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Eine Kiewer Möbelfabrik kämpft ums Überleben. Irina Stepanenko, die Assistentin vom Eigentümer, initiiert einen Stand auf der Kiewer Möbelmesse, der Carsten Donnermann, Geschäftsführer eines Berliner Möbelhauses so beeindruckt, dass er einen Liefervertrag abschließt. Die Drogenschieberbande der Gebrüder Karim kämpft ebenfalls mit Problemen, sich in der Kiewer Drogenszene zu etablieren. Als die der klammen Möbelfabrik einen Kredit gewähren, damit die die Möbel für Berlin produzieren können, sehen die eine Chance, ihre Drogen versteckt in den Möbeln nach Berlin zu schmuggeln. Sie streben danach, auch die Möbeltransporte innerhalb der Filialkette des Möbelhauses zum Verteilen ihrer Drogen zu nutzen. Viktoria Donnermann, Eigentümerin des Möbelhauses erkennt die Gefahr und stellt sich dem Plan entgegen. Beide Frauen kämpfen für ihr Unternehmen gegen den Einfluss der Karims und riskieren dabei ihr Leben.
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Seitenzahl: 509
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Buchbeschreibung
Eine Kiewer Möbelfabrik kämpft ums Überleben. Irina Stepanenko, die Assistentin vom Eigentümer, initiiert einen Stand auf der Kiewer Möbelmesse, der Carsten Donnermann, Geschäftsführer eines Berliner Möbelhauses so beeindruckt, dass er einen Liefervertrag abschließt. Die Drogenschieberbande der Gebrüder Karim kämpft ebenfalls mit Problemen, sich in der Kiewer Drogenszene zu etablieren. Als die der klammen Möbelfabrik einen Kredit gewähren, damit die die Möbel für Berlin produzieren können, sehen die eine Chance, ihre Drogen versteckt in den Möbeln nach Berlin zu schmuggeln. Sie streben danach, auch die Möbeltransporte innerhalb der Filialkette des Möbelhauses zum Verteilen ihrer Drogen zu nutzen. Viktoria Donnermann, Eigentümerin des Möbelhauses erkennt die Gefahr und stellt sich dem Plan entgegen. Beide Frauen kämpfen für ihr Unternehmen gegen den Einfluss der Karims und riskieren dabei ihr Leben.
Der Autor
Herbert Grunwald studierte Mathematik und Informatik. Er arbeitete in der Datenverarbeitung eines großen Unternehmens. Davor und auch für diese Firma hielt er sich mehrfach in Brasilien und Mexiko auf. Er ist verheiratet und lebt in Brandenburg südlich von Berlin.
Ein Wort zum Buch
Eine mutige und selbstbewusste Frau sucht in ihrer Heimatstadt Kiew die Möbelfabrik ihres Arbeitgebers vor der Pleite zu retten. Äußere Bedrohungen des Landes und eine Wirtschaft im Abwärtstrend bremsen die Geschäfte der Firma. Sie hat die scheinbar rettende Idee und kämpft einfach weiter für deren Existenz. Fraglich, ob sich ihr Einsatz auszahlen wird.
Nicht weniger dramatisch verläuft der Kampf einer genauso tapferen wie resoluten Frau, Eigentümerin eines Möbelhauses in Berlin. Die Bedrohungen ihres Unternehmens sind nur scheinbar anders. Es sind die Lieferbeziehungen zwischen der Kiewer Firma und ihrem Unternehmen, die eine tragische Verkettung der Ereignisse verursachen und beide Frauen an den Rand ihrer Kräfte treiben.
Es sind zwei Frauen, die in ihrem Kampf bedingt vergleichbar sind, nur die Typen um sie herum sind ähnlich geschnitzt.
Teil I Die Verwicklung
1. Messe in Kiew
2. Die Karims tauchen auf
3. Ein Liefervertrag
4. Das Geständnis
5. Im Auftrag der Karims
6. Irinas Bitte
7. Danylo in Berlin
8. Warten auf eine Kreditzusage
9. Umdenken bei Danylos Bossen
10. Kreditverhandlungen
11. Der Deal läuft, erste Lieferung
12. Ein Gerücht und Zweifel
13. Wladimirs Pläne
14. Viktorias Entscheidung
15. Änderung in der Möbelfabrik
16. Druck auf die Donnermanns
17. Crash in Donnermanns Villa
18. Entdeckung in der Villa
19. Zurück in Kiew
20. Überzogene Erwartungen
21. Aussprache in der Organisation
22. Markov sucht eine Absprache
23. Nachforschungen der Kripo
24. Endlich Gewissheit
25. Keine Zeit zur Trauer
26. Immer die gleichen Fragen
27. Der Kipppunkt
28. Buchungstricks der Spedition
29. Shakhovs Ansinnen
30. Die Spedition fliegt auf
31. Gewissheit
32. Treffen im Knast
33. Ermittlungen in der Ukraine
34. Sorge um den Liefervertrag
35. Ein neuer Vertrag
36. Überraschendes Erbe
37. Thorsten besucht seinen Vater
38. Ein Projekt in Aussicht
39. Rückkehr der Karims
40. Ein Plan reift
41. Die Überwachung beginnt
42. Eine verwegene Idee
43. Ein Video geht online
44. Der Plan wirkt
45. Der Anschlag
46. Thorstens Sorge
47. Wer schützt sich wie?
48. Auf der Flucht
49. Eine Bedrohungslage
50. Wladimir plant ein Treffen
51. Nur ein Schuss
52. Letzter Tag in Kiew
Die internationale Kiewer Messe für Möbel und Inneneinrichtungen war nicht im Kalender von Carsten Donnermann eingetragen. Für die hatte eine Anzeige in einem Fachblatt geworben. Das Risiko eines Besuchs in ein teilweise von heftigen Unruhen geschütteltes Land zum Jahreswechsel 2013 /2014, hatte er überlegt, aber als für ihn nicht kritisch angesehen. Auf die eskalierenden und gewalttätigen Proteste durch die Bürger, zum Beispiel auf dem Euromajdan in Kiew, hatten ihn die Medien hingewiesen, aber nicht veranlasst, sich weiter mit Ursachen des Konflikts zu beschäftigen. In welche Richtung sich das Land entwickeln sollte, in Richtung EU oder näher an Russland, hielt er für eine hypothetische Frage. Dass der Nachbarn Russland diese Zerrissenheit in der Bevölkerung nutzen könnte, um seine territorialen Ansprüche dort gelten machen zu können, lag weitgehend unterhalb seiner bewussten Wahrnehmung. So berührte ihn auch wenig, was infolge dieser Tumulte an Opfern zu beklagen waren und fast parallel die Krim von russischem Militär besetzt wurde, die Kämpfe im Osten der Ukraine anwuchsen. Die ohnehin schwierige wirtschaftliche Situation verschärfte sich im Land weiter und eine am Stadtrand Kiews produzierende mittelständige Möbelfabrik musste um ihre Existenz fürchten. Die verlor nicht nur Kunden im Ostteil des Landes, auch Lieferanten zum Beispiel für Holz schieden für eine Belieferung aus.
Bei ihm war es die stete Suche nach kostengünstigen Lieferanten und etwas Intuition, die ihn zu diesem Messebesuch veranlassten. Wer würde Möbel aus der Ukraine beziehen, hatte er sich vorher sogar gefragt, obwohl sein Haus schon seit etlichen Jahren Möbel aus Osteuropa bezog. Es gab einen Einkaufsleiter in seinem Unternehmen, er behielt trotzdem selbst den Möbelmarkt im Auge, besuchte mehrfach im Jahr einschlägige Fachmessen oder schaute gelegentlich bei Möbelhäusern seiner Konkurrenten vorbei. Immer war er auf der Suche nach neuesten Trends und anderen Liefermöglichkeiten.
Kiew erlebte er so früh an diesem Morgen im März kalt und trübe. Fast bereute Donnermann jetzt diesen Flug. Er störte sich am Grau der Umgebung und dem anhaltend winterlichen Wetter auf der Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen zu seinem Hotel. Erst in der Lobby des Hotels im Stadtteil Podil fühlte er sich etwas entspannter, wenn auch von der Anreise ermüdet. Er beschloss, sich eine kurze Weile hinzulegen und schlief dabei ein. Als er erwachte, musste er sich erst besinnen, wo er war. Es war noch genügend Zeit, um sich im Hotelrestaurant mit einem Imbiss zu stärken. Er hatte sich am Flughafen einen Messeführer eingesteckt, den studierte er dabei. Die vier Ausstellungshallen erschienen ihm überschaubar, ebenso wie die Anzahl der Aussteller. Sein Interesse war allgemein, er wollte sich einen Überblick verschaffen, was in diesem Land zu welchen Preisen an Möbeln produziert wurde. Im Messekatalog fiel ihm eine Anzeige auf. Da wurde für Schlafzimmermöbel mit einem angeblich speziellen ukrainischen Design geworben.
„Na dann schaue ich mir den Stand mal an“, sagte er leise.
Vielleicht wollte der Taxifahrer ihm etwas von Kiew zeigen, jedenfalls ging die Fahrt durch das Zentrum bis auf die andere Seite des Dnepr, wo das International Exhibition Center lag. Er blickte neugierig auf die Straßen, die sich im Licht der Mittagssonne deutlich ansehnlicher als auf seiner Fahrt vom Flughafen zum Hotel. Da hatte er Eintönigkeit und Tristes wahrgenommen. Die Fahrt durch die Innenstadt dauerte, da es oft nur im Schritttempo voranging, was Carsten aber nicht störte. Er hatte keine Termine und für den Besuch der Messe blieben ihm der gesamte Nachmittag.
