Roman Greve - Tulpen aus Amsterdam - Mona de Silva - E-Book

Roman Greve - Tulpen aus Amsterdam E-Book

Mona de Silva

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10,99 €

Beschreibung

In Wallgau wird ein Toter in seiner Villa aufgefunden: Doktor Wilhelm Anholt, ein Botaniker, der es auf seinem Gebiet weit gebracht hat. Kommissar Greve erkennt rasch, dass das Opfer nicht beliebt war. Der einzige Freund des Toten gerät ins Visier des Beamten, doch auch der Sohn des Opfers scheint ein zwiespältiges Verhältnis zum Vater gehabt zu haben. Eine Spur führt Greve schließlich nach Amsterdam zu einem Botaniker, der mit Anholt zusammengearbeitet hat. Das Netz der Verdächtigen verdichtet sich ...

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EPUB

Seitenzahl: 395




Roman Greve – Tulpen aus Amsterdam

Sein zweiter Fall

Mona de Silva

Erschienen im novum pro Verlag

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und -auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2011 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99003-460-6

ISBN e-book: 978-3-99026-144-6

Lektorat: Silvia Zwettler

Umschlagfotos: duncan1890/istockphoto.com, Msg-s | Dreamstime.com, Yuisub Lim | Dreamstime.com

Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.

www.novumpro.com

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Kapitel 1

1

Der Anruf ging um elf Uhr am Montagmorgen im Präsidium in Garmisch ein. In Wallgau war ein Toter in seiner Villa gefunden worden und der Notarzt hatte sich geweigert den Totenschein auszustellen. Er hatte von einem eventuellen Selbstmord gesprochen, es ließe sich aber auch nicht ausschließen, dass es vielleicht doch Mord war. Wie Wachtmeister Eberhard gleich bemerkt hatte, schien der junge Kollege vor Ort mit der Situation leicht überfordert zu sein, also fuhr er sofort los, um die Lage der Dinge zu sondieren. Die Kollegen von der Mordkommission, Hauptkommissarin Rita Esposito und Kommissar Mark Lippert hatten beide vor Gericht zu tun, standen also nicht gleich zur Verfügung. Außerdem kannte Eberhard Rita nur zu gut und wusste daher, wie sie reagierte, wenn sie womöglich umsonst an einen vermeintlichen Tatort gerufen wurde. Nein, den Ärger wollte er sich und vor allem dem jungen Kollegen ersparen. Als Roman Greve noch der Leiter der Mordkommission gewesen war, da war alles anders gewesen. Aber was brachte es, in der Vergangenheit herumzukramen, schalt Eberhard sich gleich. Es würde nichts ändern, es war nun mal, wie es war.

Zwanzig Minuten später erreichte Eberhard den vermeintlichen Tatort: eine Villa am Ortsausgang von Wallgau. Vor dem Grundstück standen der Notarztwagen und natürlich der Streifenwagen des Kollegen.

Eberhard parkte neben dem Notarztwagen und lief mit schnellen Schritten die Einfahrt hinauf zum Haus, wo der junge Kollege ihn schon ungeduldig erwartete. „Polizeioberwachtmeister Frank Mayr“, reichte er Eberhard gleich die Hand. „Der Tote liegt im Wohnzimmer, dort wartet auch der Notarzt.“

„Na, dann schauen wir uns die Sache mal an“, lächelte Eberhard den jungen Kollegen freundlich an und betrat das Haus.

„Na endlich!“, begrüßte der Notarzt ihn ebenfalls ungeduldig. „Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.“

„Dann legen Sie mal los, Doktor Manthei“, forderte Eberhard den Mann auf. Er hatte den Arzt gleich erkannt und konnte sich vorstellen, dass er nicht begeistert gewesen war mitten aus seiner Sprechstunde herausgerissen zu werden.

„Der Tote war Diabetiker.“

„Das ist absolut sicher?“

Der Arzt sah Eberhard an. „Frau Moosleitner hat es mir gesagt und sein Hausarzt hat es bestätigt. Weiter habe ich Anzeichen für Austrocknung der Haut gefunden.“

„Und daraus schließen Sie gleich auf eine unnatürliche Todes-ursache?“, fragte Eberhard, während er seinen Blick durch den großen Raum wandern ließ, wobei er sich unweigerlich ins Biedermeier zurückversetzt fühlte. Überhaupt lag über dem Raum eine eigenartige Atmosphäre, was sicher nicht alleine mit dem Toten zu tun haben konnte. Eberhard ließ seinen Blick weiterschweifen. Die Sitzgarnitur sah sehr teuer aus, lud allerdings nicht unbedingt zum gemütlichen Ausruhen ein. Dann standen überall auf dem Boden antike Vasen und Skulpturen herum. Ob die wohl echt waren, fragte Eberhard sich unwillkürlich. Wenn nicht, dann waren es auf jeden Fall gute Imitationen. Sein Blick wanderte weiter zu den beiden großen Fenstern, die von dunklen Brokatvorhängen eingerahmt waren. Auf den Fensterbänken standen große Grünpflanzen, die ebenfalls dafür sorgten, dass nicht gerade sehr viel Licht in das Zimmer kam. Eberhard fühlte ein beklemmendes Gefühl in sich aufsteigen.

„Das Insulin wurde wohl im Kühlschrank aufbewahrt“, begann der junge Kollege auch schon mit seinem Bericht. „Wir haben dort aber nichts gefunden. Weiter haben wir dann im Bad und im Zimmer des Toten nachgesehen, auch dort war nichts.“

„Heißt das, der Mann hat alleine hier gelebt?“, erkundigte Eberhard sich.

„Ja. Frau Moosleitner kommt dreimal die Woche. Das letzte Mal war sie am Mittwoch hier, seitdem war Doktor Anholt alleine im Haus.“ Der Kollege stand etwa einen Meter von Eberhard entfernt, seine Mütze verlegen in den Händen hin und her drehend, streng darauf bedacht, nur ja keinen Fehler zu machen.

„Doktor? Also ein Kollege von Ihnen“, wandte Eberhard sich diesmal an Doktor Manthei.

„Anholt war ein bekannter Botaniker“, klärte der junge Kollege Eberhard auf.

