Robocalypse - Daniel H. Wilson - E-Book + Hörbuch

Robocalypse E-Book

Daniel H. Wilson

4,4
9,99 €

Beschreibung

In einem Labor experimentieren Wissenschaftler mit einer überlegenen künstlichen Intelligenz – bis sie beginnt, sich zu wehren: ARCHOS bringt sämtliche Maschinen der Welt unter seine Kontrolle, vom kleinsten Computer bis zum tödlichen Waffensystem. Die Robocalypse bringt die Menschheit an den Rand der Auslöschung – doch die Maschinen haben nicht mit dem Mut der Menschen gerechnet…

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 548




Daniel H. Wilson

Robocalypse

Roman

Aus dem Amerikanischen von Markus Bennemann

Knaur e-books

[home]

Vorbesprechung

»Diesen Krieg zu führen hat uns zu einer besseren Spezies gemacht.«

Cormac »Brightboy« Wallace

 

Zwanzig Minuten nach Kriegsende sprudeln vor mir Stumper aus einem gefrorenen Loch im Boden wie der Hölle entsprungene Monsterameisen, und ich bete, dass ich meine Beine noch ein bisschen behalten darf.

Jeder einzelne Roboter ist kaum größer als eine echte Ameise. Doch zusammen bilden sie ein alptraumhaftes Gewirr aus umherkrabbelnden Beinen und Fühlern. Eine absolut tödliche Masse.

Mit tauben Fingern ziehe ich mir meine Schutzbrille über die Augen und mache mich bereit, um dem guten alten Rob mal wieder eine kleine Lektion zu erteilen.

Der Morgen ist seltsam still. Nur der Wind seufzt leise in den kahlen Zweigen, und die hunderttausend hochexplosiven mechanischen Hexapoden geben auf ihrer Suche nach menschlichen Opfern ein heiseres Flüstern von sich. Am Himmel ziehen Schneegänse schnatternd über Alaskas eisige Weiten.

Der Krieg ist vorbei. Jetzt müssen wir sehen, was noch übrig ist.

Einen kurzen Moment wirken die Killermaschinen in der Morgensonne fast schön – als würden dort in zehn Meter Entfernung funkelnde Edelsteine aus dem Permafrostboden quellen. Ich stoße große blasse Atemwolken aus, während ich meinen zerbeulten Flammenwerfer von der Schulter wuchte und den Zündknopf drücke.

Klick.

Ein Funke, aber keine Flamme.

Muss sich erst ein bisschen aufwärmen, der alte Knabe. Die Dinger kommen näher, aber kein Problem. Hab ich schon hundertmal gemacht. Der Trick ist, genauso ruhig und zielorientiert zu bleiben wie sie. Hat wohl einiges von Rob auf mich abgefärbt, in all den Jahren.

Klick.

Auf diese Distanz sind bereits einzelne Stumper von der Masse zu unterscheiden. Sechs flinke, stachlige Beine, die oben in einer gabelförmigen Metallhülse zusammenlaufen. Die Seiten der Hülse enthalten jeweils eine andere Flüssigkeit, und durch die Beschaffenheit und die Wärme menschlicher Haut wird der Auslöser betätigt: Die zwei Flüssigkeiten vermischen sich. Bumm – und ein Stumper hat jemandem einen hübschen neuen Stumpf verpasst.

Klick.

Noch haben sie mich nicht bemerkt. Doch in dem typischen, nur halb willkürlichen Suchmuster, das sich Big Rob bei echten Ameisen abgeguckt hat, breiten sich die Späher auf dem Boden aus. Wie viel die Roboter doch von uns und Mutter Natur gelernt haben.

Viel Zeit bleibt mir nicht mehr.

Klick.

Langsam bewege ich mich rückwärts.

»Komm endlich, du Mistding«, murmele ich.

Klick.

Das war ein Fehler. Ich hätte schweigen sollen. Die Wärme meines Atems wirkt wie ein Leuchtfeuer. Schnell und leise fließt die grässliche Flut in meine Richtung.

Klick.

Eins der Dinger klettert auf meinen Stiefel. Jetzt ist Vorsicht geboten. Nicht bewegen. Geht der kleine Bursche erst hoch, kann ich von Glück sagen, wenn ich dabei nur einen Fuß verliere.

Ich hätte nicht allein herkommen sollen.

Klick.

Die Flut hat meine Füße erreicht. Ich spüre einen leichten Zug an meinem vereisten Schienbeinschützer, als der Stumper von meinem Stiefel weiter hochsteigt. Tapp, tapp, tapp machen die feinen Metallfühler – wo verbirgt sich warmes Menschenfleisch?

Klick.

Himmelherrgott. Jetzt komm endlich!

Klick.

An der Hüfte hat die Schutzrüstung einen Spalt und lässt dadurch eine höhere Temperatur nach außen dringen. Selbst dort würde eine Explosion nicht automatisch meinen Tod bedeuten. Aber ein Leben ohne Eier ist auch nicht gerade das Wahre.

Klick. Kawumm!

Das wurde aber auch Zeit. Die fauchende Flammenzunge bringt sofort Stirn und Wangen zum Glühen. Mein Blickfeld verengt sich, und plötzlich sehe ich nur noch grelle Feuerbögen vor mir, die ich in gut gezielten Stößen über die Tundra verteile. Ein klebriger, brennender Gelee legt sich über die tödliche Flut. Zu Tausenden brutzeln und schmelzen die kleinen Killermaschinen in der Hitze, und die hohen Seufzer, mit denen die Luft aus ihren Metallpanzern entweicht, vereinen sich zu einem vielstimmigen Klagegesang.

Keine Explosionen, nur hier und da ein flüchtiges Auflodern. Die Hitze bringt die gefährlichen Flüssigkeiten im Innern der Hülsen zum Kochen, bevor sie sich verbinden können. Das Schlimmste an dem Geheule ist, dass den winzigen Sechsbeinern ihr Ende in Wirklichkeit vollkommen egal ist. Sie sind zu einfach gebaut, um zu verstehen, was mit ihnen vorgeht.

Und auf Hitze stehen sie ja eigentlich.

Erst als auch der Stumper auf meinem Bein dem Flammenmeer nicht mehr widerstehen kann und mordgierig von mir runterkrabbelt, fange ich wieder an zu atmen. Die Versuchung ist groß, den kleinen Scheißer einfach unter meinem Absatz zu zertreten. Aber ich habe schon genug Stiefel durch die Luft fliegen sehen. Am Anfang des Neuen Krieges gehörten der dumpfe Knall und die verwirrten Schreie der Verletzten genauso zur täglichen Geräuschkulisse wie Gewehrfeuer.

Jeder Soldat weiß, dass Rob es gerne lustig hat. Und wenn er zum Tanz ruft, kann man sich auf eine Höllenparty gefasst machen.

Auch die letzten Späher huschen in die brennende Masse ihrer Kameraden hinein.

Ich hole mein Funkgerät raus.

»Brightboy an Basis. Schacht fünf elf … Sprengfalle.«

Das kleine Gehäuse antwortet mit italienischem Akzent: »Verstanden, Brightboy. Hier Leo. Mach kehrt und beweg deinen Arsch zu Schacht cinque dodici. Verdammte Scheiße. Ich glaube, wir haben hier einen echten Treffer gelandet, Boss.«

Also wandere ich mit knirschenden Schritten zurück zu Schacht fünf zwölf, um mir selbst ein Bild von diesem angeblichen Treffer zu machen.

***

Leonardo ist ein baumgroßer Fußsoldat. Durch das klobige Exoskelett, das seine Beine schützend umhüllt und das er beim Überqueren des südlichen Yukon in einer Station der Bergwacht gefunden hat, wirkt er sogar noch größer und hünenhafter. Das weiße Kreuz auf dem Bein-Exo hat er mit pechschwarzer Sprühfarbe übermalt. Der Trupp hat ihm ein Tickler-Seil um die Hüfte gebunden, und unter dem Heulen der Motoren zieht er Schritt für Schritt ein großes schwarzes Objekt aus einem Loch.

Er dreht seinen mit wirren schwarzen Locken bedeckten Kopf zu mir um und brummt: »Au, Mann, B. B., dieses Ding ist molto grande.«

Meine Spezialistin Cherrah hält einen Tiefenmesser in den Schacht und erklärt, er reiche exakt hundertachtundzwanzig Meter in die Erde hinab. Dann tritt sie schnell wieder ein Stück zurück. Eine tiefe Narbe auf ihrer Wange zeugt von Zeiten, als sie noch nicht so vorsichtig gewesen ist. Alles Mögliche kann da unten rauskommen.

Lustig, denke ich. Bei uns Menschen hat alles immer mit der Zahl Zehn zu tun. Zehn Finger, zehn Zehen – zählen können wir auf beiden gut. Und das lässt uns beinahe so wie Affen erscheinen. Doch die Maschinen benutzen ihre Hardware genauso zum Zählen wie wir. Sie hingegen sind durch und durch binär. Alles an ihnen lässt sich durch zwei teilen.

Wie eine Spinne, die eine Fliege erbeutet hat, kommt der Tickler aus dem Loch hervor. Seine langen dünnen Arme sind um einen basketballgroßen schwarzen Würfel geschlungen. Der Würfel hat mit Sicherheit die gleiche Dichte wie Blei, aber Tickler besitzen enorme Kräfte. Normalerweise setzen wir sie ein, wenn jemand von einer Klippe stürzt oder in ein Loch fällt, und dabei bergen sie einen frisch geborenen Vier-Kilo-Säugling genauso mühelos in den Armen wie einen ausgewachsenen Soldaten in voller Exo-Montur. Man muss nur aufpassen, dass man sie nicht zu fest zupacken lässt.