Auf dem Messegelände war mehr los, als er erwartet hatte. Viele Besucher drängten sich durch die Gänge. Die Ausstellungsflächen waren gar nicht voll belegt, wie er schnell feststellte. Bis Messeschluss am Abend meinte er, sich einen Überblick verschaffen zu können. Er folgte dem im Messeführer vorgeschlagenen Besuchsweg. Was er an Möbeln für Wohnzimmer sah, sprach ihn nur mäßig an. Das Design erschien ihm eher bieder und würde in Deutschland kaum auf Interesse bei Käufern stoßen, war er sich sicher. Dennoch prüfte er vereinzelt die Qualität und, soweit erkennbar, die Preise. Gelegentlich wurde er von Standvertretern sogar in Deutsch angesprochen, was ihn erfreute. Am Ende einer langen Reihe von Ausstellerflächen für Wohn- und Schlafzimmermöbel fühlte er sich aber in seinem anfänglichen Eindruck bestätigt, dass er hier nichts finden würde, was sich über seine Firma in ihrem Zielmarkt vermarkten ließe. So wechselte er von Halle zu Halle, ohne sich länger an irgendeinem der Stände aufzuhalten.
„War‘s das oder kommt da noch was?“, fragte er sich beim Verlassen der dritten Halle.
Fast war er schon so weit, den Besuch vor der vierten Halle abzubrechen, wenn ihn nicht eine junge Messehostess mit ihrem Winken daran gehindert hätte.
Auch dort entschied er, zügig dem Hallenausgang entgegen zu laufen, als ihm ein Stand auffiel, der ihn mit seiner erfrischenden Aufmachung anzog. Es war das Schlafzimmer, das ihm im Messekatalog aufgefallen war. Die weiß lackierten Möbel mit Messinggriffen wirkten ungewöhnlich elegant, fast verströmte das fein gearbeitete Dekor an ihren Kanten eine exquisite Aura. Rings um die Möbel waren künstliche Büsche aufgestellt worden. „Das hatte ich mir ansehen wollen“, erinnerte er sich.
Da war die junge Frau, die ihm wie der vorweggenommene Frühling erschien, den die ganze Dekoration mit den künstlichen Büschen ringsherum nur vortäuschte. Sie trug ein, ihre schlanke Figur betonendes knielanges Kleid, das vom oberen rechten Rand diagonal nach unten in eine lindgrüne und eine weiße Hälfte unterteilt wurde.
Er umrundete mit etwas Abstand den Stand und blickte wohl so oft zu dieser Person, dass die das bemerkte und ihn schließlich direkt begrüßte.
Sie ließ ihr welliges blondes Haar offen auf die Schultern fallen, was eine gewisse Ähnlichkeit zu seiner Frau Viktoria aufwies. Nur war sie sicher jünger und größer als seine Frau, vielleicht 1,70 Meter groß. Ihren Hals schmückte ein dünnes Goldkettchen mit einem ihm unbekannten Schmuckstein als Anhänger. Blaue Augen schauten ihn aufmunternd interessiert an.
„Willkommen auf unserem Stand. Darf ich Ihnen etwas mehr über unser Ausstellungstück erklären, wenn Sie etwas Zeit haben?“, sprach sie ihn freundlich an und Carsten stimmte zu.
„Das würde mich freuen“, antwortete er höflich.
„Und darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?“
„Vielleicht später“, lehnte er ab.
„Sie sind aus Deutschland, nicht wahr?“, fragte sie, was ihr sicher klar war, denn sie sprach in Deutsch weiter. „Ich bin die Vertriebsassistentin unserer Möbelfabrik und vertrete Herrn Shakhov, den Eigentümer.“
Ohne zu warten erklärte sie dann detailreich das Design und die beabsichtigte Wirkung des ausgestellten Schlafzimmers, wobei ihre eigene Begeisterung zu erahnen war. Donnermanns Zwischenfragen beantwortete sie präzise und sicher kompetent. Nur beim Preis verwies sie auf ihren Chef, der später dazukommen sollte. Dann führte sie ihn zu einer Ausstellungswand, auf der in Bildern mit ukrainisch und russisch verfassten Untertiteln weitere Entwürfe und die Firma vorgestellt wurden. Das war professionell gestaltet, aber er hätte eher englische Beschreibungen begrüßt. Sie merkte das und übersetzte die Texte ins Deutsche. Es war also ein Möbelhersteller, der viel Wert auf ein originelles Design legte und über Lieferbeziehungen ins Ausland verfügte. Sie sagte nicht, dass es hauptsächlich Russland gewesen war.
„Herr Shakhov, unser Firmeninhaber, wird Sie gleich auch begrüßen“, ergänzte sie zum Schluss ihres Vortrags.
„Das war sehr informativ und Ihren Firmenchef sollte ich sicher kennenlernen“, sagte Donnermann beeindruckt sicher auch von dieser Frau.
„Vielen Dank! Jetzt könnte ich Ihnen noch unseren Katalog zeigen, wenn Sie einverstanden sind. Da erfahren Sie, was wir sonst noch herstellen.“
„Doch, den sehe ich mir gern an“, entgegnete er. „Schließlich bin ich Möbelhändler und Ihr Schlafzimmermobiliar könnte für unsere Kunden interessant sein. Ich gebe Ihnen mal meine Karte.“
Er reichte ihr eine Visitenkarte, die sie genauer ansah und dabei halblaut den Namen der Firma vorlas. „Möbelhaus Siebert.“
„Siebert ist mein verstorbener Schwiegervater. Der hat das Unternehmen gegründet. Ich bin Carsten Donnermann, der Geschäftsführer“, erklärte er, obwohl das auf seiner Visitenkarte gedruckt war.
„Gut, dass ich das weiß! Eine Visitenkarte habe ich nicht. Aber ich heiße Irina Stepanenko. Dann wissen Sie wenigstens meinen Namen. Unseren Firmennamen kennen Sie ja schon.“
„Freut mich, Frau Stepanenko! Es macht‘s leichter, wenn man sich beim Namen kennt.“
Beinahe wäre er zum Du gewechselt, so vertraut erschien sie ihm auf einmal.
„Bevor Herr Shakhov eintrifft, serviere ich Ihnen erstmal einen Kaffee.“ Sie führte ihn zu einer kleinen Sitzecke, die etwas gegen den Besuchergang abgeschirmt war.
„Woher sprechen Sie eigentlich so gut Deutsch?“, fragte Donnermann.
„Oh, vom Studium. Ich habe schon einmal ein Vierteljahr in Berlin gelebt“, antwortete sie erfreut über sein Kompliment.
„Toll. Ich komme aus Berlin. Dann kennen Sie ja sogar meine Heimatstadt.“
„Kennen? Naja, nicht wirklich. Drei Monate sind etwas kurz, um so eine Stadt richtig kennenzulernen. Es war aber eine sehr schöne Zeit dort.“
„Was haben Sie da gemacht?“, hakte er neugierig nach.
„Hauptsächlich habe ich an einem Deutschkurs an der Humboldt Universität teilgenommen. Da war ich noch Studentin.“
„Was haben Sie denn studiert? Ich meine außer jetzt Deutsch?“
„Sprachen, also Deutsch und Englisch und im Hauptfach Ökonomie. Das Fach habe ich auch abgeschlossen“, erklärte sie nicht ohne Stolz. Dabei öffnete sie vor ihm den Katalog auf dem Tisch.
„Wollen Sie mehr über unsere Möbel oder unsere Produktion hören?“
„Mich interessiert beides, ich höre Ihnen zu“, behauptete er, obwohl er tatsächlich Mühe hatte, ihren Ausführungen zum Katalog zu folgen.
Eine Weile redete sie weiter über die Möbelfirma. Nur am Rande fragte er nach Einschränkungen durch die Ereignisse im Osten ihres Landes. Sie verneinte seine Fragen dazu.
„Davon hören wir natürlich. Aber in der Hauptstadt selbst leben wir doch im Frieden“, behauptete sie.
Donnermann stutzte kurz. Aber er hätte ihr gern persönliche Fragen gestellt. Ihm fielen nur nicht die passenden Worte dazu ein, um nicht aufdringlich zu erscheinen.
„Haben Sie andere Interessen, ich meine, neben ihrer Möbelproduktion?“, fragte er reichlich unpassend, was er sofort merkte.
„Wie meinen Sie das?“
„Ach nur so eine Frage!“
Sie konnte ihm gar nicht mehr antworten, denn jetzt erschien der Firmeninhaber, Herr Shakhov. Der stellte sich selbst vor und packte dabei die Hand des Besuchers so fest, dass es den fast schmerzte. In leidlichem Englisch erklärte der, wie seine Firma diesen Stand bewusst für den Geschmack westlicher Besucher gestaltet hätten. Es war Irina Stepanenko gewesen, die mit ihrer Idee und ihrem Engagement diesen Messestand Realität hatte werden lassen. Möglicherweise hatte sie sogar damit die Existenz der Möbelfabrik gerettet. Das war erst im Januar passiert.
***
„Frau Stepanenko, ich weiß nicht, wie ich meine Firma vor dem Konkurs bewahren kann“, erklärte Shakhov seiner Assistentin. Es war Freitag direkt vor dem Feierabend. Wenn sich ihr Chef so äußerte, dann sah es kritisch um ihr Unternehmen aus.
„Die Leute haben nicht mehr das Geld, um sich neue Möbel leisten zu können und nun hat auch das russische Möbelhaus für ihre Filiale in der Ostukraine eine weitere Belieferung erstmal ausgesetzt. Wenn jetzt meine Bank den Kredit kündigt, weil ich die Kreditraten nicht mehr bezahlen kann, dann werde ich in Konkurs gehen.“
„Was reden Sie denn da? Sieht es so schlecht aus?“, suchte sie nach Worten.
„Nein, viel schlimmer. Ich weiß nämlich nicht mehr, wie ich unsere Leute und unseren Holzlieferanten bezahlen kann“, ergänzte ihr Chef seine düstere Sicht.
„Es gibt doch bestimmt einen Ausweg für Ihre Firma“, widersprach sie ihm eher verunsichert.