„Und Sie gehen von Selbstmord aus?“, wandte Eberhard sich wieder an den Arzt, doch der zuckte nur mit den Schultern. „Laut seinem Hausarzt war Doktor Anholt letzten Mittwoch in seiner Sprechstunde und hat sich ein neues Rezept geholt. Ob er es in der Apotheke eingelöst hat, kann ich allerdings nicht sagen.“

„Sie haben aber keine Anzeichen für Fremdeinwirken gefunden?“

„Dazu müsste die Leiche genauer untersucht werden, und das ist nicht meine Aufgabe und nicht mein Fachgebiet. Was mir allerdings zu denken gibt, die Kleidung ist leicht vollgesudelt, aber der Boden ist sauber, und natürlich das fehlende Insulin.“

„Können Sie sich etwas genauer ausdrücken?“, forderte Eberhard den Mann gleich auf.

„Nun, der Patient verliert die Kontrolle über seinen Körper“, fing Doktor Manthei sofort an zu referieren, bemerkte aber gleich an Eberhards irritiertem Blick, dass er es mit einem absoluten medizinischen Laien zu tun hatte. „Waren Sie schon mal betrunken, ich meine so richtig betrunken, dass Ihnen so richtig schlecht geworden ist?“

„Natürlich, nicht nur einmal“, gab Eberhard gleich zu.

„Und? Haben Sie da auch peinlich genau darauf geachtet, Ihre Umgebung nicht zu verschmutzen?“

„Na ja, ich habe meistens versucht noch zur Toilette zu kommen, was allerdings nicht immer funktioniert hat.“

„Beim Diabetiker kommen zu der Bewusstseinseintrübung noch Schwäche und in manchen Fällen auch Muskelkrämpfe hinzu.“

„Schon klar, der kommt in diesem Fall nirgendwo mehr hin. Was meinen Sie, wie lange könnte er schon tot sein?“

Der Notarzt überlegte einen Moment. „Schwer zu sagen. Aber länger als vierundzwanzig Stunden auf jeden Fall.“

„Und eine natürliche Todesursache schließen Sie auf jeden Fall aus?“, hakte Eberhard noch einmal nach.

Doktor Manthei fuhr mit beiden Händen durch seine Haare und zuckte dann wieder unschlüssig mit den Schultern. „Ausschließen kann ich es nicht, aber ich kann es auch nicht hundertprozentig bestätigen.“

Eberhard nickte. „Gut, ich informiere die Mordkommission und den Staatsanwalt.“

„Dann können wir gehen?“

„Wenn das Protokoll ausgefüllt ist, können Sie gehen.“

„Schon erledigt“, rief der junge Kollege geschäftig und reichte Eberhard ein Blatt Papier.

„Schon gut, ich informiere erst mal die Kollegen in Garmisch und Sie sichern den Tatort.“

„Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Titel Wachtmeister Eberhard gekommen?“, fragte der Notarzt unvermittelt, während er seine Sachen zusammenpackte.

Eberhard sah den Mann an und musste dann lachen. „Wissen Sie, Doktor Manthei, das ist eine längere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie Ihnen mal bei einem Weißbier am Stammtisch.“

2

Eleonore Moosleitner hatte sich in die große, modern eingerichtete Küche zurückgezogen. Sie hatte mit einigem gerechnet, aber nicht damit, dass sie ihren Chef nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub tot in seinem Wohnzimmer vorfinden würde. Hatte ihn der Streit, zu dem es letzten Mittwoch zwischen ihnen gekommen war, so mitgenommen, dass er daran gestorben war? War sie am Ende noch schuld an seinem Tod? Eine Frage, die sich ihr unwillkürlich stellte. Regelrecht vergöttert hatte sie ihren Chef und Doktor Anholt hatte es in vollen Zügen genossen. Bis ihr am letzten Mittwoch klar geworden war, dass sie ein vollkommen falsches Bild von diesem Mann gehabt hatte. Alle hatte er getäuscht und benutzt, alle. Für Eleonore Moosleitner war eine Welt zusammengebrochen und sie hatte für einen kleinen Moment ihre Selbstbeherrschung verloren. Hatte dieser Moment ausgereicht?

Warum hatte der Notarzt überhaupt auf die Polizei bestanden? Vielleicht hätte sie doch besser den Hausarzt anrufen sollen, bestimmt hätte der anstandslos den Totenschein ausgestellt.

Überhaupt, wie sollte sie der Polizei jetzt gegenübertreten? Sollte sie vielleicht von dem Streit erzählen? Nein, damit würde sie sich nur verdächtig machen. Sie würde abwarten, was die Polizei zu sagen hatte, wie sie den Fall einschätzte. Außerdem gab es auch keine Zeugen für diesen Streit. Sicher stellte sich am Ende heraus, dass Wilhelm doch eines natürlichen Todes gestorben war. Aber hatte sie dann nicht voreilig gehandelt?

Obwohl, das fehlende Insulin ließ schon Zweifel aufkommen, lenkte sie dann wieder ein. Aber Selbstmord? Nein, Wilhelm hatte noch so viel vorgehabt. Und selbst wenn ihr fantastisches Bild, welches sie von dem Mann gehabt hatte, wie hinter einer dicken Nebelwand verschwunden war, Selbstmord traute sie Wilhelm eigentlich nicht zu.

Und dann gab es da schon ein paar Leute, die Doktor Anholt nicht unbedingt freundschaftlich gesinnt gewesen waren, wie sie letzten Mittwoch nur zu genau hatte erfahren müssen. Dann war es vielleicht doch Mord?

Als sie das Grundstück verlassen hatte, da hatte Wilhelm noch gelebt. Und was danach passiert war, das würde die Polizei jetzt herausfinden müssen. Sie hatte lediglich getan, was getan werden musste.

Eleonore Moosleitner setzte sich auf die Eckbank, legte ihre Hände in den Schoß und lenkte ihren Blick nach draußen, in den zum Teil verwahrlosten Garten und ihre Gedanken zurück in die Vergangenheit. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Tränen rannen über ihre Wangen. Doch es waren wohl eher Tränen der Verzweiflung und der Angst. Ihre Trauer hielt sich in Grenzen. Was sie sich aber auf keinen Fall würde anmerken lassen.