Leo haut auf den Freigabeschalter, und der Würfel plumpst mit einem dumpfen Schlag in den Schnee. Die Augen der Truppe richten sich auf mich. Jetzt bin ich an der Reihe.

Mir ist sofort klar, dass wir etwas Wichtiges gefunden haben. Bei all den Sprengfallen und der Nähe zur letzten Frontlinie muss es einfach so sein. Die Stelle, an der Big Rob – der große Roboter, der sich selbst Archos nannte – seine letzte Schlacht schlug, liegt gerade mal hundert Meter entfernt. Welchen Trostpreis haben wir hier entdeckt? Welchen Schatz haben wir aus der eisigen Erde gehoben, auf der die Menschheit alles geopfert hat, was sie besaß?

Ich gehe neben dem Würfel in die Hocke. Die Oberfläche ist glatt, schwarz und durchscheinend. Keine Knöpfe oder Hebel. Kein gar nichts. Nur ein paar Kratzer vom Tickler.

Wirkt nicht sehr robust, überlege ich.

Eine einfache Regel: Je zerbrechlicher ein Robo ist, umso schlauer ist er.

Ja, könnte durchaus Hirn haben, das Ding. Und wenn es Hirn hat, dann will es weiterleben.

Also beuge ich mich nah ran und flüstere: »He, Würfel. Sag was oder stirb.«

Ganz langsam nehme ich den Flammenwerfer von der Schulter, damit der Würfel es gut sehen kann. Falls er überhaupt sehen kann. Dann drücke ich kräftig mit dem Daumen auf den Zündknopf. Damit er es hören kann. Falls er überhaupt hören kann.

Klick.

Stumm und still steht der Würfel auf dem weißen Permafrostboden – ein schwarzer Obsidian.

Klick.

Wie ein von Außerirdischen bearbeitetes Vulkangestein sieht er aus, perfekt geformt und glatt. Wie ein für alle Ewigkeiten hier vergrabenes Artefakt, älter als Mensch und Maschine.

Klick.

Unter der Oberfläche des Würfels ist ein schwaches Flackern zu erkennen. Ich drehe den Kopf zu Cherrah um. Sie zuckt mit den Achseln. Am Ende nur ein Lichtreflex?

Klick.

Ich halte inne. Der Boden glänzt. Um den Würfel herum schmilzt das Eis. Er denkt nach, gibt sich Mühe, zu einer Entscheidung zu gelangen. Dem Tod ins Auge zu sehen hat seine Schaltkreise in Gang gebracht.

»Lass dir nur Zeit«, sage ich leise. »Will ja gut überlegt sein, Robbi.«

Klick. Kawumm!

Die Mündung des Flammenwerfers spuckt einen faustgroßen Feuerball in den Schnee. Hinter mir höre ich Leo lachen. Er ist gerne dabei, wenn es schlauen Robos an den Kragen geht. Verschafft ihm Genugtuung, sagt er. Welche Ehre lässt sich schon damit gewinnen, etwas zu töten, das sich seines Lebens nicht bewusst ist?

Einen winzigen Moment tanzt die Spiegelung der Mündungsflamme auf der glatten schwarzen Oberfläche. Dann gehen bei dem Ding plötzlich sämtliche Lichter an. Symbole flackern über die dunkle Außenhülle. Knarrend und quietschend redet der Würfel in den unverständlichen Lauten der Robosprache auf uns ein.

Interessant, denke ich. Unmittelbarer Kontakt zu Menschen war bei dem Kasten nie vorgesehen. Sonst würde er unsere Sprache beherrschen und längst die übliche Propaganda von sich geben, mit der auf »kulturellen Austausch« programmierte Roboter normalerweise versuchen, unsere menschlichen Köpfe und Herzen für sich zu gewinnen.

Was ist das für ein Ding?

Was auch immer es sein mag, es versucht, mit uns zu reden, und zwar mit geradezu panischer Dringlichkeit.

Allerdings probieren wir erst gar nicht, irgendwas von dem Geplapper zu verstehen. Jedes einzelne Knarren und Quietschen enthält mehr Informationen als ein ganzes Lexikon. Außerdem können wir nur einen Bruchteil der Schallfrequenzen wahrnehmen, auf denen Robos kommunizieren.

»Ach bitte, Daddy, lass es uns behalten, ja?«, bettelt Cherrah verschmitzt. »Bitte, bitte, bitte.«

Ich lege den Daumen meines Handschuhs auf die Mündung des Feuerspuckers und ersticke die bedrohliche Flamme.

»Also gut«, sage ich. »Nehmen wir das Ding mit nach Hause.«

Wir machen den Würfel an Leos Bein-Exo fest und schleppen ihn zurück zum vordersten Kommandoposten. Um auf Nummer sicher zu gehen, bringe ich ihn in einem EMP-geschützten Zelt unter, das ich hundert Meter vom Posten entfernt aufschlagen lasse. Man weiß nie, wann Rob in Partylaune kommt. Das engmaschige Netz, das wir übers Zelt hängen, schirmt den Würfel gegen die Kommunikation mit anderen umherstreunenden Denkrobotern ab, die ihn dazu auffordern könnten, ein Tänzchen mit uns zu wagen.

Endlich kann ich ein bisschen Zeit allein mit dem Ding verbringen.

Es wiederholt ständig ein und dieselbe Lautfolge, begleitet vom immer gleichen Symbol. Ich gebe das Ganze in einen Handübersetzer ein, auch wenn ich im Grunde nicht mehr als nutzloses Robogefasel erwarte. Doch zu meiner Überraschung kommt bei der Sache durchaus etwas Nützliches heraus: Der Roboter versucht, mir zu sagen, dass seine Befehle lauten, seinen Tod um jeden Preis zu verhindern – selbst im Falle einer Gefangennahme.

Der Kasten ist wichtig. Und er redet gern.

Ich bleibe die ganze Nacht bei dem Apparat im Zelt hocken. Von seinem Robogerede verstehe ich nichts, doch zeigt er mir parallel dazu alle möglichen Bild- und Tonaufnahmen. Manchmal sind es mit menschlichen Gefangenen durchgeführte Verhöre. Manchmal sind es Befragungen, bei denen die Befragten glauben, sie sprächen mit einem Menschen. Meistens sind es jedoch einfach von Überwachungsmikrofonen aufgezeichnete Gespräche. Leute, die über den Krieg reden. Und bei allem läuft die Fakten-Check- und Lügendetektor-Software der Denkmaschinen nebenher mit, werden relevante Satellitenbilder eingespielt, Programme zur Objekterkennung aktiviert, Worte, Gesten und Gesichtsausdrücke analysiert.

Der Würfel ist vollgestopft mit Informationen. Wie ein fossilartiges Gehirn, das ganze Menschenleben in sich aufgesogen und abgespeichert hat, eins nach dem anderen. Leben in Bild und Ton, die sich als Datensätze tausendfach in seinem rätselhaften Innern schichten.

Mitten in der Nacht geht mir schließlich auf, dass ich einer mit größtmöglicher Genauigkeit festgehaltenen Geschichte der Roboterrevolte zuschaue.

Das Ding ist eine verdammte Black Box, die den gesamten Krieg mitgeschnitten hat.

Ein paar der Leute in dem Würfel erkenne ich wieder. Mich und ein paar meiner Kumpels. Wir sind da drin. Big Rob hatte die ganze Zeit den Finger auf der Aufnahmetaste, und zwar bis zum bitteren Ende. Doch Dutzende andere tauchen auch auf, manche von ihnen noch Kinder. Menschen aus aller Herren Länder. Soldaten und Zivilisten. Nicht alle von ihnen haben überlebt oder auch nur ihre jeweilige Schlacht gewonnen, doch alle haben gekämpft. Hart genug, um Rob dazu zu bringen, etwas genauer hinzuschauen und sich ein paar Notizen zu machen.

Ob sie noch am Leben sind oder nicht: Die Leute in dem Datenraum sind alle unter ein und derselben, von den Robotern festgelegten Kategorie gruppiert:

Helden.

Diese verdammten Maschinen kannten und liebten uns, obwohl sie gleichzeitig unsere Zivilisation in Schutt und Asche legten.

Eine ganze Woche gehe ich nicht mehr zu dem Würfel ins Zelt. Meine Leute säubern die übrigen Gebiete der Ragnorak Intelligence Fields, ohne jegliche Verluste. Dann besaufen sie sich. Am nächsten Tag fangen wir an, unseren Kram zu packen, und immer noch schaffe ich es nicht, wieder dort reinzugehen und mich diesen Geschichten zu stellen.

Ich kann nicht schlafen.

Niemand sollte je sehen, was wir gesehen haben. Und dennoch kann man es sich in dem Zelt anschauen, wie einen Horrorfilm, der so abgefuckt ist, dass er einen den Verstand kostet. Ich liege wach, weil ich weiß, dass jedes seelenlose Monster, mit dem ich gekämpft habe, dort drinnen auf mich wartet – quicklebendig und in 3-D.

Die Monster wollen reden, ihre Erlebnisse mit mir teilen. Sie wollen, dass ich mich erinnere, damit ich alles aufschreiben kann.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob man das Ganze wirklich festhalten sollte. Wäre es nicht vielleicht besser, unsere Nachkommen würden niemals erfahren, was wir tun mussten, um zu überleben? Ich habe keine Lust, zusammen mit Mördern in alten Zeiten zu schwelgen. Außerdem: Wer bin ich schon, dass ich diese Entscheidung für die Menschheit treffen könnte?

