Rom, Sixtina. Das Muster entsteht beim Weben - Thomas Vogel - E-Book
Beschreibung

Die Sixtina, magischer Ort mitten in Rom. Eines der am meisten besuchten Kirchengebäude der Welt. Am Tag drängen sich bis zu 20 000 Menschen durch diese Kapelle, um Michelangelos Fresken an der Decke zu bestaunen. Nachts ist sie menschenleer. Und doch ist in der Nacht - verborgen vor der Welt - Leben in dieser Kapelle, besser gesagt: an ihrer eintausend Quadratmeter großen Decke. Dann, wenn die Propheten und Sibyllen sich regen, sich aus ihrer Starre befreien, wenn sie in vielstimmigem Chor aus alten Zeiten erzählen, sich streiten über die Kunst der rechten Weissagung, und - sich neu ins Geschehen einmischen wollen. Infolge einer Reihe von Zufällen findet sich Markus, ein junger Wissenschaftler aus Heidelberg von heute auf morgen als Tourist in Rom wieder. Er lässt sich vom Touristenstrom treiben, lauscht beim Besuch der Sixtinischen Kapelle zwei Italienerinnen, die ihrer Begeisterung für die Deckenfresken freien Lauf lassen und die er später um eine Restaurantempfehlung bittet. Und so trifft Markus anderntags Giovanni, einen skurrilen Italiener, dem er wenig später auf seltsame Weise schon wieder begegnet. Zufall? Fügung? Für ein so altmodisches Wort hat ein Astrophysiker normalerweise nur ein müdes Lächeln. Doch Markus will Urlaub machen, auch vom Ich, und da kann man, zumal in der "Heiligen Stadt" ja auch mal andere Gesetze gelten lassen.

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Thomas Vogel

Rom, Sixtina.

Das Muster entsteht beim Weben

1. Auflage 2006

© 2003 Klöpfer und Meyer, Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.

ISBN-10:3-937667-87-3ISBN-13: 978-3-937667-87-4eISBN: 978-3-86351-232-3

Umschlaggestaltung: Christiane Hemmerich,Konzeption und Gestaltung, Tübingen.Herstellung, Gestaltung und Satz: niemeyers satz, Tübingen.

Ein Projekt der AVA international GmbH Autoren- undVerlagsagentur, Herrsching.

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Mehr über das Verlagsprogramm von Klöpfer&Meyerfinden Sie unter: www.kloepfer-meyer.de

Inhalt

Vorspiel

Alle Wege führen nach Rom

Rom. Sixtina. Nacht.

Ankunft in Rom

Rom. Sixtina. Nacht.

Giovanni

Rom. Sixtina. Nacht.

Das Biglietto

Rom. Sixtina. Nacht.

Spekulationen

Rom. Sixtina. Nacht.

Landpartie

Das Wünschelkind

Giovannis Schwestern

Entdeckungen

Reisegefährten und andere Engel

Die Verlängerung

Rom. Sixtina. Nacht.

Zeit zu lesen

Rom. Sixtina. Nacht.

Übersetzungen

Rom. Sixtina. Nacht.

Entscheidungen

Rom. Sixtina. Nacht.

Napoli

Cumae

Sophia

Alleinsein

Abschied

Rom. Sixtina. Nacht.

Alle Wege

Heidelberg

Nachspiel

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Die Zeit ist reif.ER wird nicht länger schweigen.Propheten werden wieder ihre Stimme erheben,und die Worte der Weissagung werden wiederunter uns sein.

Vorspiel

Es war weit nach Mitternacht. Fahles Sternenlicht drang durch die bogenförmigen Fenster. Langsam kam wieder Leben in die von Papst Sixtus vor mehr als 525 Jahren streng nach den Maßen des Salomonischen Tempels erbaute Kapelle.

Nach und nach begannen Michelangelos Gestalten an der tonnenförmigen, eintausend Quadratmeter großen Decke sich zu regen. Es waren die Propheten und Sibyllen, samt den ihnen im Hintergrund dienenden Knaben und Mädchen, die sich aus der Erstarrung befreiten, sich räkelten und die Glieder streckten. Erst war es nur ein Flüstern und leises Raunen, dann ein vielstimmiger Chor.

