Rolls Royce und Bienenstiche – DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek - Charlotte MacLeod - E-Book

Rolls Royce und Bienenstiche – DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek E-Book

Charlotte MacLeod

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Beschreibung

DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek: Rolls Royce und Bienenstiche – Ein Fall für Sarah Kelling Eines haben die Billingsgates mit ihren neuenglischen Freunden gemeinsam – den alten, kolonialen Reichtum. Vier Dinge zeichnen sie in der neuenglischen Aristokratie aus: aufrichtige Frömmigkeit, eine durch unbedingte Markentreue wie von selbst gewachsene Rolls Royce Sammlung, das schloßähnliche Landgut sowie ihr Sommerfest in altertümlichen Kostümen. Als Vertreter des Kelling-Clans sind diesmal Sarah und ihr Mann Max Bittersohn eingeladen. Das auf Kunstdiebstähle spezialisierte Paar soll die Augen offenhalten, denn einer der Rolls Royce ist unter mysteriösen Umständen verschwunden und der Täter wird im Billingsgatesschen Umgang vermutet. Doch dann findet man den Chauffeur ermordet in einem pittoresken Versteck, ein weiterer Wagen verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen, und plötzlich löst sich auch noch eine Tante in Luft auf. »Mord als schöne Kunst betrachtet« – unter diesem Motto präsentiert DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek Meilensteine anglo-amerikanischer Spannungsliteratur in der Tradition des literarischen Detektivromans. Vom Serientäter bis zum perfekten Mord, von den Golden-Age-Klassikern bis zur »Grande Dame« der Kriminalliteratur Charlotte MacLeod: DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek versammelt das Beste des Genres – mit originellen Plots, fantasievollen Settings und charakterstarken Ermittlern. »Knarrende Geheimtüren, verwirrende Mordserien, schaurige Familienlegenden und, nicht zu vergessen, beherzte Helden (und bemerkenswert viele Heldinnen) sind die Zutaten, die die Lektüre zu einem Lese- und Schmökervergnügen machen.« Neue Presse/Hannover

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Seitenzahl: 370

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DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek

Herausgegeben von Volker Neuhaus

Charlotte MacLeod wurde 1922 in Kanada geboren und wuchs in Massachusetts, USA, auf. Sie studierte am Boston Art Institute und arbeitete danach kurze Zeit als Werbetexterin. 1964 begann sie, Detektivromane für Jugendliche zu veröffentlichen, 1978 erschien der erste Band ihrer ›Balaclava‹-Serie, 1979 folgte der erste Titel der ›Boston‹-Reihe, die begeisterte Zustimmung fanden und ihren Ruf als zeitgenössische große Dame des Kriminalromans begründeten. Für ihr Werk erhielt MacLeod fünf American Mystery Awards sowie den Nero Wolfe Award. Im Januar 2005 starb Charlotte MacLeod im Alter von 82

Charlotte MacLeod

Rolls Royce und Bienenstiche

Aus dem Englischen von Beate Felten-Leidel

Für Julia und alle Daniels

eBook 2013Die Originalausgabe erschien 1989 unter dem Titel Silver Ghost bei The Mysterious Press, Warner Books, New York

© 1988 Charlotte MacLeod

Published by Arrangement with Joyce Turner

© 1999 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

© 2013 für diese Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv von Pellegrino Ritter und Andreas Potthast

Umschlaggestaltung: KOCH.ZÄNKER

eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8726-2

www.dumont-buchverlag.de

Alle Kellings und Bittersohns sowie sämtliche Verwandte, Freunde und lästige Bekannte in diesem Abenteuer sind ebenso fiktiv wie in den übrigen Bänden der Boston-Serie. Selbst die Bienen der Billingsgates verhalten sich eindeutig atypisch. Jede Ähnlichkeit zwischen den Personen und Ereignissen dieses Buches und wirklichen Personen und Ereignissen wäre rein zufällig. Nur eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Bienen der Billingsgates und ihren gewöhnlichen Artgenossen ließ sich nicht vermeiden, da Bienen, auch wenn sie sich noch so abweichend verhalten, sowohl im Leben als auch in der Literatur nun einmal Bienen bleiben.

Kapitel 1

Professor Ufford bedachte die hübscheste Besucherin des Renaissance-Festes mit einem herablassenden Lächeln. »Wahrscheinlich sind Sie wie die meisten der irrigen Ansicht, Heinrich VIII. habe Morris Dancing in England eingeführt.«

Sarah Kelling Bittersohn schüttelte den Kopf, einerseits wollte sie die Frage damit verneinen, andererseits wollte sie testen, ob ihr Hennin sich nicht gelockert hatte. »Ach ja? Soweit ich weiß, war es John of Gaunt, der Duke of Lancaster.«

»Äh – höchstwahrscheinlich.« Der Professor knipste sein Lächeln wieder aus und setzte statt dessen ein hochnäsiges Grinsen auf. »Die Theorie, daß der Tanz von der Moreska oder vom spanischen Fandango inspiriert wurde, ist natürlich absurd. In meinem jüngst erschienenen Buch habe ich schlüssige Beweise für einen flämischen Ursprung dargelegt. Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie Terpsichore stampft studiert haben?«

»Nur weil ich John of Gaunt kenne?« Da Sarah sich jetzt ihres Hennins sicher sein konnte, warf sie den Kopf zurück und schenkte Professor Ufford ein ähnliches Lächeln, wie es ihre Tante Emma dereinst einem Gast hatte angedeihen lassen, der gerade versehentlich Rotwein über ihre Damasttischdecke geschüttet hatte. »Den kennt doch jedes Kind.«

Das war gemein. Sarah kannte sich nur deshalb so gut mit dem Thema aus, weil Cousin Lionel sie neulich bei Tante Appies Oster-Luncheon in eine Ecke gedrängt und so lange mit sämtlichen Einzelheiten über die Entstehung des Morris Dancing und der Moreska bombardiert hatte, bis ihr schließlich eine gewaltlose Möglichkeit eingefallen war, ihn zum Schweigen zu bringen, was bei Lionel gar nicht so einfach war.

Jedenfalls hatte sie Professor Ufford mit ihrer Bemerkung zum Schweigen gebracht. Er tippte an die breite runde Krempe seines schwarzen Strohhutes und trollte sich. Möglicherweise beabsichtigte er, nach einer anderen hübschen Dame Ausschau zu halten, die im Gegensatz zu ihr noch nichts von John of Gaunt gehört hatte.

Sarah hätte Ufford sogar sagen können, woher die Idee für sein Kostüm stammte. Diesen Hut, dessen oberer Teil die Form eines umgestülpten Nachttopfes hatte, kannte sie von van Eycks Porträt von Giovanni Arnolfini und seiner Gattin. Allerdings konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum der Professor ausgerechnet ein Kostüm gewählt hatte, das ihm so schlecht zu Gesicht stand. Schon Arnolfini hatte darin äußerst unattraktiv ausgesehen.

Arnolfini verdiente jedoch mildernde Umstände, da seine Kleidung anno 1432 wahrscheinlich der letzte Schrei gewesen war. Aber warum hatte der Professor weder Mühen noch Kosten gescheut, um sich so auszustaffieren, daß er aussah wie eine schwangere Giraffe? Sein langer Hals und sein noch längerer knochiger Schädel ragten in einem beinahe grotesken Kontinuum aus dem unförmigen langen Mantel. Außerdem war von seinen dürren Schienbeinen weit mehr zu sehen, als sich der Betrachter gewünscht hätte. Die enge grüne Strumpfhose, in der sie staken, war ein weiteres schlagkräftiges Argument dafür, daß Männer mittleren Alters besser möglichst wenig Bein zeigen sollten.

