. Aber egal, sie hatte nicht über ihn zu richten. Sie musste Mrs Häufchen Elend davon abhalten, mit den Hoden ihres Mannes wie auch mit allem anderen davonzumarschieren, das ihm – Korrektur, ihnen – gehörte und auf das sie scharf war.

»Sie tut wirklich weh, immer noch, Mum.«

»Was denn? Ach so, deine Zahnspange.«

Tyler berührte seinen Mund. »Sie ist zu eng.«

»Ich mache einen Termin beim Kieferorthopäden.«

Tyler nickte und konzentrierte sich wieder auf sein Spiel.

Die Ampel sprang um. Sie nahm den rechten Fuß von der Bremse und gab Gas. Als die Nachrichten kamen, stellte sie das Radio lauter.

»Ich bin an diesem Wochenende bei den alten Herrschaften, nicht wahr?«

»Ich wünschte, du würdest deine Großeltern nicht so nennen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Muss ich hin?«

»Ja, du musst.«

»Wieso?«

»Geh mal schön hin, damit du hinterher auch was erbst.«

Er runzelte die Stirn.

»Vergiss es. Du wirst mir fehlen.«

»Du bist eine lausige Lügnerin. Du könntest es schon mit etwas mehr Gefühl sagen.« Er fuhr nachdenklich mit dem Finger über den Bildschirm des Handys.

Klong … quiiiieeek … möööööp … ha, ha, ha …

An der nächsten Ampel bog sie nach rechts in die New Church Road und nahm einem Lastwagen die Vorfahrt, der wütend hupte.

»Willst du uns umbringen?«

»Nicht uns, nur dich.«

»Es gibt Behörden, die Kinder vor Eltern wie dich schützen.«

Sie streckte den linken Arm aus und fuhr ihm durch das zerzauste braune Haar.

Er zog den Kopf weg. »Hey, nicht durcheinandermachen!«

Sie warf ihm einen liebevollen Blick zu. Er wurde viel zu schnell groß und sah so gut aus in Hemd und Krawatte, dem roten Blazer und der grauen Hose. Noch keine dreizehn, und schon waren die Mädchen hinter ihm her. Er wurde seinem Vater mit jedem Tag ähnlicher, entwickelte die gleiche raue Attraktivität. Manchmal erinnerte sein Gesichtsausdruck sie viel zu sehr an Kes, dann kamen ihr auch nach fünf Jahren noch die Tränen.

Um kurz nach neun hielt sie vor dem roten Tor der St. Christopher’s School. Tyler löst den Sicherheitsgurt und griff nach seinem Rucksack.

»Hast du Friend Mapper eingeschaltet?«

Er schaute sie mitleidig an. »Ja, natürlich. Aber ich bin kein Baby mehr.«

Friend Mapper war eine GPS-App auf dem iPhone, mit der sie jederzeit feststellen konnte, wo er sich befand. »Solange ich für dein iPhone bezahle, bleibt es drin. So war es abgemacht.«

»Du bist eine überbesorgte Mutter. Das könnte mich emotional ganz schön schädigen.«

»Das Risiko muss ich eingehen.«

Er stieg aus dem Auto und hielt zögernd die Tür fest. »Du solltest wieder ein eigenes Leben führen.«

»Das hatte ich, bevor du geboren wurdest.«

Er lächelte und knallte die Tür zu.

Sie schaute ihm kurz nach, als er über den verlassenen Schulhof ging. Alle anderen Schüler waren bereits im Gebäude. Wann immer sie ihn aus den Augen ließ, hatte sie Angst um ihn. Nur wenn sie auf ihr iPhone schaute und den pulsierenden dunkelroten Punkt sah, der ihr seinen Aufenthaltsort verriet, war sie beruhigt. Tyler hatte recht, sie war überbesorgt, aber das ließ sich nun mal nicht ändern. Sie liebte ihn verzweifelt und wusste, dass er sie trotz seiner nervigen Angewohnheiten und seiner Widerborstigkeit ebenfalls liebte.

Carly wendete den Wagen und fuhr in Richtung Portland Road. Sie fuhr schneller als erlaubt, weil sie den Termin einhalten wollte. Das Hühnerauge war sehr schmerzhaft, und sie wollte die Behandlung nicht verpassen. Außerdem musste sie danach rechtzeitig ins Büro, um mit Mrs Häufchen Elend zu sprechen. Mit etwas Glück blieben ihr dann noch wenige Minuten, um wichtige Unterlagen für eine bevorstehende Anhörung durchzugehen.

Ihr Handy meldete eine SMS. Als sie die Einmündung zur Hauptstraße erreichte, warf sie einen Blick darauf.

War toll gestern Abend – möchte dich wiedersehen XXX.

Träum weiter, Schätzchen. Sie schauderte, wenn sie nur an ihn dachte. Dave aus Preston in Lancashire. Preston-Dave hatte sie ihn bei sich genannt. Immerhin hatte sie ein ehrliches Foto von sich in der Singlebörse hochgeladen – jedenfalls halbwegs ehrlich! Sie suchte ja auch keinen Mr Universum. Nur einen netten Mann, der nicht fünfzig Kilo schwerer und zehn Jahre älter als auf seinem Foto war und den ganzen Abend nur davon redete, wie wunderbar er sei und wie toll die Frauen ihn im Bett fänden. War das zu viel verlangt?

Der Gipfel war aber gewesen, dass der knauserige Kerl sie in ein unpassend teures Restaurant eingeladen und am Ende vorgeschlagen hatte, die Rechnung zu teilen.

Sie hielt den Fuß auf der Bremse, beugte sich vor, nahm das Handy aus der Halterung und löschte entschlossen die SMS. Zufrieden steckte sie es wieder zurück.

Dann bog sie vor einem weißen Lieferwagen nach links ab und gab Gas.

Der Fahrer des Lieferwagens hupte und betätigte wütend die Lichthupe. Dann hängte er sich an ihre Stoßstange. Sie streckte zwei Finger in die Höhe.

In den kommenden Tagen und Wochen würde sie noch bitter bereuen, dass sie die SMS gelesen und gelöscht hatte. Hätte sie nicht jene kostbaren Sekunden an der Einmündung gewartet und an ihrem Handy herumgefummelt, sondern wäre eine halbe Minute früher nach links abgebogen, wäre alles ganz anders gelaufen.

5

»SCHWARZ«, sagte Glenn Branson, der den großen Golfschirm über ihre Köpfe hielt.

Detective Superintendent Roy Grace schaute zu ihm hoch. »Schwarz?«

»Das ist die einzige Farbe!«

Mit seinen eins achtundsiebzig war Roy Grace gute fünfzehn Zentimeter kleiner als sein jüngerer Kollege und Freund und deutlich weniger schick gekleidet. Mit beinahe vierzig war er kein hübscher Mann und sah auch nicht aus wie ein Filmstar. Er hatte ein freundliches Gesicht mit einer schiefen Nase, die ihm ein etwas raues Aussehen verlieh. Er hatte sie sich dreimal gebrochen – einmal bei einer Schlägerei und zweimal auf dem Rugbyplatz. Er trug das blonde Haar kurz geschnitten und hatte klare blaue Augen, die an Paul Newman erinnerten.

Er kam sich vor wie ein Kind im Süßwarenladen, als er dastand, die Hände tief in den Taschen seines Anoraks vergraben, und den Blick über die gebrauchten Alfa Romeos schweifen ließ, die auf dem Parkplatz des Händlers standen. Alle glänzten vor Politur und Regenwasser. »Ich mag Silber, Dunkelrot und Marineblau.« Seine Stimme ging fast im Lärm eines Lastwagens unter, der hinter ihnen hupend über die Hauptstraße fuhr.

