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Brian Lennox' Thriller zeichnen sich durch die straffe, nicht ausschweifende Schreibweise aus. Lennox katapultiert den Leser von der ersten bis zur letzten Seite direkt in die packende Handlung, die stets eine überraschende Wendung bereithält. Pure Spannung, schlaflose Nächte garantiert. "Es ist unmöglich, sich Brian Lennox zu entziehen. Versuchen Sie es erst gar nicht." Marc Allan
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Brian Lennox
RITUAL
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
Impressum neobooks
BuchSanta Fe, New Mexico: Ramon Sanchez, Inspektor der Lebensmittelpolizei, ist spurlos verschwunden. Schon lange wollte er aus seiner kaputten Ehe ausbrechen und Santa Fe, dieses spießige Kaff, hinter sich lassen. Hat er sich jetzt durchgerungen und seinem unglücklichen Leben den Rücken gekehrt? Erste Zweifel tauchen auf, denn Ramon wollte die Ortega Rinder-Ranch wegen mangelnder Hygiene schließen lassen. Peter Knight und Justine Kerry, Agenten der privaten Ermittlungsagentur SOI - Security One International hegen bald einen schrecklichen Verdacht, der ihre Aufmerksamkeit auf ein grauenvolles, längst vergessen geglaubtes Ritual, lenkt. Als sich Justine den Abgründen der menschlichen Spezies und dem Tod gegenübersieht, begreift Peter, dass es so gut wie zu spät ist ...
AutorBrian Lennox, geboren 1959 in Chicago, studierte Literaturwissenschaft und arbeitete vier Jahre als Dramaturg in Los Angeles. Seine Romane veröffentlicht er unter Genre-Pseudonymen, sie werden in 28 Sprachen übersetzt. Die Thriller um seinen neuen Helden Peter Knight erscheinen als eBook-Reihe. Brian Lennox lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in New York.
Die Nacht mit ihrer einsamen Dunkelheit, mit ihrer leblosen Stille, ist eine wahrhaft unergründliche Welt. Es ist das Wesen der Dunkelheit, das die Nacht für uns so merkwürdig macht.
Gelegentlich empfinden Menschen die Dunkelheit als beschützend. Etwa die Dunkelheit unter der kuscheligen Bettdecke, unter die man sich als Kind verkrochen hat, um sich vor Dämonen und bösen Geistern zu verstecken - all jenen diabolischen Mächten, von denen man annahm, sie lauerten in den mondfahlen Schatten des Zimmers.
Manchmal flößt sie uns Angst ein. Wie die Dunkelheit in einem endlosen Wald, in dem man sich verlaufen hat und umherirrt. Oder die Dunkelheit, die einen gefangen nimmt, wenn die moderne Technik versagt, der Strom ausfällt und einen das Gefühl beschleicht, man sei plötzlich nicht allein im Haus.
Andernorts überfällt uns die Dunkelheit mit ihrer Einsamkeit, mit ihrem nicht wahrzunehmenden Puls, dessen Nullfrequenz der Ewigkeit gehört, dem Tod. Diese einsame, trübselige Dunkelheit lauert einem oftmals auf den öden Straßen draußen auf dem Lande auf. Man sitzt in einem geparkten Wagen, blickt auf die bleiche Sichel des Mondes hinauf und fragt sich, wie es nur passieren konnte, dass das Leben so gewaltig aus dem Ruder läuft.
Ramon Sanchez hockte in seinem Pick-up, der auf einem Parkplatz nahe Santa Fe, an einer verlassenen Straße in New Mexico stand. Die rabenschwarze Nacht mit ihrer leblosen Stille war die perfekte Kulisse für seine trostlosen Gedanken und Gefühle, mit denen er sein Leben an sich vorbei ziehen ließ.
Was verdammt noch mal ist passiert, dass es so weit kommen konnte?
Er war ein achtbarer Mann, ehrenvoll und verlässlich. Und sein Leben lang, knapp sechsundvierzig Jahre, hatte er auch ein achtbares Leben geführt.
Doch ohne Zweifel würden sie ihn jetzt feuern, ihn ohne mit der Wimper zu zucken auf die Straße setzen. Das spürte Ramon mit jedem Gedanken. In seinem Job konnte ihm niemand etwas vormachen, er war ein profunder Sachkenner. Seine Qualifikation als staatlicher Lebensmittelinspektor auf Zuchtfarmen war über die Landesgrenzen hinaus anerkannt. Egal, ob Rind, Schwein oder Geflügel - Ramon galt als die Kompetenz in Person. Leider war die Qualitätskontrolle eine undankbare Aufgabe, die einem eine Menge Feinde einbrachte. Vorausgesetzt, jemand nahm seinen Job so ernst wie Ramon.