„Frau Moosleitner? Ich bin Polizeihauptmeister Eberhard Neumaier“, stellte Eberhard sich mit seinem Dienstgrad vor. „Es tut mir leid, dass ausgerechnet Sie Ihren Chef finden mussten.“

„Er war mehr als nur mein Chef. Wilhelm war ein guter Freund“, stammelte sie und schnäuzte sich die Nase. „Bis letzten Mittwoch war er für mich jedenfalls ein guter Freund“, dachte sie, sprach diesen Gedanken aber nicht aus.

„War Doktor Anholt sehr krank?“

„Außer Diabetes hatte er nichts“, beeilte sie sich zu antworten.

„Und da sind Sie ganz sicher?“ Die Antwort war Eberhard eindeutig zu schnell gekommen.

„Wenn da noch etwas wäre, dann hätte der Hausarzt es eben sicher gesagt. Doktor Manthei hat eine ganze Weile mit ihm telefoniert.“

„Und er war ganz sicher alleine im Haus?“ Eberhard hatte sich gegenüber der Eckbank an die Anrichte gelehnt, die Frau nicht aus den Augen lassend. Keine Gefühlsregung – und sei sie noch so klein – würde ihm entgehen. Im Laufe der Jahre hatte er sein Auge dahingehend geschult und es machte sich auch heute wieder mal bezahlt. Mit der Frau stimmte irgendetwas nicht, auch wenn er noch nicht genau sagen konnte, was es war, doch er würde dranbleiben.

„Das ist er oft. Wilhelm war nicht senil! Soviel ich weiß, hatte er den Diabetes schon sehr lange.“ Diese Antwort war etwas heftig ausgefallen, was Eberhard in seinem Verdacht nur bestätigte, was er sich aber nicht anmerken ließ. „Gut Frau Moosleitner, meine Kollegen sind unterwegs. Hier wird gleich ein reger Betrieb herrschen.“

„Dann gehen Sie also von Mord aus?“ Eleonore Moosleitner war vorher schon blass gewesen, doch jetzt erinnerte ihre Gesichtsfarbe eher an eine frisch gekalkte Wand, was ihre kurzen hellblonden Haare noch unterstrich. Sollte Sie jetzt vielleicht doch besser reden?

„Der Notarzt kann eine natürliche Todesursache nicht ausschließen. Was ihm allerdings zu denken gibt, ist das fehlende Insulin. Und dann hat er, wie Sie ja bereits gesagt haben, ausführlich mit seinem Kollegen, dem Hausarzt von Doktor Anholt, gesprochen und der ist mit ihm einer Meinung. Es besteht also schon Klärungsbedarf“, meinte Eberhard.

„Na ja, Wilhelm hatte noch so viele Pläne und dann war er ja auch Mittwoch noch bei seinem Hausarzt, um sich ein neues Rezept zu holen. Er hat es dann auch immer gleich in der Apotheke eingelöst.“

„Sie haben aber bis jetzt kein Insulin gefunden?“

„Nein und Ihre Kollegen werden auch keins finden. Wilhelm war nicht senil!“

„Haben Sie denn gesehen, dass er neues Insulin in den Kühlschrank gelegt hat?“

Frau Moosleitner stutzte. Was sollte sie dem Beamten jetzt antworten? Ihre Hände hielt sie immer noch in ihrem Schoß, doch sie hatte, wohl eher unbewusst, damit angefangen, ihre Finger zu kneten. Was Eberhard gleich als Zeichen hochgradiger Nervosität deutete.

„Na ja“, begann sie dann eher zögerlich, „ich habe lediglich die Einkäufe weggeräumt und bin dann wieder nach Hause. Mein Mann wartete dort auf mich, wir haben dann unseren Sohn in der Schweiz besucht.“ Mit dieser Antwort hatte sie jetzt nicht gelogen, sie hatte aber auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Und was das Insulin anging, gesehen hatte sie nicht, ob Doktor Anholt es in den Kühlschrank gelegt hatte. Sie hatte nicht mal gesehen, ob er überhaupt welches mitgebracht hatte.

„Wann sind Sie zurückgekommen?“

Frau Moosleitner hob jetzt ihren Blick und sah Eberhard an.

„Aus Ihrem Urlaub meine ich“, ergänzte der schnell.

„Ach so.“

„Ich muss Sie das fragen“, forderte Eberhard die mittlerweile völlig verstörte Frau noch einmal auf seine Frage zu beantworten.

„Schon gut, gestern am späten Abend. Sie können meinen Mann fragen und auch meinen Sohn zu Hause anrufen. Er wird es Ihnen bestätigen, ich gebe Ihnen seine Telefonnummer.“

„Sagen Sie, war irgendetwas anders, als Sie heute Morgen gekommen sind?“, setzte er seine Befragung fort.

„Natürlich!“, erwiderte Frau Moosleitner entsetzt. „Wilhelm war tot!“

„Das meine ich nicht. War die Haustüre offen oder irgendeine andere Türe?“

„Nein, ich habe ganz normal aufgeschlossen. Um die anderen Türen habe ich mich allerdings nicht gekümmert, aber da hat Ihr Kollege schon nachgesehen, die sind wohl ebenfalls verschlossen.“

„Wie ich bis jetzt gesehen habe, stehen hier einige Werte im Haus herum, haben Sie mal nachgesehen, ob etwas fehlt?“

„Nein, habe ich nicht und ich könnte es auch nicht sagen“, erwiderte Frau Moosleitner mit zittriger Stimme. „Küche, Wohnzimmer, Bad und sein Schlafzimmer, ach ja und den Keller. Mehr Räume durfte ich nicht betreten. Nicht mal den Garten durfte ich betreten. In seinem Arbeitszimmer habe ich immer in seinem Beisein gesaugt und Staub gewischt. Nichts durfte dabei angerührt oder verlegt werden. Da war er immer sehr genau.“

Eberhard zog die Stirn in Falten. „Ich dachte, Sie waren befreundet?“

„Ja, trotzdem habe ich die anderen Räume nie betreten. Und was das Wohnzimmer angeht, ich glaube, da fehlt nichts, ich kann aber noch mal nachsehen.“ Schwerfällig stand die ältere Frau von der Bank auf.

„Es kann warten, bis unser Rechtsmediziner mit seiner Arbeit fertig ist“, bremste Eberhard sie jedoch gleich.