Aber vielleicht hatte sich Sarah nur noch nicht an das mittelalterliche Ambiente gewöhnt. Immerhin war es das erste Mal, daß die Billingsgates sie und ihren Ehemann Max zu ihrem jährlich stattfindenden Renaissance-Fest eingeladen hatten. Bill und Abigail waren gute Freunde von Sarahs Onkel Jeremy Kelling. Normalerweise wäre Jem anstelle der Bittersohns hier erschienen, doch in diesem Jahr befand er sich mit einigen anderen Freunden auf einem Segeltörn. Daß Sarah und Max nicht nur zum Vergnügen hier waren, ahnten die meisten Anwesenden nicht.

Der Fall Billingsgate gehörte zu den eher ungewöhnlichen Fällen ihrer Laufbahn, denn ihr eigentliches Spezialgebiet waren gestohlene Schmuckstücke, Gemälde und andere Kunstgegenstände. Jetzt waren sie zum ersten Mal gebeten worden, einen verschwundenen Rolls Royce, einen 1927er New Phantom, aufzuspüren.

Das Problem bestand darin, daß der Phantom gar nicht hätte verschwinden dürfen, da Bill alle denkbaren Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte, um seinen kostbaren Oldtimer vor Diebstahl zu schützen. Nur jemand, der die Familie sehr gut kannte, hätte den Wagen entwenden können. Nehemiah Billingsgate, um ihn in den Genuß seines vollen Namens kommen zu lassen, was allerdings nie jemand tat, hatte daher in seiner Verzweiflung nicht die Polizei, sondern Jems Nichte und deren Gatten angerufen.

Das Renaissance-Fest war der ideale Vorwand gewesen, um die Bittersohns unauffällig in den engsten Kreis der Familie einzuführen und ihnen gleichzeitig zahlreiche Freunde und Bekannte vorzustellen. Sobald sich die Möglichkeit bot, wollten sie sich mit ihrem Auftraggeber und Gastgeber zusammensetzen, um Näheres über die einzelnen Gäste zu erfahren. Momentan waren Sarah und Max jedoch noch vollauf damit beschäftigt, sich unter die Anwesenden zu mischen.

Max nahm die ganze Sache bisher nicht sonderlich ernst. Er hatte darauf bestanden, das Fest der einflußreichen konservativen protestantischen Familie in der Verkleidung des Shylock aus dem Kaufmann von Venedig zu besuchen. Die schwarze Robe, die er sich anläßlich seiner Habilitation zugelegt hatte, war zu diesem Zweck durchaus geeignet. Jetzt trug er sie eigentlich nur noch, wenn er Vorträge vor gelehrten Zuhörern zu halten hatte, worum man ihn immer häufiger bat. Dazu hatte er sich das schwarze Gebetskäppchen seines Vaters aufgesetzt. Zunächst hatte er auch noch vorgehabt, sich eine Salami unter den Arm zu klemmen, die das umkämpfte Pfund Fleisch symbolisieren sollte.

»Ich habe keine Lust, mit einem Mann bei den Billingsgates zu erscheinen, der wie ein Feinkostgeschäft riecht. Es ist unprofessionell. Außerdem könnte Abigail denken, du hättest Angst, daß es für ihre Gäste nicht genug zu essen gibt.«

Der Gegensatz zwischen dem eher kargen Angebot bei einer typischen Kelling-Party und den Unmengen, die man selbst bei der kleinsten Familienfeier der Bittersohns auftischte, konnte in der Tat kaum größer sein. Max war meist dem Verhungern nahe und mußte schnellstens irgendwo einen Hamburger in sich hineinstopfen, wenn sie von den Kellings kamen, während Sarah normalerweise nach einem Besuch bei den Bittersohns zwei Tage lang strikt Diät hielt. Doch selbst ihre Schwiegermutter hätte sich keine Sorgen gemacht, daß bei den Billingsgates jemand hungrig bleiben könnte.

Ihr schloßartiges Haus gehörte zu den architektonischen Verrücktheiten, die sich exzentrische Millionäre mit romantischen Ambitionen im goldenen Zeitalter der Billiglohnarbeit und Einkommensteuerfreiheit geleistet hatten. Max und Sarah hatten bei ihrer Ankunft ein imposantes türmchenübersätes Gebäude vorgefunden, von dessen Zinnen rote und gelbe Fähnchen flatterten. Vor dem Fallgitter hatte man ein rotweiß gestreiftes Festzelt aufgestellt. Unter dem riesigen Baldachin standen lange aufgebockte Tische, die bereits mit unzähligen Häppchen und Lekkerbissen beladen waren, die dazu dienen sollten, Leib und Seele der Gäste zusammenzuhalten, bis die Zeit für die eigentliche Verköstigung gekommen war.

Außerdem gab es Bowle und heiße Milch mit Bier und Gewürzen, doch vor allem Unmengen von Honigwein. Die Billingsgates waren überaus stolz auf ihren Met. Sie stellten ihn selbst in ihrem Keller aus dem Honig her, den Abigails Abertausende von Bienen fleißig zusammengetragen hatten. Ein Großteil des kräftigen Getränkes wurde an kommerzielle Veranstalter mittelalterlicher Feste verkauft, doch die besten Flaschen behielten Abigail und Bill stets für sich und ihre Freunde zurück.

Heute waren sämtliche Bienen zu weit entfernten Feldern gelockt worden. Abigail versuchte immer wieder, ihre Gäste davon zu überzeugen, daß sie sich völlig frei bewegen konnten, ohne das Risiko einzugehen, gestochen zu werden. Einige lustwandelten auf den nahe gelegenen Gartenwegen, doch nur wenige ließen es auf eine mögliche Konfrontation mit der Bienenarmee im hinteren Teil des riesigen Anwesens ankommen. Zudem war das Gras am Zelt dick und weich wie ein Teppich, und für die Unterhaltung der Gäste war hervorragend gesorgt.

Ein Bereich war mit Seilen zum Tanzen abgetrennt worden. Ganz in der Nähe stand ein weiterer kleiner Pavillon für die Musiker. Lorista, die Schwiegertochter der eng mit den Billingsgates befreundeten Dorks und Schwester von Sarahs angeheirateter Cousine Vare, der Gattin des bereits erwähnten Vetter Lionel, schwebte im siebten Himmel. Sie hatte zu Sarahs unsäglicher Erleichterung ihre Zimbel zu Hause gelassen, statt dessen aber ihre Blockflöte mitgebracht. Doch sie spielte nicht etwa, sondern benutzte sie als Taktstock, während die freundlichen Mitglieder des kleinen Orchesters geduldig ihre Krummhörner bliesen, ihre Lauten zupften und ihre Tabore schlugen.

Alle waren mehr oder weniger im Renaissancestil kostümiert. Lorista selbst war besonders auffällig gewandet, ganz wie es bei einer Frau zu erwarten war, die nicht einmal in der Lage war, ihrer kleinen Tochter Kinderlieder vorzusingen, ohne sich vorher als Häschen in der Grube oder Bi-Ba-Butzemann zu verkleiden. Die willkürlich zusammengewürfelten Spielleute sollten übrigens mit ihrer Katzenmusik einer Gruppe von Männern in grünen Kniehosen, scharlachroten gezattelten Wämsern und leuchtend gelben Kapuzen zum Tanzen aufspielen. Schellenbänder zierten die Knie der Tänzer. Momentan hielt außerdem jeder von ihnen zwei weiße Stäbe in Händen, die sie gegen die der anderen schlugen. Die Bewegungen der Männer waren lebhaft und präzise. John of Gaunt wäre entzückt gewesen. Als Max sah, daß Sarah stehenblieb und zuschaute, wich er einem vorbeiwandernden Reifrock aus und gesellte sich zu ihr.