Er hatte sich aus dem Büro geschlichen, da die Woche bisher sehr ruhig verlaufen war. Einige interessante Wagen, die er auf der Internetseite Autotrader entdeckt hatte, standen hier bei diesem Händler.

Detective Sergeant Branson, der einen cremefarbenen Regenmantel von Burberry und glänzende braune Loafer trug, sagte: »Schwarz ist einfach die schönste Farbe. Das wird sich auch auszahlen, wenn du den Wagen wieder verkaufen willst. Außer natürlich, du willst ihn über eine Klippe fahren, so wie den letzten.«

»Sehr witzig.«

Roy Grace hatte seinen geliebten braunen Alfa Romeo 147 bei einer Verfolgungsjagd im vergangenen Herbst zu Schrott gefahren und seither mit der Versicherung im Clinch gelegen. Erst vor kurzem hatten sie sich auf einen jämmerlichen Vergleich geeinigt.

»An so etwas musst du denken, Oldtimer. Du näherst dich der Pensionierung, da musst du auf dein Geld achten.«

»Ich bin neununddreißig.«

»Aber die Vierzig naht.«

»Danke für die Erinnerung.«

»Na ja, in deinem Alter lässt das Gedächtnis allmählich nach.«

»Klappe! Außerdem ist Schwarz die falsche Farbe für einen italienischen Sportwagen.«

»Es ist immer die beste Farbe.« Branson klopfte sich auf die Brust. »Sieh mich an.«

»Ja?«

»Was siehst du?«

»Einen großen, kahlköpfigen Typen mit einem grausamen Krawattengeschmack.«

»Die ist von Paul Smith«, erwiderte sein Kollege nur leicht gekränkt. »Was ist mit meiner Hautfarbe?«

»Die darf ich laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz nicht erwähnen.«

Branson verdrehte die Augen. »Schwarz ist die Farbe der Zukunft.«

»Na ja, ich bin so alt, dass ich das ohnehin nicht mehr erlebe – vor allem nicht, wenn ich weiter hier im Regen stehe. Mir ist eiskalt. Sieh mal, der gefällt mir.« Er deutete auf ein rotes zweisitziges Cabrio.

»Träum weiter. Du wirst bald Vater, schon vergessen? Was du brauchst, ist so etwas.« Glenn Branson deutete auf einen Renault Espace.

»Danke, ich stehe nicht auf Familienkutschen.«

»Musst du aber vielleicht, wenn du genügend Kinder bekommst.«

»Bislang sind wir erst bei einem. Außerdem kaufe ich ohnehin nichts ohne Cleos Zustimmung.«

»Du stehst ganz schön unter dem Pantoffel, was?«

Grace wurde rot. »Nein.« Er ging einen Schritt auf einen schlanken, zweitürigen silbernen Alfa Brera zu und schaute ihn sehnsüchtig an.

»Den nicht«, sagte Branson, der ihm mit dem Regenschirm gefolgt war. »Dafür musst du schon ein Schlangenmensch sein.«

»Aber die sind wirklich super!«

»Zwei Türen. Wie willst du das Baby hinten reinsetzen?« Er schüttelte den Kopf. »Jetzt, wo du Familienvater wirst, musst du dir schon etwas Praktischeres aussuchen.«

Grace starrte den Brera an. Er war eines der schönsten Autos, das er je gesehen hatte. Preis 9999 Pfund, allerdings fast achtzigtausend gelaufen. Den konnte er sich leisten. Er trat etwas näher heran, da klingelte sein Handy.

Aus dem Augenwinkel sah er einen Verkäufer in schickem Anzug, ebenfalls mit Regenschirm bewaffnet, auf sie beide zueilen. Er warf einen Blick auf die Uhr, da er in einer Stunde einen Termin bei seinem Chef hatte. Er meldete sich.

Es war Cleo, die in der sechsundzwanzigsten Woche schwanger war. Sie hörte sich fürchterlich an und konnte kaum sprechen.

»Roy«, keuchte sie, »ich bin im Krankenhaus.«

6

ER HATTE GENUG von Meatloaf. Als sich die Bahnschranke hob, wechselte Stuart Ferguson zu einem Album von Elkie Brooks. Die ersten Takte von Pearl’s A Singer erklangen, der Song, der bei seiner ersten Verabredung mit Jessie im Pub gelaufen war.

Bei der ersten Verabredung gingen manche Frauen ja auf Distanz, aber sie hatten schon sechs Monate lang vorher miteinander telefoniert und gechattet. Jessie hatte als Kellnerin in einem Fernfahrerlokal nördlich von Edinburgh gearbeitet. Dort hatten sie sich spätabends kennengelernt und über eine Stunde miteinander geredet. Beide hatten eine kaputte Ehe hinter sich. Sie hatte ihre Telefonnummer auf die Rückseite der Rechnung gekritzelt.

Als sie sich bei ihrem ersten richtigen Rendezvous in eine ruhige Ecke setzten, kuschelte sie sich an ihn. Als das Lied anfing, legte er ihr den Arm um die Schultern, erwartete aber, sie werde zusammenzucken oder wegrücken. Stattdessen drängte sie sich noch enger an ihn, wandte ihm das Gesicht zu, und sie küssten sich. Sie hatten sich ohne Pause weitergeküsst, bis das Lied zu Ende war.

Er lächelte, als er über die Bahngleise rollte und einen wackeligen Mopedfahrer im Auge behielt, der vor ihm fuhr. Die Scheibenwischer bewegten sich stetig hin und her. Er sehnte sich nach Jessie, der Song war wunderschön und schmerzlich zugleich. Heute Abend würde er sie endlich wieder in den Armen halten.

»In hundert Metern nach links abbiegen«, kommandierte die Frauenstimme in seinem Navi. »Ja, Chef«, knurrte er und schaute auf den Bildschirm, wo ein Pfeil ihn von der Boundary Road in die Portland Road schickte.

Er setzte den Blinker, schaltete herunter und bremste rechtzeitig, um den schweren Lastwagen zu stabilisieren, bevor er auf der nassen Straße scharf abbog.

In der Ferne sah er Scheinwerfer. Ein weißer Lieferwagen bedrängte mit Lichthupe einen anderen Wagen. Arschloch, dachte er.

7

»ARSCHLOCH«, sagte Carly, als der weiße Lieferwagen ihren ganzen Rückspiegel ausfüllte. Sie hielt sich peinlich genau an das Tempolimit von fünfzig, als sie auf der breiten Straße in Richtung Boundary Road fuhr.

Unmittelbar vor ihr parkte ein Lieferwagen vor einem Küchenladen. Zwei Männer luden eine Kiste aus. Sie nahmen ihr die Sicht auf die Seitenstraße unmittelbar dahinter. Carly sah, dass ein Lkw auf sie zugefahren kam, doch er war noch weit genug entfernt. Als sie ausscheren wollte, klingelte wieder ihr Handy.

Sie warf einen Blick aufs Display und stellte verärgert fest, dass es schon wieder Preston-Dave war. Einen Moment lang war sie versucht, sich zu melden und zu sagen, es überrasche sie, dass er überhaupt Geld für das Gespräch ausgebe, doch sie war nicht in der Stimmung, mit ihm zu reden. Als sie wieder auf die Straße blickte, tauchte plötzlich ein Radfahrer auf, der wie verrückt in die Pedale trat. Er fuhr bei Rot über einen Fußgängerüberweg und kam genau auf sie zu.