„Den sehe ich aber nicht! Mit Sparmaßnahmen und Einschränkungen unseres Produktionsprogramms erreichen wir jedenfalls nichts. Einen Ausweg sehe ich momentan nicht. Für Montagmorgen rufe ich meine wichtigsten Leute zusammen. Sie sollen auch dabei sein. Vielleicht finden wir ja gemeinsam eine Lösung.“
Irina arbeitete seit drei Jahren in dieser Möbelfabrik. In der Zeit hatte die Firma ihre Möbel auf dem heimischen Markt und an ein russisches Möbelhaus mit einer Niederlassung in der Ostukraine verkauft. Umsatz und Gewinn waren lange stabil geblieben. Das hatte sich geändert. Schon in 2013 zeichnete sich für die Ukrainer eine beträchtliche Schrumpfung der Wirtschaftsleistung ab. Parallel verschärfte der Konflikt im Ostteil des Landes und der Krim ab Anfang 2014 die wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Irina alarmierte das Reden ihres Chefs. Lange hatte sie nach dem Studium nach einem aussichtsreichen und akzeptabel bezahlten Job gesucht. Erst diese Stellung in Shakhovs Fabrik versprach ihre Erwartung zu erfüllen. Zu verdanken hatte sie die ihrem Mann Danylo, der damals als Betriebsleiter in dieser Firma beschäftigt war. Der hatte nach seinem Studium als Wirtschaftsingenieur zunächst eine längere Arbeitslosigkeit hinnehmen müssen. Erst dann war er von Shakhov eingestellt worden. Nach fast vier Jahren war es bei ihm die wachsende Unzufriedenheit mit dem Job und die zu gering empfundene Bezahlung, die ihm den Wechsel in eine recht zweifelhafte Firma, angeblich ein Import- und Export-Unternehmen, erleichterten. Eine bessere Entwicklung bei seinem Arbeitgeber hatte er nicht erwartet. Seinen Chef hielt er für einen wackeren Handwerksmeister, aber für keinen cleveren Geschäftsmann. Er hatte deshalb gekündigt, weil er schon damals eine Pleite der Firma meinte vorausahnen zu können.
„Die Fabrik macht das nicht mehr lange“, hatte er wiederholt seiner Frau prophezeit. „Shakhov hat kein Konzept und Ideen schon gar nicht. Außerdem redet er mir ständig bei meiner Arbeit rein.“
„Und wie soll es dann weitergehen?“, hatte sie zurückgefragt.
„Dann werden wir uns einen anderen Job suchen müssen“, hatte er prophezeit.
Sie war anders und Danylos trübe Einschätzung sowie das heutige Gespräch mit ihrem Chef trieben sie eher an, als dass sie resignierte oder gar ans Aufhören dachte. Es war ein Zufall, dass ihr in dieser Woche ein Flyer von der jährlich stattfindenden Möbelmesse in Kiew in ihrer Post aufgefallen war. Besucher, so versprach dieser Flyer, würden aus dem westlichen Ausland erwartet, sogar aus Deutschland.
Den zog sie aus ihrem Postkorb hervor und ein Gedanke setzte sich bei ihr fest. Könnte ihre Firma nicht versuchen, mit einem eigenen Messestand Kunden zu gewinnen. Dabei blieb es nicht. Schon auf dem Nachhauseweg und am Wochenende überlegte sie weiter, wie das Realität werden könnte.
Sie müssten sich für diesen Stand etwas einfallen lassen, was Besucher davon abhielte, einfach vorüber zu gehen, war sie überzeugt. Ihre Möbelfabrik sollte auf der Messe ein komplettes Wohn- oder Schlafzimmer mit einem auffälligen Design ausstellen, abweichend von ihrem normalen Angebot, überlegte sie. Dabei bräuchten sie professionelle Unterstützung, war ein weiterer Gedanke von ihr. Sie erinnerte sich an Elena Kulyk, eine Freundin aus dem Studium, die inzwischen als Designerin arbeitete. Die rief sie prompt an.
Das sei keine große Sache für sie, hatte Elena sich bereit erklärt, einen Entwurf für ein Schlafzimmer zu entwerfen.
An der Sitzung am Montagmorgen reagierten alle Teilnehmer auf Shakhovs Offenbarung erschrocken. Sie alle sahen die Bedrohung und fragten sich, wie sie die Firma retten könnten. Dass etwas grundsätzlich Neues passieren musste, war klar. Nur was, das fiel niemand sofort ein. Ihr Chef äußerte sich im Meeting so ideenlos wie unentschlossen, sodass sich die Stimmung eher verschlechterte. Dem fehlte es nicht nur am Kapital, sondern zudem am Know-how, wie er seine Firma nach vorn pushen könnte. Die Diskussion wogte hin und her und brachte sie nicht weiter. Mutig wagte sich Irina aus der Deckung und trug ihre Idee vor. „Es gibt doch wieder die Kiewer Möbelmesse im kommenden März. Da bleibt nicht viel Zeit, aber könnten wir uns dort nicht mit einem eigenen Stand präsentieren?“, fragte sie in die Runde.
Alle Anwesenden hatten sie entweder irritiert oder verständnislos angesehen, nur Shakhov forderte sie auf, ihre Idee zu erklären. Und darauf hatte sie sich vorbereitet.
„Ich habe mir überlegt, dass wir ein komplettes Schlafzimmer ausstellen könnten, ähnlich wie wir es zurzeit fertigen. Allerdings müssten wir das Design anpassen, um beispielsweise Besucher aus dem EU-Raum anzusprechen. Ich habe mir von einer Designerin, eine Freundin von mir, eine Studie anfertigen lassen, die natürlich nicht perfekt ist, aber als Vorlage für die Fertigung genutzt werden könnte.“
Diese Designstudie ließ sie in der Runde herumgehen.
„Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Fertigung mit unseren Möbeltischlern alles leisten können, was wir für einen Messestand benötigen“, fügte sie zum Schluss hinzu.
Es dauerte eine Weile, in der die Anwesenden die Studie teils skeptisch oder sogar ablehnend kommentierten, bis der Firmenchef eingriff.
„Warum eigentlich nicht? Einen Versuch wäre es wert. Irgendetwas müssen wir ja unternehmen“, er blickte in die Runde. „Gibt’s denn weitere Vorschläge?“
Es meldete sich niemand, und so fiel die Entscheidung zugunsten ihres Vorschlags. Ein kritischer Punkt blieb dennoch. Woher sollte das Kapital kommen, um einen Messestand stemmen zu können. Die Standkosten, notwendiges Prospektmaterial und sogar Vormaterial für die Fertigung mussten finanziert werden.
Irina schob alle diese Bedenken und Sorgen, mit denen sie Shakhov konfrontierte, beiseite.
„Herr Shakhov, zumindest einen Teil ihrer Sorgen kann ich ihnen nehmen. Bei der Gestaltung des Standes und so weiter werde ich Hilfe durch meine Freunde aus der Studentenzeit finden. Die helfen sogar kostenlos beim Aufbau des Standes. Die Finanzierung bleibt natürlich ein Problem“, gab sie ihrem Chef zum Teil recht.
„Irina, ich schätze ihren Einsatz. Wie ich den Messestand bezahlen soll, das ist die Frage. Das mit dem Vormaterial, das werde ich wohl hinbekommen. Mit unserem Lieferanten rede ich“, entgegnete er ihr. „Wenn dieses Experiment schief geht, dann sind wir jedenfalls wirklich am Arsch.“
Shakhov schaffte es in der Tat, den fünfstelligen Betrag für einen flächenmäßig eher kleinen Messestand zusammenzukratzen. Viele Hände, darunter Irinas Freunde, halfen beim Aufbau mit. Der war zwar kein Besuchermagnet. Oft jedoch hörte Irina, die den Stand betreute, dass der als kreativ und niveauvoll wahrgenommen wurde. Sogar Besucher ohne Interesse an Schlafzimmermöbeln äußerten sich positiv. Sie wurde mehrfach gefragt, wer das ganze Konzept entworfen hätte, sie selbst?
Und jetzt saß ein Möbelverkäufer aus Berlin auf ihrem Stand und schien ernsthaft an einem Liefervertrag interessiert zu sein. Wer hätte das vorhersehen können?
Shakhov jedenfalls wirkte wie elektrisiert, und redete mal mit ihrer Übersetzung mal einfach in schlechtem Englisch auf Donnermann ein, ohne dass dem eine Chance blieb, seine Fragen dazwischen zu schieben. Meist lächelte der nur gelegentlich in Irinas Richtung, so als wollte er nur andeuten: „Verstehe schon!“
Auf den wirkte Shakhov kaum wie einer der Leute, mit denen er oft Verhandlungen führte. Den nahm er eher wie einen Meister eines Handwerksbetriebes wahr, dem Handarbeit nicht fremd war. Schließlich wechselte der Chef ins Ukrainische über, was Donnermann begrüßte. Jetzt bekam er auch Gelegenheit durch die Pausen, die Irina bewusst ließ, seine Fragen zu stellen.
Das Gespräch hatte schon fast eine Stunde gedauert, als Shakhov anbot, ein schriftliches Angebot abgeben zu wollen. Darüber sollten dann Verhandlungen über einen Liefervertrag erfolgen. Donnermann war das recht und beide Männer schienen mit dem Gesprächsverlauf zufrieden zu sein. Als sie sich zum Abschied alle erhoben, hatte Shakhov noch eine Idee.
„Kann ich Ihnen morgen Vormittag noch mein Angebot ins Hotel bringen?“
„Mein Rückflug geht erst am Nachmittag“, antwortete Donnermann „Das ist eine gute Idee.“
„Prima! Dann haben Sie das schon, wenn Sie in Berlin ankommen.“
Er drückte dabei nochmals ganz fest dessen Rechte und strahlte dabei über das ganze Gesicht.
Auch Donnermann lächelte zufrieden, er würde nicht mit leeren Händen aus Kiew abfliegen müssen.