»Alles klar? Wir haben es also gehört. Neue Propheten werden sich wieder einmischen ins Weltgeschehen«, sagte Jesaja, der Prophet Gottes aus biblischer Ferne. Und Jeremia fügte hinzu: »Es wurde auch höchste Zeit, denn außer betrügerischen Wahrsagern, die den Irdischen nur elende Scherzartikel als Vorhersagen teuer verkaufen, kennt die Welt weder Richtschnur noch Visionen. Ob sie als Astrologen auftreten oder als sogenannte Experten, ob als Pythia vom See, als Futurologen oder als ›Rat der Weisen‹, es ist doch alles eins: Augenwischerei und verwerflicher Schabernack.«

»Jede Zeit hat die Propheten, die sie verdient«, meinte einer abschätzig, und ein anderer raunzte verächtlich: »Sie schauen nur Lügen, verkünden nichtige Träume und spenden leeren Trost.«

Eine der alten Sibyllen rieb sich die Augen und meinte mit bitterem Unterton in ihrer brüchigen Stimme:

»Und wer sollen die Neuen sein? Wer kennt sie? Woher wollen sie kommen?«

»Sie werden nur so tun als ob!« grummelte einer der greisen Propheten in seinen Bart.

»Ihr seid ungerecht!« entgegnete Jesaja. »Es ist die Zeit, die es so will!«

»Du hast vollkommen Recht. Auch war es zu keiner Zeit anders«, fügte Jeremia, der regungslose, der ins ewige Nachdenken versunkene Prophet mit tonloser Stimme hinzu.

Jona, trauriger Held und Seher wider Willen, der über der Altarwand unter seinem Rizinusstrauch saß, und der schon zu seiner Zeit als ein Drückeberger vor dem Herrn sich einen Namen gemacht hat, deutete entsetzt mit beiden Zeigefingern Richtung Erde: »Wie? Neue Propheten für die da unten?!«

»Du hast es doch gehört. Sie werden kommen und Zeichen setzen, durch Orakelworte und Auspizien«, sagte mit großem Ernst die junge libysche Sibylle, die den Reigen an der Längsseite der Kapelle anführt, erhob sich dann voller Anmut und langte hinter sich, um das große Buch ihrer Visionen vorzuholen.

»In Menschen- und in Engelsgestalt und, wer weiß, durch Schriften an der Wand werden sie wieder ihre Wirkung tun«, fügte Daniel hinzu, welcher der libyschen Seherin am nächsten saß. Mit diesen Worten spielte er elegant auf die eigenen Erfahrungen zu König Belsazars Zeiten in Babylon an. Dann öffnete auch er einen mächtigen Folianten und legte ihn auf seine Knie, wobei ihm einer der Jungen als Atlant diente, und begann, sich auf seinem Schreibpult ein paar Notizen zu machen.

»Aus gelächterlosen Träumen und in ungeschminkten Gesichten, vom Gott getrieben und hingeworfen mit rasendem Munde!« konstatierte die riesengestaltige und steinalte Sibylle aus dem süditalienischen Cumae, die kolossal auf ihrem Marmorthron hockte und ins Lesen vertieft war, derweil zwei Knaben ihr über die Schulter schauten. »In Träumen und Gesichten«, wiederholte sie noch einmal, und da sie auch nach längerem Schweigen dem nichts mehr hinzufügen wollte, flüsterte auffordernd ein kleiner Lockenschopf dem Propheten Jesaja ins Ohr, er sei jetzt wieder dran, worauf dieser in seiner Lektüre innehielt, das Buch zusammenklappte, den Finger aber noch drin stecken ließ.