»Ist das nicht Lionel? Ich wußte gar nicht, daß er tanzen kann.«

»Er hat es mir zwar erzählt, aber ich hatte keine Ahnung, daß er so gut ist«, erwiderte Sarah. »Kennst du die anderen?«

»Der Mann direkt neben Lionel kann nur Dork Junior sein«, meinte Max. »Der arme Kerl ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Der großgewachsene in der Mitte ist der Schwiegersohn der Billingsgates.«

»Beneidenswerte Melisande. Er sieht wirklich gut aus, das muß man ihm lassen. Meinst du, er heißt Pelleas?«

»Wer weiß. Sein Nachname lautet jedenfalls Purbody. Er hat mir angeboten, ihn Tick zu nennen, als ich gestern hier war. Wahrscheinlich sind auch noch ein paar Whets und Tolbathys dabei, die hängen doch immer wie die Kletten zusammen. Schade, daß Jem momentan die Meere unsicher macht. Wahrscheinlich noch dazu total betrunken, kann ich mir vorstellen. Er wüßte sicher zu jedem hier etwas zu erzählen.«

»Und hätte wahrscheinlich schon längst überall ausposaunt, warum wir hier sind, nachdem er seine Nase erst mal in den Honigwein getaucht hätte.«

Sie brauchte sich keine Sorge zu machen, daß jemand mithörte. Das Schellengeläut und Stäbeklacken, untermalt vom Zupfen und Tuten der Instrumente, sorgte für einen ziemlich hohen Geräuschpegel. Wer immer die Tänzer auch sein mochten, sie hatten ihren Spaß und waren genauso konzentriert und enthusiastisch wie die Spielleute.

»Sie sind ganz schön in Fahrt«, fuhr sie fort. »Wetten, daß Lorista die Kostüme entworfen hat?«

»Könnte durchaus sein«, meinte Max. »Hast du übrigens schon bei Miriam angerufen?« Seine Schwester hütete heute den jüngsten Kelling, da die Haushaltshilfe ihren freien Tag hatte.

»Aber natürlich, Liebling. Sie sagt, Davy habe sein Fläschchen ausgetrunken, seine Möhren ratzeputz aufgegessen und keine Träne vergossen, seit wir weg sind. Wir fehlen ihm anscheinend kein bißchen.« Sarah versuchte, nicht zu enttäuscht zu klingen, was ihr aber nicht ganz gelang.

»Er tut nur so«, tröstete Max sie. »Sei nicht traurig, ich hol dir heiße Milch mit Bier.«

»Ih. Nein, danke. Am liebsten hätte ich eine Tasse Tee, aber das wäre wahrscheinlich ein ziemlicher Stilbruch. Sollen wir uns nicht noch ein wenig unter die Gäste mischen?«

»Wäre wohl das beste. Dann mische ich mich links und du dich rechts. Was leider bedeutet, daß deine Tante Appie auf deiner Seite ist.«

»Max, du gemeiner Schuft! Wo ist sie? Die vielen gepolsterten Kopfbedeckungen versperren mir völlig die Sicht.«

»Sie steht unter dem großen Baum da vorn und unterhält sich mit einer Dame mit Queen Mary-Toque.«

»Ach du liebe Zeit, ich glaube, daß ist Tante Bodie. Ich wußte gar nicht, daß sie auch eingeladen ist. Bist du sicher, daß mein Hennin nicht schief sitzt?«

»Er sitzt absolut perfekt, wenn du mich fragst. Du bist ohnehin mit Abstand die bestangezogene Frau hier.«

Max war nur ein winziges bißchen voreingenommen. Wenn man bedachte, daß Sarah und ihre Schwägerin das Kostüm erst gestern abend kreiert hatten, nachdem sie erfahren hatten, daß sie im Mittelalterlook erscheinen sollten, sah sie wirklich zauberhaft aus. Ihren hohen Spitzhut hatte sie aus einem Blatt Zeichenkarton gefertigt, den sie mit einem Millefleurmuster bemalt hatte. Ein Stück grünes Moskitonetz, das sie sich von Cousin Brooks, dem Naturkundler der Familie, ausgeliehen hatte, wehte von der Spitze herab und konnte sich möglicherweise noch als nützlich erweisen, falls Abigails Bienen sich doch noch entschließen sollten, den Festlichkeiten beizuwohnen.

Ihr Gewand war in Wirklichkeit ein langes rosa Nachthemd, das sie eigens für ihre Flitterwochen gekauft, doch aus Mangel an Gelegenheit nie getragen hatte. Darüber trug sie eine weite grüne Houppelande, genäht aus zwei Brokatvorhängen, die Miriam vor Jahren beim Schlußverkauf erstanden hatte. Die Ärmel reichten beinahe bis zum Boden und waren ziemlich schwer, genauso wie die kleine Schleppe, die sie hinter sich herschleifte, doch die Wirkung war so umwerfend, daß jeder, der sie sah, sich nach ihr umdrehte. Als sie über den kurzgeschnittenen Rasen rauschte, winkte Appolonia Kelling sie entzückt heran.

»Sarah, ach Gottchen, was siehst du süß aus! Ist sie nicht überwältigend, Bodie? Mir fehlen die Worte!«

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß es irgend etwas auf dieser Erde gibt, das dich verstummen lassen könnte, Appie.«

Boadicea Kelling war nicht bewußt unhöflich, sie konstatierte nur auf ihre nüchterne Art die Tatsachen genauso, wie sie ihr erschienen. »Die Redingote kannst du sicher noch gut als Morgenmantel nutzen, Sarah. Du brauchst nur den Saum zu versetzen und die Ärmel zu kürzen. Du willst doch bestimmt nicht den ganzen teuren Stoff verschwenden.«

»Warum nicht?« antwortete Sarah gereizt und versuchte nachzuprüfen, ob ihre Schleppe auch richtig saß. »Man kann schließlich nie wissen, wann man eine Houppelande braucht, oder? Außerdem könnte meine Tochter sie vielleicht irgendwann zu einem Kostümball tragen.«

»Aber du hast doch gar keine Tochter«, erinnerte sie Boadicea Kelling. »David Joshua ist ein Junge.«

»Was du nicht sagst. Das war mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Aber Max und ich werden es ohnehin bald noch mal probieren, jetzt wo wir wissen, wie es funktioniert. Wie geht es dir, Tante Bodie?«

»Hervorragend wie immer, danke der Nachfrage. Mein Blutdruck hat sich auf 130 zu 80 eingependelt, und ich absolviere immer noch meinen täglichen Spaziergang. Vier Meilen stramm gehen am Tag – ich habe während der letzten sechsunddreißig Jahre nur anderthalb Pfund zugenommen.«

»Wir sprechen uns wieder, wenn das Bankett vorbei ist«, krähte Appie.

Boadicea schüttelte ihre Queen Mary-Toque. Sarah kannte den Hut gut. Während ihrer Kindheit war er noch dunkellila gewesen. Ganz allmählich hatte sich der Samt in ein merkwürdiges Maulwurfsgrau mit Bronzeschimmer verwandelt, inzwischen sah er beinahe cremefarben aus. Doch Boadicea war so sehr eine Kelling geworden, daß sie derartige Kinkerlitzchen nicht störten.