„Ich fahre jetzt zurück in die Firma und kümmere mich da gleich um das Angebot. Sicher kann Ihnen unsere Irina noch für weitere Fragen zur Verfügung stehen.“
Die nickte zustimmend, weil sie das ohnehin vorgehabt hatte.
Beim Weggehen sprach Shakhov sie kurz in Ukrainisch an: „Das läuft ja ganz prima, bleiben Sie bitte dran, Irina!“
Allein in der Besucherecke wechselten Donnermann und Irina das Thema, über Möbel und das Geschäft meinten sie beide, genug geredet zu haben.
„Sind Sie das erste Mal in Kiew?“, begann sie.
„Ja, leider reise ich morgen schon wieder ab.“
„Das ist schade. Ich hätte Ihnen gern unsere Stadt gezeigt. Darf ich Sie heute Abend zum Essen einladen? Ich kenne ein ausgezeichnetes Restaurant.“
„Das nehme ich sehr gern an, Danke!“, antwortete er prompt.
„Ich kann nicht vor sechs Uhr hier wegfahren. Aber gegen acht Uhr könnte ich Sie im Hotel abholen.“
„Das ist okay! Sie haben diese Führung hier ganz toll gemacht, ich bin stark beeindruckt“, antwortete er und fügte dann hinzu, „Von Ihrem Stand.“
„Na dann sehen wir uns heute Abend!“, entgegnete sie schmunzelnd.
***
Donnermanns Schwiegervater hatte nach dem Krieg das Möbelhaus in Berlin aufgebaut. In einer kleinen Tischlerei im Südosten Berlins nahe einer S-Bahn-Station hatte der zunächst Möbel repariert oder neue gefertigt. Es war dessen Hartnäckigkeit und Gespür für Marktchancen zu verdanken, dass aus dieser Werkstatt nach und nach ein lokal bekanntes Unternehmen der Möbelbranche wurde, später sogar mit Verkaufsfilialen nicht nur in Deutschland. Dazu hatte der keine akademische Ausbildung benötigt, sondern nur sein handwerkliches Können und eine ganze Menge Unternehmergeist. Der Umsatz hatte ihn über die Jahre bestätigt.
Carsten Donnermann war sich bewusst, dass ihre Firma trotz der Erfolge in der Vergangenheit, nicht zu den großen Unternehmen in der Branche gehörte. Das Geschäftsklima war härter geworden, tonangebende Mitbewerber konkurrierten um den Markt. Umsatzzuwächse, wie sie sein Schwiegervater erreicht hatte, würden ihm heutzutage kaum noch gelingen. Er war froh und sicher stolz, dass er in den letzten Jahren einen Gewinn hatte ausweisen können.
Um im Wettbewerb bestehen zu können, verkaufte sein Möbelhaus neben anspruchsvollen Designermöbeln aus Italien, ebenso billige Selbstbaumöbel aus China. Den Einstieg in den Online-Handel hatte er zumindest auf dem Schirm. Der Erfolg seiner Maßnahmen hielt sich in Grenzen, der Konkurrenzdruck durch die großen Möbelhausketten blieb erhalten. Zur Kostensenkung war er stets auf der Suche nach preiswerten Lieferanten, die er nicht zuletzt in Osteuropa vermutete.
Mit seiner Frau Viktoria hatte er seine Sorgen und Überlegungen gelegentlich besprochen, dabei vermisst, dass sie sich durch ihre lange Abwesenheit recht weit von der Praxis entfernt zu haben schien. Er drängte sie nicht, ihre frühere Aufgabe als Geschäftsführerin im Möbelhaus wieder aufzunehmen, aber er ermunterte sie auch nicht dazu. Dass seine Frau mal neben ihrem Vater und später mit ihm gemeinsam die Geschäftsführung kompetent und souverän wahrgenommen hatte, änderte nichts an seiner Einstellung, die Führung des Unternehmens durchaus allein bewältigen zu können. Es kam ihm vielleicht sogar entgegen. Die Zeiten, in denen sie ihre Kinder Thorsten und Amelie betreut hatte, waren vorüber, seit Jahren lebten die ihr eigenes Leben. Sie entlastete ihn bei der Pflege ihrer sozialen Kontakte und der Betreuung ihres beachtlichen Anwesens. Zu Hause erlebte er nicht selten die Ökonomin, die ihn mit ihren kritischen und aufmerksamen Fragen zur Entwicklung ihrer Firma überraschte. Das nervte ihn sogar gelegentlich, wenn sie teils Detail versessen, die Diskussionen zur Geschäftsentwicklung zu bestimmen suchte. Dass sie Alleinerbin des Unternehmens war, hatte aber bisher nie eine Rolle zwischen ihnen gespielt. Erben sollten die Firma ohnehin ihre beiden Kinder.
***
Es war immer noch kalt und längst dunkel geworden. Aber es fühlte sich für ihn anders an, als bei seiner Ankunft in der Stadt am Morgen. Zufrieden mit seinem Messebesuch und in gespannter Erwartung eines schönen Abends, verließ Carsten das Messegelände. Es störte ihn nicht, länger auf ein freies Taxi zu warten, in Gedanken schien er noch an Irinas Messestand zu verharren. Inzwischen verließen viele Besucher die Messe. Der leichte Nieselregen nahm er kaum wahr.
Die Begegnung mit Irina wirkte in ihm nach. Er hätte nicht sagen können, was ihn mehr beeindruckt hatte, diese kompetente Führung oder diese junge Kiewerin selbst. Es war sicher ihre sympathische Erscheinung, die die Fahrt über in seinem Gedächtnis haftete. Er zweifelte nicht daran, dass sie diesen Eindruck bei der Verabredung weiter verstärken würde. Der Abend wird mich sicher nicht enttäuschen und dieser Gedanke verursachte bei ihm ein leichtes Kribbeln.
Er lachte kurz auf, so dass der Taxifahrer ihn in seinem Rückspiegel kritisch musterte.
„Wir erreichen gleich das Hotel“, sagte der prompt auf Deutsch.
Sie ist eine selbstbewusste Frau, und sie sieht in mir den Kunden, suchte er seine Gedanken zu ordnen. Aber änderte das etwas? Irinas Einladung versprach nicht nur ein geschäftliches Meeting zu werden, sondern eine Herausforderung. Den erkennbaren Altersunterschied sollte sie nicht wahrnehmen. Ähnliche Treffen hatte er erlebt, meist mit Geschäftspartnern, die mit einer oder zwei auffallend jüngeren Begleiterinnen erschienen waren. Und dabei war es nicht nur beim Abendessen geblieben.
Mit dieser Ukrainerin würde es nicht so verlaufen, wie er es bei Geschäftsessen erlebt hatte, sofern er sie nicht falsch einschätzte. Er war gespannt.
Als er im Hotel eintraf, musste er sich beeilen. Bevor Irina eintreffen würde, wollte er wenigstens duschen und sich umzuziehen. Viktoria rief er zuvor an, um ihr vom Messebesuch zu berichten.
„Bist du jetzt im Hotel?“, wollte sie wissen.
„Ja, ich bin gerade vom Messebesuch zurück“, erklärte er.
„Wie war’s? Hat es sich gelohnt?“
„Teils, teils! Ich bin auf eine Firma gestoßen, die uns mit Schlafzimmermöbeln beliefern könnte. Das Möbeldesign und die Qualität haben mich angesprochen. Ich bin schon gespannt auf deren Angebot. Das soll ich morgen noch vor dem Rückflug erhalten.“
Vielleicht hatte das für Viktorias Ohren zu euphorisch geklungen, denn sie hakte nach:
„Du wirst das aber erst von unserem Einkauf prüfen lassen?“
„Ja natürlich! Was denkst du denn?“
„Trotzdem, ich habe Bedenken mit dieser ukrainischen Firma einen Liefervertrag abzuschließen. Was ich lese oder höre bestärkt mich in meiner Skepsis. Dort gibt es heftige Unruhen und möglicherweise auch Kämpfe zumindest in Teilen des Landes.“
„Das kann ich hier in Kiew nicht feststellen. Viktoria, ich suche preiswerte Hersteller und die finden sich nun mal in Osteuropa.“
„Schon, aber nicht unbedingt in der Ukraine!“, bestand sie unbeirrt auf ihrer Meinung.
„Lass uns das jetzt erstmal abschließen. Ich erzähle dir mehr, wenn ich wieder zuhause bin.“
„Und was hast du heute Abend noch vor?“
„Mal sehen, der Firmeninhaber und seine Mitarbeiterin wollen mich gleich zum Abendessen abholen“, antwortete er nicht ganz korrekt. „Eigentlich bin ich ja müde, aber...“
„Mach keine Dummheiten! Du weißt, dass ich das merke“, sagte sie schelmisch und wünschte ihm eine gute Nacht.
***
Irina verspätete sich etwas, am Messestand war sie länger aufgehalten worden. Dann hatte sie sich ebenfalls zuhause duschen und umziehen wollen. Der beträchtliche Verkehr in der Innenstadt hatte sie zusätzlich ausgebremst.
Carsten Donnermann saß schon in der Lobby und sah sie sofort kommen. Jetzt trug sie ein dunkelblaues Kleid, darüber einen wollenen Wintermantel und schwarze Stiefel mit halbhohen Absätzen, was sie größer und noch schlanker erscheinen ließ.
„Da bin ich, hat leider etwas länger gedauert“, begrüßte sie ihn mit einem Lächeln. „Lust auf eine Autofahrt durch unsere Innenstadt?“
Bei der Fahrt ließ sie wohl kaum ein ihr bekanntes Gebäude oder einen wichtigen Platz aus, um auf dessen Bedeutung hinzuweisen. Es schien sie nicht anzustrengen, die Fremdenführerin zu geben, während er auf dem Beifahrersitz ihre Erklärungen aufmerksam verfolgte. Nicht ständig blickte er nach draußen, häufig galt ihr sein Blick. Anders als bei ihrer ersten Begegnung, erkannte er jetzt kaum Ähnlichkeiten zu Viktoria. Ein lebhaftes, reizendes Gesicht meinte er beim geringen Licht der hereinleuchtenden Straßenlaternen zu sehen. Verstohlen musterte er sie von der Seite, sein Blick fuhr ihrem Umriss entlang dem halb offenen Wollmantel. Es kribbelte angenehm.