»Jetzt pass mal auf, mein kleiner Genius«, meinte er in vertraulichem Ton, »ich bin immer dran, und das kannst du jetzt verstehen, wie du willst«. Dann, zu den anderen gewandt: »Ich sag euch was: die Neuen werden kommen in Begleitung von Cherubim und Seraphim, sie werden sich also einmischen mit Herz und mit Verstand, durch Zufall und durch Fügung.«

»Ich prophezeie dir Wein und Bier! – Das wäre Prophetie für dieses Volk!« spottete einer dazwischen. Jesaja aber fuhr fort:

»Ihr werdet es ja erleben, es wird wieder sein, wie es war: wer Ohren hat, zu hören, wird die Zeichen der Zeit verstehen. Die anderen werden weiter wie schwankende, müde und mächtige Gestalten sinnlos und ohne zu denken über die Erde schlurfen, und nicht erkennen, dass sie einem falschen Steuermann folgen. Wer aber klug ist, wird, wie damals auch, die wahren Prophetenworte aus dem Lärmen der Welt heraushören und – wird wieder den Engeln vertrauen.«

Leise hauchte die delphische Sibylle, deren scheuer Blick in andere, weit entfernt liegende Räume ging: »Sie werden durch Rätsel und Gesichte lenken, wenn mein Bruder Apoll …«

»Ach! Lebt der etwa noch?« unterbrach sie scheinheilig der langbärtige Sacharja und durchblätterte beiläufig ein ungebundenes Manuskript. Die beiden Knaben hinter ihm feixten.

»Chauvinist!« kommentierte abschätzig eine der Seherinnen Sacharjas Frage, bat dann eines der Kinder, die ihr dienten, das Licht in ihrem Rücken neu zu entfachen, damit sie weiterlesen konnte. Im Übrigen schien man von dem Alten nichts anderes gewohnt zu sein, der immer noch den Zeiten Serubbabels nachtrauert, als dieser den Wiederaufbau des Tempels vorangetrieben hat, während sein Prophet mit Hasstiraden gegen die Nachbarvölker zu Felde gezogen war.

Ganz anders reagierte Ezechiel. In einer heftigen Bewegung wandte er sich in Richtung Sacharja: »Die Zeit der Schmähungen ist vorbei«, sagte er laut und vernehmlich. »Die Menschen, die guten Willens sind, suchen, was verbindet, nicht, was trennt. Dann nämlich kommt wieder Fleisch an die Knochen!«

Gelegentlich spielte so der alte Seher seinerseits ganz nebenbei auf seine berühmten Visionen an, mit denen er sich vor Zeiten einen Namen gemacht hat. Wenig Notiz von den andern nahm die persische Seherin. Sie hörte schlecht, sah schlecht und las nur noch gelegentlich in ihrem Schicksalsbrevier, sagte selten etwas und diesmal, wie so oft, gar nichts.

Auch Jeremia, der große traurige Denker, drängte sich nicht in den Vordergrund. In sich versunken, den Ellbogen der Rechten auf dem Knie, den Kopf auf die Hand gestützt, so saß er da und schwieg. Würde man ihn zu einer Äußerung drängen, es wäre, wie so oft, ein Klagelied.

»Und wir hier oben?« Herausfordernd schaute Jesaja in die Runde. »Wir reden nur, träumen von alten Zeiten und sind voller Verachtung für fast alles, was heute passiert. Wie langweilig! Am Tag in der Erstarrung verharren, nachts wispern, raunen, reden. Immer nur reden!«

Er machte eine Pause. Als keiner darauf reagierte, fuhr er fort:

»Ich sag euch, auch wenn wir nur al fresco-Gestalten hier an dieser Decke sind, die man nach Jahrhunderten wieder frisch herausgeputzt hat – in uns lebt doch immer noch der alte Geist, beseelt vom Genius des Meisters. Also, reden ist gut, prophezeien aber besser. Lasst uns nicht nur reden, sondern wieder weissagen! Spielen wir doch auch wieder mit!«

Verständnisloses Schweigen in der Kapelle. Als erster reagierte Ezechiel: »Er ist übergeschnappt!«

»Freiwillig weissagen? Du willst doch nicht etwa …?« Jona war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

»Er will sich mit den Mächtigen der Welt anlegen!?« Der alte Sacharja schüttelte fassungslos den Kopf.