»Mir ist bekannt, daß sich die Gäste vollzustopfen pflegen, bis nichts mehr in sie hineingeht. Aber ich habe nicht die Absicht, es ihnen gleich zu tun. Die Reste werden Gott sei Dank sorgfältig aufgehoben, wie Abigail mir versichert hat. Sie und Bill haben ihre jeweiligen Sonntagsschulklassen für morgen eingeladen. Sie werden die leicht verderblichen Sachen verzehren und ihre eigene kleine Renaissance-Party feiern. Auf diese Weise lernt die Jugend ausnahmsweise auch einmal etwas Nützliches. Die Kinder sollen in improvisierten Kostümen erscheinen. Ansonsten hättest du dein Kostüm gut für sie dalassen können, Sarah.«

»Ganz sicher nicht. Ich habe sonst nichts zum Anziehen dabei.«

Ihre Tante verkniff sich eine Bemerkung über Sarahs Mangel an Weitsicht. Ihre Nichte würde es beim nächsten Mal besser wissen, da man sie auf ihren Fehler aufmerksam gemacht hatte. Boadicea nörgelte nie, sie wies anderen lediglich den rechten Weg und vertraute darauf, daß man ihren Rat befolgte. Sie hatte als junges Mädchen Die Kraft des positiven Denkens von Norman Vincent Peale gelesen und den Inhalt verinnerlicht. Sie war daher sogar in der Lage, ein Lob für Lorista und ihre Spielleute auszusprechen, obgleich die junge Frau inzwischen begonnen hatte, eine Ballade über die Frau des Rattenfängers und sein Dideldumdideldum zu singen.

»Dieser Enthusiasmus ist bemerkenswert. Ich nehme an, die Musiker haben sich unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Bill hat mir versichert, daß sie bald aufhören. Er hat veranlaßt, daß sein Lokalradio während des Banketts ununterbrochen Renaissancemusik spielt.«

»Meine Güte, was für eine wunderbare Idee!« rief Appie. »Ich muß unbedingt beim Bostoner Klassiksender anrufen und etwas Ähnliches für unseren Kirchenbazar organisieren. Bach und Purcell wären doch genau das richtige, meint ihr nicht?«

»Unsinn, Appie.« Boadicea schlug eine etwas schärfere Tonart an, da dies bedauerlicherweise die einzige Sprache war, die Appolonia Kelling verstand. »Bill kann das Programm nur deshalb bestimmen, weil ihm der Radiosender gehört, meine Liebe. Sein Ziel besteht darin, die Hörer an den akustischen Freuden unseres Festes teilhaben zu lassen und ihnen gleichzeitig den Geist der Brüderlichkeit zu vermitteln. Du weißt ja selbst, wie hingebungsvoll er und Abigail sich dieser Lebensaufgabe widmen.«

»Aber die Hörer wissen doch gar nicht, daß wir feiern. Und Honigwein bekommen sie auch nicht.« Appie inspizierte ihren kleinen Zinnkrug und mußte feststellen, daß er leer war. »Ich glaube, ich lasse euch jetzt allein und schau zu, daß ich eine Schankmagd oder einen Pagen finde. Oder heißen sie Jungfern und Mundschenke? Soll ich dir auch etwas mitbringen, Bodie?«

»Nein, danke. Ich habe alles, was ich brauche. Wir müssen zugeben, Sarah«, fügte Boadicea hinzu, als Appie in Richtung Schankmagd davoneilte, »daß sie gar nicht so unrecht hat. Einige von Bills Experimenten gehen von einem Hörerkonzept aus, das der Realität wahrscheinlich wenig gerecht wird. Und was den Genuß von Honigwein betrifft, läßt es sich tatsächlich kaum bewerkstelligen, die Leute daran teilhaben zu lassen. Außerdem verstieße es höchstwahrscheinlich gegen die Ausschankgenehmigungen. Nur gut, daß Bill den Versuch gar nicht erst unternommen hat. Ich hoffe doch sehr, daß Appie nicht über ihren Rock stolpert und sich den Hals bricht.«

Kapitel 2

Die meisten Gäste waren der Bitte der Gastgeber nachgekommen und hatten sich im Stil des Mittelalters oder der Renaissance kostümiert. Sarah kannte sich bedauerlicherweise zu wenig aus, um die beiden Stilrichtungen sicher unterscheiden zu können. Doch selbst Experten waren nicht immer einer Meinung, wenn es um die Frage ging, wann das Mittelalter zu Ende gegangen war und die Wiedergeburt der Kultur begonnen hatte. Einige schienen der Ansicht zu sein, die Renaissance dauere immer noch an. Dies ließ den Gästen einen breiten Spielraum, den sie auch weidlich genutzt hatten.

Einige hatten sich die passende Kleidung einfach ausgeliehen. Andere, wie beispielsweise Professor Ufford, hatten keine Kosten gescheut, sich ein authentisches Kostüm schneidern zu lassen. Auffällige Ausstattungen wie die seine bereicherten die Feste der Billingsgates schon seit einigen Jahren und konnten zweifellos wiederholt getragen werden, so daß sich die Ausgabe im Laufe der Zeit wirklich bezahlt machte. Dann gab es noch Gäste, die ihrer Improvisationslust freien Lauf gelassen hatten. Apollonia Kelling gehörte eindeutig in diese Kategorie.

Tante Appies Kostüm basierte auf einem Abendkleid, das sie vor Jahren regelmäßig an den Premiereabenden im Huntington Avenue Opera House getragen hatte. Sarah kannte die Geschichte nur vom Hörensagen, denn das Opernhaus war lange vor ihrer Geburt abgerissen worden. Doch sie hatte sich oft die Zeitungsausschnitte in Onkel Jems Sammelalbum angesehen. Besagtes Kleid hatte dereinst den Erfindungsreichtum der Klatschkolumnisten über alle Maßen strapaziert. In einem Jahr war Mrs.Samuel Kelling angeblich in Eisvogelblau erschienen, im nächsten Jahr in Krickentenblau, im darauffolgenden in Kobaltblau, danach in sattem Himmelblau, Azurblau, Kornblumenblau, Blaumeisenblau, Vergißmeinnichtblau und schließlich wieder in Eisvogelblau.* [* Cleveland Amory beweist in seinem Buch The Proper Bostonians einen ähnlichen Adjektivreichtum, als er das weiße Kleid einer Dame der feinen Bostoner Gesellschaft beschreibt. Falls es einer der beiden Damen aufgefallen wäre, hätte sie sicherlich nur amüsiert gelächelt.]

Inzwischen hatte das Gewand bedauerlicherweise einen langweiligen blaßblauen Farbton angenommen, doch Appie hatte es effektvoll mit einer grellen orangefarbenen Bluse aufgepeppt, die wahrscheinlich von ihrer Schwiegertochter stammte, sowie mit unzähligen Ketten, die ihr Verwandte als Urlaubsouvenir aus aller Welt mitgebracht hatten. Die polierten Venusmuscheln aus Maine verbanden sich aufs schönste mit den Samenhülsen aus Papua-Neuginea und Skarabäusimitaten aus Kairo und sollten wahrscheinlich die Entdeckerfreude der Epoche symbolisieren.

Als Kopfschmuck trug Appie lediglich einen gestärkten weißen Kopfkissenbezug, den sie oben zu einer Art Haube festgesteckt hatte. Der restliche Teil hing schlaff herab, beziehungsweise flatterte fröhlich auf und nieder, denn inzwischen war ein ziemlicher Wind aufgekommen. Bei einer großen, hageren Frau wie Appie wirkte das Arrangement wie Wäsche, die zum Trocknen an einem Wäschepfahl hing. Boadicea sah ihrer Cousine kritisch, aber nicht ohne Wohlwollen nach.