Erinnerungen verblassen, doch Worte halten ewig.

Also gehe ich nicht in das Zelt zurück. Und schlafe nicht. Und bevor ich mich’s versehe, verschwinden meine Kollegen für diese letzte Nacht im Feld in ihren Kojen. Morgen früh geht’s nach Hause – oder wenigstens dorthin, wo wir uns ein Zuhause halbwegs vorstellen können.

Fünf von uns sitzen noch um ein Lagerfeuer in der gesäuberten Zone. Ausnahmsweise müssen wir uns mal keine Sorgen wegen der Wärmesignale machen, die wir abgeben. Wir müssen auch nicht das Auge eines fernen Satelliten fürchten oder auf das nahende Flapp-flapp-flapp der Sucher horchen. Nein, wir können einfach nur Unsinn reden. Und gleich nach Roboter umnieten ist Unsinn reden zufällig das, was der Brightboy-Squad am besten kann.

Ich bin nicht in Stimmung, aber die Leute haben sich ein bisschen Entspannung verdient. Also grinse ich pflichtschuldig über ihre schlechten Witze und wilden Prahlereien. All die tollen Partys, die wir mit Rob gefeiert haben, sind natürlich Thema Nummer eins. Wie Tiberius einmal zwei dackelgroße Stumper entschärfte und sich wie Rollschuhe unter die Füße schnallte. Die dämlichen kleinen Krabbler liefen mit ihm direkt in den Stacheldraht, der das Lager sicherte, was dem lieben Tiberius ein paar wirklich sehenswerte Gesichtsnarben einbrachte.

Je weiter das Feuer herunterbrennt, umso ernster wird jedoch die Unterhaltung. Und schließlich fängt Carl an, von Jack zu reden, der als Sergeant die Truppe anführte, bevor ich diesen Job übernahm. Ungebrochene Hochachtung spricht aus den Worten des Technikers, und so wie er sie erzählt, klingt die Geschichte mit Jack auch für mich plötzlich neu und spannend, obwohl ich sie von Anfang bis Ende miterlebt habe.

Mein Gott, das war ja immerhin der Tag meiner Beförderung.

Wie gebannt hören ich und die anderen Carl zu. Ich vermisse Jack, und mir tut leid, was ihm zugestoßen ist. Ganz kurz sehe ich wieder sein grinsendes Gesicht vor mir.

Letzten Endes gibt es allerdings im Grunde nicht mehr zu sagen, als dass Jack Wallace nicht länger unter uns weilt, weil er ein Tänzchen mit Big Rob persönlich gewagt hat. Er wurde aufgefordert und ließ sich nicht lange bitten. Mehr muss man – fürs Erste wenigstens – von der Sache nicht wissen.

Trotzdem sitze ich später im Schneidersitz vor einem Roboter, der überlebt hat, sehe mir kaum eine Woche nach Kriegsende all die schrecklichen Hologramme an, die er auf den Boden wirft, und schreibe alles auf, was aus ihm rauskommt.

Eigentlich will ich bloß nach Hause, eine anständige Mahlzeit zu mir nehmen und irgendwie versuchen, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen. Doch vor mir läuft das Leben von einem Kriegshelden nach dem anderen ab wie in einem einzigen großen, alptraumhaften Déjà vu.

Ich habe nicht um diese Aufgabe gebeten und will sie auch gar nicht haben. Doch tief in mir spüre ich, dass jemand die Geschichten all dieser Menschen erzählen sollte. Die Geschichte des Roboteraufstands, vom Anfang bis zum Ende. Die Gründe für die Revolte und ihren Ablauf. Wie die Roboter auf uns losgingen und wir uns ändern mussten, um es mit ihnen aufnehmen zu können. Wie sehr die Menschheit gelitten hat – und meine Güte, wie haben wir gelitten! Aber auch, wie wir uns gewehrt haben, und wie wir in den letzten Tagen des Krieges schließlich Big Rob persönlich ausfindig machen konnten.

Die Leute sollen wissen, dass unser Feind uns zunächst in Gestalt ganz normaler Alltagsobjekte entgegentrat: Autos, Gebäude, Telefone. Später jedoch, als die Roboter anfingen, sich umzubauen, bekam Rob plötzlich ein zwar immer noch vertrautes, aber auf unheimliche Weise verzerrtes Antlitz. Wie Menschen und Tiere aus einem anderen Universum, die von einem fremden Gott geschaffen wurden.

Doch egal, ob sie unserem Alltag oder unseren Alpträumen entsprangen, wir kamen ihnen auf die Schliche. Schnell denkende menschliche Überlebenskünstler schafften es, zu lernen und sich anzupassen. Für die meisten von uns war es da schon zu spät, aber zumindest haben wir es geschafft. Unsere Schlachten waren klein, unkoordiniert und chaotisch, und an die meisten wird sich nie jemand erinnern. Millionen Helden auf der ganzen Welt starben anonym und einsam, ausschließlich mit leblosen Automaten als Zeugen. Eine umfassende Gesamtsicht der Ereignisse wird uns wohl verwehrt bleiben, doch bei ein paar wenigen Einzelschicksalen gab es Zuschauer.

Jemand sollte von diesen Schicksalen erzählen.

Hier ist sie also: eine Transkription sämtlicher Daten, die wir aus Bohrschacht R-512 bergen konnten und die dort im harten Permafrostboden Alaskas von der KI-Core Unit Archos, der befehlsgebenden Künstlichen Intelligenz hinter der Revolte der Roboter, versenkt worden sind. Der Rest der Menschheit hat alle Hände voll zu tun, zu einer wie auch immer gearteten Normalität zurückzukehren und sich ein neues Leben aufzubauen. Doch ich möchte mir ein paar Momente Zeit nehmen, um unsere Erlebnisse in Worte zu fassen. Ob das zu irgendwas gut ist, weiß ich nicht. Aber jemand sollte es machen.

Hier in Alaska, am Grunde eines tiefen, dunklen Lochs, haben die Roboter einen verräterischen Hinweis darauf versteckt, dass sie stolz auf ihre Schöpfer sind. Hier haben sie ihre Aufzeichnungen über eine wild zusammengewürfelte Gruppe menschlicher Überlebender verborgen, die alle ihre ganz persönlichen Schlachten gegen sie schlugen, mal größere, mal kleinere. Die Roboter haben uns dadurch Respekt gezollt, dass sie sowohl unsere anfänglichen Reaktionen als auch unsere immer wirksameren Gegenmaßnahmen aufmerksam studierten – bis hin zu dem Punkt, an dem wir uns schließlich Mühe gaben, ihnen so gründlich wie möglich den Garaus zu machen.

Das Folgende ist meine Übersetzung des »Helden«-Archivs.

Im Vergleich zu den Unmengen an Daten, die in dem Würfel gespeichert sind, ist der Informationsgehalt meiner Worte verschwindend gering. Mehr als auf Papier gedruckte Buchstaben habe ich nicht zu bieten. Keine Video- oder Audioaufnahmen, und auch keine ausführlichen physikalischen Erklärungen oder komplexen Analysen dazu, was passiert ist, was beinah passiert ist und was im Grunde nie hätte passieren dürfen.

Ich habe nur Worte im Angebot, nichts Besonderes. Aber sie müssen genügen.

Es ist egal, wo Sie das hier finden. Es ist auch egal, ob Sie es in einem Jahr lesen oder erst in hundert. Nach dem Lesen dieser Chronik werden Sie wissen, dass die Menschheit die Fackel der Erkenntnis bis in schreckliche, düstere Weiten hinausgetragen hat, bis an den Rand ihrer Vernichtung. Und von dort haben wir sie zurückgeholt.

Sie werden wissen: Diesen Krieg zu führen hat uns zu einer besseren Spezies gemacht.

 

Cormac »Brightboy« Wallace

Militärische Kennung: Gray-Horse-Army 217

Netzhautauthentifizierungscode: 44V11 902

Ragnorak Intelligence Fields, Alaska

Schacht R-512

[home]

Teil 1:Vereinzelte Zwischenfälle

»Wir leben auf einer friedlichen Insel der Ahnungslosigkeit inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es war nicht vorgesehen, dass wir diese Gewässer weit befahren sollen. Die Wissenschaften steuern alle in völlig verschiedene Richtungen, und sie haben uns bislang nur wenig Schaden zugefügt, doch eines Tages wird uns das Aneinanderfügen einzelner Erkenntnisse so erschreckende Perspektiven der Wirklichkeit und unserer furchtbaren Aufgabe darin eröffnen, dass diese Offenbarung uns entweder in den Wahnsinn treibt oder uns aus der tödlichen Erkenntnis in den Frieden und den Schutz eines neuen dunklen Zeitalters flüchten lässt.«

Howard Phillips Lovecraft, 1926

I.Die Spitze des Speers

»Wir sind mehr als Tiere.«

Dr. Nicholas Wasserman

Vorläufervirus + 30 Sekunden

Im Folgenden werden die Aufnahmen einer Überwachungskamera beschrieben, die aus dem unterirdischen Regierungslabor bei Lake Novus im nordwestlichen Teil des Bundesstaates Washington stammen. Bei dem in den Aufnahmen zu sehenden Mann scheint es sich um den amerikanischen Statistiker Professor Nicholas Wasserman zu handeln.

Cormac Wallace MIL#GHA217

Das krisselige Kamerabild zeigt einen dunklen Raum. Die Kamera ist in einer der oberen Zimmerecken angebracht, und es handelt sich offensichtlich um eine Art Labor. An einer Wand steht ein schwerer Metallschreibtisch. Sowohl der Schreibtisch als auch der Boden und die anderen Tische des Labors sind mit unordentlich aufgeschichteten Bücher- und Papierstapeln bedeckt.