Die Angestellten und Firmenchefs, deren Leistung er prüfte, nahmen ihm seinen beurteilenden Blick, seine kritischen Bewertungen, übel. Ramon gestand sich ein, dass er dafür volles Verständnis hatte. Diese Leute erbrachten nur ihre Arbeit, gaben ihr Bestes, um ihre Existenz nicht zu verlieren. Nichts anderes tat er.
Zum Henker noch mal, warum sehen die nicht ein, dass ich auch nur meine Arbeit mache!
Viel schwerer wog jedoch, dass Frank Ortega, Eigentümer der Ortega Rinderzuchtranch samt Schlachthof ihn ebenfalls loswerden wollte. Das spürte Ramon, sobald er mit dem alten Mann ein Wort wechselte oder ihm auch nur gegenüberstand. Der hagere schwarzhaarige Mann pflegte ihn dann mit erhobenem Kopf zu mustern, vom Scheitel bis zur Sohle, ohne dabei auch nur ein Wort zu sagen. Ramon wusste in diesen Augenblicken jedes Mal, dass er jetzt einer gnadenlosen Qualitätskontrolle unterzogen wurde. Und Frank Ortega stellte an seinem Gegenüber genügend Mängel fest, daran bestand nicht der geringste Zweifel.
Und heute setzten ihm auch noch seine Bosse vom Gesundheitsministerium das Messer an den Hals. Dabei wäre doch Lob angebracht. Immerhin schützte er eine Menge Konsumenten vor Gammelfleisch und Lebensmittelvergiftungen, die nicht selten den Tod nach sich zogen - alles streng geheim natürlich und unter vorgehaltener Hand. Er leistete hervorragende Arbeit. Aber das zählte nicht. Sie würden ihn eiskalt in den Innendienst versetzen, zum Aktenträger degradieren oder eben gleich feuern. An diesem Umstand zweifelte Ramon keine Sekunde. Er wusste, wie solche Dinge abliefen: Ein Gespräch zwischen Ortega und dem Bereichsleiter im Ministerium, eine Vereinbarung, eine beachtliche Summe wechselt den Besitzer - streng diskret natürlich - und alles ist wieder im Lot. Bestimmt war er in Santa Fe schon Stadtgespräch ...
Santa Fe hatte ihn nie als einen der ihren aufgenommen. Seit er mit seiner Frau Gloria vor einem Jahr das kleine Haus für die Dauer seines beruflichen Aufenthalts gemietet hatte und eingezogen war, hatten ihn die Einheimischen misstrauisch angesehen, beobachtet und hinter seinem Rücken über ihn geredet. Ramon wusste, dass es genau so lief, obwohl er nicht wirklich sagen konnte, was die feindseligen Blicke seiner Nachbarn tatsächlich bedeuteten. Er war schon mehrmals für kurze Zeit umgezogen. In manchen Städten hatte man ihn freundlich aufgenommen, ihn akzeptiert, anderswo war man ihm kühl gegenübergetreten. Aber so etwas wie in Santa Fe hatte er noch nie erlebt. Hier war er ein Niemand, ein Ungewollter und ein Außenseiter - und das ließen sie ihn bei jeder Gelegenheit deutlich spüren.
Merkwürdigerweise kannte Gloria derartige Probleme nicht. Sie hatte sich vom ersten Tag an eingelebt und heimisch gefühlt. Ihm kam es vor ... ja, ihm kam es vor, als wäre Gloria ein Teil dieser Stadt. Unheimlich. Geradezu, als lebte sie seit ihrer Geburt hier.
Gloria. Die wunderbarste Frau auf Erden.
Ramon fokussierte seine Gedanken auf Gloria. Vom ersten Moment an, als er sie das erste Mal sah, damals vor Jahren am Strand von Miami, war ihm klar gewesen, sie ist die Frau seines Lebens. Das Leben meinte es gut mit ihnen, es fehlte an nichts. Doch in den vergangenen Monaten hatten sie sich auseinandergelebt. Saßen sie sich beim Frühstück gegenüber, senkte Gloria den Blick, als könne sie es nicht ertragen, ihn anzusehen und wenn er sie berühren wollte, wandte sie sich von ihm ab und er fühlte, dass ihr seine Nähe unangenehm war. Ramon dachte nach, seit wann ihre Gefühle füreinander schon so abgekühlt waren und wie es überhaupt dazu gekommen war.