„Wilhelm kommt in die Rechtsmedizin?“ Langsam ließ Eleonore Moosleitner sich wieder auf die Bank sinken. Sie hatte sich, teilweise jedenfalls, von ihrem Schock erholt gehabt. Doch jetzt schien es wieder von vorne anzufangen. Mit vor Schreck geweiteten Augen blickte sie zu Eberhard hinüber, der immer noch gegen die Anrichte gelehnt stand.

„Bei einer ungeklärten Todesursache schaltet sich immer die Mordkommission ein und damit verbunden ist ein Besuch des Rechtsmediziners“, klärte Eberhard Frau Moosleitner auf.

„Reicht denn nicht das fehlende Insulin?“, fragte sie zaghaft.

„Nein, das tut es nicht. Sein Tod kann durchaus auch eine andere Ursache haben.“

„Aber der Notarzt hat von Überzuckerung gesprochen“, warf Frau Moosleitner ein.

„Was eine mögliche Ursache sein könnte.“

„Na ja, dann muss es wohl so sein. Kann ich dann jetzt gleich zu meinem Mann?“

„Frau Moosleitner, gibt es da noch etwas, was Sie mir sagen wollen?“, versuchte Eberhard der älteren Frau eine Brücke zu bauen. Mittlerweile war es offensichtlich, dass es da noch etwas gab, etwas, was sicher nicht auf eine natürliche Todesursache schließen ließ. Es war richtig, die Mordkommission kommen zu lassen.

„Was ich weiß, habe ich Ihnen gesagt“, erwiderte die ältere Frau schnell, versucht weiterhin jede Gefühlsregung aus ihrer Stimme herauszuhalten. Sie hatte getan, was getan werden musste, und der Rest war Sache der Polizei.

„Ich bin sicher die beiden Kommissare von der Mordkommission werden noch kurz mit Ihnen sprechen wollen. Sie können Ihren Mann aber gerne kurz anrufen“, sagte Eberhard und verließ die Küche.

3

Als Erster traf Kommissar Mark Lippert am vermeintlichen Tatort ein.

„Das hat ja nicht lange gedauert“, begrüßte Eberhard ihn erleichtert.

„Die Beweislage war erdrückend und der Täter einsichtig. Nur Rita ist kurz befragt worden.“

„Wo ist Rita jetzt?“ Eberhard sah sich neugierig um.

„Der Kriminalrat wollte sie dringend sprechen. Es geht wohl um den Fall, den die Kollegen vom Wirtschaftsdezernat gerade verfolgen. Also, was gibt es hier?“

„Lässt sich nicht so einfach erklären.“

„Wenn es einfach wäre, hätten Sie uns wohl auch nicht angefordert“, meldete Andreas Kreutzer, der Leiter der Spusi, sich jetzt zu Wort. Er hatte gleich nach Mark den Tatort erreicht, gefolgt von Doktor Jochen Meinert, dem Pathologen.

„Am besten ihr macht euch selber ein Bild. Der Tote liegt im Wohnzimmer“, sagte Eberhard und ging voran. Mark und Doktor Meinert folgten ihm gleich. Andreas sah sich erst mal die Haustüre etwas genauer an.

„Sind bereits Fotos vom Tatort gemacht worden?“, erkundigte Mark sich dann auch gleich auf dem Weg ins Wohnzimmer.

„Kollege Mayr hat das erledigt, bevor ich gekommen bin. Du kannst aber gerne noch zusätzlich welche machen.“

„Ist die Leiche berührt worden?“, fragte Meinert gleich geschäftig.

„Der Notarzt war hier, hat sich aber geweigert den Totenschein auszustellen“, erklärte Eberhard.

„Und, was glaubt er?“ Der Pathologe hatte seine Tasche abgestellt und war bereits vor dem Toten in die Hocke gegangen.

„Der Mann war Diabetiker. Im ganzen Haus wurde aber kein Insulin gefunden.“

„Und dann geht ihr gleich von Mord aus? Etwa drei Prozent der Diabetiker sterben in Deutschland jährlich an diabetischer Ketoazidose“, fuhr Meinert ganz gelassen fort, sich dabei eine braune Haarsträhne hinters Ohr steckend. Wenn man die äußere Erscheinung von Doktor Jochen Meinert genau betrachtete, würde man ihn wohl eher für einen Künstler halten, was besonders seine schulterlangen Haare unterstrichen. Seine Kleidung war lässig elegant und seine randlose Brille, die locker auf seiner Nase tanzte, gab dem Erscheinungsbild die gewisse Note.

„An was sterben die?“, erkundigte Mark sich gleich.

„Na schön, für euch Laien zum Mitschreiben: Insulinmangel. Oder ganz banal ausgedrückt, Überzuckerung.“

„Aber es gibt einige Punkte, die nicht unbedingt zu einem Selbstmord passen, geschweige denn zu einem natürlichen Tod“, gab Eberhard zu bedenken.

„Haben Sie heimlich Medizin studiert?“, fragte Meinert über seine Schulter weg.

„Nein, ich habe zugehört, was der Notarzt gesagt hat“, erwiderte Eberhard, leicht pikiert.

„Schon gut, ich sehe ihn mir mal genauer an.“

„Wer hat ihn gefunden?“, wandte Mark sich an seinen jungen Kollegen.

„Frau Moosleitner, sie sieht hier wohl regelmäßig nach dem Rechten. Sie glaubt aber wohl nicht an Selbstmord, war aber äußerst erschrocken, als ich erwähnte, dass der Tote in die Rechtsmedizin kommt“, antwortete Eberhard an seiner Stelle.

Mark nickte. „Das sind wohl die meisten Angehörigen. Und was glaubst du?“

„Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich glauben soll.“

„Doktor Anholt war ein Pedant, alles musste seine Ordnung und seine Richtigkeit haben. Wenn Frau Moosleitner sagt, er hat sich neues Insulin geholt, dann hat er es auch getan“, berichtete der junge Kollege stolz. „Besonders bekannt war er hier im Ort allerdings nicht.“

Mark sah ihn neugierig an.

„Polizeioberwachtmeister Frank Mayr“, stellte der Kollege sich vor, Mark dabei seine Hand zum Gruß reichend.

„Und das bezog sich auch auf seine Krankheit? Ich meine seine Pedanterie“, erwiderte Mark den Gruß.

