Robinson Crusoe - Daniel Defoe - E-Book + Hörbuch

Robinson Crusoe Hörbuch

Daniel Defoe

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Beschreibung

Der Kultklassiker unter den Abenteuerromanen

Robinson Crusoe, eine der populärsten Gestalten der Weltliteratur, gilt seit unzähligen Generationen als Inbegriff des Abenteurers und Überlebenskünstlers. Das 1719 erschienene Buch über einen gestrandeten, ganz auf sich allein gestellten Menschen, der sich in der Wildnis aus dem Nichts eine neue Existenz erschaffen muss, hat sich längst als zeitlos erwiesen. Doch Daniel Defoes Roman ist viel mehr als eine gut geschriebene Abenteuergeschichte – sie wirft grundlegende Fragen nach dem Wesen unserer Spezies und unserer Zivilisation auf. An diesem Helden zeigt Defoe exemplarisch, welche grundlegenden Bewusstseinsveränderungen einer durchmachen muss, um sich zu einem echten Menschen auszubilden. Sein Robinson Crusoe reift vom gottlosen Seefahrer zum humanen Aufklärer, von einem ungestümen jungen Hitzkopf zu einem verantwortungsbewussten Charakter. Erst durch diese existenzielle Dimension gewinnt der Roman, der dem Autor sechzigjährig zu Weltruhm verhalf, seine wahre Tiefe und Bedeutung.

PENGUIN EDITION. Zeitlos, kultig, bunt. – Ausgezeichnet mit dem German Brand Award 2022

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Zeit:9 Std. 38 min

Veröffentlichungsjahr: 2022

Sprecher:Helmut Hafner

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Große Emotionen, große Dramen, große Abenteuer – von Austen bis Fitzgerald, von Flaubert bis Zweig. Ein Bücherregal ohne Klassiker ist wie eine Welt ohne Farbe.

Daniel Defoe (1660–1731) wurde in London als Sohn eines Fleischers geboren und versuchte sich in mehreren Berufen. Ein heftiger Angriff auf die anglikanische Kirche brachte ihn an den Pranger, wo ihm das Volk jedoch begeistert zujubelte. Mit seinem auf einer Insel gestrandeten Romanhelden schuf er eine der populärsten Gestalten der Weltliteratur.

«Welch ein Erzähler! Welcher Reichtum an Erfindung! Welche Kenntnis des menschlichen Herzens! … Ein Erbauungsbuch mit den Mitteln des Schelmenromans; Kino zur Christenlehre!» Hermann Bahr

«Die innere Wandlung Robinson Crusoes vom gedanken- und gottlosen Seefahrer zum frommen Haushalter seiner Seele und humanen ‹Wildenbekehrer›, vom blind lebensgierigen jungen Trotzkopf zum reifen, seiner Verantwortung vor Gott bewussten Mann gibt der Erzählung erst die rechte Kraft.» Hans Reisiger

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Daniel Defoe

Leben und wunderbare Abenteuer des

ROBINSON CRUSOE

Seemanns aus York

der 28 Jahre lang ganz einsam auf einer unbewohnten Insel an der Küste Amerikas nahe der Mündung des großen Stromes Orinoko lebte, wohin er als einziger Überlebender der ganzen Mannschaft durch Schiffbruch verschlagen war; nebst einem Bericht über seine ebenso wunderbare Befreiung durch Piraten. Beschrieben von ihm selbst.

Roman

Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Hans Reisiger

Die Originalausgabe erschien 1719

unter dem Titel «The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner».

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Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe by Manesse Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Regg Media in Adaption der traditionellen Penguin Classics Triband-Optik aus England

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel GmbH

ISBN 978-3-641-28615-6V001

www.penguin-verlag.de

Ich wurde geboren im Jahre 1632 in der Stadt York von guter, zwar nicht landeingesessener Familie; mein Vater nämlich war ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, und hatte sich zuerst in Hull niedergelassen. Nachdem er sich dort als Kaufmann ein ansehnliches Vermögen erworben, gab er sein Geschäft auf und übersiedelte nach York, von wo er meine Mutter gefreit hatte, deren Familie, mit Namen Robinson, dortzulande sehr wohlgeachtet war und nach der ich Robinson Kreutzner genannt wurde. Nach der üblichen Art der Engländer, die Worte zu verunstalten, nennt man uns und nennen und schreiben wir selbst uns jetzt Crusoe, und so nannten mich auch immer meine Kameraden.