Plötzlich nahm er die Feuchtigkeit in seinen Augenwinkeln wahr, schmeckte das Salz auf seinen Lippen. Er zwinkerte voller Verwunderung. Seine Gedanken hatten ihn so ergriffen, er hatte überhaupt nicht bemerkt, dass er geweint hatte. Ein Gefühl, eine Gewissheit jedoch, schmerzte ihn schlimmer als alle übrigen Gedanken: Bis vor wenigen Minuten war ihm nicht wirklich bewusst gewesen, wie sehr er Gloria liebte. Sie erfüllte sein Leben mit Sinn, sie war alles - alles.
Verdammter Idiot! Wenn überhaupt, wird es dir nur schwer gelingen, ihre Liebe zurückzugewinnen und sie glücklich zu machen.
Die Klarsicht verlieh ihm unerwartete Energie. Er durfte seinen Job unter keinen Umständen verlieren. Und er musste dafür sorgen, unter den Bürgern von Santa Fe Ansehen zu genießen. Wenn er auf die Menschen in der Stadt positiv zuging, ihnen gegenüber offen und tolerant auftrat, dann würden sie ihn früher oder später akzeptieren und als einen von ihnen ansehen. Davon war er überzeugt.
Ramon blickte in den Nachthimmel und starrte die funkelnden Sterne an. Seit Ewigkeit standen sie da oben, unerschütterlich, jeder ein winziger Teil der universellen Ordnung. Auch er war ein Teil dieser Ordnung. Es lag an ihm selbst, die Dinge zu ändern. Noch war es nicht zu spät. Noch konnte er das Ruder herumreißen.
Die Gedanken beruhigten ihn innerlich, spendeten ihm Hoffnung und Kraft. Ramon lächelte zufrieden, stieg in seinen Pick-up und startete. Röhrend erwachte der Motor zum Leben - und er selbst ebenso. Er schaltete die Scheinwerfer an, die Straße und Bankett vor ihm in kaltes Xenonlicht tauchten. Ein Schlager aus der Floridazeit kam ihm in den Sinn, während er anfuhr: Es gibt, Millionen von Sternen ... Er summte den Text vor sich hin, schwenkte auf die Straße ein und fuhr nach Santa Fe zurück. Zurück zu Gloria.
Zurück in sein Leben.
Was ist denn das?
Schräg vor ihm, am rechten Straßenrand blinkten zwei Lichter. Ramon war noch keine Meile weit gekommen, als er den Dodge am Straßenrand entdeckte. Auf der verlassenen Landstraße wirkte das Pulsieren der Warnblinkleuchten fast gespenstisch. Mit angestrengtem Blick suchte er die Umgebung ab, konnte aber niemanden ausmachen. Der Wagen erschien ihm wie ein herrenloses, gestrandetes Schiff.
Ramon lächelte in sich hinein, als er auf die Bremse trat und rechts ranfuhr.
Das Glück meint es gut mit dir, es schenkt dir die erste Gelegenheit, deinen Mitbürgern zu zeigen, dass du ein guter Kumpel bist.
Er würde nicht einfach vorbei fahren, als gingen ihn die Probleme anderer nichts an. Nein, er würde dem armen Kerl mitten in der Nacht ein Taxi spendieren und ihn nach Hause bringen.
Ramon hielt, stellte den Motor ab und stieg aus.
»Hallo. Ist da jemand? Sind Sie in Ordnung?«
Keine Antwort.
Langsam näherte sich Ramon dem Dodge.
»Hallo?«
Nur mehr wenige Schritte entfernt, öffnete sich die Tür des Wagens und die Innenbeleuchtung erweckte die Umrisse einer jungen Frau zum Leben. Sie stieg aus und winkte ihm freudestrahlend zu.
Angestrahlt von den Scheinwerfern seines Wagens erkannte er die Frau.
Vor ihm stand Rita Cruz, Ortegas Enkelin.
Das Glück ist heute scheinbar doch noch auf meiner Seite, dachte Ramon. Soeben bot sich genau die Chance, die er brauchte.