„Ich denke mal schon.“

„Geholt haben kann er es ja, er muss es aber nicht genommen haben“, rief Meinert ihnen über die Schulter zu.

„Weil es nicht mehr da war“, rief Mayr zurück.

„Dann hätte er immer noch die Rettung rufen können.“

„Frau Moosleitner sagt, Anholt sei letzten Mittwoch zum Arzt für ein neues Rezept. Das kann er dann unmöglich bis heute aufgebraucht haben“, fuhr Eberhard fort. „Meint auch der Notarzt.“

„Und?“, wandte Mark sich an den jungen Kollegen. Er hatte sich mittlerweile lässig gegen die Rückenlehne eines Sessels gelehnt, seine Arme wie so oft vor dem Oberkörper verschränkt.

„Wir haben nichts gefunden. Nicht mal eine Kanüle haben wir bis jetzt gefunden“, beeilte der Kollege sich die Ergebnisse seiner Nachforschungen kundzutun.

„Andreas soll sich darum kümmern. Sonst irgendwas gefunden?“

„Ich bin eben mal durchs Haus gegangen, kein Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen. Alles scheint an Ort und Stelle zu stehen und zu liegen.“

„Also kein Raubmord, wenn es denn Mord war?“

„Sicher nicht. Hier stehen jede Menge Werte herum. Mein Vater hat schon oft gesagt, wenn der Anholt mal ausgeraubt wird, ist er selber schuld. Hier gibt es ja nicht mal eine Alarmanlage.“

Mark nickte. „Gut Kollege, überprüfen Sie doch bitte mal die Geschichte mit dem Rezept.“

„Also auf den ersten Blick ist die Leiche zumindest äußerlich unversehrt, nichts was auf einen gewaltsamen Tod schließen lässt. Allerdings auch nichts, was eindeutig auf Selbstmord schließen lässt“, meldete Doktor Meinert sich wieder.

„Wie meinst du das?“, fragte Mark gespannt.

„Na ja, häufiges und unkontrolliertes Wasserlassen, Schweißausbrüche durch aufkommende Schwäche und Erbrechen sind nur einige Symptome bei Insulinmangel.“

„Davon hat auch der Notarzt gesprochen“, warf Eberhard ein.

„Sie wollen sagen, die Umgebung hier ist zu sauber“, mischte Mayr sich ein. Er hatte gespannt zugehört, was der Rechtsmediziner zu sagen hatte.

„Aber die Kleider des Toten sind doch verschmutzt“, meinte Eberhard.

„Schweißflecken und Urin werden wir nachweisen können, das ist es dann aber auch schon. Aber die Luft hier im Raum ist lediglich leicht abgestanden. Als wäre länger nicht gelüftet worden.“

„Sie meinen, man müsste es riechen?“, fragte Mayr nachdenklich.

„Woran stellen Sie denn fest, wenn ein kleines Kind in die Hosen gemacht hat?“, fragte Meinert mit einem Grinsen.

„Am Geruch“, sagte Mark.

„Eben, und das müsste auch hier der Fall sein. Zumal so ein lieblicher Geruch sich ganz besonders lange in Teppichen und Polstermöbel hält.“

„Und der Teppich ist sauber“, folgerte Eberhard aus den Ausführungen von Doktor Meinert.

„Definitiv. Da wird Andreas kaum etwas finden.“

„Und was ist mit dem anderen Schmutz, zum Beispiel an der Hose?“, fragte Eberhard.

„Kann durchaus von Gartenarbeit stammen, was bei einem Botaniker nicht verwunderlich wäre“, meinte Meinert.

„Das würde dann aber doch heißen, Fundort ist nicht gleich Tatort“, mischte Mayr sich wieder ein. Bisher hatte er es nur mit kleinen Diebstählen, zu schnellen Autofahrern und hier und da mal mit einem Einbruch zu tun gehabt. Da war diese Geschichte mal eine willkommene Abwechslung vom Alltagseinerlei, vielleicht sogar ein Sprungbrett in einen höheren Dienstgrad. Von seiner anfänglichen Unsicherheit war jedenfalls nichts mehr zu spüren.

„Wenn der Mann wirklich an Überzuckerung gestorben ist, stellen sich jetzt allerdings einige Fragen“, stimmte Meinert dem Kollegen zu.

„Wo ist Doktor Anholt gestorben und warum liegt er jetzt hier auf dem kostbaren Teppich?“, fing Mayr an aufzuzählen.

„Und weiter, wo befindet sich das restliche Insulin?“, fuhr Meinert fort.

„Das heißt, Sie könnten bei einer genauen Untersuchung vielleicht doch Spuren von Fremdeinwirkung finden?“, erkundigte Eberhard sich.

„Der Mann hat an seiner linken Hand zwei abgebrochene Fingernägel und er hat Abschürfungen an seinem linken Unterarm. Weiter sind die Fingerkuppen der rechten Hand wund, als hätte er sich die Haut irgendwo abgescheuert.“

„Das hat der Notarzt auch gesehen“, mischte Mayr sich wieder ein.

„Aber ob es eindeutige Abwehrspuren sind, dazu müsstet ihr den vermeintlichen Ort des Geschehens ausfindig machen“, fuhr Meinert fort.

„Wie lange dauert so was?“, fragte Mark.

„Was, den Tatort zu finden?“

Mark stöhnte. „Bis zur Bewusstlosigkeit.“

„Kommt drauf an. Wie gesagt, er hätte in jedem Fall noch den Notarzt rufen können“, sagte Meinert. „Jedenfalls unter normalen Bedingungen.“

„Von denen wir hier aber nicht ausgehen“, warf Mayr ein.

„Ist es schlimm?“

Andreas war mittlerweile ins Wohnzimmer gekommen und sah Mark jetzt erstaunt an, als verstünde er nicht, wie jemand so eine Frage stellen konnte. „Es ist die Hölle“, sagte er dann mit fester Stimme.

„Der Mann war wohl seit Mittwochmittag alleine im Haus“, berichtete Mayr. „Aber er soll keineswegs senil gewesen sein.“

„Und es gibt wirklich kein Insulin im Haus?“, vergewisserte Meinert sich noch einmal.