Einen Moment lang geriet sie in Panik und fürchtete, sie selbst befände sich auf der falschen Straßenseite. Sie riss das Lenkrad nach links, trat auf die Bremse, holperte auf den Bordstein und verfehlte den Radfahrer nur knapp. Ihre Räder blockierten, als sie über das nasse Pflaster rutschten.

Die leeren Stühle und Tische vor einem Straßencafé rasten auf sie zu, als säße sie in der Achterbahn. Gelähmt vor Entsetzen umklammerte Carly das Lenkrad und konnte nur hilflos zusehen, wie die Hausfront des Cafés auf sie zukam. Ein Tisch zersplitterte, sie hatte den Tod vor Augen.

»Oh, Scheiße!«, kreischte sie, als die Motorhaube ihres Autos unterhalb des Café-Fensters gegen die Mauer prallte. Dann ertönte eine ohrenbetäubende Explosion. Sie spürte einen furchtbaren Ruck in der Schulter, ein weißer Schleier stieg auf, und es roch nach Schießpulver. Glas zersplitterte auf der verzogenen Motorhaube.

Ein gedämpftes Knirschen. Dann eine weniger gedämpfte Sirene.

»Jesus!«, keuchte sie. »Oh Gott, oh Jesus.«

Es knackte in ihren Ohren, und die Geräusche wurden plötzlich lauter.

Autos konnten in Flammen aufgehen, das hatte sie im Film gesehen. Sie musste raus! In wilder Panik löste sie den Gurt und wollte die Tür öffnen, aber sie bewegte sich nicht. Carly versuchte es erneut, vergeblich. Auf ihrem Schoß lag ein weißes Kissen. Der Airbag. Sie riss am Türgriff, ihre Panik wuchs, sie warf sich, so fest sie konnte, gegen die Tür. Endlich ging sie auf, und Carly purzelte aus dem Wagen, wobei sich ihre Füße im Gurt verfingen. Sie landete schmerzhaft auf dem nassen Pflaster.

Einen Moment lang blieb sie liegen und hörte das Heulen der Sirene über sich. Eine Alarmanlage. Dann erklang ein anderer Ton. Diesmal menschlich. Ein Schrei.

Hatte sie jemanden angefahren? Verletzt?

Ihr Knie und die rechte Hand brannten höllisch, aber sie merkte es kaum, als sie sich aufrappelte, das zerstörte Café betrachtete und über die Straße schaute.

Sie erstarrte.

Kurz hinter ihr hatte ein Lastwagen angehalten. Ein riesiger Sattelschlepper, der seltsam verkantet dastand. Der Fahrer kletterte gerade aus dem Führerhaus. Leute rannten auf die Straße. Sie rannten an einem Mountainbike vorbei, das wie eine abstrakte Skulptur verbogen dalag. Sie rannten an einer Baseballkappe und winzigen Trümmern vorbei, auf etwas zu, das auf den ersten Blick wie ein aufgerollter Teppich aussah, aus dessen einem Ende eine dunkle Flüssigkeit auf den regenschwarzen Asphalt sickerte.

Der Verkehr war zum Stillstand gekommen, die laufenden Menschen auch, als hätten sie sich in Statuen verwandelt. Es war, als betrachtete sie ein Bild. Dann stolperte Carly auf die Straße, vorbei an einem Auto, das Geheul der Sirene übertönte beinahe den Schrei einer jungen Frau mit Regenschirm, die auf dem gegenüberliegenden Gehweg stand und auf den aufgerollten Teppich starrte.

Carly verdrängte die Ahnung, dass es etwas anderes sein könnte. Dann sah sie den Turnschuh, der an einem Ende befestigt war.

Und begriff, dass es kein aufgerollter Teppich war. Es war ein abgetrenntes menschliches Bein.

Dann drehte sich alles, und sie erbrach sich auf die Straße.

8

UM NEUN UHR MORGENS saßen Phil Davidson und Vicky Donoghue in ihrer grünen Sanitäterkleidung im Krankenwagen, einem Mercedes Sprinter. Sie parkten auf einem Polizeiparkplatz gegenüber vom Uhrturm in Brighton.

Die Vorschriften verlangten, dass Krankenwagen Notfälle der Kategorie A innerhalb von acht Minuten erreichen mussten. Von dieser Position aus war das, wenn sie aggressiv genug fuhren, machbar.

Ihre Zwölf-Stunden-Schicht hatte vor neunzig Minuten begonnen. Der Berufsverkehr zog an ihnen vorbei, verschwamm aber hinter dem Regen, der von der Windschutzscheibe rann. Alle paar Minuten schaltete Vicky die Scheibenwischer ein. Taxis, Busse und Lieferwagen fuhren vorbei, Menschen trotteten zur Arbeit, einige unter Regenschirmen, andere durchnässt und mit düsterer Miene. Dieser Teil der Stadt sah selbst an einem sonnigen Tag nicht sonderlich gut aus, bei Regen war er schlicht und einfach deprimierend.

Der Rettungsdienst hatte von allen Notdiensten am meisten zu tun, und sie hatten bereits ihren ersten Einsatz hinter sich. Es war ein Notruf der Kategorie B gewesen, eine ältere Dame, die auf der Straße vor ihrem Haus in Rottingdean gestürzt war.

Die erste Lektion, die Phil Davidson in seinen acht Jahren als Rettungssanitäter gelernt hatte, war sehr einfach. Nicht alt werden. Und wenn es doch sein muss, nicht allein alt werden.

Bei etwa neunzig Prozent aller Einsätze hatten sie es mit älteren Menschen zu tun. Menschen, die gestürzt waren, die Herzflimmern oder Schlaganfälle oder vermutete Herzinfarkte hatten oder zu hinfällig waren, um mit dem Taxi ins Krankenhaus zu fahren. Außerdem gab es eine Menge schlauer Füchse, die das System geschickt ausbeuteten. Zu ihrem großen Ärger verbrachten Rettungssanitäter die Hälfte ihrer Arbeitszeit als kostenloses Taxi für faule, stinkende und oftmals grotesk übergewichtige Menschen.

Sie hatten die ältere Dame, die übrigens ganz reizend war, in die Notaufnahme des Royal Sussex Country Hospital gebracht und warteten nun auf den nächsten Anruf. Man wusste nie, was als Nächstes geschah, und das gefiel Phil Davidson an seinem Beruf am besten. Keine zwei Tage, keine zwei Notrufe waren gleich. Sobald die Sirene erklang, schoss das Adrenalin durch seinen Körper. Würde es ein Routineeinsatz oder einer, an den er sich noch Jahre später erinnerte? Die Notfälle waren in Kategorien von A bis C eingestuft, die auf dem Display zwischen den Sitzen erschienen, zusammen mit dem Einsatzort und den bekannten Tatsachen, die laufend aktualisiert wurden.

Er warf einen Blick auf den Bildschirm, als wollte er den nächsten Einsatz herbeiwünschen. Bei Regen kam es im Berufsverkehr oft zu Unfällen.

Die schweren Unfälle waren Phil am liebsten. Die Schränke des Rettungswagens waren vollgepackt mit der neuesten Traumatechnologie, darunter ein Notfallset für schwere Blutungen mit Verbandsmaterial, wie es die israelische Armee benutzte; Arterienabbindern für Kampfeinsätze; einem Asherman Chest Seal zur Behandlung von Brustverletzungen, lauter Standardprodukten des britischen und amerikanischen Militärs. Der Nutzen des Krieges, dachte er oft zynisch. Die Opfer schrecklicher Unfälle, die dank des Einsatzes der Rettungssanitäter überlebten, wussten meist gar nicht, was sie den Fortschritten der militärischen Medizintechnik verdankten.