»Hallo, Miss Cruz«, begrüßte er sie respektvoll. »Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen.« Noch ein Quantum Glück, und sie würde ihrem Großvater von seiner Hilfsbereitschaft erzählen. Natürlich kam das keinem großen Akt gleich, aber es war der erste Schritt, um die Gunst des alten Mannes zu gewinnen. »Hat Sie wohl im Stich gelassen, der gute Dodge?« Das letzte Wort war kaum über seine Lippen gekommen, da zuckte er innerlich zusammen. Er hätte sich die unsinnigen Worte lieber erspart.
»Hi, Mister Sanchez«, sagte Rita und lächelte dabei. Dem erleichterten Klang ihrer Stimme war anzuhören, sie war offenbar froh, ihn zu sehen. Seine überflüssige Äußerung schien ihr entgangen zu sein. »Ja, die alte Kiste bockt mal wieder.«
Ramon verlieh seiner Stimme eine väterlich fürsorgliche Note. »Ich kann gerne mal einen Blick auf den Motor werfen. Vorausgesetzt, Sie haben nichts dagegen ...«
»Nur zu«, lächelte Rita.
»Ich fürchte nur, es wird nicht viel bringen«, seufzte Ramon.
»Wieso?«
»Ehrlich gesagt, ich kann die Lichtmaschine nicht vom Turbo unterscheiden. Was halten Sie davon, wenn ich Sie in die Stadt mitnehme?«
Rita kicherte kurz und nickte. »Gerne.«
Ramon ging zur Beifahrerseite seines Pick-up zurück und öffnete die Tür. »Bitte.«
Geschmeidig und elegant zugleich ließ sich die junge Frau auf den Ledersitz gleiten. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin ... Ich hatte mich schon mit einem nächtlichen Spaziergang in die Stadt abgefunden.«
»Na, dann freut es mich umso mehr, dass ich vorbeigekommen bin und Ihnen diesen langen Marsch ersparen kann.«
»Sie sagen es«, schmunzelte sie, während sie sich auf dem Beifahrersitz bequem einrichtete.
Eine geraume Zeit, Ramon kam es wie eine Ewigkeit vor, fuhren sie Richtung Stadt, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Ramon überlegte seine nächsten Schritte. Seine Gedanken spielten mehrere Möglichkeiten durch, wie er diesen kleinen Akt der Hilfeleistung zu seinem Vorteil ins Licht rücken konnte. Rita starrte durch das Seitenfenster in den Nachthimmel hinaus. Sie schien mit ihren Gedanken irgendwo in weiter Ferne zu sein. Plötzlich wandte sie sich Ramon zu.
»Verzeihung, Mister Sanchez, aber könnten Sie bitte kurz anhalten?«
»Ist was nicht in Ordnung?«, fragte Ramon beunruhigt. »Fahre ich Ihnen zu schnell?«
»Da!« Sie zeigte auf den Straßenrand. »Bitte halten Sie genau hier!«
Verwirrt setzte Ramon den Blinker, fuhr an den Straßenrand und stoppte. Der Lichtkeil der Scheinwerfer hob eine Formation riesiger Felsbrocken aus der Dunkelheit. Die bizarren Steinblöcke überragten den Pick-up um mehrere Meter. Sie befanden sich in einem schmalen Ausläufer eines hohen Gebirgsstreifens, des Sangre de Caristo Renge. Die Felsformationen durchzogen das weite Gelände und trennten die Stadt vom Umland.
Warum will sie, dass ich hier anhalte?
»Was ist denn, Miss Cruz?«
»In dieser Schlucht mit ihren verwinkelten Felsnischen gibt es etwas, das ich Ihnen unbedingt zeigen muss«, funkelte sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln an. Sie rückte ein Stück näher an ihn heran und blickte ihm tief in die Augen. »Sie werden nicht enttäuscht sein«, säuselte sie.
Ramon spürte, wie ihm langsam heiß wurde.
Was um alles in der Welt führt sie da im Schilde?
Ramon betrachtete Rita eingehender. Noch nie hatte er das Alter von Frauen gut schätzen können. Aber älter als fünfundzwanzig war sie auf keinen Fall. Ihr lockiges blondes Haar fiel ihr sanft über die Schultern, und ihr Gesicht war glatt und rein wie das einer Puppe. Rita war eine attraktive junge Frau, verführerisch und beinahe unwiderstehlich. Vielleicht, falls er ihr nicht zu alt wäre ... oder ungebunden ...
Gloria!