„Nein, nicht mal eine Kanüle habe ich bis jetzt gefunden“, wurde Mayr langsam ungeduldig. Die Kollegen schienen ihn ja wohl eindeutig für einen Trottel zu halten. Aber er würde ihnen schon das Gegenteil beweisen.

„Es gibt jetzt so Batterien, die trägt der Patient ständig am Körper“, ließ Meinert nicht locker.

„Die hättest du ja dann jetzt finden müssen“, konterte Mark.

„Schon gut, ich habe nichts dergleichen gefunden, jedenfalls nicht am Körper des Toten.“

„Was ist mit Lebensmittel?“, fragte Meinert weiter.

„Der Kühlschrank ist voll. Frau Moosleitner war einkaufen, bevor sie in Urlaub gefahren ist. Im Keller stehen mehrere volle Kästen mit Wasser. Also er hatte alles reichlich im Haus.“

„Sag mal, bei Insulinmangel kann es im fortgeschrittenen Stadium doch auch zu Bewusstseinsstörungen und zu Panikattacken kommen“, wandte Andreas sich an den Arzt.

„Dann sieh dich mal um!“, erwiderte Meinert. „Wäre es so gewesen, sähe es hier sicher anders aus.“

„Es sähe anders aus, definitiv“, gab Andreas ihm recht.

„Es ist trotzdem eigenartig“, brummte Meinert und stand auf, den Blick weiterhin auf den Toten gerichtet. „Also es ist eindeutig nicht erst gestern Abend passiert. Soviel kann ich schon mal sicher sagen.“

„Soweit war Ihr Kollege auch bereits“, sagte Eberhard.

„Hat der Kollege viel an der Lage des Toten verändert?“

„Keine Ahnung, ich bin doch erst später gekommen“, sagte Mayr.

„Dir gefällt die Lage des Toten nicht, soweit war ich auch schon“, bemerkte Mark.

„Wir drehen den Toten jetzt mal rum, vielleicht finde ich in seinem Rücken ja noch etwas.“

„Angehörige?“, wandte Mark sich wieder an den jungen Kollegen.

„Einen Sohn, aber der wohnt in München. Die beiden haben seit dem Tod von Frau Anholt keinen Kontakt mehr miteinander gehabt.“

Frau Moosleitner hatte es in der Küche nicht mehr ausgehalten und war leise zu den Männern getreten.

„Mark Lippert, Mordkommission“, stellte Mark sich gleich vor und reichte der Frau seine Hand. „Tut mir leid.“

„Da werden Sie dann wohl der Einzige sein“, sagte Frau Moosleitner traurig. „Wilhelm war nicht sonderlich bekannt hier im Ort.“

„Warum nicht?“

„Nun, er hat sehr zurückgezogen gelebt, wenn er überhaupt mal hier war, und er hat in seiner eigenen Welt gelebt.“

„Gab es sonst noch jemanden?“, fragte Mark weiter.

„Hannes Hochscheid, er hat eine Gärtnerei in Mittenwald. Aber ob die beiden noch so dicke waren, ich weiß nicht.“

„Können Sie es vielleicht etwas deutlicher ausdrücken?“, hakte Mark gleich nach.

„Nun ja, Wilhelm war eine Persönlichkeit, Hannes dagegen ist nur ein kleiner bedeutungsloser Gärtner. Er hat wohl immer in Wilhelms Schatten gestanden.“

„Wieso waren die beiden dann befreundet?“

„Sie kannten sich wohl aus dem Studium.“

„Sie wollen sagen, Herr Hochscheid hat Botanik studiert und dann nur eine ganz einfache Gärtnerei geleitet?“, erkundigte Mark sich leicht irritiert.

„Beide haben Botanik und Biologie studiert“, fuhr Frau Moosleitner fort. „Sie haben sich dann aber wohl auf unterschiedliche Fachgebiete spezialisiert, so genau weiß ich es auch nicht.“

„Und da sind Sie ganz sicher, dass auch Herr Hochscheid studiert hat?“, hakte Mark noch einmal nach.

„Na ja. Nicht jeder schafft es bis ganz nach oben“, erwiderte Frau Moosleitner.

„Und sein Sohn?“, fragte Eberhard.

„Manfred von Dahlem. Er hat Pharmazie studiert und soll wohl eine ganze Weile in den USA an irgendeiner Forschung beteiligt gewesen sein. Jetzt arbeitet er aber bei einem Pharmakonzern hier in München. Mehr weiß ich auch darüber nicht.“

„Und es gab keinen Kontakt mehr zwischen Vater und Sohn?“

„Manfred hat seinem Vater die Schuld am Tod seiner Mutter gegeben, da kann ich mir nicht vorstellen, dass es noch einen Kontakt gegeben hat.“

„Wieso heißt sein Sohn von Dahlem?“, erkundigte Eberhard sich.

„Der Junge hat, gleich nachdem er volljährig war, den Mädchennamen seiner Mutter angenommen. Mit dem Namen Anholt gingen alle Türen von selber auf und Manfred wurde überall bevorzugt, doch er wollte es aus eigener Kraft schaffen“, erzählte Frau Moosleitner.

„Wir haben hier etwas gefunden“, rief Doktor Meinert in dem Moment und Mark wandte sich ihm sofort zu. „Was Wichtiges?“

„Das musst du entscheiden“, sagte Meinert und reichte Mark eine Tüte. „Wir haben es vorsichtshalber schon mal eingetütet.“

Mark nahm die Tüte und sah skeptisch auf den Gegenstand. „Was ist das?“

„Na, wonach sieht es denn aus?“, fragte Andreas jetzt und nahm Mark die Tüte wieder aus der Hand.

„Also für mich sieht es nach einer ordinären Zwiebel aus. Wo habt ihr die gefunden?“

„Sie lag unter der Leiche“, sagte Meinert.

„Ihr wollt mir jetzt aber nicht erzählen, Doktor Anholt sei beim Kochen gestört worden“, zweifelte Mark.

„Lassen Sie mal sehen!“ Frau Moosleitner hatte sich beruhigt und fand es jetzt spannend, zusammen mit erfahrenen Beamten an einem vermeintlichen Tatort zu stehen. Andreas die Tüte aus der Hand nehmend und sie prüfend gegen das Licht haltend, verkündete sie dann stolz, „meine Herren, das ist eine Tulpenzwiebel und keine ordinäre Küchenzwiebel.“

„Und wie kommt die dann ins Haus und unter die Leiche?“, fragte Andreas gespannt. „Also ich bin kein Botaniker, aber ich weiß immerhin, dass Tulpenzwiebel im Herbst gesetzt werden, und jetzt haben wir Sommer.“

„Und sicher werden solche Dinger nicht im Wohnzimmer auf dem Teppich gesetzt“, fuhr Mark fort.