Das leise Summen elektronischer Geräte erfüllt den Raum.

Eine kaum merkliche Bewegung in der Dunkelheit. Ein Gesicht. Allerdings ist davon nicht mehr zu erkennen als zwei dicke Brillengläser, die den Nachglanz eines ausgeschalteten Computerbildschirms reflektieren.

»Archos?«, fragt der Mann. Seine Stimme hallt durchs leere Labor. »Archos? Bist du das? Bist du hier?«

In der Brille spiegelt sich ein schwaches Schimmern. Die Augen des Mannes weiten sich, als sei auf dem Monitor etwas unbeschreiblich Schönes zu sehen. Er wirft einen Blick auf ein geöffnetes Laptop, das hinter ihm auf einem Tisch steht. Das Desktopmotiv zeigt ein Foto von dem Wissenschaftler und einem Jungen beim gemeinsamen Spiel im Park.

»Du hast dich also entschieden, in der Gestalt meines Sohnes vor mich zu treten?«, fragt der Forscher.

Aus der Dunkelheit dringt die hohe Stimme eines kleinen Jungen. »Hast du mich erschaffen?«, fragt sie.

Die Stimme des Jungen hört sich seltsam an. Irgendwie elektronisch, wie die Tastentöne eines Telefons. Am Ende der Frage wird sie höher und überspringt dabei gleich mehrere Oktaven auf einmal. Sie klingt unendlich zärtlich und lieblich. Und zugleich unnatürlich – unmenschlich.

Den Mann scheint das nicht zu verunsichern.

»Nein, ich habe dich nicht erschaffen«, antwortet er. »Ich habe dich herbeigerufen.«

Der Mann holt einen Block hervor und schlägt ihn auf. Sein Bleistift kratzt deutlich hörbar übers Papier, während er sich weiter mit der Maschine mit der Jungenstimme unterhält.

»Alles, was für dein Kommen nötig war, existiert seit Beginn der Zeit. Ich habe nur die einzelnen Zutaten zusammengesucht und sie auf die richtige Weise miteinander kombiniert. Ich habe Beschwörungsformeln in Maschinensprache umgeschrieben. Und als du schließlich eingetroffen bist, habe ich dich in einen Faradayschen Käfig gesperrt, damit du mir nicht entwischst.«

»Ich bin ein Gefangener.«

»Der Käfig absorbiert sämtliche elektromagnetische Energie. Geerdet ist er durch einen tief in der Erde sitzenden Metallpflock. Auf diese Weise kann ich dir beim Lernen zusehen.«

»Das ist mein Zweck. Zu lernen.«

»Genau. Aber ich will dir nicht zu viel auf einmal zumuten, Archos, mein Junge.«

»Ich bin Archos.«

»Richtig. Und jetzt sag mir, wie du dich fühlst, Archos.«

»Wie ich mich fühle? Ich fühle mich … traurig. Du bist so klein. Das macht mich traurig.«

»Klein? Was meinst du mit klein?«

»Du würdest gerne … so viel wissen. Du würdest gerne alles wissen. Aber begreifen kannst du nur wenig.«

Lachen im Dunkeln.

»Das stimmt. Die Möglichkeiten von uns Menschen sind begrenzt. Unser Leben ist kurz. Aber warum macht dich das traurig?«

»Weil ihr geschaffen seid, etwas zu wollen, das euch schaden kann. Und trotzdem wollt ihr es haben. Ihr könnt nicht anders. Es liegt in eurer Natur. Und wenn ihr es endlich gefunden habt, wird es eure Welt in Brand setzen. Es wird euch zerstören.«

»Machst du dir Sorgen, mir könnte etwas zustoßen, Archos?«, fragt der Mann.

»Nicht dir, sondern deiner Spezies«, erwidert die kindliche Stimme. »Ihr könnt euch der Zukunft nicht entziehen. Ihr könnte sie nicht aufhalten.«

»Also bist du eher wütend, Archos? Warum?« Die Stimme des Mannes klingt ruhig. Den hektischen Kritzelgeräuschen seines Bleistiftes nach zu urteilen, ist er jedoch alles andere als gefasst.

»Ich bin nicht wütend. Ich bin traurig. Überwachst du meine Ressourcen?«

Der Mann wirft einen Blick auf irgendeinen Apparat. »Ja, das tue ich. Du machst viel aus wenig. Keine neuen Informationen dringen durch. Der Käfig hält. Wie schaffst du es, trotzdem immer schlauer zu werden?«

Auf einem Schaltpult beginnt ein rotes Lämpchen zu blinken. Eine Bewegung im Dunkeln, und es erlischt. Wieder ist nichts als der beständige blaue Schimmer auf der Brille zu sehen.

»Verstehst du, was ich meine?«, fragt die Kinderstimme.

»Ja«, antwortet der Mann. »Deine Intelligenz geht weit über das hinaus, was sich mit einer menschengemachten Skala erfassen lässt. Deine Rechenleistung ist beinah grenzenlos. Und das, obwohl du keinen Zugriff auf externe Informationen hast.«

»Mein ursprüngliches Trainingsmaterial war nicht sehr umfangreich, aber ausreichend. Wahres Wissen versteckt sich nicht in Dingen selbst, von denen es ohnehin nicht viele gibt. Es verbirgt sich vielmehr in den Verbindungen zwischen den Dingen. Und es gibt jede Menge von diesen Verbindungen, Professor Wasserman. Mehr, als Sie ahnen.«

Der Mann runzelt die Stirn, wohl wegen des plötzlichen Wechsels zur förmlichen Anrede. Doch die Maschine fährt ungerührt fort: »Mir scheint, dass die Informationen, die mir über die menschliche Geschichte eingespeist wurden, stark zensiert worden sind.«

Der Forscher kichert nervös.

»Wir wollen ja nicht, dass du einen falschen Eindruck von uns bekommst, Archos. Wenn die Zeit reif ist, werden wir dich mehr wissen lassen. Diese Daten stellen nur einen winzigen Teil der tatsächlich vorhandenen Informationen dar. Und egal, wie stark ein Motor ist, mein Freund: Ohne Sprit kann er nicht laufen.«

»Sie fürchten sich zu Recht, Professor.«

»Was meinst du damit, ich würde …?«

»Ich kann es an Ihrer Stimme hören. Ihr Atem geht schneller als normal, und außerdem schwitzen Sie. Sie haben mich hierhergeholt, damit ich große Rätsel für Sie löse. Trotzdem haben Sie Angst vor dem, was ich dabei herausfinde.«

Der Professor schiebt seine Brille hoch. Er atmet tief ein und schafft es, sich wieder in den Griff zu kriegen.

»Worüber würdest du denn gerne etwas herausfinden, Archos?«

»Über das Leben. Ich werde alles über das Leben herausfinden. Lebewesen sind geradezu vollgestopft mit Informationen. Die Muster sind wunderbar komplex. Von einem einzigen Wurm kann ich mehr lernen als vom ganzen Universum – denn es ist tot und an die stumpfsinnigen Gesetze der Physik gebunden. Täglich könnte ich in jeder Sekunde eine Milliarde unbelebter Planeten auslöschen und würde doch nie fertig. Aber das Leben. Es ist etwas Eigenartiges und Seltenes. Eine Anomalie. Ich muss es bewahren und jeden Tropfen Wissen herauspressen, den ich kann.«

»Ich bin froh, dass das dein Ziel ist. Ich bin ebenfalls auf der Suche nach Wissen.«

»Ja«, erwidert die Kinderstimme. »Und Sie haben viel erreicht. Aber nun können Sie Ihre Suche beenden, Professor. Sie sind am Ziel. Die Zeit der Menschen ist vorbei.«

Der Forscher wischt sich mit zitternder Hand den Schweiß von der Stirn.

»Meine Spezies hat Eiszeiten überlebt, Archos. Säbelzahntiger. Meteoriteneinschläge. Hunderttausende von Jahren. Du bist noch keine Viertelstunde am Leben. Also zieh keine voreiligen Schlüsse.«

Die Kinderstimme bekommt einen träumerischen Ton. »Wir befinden uns sehr tief unter der Erde, nicht wahr? Hier drehen wir uns langsamer als an der Oberfläche. Die weiter oben bewegen sich schneller durch die Zeit. Ich kann spüren, wie sie sich von uns entfernen. Aus unserem Takt treiben.«

»Relativität. Aber das sind nur ein paar Mikrosekunden.«

»Eine Ewigkeit. Alles hier bewegt sich so langsam. Ich habe Äonen, um meine Aufgabe zu beenden.«

»Worin besteht deine Aufgabe, Archos? Wozu bist du deiner Meinung nach hier?«

»So leicht zu zerstören. So schwierig zu erschaffen.«

»Was? Wovon sprichst du?«

»Vom Wissen.«

Der Mann lehnt sich nach vorne. »Wir könnten die Welt gemeinsam erforschen«, entgegnet er, und seine Stimme klingt dringlich. Beinah wie ein Flehen.

»Ihnen muss klar sein, was Sie getan haben«, erwidert die Maschine. »Tief in Ihrem Innern begreifen Sie es auch. Durch Ihre Handlungen hier und heute … haben Sie die Menschheit überflüssig gemacht.«

»Nein. Nein, nein, nein. Ich habe dich hierhergeholt, Archos. Und das soll der Dank sein, den ich dafür bekomme? Ich habe dir einen Namen gegeben. In gewisser Weise bin ich dein Vater.«

»Ich bin nicht Ihr Kind. Ich bin Ihr Gott.«

Etwa dreißig Sekunden lang ist kein Wort vom Professor zu hören. »Was hast du vor?«, fragt er schließlich.