„Hören Sie mir noch zu?“, fragte sie plötzlich an einer roten Ampel, und sah zu ihm rüber.
„Ja, warum fragen Sie?“, fragte er und fühlte sich ertappt. „Sie können so interessant ihre Stadt vorstellen, als wären Sie eine routinierte Fremdenführerin. Es macht mir Spaß, Ihnen zuzuhören.“
„Wir sind gleich da“, erklärte sie und schaute wieder auf die Fahrbahn. Der Parkplatz des Restaurants lag in einem Hof dahinter. Das Gebäude war wegen seiner großzügigen Leuchtreklame sicher nicht zu übersehen. Am Hofeingang wies sie ein Wächter in einer Parklücke und Irina steckte dem einen Schein zu.
Im Restaurant schien es kaum einen freien Platz zu geben. Einer der Kellner begrüßte Irina mit Namen und führte sie zu einem Tisch in einer versteckten Ecke im Raum. Er gab jedem von ihnen eine Getränkekarte, die aber nur sie lesen konnte.
„Ich empfehle einen heimischen Wein zu probieren, was meinen Sie?“
„Von der Krim“, witzelte Donnermann unpassend und bedauerte sofort seine Bemerkung. Sie schien ihn überhört zu haben. Erst als sie beide die Speisekarte studiert hatten, ging sie darauf ein.
„Was denkt Ihr in Deutschland über uns hier in der Ukraine?“
Donnermann suchte sich zu erinnern, was er in den letzten Wochen über ihr Land gehört oder gelesen hatte. Gerade lief etwas auf der Krim, wovon er aber relativ wenig Notiz genommen hatte. Dass in der Ostukraine anscheinend gekämpft wurde, lag weitgehend unterhalb seines Radars. Genau das hätte er ihr jetzt nicht erklären wollen.
„Ich denke, dass wir, also auch ich, uns zu weit weg von dem sehen, was in ihrem Land gerade geschieht“, gab er zu. „Ehrlich gesagt habe ich mich mit Ihrem Land erst näher beschäftigt, als ich von dieser Möbelmesse in Kiew gelesen habe und entschied, die zu besuchen. Ich war neugierig darauf zu sehen, ob es hier Liefermöglichkeiten für mein Möbelhaus gibt.“
„Mehr hat Sie nicht interessiert“, sagte sie ohne enttäuscht zu klingen. Sie lächelte ihn sogar dabei an. „Unser Land liegt nicht so weit entfernt von Ihrem, und damit wohl auch unsere Probleme mit unserem russischen Nachbarn.“
„Diesen Konflikt verstehen viele bei uns nicht. Nachbarn, die sogar eng miteinander verwandte sind, führen Krieg. Unglaublich!“
Sie schüttelte den Kopf. „Nachbarn ja, aber friedlich? Die Russen wollen sich einen Teil unseres Landes einverleiben. Warum Putin meint, dass Russen, die hier bei uns leben, nur unter russischer Herrschaft glücklich werden können, das hat er noch nicht verraten.“
Er wollte das nicht kommentieren. Er befürchtete, dass der Abend auf einmal in eine ungewollte Richtung abzudriften drohte, was er nicht wollte.
„Wir sollten den Abend genießen und das Thema wechseln“, schätzte Irina das Gespräch in seinem Sinne richtig ein.
„Das würde ich begrüßen. Ich bin wahrscheinlich auch unzureichend informiert“, gab er verlegen zu.
Bei der Auswahl der Speisen half sie ihm, obwohl die Karte die Vorschläge sogar in Englisch auswies.
Dann stellte sie ihm ein paar persönliche Fragen, was nach dem vorangegangenen Thema bei ihm gut ankam.
„Haben Sie schon einen Eindruck gewonnen von unserer Stadt?“
„Nicht wirklich! Aber die Fahrt mit Ihnen hat mir einen hervorragenden Einblick gegeben“, übertrieb er.
„Und unser langer Winter? Kennen Sie das auch bei sich zuhause? Wir sind das gewohnt. Sie sehen ja, wo wir uns dann am liebsten aufhalten.“
„Ich sehe schon, am liebsten in einem gemütlichen Restaurant.“
„Sie haben es erkannt, zum Wohl!“, rief sie und hielt ihr Glas hoch ohne anstoßen zu wollen.
„Mich beeindruckt, wie gut sie deutsch sprechen.“
Sie lächelte über sein Lob. „Das hatte ich Ihnen schon erklärt. Ich habe auch fleißig gelernt. Wenn ich das nicht könnte, würden wir vielleicht gar nicht hier zusammensitzen, oder?“
Nach ihrem Studium zu fragen, fand er selbst belanglos. Dass sie Ökonomie studiert hatte, das wusste er ja bereits.
„Sind Sie verheiratet?“, fragte er stattdessen.
„Ja, und ich habe eine Tochter, Yulia, die ist gerade vier Jahre alt geworden. Wie ist es mit Ihnen?“
„Ich bin auch verheiratet“, antwortete er amüsiert. „Und wir haben einen Sohn Thorsten und eine Tochter Amelie. Die studieren beide noch und leben nicht mehr in unserem Haus.“
Das Gespräch war endlich bei privaten Themen angelangt, wie er es sich gewünscht hatte. Er hatte wenig Lust, über ihr oder sein Unternehmen zu reden.
Der Kellner servierte das Essen und ließ es sich nicht nehmen, das wortreich zu erklären. Irina ergänzte dessen Rede beim Übersetzen offenbar zusätzlich, um die Besonderheiten der ukrainischen Speisen zu betonen. „Wie lange sind Sie schon verheiratet?“, fragte sie, da hatten sie gerade ihre Teller geleert.
„Oh“, er musste überlegen. „Geheiratet haben wir vor vierunddreißig Jahren. Da war ich gerade in die Firma meiner Schwiegereltern eingetreten. Zunächst als Leiter des Einkaufs“, erwiderte er.
„Und jetzt sind Sie Geschäftsführer Ihres Unternehmens. Sie können sehr zufrieden sein.“
„Und Sie sind augenscheinlich die rechte Hand Ihres Chefs, Herrn Shakhov. Da können Sie ebenfalls zufrieden sein.“
Das Gespräch war wieder ins geschäftliche Umfeld abgeglitten, was er gern vermieden hätte. Nur war ihm wichtiger, das Gespräch am Leben zu halten.
„Ja, ich bin seine Assistentin und kümmere mich vor allem um den Vertrieb. Der Grund, warum ich auf der Messe war.“
„Sie waren sehr überzeugend! Ich hatte vorher keinen anderen Stand gefunden, der mir so positiv aufgefallen ist“, behauptete Donnermann ernsthaft. „Ich kann das sagen, denn ich kenne einige Messeplätze.“
„Danke, das freut mich sehr“, erwiderte sie verlegen lächelnd.
„Für unser Unternehmen ist Ihr Urteil wirklich wichtig! Wir suchen Kontakte zu Kunden aus Westeuropa, das ist für uns noch Neuland.“
„Wissen Sie, vor meiner Zeit als Geschäftsführer, kümmerte ich mich zeitweise um externe Kontakte. Keine triviale Aufgabe, denke ich! Die muss einem Spaß machen!“
„Genauso empfinde ich das“, stimmte sie ihm zu.
„Ich mische mich weiterhin beim Einkauf und im Vertrieb ein, obwohl wir hierfür jeweils einen Leiter beschäftigen.“
„In unserer Möbelfirma sind wir ein sehr überschaubares Team. So viele Leiter gibt’s bei uns nicht“, sagte sie schmunzelnd. Das Wort Leiter hatte sie besonders betont. „Aber ich würde gern mal wieder Berlin besuchen. Der Besuch damals hat mir gefallen.“
„Dann lade ich Sie hiermit ein. Ich führe Sie nicht nur durch unser Möbelhaus, sondern zeige Ihnen auch meine Berliner Lieblingsplätze.“
„Das wäre schön!“, entgegnete sie. „Aber heute Abend sind Sie erstmal mein Gast. Das Essen ist ja beendet, aber ...“
„Wir könnten in meinem Hotel noch in die Bar gehen. Zurückfahren müssten Sie mich ohnehin“, wagte er einen Vorschlag.
Sie legte ihr Besteck beiseite und schaute ihn einen Moment an. „Gut, dann sollten wir jetzt aufbrechen.“
Er bestand trotz ihres Protestes darauf, die Rechnung zu übernehmen. „Immerhin haben Sie mir eine kostenlose Stadtführung geboten“, wehrte er ihren Einspruch ab. Für ihn war die Bezahlung ohnehin kein Problem, das waren für ihn Geschäftskosten.
Beim Hinsetzen auf dem Beifahrersitz berührte er sie nicht beabsichtigt am Knie. Zumindest empfand er es so, dass es sie nicht zu stören schien. Bei ihm war es anders. Er hätte sie jetzt am liebsten zu sich herangezogen. Um das zu verhindern, verschränkte er seine Arme vor der Brust.
„Alles in Ordnung Herr Donnermann?“, fragte sie schnippisch.
„Doch sicher! Und Sie?“
„Ich freue mich nur über diesen Abend.“
In der Hotellobby hatte er dann den Mut. Der Abend war noch nicht vorbei, es war nicht so spät, dass sie bald nachhause fahren müsste.
„Irina, würden Sie zu mir aufs Zimmer kommen?“
Nur kurz hielt sie inne. „Ja!“, das war dann ihre prompte Antwort.