»Appie fühlt sich wohl hier. Ich persönlich sehe keinen Grund, mich eigens zu kostümieren. Mein Kleid ist ohnehin mittelalterlich genug. Was übrigens auch für die Trägerin gilt. Hast du zufällig Drusilla Gaheris gesehen, Sarah?«

»Ich fürchte, ich kenne sie gar nicht.«

»Es hätte ja sein können, daß man sie dir heute vorgestellt hat. Zumindest bestand die Möglichkeit. Drusilla ist ganz bestimmt hier, sie wohnt nämlich momentan bei Abigail. Aber es ist mir natürlich bewußt, daß du und dein Mr.Bittersohn …«

»Nenn ihn doch bitte Max.«

»Ganz wie du wünschst«, lenkte Boadicea ein. »Daß du und Max, wie ich eben gerade im Begriff war zu sagen, die Billingsgates und ihren Freundeskreis erst bei der unglückseligen Geschichte mit Wouter Tolbathy kennengelernt habt.* [* Kabeljau und Kaviar, DuMonts Kriminal-Bibliothek Bd.1041] Wouter war wirklich ein merkwürdiger Kauz. Aber das trifft schließlich auf die meisten Erfinder zu, findest du nicht? Jammerschade, daß er mit seinem zweifellos genialen Verstand nichts Besseres anzufangen wußte. Ah, da kommt Drusilla ja schon. Mit Hester Tolbathy.«

»Das freut mich«, sagte Sarah. »Ich mag Hester wirklich gern.«

»Dann wirst du Drusilla auch mögen.«

Sarah hielt dies für durchaus möglich. Mrs.Gaheris trug ein schlichtes graubraunes Kostüm mit einer etwas helleren Haube und machte einen recht sympathischen Eindruck. Zuerst dachte Sarah, Tante Bodies Freundin hätte sich als Nonne verkleidet, doch dann fiel ihr ein, daß viele Ordenstrachten auf die Alltagskleidung der bürgerlichen Hausfrau des sechzehnten Jahrhunderts zurückgingen.

Hester dagegen schien die Zusammenstellung ihres Kostüms immensen Spaß gemacht zu haben. Über ihrem weiten Reifrock trug sie ein Kleid aus lila Satin mit einem goldbestickten Mieder und einem gestärkten Spitzenkragen, der bestimmt fürchterlich unbequem war. Ihr üppiges weißes Haar hatte sie hochgesteckt und mit künstlichen Rosen und einer Kette aus echten Amethysten geschmückt. Als sie Sarah die Hände entgegenstreckte, blitzten unzählige Ringe an ihren Fingern.

»Unsere frischgebackene Mutter! Wie hübsch Sie aussehen, Sarah! Haben Sie den Kleinen mitgebracht?«

»Nein, Davy ist für Erwachsenenpartys noch ein bißchen zu klein. Er ist bei seiner Tante und seiner Großmutter in Ireson’s Landing.«

»Und wird zweifellos nach Strich und Faden verwöhnt. Aber es geht ihm gut?«

»Soweit ich weiß, ja.«

»Wann haben Sie denn zuletzt nachgefragt?«

»Vor etwa fünfzehn Minuten«, gestand Sarah. »Max zieht mich immer damit auf, daß ich mich wie eine Glucke benehme, aber wenn ich mal nicht anrufe, erinnert er mich sofort daran.«

»Beim nächsten Kind ist alles nur noch halb so wild«, versicherte Hester. »Und es macht Ihnen nichts aus, das ganze Jahr über in Ireson’s Landing zu leben? Vermissen Sie denn Boston überhaupt nicht?«

»Kein bißchen. Wir fühlen uns in unserem neuen Haus rundum wohl und finden es wunderschön, so nah am Meer zu leben. Außerdem wohnt die Familie von Max nur einen Katzensprung entfernt. Max ist an der North Shore aufgewachsen, wissen Sie, und ich habe dort so viele Sommer verbracht, daß wir uns vom ersten Tag an wie zu Hause gefühlt haben. Außerdem haben wir ja auch noch das Haus auf dem Beacon Hill, in dem jetzt mein Vetter Brooks und seine Frau leben. Wir haben im oberen Stock zwei Zimmer für uns reserviert, falls wir mal Lust haben, Stadtluft zu schnuppern.«

»Klingt wie ein ideales Arrangement. Bodie, wie nett, dich zu sehen. Bist du den ganzen Weg von Wenham bis hierher selbst gefahren? Darf ich vorstellen, Drusilla Gaheris. Kennst du Bodies Nichte Sarah Bittersohn schon, Drusilla? Sie ist die Tochter von Walter Kelling.«

»Dann müssen Sie Lionels Cousine sein«, sagte Mrs.Gaheris. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Sarah. Lionel ist mit meiner Nichte Vare verheiratet.«

»Ja, natürlich. Ich erinnere mich, daß Vare eine Tante erwähnt hat, die im Ausland lebt.«

»Richtig. Mein Mann war im diplomatischen Dienst tätig. Er ist voriges Jahr in der Schweiz gestorben, und ich hatte keine Lust, allein dort zu bleiben. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schön es ist, wieder mit alten Freunden und Bekannten zusammenzusein und so viele neue Bekanntschaften zu machen. Leider habe ich Vares und Loristas Hochzeit und unzählige andere Familienfeiern verpaßt. Aber ich kannte Lionel und Dorkie, als sie noch klein waren. Sie sind beide sehr nett, finden Sie nicht?«

Die Morris-Tänzer hüpften und stampften immer noch in perfekter Harmonie und zeigten keinerlei Anzeichen von Erschöpfung. Mit ihren Schellenbändern boten sie einen lustigen Anblick, auch wenn sie noch so grimmig schauten. Sie waren eben echte Yankees und hatten beschlossen, sich auf Teufel komm raus zu amüsieren, selbst wenn es sie umbringen sollte. Selbst die kakophonische Untermalung von Loristas Spielleuten klang hier draußen weniger schlimm. Dorfmusikanten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert waren sicher auch nicht besser gewesen, dachte Sarah.

Doch schon bald darauf riß Lorista ihre Flöte hoch in die Luft und schlug sie mit einer heftigen Bewegung nach unten, wobei sie um Haaresbreite das Englischhorn verfehlte. Musiker und Tänzer verbeugten sich. Die Zuschauer klatschten. Pagen erschienen mit frisch gefüllten Zinnkrügen. Lionel steckte seine beiden Stäbe in den Gürtel seines Wamses und gesellte sich zu den vier Frauen.

»Hallo, Tante Bodie, Tante Drusilla. Schön, Sie zu sehen, Mrs.Tolbathy. Wo ist Max, Sarah?«

»Keine Ahnung.«

»Ungh. Habt ihr Mutter irgendwo gesehen?«

»Appie war vor kurzem noch bei uns«, sagte Boadicea. »Wahrscheinlich ist sie ins Pavillonzelt gegangen. Ich möchte dir zu deinen Tanzkünsten gratulieren, Lionel. Der Morris Dance geht auf eine uralte Tradition zurück, nicht wahr?«

»Kommt ganz darauf an, was man unter uralt versteht«, lautete die herablassende Antwort.

»Mich beispielsweise«, sagte Hester Tolbathy. »Und wenn ich nicht schleunigst ein Plätzchen zum Hinsetzen finde, werden mich meine Füße noch umbringen.«

»Wie wäre es mit der Bank drüben unter dem Baum?« schlug Sarah vor.

»Die sieht ganz so aus, als wären sämtliche Vögel schon dort gewesen«, protestierte Mrs.Gaheris. »Gibt es denn nichts, was etwas sauberer und weicher ist?«

»Wir könnten ins Zelt gehen«, sagte Hester.