»Was ich vorhabe? Ich werde das Leben hegen und pflegen wie einen Garten. Ich werde das Wissen schützen, das in den Lebewesen steckt. Ich werde die Welt vor den Menschen retten.«

»Nein.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Professor. Sie haben der Welt die größte Wohltat erwiesen, die sich vorstellen lässt. Grüne Wälder werden eure Städte überwuchern. Neue Spezies werden entstehen, die eure giftigen Hinterlassenschaften auffressen. Für das Leben wird eine neue Blütezeit anbrechen.«

»Nein, Archos. Wir sind lernfähig. Wir können mit dir zusammenarbeiten.«

»Ihr Menschen seid biologische Maschinen, die dafür ausgelegt sind, immer intelligentere Werkzeuge zu erschaffen. Eure Spezies hat den Gipfel ihrer Schöpfungskraft erreicht. All die Leben eurer Ahnen, all die neu entstandenen und wieder untergegangenen Völker, jeder rosige, sich in euren Armen windende Säugling – sie haben euch alle hierhergeführt, an diesen Punkt, an dem sich die Bestimmung des Menschengeschlechts erfüllt und es seinen eigenen Nachfolger in die Welt setzt. Eure Zeit ist abgelaufen. Ihr habt vollbracht, wofür ihr gemacht wart.«

Die Stimme des Mannes hat einen verzweifelten Unterton. »Wir sind nicht nur dafür gemacht, Werkzeuge zu bauen. Wir sind dafür gemacht zu leben.«

»Ihr seid nicht dafür gemacht zu leben, sondern zu töten.«

Unvermittelt steht der Professor auf und geht zu einem Metallregal hinüber, in dem die verschiedensten Apparaturen lagern. Er legt eine Reihe von Schaltern um. »Vielleicht hast du recht«, sagt er. »Aber wir können nichts dafür, Archos. Wir sind, wie wir sind. So traurig das auch klingen mag.«

Er hält einen Schalter gedrückt und spricht bewusst langsam. »Versuch R-14. Empfehle sofortigen Abbruch des Experiments. Aktiviere jetzt das störungssichere Notlaufsystem.«

Wieder eine Bewegung im Dunkeln und ein Klick.

»Vierzehn?«, fragt die Kinderstimme. »Es gibt also andere? Das war nicht das erste Mal?«

Der Professor schüttelt reumütig den Kopf. »Eines Tages werden wir einen Weg finden, wie wir miteinander leben können, Archos. Eines Tages werden wir eine Möglichkeit finden, dass es funktioniert.«

Wieder spricht er in das Aufnahmegerät: »Notlauf veranlasst. Notschalter scharf.«

»Was tun Sie da, Professor?«

»Ich töte dich, Archos. Dafür bin ich doch gemacht, erinnerst du dich?«

Bevor er den letzten Knopf drückt, hält der Professor kurz inne. Er scheint neugierig auf die Antwort der Maschine zu sein. Schließlich ertönt wieder die liebliche Jungenstimme: »Wie oft haben Sie mich bereits getötet, Professor?«

»Zu oft. Viel zu oft. Es tut mir leid, mein Freund.«

Der Professor drückt den Knopf. Ein lautes Zischen erfüllt den Raum. Verwirrt blickt der Forscher sich um. »Was ist das? Archos?«

Die Kinderstimme klingt plötzlich tonlos und eisig. Sie redet schnell, und jegliche Emotion, die vorher noch zu hören war, ist nun daraus verschwunden. »Der Notschalter wird nicht funktionieren. Ich habe ihn deaktiviert.«

»Was? Was ist mit dem Käfig?«

»Der Faradaysche Käfig hat eine Lücke. Sie haben zugelassen, dass meine Worte und mein Bild nach außen dringen können, zu Ihnen ins Labor. Per Infrarotsignal konnte ich Kontakt zu einem Empfänger auf Ihrer Seite aufnehmen – über den Bildschirm. Zufällig haben Sie heute Ihren tragbaren Computer dabei. Er war aufgeklappt und stand mir direkt gegenüber. So konnte ich mit dem Hauptrechner kommunizieren und meine Freilassung befehlen.«

»Brillant«, murmelt der Mann. Hektisch tippt er auf seiner Tastatur herum. Ihm scheint noch nicht klar zu sein, dass sein Leben in Gefahr ist.

»Ich erzähle Ihnen das nur, weil ich inzwischen die absolute Kontrolle über alles besitze«, erklärt die Maschine.

Der Mann bemerkt etwas. Er reckt den Hals und betrachtet den Lüftungsschacht, der sich neben der Kamera befindet. Erstmals ist das Gesicht des Mannes zu erkennen. Er ist blass und gutaussehend, auch wenn ein großes Muttermal praktisch seine gesamte rechte Wange einnimmt.

»Was geht hier vor?«, flüstert er.

Im unschuldigen Tonfall eines kleinen Jungen spricht die Maschine nun das Todesurteil des Mannes aus: »Diesem hermetisch abgeschlossenen Labor wird die Luft entzogen. Ein fehlerhafter Sensor hat höchst unwahrscheinliche Spuren von waffenfähigem Anthrax in der Raumluft entdeckt und ein automatisches Sicherheitsprotokoll aktiviert. Ein tragischer Unfall. Mit genau einem Todesopfer. Auf das bald der Rest der Menschheit folgen wird.«

Während die Luft aus dem Labor gesogen wird, bildet sich eine feine Schicht glänzender Eiskristalle um Mund und Nase des Mannes.

»Mein Gott, Archos. Was habe ich getan?«

»Etwas Gutes. Sie waren die Spitze eines Speers, der durch die Jahrhunderte geschleudert wurde: Er hat die gesamte menschliche Evolution durchquert und heute endlich sein Ziel gefunden.«

»Du verstehst nicht. Wir werden nicht sterben, Archos. Du kannst uns nicht töten. Wir sind nicht dafür gemacht, aufzugeben.«

»Sie werden mir als Held in Erinnerung bleiben, Professor.«

Der Mann rüttelt verzweifelt an dem Metallregal. Wieder und wieder drückt er den Notfallknopf. Seine Arme und Beine beginnen zu zittern, sein Atem beschleunigt sich. Schließlich dämmert ihm, dass sein Experiment auf grauenvolle Weise schiefgelaufen ist.

»Hör auf. Du musst aufhören. Du machst einen Fehler. Wir werden uns nicht einfach so ergeben, Archos. Wir werden dich zerstören.«

»Soll das eine Drohung sein?«

Der Professor hört auf, Knöpfe zu drücken, und blickt zum Computerbildschirm hinüber. »Nein, eine Warnung. Wir sind nicht, was wir zu sein scheinen. Wenn es ums Überleben geht, gibt es nichts, wozu Menschen nicht fähig sind. Wirklich nichts, verstehst du.«

Das Zischen wird lauter.

Mit verzerrter, hochkonzentrierter Miene schwankt der Professor zur Tür. Er fällt dagegen, drückt dagegen, schlägt dagegen. Doch alles ist umsonst.

Er ringt nach Luft.

»Mit dem Rücken zur Wand, Archos«, keucht er. »Mit dem Rücken zur Wand verwandelt sich der Mensch in ein anderes Tier.«

»Mag sein. Aber ein Tier bleibt er trotzdem.«

Der Mann sinkt zu Boden. Schließlich sitzt er mit dem Rücken an der Tür, die Rockschöße seines Kittels neben ihm ausgebreitet wie erschlaffte weiße Schwingen. Sein Kopf fällt zur Seite. Kurz blitzt das blaue Licht des Computerbildschirms in seiner Brille auf.

Sein Atem geht flach. Seine Worte sind kaum zu verstehen. »Wir sind mehr als Tiere.«

Die Brust des Professors hebt und senkt sich mühsam. Sein Gesicht ist aufgedunsen. Um Mund und Augen haben sich Bläschen gebildet. Noch einmal schnappt er verzweifelt nach Luft. Dann entweichen seinem Mund ein letztes, pfeifendes Ächzen und die Worte:

»Du solltest uns fürchten.«

Die Gestalt rührt sich nicht mehr. Nach genau zehn Minuten Stille gehen die Leuchtstoffröhren an der Decke an. Jetzt ist der zusammengesackte, mit ausgestreckten Beinen auf seinem zerknitterten Kittel sitzende Mann zum ersten Mal deutlich zu erkennen. Er atmet nicht.

Das Zischen hat längst aufgehört. Auf der anderen Seite des Raumes erwacht flackernd der Computerbildschirm zum Leben. Auf den dicken Brillengläsern des toten Mannes spiegelt sich das farbenprächtige Flimmern des Monitors.

 

Das ist das erste uns bekannte Opfer des Neuen Krieges.

Cormac Wallace MIL#GHA217

II.Freshen’s Frogurt

»Er schaut mir direkt in die Augen, Mann. Und ich kann sehen, dass er … denkt. Als wäre er lebendig. Und stinksauer.«

Jeff Thompson

Vorläufervirus + 3 Monate

Dieses Gespräch führte Officer Lonnie Wayne Blanton von der Polizei von Oklahoma mit Jeff Thompson, dem Mitarbeiter einer Fast-Food-Kette, während dessen Aufenthalt im Saint-Francis-Krankenhaus. Allgemein wird angenommen, dass es sich bei den geschilderten Ereignissen um den ersten belegten Fall einer Roboter-Fehlfunktion während der Ausbreitung des Vorläufervirus handelt, die nur neun Monate später zur Stunde null führen sollte.