Verdammt, was hast du da für Gedanken? Sind wir wirklich schon so weit voneinander entfernt, dass ich die Nähe einer anderen Frau brauche?
Er fühlte die Last von Zwiespalt und Druck auf seiner Brust, als er den Kopf schüttelte. »Miss Cruz«, brachte er stockend hervor. »Ich ... Ich liebe meine Frau.«
Rita Cruz wich ein Stück zurück und sah ihn verstört an. Dann senkte sich ein so trauriger Blick über ihr Gesicht, dass er beinahe Mitleid mit ihr verspürte. Augenblicke später gewann sie ihre Fassung jedoch zurück und lächelte ihn erneut an. »Ganz gewiss tun Sie das«, flüsterte sie. »Ich bitte Sie, Mister Sanchez, Sie schätzen mich vollkommen falsch ein. Was dachten Sie denn, was ich von Ihnen wollte?«
»Ich ...«, begann Ramon, doch seine Kehle war trocken wie Wüstensand, und seine Worte waren nicht mehr, als ein Krächzen. »Ich wollte nicht, dass Sie glauben ...«
Rita ersparte ihm die peinlichen Worte. »Nun denken Sie bitte bloß nicht daran!« Sie legte ihm ihre weiche Hand sanft auf die Schulter. »Ihre Frau ist zu beneiden, Mister Sanchez. Wirklich, das ist sie wahrhaftig. Aber ich dachte an etwas ganz anderes.«
»Was?«
»Es gibt da etwas in diesen bewaldeten Felsschluchten, das müssen Sie unbedingt sehen.«
Ramon bemühte sich erneut, um klare Worte hervorzubringen, doch irgendetwas schien ihm regelrecht die Sprache zu verschlagen. Seine Stimmbänder fühlten sich wie gelähmt an ... Noch nie hatte er ein Gefühl solch völliger Hilflosigkeit ertragen müssen - nein, es war das Gefühl von Hoffnungslosigkeit.
Wieder ein Anfall.
Ramon war machtlos. Seine an Bewegungslosigkeit grenzende Verwirrtheit zwang ihn zum Zusehen. Hilflos hockte er hinter dem Lenkrad und sah, wie Rita die Beifahrertür öffnete und ausstieg.
»Kommen Sie!«, spornte sie ihn an und lief in die Nacht hinein.
Auf keinen Fall jetzt! Das ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt für einen Anfall!
Doch Ramon gab sich keiner Illusion hin. Er wusste nur zu gut, was jetzt geschehen würde. Und keinen Atemzug später krampfte sich sein Körper unter höllischen Schmerzen zusammen. Ein glühend heißer Hitzestoß durchlief ihn von Kopf bis Fuß, als hätte ihm jemand kochendes Wasser eingeflößt. Er schrie auf, doch alles, was sich seiner Kehle entrang, war nicht mehr als ein röchelnder, erstickter Laut. Sein Gesicht verzerrte sich, kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Die Schockwelle zuckte wie ein elektrischer Schlag durch seine Muskeln und Eingeweide. Dann übermannte ihn die Angst, die Todesangst, die schlimmer war als alle Schmerzen.
Ich will nicht sterben! Auch dieses Mal nicht. Bitte! O Gott, lass mich am Leben! Bitte ...
Ramon biss sich auf die Unterlippe. Er konzentrierte sich, raffte all seine Kraft zusammen, sofern ihm dies noch möglich war, und fingerte mit zittriger Hand eine Pillendose aus seiner Jackentasche. Unter großer Anstrengung gelang es ihm, eine der roten Kapseln einzuwerfen und zu schlucken.
Sekunden verstrichen.
Langsam ließen die Schmerzen nach, seine Muskeln entkrampften sich ein wenig. Doch Ramon wusste, der Anfall war noch keinesfalls abgeklungen. Fahrig fischte er zwei weitere bittere Tabletten aus der Kunststoffdose, kippte sie mit zittriger Hand in seinen Mund und zerkaute sie.
Wenn du so weitermachst, Ramon, solltest du bald eine fette Lebensversicherung abschließen, die du deiner Frau hinterlassen kannst.
Ramon hörte Doktor Delaneys Worte so deutlich, als säße der Hausarzt direkt neben ihm. Victor Delaney hatte ihm das Medikament verschrieben, da er der Meinung war, Stress würde die Anfälle auslösen. Ja, Stress konnte Symptome hervorrufen, die einem Herzinfarkt glichen. Aber derart stark und immer häufiger?