Ich hatte zwei ältere Brüder, deren einer Oberstleutnant in einem englischen Regiment zu Fuß in Flandern war und in der Schlacht bei Dünkirchen gegen die Spanier fiel. Was aus meinem zweiten Bruder wurde, habe ich ebenso wenig je erfahren, wie meine Eltern erfuhren, was aus mir wurde.

Da man mich, als den dritten Sohn des Hauses, zu keinerlei Hantierung anhielt, begann sich mein Kopf schon sehr früh mit schweifenden Gedanken anzufüllen: mein Vater, der schon hochbejahrt war, hatte mich alles lernen lassen, was man eben durch häusliche Erziehung und in einer öffentlichen Schule lernen kann, und hatte im Sinn, einen Juristen aus mir zu machen; ich aber hatte nur den einzigen Wunsch, zur See zu gehen, und diese meine Begier trieb mich so hitzig gegen den Willen, ja gegen das Gebot meines Vaters und gegen alles Flehen und Zureden meiner Mutter und meiner Freunde an, dass es schien, als habe mich ein Dämon beim Wickel meiner eigenen Wünsche gefasst, um mich dem elendigen Leben zuzuschleppen, das mir bevorstand.

Mein Vater, ein kluger und gesetzter Mann, gab mir manchen ernsten, vortrefflichen Rat gegen mein von ihm wohlbemerktes Vorhaben. Er rief mich eines Morgens in sein Zimmer, an das ihn die Gicht fesselte, und stellte mich sehr warm über diesen Gegenstand zur Rede. Er fragte mich, was ich denn, außer bloßer Wanderlust, für Gründe hätte, mein Vaterhaus und Vaterland zu verlassen, wo mir die Zukunft offenstehe und die Aussicht winke, durch Arbeit und Fleiß in aller Behaglichkeit und Annehmlichkeit mein Glück zu machen. Er sagte, auf Abenteuer in die Fremde zu gehen, um durch Unternehmungen hochzukommen und sich berühmt zu machen, die vom gemeinen Wege abwichen, das sei etwas entweder für Stiefkinder oder für ungewöhnliche Günstlinge des Schicksals, für mich aber sei all das zu hoch oder zu gering; ich gehöre zum Mittelstände des Lebens, der seiner langen Erfahrung nach der beste Stand in der Welt sei, am zuträglichsten für das Glück eines Menschen, gesichert vor dem Elend, den Entbehrungen, Mühen und Leiden des handwerkenden Teiles der Menschheit und frei von dem Hochmut, der Üppigkeit, dem Ehrgeiz und Neid ihrer Höhen. Wie groß dieses Glück sei, könne ich, sagte er, daran erkennen, dass alle anderen Menschen diese Lebensart mit Neid betrachteten. Selbst Könige hätten schon oft darüber geklagt, wie viel Leiden es mit sich bringe, für große Dinge geboren zu sein, und hätten gewünscht, sie wären in der Mitte zwischen den beiden Extremen, zwischen hoch und niedrig, gestanden. Dass dies das wahre Glück sei, bezeuge auch der weise Salomon, wenn er zu Gott bete, ihm weder Armut noch Reichtum zu geben.