***
Carsten stand beim Auschecken am Vormittag noch immer unter dem Eindruck des gestrigen Abends und der halben Nacht, die er mit Irina im Zimmer verbracht hatte. Statt Müdigkeit empfand er ein Wohlgefühl über die vergangenen Stunden. Lange hatte er nicht mehr diese Leichtigkeit und Befriedigung im Zusammensein mit einer Frau empfunden. Sie hatten im Zimmer zunächst noch etwas getrunken und geredet und dabei waren sie näher aneinandergerückt. Er hatte sie an sich gezogen und eng umarmt. Erst waren ihre Berührungen verhalten gewesen, bis sie sich dann ins Bett gelegt hatten. Sie auszuziehen erfuhr er wie eine Entdeckungsreise. Sie hatten miteinander geschlafen und nur still nebeneinandergelegen. So waren sie eingeschlafen, bis Irina plötzlich aufwachte.
„Jetzt muss ich los! Am Vormittag bin ich zurück“, sagte sie und küsste ihn nochmals.
Boris und Wladimir Karim hatten ihren vermeintlich ungestörten und lohnenden Stammplatz in einem gut besuchten und beliebten Viertel von Kiew bezogen. Es war der Ort, an dem sie selbst oder einer ihrer Leute mit Drogen dealten. In der Straße befanden sich einige der teuersten Hotels, die zum Beispiel zu Messezeiten oder bei besonderen Events von ausländischen Gästen oder anderen Teilen des Landes aufgesucht wurden. Dort fanden die Besucher und Einheimische beliebte Bars und Pubs, wo die Brüder ihre oft betuchte Kundschaft antreffen konnten. Während einer Messe herrschte normalerweise reger Betrieb, die Hotels waren dann weitgehend ausgebucht, und die Lokale konnten sich über Mangel an Gästen nicht beklagen. Allerdings in diesem Jahr war es anders, die Unruhen hatten den Besucherstrom nach Kiew beeinträchtigt. Den sonst sprudelnden Kundenkreis gab es in diesem Jahr nicht, die Drogen-Kundschaft war überschaubar. Was sich kaum geändert hatte, ihre oft junge Stammkundschaft, die von ihnen zuverlässig vor allem mit harten Drogen versorgt wurde, war geblieben. Meist getrennt, sprachen sie die direkt in den Discobars an. An diesem Tag Mitte April war es draußen noch ungemütlich, so dass beide, selbst wenn im Lokal wenig Betrieb herrschte, sie sich gern mal drinnen aufwärmen wollten.
Den Angreifer erkannte Boris nicht. Er war gerade auf die Straße zurückgekehrt und ließ eine munter redende Gruppe junger Leute an sich vorbeigehen, als ihn ein Schmerzensschrei seines Bruders aufschreckte. Wladimir musste ein heftiger Schlag von hinten am Kopf getroffen haben, der ihn offenbar zu Boden geworfen hatte. Boris, nur einige Meter entfernt von ihm und verunsichert vom Geschehen, wurde unvermittelt mit einer Waffe bedroht.
Sie hätten sich wohl verlaufen, ertönte eine ihm unbekannte Stimme und gleich darauf forderte dieser Angreifer seinen Begleiter dazu auf, ihn fertigzumachen. Unklar, weshalb das nicht passierte, endete der Angriff fast so schnell, wie er sie beide überrascht hatte. Die Männer hatten, aus welchem Grund auch immer, von ihnen abgelassen und waren im Strom der Passanten verschwunden.
„Wo hats dich erwischt?“, fragte Boris besorgt seinen Bruder, der sich auf der Erde wälzte, aber dabei hörbar aufstöhnte.
Der blutete so heftig, dass sich dessen eine Gesichtshälfte sowie sein Oberhemdkragen dunkelrot färbten. Ein Schlagring, so vermutete Boris, hatte dem eine klaffende Wunde am seitlichen Haaransatz gerissen. Er ließ sich nicht von seinem Bruder untersuchen, sondern wehrte jeden seiner Versuche ab, seinen Kopf etwas auf die Seite zu drehen. Als Boris den hartnäckig anheben wollte, stieß er dessen Hand fast wütend zurück.
„Hilf mir endlich hoch!“, befahl der.
„Könnten sogar Leute von unserem ehemaligen Boss gewesen sein“, mutmaßte Boris auf dem Weg zurück in ihre Wohnung.
„Das war’s mit unserem ruhigen Stammplatz, den können wir abschreiben“, erklärte Wladimir, der inzwischen zuhause von seinem Bruder versorgt worden war.
„Ich hatte wirklich Angst, dass der Schlag nicht nur eine große Wunde gerissen haben könnte, so wie das Blut hinter deinem Kopf ausgetreten ist. Aber du hast recht. So geht es offenbar nicht weiter, wir müssen uns umorientieren.“
Boris und Wladimir Karim waren Ende der 1990 Jahre unehrenhaft aus der russischen Armee entlassen worden. Das war eine Folge eines Verdachts gegen sie, sich am illegalen Waffenhandel aus Armeewaffenbeständen beteiligt zu haben. Damit verdienten einige Banden, die in der Übergangszeit von der Sowjetzeit zur Russischen Föderation entstanden waren, ihr Geld. Seither hatten sie nie ernsthaft versucht, in einem bürgerlichen Job Fuß zu fassen. Abgesehen davon, dass es ihnen an einer entsprechenden beruflichen Qualifikation gefehlt hatte, wurden sie mangels lukrativer Alternativen fast übergangslos Handlanger einer Waffen- und Drogenschieberbande in Russland. Weil sie vom Hörensagen ein besseres Auskommen in der Ukraine vermuteten, waren sie weitergezogen, zunächst nach Odessa, wo sie den Anschluss an eine der dortigen Drogenbanden fanden. Für die hatten sie Heroin und Opium ins Land schmuggeln müssen. Synthetische Drogen, die dort zunehmend in illegalen Laboren produziert wurden, ersetzten noch nicht den Drogenschmuggel. In der Hoffnung, dass sie sich mit ihrem Wissen aus der Szene in der Hauptstadt eventuell selbständig machen könnten, waren sie dann doch nach Kiew umgezogen. Der Drogenmarkt in Odessa war ihnen zu eng aufgeteilt erschienen. Dass es in 2014 Kämpfe mit Russland wegen der Krim und der Ostukraine geben könnte, daran mussten sie damals noch nicht denken. In Kiew wähnten sie sich ohnehin außer Reichweite von Kampfhandlungen. Zunächst klappte es aber mit der Selbständigkeit nicht, sie arbeiteten notgedrungen weiter als Kuriere für eine lokale Drogenbande. Ihre Absicht, sich mit einem eigenen Geschäft hervorzuwagen, nahm erst mit der anwachsenden Nachfrage nach Drogen Gestalt an. Zunächst auf sich allein gestellt, schienen sie sich in der Szene etablieren zu können. Inzwischen hatten sie sogar einige Leute angeheuert, die sie beim Dealen unterstützen konnten.
Es war ein Wagnis geblieben, auf einem hart umkämpften Markt in der Kiewer Drogenszene zu agieren. Allerdings waren sie überzeugt, die Szene und das Geschäft hinreichend gut zu verstehen. Zwei Sachen schätzten sie falsch ein. Dass ihr ehemaliger Boss nachtragend war und möglicherweise die harte Lektion gegen sie beauftragt hatte. Zum anderen kannten sie den Kiewer Markt doch nicht so gut, wie es erforderlich gewesen war. Wo sie meinten, ihr Geschäfte ungestört betreiben zu können, waren sie längst argwöhnisch beobachtet worden.
Die schmerzvolle Attacke sorgte dafür, dass sie beide nochmals über ihre Pläne in Kiew nachdachten. Der mühsame Bezug aus Russland und Belarus der durch die Kämpfe im Osten zudem verstärkt schwierig wurde und das Angebot der aktiven Drogenlabore in ihrem Land bewogen sie dazu, ihre Ware künftig vor allem bei heimischen Laboren zu beziehen. Das half nur bedingt. Was sie ebenfalls einsahen war, dass die Hauptstadt allein für sie kein zuverlässiger Markt sein würde. Mit diesem Vorfall wurde ihnen richtig bewusst, dass ihre Versuche, hier zu dealen, die Konkurrenz gegen sie in Stellung gebracht hatte.
„Jetzt wissen wir, dass wir zumindest von einer der anderen Banden beobachtet werden. Wir müssen uns einen weniger umkämpften Markt suchen. Denke dabei sogar an unsere Nachbarn im Westen vielleicht an die baltischen Staaten“, überlegte Boris laut.
„Denkst du, dass wir in ein anderes Land ziehen sollten?“, fragte Wladimir.
„Du hast ja erlebt, was uns hier blühen könnte. Beim nächsten Mal bringen uns die Konkurrenten vielleicht sogar um. Ich habe vor ein paar Tagen eine Cousine von Nicolai zufällig in der Innenstadt getroffen. Die hat mich tatsächlich wiedererkannt“, sagte Boris. „Erinnerst du dich an den? Mit dem waren wir einige Zeit zusammen in der Armee.“
„Doch, ich erinnere mich an den, aber nur dürftig. Ich war in einer anderen Einheit. Du warst mit ihm zusammen“, antwortete Wladimir. „Und was ist mit dem?“
„Der soll jetzt in Berlin leben und plant angeblich, sich dort dauerhaft niederzulassen. Die Cousine meinte, dass inzwischen viele Russen dort leben.“
„Ja schon! Aber warum erzählst du mir das?“, fragte Wladimir ungeduldig.
„Der hat schon Mut gehabt, ist einfach nach Berlin gezogen. Was wäre denn, wenn wir auch den Sprung nach Deutschland wagten? Ich meine, das wäre doch mal ein Gedanken wert. Dort dealen sie sicher auch kräftig mit Drogen“, erklärte Boris.