„Vielleicht ist sie ihm aus der Hosentasche gefallen“, meinte Meinert trocken. „Wachtmeister Eberhard, sorgen Sie dafür, dass ich den Mann so schnell wie möglich auf den Tisch bekomme!“

„Dann soll der Tote zu Ihnen ins Klinikum?“

„Ja. Und zwar so schnell wie möglich. Ich werde die Kollegen in München selber informieren“, sagte Meinert.

Eberhard nickte. „Dann haben Sie ebenfalls einen Verdacht?“

„Wieso?“, fragte Meinert und schloss seine Tasche.

„Weil es so schnell gehen soll.“

„Es gibt gewisse Stoffe, die zum Tode führen, aber nur kurz im Körper nachweisbar sind. Und bei dem, was wir bis jetzt wissen, sollten wir eine unnatürliche Todesursache schon in Erwägung ziehen. Der Kollege tut es doch auch, sonst hätte er sich nicht geweigert den Totenschein auszustellen.“

„Dann schließen Sie einen Selbstmord also schon mal definitiv aus?“

Meinert sah Eberhard an. „Ich schließe vor einer Obduktion grundsätzlich überhaupt nichts aus.“

„Ich denke ebenso wie Jochen“, sagte Mark und wandte sich an Frau Moosleitner. „Können wir in einem anderen Raum ungestört reden?“

„Wir gehen am besten in die Küche. Ich habe Kaffee aufgesetzt.“

„Gute Idee, dann kann Andreas hier ungestört arbeiten.“

„Bis Rita kommt“, rief Andreas über seine Schulter.

„Ich kann dich beruhigen, Andreas, ich bin gleich wieder weg“, meldete die sich auch schon. Rita trug heute mal wieder ihr beiges Kostüm und dazu dunkelbraune Stöckelschuhe. Ihre Haare trug sie ausnahmsweise einmal offen und sie war stärker geschminkt als sonst.

„Wenn man vom Teufel spricht“, lachte Mark. „Hi! Ich habe alles unter Kontrolle.“

„Der Chef hat mich für einen anderen wichtigen Fall eingeteilt, ihr müsst alleine zurechtkommen. Notfalls holt Roman.“

„Na, der wird begeistert sein“, stöhnte Eberhard.

„Ich bin auch nicht begeistert von dem anderen Fall. Also wo-rum geht es hier?“

„Komm, wir gehen in die Küche“, schlug Mark vor. „Frau Moosleitner hat Kaffee gekocht und wir sind dem Kollegen dort nicht im Weg.“

Rita warf kurz einen Blick auf die Leiche und folgte Mark dann.

„Reichlich wenig“, sagte sie, als Mark seinen Bericht beendet hatte.

„Es gibt aber ein paar Anhaltspunkte.“

„Das fehlende Insulin?“

„Ja, der Kollege Mayr ist dran.“

„Wann haben Sie den Toten denn gefunden?“, wandte Rita sich an die ältere Frau.

Frau Moosleitner stand am geöffneten Küchenschrank mit dem Rücken zu Rita, drehte sich jetzt aber zu ihr um. „Na heute Morgen“, sagte sie, wandte sich dann wieder dem Schrank zu, nahm Tassen heraus und ging die wenigen Schritte zum Tisch, stellte sie dort ab und holte dann die Kanne von der Kaffeemaschine.

„Können Sie es vielleicht etwas genauer sagen?“

„Ich war um kurz nach halb neun hier, falls Sie das meinen.“

„Um halb neun? Der Anruf im Präsidium ging aber erst um exakt elf Uhr ein“, fuhr Rita fort.

„Ich bin ins Haus und habe die Tasche mit den Einkäufen in die Küche gebracht. Dann bin ich zurück in die Garderobe und habe meinen Mantel ausgezogen, dann weiter in den Keller und habe erst mal die Schmutzwäsche sortiert und dann die Waschmaschine eingeschaltet und dann bin ich wieder in die Küche.“

„Und Sie haben Doktor Anholt nicht vermisst?“

„Warum sollte ich? Die Haustüre war abgeschlossen gewesen, also bin ich erst mal davon ausgegangen, dass er unterwegs sein würde.“ Frau Moosleitner hatte Kaffee eingeschenkt und die Kanne wieder zurück auf die Warmhalteplatte gestellt, ging jetzt zurück zum Tisch und setzte sich wieder auf die Eckbank.

Mark nickte und forderte Frau Moosleitner damit gleichzeitig zum Weiterreden auf.

„Als ich dann den Kühlschrank geöffnet habe, waren noch alle Lebensmittel da, die ich letzte Woche eingekauft hatte“, fuhr diese auch gleich mit ihren Erläuterungen fort. „Da habe ich erst mal nach Wilhelm gesehen und ihn dann im Wohnzimmer gefunden. Nach dem ersten Schrecken habe ich dann den Notarzt angerufen und der hat sich geweigert den Totenschein auszustellen. Den Rest wissen Sie ja.“

„Warum haben Sie nicht gleich die Polizei gerufen?“

Frau Moosleitner sah Rita an. „Ich hatte geglaubt, Wilhelm sei nur bewusstlos, ich hatte doch vorher noch nie einen Toten gesehen.“

Rita zog ihre Stirn in Falten. „Obwohl die ganzen Lebensmittel noch im Kühlschrank lagen, sind Sie nur von einer Bewusstlosigkeit ausgegangen?“

„Bei Wilhelm wusste man nie so genau“, stammelte die ältere Frau. „Wenn er eine Idee hatte, dann hat er sie meistens auch gleich in die Tat umgesetzt. Hätte ja sein können, dass auch er ein paar Tage weggefahren war.“

„Kein gewaltsames Eindringen, nichts fehlt, alles steht an seinem Platz, jedenfalls auf den ersten Blick“, fuhr Mark fort. „Dafür ist die Umgebung, in der wir die Leiche gefunden haben, nach Aussage beider Ärzte zu sauber.“

„Was macht Sie so sicher, dass es kein Selbstmord war?“, wandte Rita sich wieder an Frau Moosleitner.