Wenn ich recht zusähe, würde ich immer finden, dass die Unglücksfälle des Lebens an den oberen und unteren Teil der Menschheit verteilt sind, dass aber der mittlere Stand am wenigsten zu leiden hat und nicht so vielen Übeln ausgesetzt ist wie der höhere oder niedere Teil der Menschheit; nein, nicht so vielen Unbehagen und Gebrechen des Leibes und der Seele unterworfen wie diejenigen, welche durch lasterhaftes Leben, Üppigkeit und Ausschweifungen auf der einen Seite oder durch harte Arbeit, Mangel am Notwendigen und schlechte oder ungenügende Ernährung auf der anderen Seite Krankheit und Ungemach über sich bringen, als natürliche Folge ihrer Lebensweise; ich würde finden, dass der Mittelstand des Lebens für Tugenden und Freuden aller Art geschaffen ist, dass Frieden und Genügen die Begleiter mittlerer Verhältnisse sind; dass Mäßigkeit, Ruhe, Gesundheit, Geselligkeit, alle angenehmen Zerstreuungen und alle wünschenswerten Vergnügungen die Segnungen sind, die der mittlere Lebensstand im Gefolge hat; dass auf diese Art die Menschen still und gemächlich durch die Welt und in Seelenruhe wieder aus ihr hinausgehen, nicht übermäßig geplagt von Hand- oder Kopfarbeit, nicht versklavt an die Fron ums tägliche Brot oder gehetzt von schwierigen Verhältnissen, die der Seele den Frieden und dem Körper die Ruhe rauben, noch besessen von der Leidenschaft des Neides oder heimlich brennendem Ehrgeiz nach großen Dingen; nein, in angenehmen Verhältnissen gleiten sie sowohl durch die Welt, genießen mit Verstand das Süße des Lebens ohne das Bittere, fühlen, dass sie glücklich sind, und lernen durch die Erfahrung jeden Tages immer besser, es zu sein.

Danach drang er ernstlich und aufs Liebevollste in mich, doch nicht den Naseweis zu spielen und mich nicht selber in Nöte zu stürzen, gegen die von Natur und durch die Lebensverhältnisse, in die ich geboren, vorgesorgt sei. Ich habe es nicht nötig, mir mein Brot zu suchen; er wolle für mich sorgen und mir zu der Lebensweise behilflich sein, die er mir soeben anempfohlen; und wenn ich nicht höchst glücklich und zufrieden würde in der Welt, so könne es nur mein Verhängnis oder meine eigene Schuld sein, die es verhindere; er habe seine Pflicht erfüllt und mich vor Schritten gewarnt, von denen er wisse, dass sie nur zum Unheil wären, und wasche seine Hände in Unschuld; kurz, er wolle mir alles Liebe antun, wenn ich seinem Rat folgte und daheim bliebe, hingegen keine Hand rühren, um mir im Unglück zu helfen, wenn ich in die Fremde zöge. Zum Schluss stellte er mir meinen älteren Bruder zum Exempel vor, dem er ebenso ernstlich vom Kriegshandwerk in den Niederlanden abgeraten, den aber trotz allem Zureden seine jugendliche Begier ins Feld getrieben habe, wo er getötet worden; und obwohl er nicht aufhören würde, für mich zu beten, so fürchte er doch, Gott werde mir keinen Segen geben, wenn ich diesen tollen Schritt täte, und ich würde dereinst Muße genug haben, über meinen Eigensinn nachzudenken, wenn niemand mehr da sein werde, mich zu retten.

Ich sah bei diesem Beschluss seiner Rede, die wahrhaft prophetisch war, obschon ich annehme, dass mein Vater selbst sich dessen nicht bewusst war, ich sah, sage ich, wie ihm die Tränen reichlich übers Gesicht liefen, zumal als er von meinem gefallenen Bruder sprach. Und als er darauf kam, dass ich Muße genug zur Reue, aber keinen Beistand haben würde, war er so bewegt, dass er seine Rede abbrach und zu mir sagte, sein Herz sei so voll, dass er nicht weiter zu mir sprechen könne.