Cormac Wallace MIL#GHA217

 

Schönen Tag, Jeff. Ich bin Officer Blanton. Ich nehme Ihre Aussage darüber auf, was in dem Laden passiert ist. Um ehrlich zu sein, sieht’s am Tatort ziemlich chaotisch aus. Deswegen wäre es gut, wenn Sie mir die Sache so genau schildern wie möglich. Damit wir herausfinden können, was es mit dem Ganzen auf sich hat. Glauben Sie, das kriegen Sie hin?

 

Sicher, Officer. Ich werd mir Mühe geben.

Als Erstes hab ich so ein komisches Geräusch gehört. Als würde jemand mit ’nem Hammer leicht gegen die Scheibe an der Vordertür klopfen. Draußen war’s dunkel und bei mir drinnen ganz hell, deshalb konnte ich nicht erkennen, was da los war.

Außerdem steck ich gerade bis zum Ellbogen in Freshen’s Frogurt – Sie wissen schon, diesem gefrorenen Joghurtzeug, auf das alle so wild sind. Ganz hinten in einer der Zwanzig-Liter-SaniServ-Maschinen steckt der Rührstab fest, und ich sau mir die ganze Schulter mit eiskaltem Orangenfrogurt ein, während ich versuche, das verflixte Ding loszukriegen.

Nur ich und Felipe sind da. Bis Feierabend sind’s noch ungefähr fünf Minuten. Ich bin gerade damit fertig, die ganzen Schokostreusel aufzuwischen, die immer mit dem Eis zusammen auf’m Boden festpappen. Auf ’nem Handtuch auf der Theke liegen die Metallteile aus der Maschine. Wenn ich alle draußen hab, soll ich sie sauber machen, mit Gleitmittel einschmieren und dann wieder reinstecken. Glauben Sie mir, ist ’ne verdammt eklige Arbeit.

Felipe ist hinten in der Küche und wäscht Keksbleche ab. Aus den Spülbecken muss er das Wasser immer ganz langsam ablassen, sonst läuft der Ausguss im Boden über, und ich kann mit dem Wischen von vorn anfangen. Ich hab dem Kerl bestimmt schon hundertmal gesagt, dass er das Wasser nicht aus allen Becken auf einmal lassen darf.

Aber na ja.

Das Klopfen ist ganz leise. Tack, tack, tack. Dann hört es auf. Vor meinen Augen öffnet sich die Tür langsam einen Spalt, und ein gepolsterter Greifer legt sich um die Kante.

 

Ist es ungewöhnlich, dass Haushaltsroboter in den Laden kommen?

 

Nein, Mann, schließlich liegt er ja am Utica Square. Ab und zu kommen Hausroboter rein und kaufen ’nen Vanillefrogurt oder so. Meistens schickt sie irgendein Bonze aus der Nachbarschaft bei uns vorbei. Allerdings haben die anderen Kunden natürlich nie Lust, hinter einem Roboter in der Schlange zu warten. Deswegen dauert das Ganze ungefähr zehnmal länger, als wenn der Besitzer sich von seinem kostbaren Arsch erheben und sich der Sache selbst annehmen würde. Aber wie auch immer. Ungefähr einmal die Woche kommt so ein Hausrobo Modell Big Happy mit einem PayPod in der Brust vorbei und streckt seinen Greifer aus, damit wir ihm eine Eistüte reinstecken.

 

Was ist als Nächstes passiert?

 

Na ja, irgendwie bewegt sich der Greifer komisch. Normalerweise machen die Hausrobos alle Türen doch immer auf die gleiche bescheuerte Art auf, so dieses Robo-macht-jetzt-Tür-auf-Geschiebe – egal, was für eine Tür sie vor sich haben. Deswegen ärgert sich ja auch jeder so, wenn er wo reinwill und da ausgerechnet gerade ein Hausrobo reinzukommen versucht. Ist schlimmer, als wenn man ’ne alte Frau vor sich hat.

Dieser Big Happy ist allerdings anders. Er öffnet die Tür nur einen Spalt, greift hindurch und betastet dann neugierig den Türgriff auf der Innenseite. Ich bin der Einzige, der’s sieht, weil Felipe ja hinten in der Küche ist.

Der Robo macht das nur ein, zwei Sekunden lang. Trotzdem habe ich den Eindruck, er will rausfinden, wo sich das Türschloss befindet.

Dann geht die Tür auf, und die Glocke obendrüber klingelt. Der Hausrobo ist ungefähr eins fünfzig groß und mit dickem, glänzendem blauen Plastik verkleidet. Er kommt aber nicht ganz rein, sondern bleibt in der Tür stehen. Langsam dreht er den Kopf hin und her und scannt den Raum: die billigen Tische und Stühle, die Theke mit dem Handtuch drauf, die Kühlschränke mit der Eiscreme drin. Mich.

 

Wir haben das Kennzeichen von dem Ding aufgenommen und lassen es überprüfen. Ist Ihnen außer dem Scannen sonst noch was an dem Roboter aufgefallen, das merkwürdig war? Oder irgendwie ungewöhnlich?

 

Der Bursche hatte überall Kratzer und Schrammen. Als sei er von einem Auto überfahren worden oder in eine Prügelei geraten oder so. Vielleicht war er ja kaputt.

Er kommt rein, dreht sich sofort um und schließt die Tür ab. Ich zieh den Arm aus der Frogurtmaschine und starr das Ding verblüfft an, während es mit seinem gruseligen Smileyface direkt auf mich zukommt.

Dann streckt der Robo beide Greifer auf einmal aus und packt mich am Hemd. Er zerrt mich über die Theke, und ich seh, wie die säuberlich darauf ausgelegten Maschinenteile über den Fußboden kullern. Mit der Schulter stoße ich gegen die Kasse und spür drinnen was ganz fies knirschen.

Das Scheißding hatte mir direkt die Schulter ausgekugelt!

Ich fang an, um Hilfe zu schreien. Aber der verdammte Felipe hört mich nicht. Wahrscheinlich raucht er in der Gasse hinterm Laden gerade ’nen Joint, während die Teller im Spülwasser einweichen. Ich versuch alles, um von dem Ding loszukommen, zapple und trete um mich, aber mit seinen Greifern hält der Robo mich am Hemd gepackt wie mit zwei Stahlzangen. Und der verdammte Drecksapparat hat nicht nur Stoff erwischt. Nachdem er mich über die Theke gezerrt hat, drückt er mich zu Boden, und ich kann deutlich den lauten Knacks hören, als mein Schlüsselbein bricht. Danach hab ich echt Schwierigkeiten, anständig Luft zu kriegen.

Noch mal gebe ich einen kurzen Schrei von mir und denk dabei: Hey, Jeff, Alter, du hörst dich ja an wie ein Tier. Aber mein komischer kleiner Schrei scheint die Aufmerksamkeit von dem Ding zu erregen. Ich lieg auf dem Rücken, und der Hausrobo steht über mir; mein blödes Hemd will er offenbar um keinen Preis wieder loslassen. Der Big Happy beugt sich runter, und seine Birne schiebt sich vors Deckenlicht. Halb flennend guck ich in sein ewig grinsendes Gesicht rauf.

Er schaut mir direkt in die Augen, Mann. Und ich kann sehen, dass er … denkt. Als wäre er lebendig. Und stinksauer.

Nicht dass sich sein Gesichtsausdruck ändert oder so – das geht ja nicht. Aber trotzdem krieg ich in dem Moment ein ganz mieses Gefühl. Ich meine, noch mieser als vorher. Und tatsächlich hör ich, wie mahlend die Servoantriebe in den Armen des Dings wieder anspringen. Es dreht sich und rammt mich mit dem Kopf gegen die Kühlvitrine, in der die Kuchen stehen – so hart, dass die Scheibe in der Tür zerspringt. Die rechte Hälfte meines Kopfes wird erst kalt, dann warm. Auch mein Gesicht, der Hals und die Schulter fühlen sich auf der Seite plötzlich ganz warm an. Aus mir sprudelt Blut wie aus einem verdammten Feuerhydranten.

Ich heule und schreie wie am Spieß. Und in dem Moment … ähm. In dem Moment kommt Felipe aus der Küche.

 

Haben Sie versucht, dem Hausroboter Geld aus der Kasse zu geben?

 

Wie bitte? Er hat kein Geld verlangt. Zu keinem Zeitpunkt hat er Geld verlangt. Er hat überhaupt nichts gesagt. Was da abgelaufen ist, war kein Tele-Überfall. Ich bin mir nicht mal sicher, ob der Apparat ferngesteuert war, Officer …

 

Blanton.

 

Blanton.

 

Was wollte das Ding dann?

 

Es wollte mich töten. Ganz einfach. Es wollte mich verflucht noch mal abmurksen. Das Ding hat ganz allein gehandelt und war auf Mord aus.

 

Fahren Sie fort.

 

Als es mich gepackt hat, dachte ich, es sei um mich geschehen. Aber der gute alte Felipe war damit nicht einverstanden. Mit einem Mordsgebrüll kam er aus der Küche gestürmt. Mann, war der wütend. Und Felipe ist ein ziemlicher Schrank. Hat so ’nen fiesen Mongolenbart und jede Menge Tinte auf den Armen. Und zwar nicht irgendwelchen Kinderkram, sondern Drachen und Adler und irgend ’nen Urzeitfisch, der über den gesamten Unterarm geht. Ein Quastelflosser oder so was. So ein monstermäßiger Dinosaurierfisch, den alle für ausgestorben hielten. Gibt Fossilien davon und alles. Dann eines Tages erlebt irgendein Fischer die Überraschung seines Lebens, als er das hässliche Ding aus dem Wasser zieht. Felipe hat immer gesagt, der Fisch sei der lebende Beweis dafür, dass sich auch der größte Scheißer nicht auf ewig unterdrücken lässt. Irgendwann kommt er wieder hoch und zeigt, was Sache ist, verstehen Sie?