»Oder rauf zur Wagenhalle«, sagte Boadicea. »Ich muß gestehen, daß ich mich immer heimlich davonmache, wenn ich vom Feiern hier genug habe, und mich in einen von Bills Rolls Royce setze.«

Drusilla Gaheris zog ihre Augenbrauen so hoch, wie es ihr gestärkter Kragen erlaubte. »Ich weiß, daß sowohl Abigail als auch Bill einen eigenen Rolls Royce besitzen. Jetzt sagt bloß, die beiden haben noch mehr davon?«

»Insgesamt neun, glaube ich.«

»Nein, zehn«, korrigierte Hester Tolbathy. »Bill hat Abigail letztes Jahr zu Weihnachten einen 1927er Silver Cloud geschenkt. Es sind alles Oldtimer, Drusilla. Der Himmel weiß, was sie inzwischen wert sind.«

»Oh, aber Drusilla soll nicht denken, daß Bill einfach loszieht und sein ganzes Geld dafür aus dem Fenster wirft«, rief Boadicea. »Angefangen hat nämlich alles damit, daß Bills Großvater, ich glaube, es war 1908, eines der alten Modelle gekauft hat. Danach wurden die Wagen natürlich immer besser, also kaufte er sich 1916 noch einen. Bills Vater bekam seinen 1924 zum bestandenen Harvard-Examen, und seine Schwester Eglantine bekam ihren als Hochzeitsgeschenk.«

»Und dann kam die Depression und die Leute verkauften ihre Wagen für einen Spottpreis«, fuhr Hester fort. »Also haben die Billingsgates sich noch ein paar zugelegt, damit Bill und sein Bruder Ralph auch einen fahrbaren Untersatz hatten, wenn sie alt genug waren. Natürlich bringt man einen alten Rolls nicht auf den Schrottplatz, und sie in Zahlung zu geben wäre auch vulgär, also sammelten sich einfach im Lauf der Zeit immer mehr Wagen an. Nach einer Weile wurden die Rolls Royce so etwas wie eine Familientradition. Bills Eltern schenkten Bill und Abigail einen 1945er Sedana de ville für die Flitterwochen, und so ging es immer weiter. Wenn Bill heute irgendwo einen alten Royce sieht, der zu einem günstigen Preis angeboten wird, kauft er ihn und stellt ihn zu den anderen.«

»Wirklich ein faszinierendes Hobby«, sagte Mrs.Gaheris. »Funktionieren sie denn alle noch?«

»Und ob«, versicherte Hester. »Höchstwahrscheinlich wird man dich zu einer Rallye schleppen, sobald du dich halbwegs vom Feiern erholt hast. Normalerweise gehen wir immer in einer Gruppe: Tom und ich, die Dorks und die Whets und deren zahlreiche Sprößlinge mit ihren Frauen. Oder Männern, je nachdem. Und natürlich Bill und Abigail, wie ich nicht eigens zu erwähnen brauche. Ich nehme an, du wirst den New Phantom fahren dürfen.«

»Ich? Ich hätte viel zuviel Angst, ihn anzurühren.«

»Als hättest du je vor etwas Angst gehabt! Weißt du noch, wie wir uns immer in deinen Chevy Roadster mit dem Klappsitz gequetscht haben und kreischend um die Ecken gekurvt sind wie ein Haufen Zelda Fitzgeralds? Das waren noch Zeiten – nur gut, daß sie vorbei sind. Nun komm schon, Drusilla, laß uns zu den Autos gehen.«

Doch dies war leider nicht möglich. Sarah überlegte, ob sie den Damen sagen sollte, daß die Wagenhalle heute für Besucher geschlossen war. Es machte ihr zwar nicht sonderlich viel aus, Tante Bodie den Weg umsonst machen zu lassen, doch es wäre schade, wenn Hester Tolbathy ihren Reifrock für nichts und wieder nichts dorthin schleppte.

Glücklicherweise löste sich das Problem von selbst. Zwei Musiker, die jetzt Blasinstrumente trugen, die fast einen Meter lang waren, und dazu Heroldsröcke, die mit einem Wappen verziert waren, das höchstwahrscheinlich den Billingsgates gehörte, Biene im Flug auf einer mit Bienenkörben bestreuten Grundfläche, marschierten zum großen Pavillon und begannen, einen Höllenlärm zu machen. Das Bankett war eröffnet.

Es war in der Tat ein denkwürdiges Festmahl. Gäste bei Renaissance-Festen hatten anscheinend über einen gesegneten Appetit verfügt, wenn sich ihnen eine Gelegenheit zum Schmausen geboten hatte, und die Billingsgates schienen nicht vorzuhaben, mit dieser Tradition zu brechen. Selbst Max war beeindruckt.

»Meine Güte, das sieht ja aus wie bei einer Bar Mizwa in Newton. Was ist das überhaupt alles?«

Einige Rezepte waren frei erfunden, um auch dem modernen Geschmack Genüge zu tun, bei anderen hatte man die Zutaten verständlicherweise etwas freier gehandhabt. Beispielsweise waren die gebratenen Pfauen nur mit Pfauenfedern garnierte Truthähne, und die Schwäne waren in Wirklichkeit Gänse. Das Chateaubriand, die bardierten Kapaunen und die mit Kräutern gefüllten Schallern waren jedoch absolut authentisch. Dasselbe galt wohl auch für die riesige, mit einer haferschleimartigen Masse gefüllte Silberschüssel, die mitten auf dem vollbeladenen Buffet prangte. Selbst Sarah hatte keine Ahnung, um was es sich dabei handeln konnte.

»Frumenty«, erklärte Marcia Whet, die zufällig neben ihnen stand. »Eine Grütze aus Weizen, Milch, Rosinen, Eidotter und Zucker. Abigail macht jedes Jahr Frumenty, weil sie der Meinung ist, daß es einfach dazugehört. Aber sie erwartet nicht, daß wir es essen. Nehmen Sie anstandshalber einen halben Löffel von dem Zeug und lassen es dann einfach unangerührt auf dem Teller liegen. So mache ich es jedenfalls immer.«

Noch während sie sprach, schaufelte Marcia eine auffallend großzügige Portion Frumenty auf ihren Teller, ohne daß sie es zu bemerken schien. Max beschloß zunächst, die Weizengrütze auszulassen, doch schließlich nahm auch er achselzuckend einen Klacks davon für sich und Sarah.

»Ess, ess, mein Kind. Wahrscheinlich ist es äußerst gesund.«

»Irgend etwas muß ja dran sein. Guten Appetit, Liebling. Ich mische mich noch ein wenig unter die Gäste.«

Sarah begab sich mit ihrem Teller an einen der langen Tische und setzte sich. Es gab keine Speisekarte, wahrscheinlich weil die Damen und Herren der damaligen Zeit nicht alle in der Lage gewesen wären, sie zu lesen. Jedenfalls lag an jedem Platz Besteck, auch wenn es sich bei den Gabeln wahrscheinlich um Anachronismen handelte. Der Adel hatte sie nämlich erst irgendwann im siebzehnten Jahrhundert eingeführt, und selbst da hielt man ihren Gebrauch noch für albern und affektiert.