Vicky ging rasch im Costa nebenan auf die Toilette. Sie hatte gelernt, jede Gelegenheit zu nutzen, weil man in diesem Job nie wusste, wann man zu tun hatte. Dann gab es möglicherweise stundenlang keine Gelegenheit mehr, pinkeln zu gehen.

Als sie sich wieder hinters Steuer setzte, telefonierte ihr Kollege gerade mit seiner Frau. Es war erst ihre zweite Schicht mit Phil, aber sie arbeitete gerne mit ihm. Er war schlank, drahtig, Ende dreißig, mit kurzrasiertem Haar und langen Koteletten. Er wirkte wie der Schurke im Film, obwohl er ein ganz lieber Kerl war. Ein weichherziger Softie, der an seiner Familie hing und allen Menschen freundlich und beruhigend begegnete. Außerdem verband sie die gemeinsame Leidenschaft zu ihrem Beruf.

Er beendete das Gespräch und schaute wieder aufs Display. »Ungewöhnlich still bis jetzt.«

»Nicht mehr lange.«

Sie saßen schweigend da, der Regen prasselte auf den Rettungswagen. Während ihrer Zeit beim Rettungsdienst hatte Vicky festgestellt, dass jeder Kollege ein Lieblingsgebiet hatte und wie von Zauberhand genau diese Fälle anzuziehen schien. Ein Kollege bekam immer die psychisch kranken Patienten ab. Sie selbst hatte in den vergangenen drei Jahren fünfzehn Babys auf die Welt geholt, während Phil in seiner ganzen Laufbahn noch keine einzige Entbindung erlebt hatte.

Vicky hingegen hatte bislang nur einen schweren Verkehrsunfall erlebt, gleich bei ihrer ersten Schicht. Einige Jugendliche hatten sich von einem Betrunkenen mitnehmen lassen. Er war mit hundertdreißig mitten in der Stadt auf einen geparkten Wagen aufgefahren. Ein Junge war sofort tot gewesen, ein anderer noch am Straßenrand gestorben.

»Weißt du, Phil, es ist komisch, aber ich war seit fast zwei Jahren bei keinem Verkehrsunfall mehr.«

Er schraubte seine Wasserflasche auf. »Wenn du lange genug dabeibleibst, wird einer kommen. Irgendwann kommt alles an die Reihe.«

»Du hattest noch kein Baby.«

Er grinste. »Eines Tages –«

Er wurde vom plötzlichen schrillen Heulen der Sirene im Rettungswagen unterbrochen. Das Geräusch konnte einen wahnsinnig machen, vor allem mitten in der Nacht. Sie waren im Einsatz.

Sofort schaute Phil auf den Bildschirm und las die Informationen:

Notfall: 00521. Kategorie B

Portland Road, Hove.

Geschlecht unbekannt.

Verkehrsunfall, drei Fahrzeuge. Fahrrad beteiligt.

Er drückte einen Knopf, um den Ruf zu bestätigen. Die Adresse wurde automatisch ins Navigationssystem geladen.

Das zeitliche Ziel für einen Notfall der Kategorie B waren achtzehn Minuten – zehn Minuten mehr als bei Kategorie A, aber es war immer noch ein Notfall. Vicky ließ den Motor an, schaltete Blaulicht und Sirene ein und fuhr vorsichtig über eine rote Ampel, bog nach rechts ab und beschleunigte.

Phil schaute konzentriert auf den Bildschirm. »Situation unklar«, las er vor. »Mehrere Rufe. Hochgestuft in Kategorie A. Ein Wagen ist in ein Geschäft gefahren. Scheiße, Kollision eines Radfahrers mit einem Lastwagen. Situation nicht unter Kontrolle, Verstärkung erbeten.« Er lehnte sich zurück und zog seine fluoreszierende Sicherheitsjacke durch die Öffnung in der Trennwand.

Sie rasten auf einen verstopften Kreisverkehr zu. Ein Taxifahrer wich auf den Gehweg aus, um sie durchzulassen. Verdammt, endlich mal ein Taxifahrer, der nicht pennt, dachte Phil. Er löste seinen Gurt und zog sich mühsam die Jacke an. Gleichzeitig schaute er weiter auf den Bildschirm.

»Alter unbekannt, Geschlecht unbekannt«, las er vor. »Atemstatus unbekannt. Unbekannte Anzahl von Patienten. Scheiße, schwere Personenschäden. Notarzt unterwegs.«

Mit anderen Worten, die Situation spitzte sich zu.

Dies bestätigte auch die nächste Meldung auf dem Bildschirm. »Abtrennung von Gliedmaßen. Autsch, da hat jemand seinen Pechtag!« Phil schaute zu Vicky: »Sieht aus, als ginge heute dein Wunsch in Erfüllung.«

9

ROY GRACE FAND KRANKENHÄUSER ausgesprochen gruselig – vor allem dieses. Im Royal Sussex County Hospital hatten seine Eltern im Abstand von mehreren Jahren die letzten Tage ihres Lebens verbracht. Zuerst war sein Vater mit nur fünfundfünfzig Jahren an Darmkrebs gestorben. Zwei Jahre später erlag seine Mutter mit sechsundfünfzig Jahren einem Brustkrebsleiden.

Wenn er durch die Tür des prachtvollen viktorianischen Gebäudes mit der neoklassizistischen Fassade trat, die von einem hässlichen Vorbau aus schwarzem Metall und Glas verunziert wurde, kam es ihm vor, als würde sie sich für immer hinter ihm schließen.

Hinter dem Altbau erstreckte sich ein gewaltiger Gebäudekomplex, ein Durcheinander aus neu und alt, hoch und niedrig, verbunden durch ein unendliches Labyrinth von Korridoren.

Als er den Dienstwagen den Hügel hinaufsteuerte und auf den kleinen Parkplatz bog, verknotete sich sein Magen. Streng genommen war er Rettungswagen und Taxis vorbehalten, aber das war ihm jetzt egal.

Als Kind hatte er noch gebetet, als Jugendlicher aber seinen Glauben verloren. Nun betete er jedoch still vor sich hin, dass es Cleo und dem ungeborenen Kind gutgehen möge.

Er lief an einigen Rettungswagen vorbei, die vor der Notaufnahme standen, und nickte einem Sanitäter zu, der neben einem Rauchverbotsschild stand und sich eine Zigarette gönnte. Er nahm nicht den öffentlichen Eingang, sondern die Tür für die Rettungssanitäter.

So früh am Tag war es meistens ruhig. Ein Jugendlicher saß in Handschellen auf einem Stuhl, um den Kopf einen dicken Verband. Neben ihm stand eine Polizistin und plauderte mit einer Krankenschwester. Ein langhaariger Mann mit alabasterweißer Haut lag auf einem Rollwagen und starrte an die Decke. Ein junges Mädchen hockte weinend auf einem Stuhl. Es roch wie üblich nach Desinfektionsmitteln und Bodenpolitur. Zwei Rettungssanitäter, die er ebenfalls kannte, schoben eine leere Krankentrage an ihm vorbei.

Er eilte zur Rezeption, hinter der einige gehetzt wirkende Mitarbeiter telefonierten, Formulare durchlasen oder auf Tastaturen hämmerten. Ein Pfleger schrieb etwas auf eine große Tafel, die an der Wand hing. Grace beugte sich über die Theke und versuchte verzweifelt, Aufmerksamkeit zu erregen.

Nach einer qualvollen Minute drehte sich der Krankenpfleger zu ihm um.