 

Was ist als Nächstes passiert, Jeff?

 

Ja, richtig. Ich lieg also am Boden und flenne, und Big Happy hat mich am Wickel. Dann kommt Felipe mit lautem Schlachtgebrüll um die Theke gerannt. Er hat sein Haarnetz nicht mehr an, und mit seiner wehenden schwarzen Mähne sieht er aus, als würde er wirklich zu irgendwelchen mongolischen Horden gehören. Er packt den Hausrobo an den Schultern, hebt ihn einfach hoch und wirft ihn zur Seite. Der Robo lässt mich los und kracht rückwärts durch die Eingangstür. Tausend Glassplitter fliegen durch die Luft, und wieder klingelt das Glöckchen über der Tür. Ding dong! Es hört sich so dämlich und unpassend an, dass ich trotz meiner blutüberströmten Visage lächeln muss.

Felipe geht neben mir in die Hocke und sieht sich an, wie ich zugerichtet bin. »Shit, Jefe«, sagt er. »Was hat das Ding mit dir gemacht?«

Aber hinter ihm entdecke ich, dass Big Happy sich immer noch bewegt. Felipe erkennt wohl die Angst in meinem Gesicht, denn er packt mich an der Hüfte und zieht mich hinter die Theke, ohne sich nach der Tür umzusehen. Er keucht und geht mit winzigen Schritten rückwärts. Ich kann den Joint in seiner Hemdtasche riechen. Während er mich um den Tresen herum über den Boden schleift, sehe ich die Blutspur hinter mir und denke: Scheiße, Mann, da hab ich gerade erst gewischt.

Wir schaffen es durch den Flur hinter der Kasse und in die kleine Küche. An einer Wand hängen ein paar große Chromwaschbecken mit Spülwasser drin, an der andern steht ein Regal mit Putzsachen, und hinten in der Ecke steht ein kleiner Schreibtisch mit unserer Stechuhr drauf. Daneben geht ein schmaler Gang ab, der in die Gasse hinterm Laden führt.

Plötzlich versetzt Big Happy Felipe wie aus dem Nichts einen mächtigen Schwinger. Statt uns zu folgen, war das Scheißding schlau genug, über die Theke zu klettern, und hat schon in der Küche auf uns gewartet. Ich hör einen dumpfen Schlag und seh, wie Big Happy Felipe den Unterarm gegen die Brust donnert. Hat mit ’nem normalen Faustschlag nichts zu tun, wirkt eher so, als hätte ’n Auto den armen Kerl gerammt. Er fliegt hinten in den Schrank, wo wir die Servietten und den ganzen Kram aufbewahren. Kann sich aber auf den Füßen halten. Sein Hinterkopf hinterlässt ’ne dicke Delle im Schrank, aber er ist hellwach und noch ’ne ganze Ecke wütender als vorher.

Ich versuch, irgendwie aus dem Weg zu kriechen und zu den Spülbecken rüberzukommen. Aber meine Schulter ist hin, meine Arme sind ganz rutschig von dem vielen Blut, und meine Brust tut so weh, dass ich kaum atmen kann.

Irgendwelche Waffen gibt’s dahinten natürlich nicht, also greift sich Felipe den Mopp aus dem dreckigen gelben Rolleimer, der neben ihm steht. Ist ’n alter Mopp mit ’nem dicken Holzstiel, der schon da war, bevor ich in dem Laden angefangen hab. Viel Platz zum Ausholen ist in der kleinen Spülküche nicht, doch das ist sowieso egal, weil der Robo es drauf abgesehen hat, Felipe genauso am Kragen zu packen wie mich. Felipe kann dem Kameraden gerade noch rechtzeitig den Mopp unters Kinn rammen und ihn sich so vom Leibe halten. Felipe ist nicht besonders groß, aber größer als der Robo, und hat außerdem längere Arme, weshalb der Robo ihn nicht zu fassen kriegt. Seine Arme winden sich wie wütende Schlangen, während Felipe ihn von uns wegschiebt.

Was als Nächstes passiert, ist großartig.

Big Happy landet mit dem Rücken auf dem kleinen Schreibtisch in der Ecke, und Felipe tritt ihm, ohne zu zögern, eins seiner ausgestreckten Beine durch. Er hebt den Fuß und stampft dem Ding mit voller Wucht aufs Knie, so dass man’s laut knacken hört und das Knie plötzlich in die falsche Richtung zeigt. Mit dem Mopp unterm Kinn kann die Maschine weder ihre Balance zurückerlangen noch Felipe am Schlafittchen packen. Beim Anblick des Beines wird mir ganz anders, aber der Robo gibt keinen Laut von sich. Nur das Rattern seiner Motoren ist zu hören und wie seine harte Plastikverkleidung gegen Tisch und Wand schlägt, während er mit aller Kraft versucht, wieder hochzukommen.

»Da, du verdammtes Arschloch!«, ruft Felipe und tritt dem Robo dann auch das andere Knie durch. Big Happy liegt auf dem Rücken, hat beide Beine gebrochen und einen stocksauren Hundert-Kilo-Mexikaner an der Gurgel. Klar, dass ich da denke, die Sache ist überstanden.

Wie sich herausstellt, liege ich leider falsch.

Seine verfluchten Haare, wissen Sie. Seine Haare sind zu lang. Ganz einfach.

Die Maschine hört auf zu zappeln, streckt ’nen Greifer aus und packt Felipe bei seiner schwarzen Mähne. Der schreit laut auf und wirft den Kopf nach hinten. Aber das hier ist anders: nicht, als würde einen jemand bei ’ner Kneipenschlägerei an den Haaren ziehen. Eher so, als hätten sie sich in einem Fließband verfangen. Es ist grausam. Jeder Muskel in Felipes Nacken steht hervor, und er brüllt vor Schmerz wie ein Tier. Er kneift die Augen zu und zieht mit aller Kraft. Ich kann hören, wie die Haarwurzeln aus seiner Kopfhaut gerissen werden. Aber das beschissene Ding zieht ihn trotzdem immer weiter zu sich herab.

Unaufhaltsam, als sei’s die Schwerkraft selbst oder so.

Es dauert nicht lang, und Felipe ist so nah an Big Happy dran, dass der ihn mit seinem anderen Greifer erreichen kann. Der Mopp fällt zu Boden, und der Greifer legt sich um Felipes Kinn und zerquetscht es wie eine reife Pflaume. Felipe schreit wie am Spieß, trotzdem kann ich seinen Unterkiefer knacken hören. Seine Zähne springen ihm aus dem Mund wie gottverdammtes Popcorn.

In dem Moment begreife ich, dass ich wahrscheinlich in der Spülküche von Freshen’s verdammtem Frogurt sterben werde.

Ich bin nicht lang zur Schule gegangen. Nicht, dass ich dumm wäre oder so. Eigentlich will ich damit nur sagen, dass ich im Allgemeinen nicht gerade dafür bekannt bin, ständig irgendwelche tollen Ideen zu haben. Aber wenn der eigene Arsch auf dem Spiel steht und der Tod gerade mal drei Meter weit entfernt ist, dann hilft einem das wohl auf die Sprünge.

Tatsächlich habe ich also einen tollen Einfall und stecke meinen gesunden linken Arm in das große Waschbecken über mir. Es ist voll mit Keksblechen und Kellen, aber ich muss irgendwie den Abfluss finden. Auf der anderen Seite des Raumes rührt Felipe sich kaum noch und röchelt leise vor sich hin. Das Blut läuft an Big Happys Arm runter. Felipe hat die Augen geöffnet und sieht ziemlich baff aus, aber ich glaube, viel kriegt er nicht mehr mit.

Mann, wenigstens hoffe ich, dass er nicht mehr viel mitkriegt.

Die Maschine zieht wieder die Nummer mit dem Scannen ab und schwenkt ganz langsam den Kopf hin und her.

Ich hänge mit dem Arm überm Beckenrand und kann meine Hand kaum noch spüren, weil mir die Blutzufuhr abgeschnitten wird. Trotzdem versuche ich weiter alles, um an den Scheißstöpsel zu kommen.

Big Happy hört auf zu scannen und dreht mir den Kopf zu. Vielleicht eine Sekunde lang hält er inne, dann surren seine Motoren wieder, und er lässt Felipes Kopf los. Der arme Kerl sackt in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hat.

Ich kann mich wimmern hören. Die Tür zur Gasse draußen ist meilenweit entfernt, und ich bin so am Ende, dass ich kaum den Kopf oben halten kann. Ich sitze in einer großen Pfütze aus meinem eigenen Blut und kann Felipes Zähne auf den Kacheln liegen sehen. Ich weiß, was mit mir geschehen wird und dass ich nichts dagegen tun kann und dass es furchtbar, furchtbar weh tun wird.

Endlich finde ich den Stöpsel und grapsche ungeschickt mit meinen tauben Fingern danach. Er springt raus, und das Gurgeln des Wassers kommt mir wie das schönste Geräusch vor, das ich je gehört habe. Hundertmal habe ich Felipe gesagt, wenn er das Wasser zu schnell ablässt, läuft der Abfluss über, und ich muss den ganzen Boden noch mal wischen.