Ramon spürte, wie ihn allmählich wohlige Wärme durchströmte. Sein Körper entkrampfte sich, die Atmung wurde regelmäßiger. Der Anfall ließ nach. Ramon entfernte den Sicherheitsgurt, öffnete die Wagentür und stieg aus. Draußen atmete er tief durch, sog die frische Nachtluft in seine Lungen. Angestrengt blickte er in Richtung der Felsformationen, wo Rita Cruz verschwunden war. Doch außer Bäumen, Felsen und der pechschwarzen Nacht konnte er nichts erkennen.
»Rita!«, rief er heiser.
Keine Antwort.
»Rita! Wo sind Sie?«
»Hier, Mister Sanchez! Hier drüben! Kommen Sie schon. Es ist unglaublich!«
Ihre Stimme klang gedämpft. Das ließ ihn darauf schließen, dass Rita bereits tiefer in die Schluchten hineingelaufen sein musste. Er überlegte einige Augenblicke, wog das Risiko ab. Ein neuerlicher Anfall mitten im Niemandsland ...
Er brauchte nur wieder in den Pick-up steigen und nach Hause zu Gloria fahren. Ein verlockender, beruhigender Gedanke. Doch das würde das Ende seiner Karriere bedeuten, wenn er Rita hier draußen ihrem Schicksal überließ. Dann könnte er sofort seine Zelte abbrechen und von hier für immer verschwinden.
Er könnte auch im Wagen warten, bis Rita klar wurde, dass er nicht interessiert war. Früher oder später würde sie dann zurückkommen und sie würden in die Stadt weiterfahren. Ein Warten auf sie würde sogar von edler Geduld zeugen, gut in seinen Plan passen.
Das kannst du dir abschminken. Sie ist jung und strotzt voller Energie. Sie wartet, bis du gesehen hast, was sie dir zeigen möchte.
Ramon seufzte. Schließlich kam er zu der Überzeugung, dass er keine andere Wahl hatte. Er musste hinter ihr her, sich ansehen, was sie für so unglaublich hielt. Er würde sich überwältigt zeigen, mit Rita zum Wagen zurückkehren und so schnell wie möglich nach Santa Fe zurückfahren.
Mit noch schwerem Atem machte er sich auf den Weg in die felsige Waldlandschaft. Je anstrengender der Weg wurde, umso fester schwor er sich, nie wieder bei einem gestrandeten Wagen anzuhalten und seine Hilfe anzubieten.
»Alles klar, Rita!«, rief er in die Dunkelheit vor sich hinein. »Ich bin am Weg! Welche Richtung?«
»Hier drüben, Mister Sanchez! Machen Sie schnell. Sie dürfen das auf keinen Fall verpassen!«
Ritas Stimme drang belegt durch die Felswände, mal lauter, mal leiser. Während Ramon ihr folgte, bemerkte er, dass er sich trotz seines geschwächten Zustands immer schneller vorwärtstrieb. Er verfluchte jedes überschüssige Kilo Körpergewicht, das er mit sich schleppen musste. Sport war nie ein Thema für ihn gewesen, lieber frönte er da schon den leiblichen Genüssen des Lebens. Das sagenhaft große Porterhousesteak im Old Bacons kam ihm in den Sinn. Doch ihm lief nicht das Wasser im Mund zusammen bei diesem Gedanken, sondern der Schweiß von der Stirn. Sein Herz pochte mit jedem Schritt heftiger, sein Atem wurde kürzer.
Komm schon, Ramon ... Reiß dich zusammen.
Ramon kämpfte sich weiter vorwärts, zwängte sich durch eine schmale Felsnische, bahnte sich den Weg durch niedriges Buschwerk und schleppte sich keuchend einen hügeligen Anstieg hinauf. Die Dunkelheit zwischen den Klippen und Wäldern war fast undurchdringlich, stets hielt er einen Arm ausgestreckt, um sein Gesicht vor schafkantigen Felsbrocken und peitschenden Zweigen zu schützen.
»Rita!«, brüllte er keuchend, als er eine kleine Schlucht erreichte. »Wo sind Sie? Dieses Tempo ist für meine Kondition ... pfff!« Er wollte ›zu hoch‹ sagen, doch da trat er in eine Felsspalte am Weg, stürzte und schlug mit dem Gesicht voran auf dem harten Geröllboden auf.