Grace zeigte seinen Ausweis vor, obwohl es eine persönliche Angelegenheit war. »Ich glaube, Cleo Morey wurde gerade hier aufgenommen.«

»Cleo Morey?« Der Mann schaute auf eine Liste und dann auf die Wandtafel. »Ja, die ist hier.«

»Wo finde ich sie?«

»Auf der Entbindungsstation. Kennen Sie sich aus?«

»Ein bisschen.«

»Thomas Kent Tower.« Er deutete in die betreffende Richtung. »Da entlang und den Schildern folgen. Dann kommen Sie zum Aufzug.«

Grace bedankte sich und lief den Flur entlang, bog links und rechts ab, kam an einem Schild mit dem Hinweis Entbindungsstation vorbei. Er blieb kurz stehen und holte sein Handy aus der Tasche. Sein Herz lag schwer wie Blei in seiner Brust, die Schuhe schienen am Boden zu kleben. Es war Viertel nach neun. Er rief seinen Chef ACC Rigg an, um ihn darauf vorzubereiten, dass er zu spät zur Besprechung kommen würde. Dessen Sekretärin meldete sich und erklärte, er solle sich keine Sorgen machen, der ACC habe am Morgen keine weiteren Termine.

Er lief weiter zum Aufzug, der zum Glück gerade offen stand.

Nach einer quälend langsamen Fahrt stieg er aus und öffnete die Tür mit der Aufschrift Entbindungsstation. Er gelangte in einen hellen Empfangsbereich mit rosa- und lilafarbenen Stühlen. Von hier aus hatte man einen schönen Blick auf die Dächer von Kemp Town und das Meer.

Eine freundlich wirkende Frau im blauen Kittel saß hinter der Empfangstheke. »Ach ja, Detective Superintendent Grace, man hat mich schon angerufen.« Sie deutete einen gelb gestrichenen Flur entlang. »Zimmer sieben. Vierte Tür links.«

Grace war zu aufgewühlt, um mehr als ein Dankeschön zu murmeln.

10

DER VERKEHR auf der Portland Road staute sich jetzt in beide Richtungen. Phil Davidson zog Chirurgenhandschuhe an und wappnete sich innerlich für die bevorstehende Aufgabe.

Vor ihnen stand ein Lastwagen mit offener Fahrertür. Mehrere Menschen hatten sich am Heck versammelt. Einer machte Fotos mit dem Handy. Auf der anderen Straßenseite war ein schwarzes Audi Cabrio in ein Café gerast. Auch hier stand die Fahrertür offen, und daneben sah Vicky eine Frau, die wie betäubt vor sich hin starrte. Es waren noch keine anderen Einsatzfahrzeuge vor Ort.

Vicky steuerte den Krankenwagen an der Autoschlange vorbei, wobei sie auf der falschen Straßenseite fuhr und konzentriert nach Fahrzeugen Ausschau hielt, die sie vielleicht überhört hatten. Dann bremste sie ab, schaltete die Sirene aus und hielt vor dem Lastwagen an. Ihr Magen verkrampfte sich, ihr Mund war plötzlich trocken.

Die Digitalanzeige stand auf sechs Minuten, zwanzig Sekunden – so lange hatten sie gebraucht, um den Einsatzort zu erreichen. Also locker innerhalb des Zeitlimits von acht Minuten. Wenigstens etwas. Phil Davidson schaltete das Blaulicht auf Standbetrieb. Bevor sie aus dem Wagen sprangen, warfen sie einen kurzen Blick auf die Szene, die sich ihnen bot.

Die Frau neben dem Audi, die welliges blondes Haar hatte und einen eleganten Regenmantel trug, hielt ein Handy ein Stück von ihrem Kopf entfernt, als wollte sie einen Ball werfen. Um sie herum lagen zerbrochene und umgekippte Tische und Stühle, doch waren dort auf den ersten Blick keine Verletzten zu sehen.

Bis auf einen jungen Mann in Regenjacke, der Fotos mit seinem Handy machte, schien niemand von der Verwüstung Notiz zu nehmen. Alles konzentrierte sich auf die Hinterräder des Lkw.

Die beiden Rettungssanitäter stiegen aus und schauten sich sorgsam um. Vorbeifahrende Autos waren gefährlich, doch der Verkehr war definitiv zum Stehen gekommen.

Ein kleiner, stämmiger Mann von Mitte vierzig eilte auf sie zu. Sein bleiches Gesicht, die weit aufgerissenen Augen und die bebende Stimme verrieten Vicky, dass er unter Schock stand.

»Unter meinem Lkw«, sagte er. »Er ist unter meinem Lkw.« Er drehte sich um und zeigte mit der Hand.

Ein Stück weiter entdeckte Vicky eine Fahrradlampe, einen Sattel und einen Reflektor auf der Straße. Daneben etwas, das sie auf den ersten Blick für einen Stoffschlauch mit einem Turnschuh daran hielt. Dann schnürte es ihr die Kehle zusammen, und sie konnte die Galle nur mühsam hinunterschlucken. Sie und Phil liefen durch den Regen hinter den Vierachser und drängten sich vorsichtig durch die Menge. Eine junge Frau kniete halb unter dem Lkw, machte aber sofort Platz. »Ich habe noch einen Puls gespürt.«

Die Rettungssanitäter nickten zum Dank, knieten sich hin und schauten unter das Fahrzeug.

Es war ziemlich dunkel und roch nach Erbrochenem, vermischt mit Motoröl und heißem Metall. Phil roch noch etwas anderes, den warmen, kupfernen Geruch von Blut, der ihn immer daran erinnerte, wie er als Kind mit seiner Mutter beim Metzger eingekauft hatte.

Vicky sah einen jungen Mann mit kurzem dunklen Haar, das blutverschmiert war. Sein Gesicht war aufgerissen, der Körper verkrümmt. Er hatte die Augen geschlossen. Er trug einen zerfetzten Anorak und Jeans. Ein Hosenbein hatte sich um den Radlauf gewickelt. Aus dem anderen ragte ein weißer, von zerfetztem Jeansstoff umgebener Knochenstumpf hervor.

Anorak und T-Shirt waren am Bauch aufgerissen, und eine Darmschlinge lag in einer Pfütze auf dem Asphalt.

Vicky kroch als Erste unter den Wagen und fühlte den Puls. Sehr schwach. Die beiden Rettungssanitäter waren sofort über und über mit Öl, Schmutz und Blut verschmiert, so dass der blaue Stoff ihrer Kittel nicht mehr zu erkennen war.

»VIELNAL«, flüsterte Phil Davidson grimmig.

Sie nickte und schluckte wieder Galle hinunter. Den Begriff kannte sie von dem tödlichen Unfall, der nicht weit von hier geschehen war. Es war der Galgenhumor der Rettungssanitäter, ein Überlebensmechanismus, um mit entsetzlichen Anblicken fertig zu werden. Er stand für: Völlig im Eimer, leider noch am Leben.

Wenn die inneren Organe schon auf dem Asphalt lagen, gab es kaum eine Chance für das Opfer. Selbst wenn der Mann technisch noch am Leben war, würde ihn die Infektion töten. Sie wandte sich an ihren erfahreneren Kollegen.

»Puls?«

»Schwacher Radialpuls.« Das bedeutete, dass sein Blutdruck noch ausreichte, um einige Organe zu versorgen.

»Bleiben und Spielen«, flüsterte er. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als vor Ort etwas zu versuchen, da sie ihn wegen des eingeklemmten Beins nicht bewegen konnten. »Ich hole den Koffer.«

Bleiben und Spielen stand eine Stufe über Aufsammeln und Abhauen. Es hieß, dass die Chancen des Opfers zwar gering waren, sie aber alles versuchen würden, bis derjenige tatsächlich gestorben war.