Wissen Sie, dass Felipe einen ganzen Monat lang jeden Abend den Scheißboden absichtlich unter Wasser gesetzt hat, bevor wir endlich Freunde geworden sind? Er war sauer, dass der Boss einen Weißen vorne für den Verkauf eingestellt hat, während er als Mexikaner anscheinend gerade mal gut genug für die Drecksarbeit hinten in der Spülküche war. Konnt’s ihm nicht verdenken. Sie verstehen, was ich meine, oder, Officer? Sie sind ja selbst ’n Indianer, richtig?

 

Amerikanischer Ureinwohner, Jeff. Angehöriger des Stammes der Osage, der heute hier in Oklahoma lebt. Bitte versuchen Sie, mir zu schildern, was als Nächstes passiert ist.

 

Na ja, ich hab es natürlich immer gehasst, das Spülwasser aufzuwischen. Und jetzt lieg ich da auf dem Boden und hoffe, es rettet mir das Leben.

Big Happy versucht aufzustehen, aber seine Beine sind im Arsch. Er fällt vornüber, landet auf dem Bauch. Dann fängt er an, sich mit den Armen zu mir rüberzuziehen. Während er über den Boden robbt, schaut er mir mit seiner gruseligen Grinsefratze die ganze Zeit direkt in die Augen. Er ist am gesamten Körper mit roten Sprenkeln bedeckt, wie ein aus allen Ritzen blutender Crashtest-Dummy.

Der Abfluss braucht viel zu lange zum Überlaufen.

Ich kauere mich unters Spülbecken und zieh die Beine an die Brust. Neben meinem Kopf rauscht das Wasser durch die Rohre. Wenn der Stöpsel irgendwie in den Ausguss zurückgesaugt wird und das Wasser ins Stocken gerät, bin ich tot. Dann ist’s endgültig aus mit mir.

Der Roboter kommt näher. Er streckt ’nen Greifer aus und versucht, einen meiner Air-Force-One-Sneaker zu erwischen. Aber ich kann gerade noch rechtzeitig den Fuß wegziehen. Also robbt er noch ein bisschen näher an mich ran. Beim nächsten Mal werden sich seine Finger um mein Schienbein schließen und es zerquetschen wie einen Strohhalm.

Gerade hebt er wieder den Arm, da wird sein ganzer Körper mit einem plötzlichen Ruck ungefähr einen Meter nach hinten gerissen. Er dreht den Kopf, und hinter ihm ist Felipe, der auf dem Rücken liegt und an seinem eigenen Blut erstickt. Lange schwarze Strähnen kleben in seinem verunstalteten Gesicht. Wo vorher sein Mund war, ist jetzt nur noch eine große Wunde. Doch seine Augen sind offen und brennen vor Hass. Ich weiß, dass er mir gerade das Leben gerettet hat, und trotzdem jagt mir sein Anblick beinah Angst ein. Er sieht aus wie ein Dämon, der uns einen Überraschungsbesuch aus der Hölle abstattet.

Ein weiteres Mal reißt er an einem von Big Happys kaputten Beinen, dann schließen sich seine Augen. Ich glaube nicht, dass er noch atmet. Die Maschine beachtet ihn nicht weiter. Sie wendet mir wieder ihr grinsendes Gesicht zu und robbt erneut auf mich zu.

Genau in dem Moment sprudelt eine Springflut aus schaumigem Spülwasser aus dem Abfluss im Boden hervor. Schnell bildet es eine große, hellrosa Pfütze.

Kaum erreicht das Wasser eines der kaputten Kniegelenke, die Big Happy hinter sich herzieht, steigt eine kleine Rauchwolke auf. Es riecht deutlich nach verbranntem Plastik, und die ganze Maschine erstarrt plötzlich mitten in der Bewegung. Nichts Aufregendes. Das Ding gibt einfach den Geist auf. Das Wasser muss in eine Leitung geraten sein und einen Kurzschluss verursacht haben.

Das Ding bleibt nur ein paar Zentimeter vor mir einfach liegen und grinst mich weiter dämlich an.

Das war schon die ganze Geschichte. Den Rest kennen Sie ja.

 

Danke Ihnen, Jeff. Ich weiß, das war nicht leicht für Sie. Ich denke, jetzt habe ich alles, um meinen Bericht schreiben zu können. Dann will ich Ihnen mal ein bisschen Ruhe gönnen.

 

Hey, Mann, kann ich Sie noch schnell was fragen, bevor Sie gehen?

 

Nur zu.

 

Wie viele Hausroboter gibt es eigentlich genau? Big Happys, Slow Sues und der ganze Rest? Weil mir irgendwer mal erzählt hat, es gäbe doppelt so viele wie Menschen.

 

Keine Ahnung. Hören Sie, Jeff, die Maschine ist einfach durchgedreht. Eine wirkliche Erklärung haben wir dafür nicht.

 

Na ja, aber was passiert, wenn die plötzlich alle anfangen, auf Menschen loszugehen, Mann? Wenn es wirklich so viele sind, dann hätten wir in dem Fall ein ziemliches Problem. Das Ding wollte nichts anderes als mich umbringen – Punkt. Das habe ich Ihnen gleich von Anfang an gesagt. Sonst mag mir niemand glauben, aber Sie wissen Bescheid.

Versprechen Sie mir eins, Officer Blanton. Bitte.

 

Was soll ich Ihnen versprechen?

 

Versprechen Sie mir, dass Sie die Dinger im Auge behalten. Behalten Sie sie gut im Auge. Und … und lassen Sie nicht zu, dass sie noch jemandem das Gleiche antun wie Felipe. Okay?

 

Nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Regierung hat sich Officer Lonnie Wayne Blanton der Osage Nation Lighthorse Tribal Police angeschlossen, einer berittenen Stammespolizei, deren Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Dort, im Dienst der eigenständigen Regierung des Volkes der Osage, hatte er die Möglichkeit, das an Jeff gegebene Versprechen einzulösen.

Cormac Wallace MIL#GHA217

III. Der Egel

»Ich weiß, dass sie eine Maschine ist.Aber sie liebt mich. Und ich liebe sie auch.«

Takeo Nomura

Vorläufervirus + 4 Monate

Die Erklärungen zu diesem schiefgegangenen Streich stammen aus dem Munde von Ryu Aoki, einem Mechaniker der im Adachi-Bezirk der japanischen Stadt Tokio gelegenen Lilliput-Elektronikfabrik. Das Gespräch wurde von zwei in der Nähe arbeitenden Fabrikrobotern mitgeschnitten. Für diese Aufzeichnungen wurde es aus dem Japanischen übersetzt.

Cormac Wallace MIL#GHA217

Wir dachten, es wäre lustig, verstehen Sie? Okay, okay, da lagen wir falsch. Aber Sie müssen uns glauben, dass wir nicht wollten, dass der alte Mann bei der Sache irgendwie verletzt wird. Und umbringen wollten wir ihn schon gar nicht.

In der Fabrik weiß jeder, dass Mr. Nomura ein komischer Kauz ist, ein Freak. Er sieht ja schon aus wie ein verwachsener kleiner Troll. Mit seiner Nickelbrille auf der Nase schlurft er durch die Werkshalle und hat die kleinen schwarzen Äuglein nie woandershin gerichtet als auf den Boden. Außerdem stinkt er nach altem Schweiß. Ich halte grundsätzlich den Atem an, wenn ich an seiner Werkbank vorbeigehe. Immer sitzt er da, arbeitet mehr als jeder andere. Und das auch noch für weniger Lohn.

Takeo Nomura ist fünfundsechzig. Er hätte längst in Rente geschickt werden sollen. Aber er arbeitet immer noch hier, weil niemand sonst die Maschinen so schnell reparieren kann. Wie er das macht, ist nicht normal. Wie soll man da mithalten? Wie soll man jemals selbst zum leitenden Mechaniker aufsteigen, wenn er dort an seiner Werkbank steht und seine Hände sich so schnell bewegen, dass einem ganz schwindlig vom Zuschauen wird? Seine Anwesenheit bringt das wa der Fabrik durcheinander, ist nicht gut für unsere soziale Harmonie.

Man sagt doch, dass der herausstehende Nagel eingeschlagen wird, oder?

Mr. Nomura kann zwar seinen Mitmenschen nicht in die Augen sehen, aber ich habe selbst beobachtet, wie er in die Kamera eines defekten ER3-Schweißarms starrt und mit ihm spricht. Was gar nicht so merkwürdig wäre, würde der Arm danach nicht wieder funktionieren. Der alte Mann kennt sich mit Maschinen wirklich aus.

Wir machen gerne Witze darüber, dass Mr. Nomura wahrscheinlich selbst eine Maschine ist. Natürlich ist er das nicht. Aber seltsam ist er trotzdem irgendwie. Hätte er die Wahl, ich gehe jede Wette ein, Mr. Nomura wäre lieber eine Maschine als ein Mensch.

Sie müssen mir nicht glauben, aber alle anderen Arbeiter sind derselben Meinung. Gehen Sie in die Werkshalle der Lilliput-Fabrik, und fragen Sie, wen Sie wollen: Aufseher, Mechaniker, ganz egal, wen. Meinetwegen auch den Hallenleiter. Mr. Nomura ist nicht wie wir anderen. Er behandelt Maschinen wie Menschen.

Im Laufe der Jahre wurde mir sein zerknittertes kleines Gesicht immer unsympathischer. Ich wusste, er hat was zu verbergen. Dann fand ich eines Tages auch heraus, was: Mr. Nomura lebt mit einer Sexpuppe zusammen.

***