Jeremia hatte die Augenbrauen hochgezogen und gab mit Stirnrunzeln zu bedenken: »Aber haben wir nicht prophetisches Reden längst verlernt? Und sprechen wir nicht längst auch eine andere Sprache?«

Jesaja antwortete: »Du hast Recht. Wir reden schon fast wie die da unten, die uns tagtäglich bewundern. Und das ist gut so.«

»Angenommen also, wir mischen uns wieder ein. Wie stellst du dir das konkret vor?« wollte eine der Sibyllen wissen. Diese Frage gefiel dem Propheten schon besser.

»Fingerübungen«, meinte Jesaja augenzwinkernd. »Wir beginnen mit Fingerübungen, schauen, was noch geht. Nach so langer Zeit. Wir suchen uns da unten ein paar Menschen aus – und ziehen dann die Fäden. Kleine Leute, gefangen in ihren banalen und belanglosen Zufallsalltäglichkeiten. Aber, wer weiß, auf ihre Weise ja vielleicht auch wieder große Leute.«

»Er ist völlig meschugge!«

»Und woher sollen sie kommen?«

»Wie ich’s gesagt habe. Von da unten, aus dem Eintagstreiben. Aus der Menge derer, die sich tagtäglich unter uns durchwälzen, die hierher in die Sixtina kommen, um Michelangelos Kunst zu bewundern.«

»Warum dann eine Eintagsfliege? Giovanni soll es sein!« sagte mit Bestimmtheit die erithräische Sibylle.

»Der?«

»Ein Verrückter!«

»Ein Spinner!«

»Ein kluger Kopf!«

»Ein Irdischer, was willst du!«

»Einer, der ernsthaft versucht, uns zu ergründen. Giovanni gefällt mir!« mischte sich jetzt auch Daniel wieder ein. Ihm, dem ehemaligen Propheten des Herrn an den Ufern Babylons, stand noch immer der Wagemut ins kluge Gesicht geschrieben.

»Gar kein so schlechter Gedanke«, meinte auch Jeremia zustimmend.

»Ihr habt Recht, warum nicht Giovanni!« sagte Jesaja. »Bloß, wer dann noch außer ihm?«

»Warten wir es doch ab«, sagte die erithräische Seherin. Damit gab man sich einstweilen zufrieden.

»Sollen etwa alle sich versuchen?« fragte die persische Sibylle.

»Beileibe!« sagte Jesaja. »Ich schlage vor, zwei sollen es sein, eine von den Seherinnen, einer von uns Propheten. Und das Los soll entscheiden.«

Als dies beschlossen war, kehrte wieder Ruhe ein. Die Bücher der Weissagungen wurden zu Rate gezogen, es wurde gelesen und das Gelesene bedacht, versunken saß der eine, den Blick nach oben gerichtet der andere. Und so, als lauschte sie erwartungsvoll der Botschaft des Gottes aus großer Ferne, saß die delphische Seherin und erschrak, als plötzlich ein kleiner Knabe vor ihr stand. Denn Jesaja hatte inzwischen die beiden Kinder, die sich hinter ihm balgten, gebeten, zwei Namen aus der dargereichten Schale zu ziehen und sie den Betreffenden zu reichen. Nachdem jeder der beiden also eine Karte gezogen hatte, rannten sie los, der eine zum Propheten Daniel, der andere zur delphischen Sibylle.

»Ausgerechnet die!«

»Sie faselt!«

»Redet wirres Zeug.«

»Will der Menschen Unglück!«

»Hört auf!« fuhr Jesaja energisch dazwischen, worauf die Lästerzungen wieder verstummten.

»Jeder soll auf seine Art und Weise prophezeien. Nicht die Worte, sondern die Wirkung, die sie tun, soll entscheiden!«

Die Pythia saß währenddessen regungslos und still lächelnd da und sagte kein Wort. Daniel musterte sie von der Seite. Mit ihr also hätte er sich zu messen. Man kannte sich. Seit Jahrhunderten kennt man sich und bleibt sich doch ein Rätsel. Zu widersprüchlich, was von ihr überliefert ist. Doch wer von uns hätte sich bei seinem Tun nicht schon in Widersprüche verstrickt?!