Diese Rede ging mir aufrichtig ans Herz – wie hätte es auch anders sein können? –, und ich nahm mir vor, gar nicht mehr ans Reisen zu denken, sondern nach meines Vaters Wunsch im Nest zu bleiben. Aber, o weh, in ein paar Tagen war alles wieder verschwitzt, und ein paar Wochen später beschloss ich, um ferneren Ermahnungen meines Vaters aus dem Wege zu gehen, kurzerhand ihm davonzulaufen. Gleichwohl trieb ich’s hiermit nicht so hastig, wie mir’s die erste Hitze eingab, sondern nahm meine Mutter zu einer Stunde, wo sie mir milder schien als gewöhnlich, beiseite und sagte ihr, wie meine Gedanken so ganz und gar danach stünden, die Welt zu sehen, dass ich keine Ausdauer für irgendetwas anderes hätte und dass mein Vater daher besser täte, mir seine Einwilligung zu geben, als mich zu zwingen, ohne sie davonzugehen; dass ich jetzt achtzehn Jahre und somit zu alt sei für einen Handlungslehrling oder Advokatengehilfen, dass ich gewiss sei, meine Lehrzeit nicht auszuhalten, sondern meinem Meister noch vorher davonzulaufen und zur See zu gehen, und dass ich, wenn sie meinen Vater bestimmen wolle, mir nur eine einzige Reise in die Fremde zu vergönnen, nie wieder weggehen wolle und verspräche, durch verdoppelten Fleiß die vertane Zeit wieder einzuholen, falls mir dann die Reiselust vergangen sei.

Dies brachte meine Mutter in Aufregung; sie sagte, sie wüsste, dass es ganz nutzlos sei, mit meinem Vater über derlei zu reden; er wisse viel zu gut, was zu meinem Besten sei, als dass er zu etwas für mich so Unheilvollem seine Zustimmung geben würde, und sie verstehe gar nicht, wie ich an so etwas denken könne nach einer solchen Unterredung, wie ich sie mit ihm gehabt habe, und nach all dem Liebevollen und Zärtlichen, was er zu mir gesagt habe. Kurzum, wenn ich mich selber verderben wolle, so sei mir nicht zu helfen; aber ihre Einwilligung werde ich niemals haben, darauf könne ich mich verlassen; sie werde keinen Finger dazu rühren, und ich würde niemals sagen können, dass meine Mutter zu etwas Ja gesagt habe, was mein Vater nicht gewollt.

Trotz der Weigerung meiner Mutter, die Sache vor meinen Vater zu bringen, berichtete sie ihm dennoch, wie ich hernach erfuhr, meine ganze Unterredung mit ihr, und mein Vater sagte nach großer Erschütterung seufzend zu ihr: «Der Junge könnte glücklich werden, wenn er zu Hause bliebe; wenn er aber wegläuft, wird er das unglückseligste Menschenkind werden, das je geboren wurde. Ich kann dazu nicht Ja sagen.»

Es dauerte dennoch fast ein Jahr, ehe ich ausbrach, obwohl ich unterdessen für alles Zureden, ins Geschäft einzutreten, hartnäckig taub blieb und häufig mit meinem Vater und meiner Mutter darüber stritt, dass sie so ganz und gar gegen etwas waren, wozu es mich doch so hinzog. Als ich aber eines Tages in Hull war, übrigens derzeit ohne einen Gedanken ans Weglaufen, und einer meiner Kameraden, der mit seines Vaters Schiff nach London wollte, mir zuredete, mit ihnen zu fahren, indem er mir den üblichen Seemannsköder vorhielt, die Reise solle mich nicht einen Heller kosten – da fragte ich weder Vater noch Mutter mehr, schickte auch kein Wort einer Nachricht an sie, sondern überließ es dem Zufall, ob sie etwas davon erführen oder nicht, und ging, ohne um Gottes oder meines Vaters Segen zu bitten, blind gegen alle Umstände und Folgen, in einer Unglücksstunde, am 1. September 1651, an Bord eines nach London bestimmten Schiffes.

*

Niemals, glaube ich, hat eines jungen Wagehalses Unglück früher begonnen oder länger gewährt als das meine. Das Schiff war kaum aus dem Humber hinaus, als der Sturm zu blasen und die Wellen fürchterlich zu steigen begannen, und, da ich nie zuvor auf See gewesen, so war ich unsäglich krank am Leibe und geängstigt im Herzen: Ich fing nun an, ernstlich zu bedenken, was ich getan und wie gerecht mich nun die Strafe des Himmels treffe, weil ich so schändlich mein Vaterhaus verlassen und meine Pflicht aus den Augen gesetzt. Aller gute Rat meiner Eltern, meines Vaters Tränen und meiner Mutter Flehen kamen mir lebendig in den Sinn, und mein Gewissen, das damals noch nicht so verhärtet war wie später, warf mir die Verachtung guten Rates und die Verletzung meiner Pflicht gegen Gott und meinen Vater vor.