Eine Sirene näherte sich. Dann hörte Vicky, wie Phil über Funk die Feuerwehr verständigte, die schweres Gerät zum Anheben des Lkw mitbringen sollte. Sie drückte dem jungen Mann die Hand. »Halte durch. Kannst du mich hören? Wie heißt du?«

Keine Antwort. Sein Puls wurde schwächer. Die Sirene lauter. Sie betrachtete den Beinstumpf. Fast kein Blut. Das einzig Positive. Menschliche Körper waren dafür geschaffen, mit Traumata umzugehen. Die Kapillargefäße schlossen sich. Es war wie bei dem Unfall vor zwei Jahren, bei dem ein Junge gestorben war, obwohl er kaum geblutet hatte. Der Körper versetzte sich selbst in einen Schockzustand. Wenn sie eine Aderpresse anlegen konnten und vorsichtig mit den Eingeweiden umgingen, hätte er vielleicht noch eine Chance.

Sie drückte ihre Finger fest auf die Radialarterie. Der Puls wurde immer schwächer.

»Halte durch. Halte einfach durch.« Sie schaute ihm ins Gesicht. Ein gutaussehender Junge. Aber er wurde immer blasser. »Bleib bei mir, alles wird gut.«

Der Puls war kaum noch spürbar.

Sie bewegte die Finger, suchte verzweifelt nach einer Bewegung. »Du schaffst es«, flüsterte sie. »Du kannst das! Na los, nicht aufgeben!«

Die Sache war persönlich geworden.

Für Phil mochte es nur ein VIELNAL sein, aber für sie war es eine Herausforderung. Sie wollte ihn in zwei Wochen im Krankenhaus besuchen und im Bett sitzend vorfinden, umgeben von Grußkarten und Blumen. »Na los!«, drängte sie ihn, schaute auf den dunklen Bauch des Lastwagens, den schlammverkrusteten Radlauf, die verschmierten Träger des Fahrwerks. »Nicht aufgeben!«

Phil kroch mit seiner roten Tasche und dem Blutungsset unter den Lkw. Mehr konnte die moderne Medizintechnik einem Traumaopfer nicht bieten.

Doch als er die rote Tasche öffnete, die Ampullen mit lebensrettenden Medikamenten, Instrumente und Überwachungsgeräte enthielt, erkannte Vicky, dass es reine Kosmetik war.

Der Puls des Mannes war kaum noch zu spüren.

Sie hörte das Heulen des Knochenbohrers. Es war der schnellste Weg, um die Notkanüle zu legen und Medikamente hineinzupumpen. Sie half Phil dabei, den Knochen unter dem Fleisch des intakten Beins zu ertasten. Der Profi in ihr brach sich Bahn, und sie schob alle Emotionen beiseite. Sie mussten es versuchen. Sie würden es versuchen.

»Bleib bei uns«, drängte sie.

Es war klar, dass der arme junge Mann am Radlauf eingeklemmt und überfahren worden war. Der Reifen hatte seine Körpermitte zerquetscht und den Bauch aufplatzen lassen. Phil Davidson schätzte im Geiste den Schaden ein, den die inneren Organe und Knochen genommen hatten. Es sah aus, als wäre das Becken zerschmettert, was allein schon zu massiven inneren Blutungen führte. Hinzu kamen alle anderen Verletzungen.

Am besten, der Junge starb schnell, dachte er, während er entschlossen weiterarbeitete.

11

ROY GRACE WAR ENTSETZT, wie blass Cleo aussah. Sie lag in einem Zimmer mit hellblauen Wänden, das mit medizinischen Geräten vollgestopft war. Die schöne Aussicht über Kemp Town bemerkte er kaum. Ein großer Mann Anfang dreißig stand neben ihr und notierte gerade ein Messergebnis.

Cleo trug ein grünes Krankenhausnachthemd, und ihr blondes Haar hatte seinen üblichen Glanz verloren. Sie begrüßte Roy mit einem schwachen Lächeln, als freute sie sich über seinen Besuch, schämte sich aber gleichzeitig, dass er sie so sah. An ihrer Brust war ein Gewirr aus Elektroden befestigt, und am Daumen trug sie einen Pulsmesser.

»Tut mir leid«, sagte sie kleinlaut, als er ihre Hand drückte, und erwiderte seinen Druck ganz schwach.

Furchtbare Panik stieg in ihm auf. Hatte sie das Baby verloren? »Was ist passiert?«

Der Mann blickte auf. Er trug einen Anstecker mit der Aufschrift Dr. N. Cross, Assistenzarzt. »Sind Sie der Ehemann?«

»Verlobter.« Er brachte das Wort kaum heraus. »Roy Grace.«

»Ach ja, natürlich.« Der Assistenzarzt warf einen Blick auf Cleos Verlobungsring. »Nun, Mr Grace, Cleo geht es gut, aber sie hat viel Blut verloren.«

»Was ist passiert?«

Ihre Stimme klang schwach. »Ich hatte gerade mit der Arbeit angefangen – ich wollte eine Leiche für die Autopsie vorbereiten und begann plötzlich zu bluten, ganz stark, als wäre etwas in mir explodiert. Ich dachte, ich würde das Baby verlieren. Dann bekam ich furchtbare Schmerzen, wie Magenkrämpfe. Als Nächstes lag ich auf dem Boden, und Darren beugte sich über mich. Er hat mich hergefahren.«

Darren war ihr Assistent im Leichenschauhaus.

Grace schaute sie mit einer Mischung aus Erleichterung und Ungewissheit an. »Und das Baby?«

»Wir haben eben einen Ultraschall gemacht«, erwiderte der Assistenzarzt. »Der Befund nennt sich Placenta previa. Ihre Plazenta befindet sich ungewöhnlich weit unten.«

»Was – was bedeutet das – für unser Baby?«, fragte Grace sorgenvoll.

»Es gibt Komplikationen, aber Ihrem Baby geht es im Augenblick gut«, sagte Dr. Cross freundlich, doch mit einem düsteren Unterton in der Stimme. Dann drehte er sich zur Tür und nickte jemandem zu.

Ein kräftig gebauter Mann mit Brille, der wie ein wohlwollender Bankmanager wirkte, kam herein.

»Dr. Holbein, das ist Cleos Verlobter.«

»Freut mich.« Er gab Grace die Hand. »Ich bin Des Holbein, der zuständige Gynäkologe. Gut, dass Sie hier sind. Wir müssen nämlich einige Entscheidungen treffen.«

Die Angst durchfuhr Roy Grace wie ein Stich, doch die nüchterne Art des Gynäkologen wirkte beruhigend.

»In der 21. Woche war Cleo zu einem Routine-Ultraschall hier. Damals sah alles gut aus. Allerdings hat das Baby seitdem nicht zugenommen, was kein gutes Zeichen ist. Es bedeutet, dass die Plazenta nicht richtig arbeitet. Sie reicht aus, um das Baby am Leben zu erhalten, aber nicht, um es wachsen zu lassen.«

»Was bedeutet das?«

Des Holbein lächelte wie ein Bankmanager, der ein Darlehen gewährt, wenn auch zu härtesten Bedingungen. »Nun, eine Möglichkeit wäre, es jetzt zu holen.«

»Jetzt?«

»Ja, aber in der 23. Schwangerschaftswoche lägen die Überlebenschancen nur knapp über fünfzig Prozent. In einem Monat würden sie auf über neunzig Prozent steigen. Wenn wir es bis zur 34. Woche schaffen, liegen sie bei achtundneunzig Prozent.« Er schaute beide nacheinander an, ohne eine Miene zu verziehen.