Jeremia räsonierte nachdenklich in die Runde hinein:

»Wenn man es recht bedenkt, so hat sich nichts geändert. Heute wie damals wandeln die Menschen über die Erde. Suchen ihren Weg, verirren sich, straucheln, lassen sich verleiten, laufen falschen Propheten nach, fallen auf die dümmsten Horoskope herein, verlieren ihr Leben oder verteidigen es mit Gewinn, finden gelegentlich ihr Glück, bleiben aber meist doch nur Verlierer.«

»Schön und gut«, erwiderte die erithräische Seherin, »es ist der Weltlauf. Aber wir kennen Mittel und Wege. Und können sie nutzen! Und zählen nicht von ungefähr zu den Erwählten hier in dieser Kapelle. Die Götter lieben es spielerisch! Die Zeit der Erdenschwere ist für uns vorbei. Auch wenn nie ein Mensch von unserem Tun je erfahren wird, so haben wir doch uns selbst gegenüber einen guten Ruf zu verteidigen.«

Die delphische Sibylle lächelte in sich versunken. Ein rätselhaftes, ein zauberhaftes Wesen, dachte Daniel, der vergeblich versuchte, sich eine Strategie zurechtzulegen.

Plötzlich meldete sich die libysche Sibylle zu Wort: »Bevor ihr mit dem prophetischen Spiel beginnt, müsst ihr aber, wie es Brauch ist, euch gegenseitig einen Wunsch erfüllen.«

Daniel hob den Kopf. Regungslos saß die Sibylle und schaute auf den Propheten, als wolle sie seine Gedanken lesen, forderte ihn dann leise lächelnd auf, seinen Wunsch zuerst zu äußern. Daniel überlegte noch einmal kurz und bündig: wenn bestenfalls Verlieren und Gewinnen sich die Waage halten, so will ich wenigstens, dass Giovanni, wenn wir ihn schon ausgewählt haben, nicht zu den Verlierern zählt, will ihm also den rechten Weg weisen. Er schaute in die Runde, dann zur delphischen Sibylle und sagte:

»Erlaube mir, dass ich mich um Giovannis Wohlergehen kümmere, ihm also im Verborgenen mit Rat und Tat zur Seite stehe.«

»Dein Wunsch sei dir gewährt«, sagte mit dem immer gleichen leisen Lächeln die Sibylle und fuhr fort: »Jetzt höre meinen Wunsch. Er lautet:

Versprich mir, dass Giovanni schweigt, wenn wahr ist, was das Orakel mir eingibt. Sollte Unwahres aber aus meinem Munde fließen, so soll er, was er über uns weiß, weitererzählen.«

»Versprochen«, sagte der Prophet ohne Zögern.

Die Spannung in der nächtlichen Sixtina erreichte ihren Höhepunkt, als Jesaja die beiden nun aufforderte, prophetische Worte zu sprechen, so sie solche hätten. Als Daniel sah, dass die Sibylle noch nichts sagen wollte, erhob er sich und sprach:

»Jesaja hat Recht, keiner hat mehr Ahnung als Giovanni. Er läuft ja geradezu über vor angesammeltem Wissen über jeden einzelnen von uns. Und waren es nicht die Kirchenleute, die Theologen in gesicherter Position und gutbeheiztem Papstpalast, die ihm vor Jahr und Tag den Mund verschlossen haben? Deshalb sage ich jetzt, was ich sehe:

Weder Jahre noch Monate noch Wochen werden vergehen, sondern nur noch wenige Tage, da wird Giovanni den Mund aufmachen und wird über uns sprechen, wird, was er weiß, denen anvertrauen, die ihm dieses Wissen abverlangen.«

Kaum hatte Daniel geendet, da wandte sich die Sibylle dem Propheten zu, richtete ihren Blick auf ihn, öffnete leicht den Mund und sprach mit leiser, doch deutlich vernehmbarer Stimme:

»Weder wirst du ihm den Mund verbieten, noch wird das Glück von zwei sich Suchenden dir am Herzen liegen.«

Ratloses Schweigen in der Runde. Verwirrung machte sich breit. Hatte da einer verstanden, was sie sagen wollte?

Daniel schaute angestrengt, war verblüfft.