Mittlerweile wuchs der Sturm, und die See schwoll gewaltig an, obwohl nicht so, wie ich es hernach oft, ja sogar nur wenige Tage später, erlebte. Aber es war genug, um mich zu erschüttern, da ich ein Neuling war und nie dergleichen gesehen hatte. Bei jeder Welle dachte ich, sie würde uns verschlingen und das Schiff würde, jedes Mal wenn es in den Abgrund sank, nicht wieder emportauchen. Und in dieser Todesangst tat ich viele Gelübde, ich wolle, wenn es nur Gott gefiele, mein Leben aus dieser einen Fahrt zu erretten, und ich nur einmal wieder meinen Fuß aufs trockne Land setzen dürfe, unverweilt nach Hause zu meinem Vater eilen und nie wieder, solange ich lebte, ein Schiff betreten; ich wollte seinem Rate folgen und nie wieder so ins Unglück rennen. Jetzt sah ich ein, wie richtig alles war, was er über den Mittelstand des Lebens gesagt hatte; wie behaglich er all seiner Tage gelebt hatte und niemals Stürmen auf See oder Gefahren an der Küste ausgesetzt gewesen war, und ich beschloss, recht als ein reuiger verlorener Sohn, zu meinem Vater heimzukehren.

Diese weisen und vernünftigen Gedanken währten, solange der Sturm währte, und sogar noch etwas länger. Aber am nächsten Tage hatte sich der Wind gelegt, und die See war ruhiger, und ich begann mich ein wenig an sie zu gewöhnen. Dessen ungeachtet war ich den ganzen Tag über sehr ernst, zumal ich immer noch ein wenig seekrank war. Aber gegen Nacht klarte das Wetter auf, der Wind war vorbei, und ein wunderbar schöner Abend kam; die Sonne ging ganz klar unter und ging am nächsten Morgen ebenso auf; und da wir nur schwachen Wind hatten und glatte See, so dünkte mir das alles so lieblich, wie ich nichts zuvor geschaut.

Ich hatte in der Nacht gut geschlafen und war nun nicht mehr seekrank, sondern sehr vergnügt und besah mir verwundert das Meer, das tags zuvor so wild und schrecklich gewesen war und nun so kurze Zeit danach so still und heiter sich zeigte. Und damit mein guter Vorsatz ja nicht etwa von Dauer wäre, kommt nun mein Kamerad, der mich auf die Fahrt gelockt hatte, zu mir, und: «Nun, Bob», spricht er, mich auf die Schultern schlagend, «wie geht dir’s jetzt? Ich wette, du hattest das Herz in den Hosen gestern Nacht wegen der Mütze voll Wind!» – «Mütze voll Wind?», sagte ich. «Es war ein schrecklicher Sturm.» – «Ein Sturm, du Tropf?», erwiderte er. «Nennst du das einen Sturm? Ein Quark war das! Gib uns bloß ein gutes Schiff und raume See, und wir pfeifen auf so ein Lüftchen. Du Landratte! Komm, wir machen uns eine Bowle Punsch und ersäufen den Schreck. Siehst du, was für prachtvolles Wetter jetzt ist?» Um dieses trübe Stück meiner Geschichte kurz zu machen: Wir steuerten den alten Seemannskurs, der Punsch wurde gebraut und ich damit betrunken gemacht, und in dieser verruchten einzigen Nacht ersäufte ich alle meine Reue, alle meine Gedanken über mein voriges Betragen, alle meine Vorsätze für die Zukunft. Mit einem Wort: Wie mit dem Nachlassen des Sturmes die See wieder glatt und still wurde, so vergaß ich, als die Aufregung vorbei und meine Angst, von der See verschlungen zu werden, verflogen war, alle die Versprechungen und Gelübde, die ich in meiner Not getan hatte, völlig und überließ mich wieder ganz meinen früheren Wünschen. Zwar kam mir hernach noch ab und zu die Besinnung, und die ernsthaften Gedanken meldeten sich wieder hie und da; aber ich schüttelte sie ab und wehrte mich dagegen wie gegen die Pest, hielt mich ans Saufen und an lustige Kumpanei und meisterte so diese Rückfälle (wie ich sie nannte) bald, sodass ich in wenigen Tagen einen so vollkommenen Sieg über mein Gewissen errungen hatte, wie nur irgendein junger Mensch, den es zwickt, sich wünschen mag. Aber es stand mir noch eine andere Prüfung bevor, und die Vorsehung hatte, wie gewöhnlich in solchen Fällen, beschlossen, mir gar keine Entschuldigung zu lassen. Denn da das eben Erlebte mich noch nicht zu wandeln vermocht hatte, sollte das mir Bevorstehende der Art sein, dass auch der ärgste und verhärtetste Bösewicht sowohl die Größe der Gefahr als auch der göttlichen Gnade an sich erkennen musste.