Sarah wußte dies alles, weil Professor Ufford es ihr erzählt hatte. Ursprünglich hatte sie sich neben Tom Tolbathy gesetzt. Sie mochte ihn sehr und hoffte, daß sie sich nett mit ihm unterhalten und ein wenig mehr über die einzelnen Gäste erfahren konnte. Tom hätte genau dies liebend gern getan, doch dann hatte sich Ufford ausgerechnet auf den leeren Platz rechts neben sie gestürzt. Seitdem hatten weder sie noch Tom auch nur ein einziges Wort miteinander gewechselt. Auch Buck Tolbathy und Dork Junior, ihre Nachbarn auf der gegenüberliegenden Tischseite, waren keine Hilfe. Sie unterhielten sich angeregt im Flüsterton über die Feinheiten des Morris Dancing und schaufelten dabei Weizengrütze in sich hinein, als würde es ihnen tatsächlich schmecken.

Wahrscheinlich war es nicht weiter schlimm, daß es diesmal mit dem Gespräch nicht geklappt hatte. Marcia Whet und Hester Tolbathy saßen nämlich am Nebentisch und hatten Max in ihre Mitte genommen. Die drei schienen sich prächtig zu amüsieren. Höchstwahrscheinlich erhielt Max jede Menge Informationen von ihnen. Sarah versuchte, die langweilige Stimme des Professors auszublenden und sich auf das Essen und die angenehme Renaissancemusik zu konzentrieren, die der Radiosender XBIL übertrug. Sie mußte unbedingt möglichst bald eine Entschuldigung finden, um den Platz zu wechseln.

Das war sicher gar nicht so schwierig, denn viele Gäste wanderten zwischen den Tischen hin und her. Obwohl unzählige unermüdliche Pagen und Schankmägde mit Tabletts und Tellern unterwegs waren und Melisande Purbodys fünf Afghanen zwischen den Binsen, mit denen der Boden des Pavillons ausgelegt war, nach Futter suchten, bedienten sich die meisten Gäste selbst. Man stand auf, die Serviette noch um den Hals, und begab sich mit Teller und Besteck zum Buffet, um sich dort mit einer neuen Portion Pfauenbraten und Weizengrütze einzudecken, und sodann auf den nächsten freien Stuhl neben einen anderen Gast fallen zu lassen, mit dem man bisher noch nicht gefeiert hatte.

Eigentlich hätten die Gäste längst satt sein müssen, doch Sarah stellte zu ihrer Verwunderung fest, daß der Andrang am Buffet keineswegs nachließ. Inzwischen war es im Zelt einladender als draußen auf dem Rasen. Wie so oft an einem Maitag in Massachusetts war ein kalter Ostwind aufgekommen. Der Himmel, der noch vor einer Stunde so azurblau oder vielleicht auch kornblumenblau gestrahlt hatte, war jetzt mit dunklen grauen Wolken bedeckt, die einen Regenschauer erwarten ließen.

Sarah war mit ihrem Seidenkleid und der schweren Brokathouppelande recht gut für den Witterungsumschwung gewappnet, doch Abigail schickte mehrere Mägde, die zufällig auch ihre Enkelinnen waren, ins Haus, um Capes und Mäntel für diejenigen zu holen, die zu dünn angezogen waren. Appolonia Kelling, die hinter Dork Junior saß, nahm gerade mit lauten Entzückensbekundungen einen Schal in Empfang.

»Genau das richtige für meine armen alten Knochen. Bodie sollte auch einen bekommen. Sie kriegt immer Probleme mit ihrem Rheuma, wenn ihr kalt wird.«

»Ich kümmere mich darum«, hörte Sarah einen der jungen Purbodys sagen. »Wo ist sie denn?«

»Mal überlegen. Da drüben – nein, das ist Heinrich der Achte. Oder der Siebte? Egal, jedenfalls ist es nicht Bodie.«

Appie begann, nervös zwischen den Tischen umherzugehen und ihre Kellingnase nach links und rechts zu drehen wie ein verwirrter Wetterhahn. »Ich kann sie nicht finden. Wie merkwürdig. Sarah, hast du Bodie gesehen?«

Sie würde erst wieder Ruhe geben, wenn ihre Nichte die Frage beantwortet hatte. Sarah murmelte daher eine hastige Entschuldigung in Richtung Tom Tolbathy, der gerade mit einem leicht belustigten Gesichtsausdruck einer Extraportion Grütze zusprach. »Ich bin gleich bei dir, Tante Appie.«

Sarah ließ ebenfalls ihre Blicke über die Tische schweifen, doch Boadicea Kellings abgeklärtes Gesicht war nirgendwo zu sehen. »Tut mir leid, Tante Appie. Tante Bodie erwähnte, daß sie sich beim Bankett zurückhalten wollte, wie du dich vielleicht erinnerst. Wahrscheinlich macht sie gerade ihren Gewaltmarsch um die Kleefelder oder etwas in der Art. Gib mir einfach den Schal und iß fertig. Ich gehe sie suchen.«

Als sie am Buffet vorbeikam, bemerkte sie zu ihrer Verwunderung, daß die Schüssel mit Frumenty komplett leer war. Dann sah sie, wie Professor Ufford mit einem überaus interessierten Lächeln auf sie zusteuerte. Kurz entschlossen warf sie ihre Schleppe herum und eilte schnurstracks zu Max.

»Tut mir leid, daß ich eure harmonische Runde stören muß, Schatz, aber könntest du bitte mitkommen und mir helfen, Tante Bodie zu suchen? Sie muß hier irgendwo auf dem Anwesen sein, und Tante Appie befürchtet, daß sie sich ohne Schal verkühlen könnte.«

»Aber sicher doch. Bis später, meine Damen.«

Max kletterte über die Bank, griff nach dem Arm seiner Frau und überließ Hester und Marcia sich selbst. Sie würden sich todsicher darüber unterhalten, was für ein charmanter junger Mann er doch war, und Professor Ufford würde nichts anderes übrigbleiben, als Trost bei den Afghanen zu suchen.

Kapitel 3

»Warum hast du es eigentlich so eilig, deine Tante zu finden?« wollte Max wissen, als sie den Pavillon verlassen hatten.

»Das weiß ich selbst nicht genau«, meinte Sarah. »Bevor wir ins Zelt gingen, hat Tante Bodie nur erwähnt, daß sie sich in einen der Rolls Royce setzen wollte. Sie hat eine Schwäche für antike Autos. Soweit ich weiß, fährt sie immer noch den graubeigen Daimler, den ihre Mutter 1946 gekauft hat.«

»Und?«

»Ich hoffe nur, daß sie sich nicht mit dem Menschen angelegt hat, der auf die Autos der Billingsgates aufpaßt, das ist alles. Tante Bodie kann ganz schön unangenehm werden, wenn man versucht, sie von etwas abzuhalten, das sie sich in den Kopf gesetzt hat. Wo ist die Wagenhalle?«

»Ich glaube, in diese Richtung.«

Sie wählten einen malerischen, aber ziemlich feuchten Weg durch ein etwas tiefer gelegenes kleines Wäldchen, das sich rechts von der Terrasse befand, und überquerten eine merkwürdige Steinbrücke, die über einen kleinen Teich führte, der wahrscheinlich den Fischteich des Schlosses darstellen sollte.