»Raffiniertes Luder!« zischte kaum verständlich die uralte Sibylle aus Cumae, wischte sich über den Mund, grinste vor sich hin und schloss wieder ihre in tiefen Höhlen liegenden Augen.

Alle Wege führen nach Rom

Der Rhythmus tat gut. Das gleichmäßige Rattern der Räder. Das Tempo durch die Nacht. Markus lag allein im Schlafwagenabteil. Ließ den Tag Revue passieren. Alle Wege führen nach Rom. Das war so ein Satz seines Vaters, wenn der nicht mehr weiter wusste. Mit diesem Satz hatte Markus am Morgen sein unrasiertes Spiegelbild beim kurzen Begrüßungszeremoniell vor dem Badezimmerspiegel überrascht. Denn mit diesem Satz war er aufgewacht. Restbestand eines ansonsten verloren gegangenen Traums. Kaum zwei Stunden später, auf dem Weg zur Arbeit, war ihm exakt dieser Satz dann ein zweites Mal an diesem Morgen begegnet, im Schaufenster eines Reisebüros.

Markus hatte schlecht geschlafen. Andere würden das auf das Wetter schieben oder den Vollmond oder die Sterne. Oder sie würden ihre Malaise sonstwie kosmisch oder biorhythmisch zu deuten versuchen. Dem Astrophysiker aber verbieten sich solche Erklärungsversuche. Sein Weltbild war kausallogisch. Klar, er war ein Sterngucker, er liebte dieses Wort geradezu, aber er war es auf wissenschaftlich gesichertem Terrain. Sah sich auch gern als Abenteurer, wollte forschen, finden, aber nichts erfinden. Science, aber eben ohne fiction, den Blick ins Universum, ja, mit Begeisterung, aber gefälligst auch mit Bodenhaftung. Wenn Markus in den Himmel schaute, war es der Blick in einen Himmel ohne Zauber. An diesem Morgen aber schaute er in den Badezimmerspiegel, und der war ohne Gnade. Dann ging sein Blick zur Badezimmertür, an der eine Riesenpostkarte hing, eine Fotocollage, die ihm die Kollegen zu seinem 33. Geburtstag gemalt und geklebt hatten, wie er aus dem Fenster der Landessternwarte auf dem Königsstuhl in den Himmel schaut, mit Dreitagebart und einer Gauloise im Mundwinkel. Der Himmel über ihm hing voller Formeln, augenzwinkernde Reminiszenz an seine Forschung, an das hoffentlich bald vollends fertiggestellte Projekt. Unter dem Bild stand: Unser Indiana Jones im Astrolab.

Nein, die miese Nacht und jetzt die schlechte Laune hatten keine kosmischen, sondern ganz und gar terrestrische Gründe. Und die waren keineswegs schwer auszumachen. Zuerst, nachmittags, einmal mehr eine dieser unsinnigen Diskussionen mit seinem Professor, okay, er mag ja fachlich eine Koryphäe sein, aber vor allem ist er ein sturer und egozentrisch – monomaner Tyrann. Und dann der verkorkste Abend! Denn kaum war er nach Hause gekommen, wurde aus dem Knatsch mit Claudia wegen irgendwelcher Lappalien wieder einmal ein handfester Krach. Und das war’s dann schon. So einfach ist das. Und der beste Montepulciano wird Essig, macht den Magen sauer, vergällt den Schlaf, frisst sich in die Träume. Mit Kopfweh war er aufgewacht. Als Strandgut der Nacht war einzig dieser Satz übriggeblieben: Alle Wege führen nach Rom. Ein Satz, der ihm schon als Kind geläufig war, eine ständig wiederkehrende Redewendung des Vaters, ein wenig banal, mag ja sein, aber auch wieder nicht ganz schlecht, ein Satz für fast alle Fälle, besser: Kalamitäten. Manchmal passend, manchmal eher weniger, aber er klang immer wieder aufs Neue gut, hatte was beruhigendes, Hoffnung schöpfendes. »Verlier die Nerven nicht!« wollte sein Vater damit vielleicht sagen, »wenn der eine Weg nichts taugt, probier’s mit einem andern. Irgendwie kommst du allemal ans Ziel.« Ein Satz für die ganze Familie. Man könnte ihn an diesem Morgen unter Umständen als kleines Trostangebot verstehen. Kaum zwei Stunden später war ihm ausgerechnet dieser Satz dann im Schaufenster eines Reisebüros wiederbegegnet, was ihn immerhin schon etwas aus der Fassung brachte. Und nur ein paar Minuten später hielt er dann noch als Wechselgeld vom Zeitungskiosk eine 5 Cent Münze mit dem Römischen Kolosseum in der Hand. Ein italienisches Geldstück, das Markus’ Gedanken Richtung Rom lenkte.