„Möglich! Aber was hat das mit uns zu tun?“, reagierte Wladimir genervt. „Sollen wir deshalb nach Berlin ziehen?“
„Du hast recht! Aber im Ernst, wenn wir uns schon nach einem anderen Markt im westlichen Ausland umsehen müssen, warum dann nicht in Deutschland, zum Beispiel Berlin? Unsere Drogen beschaffen wir weiterhin hier und dann bringen wir das Zeug irgendwie zu unserem Zielmarkt. Dafür brauchen wir ein passendes Fahrzeug und jemanden vor Ort, die unsere Ware verkauft“, spann Boris seine Idee weiter. Das klang nicht nur sehr unausgegoren, das war es tatsächlich.
„Wie soll das gehen? Jetzt hör‘ auf! Allein der Transport dorthin ist keine Kleinigkeit. hast du darüber schon mal nachgedacht?“, fragte Wladimir, der die Worte seines Bruders nicht ernst nahm.
„Trotzdem, würde gern wissen, was Nicolai so treibt. Den könnten wir mal fragen, wie es in Berlin läuft“, blieb Boris einen Moment bei seinem Gedanken, obwohl Wladimir längst signalisiert hatte, sich dafür nicht zu interessieren.
Es wäre dabeigeblieben, wenn sie nicht zufällig Nicolai in Kiew getroffen hätten, der zu einem Besuch seiner Verwandten in die Ukraine gereist war. Sie hatten ihn in der Innenstadt getroffen und zum Essen in einem Restaurant eingeladen.
***
„Nicolai, Was machst du in Berlin? Hast du einen guten Job gefunden?“, wollte Boris wissen.
„Ich hangle mich von einem Aushilfsjob zum nächsten durch. Viel Geld kommt dabei für mich nicht rüber. Außerdem wohne ich in einem Asylbewerberheim. Um es klar zu sagen. Momentan läuft es bei mir noch nicht“, klagte Nicolai, wobei er erstaunlicherweise aber keineswegs pessimistisch zu sein schien. „Kann jetzt in Kürze passieren, dass ich ein Aufenthaltstitel erhalte. Bin zwar Russe, meine Papiere stammen aber alle aus der Ostukraine. Das hilft!“
„Geht’s deinen Landsleuten ähnlich wie dir?“, wollte Waldimir wissen.
„Oh, da gibt’s inzwischen einige, die machen richtig Kohle mit dem Dealen von Drogen.“
„Die dealen mit Drogen? Woher kommen die?“, rief Boris fast etwas zu laut, so dass ihn sein Bruder mit dem Fuß anstieß.
„Meines Wissens haben die Verbindung nach Russland oder in die Ukraine.“
„Weißt du mehr darüber? Wie kriegen die die Drogen nach Berlin?“, frage Wladimir.
„Natürlich durch Schmuggel! Aber wie das genau funktioniert, kann ich nicht sagen. Wieso interessiert euch das?“
„Du weißt doch, dass wir hier mit Drogen dealen. Wladimir und ich hatten kürzlich überlegt, ob wir uns anders orientieren sollten. Der Markt in Kiew ist eng besetzt und das wird sich nicht ändern. Da kam uns der Gedanke, ob wir es nicht im westlichen Ausland versuchen sollten“, erklärte Boris.
„Das ist aber ein gewaltiger Sprung! Wie habt ihr euch das vorgestellt?“, fragte Nicolai.
„Das ist noch nicht voll durchdacht. Aber mal direkt gefragt. Könntest du dir vorstellen, für uns die Drogen in Berlin zu verkaufen, wenn wir dafür sorgen, dass du regelmäßig von uns beliefert wirst? Wir können in der Ukraine relativ sicher gute Droge bei Drogenlaboren einkaufen. Den Transportweg müssten wir uns noch überlegen.“
„Das ist eine Frage! Ich kenne mich in der Szene überhaupt nicht aus. Und unter meinen Landsleuten kenne ich auch niemanden, der da Bescheid wüsste. Da müsste ich erstmal nachforschen. Wie stellt ihr euch das überhaupt vor?“, reagierte Nicolai deutlich vorsichtiger.
„Ist erstmal nur ein Gedanke. Wladimir und ich könnten ein- oder zweimal im Monat mit einem Transporter nach Berlin fahren und liefern bei dir die Ware ab. Mit Schmuggel kennen wir uns ganz gut aus“, erklärte Boris feixend. „Du solltest wie wir das hier praktizieren, an bestimmten Plätzen die Drogen anbieten. Dauert eine Weile, wir fangen natürlich klein an. Aber mit er Zeit findest du das Publikum in bestimmten Bars und Restaurants. Es wird sich lohnen!“
„Und ich dachte, wir wollten nur Essen gehen. Jetzt redet ihr vom Dealen. Das ist alles ziemlich unausgegoren!“
Wenn Nicolai damit nicht die Diskussion unterbrochen hätte, wäre die so weitergegangen. „Hört zu, ich überlege mir das. Dann melde ich mich.“ Damit wollte der sich verabschieden.
„Können wir dich zum Hauptbahnhof fahren?“, schlug Wladimir vor.
„Da fahre ich nur mit, wenn ihr mir nicht noch weiter mit eurer Idee auf den Sack geht“, erwiderte Nicolai nicht ernst gemeint.
Zurück vom Bahnhof zu ihrer Wohnung fuhr Boris ihr Auto. Sie fuhren durch die Straße, wo sie häufig in Bars ihr Kunden antrafen. Wegen des regen Verkehrs bewegten sie sich fast im Schritttempo.
„Der wird das machen, da bin ich mir sicher!“, sagte gerade Boris, als ihn sein Bruder anstieß.
„Mensch kuck mal, wer da gerade in dieses teure Restaurant läuft! Ist das nicht Stepanenkos Frau?“, fragte Wladimir, als sie den Eingang passierten.
„Hab‘ die erst einmal gesehen. Danylo war aber nicht an ihrer Seite“, entgegnete sein Bruder.
„Vielleicht ein Liebhaber?“, bemerkte Wladimir.
„Oder ein Kunde von der Möbelfabrik., bei der sie angeblich arbeiten soll? Möchte mal wissen, wie es der Firma jetzt bei dieser Wirtschaftslage geht?“. fragte Boris.
„Vielleicht haben die bei der Messe einen Kunden aus der EU ködern können. Im März waren einige Besucher hier“, spekulierte Wladimir.
„Und Danylos Frau bespaßt den vielleicht gerade für ihren Arbeitgeber?“, fragte Boris lachend.
„Ist doch möglich, oder?“
„Aber stell dir mal vor, dass diese Möbelfabrik tatsächlich einen Kunden in Deutschland hat. In einem LKW könnte man eine Menge Drogen verstecken“, nahm Boris den Gedanken seines Bruders auf.
„Das würde uns vieles Nachdenken ersparen. Träume! Jetzt hoffen wir erstmal, dass Nicolai mitzieht“, schloss Wladimir das Thema.
Und das passierte, der schloss sich ihnen an. Mit ihm starteten sie den Versuch, sich in Berlin ein Netz an Dealern aufzubauen.
„Lass uns realistisch bleiben! Ich denke nur, dass uns Drogen allein vielleicht auf Dauer zu wenig einbringt. Wir brauchen eine Alternative, womit wir zusätzlich Geld verdienen können“,“, meldete sich Boris trotzdem nochmals, ohne diese Alternative benennen zu können.
Das hatte sich im März zugetragen. Aber so schnell ging es dann doch nicht. Ein Liefervertrag sollte erst fünf Wochen später von Donnermann unterzeichnet werden. Der war gleich nach seinem Messebesuch abgereist, hatte aber versprochen, Shakhovs Angebot zuhause ernsthaft prüfen zu wollen. Äußerst gespannt warteten Shakhov und Irina Tag um Tag auf ein Signal aus Berlin.
„Sehen Sie Irina, da kommt nichts mehr aus Berlin! Was machen wir jetzt bloß?“, jammerte der Chef wenig souverän. Sogar Teile der Mitarbeiter in der Firma erwarteten es nicht anders. Die sahen sich in ihrer anfänglichen Skepsis bestätigt.
Für Irina waren es schwere Tage, gefüllt mit Hoffen und Bangen, oft den Blick auf ihr Handy gerichtet, als könnte sie das so zum Läuten veranlassen.
Es war ihre Idee und ihr Engagement gewesen, die ihnen allen mehr Hoffnung gegeben hatte, war sie sich bewusst. Donnermanns Versprechen, Shakhovs Lieferangebot sorgfältig prüfen zu wollen, vertraute sie. Genau am Beginn der fünften Woche nach seinem Besuch läutete endlich das Telefon.
„Hallo, wissen Sie wer spricht? Ja, ich bin‘s. Leider hat es mit der Prüfung länger gedauert, auch ich musste hier unseren Einkaufsleiter von Ihrem Angebot erst überzeugen. Jetzt richten Sie bitte Herrn Shakhov aus, dass wir einen zunächst befristeten Vertrag mit ihm eingehen werden.“ Er siezte sie, nicht sicher, ob er noch beim Du bleiben könnte. Dass seine Frau sich nur schwer hatte überzeugen lassen, davon erwähnte er nichts. Die hatte ihn vor der politisch instabilen Lage in der Ukraine gewarnt.
„Oh mein Gott!“, entfuhr es Irina leise, laut sagte sie:
„Das ist eine sehr erfreuliche Nachricht, die gebe ich sofort weiter!“
„Halt! Bevor Sie auflegen. Ich plane noch einen Besuch in Kiew und zwar schon am Beginn der kommenden Woche. Dann unterschreibe ich den Vertrag vor Ort“, kündigte Donnermann an.
„Das freut mich, wenn du nach Kiew kommst“, nutzte sie prompt das Du.
Es war eigentlich das Signal aus Berlin, dass in der Firma die Sektkorken hätten fliegen müssen, wenn nicht ein neues Problem die Stimmung in der Möbelfabrik sofort eintrübte.
„Was, wenn Donnermann bei seinem Besuch unsere Fabrik besichtigen will? Der sieht doch sofort, dass hier zurzeit die Produktion kaum richtig läuft. Und dann unsere fast leeren Lager“, drückte der Firmeninhaber deutlich auf den aufkeimenden Optimismus.