Am sechsten Tage unserer Fahrt kamen wir auf der Reede vor Yarmouth an. Da wir Gegenwind und stilles Wetter hatten, waren wir seit dem Sturm nur wenig vorwärtsgekommen. Hier mussten wir vor Anker gehen, und hier lagen wir nun, weil der Wind immer noch uns entgegen, will sagen aus Südwest, stand, sieben oder acht Tage lang. Mittlerweile kamen noch viele andere Schiffe von Newcastle her auf dieselbe Reede, in der die Schiffe gewöhnlich auf guten Wind stromaufwärts warteten.

Wir hätten jedoch nicht so lange gelegen, sondern wären mit der Flut stromaufwärts gerückt, wenn nicht der Wind sehr stark und nach vier oder fünf Tagen noch viel stärker geblasen hätte. Da indessen diese Reede für so gut gilt wie ein Hafen und der Ankergrund vortrefflich und unser Ankergeschirr sehr stark war, so versahen sich unsere Leute nicht der geringsten Gefahr, sondern verbrachten ihre Zeit nach Seemannsweise mit Schlafen und Lustbarkeit. Aber am achten Tage morgens wurde der Wind noch stärker, und wir hatten alle Hände voll zu tun, um unsere Marsstengen niederzuholen und alles dicht- und festzumachen, damit das Schiff so ruhig wie möglich vor Anker läge. Um Mittag stieg die See sehr hoch, unser Schiff tauchte vornüber, etliche Seen schlugen über das Deck, und wir dachten ein- oder zweimal, unser Anker sei losgerissen; worauf unser Kapitän den Notanker ausbringen ließ, sodass wir nun vor zwei Ankern voraus lagen. Auch wurden die Ankertaue länger hinausgelassen.

Der Sturm raste nunmehr in Wahrheit mit furchtbarer Gewalt, und ich begann Schrecken und Bestürzung in den Gesichtern unserer Leute selber zu gewahren. Den Kapitän, so wachsam er auch auf dem Posten war, das Schiff zu sichern, hörte ich doch, als er neben mir zu seiner Kabine aus und ein ging, mehrere Male leise zu sich selber sagen: «Herr, sei uns gnädig, wir sind alle verloren, wir sind alle hin», und dergleichen. Während dieses ersten Tumults lag ich dumpf und stumpf in meiner Kabine im Zwischendeck und kann nicht beschreiben, wie mir war: Ich konnte nicht wohl wieder, wie beim ersten Mal, es mit der Reue halten, die ich so sichtlich mit Füßen getreten und gegen die ich mich verhärtet hatte; ich meinte, die Bitternis des Todes sei vorüber und es würde dieses Mal nicht so schlimm werden. Als aber, wie eben beschrieben, der Kapitän selber an mir vorbeikam und sagte, wir seien alle verloren, erschrak ich entsetzlich: Ich sprang auf, aus meiner Kabine hinaus und schaute mich um; aber so etwas Schauerliches hatte ich nie gesehen! Die See ging haushoch und brach alle drei oder vier Minuten über uns herab. Bekam ich den Blick frei, so konnte ich ringsumher nichts als Jammer und Not sehen: Zwei unweit von uns verankerte Schiffe hatten, weil sie zu schwer beladen waren, ihre Masten über Bord gekappt, und unsere Leute schrien, ein Schiff, das etwa eine Meile uns voraus vor Anker gelegen, sei gesunken. Zwei andere Schiffe waren von den Ankern losgerissen worden und aus der Reede auf gut Glück in die offene See gejagt, und zwar ohne einen einzigen stehenden Mast. Die leichten Schiffe hatten es am besten, weil sie nicht so stark schlingerten; aber zwei oder drei von ihnen trieben doch los und jagten, dicht an uns vorbei, nur ihr Sprietsegel vor dem Wind, ins offne Meer hinaus.