Mitten im eiligen Gedrängel der Bushaltestelle war er, Doktor der Astrophysik, wie angenagelt stehen geblieben, schaute wie aus der Zeit gefallen auf die Münze. Moment mal, dachte er, das ist dreimal Rom. Heute Morgen der Traumrestsatz Alle Wege …, dann, kaum zwei Stunden später, im Schaufenster des Reisebüros, noch einmal dieser Satz auf dem Plakat, das da gestern noch nicht hing, wäre ihm auf alle Fälle aufgefallen, schließlich war es ja nicht irgendein Satz, sondern eben einer von Pa’s Lieblingssätzen, und drittens jetzt noch die italienische 5 Cent Münze.

Markus überlegte. Entweder ich erklär mich jetzt für nicht ganz gebacken und bring mich in therapeutische Überwachung, Claudia würde sich da sicher sofort behilflich zeigen, ich habe es geahnt, würde sie sagen oder doch zumindest denken. Oder, die andere Möglichkeit, ich spiel’ mit. Dann würde ihn Claudia wahrscheinlich erst recht für verrückt erklären, wäre ja vielleicht sogar in Ordnung, dachte er, allein schon, wenn sie ihn beobachten könnte, wie er hier am Straßenrand steht und mit sich selbst redet.

Und gerade deshalb hielt er diese andere Möglichkeit jetzt eindeutig für die bessere. Markus wollte mitspielen. Ein bisschen Zauber ins Dasein bringen, seinen ›private Harry Potter‹ spielen, hinüberwechseln auf irgend so ein anderes Gleis, unsichtbar werden, für ein paar Tage wenigstens. Also war passiert, was er selber nie für möglich gehalten hätte. Er sprang über den eigenen Schatten, schon um Claudias Besserwisserei Lügen zu strafen, nach allem, was letzte Nacht vorgefallen war. Markus hatte also nicht wie sonst den Bus genommen, jeden morgen den gleichen Bus zur gleichen Zeit, um ins astrophysikalische Institut zu kommen, um dort nach Galaxien zu suchen, die sich am Rand des Universums befinden und deren Alter ihrer Entfernung in Lichtjahren entspricht, sondern war das kurze Stück zurück zu selbigem Reisebüro gelaufen, um zu buchen: ›Sonderangebot Ewige Stadt. 14 Tage Rom für den Preis von 10.‹

Hatte nicht gestern erst Claudia ihm wieder mal klar zu machen versucht, dass er »halt mal ein paar Tage allein wegfahren« soll, »halt mal ausspannen« soll, sich »ruhig mal Wellness gönnen« soll? Aber er würde es ja eh nicht tun, obwohl er ganz genau wüsste, dass es ihm gut täte. Und da der seit langem geplante gemeinsame Urlaub jetzt halt kurzfristig doch nicht zustande käme, zumindest verschoben werden muss, wegen eines dringenden Großauftrags, dessen Abschluss sich verzögert hätte, wäre das doch die beste Idee. Claudia hatte nur beste Ideen. Claudia hatte inzwischen nur noch Großaufträge, Claudia war Miss Pre-Vision, und seit die Software-Firma an der Börse gehandelt wird, weiß man schließlich, was man wert ist.

»Aber ich verspreche dir, wenn diese Geschichte abgeschlossen ist, dann! …« hatte sie noch hinzugefügt.

»Und wann wäre das?«

»Keine Ahnung, nicht mal Chris kann es abschätzen.« Chris war ihr Boss. Chris war wichtig. Chris war Mister Pre-Vision.

»Aber du, fahr du doch!«