Auf einmal spürte Grace einen völlig irrationalen Zorn auf diesen Mann. Er redete von ihrem Kind. Er ratterte fröhlich irgendwelche Prozentzahlen herunter, als ginge es um eine Sportwette. Er fühlte sich vollkommen hilflos. Davon hatte er nichts gewusst. So etwas stand nicht in den Büchern, die er gelesen hatte, und auch nicht in den Broschüren, die Cleo vom Gesundheitsdienst bekommen hatte. Darin ging es immer nur um perfekte Schwangerschaften und perfekte Geburten.

»Was würden Sie uns denn raten?«, fragte Grace. »Was würden Sie tun, wenn es Ihr Kind wäre?«

»Wenn wir es jetzt holen, ist die Gefahr, dass Ihr Baby stirbt, sehr groß. Falls es überlebt, muss es mehrere Monate in einem Inkubator verbringen, was dem Baby und der Mutter nicht guttut. Letztlich liegt die Entscheidung bei Ihnen, aber wir sollten Cleo für ein paar Tage hier behalten und versuchen, den Blutkreislauf zu stützen, was die Blutung hoffentlich stillen wird.«

»Kann ich danach denn wieder arbeiten?«

»Ja, aber nicht schwer heben. Und Sie müssen sich zwischendurch ausruhen. Außerdem müssen wir Sie für den Rest der Schwangerschaft überwachen.«

»Könnte so etwas wieder passieren?«, wollte Grace wissen.

»Ehrlich gesagt, die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig. Ich arbeite hier mit einer Dreierregel. Bei der zweiten Blutung werde ich darauf bestehen, dass Ihre Verlobte bei der Arbeit noch kürzer tritt.« Er wandte sich an Cleo. »Bei einer dritten Blutung müssen Sie den Rest der Schwangerschaft im Krankenhaus verbringen.«

»Hat unser Baby irgendwelchen Schaden genommen?«, erkundigte sich Grace.

Der Gynäkologe schüttelte den Kopf. »Zu diesem Zeitpunkt besteht keine Gefahr. Nur ein Teil der Plazenta arbeitet nicht so gut. Die Plazenta ist ein Organ, genau wie eine Niere oder Lunge. Ein Baby kann auf einen Teil ohne weiteres verzichten. Ist die Plazenta jedoch zu sehr geschwächt, wächst es nicht richtig. Und kann in extremen Fällen sterben.«

Wieder drückte Grace Cleos Hand und küsste sie auf die Stirn, ihm war schlecht vor Angst. Verdammte Statistik. Prozentsätze. Fünfzig Prozent waren eine beschissene Quote. Cleo war so stark, so positiv, sie würden es gemeinsam durchstehen. DC Nicholas und seine Frau hatten im vergangenen Jahr etwas Ähnliches erlebt, und ihr Baby war gesund und kräftig zur Welt gekommen. »Alles wird gut, Liebes«, sagte er, doch sein Mund war trocken.

Cleo nickte und brachte ein düsteres Lächeln zustande. »Ja.«

Grace warf einen Blick auf die Uhr und wandte sich an die beiden Ärzte. »Könnten wir einen Augenblick allein sein? Ich habe gleich eine Besprechung.«

»Selbstverständlich.«

Die Ärzte verließen das Zimmer.

Roy drückte sein Gesicht an Cleos und legte ihr behutsam die Hand auf den Bauch. Er kam sich furchtbar unzulänglich vor. Verbrechern konnte er das Handwerk legen, doch in diesem Augenblick war er anscheinend nicht in der Lage, irgendetwas für die Frau, die er liebte, und ihr ungeborenes Baby zu tun. Es lag einfach nicht in seiner Macht. »Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr.«

Ihre Hand strich über seine Wange. »Ich liebe dich auch. Du bist nass, regnet es noch?«

»Ja.«

»Hast du dir das Auto angesehen? Den Alfa?«

»Ich habe einen kurzen Blick darauf geworfen. Ich weiß nicht, ob er praktisch ist.« Das Wort Baby erwähnte er nicht.

Er hielt ihre Hand und küsste den Verlobungsring an ihrem Finger. Er verlieh ihm jedes Mal ein seltsames Gefühl, ein Gefühl grenzenloser Freude. Noch immer gab es ein großes Hindernis für ihre Heirat – die zahllosen Formalitäten, die erforderlich waren, um seine seit zehn Jahren vermisste Frau Sandy für tot erklären zu lassen.

Er ging peinlich genau dabei vor. Auf Anweisung der Behörden hatte er vor kurzem Anzeigen in den Lokalzeitungen und den großen Tageszeitungen aufgegeben und alle Leute, die Sandy in den vergangenen zehn Jahren eventuell gesehen hatten, gebeten, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Bisher hatte sich niemand gemeldet.

Ein befreundeter Kollege und seine Frau wollten Sandy im vergangenen Sommer in München gesehen haben, doch obwohl er seine Bekannten bei der deutschen Polizei verständigt hatte und selbst hingeflogen war, war nichts dabei herausgekommen. Inzwischen war er sich sicher, dass die beiden sich geirrt hatten. Dennoch hatte er es den Behörden gemeldet, die verlangten, dass er auch in deutschen Zeitungen inserierte, was er getan hatte.

Er musste auch eine eidesstattliche Erklärung über alle Personen abgeben, bei denen er Nachforschungen angestellt hatte, darunter auch die letzte Person, die Sandy lebend gesehen hatte. Es war eine Kollegin in der medizinischen Einrichtung gewesen, in der Sandy halbtags gearbeitet hatte. Sie hatte gesehen, wie Sandy am Tag ihres Verschwindens um 13.00 Uhr das Büro verlassen hatte. Außerdem musste er Unterlagen über die polizeilichen Ermittlungen einreichen und angeben, welche ihrer Arbeitskollegen und Freunde er kontaktiert hatte. Er musste unter Eid erklären, dass er nach ihrem Verschwinden das Haus durchsucht und dass nichts gefehlt hatte außer ihrer Handtasche und ihrem Auto.

Man hatte ihren Golf vierundzwanzig Stunden später auf dem Kurzzeitparkplatz am Flughafen Gatwick gefunden. Am Morgen ihres Verschwindens hatte es zwei Transaktionen mit ihrer Kreditkarte gegeben, einmal 7,50 Pfund beim Drogeriemarkt Boots und 16,42 Pfund an der Tankstelle des Tesco-Supermarktes. Sie hatte keine Kleidung und auch sonst nichts mitgenommen. Sie war auf keiner Überwachungskamera innerhalb der Stadt gesehen worden.

Er empfand es in gewisser Weise als Therapie, diese Formulare auszufüllen. Endlich konnte er die Suche abschließen. Und mit etwas Glück würde das Verfahren rechtzeitig erledigt sein, damit sie noch vor der Geburt des Babys heiraten konnten.

Er seufzte schweren Herzens und drückte Cleo wieder die Hand. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas zustieße. Das könnte ich nicht.

12

IN SEINEN ACHT JAHREN bei der Verkehrspolizei hatte PC Dan Pattenden gelernt, dass man gewöhnlich das blanke Chaos vorfand, wenn man als Erster an der Unfallstelle eintraf. Das galt vor allem bei Regen. Am schlimmsten aber war, dass er dank der Budgetkürzungen allein im Wagen saß, als er mit Blaulicht und Sirene die Portland Road entlangraste.

Die Informationen, die er über Display und Funk empfing, waren total chaotisch. Dass es sich um einen schwerwiegenden Unfall handelte, erkannte man schon daran, wie viele Personen ihn gemeldet hatten. Bisher waren bereits acht Anrufe in der Zentrale eingegangen.