Gegen Abend baten der Steuermann und der Hochbootsmann unseren Kapitän, den Fockmast kappen zu lassen, was er gar nicht zugeben wollte. Als aber der Hochbootsmann schwur, wenn er es nicht täte, würde das Schiff sinken, ließ er’s geschehen. Und als sie den Fockmast abgehauen, stand der Großmast so lose und erschütterte das Schiff so, dass sie ihn auch abhauen und klar Deck machen mussten.

Jeder kann sich denken, in was für einen Zustand ich bei alledem war, ich, der Neuling, der zuvor schon bei viel geringerem Anlass solche Angst ausgestanden hatte. Doch wenn ich jetzt, nach so langer Zeit, meinen damaligen Gemütszustand noch wiederzugeben vermag, darf ich sagen, mein Entsetzen darüber, dass ich meinen guten Vorsätzen untreu geworden und zu meinem gottlosen ersten Entschluss zurückgekehrt war, war zehnmal größer als meine Angst vor dem Tode selbst; und dies, zusammen mit dem grausigen Sturm, brachte mich in einen Zustand, den ich mit keinen Worten zu beschreiben vermag. Aber das Schlimmste war noch gar nicht da. Der Sturm hielt mit solcher Wut an, dass die Seeleute selber gestanden, einen ärgeren hätten sie nie gesehen. Unser Schiff war gut, aber tief geladen und schlingerte dermaßen, dass die Leute etliche Mal schrien, es würde sich leck arbeiten. Es war gut, dass ich nicht wusste, was «leck arbeiten» bedeutete. Jedoch sah ich, indes der Sturm weiterraste, etwas, was man nicht oft zu sehen bekommt: nämlich den Kapitän, den Hochbootsmann und einige andere Verständigere im Gebet knien, jeden Augenblick gewärtig, dass das Schiff in die Tiefe sänke.

Mitten in der Nacht schrie zu all unserer anderen Not ein Mann, der hinuntergestiegen war, um nachzuschauen, dass wir ein Leck hätten; ein anderer schrie dazu, vier Fuß Wasser stünden im Raum. Alle Mann wurden an die Pumpe gerufen. Bei diesem Wort erstarb mir das Herz im Leibe, und ich fiel rücklings von meinem Bett, worauf ich saß, in die Kabine hinein. Die Leute rüttelten mich jedoch auf und riefen, ich hätte vorher zu nichts getaugt und könne jetzt pumpen so gut wie die andern; worauf ich mich aufraffte, zur Pumpe stolperte und aus Leibeskräften pumpte. Während dieser Arbeit sichtete der Kapitän ein paar leichte Kohlenschiffe, die losgetrieben waren und in See liefen und an uns vorbeikommen mussten, und befahl, einen Schuss als Notsignal zu feuern. Da ich nicht wusste, was das bedeuten solle, war ich so bestürzt, dass ich meinte, das Schiff sei geborsten oder sonst etwas Fürchterliches geschehen. Mit einem Wort: Ich sank ohnmächtig nieder. Da in diesem Augenblick jeder nur an sein eigenes Leben dachte, so kümmerte sich niemand um mich und mein Geschick, sondern ein anderer trat an die Pumpe, stieß mich mit dem Fuß beiseite und ließ mich für tot liegen, und es dauerte geraume Zeit, bis ich wieder zu mir kam.