„Sollten wir uns jetzt nicht erstmal freuen?“, fragte Irina irritiert. „Bis er kommt, haben wir noch Zeit genug, uns darauf vorzubereiten.“
„Sie mit Ihrem Optimismus! Sehen Sie nicht, wie wir momentan dastehen?“, wehrte ihr Arbeitgeber ab.
„Ein paar Maschinen sollten wir schon laufen lassen und die vorhandenen Leute müssten daran arbeiten. Ich denke, wir können einiges auf die Beine stellen, um dem Berliner eine funktionierende Fabrik zu präsentieren“, beharrte Irina bei ihrer Sicht.
„Wie soll das denn gehen? Ich habe kein Geld für eine solche Inszenierung, an die Sie denken! Lassen Sei mich damit in Ruhe!“, schimpfte er regelrecht und hatte, wie es schien vergessen, wem er den leichten Lichtblick verdankte.
Sie sah durchaus sein Problem. Zwei ihrer Tischler hatten wegen fehlender Lohnzahlung gekündigt. Im Lager gab es nicht mehr genügend Holz und nicht alle Maschinen funktionierten einwandfrei. Für die Auslieferung warteten nur wenige fertige Möbel.
Notfalls müssen wir unserem Besucher eine Show liefern, suchte Irina nach einem Plan. „Das darf nicht sein, dass der Vertrag an der Besichtigung unserer Fabrik scheitert!“, sagte sie laut zu sich. Dann lief sie ins Büro ihres Chefs.
„Herr Shakhov, ich denke, dass wir es schaffen können! Das Wichtigste ist, dass uns der Holzlieferanten nochmals beliefert. Immerhin können Sie ihn darauf verweisen, dass Sie einen bedeutenden Liefervertrag mit einer Berliner Möbelhauskette abschließen werden.“
„Abschließen könnte, muss es richtig heißen, könnte!“
„Herr Shakhov, ist das so wichtig? Wenn Sie Holz bekommen und produzieren können, dann kommt auch wieder Geld rein. Es geht nur um ein paar Wochen, die Sie überbrücken müssen.“
„Und die fehlenden Leute?“, fragte er keinesfalls überzeugt. „Das waren unsere Modelltischler!“
„Da kann ich was tun! Die werden zurückkommen, wenn ich denen von dem neuen Auftrag erzähle.“
„Irina, Sie erstaunen mich immer mehr und ich habe offenbar kaum eine andere Wahl“, gab er sich fast geschlagen. „Sie planen auf ganz dünnem Eis, das wissen Sie.“
„Ich bin optimistisch, dass wir das hinkriegen“, sagte sie und schaute ihn aufmunternd an.
Sie hatte sich tatsächlich weit aus dem Fenster gelehnt. Mit dem Versprechen, dafür später extra belohnt zu werden, konnte sie die beiden ehemaligen Leute überreden, in die Firma zurückzukehren. Wenn Shakhov ihren Holzlieferanten nicht nochmals zum Stillhalten bewegt hätte, dann wäre ihr ganzer Plan sicher geplatzt. Sie beließ es nicht nur bei dem, was sie angekündigt hatte. Sie sorgte rechtzeitig dafür, dass beim Besuch in der Fertigung tüchtig produziert werden könnte. Und als Krönung initiierte sie einen Ausstellungsraum, in dem sie das Schlafzimmer von ihrem Messestand und einige kleinere Möbel aufstellen ließ.
Als Shakhov mit seinen Mitarbeitern und sie selbst nochmals gemeinsam die Fabrikhalle, die Lager und den Showroom inspizierten, brach so etwas wie Jubel aus. Erleichterung und Optimismus zeigte sich auf allen Gesichtern.
„Wenn das unseren Berliner Gast nicht überzeugt, was dann?“, rief Shakhov und keiner sah es anders.
Irina holte Donnermann vom Flughafen ab und da schien sogar das Wetter zu begreifen, was für diese Möbelfabrik auf dem Spiel stand. Es war der beginnende Mai, der der Stadt ein sonniges und grünes Antlitz verlieh.
Das löste die Stimmung zwischen ihnen auf der Fahrt zur Fabrik. Die Unterhaltung verscheuchte die anfängliche Befangenheit, als hätte es keine zwischenzeitliche Trennung gegeben.
Donnermann legte tatsächlich Wert darauf, die Fabrik zu besichtigen. Was ihm präsentiert wurde, erwies sich offenbar als hinreichend, mögliche Bedenken oder Zweifel bei ihm fallen zu lassen
„Ich sehe schon, Ihre Produktion läuft. Anders habe ich es nicht erwartet“, sagte der Gast beim Rundgang zum Firmenchef. „Dann sollten wir jetzt den Liefervertrag abschließen, meine ich.“
Dieser Vertrag sah die Lieferung von Schlafzimmermöbeln im Wert von einer viertel Million Euro vor. „Geschafft!“, jubelte Irina leise für sich. Im Hintergrund stehend, genoss sie nur mit einem Lächeln den allgemeinen Beifall bei der Vertragsunterzeichnung.
Am Abend trafen sich Shakhov, Donnermann und Irina in einem ausgesucht teuren Restaurant im Zentrum, um den Abschluss mit einem Essen zu feiern. Irina ließ es sich nicht nehmen, ihren Kunden von der Fabrik aus dorthin zu fahren.
Erschöpft, wie sie war, hatte sie Mühe, am Gespräch teilzunehmen. Die zurückliegenden Tage hatten sie immens gefordert. Aber sie war erleichtert und glücklich, was zum Teil mit ihrer Sympathie für Donnermann zu tun hatte und mit dem Gefühl, eine Menge für ihr Unternehmen erreicht zu haben.
Das Ergebnis sollte noch getrübt werden von der Sorge, wie die Produktion der zu liefernden Möbel vorfinanziert werden könnte. Die Hausbank winkte prompt ab. Dass Donnermann einer Vorfinanzierung zustimmen könnte, nahm Shakhov nicht an, weshalb er den gar nicht erst fragen wollte. Und Irina, die den Besucher zurück in sein Hotel begleitete, fand ebenfalls nicht den Mut, ihn darauf anzusprechen. Als er kurz seine Frage wiederholte, ob die Fabrik seine Kundenwünsche beim Fertigen berücksichtigen könnte, da antwortete sie nur vage.
„Sicher! Wir müssten dann gegebenenfalls noch etwas investieren …“
Nicht sicher war zumindest sie sich, ob sie die Nacht mit ihm verbringen sollte. Aber er fragte und sie folgte ihm auf sein Zimmer.
***
Viktoria Donnermann hatte sicher nicht erwartet, ihren Mann an einem normalen Arbeitstag zur Mittagszeit auf der Berliner Tauentzienstraße zu treffen. Direkt vor dem Eingang zum Kaufhaus KaDeWe lief er ihr fast in die Arme.
„Hey, was machst du hier?“, rief sie und musste ihn erst am Ärmel ziehen, damit er sie wahrnahm.
„Und was machst du hier?“, entgegnete er mit einer Gegenfrage.
„Ich wollte mir etwas zum Anziehen kaufen“, sagte sie immer noch überrascht von seiner Anwesenheit.
„Hast du schon eine Idee, was du kaufen willst?“, suchte er sie davon abzulenken, ihr etwas erklären zu müssen. Dann schaute er kurz auf seine Uhr. „Lass uns ein Café aufsuchen, da können wir uns weiter unterhalten.“
Er hakte sie unter und zog sie Richtung Kurfürstendamm. Es war ein sonniger und warmer Tag, das lenkte Viktoria ab und ihm schien es eine Erklärung zu ersparen.
Es war nur ein kurzer Weg bis zu einem Café. Er bestellte für sie beide Cappuccinos und etwas Gebäck.
„Wie war deine letzte Reise nach Kiew? Du hast kaum etwas erzählt“, fragte sie nach einem Moment des Wartens auf die Bedienung.
„Gut, verlief sehr erfolgreich. Dieses Mal war es auch deutlich wärmer dort“, erklärte er und wollte damit das Thema schon wieder beenden.
„Was heißt das? Ist der Kontrakt unterschrieben?“, ließ sie nicht locker.
„Ja, alles geregelt. Die Ukrainer werden in Kürze mit der Auslieferung beginnen. Lass uns doch mal das Thema wechseln.“
„Aus der Ukraine Möbel beziehen! Das klingt für mich ziemlich verwegen, der lange Transportweg usw.“, hielt sie am Thema fest.
„Viktoria, du weißt schon, dass wir aus Osteuropa Möbel beziehen. Ungarn oder Bulgarien liegen auch nicht nebenan. Was hast du auf einmal für ein Problem mit meinen Verhandlungen?“
„Ich habe gehört, dass du inzwischen überlegst, dich bei denen auch finanziell zu beteiligen. Davon hast du mir bisher nichts erzählt“, blieb sie hartnäckig.
„Wer hat dir das denn zugetragen?“, reagierte Carsten irritiert und zu laut für diese Umgebung „Da bist du mindestens unvollständig informiert worden. Richtig ist, dass diese Firma nach unseren Vorgaben Möbel produzieren soll. Es könnte sein, dass wir uns dafür finanziell bei denen beteiligen. Ohne unsere Unterstützung können die kaum die notwendigen Investitionen stemmen. Das ist aber erstmal nur eine Überlegung von mir!“
Er lehnte sich zurück und erwartete, dass sich Viktoria damit zufriedengab.
„Ist das so clever, dass wir uns bereits jetzt bei denen finanziell engagieren? Die beginnen doch gerade erst mit ihren Lieferungen.“
Bei ihr drang die Ökonomin durch, die ihn schon oft zuvor mit ihren kritischen Fragen genervt hatte.
Ihn störte das sichtbar und am liebsten hätte er ihr Treffen damit beendet.
„Was soll das, Viktoria? Zweifelst du an meiner Geschäftsführung? Das glaube ich jetzt nicht!“