»Lkw und Fahrrad; ein Pkw ist auch beteiligt«, hatte man ihm gesagt.

Lkw und Fahrrad, das war nie gut.

Er fuhr langsamer, als er sich der Unfallstelle näherte. Durch die regennasse Windschutzscheibe bot sich wie erwartet ein absolut chaotisches Bild. Ein Kühltransporter stand auf der Straße, daneben ein Rettungswagen. Auf dem Asphalt lag ein verbogenes Fahrrad. Ein zerbrochener Reflektor. Eine Baseballkappe. Ein Turnschuh. Überall standen Menschen, manche ganz starr vor Schock, andere machten Fotos mit dem Handy. Eine kleine Menge hatte sich an der hinteren Seite des Lkw versammelt. Auf der anderen Straßenseite hatte ein schwarzes Audi Cabrio die Außenmauer eines Cafés gerammt.

Er stellte den BMW-Streifenwagen quer auf der Straße ab, das war immer der erste Schritt, um den Unfallort abzusperren. Hoffentlich kam bald Verstärkung, er brauchte etwa zwanzig Leute gleichzeitig. Um sicherzugehen, forderte er per Funk weitere Streifenwagen an. Dann setzte er die Mütze auf, zog die fluoreszierende Jacke über und schnappte sich den Block mit den Unfallberichten. Er versuchte, sich rasch ein Bild zu machen und alle Schritte zu berücksichtigen, die ihm seine Ausbildung und die eigene beträchtliche Erfahrung diktierten.

Ein durchnässter junger Mann im Jogginganzug eilte auf ihn zu. »Ein Lieferwagen, ein weißer Lieferwagen hat eine rote Ampel überfahren. Er hat ihn erwischt und ist weggefahren.«

»Haben Sie das Kennzeichen erkannt?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein – tut mir leid – es ging so schnell.«

»Können Sie den Lieferwagen beschreiben?«

»Ich glaube, es war ein Ford. Ein Transit. Und ich meine, er hatte keine Aufschrift.«

Pattenden notierte sich das und schaute den jungen Mann wieder an. Oft verschwanden Zeugen, vor allem bei solchem Wetter. »Ich brauche Ihren Namen und Ihre Telefonnummer. Könnten Sie im Wagen auf mich warten?«

Der Mann nickte.

Pattenden hoffte, dass der Zeuge dablieb, wenn er es warm und trocken hatte. Er gab die Informationen an die Zentrale weiter und eilte zu dem Lkw. Er registrierte das abgetrennte Bein auf der Straße, ging aber weiter und kniete sich neben die Sanitäter. Er warf einen kurzen Blick auf den verstümmelten, bewusstlosen Radfahrer und die Eingeweide auf der Straße. Im Augenblick war er zu beschäftigt, um sich von dem Anblick abschrecken zu lassen. »Was können Sie mir sagen?« Eigentlich war die Frage überflüssig.

Der männliche Sanitäter, den er vom Sehen kannte, schüttelte den Kopf. »Sieht nicht gut aus, wir verlieren ihn.«

Es war die einzige Information, die der Polizeibeamte im Augenblick brauchte. Alle Todesfälle im Straßenverkehr wurden als mögliches Tötungsdelikt behandelt, bis das Gegenteil erwiesen war. Als einziger Beamter vor Ort war es seine Pflicht, die Unfallstelle wie einen Tatort abzusperren. Danach würde er dafür sorgen, dass die beteiligten Fahrzeuge und Zeugen an Ort und Stelle blieben. Erleichtert hörte er in der Ferne weitere Sirenen.

Er lief zu seinem Wagen und rief dabei in die Menge: »Wer den Unfall gesehen hat, kommt bitte zum Streifenwagen. Ich brauche Ihren Namen und Ihre Telefonnummer.« Aus dem Kofferraum holte er ein faltbares Schild mit der Aufschrift STRASSE GESPERRT – POLIZEI und stellte es kurz hinter seinem Wagen auf. Gleichzeitig gab er über Funk durch, dass sie es womöglich mit Fahrerflucht zu tun hatten. Er forderte die Feuerwehr und weitere Verstärkung an.

Er nahm eine Rolle mit blau-weißem Band, befestigte ein Ende an einem Laternenpfahl und das andere an einem Verkehrsschild auf der gegenüberliegenden Seite. Als er fertig war, sah er zwei Beamte seiner Einheit auf sich zulaufen. Er wies sie an, die Straße jenseits der Unfallstelle abzusperren und die Namen und Telefonnummern möglicher Zeugen zu notieren.

Er zog seine Sicherheitsjacke aus und breitete sie über das abgetrennte Bein, um den Umstehenden den furchtbaren Anblick zu ersparen und um zu verhindern, dass ein Schaulustiger weitere Fotos davon machte. »Gehen Sie auf die andere Seite der Absperrung!«, brüllte er. »Falls Sie Zeuge sind, steigen Sie in den Streifenwagen, ansonsten gehen Sie weiter!«

Weitere Einsatzfahrzeuge trafen ein. Er sah einen zweiten Rettungswagen und den Notarztwagen. Vor allem aber konzentrierte er sich darauf, die Fahrer des Lkw und des Audi inmitten der Masse Schaulustiger und Zeugen zu identifizieren.

Eine elegant gekleidete Frau mit regennassem Haar stand in der Nähe der offenen Fahrertür des Audi und starrte wie gebannt auf den Lkw.

Er eilte zu ihr hinüber. »Sind Sie die Fahrerin dieses Wagens?«

Sie nickte mit leerem Blick und schaute unverwandt über seine Schulter.

»Sind Sie verletzt? Brauchen Sie ärztliche Hilfe?«

»Er tauchte aus dem Nichts auf, aus der Seitenstraße, und fuhr genau auf mich zu. Ich musste ausweichen, sonst hätte ich ihn erwischt.«

»Wen?« Er beugte sich vor, um an ihrem Atem zu riechen. Ein schwacher Hauch von Alkohol.

»Den Radfahrer«, sagte sie wie betäubt.

»Haben Sie einen weißen Lieferwagen gesehen?«

»Er war genau hinter mir, er ist ganz dicht aufgefahren.«

Pattenden warf einen raschen Blick auf den Audi. Obwohl die Motorhaube zusammengedrückt war und die Airbags sich geöffnet hatten, wirkte das Wageninnere intakt.

»Gut, Madam, würden Sie bitte für einige Minuten in Ihren Wagen steigen?« Er nahm sie sanft bei den Schultern und drehte sie von der Unfallstelle weg. Wenn Fahrer, die in einen schweren Unfall verwickelt waren, zu lange auf das Grauen starrten, erlitten sie ein Trauma. Die Frau war schon kurz davor. Er schob sie zu ihrem Auto und sah zu, wie sie einstieg. Die Tür ließ sich nur mühsam öffnen, vermutlich waren die Scharniere verbogen.

Ein Polizeihelfer kam auf ihn zugelaufen. »Sind noch mehr von euch da?«

»Ja, Sir.« Der Mann deutete auf zwei Kollegen, die sich im Laufschritt näherten.

»Gut. Sie warten hier und sorgen dafür, dass die Dame im Wagen bleibt.«

Zu seiner Erleichterung tauchte die schlanke Gestalt seines diensthabenden Vorgesetzten Sergeant Paul Wood auf, der mit entschlossener Miene auf ihn zukam. Er trug eine Rolle Absperrband und unter jedem Arm einen Absperrkegel.

Nun blieb nicht mehr alles an ihm hängen.

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