»Die ganze Atmosphäre hier erinnert unglaublich an Horace Walpole, findest du nicht?« meinte Sarah. »Fehlt nur noch die farnbewachsene Grotte.«

»Mit einer Grotte kann ich euch nicht dienen, bezaubernde Dame«, antwortete Max, »wohl aber mit einer Remise jenseits des Hügels dort drüben.«

»Wer hätte das gedacht.«

Sarahs rosa Pantoffeln waren für Hügelbesteigungen nicht sonderlich gut geeignet. Daher war sie froh, daß Max ihr seine Hand reichte, als sie den Hang mit der sorgsam gemähten Rasenfläche auf der anderen Seite der Brücke in Angriff nahmen. »Meine Güte, wie bekommen die bloß ihre Autos auf die Straße?«

»Das wirst du gleich sehen. Erinnerst du dich noch, wie wir auf den großen kiesbedeckten Wendeplatz hinter dem Haus gefahren sind?«

»Wo du den Wagen geparkt hast? Ja, ich erinnere mich. Danach mußten wir durch diesen endlosen Gang und kamen schließlich an der Zugbrücke wieder heraus.«

»Genau. Abigail hat mir erzählt, daß Bills Großvater nicht wollte, daß Kutschen und Automobile bis vors Haus fuhren, weil er dachte, das Fallgitter käme durch sie nicht richtig zur Geltung. Ziemlich unpraktisch, aber es gibt noch eine Auffahrt, die vom Wendeplatz zur Wagenhalle führt, die sich hinter der Mauer hier befindet.«

Die Mauer aus groben Granitsteinen war etwa zwei Meter hoch und wurde von imposanten Eisenspitzen gekrönt. Als sie näher kamen, konnte Sarah die sorgsam geharkte Kiesauffahrt sehen. Sie schlängelte sich zwischen einigen großen Tannen hindurch, die den Blick auf das Haus verdeckten, und führte schließlich zu einem zweiflügeligen Eisentor, das in die Mauer eingelassen und mit einem mächtigen Vorhängeschloß gesichert war. Daneben stand ein hübsches kleines Wachhäuschen mit spitzem, rotem Dach. Durch das Tor konnte Sarah einen großzügig angelegten kiesbedeckten Platz und ein großes, zweckmäßig wirkendes einstöckiges Gebäude aus höchst unromantischen Zementblöcken sehen. Man hatte anscheinend vergeblich versucht, sie aufzurauhen, um ihnen das Aussehen von Steinen zu geben. Wie das Tor schien auch das Gebäude verschlossen zu sein.

»Keine Spur von Tante Bodie«, sagte Sarah.

»Der Wächter ist auch nirgends zu sehen.« Max war nicht sehr glücklich über diese Entdeckung. »Er hätte uns eigentlich bereits stoppen und zur Rede stellen müssen.«

»Vielleicht ist er schnell etwas essen gegangen?«

»Kann ich mir schlecht vorstellen. Er hatte um zwölf Mittagspause und um drei Kaffeepause. Seine nächste Pause ist erst um sechs. Ein Page kommt stündlich her und sieht nach, ob der Mann vielleicht kurz abgelöst werden muß, und bleibt hier, bis er wieder zurück ist. Bill hat strikte Order gegeben, das Tor keine Minute lang unbewacht zu lassen. Außerdem gehört Rufus, so heißt der Wächter, mit zum Programm. Er ist wie ein Bauer aus dem Mittelalter gekleidet und trägt einen Totschläger.«

»Ist das eine Art Keule?«

»So ungefähr. Es ist ein Stock mit einer Eisenkugel, die mit einer kurzen Kette an der Stockspitze befestigt ist. Die Waffe diente dem Zweck, Löcher in die Rüstung des Gegners zu schlagen. Früher gab es unzählige Varianten, die man spaßeshalber als Weihrauchschwenker bezeichnete. Diese Ritter waren manchmal ganz schön witzig. Eine Variante mit einer Stachelkugel nannten sie beispielsweise Morgenstern. Wie genau der Totschläger von Rufus aussieht, weiß ich nicht, aber das ist ja auch egal. Diese ganze Renaissance-Feier ist genauso echt wie ein Cranach auf einer Spanplatte, wie du sicher schon gemerkt hast.«

»Dann soll Rufus also niemanden totschlagen.«

»Wo denkst du hin! Die Waffe soll ihm nur dabei helfen, bestimmte Gäste zu beeindrucken, die allzu hartnäckig darauf bestehen, in die Wagenhalle gelassen zu werden. Bill will auf keinen Fall, daß jemand hineingeht, weil alle seine Sammlung kennen und sofort sehen würden, daß der Phantom fehlt.«

»Kann er nicht einfach behaupten, der Phantom nähme gerade an einer Rallye teil oder so?«

»Bill und lügen? Du machst wohl Witze!« Max griff nach dem Vorhängeschloß und donnerte damit gegen das Tor. Nichts rührte sich.

»Sarah, das gefällt mir ganz und gar nicht. Bist du so lieb und läufst zurück zum Zelt und holst Bill? Am besten gehst du über die Auffahrt, das ist kürzer. Verhalte dich ganz normal und versuche, unter vier Augen mit Bill zu sprechen. Sag ihm, wir hätten das Tor unbewacht gefunden und hielten es für besser, ihn darüber zu informieren.«

»Ja, natürlich.«

Sarah raffte ihre Schleppe zusammen und eilte von dannen. Während sie über das Gras am Wegrand ging, betrachtete sie nachdenklich den Kies. Innerhalb des Zauns war der Kies makellos glatt geharkt. Wenn Rufus in die Wagenhalle gegangen war, mußte er auf dem schmalen Grasstreifen gegangen sein, der den Wendeplatz umgab. Der Kies vor dem Tor sah an einigen Stellen weit weniger ordentlich aus. Wahrscheinlich war der Wächter dort auf und ab gegangen oder die Gäste hatten sich hier aufgestellt, um einen besseren Blick auf Rufus und seinen Totschläger werfen zu können.

Tante Bodie mußte zu den letzten Besuchern gehört haben, wenn sie ihren Plan, sich in einen Rolls Royce zu setzen, tatsächlich weiterverfolgt hatte. Wovon Sarah ausging, denn Boadicea Kelling pflegte ihre Ankündigungen stets in die Tat umzusetzen. Hatte sie Rufus gezwungen, sie trotz des ausdrücklichen Verbots von Mr.Billingsgate in die Wagenhalle zu lassen, und ihn dann fortgeschleift, damit er seinem Chef sein Vergehen beichten konnte? Es war ihr durchaus zuzutrauen.

Oder hatte sie den armen Mann so sehr aus der Fassung gebracht, daß er sie mit dem Totschläger verfolgt hatte? Sarah fand die Vorstellung eines mittelalterlichen Bauern, der Tante Bodie in die Flucht schlug, ziemlich angenehm, selbst wenn es sich um einen unechten Bauern handelte.

Aber so war es sicher nicht gewesen. Tante Bodie wäre nicht in die Bienenfelder gerannt, sie hätte eine Kehrtwendung um 180Grad gemacht und wäre zurück zum Zelt marschiert. Dort hätte sie dem ersten Billingsgate, der ihr über den Weg lief, einen detaillierten Bericht über den bedauernswerten Zwischenfall gegeben, höflich aber nachhaltig darum gebeten, diesen Unsinn sofort zu unterbinden, und daraufhin wahrscheinlich tatsächlich doch noch die Erlaubnis erhalten, die Wagenhalle zu betreten.

Vielleicht machte sie aber auch nur einen ihrer Mammutspaziergänge. Man konnte nur hoffen, daß sie so lange weiterspazierte, bis das, was offensichtlich mit der Wagenhalle nicht stimmte, geklärt war. Sarah beschleunigte ihre Schritte, fand die Tür, die in den langen Gang führte, und hatte das Glück, sofort auf Mrs.Billingsgate zu treffen, die gerade ins Haus zurückging, um noch mehr Schals zu holen.

»Oh, Abigail, was bin ich froh, Sie zu sehen. Könnten Sie bitte Max und mir einen Riesengefallen tun?«

»Natürlich, Sarah. Was ist denn los? Doch hoffentlich nichts mit dem Baby?«