„Ganz einfach“, fing die gleich an zu erzählen. „Wilhelm wollte in drei Wochen auf eine längere Forschungsreise gehen und er ist am Dienstagnachmittag fröhlich aus Amsterdam zurückgekommen.“

„Was hat er dort gemacht?“

„Wilhelm hat Tulpen gezüchtet und er hat schon zweimal einen Preis gewonnen. Ich nehme also an, er war auf der Tulpenbörse.“

„Und die ist in Amsterdam?“, fragte Mark zweifelnd.

„Warum sonst sollte Wilhelm so oft nach Amsterdam fahren?“

„Kennen Sie seine Kontakte dort?“

„Keine Ahnung. Darüber hat er mit mir nicht gesprochen.“

„Worüber haben Sie überhaupt gesprochen?“, fragte Rita. Sie saß ebenfalls auf der Eckbank direkt gegenüber von Frau Moosleitner.

„Eigentlich haben wir nie viel miteinander gesprochen“, sagte Frau Moosleitner leise, wobei sie ihren Kopf leicht gesenkt hielt.

„Aber ich dachte, sie waren Freunde, und mit Freunden da spricht man doch“, hakte Mark verwundert nach. Auch bei ihm meldeten sich langsam Zweifel. Irgendetwas stimmte hier nicht und Dreh- und Angelpunkt dafür war Frau Moosleitner, war er sich sicher. Bei ihr würden sie den wahren Grund finden, den Grund dafür, warum Doktor Anholt tot in seinem Wohnzimmer lag.

„Zu Ostern und Weihnachten hat er mir Geschenke gemacht und auch zum Geburtstag. Und dann hat Wilhelm mit mir über seine Reisen gesprochen. Das hat er sonst mit niemandem getan, nicht mal mit seiner Frau, als die noch gelebt hat“, erzählte Frau Moosleitner stolz.

„Trotz seiner Diabetes wollte Doktor Anholt auf Forschungsreise gehen?“, fragte Rita.

„Na und? Er ist hervorragend damit klargekommen“, wandte Frau Moosleitner ein. „Er war doch auch die meiste Zeit alleine hier im Haus.“

„Es dürfte aber wohl ein großer Unterschied sein, ob ich alleine in einem Haus, dafür aber in der zivilisierten Welt lebe, oder mich auf einer Forschungsreise irgendwo in einem Dschungel oder sonst wo aufhalte.“

Frau Moosleitner zuckte verständnislos mit den Achseln.

„Frau Moosleitner, Sie kamen dreimal die Woche“, fing Mark wieder an.

„Montags, mittwochs und freitags.“

„Wer wusste, dass Sie zum Beispiel letzten Freitag nicht kommen würden?“

„Niemand. Den Besuch bei unserem Sohn haben wir erst letzten Dienstag beschlossen.“

„Also nur Doktor Anholt?“

„Ja, nur Wilhelm und der hat bestimmt mit niemandem darüber gesprochen. Ich habe es dann lediglich unserer Nachbarin in Krün gesagt, damit sie einen Blick auf unser Haus werfen sollte.“

Mark und Rita sahen sich an. Da war eindeutig mehr als nur ein normales Arbeitsverhältnis, diese Frau schien ihren Chef geradezu vergöttert zu haben.

„Gibt es sonst noch etwas?“, wandte Rita sich dann an ihren Assistenten.

„Einen Sohn und einen Freund. Um den Sohn kümmert Eberhard sich, er wollte die Kollegen in München zu ihm schicken.“

Rita nickte. „Dann sollten wir uns um den Freund kümmern. Frau Moosleitner, könnten Sie morgen früh aufs Präsidium nach Garmisch kommen? Wir müssen Ihre Aussage aufnehmen?“

„Ja, kein Problem. Dann kann ich jetzt gehen?“

Mark gab ihr seine Karte. „Passt es Ihnen so um zehn?“

„Natürlich. Bis morgen dann.“

„Moment noch“, kam Andreas angelaufen. „Frau Moosleitner, ich brauche noch Ihre Fingerabdrücke zum Vergleich.“

„Ebenfalls kein Problem“, erwiderte sie freundlich und setzte sich wieder an den Küchentisch. Sie war sich jetzt ganz sicher, ihr konnte nichts passieren. Wilhelm war an Überzuckerung gestorben und sonst hatten die Beamten nichts gefunden und sie würden auch nichts finden. Und was ihre Fingerabdrücke anging, für die gab es eine ganz natürliche Erklärung. Nein, es war richtig, dass sie ihren Streit nicht erwähnt hatte.

„Und eine Frage hätte ich dann auch noch“, fuhr Andreas fort, während er die Fingerabdrücke nahm. „Wo hat Doktor Anholt sein Insulin aufbewahrt?“

„Im Kühlschrank, aber da ist nichts“, antwortete Frau Moosleitner spontan.

„Gut, und wo hat er die Kanülen aufbewahrt?“

„Im Bad über dem Waschbecken hängt ein Schrank. Dort müssen die wohl immer drin gewesen sein.“

„Sicher sind Sie sich aber nicht.“

„Nein, wie könnte ich, der Schrank ist immer abgeschlossen. Aber ich habe ihn mal mit so einem Ding aus dem Bad kommen sehen.“

„Ist er jetzt aber nicht“, sagte Andreas. „Der Kollege Mayr und ich haben uns davon überzeugt.“

„Und, habt ihr Kanülen gefunden?“, fragte Mark gleich.

„Nein, nur den üblichen Kram. Nichts, warum der Schrank hätte verschlossen sein müssen.“

„Na ja, senil war Wilhelm sicher nicht, aber eigenartig war er irgendwie schon. Nicht viele Menschen kamen mit ihm zurecht.“

Andreas nickte. „Ich nehme den Schlüssel von Doktor Anholt an mich und Sie betreten dieses Haus in den nächsten Tagen bitte nicht mehr alleine. Ich werde es nachher versiegeln.“

Frau Moosleitner nickte und stand auf. „Jetzt kann ich aber gehen?“

„Wenn Sie mir vorher noch Ihren Schlüssel geben würden“, forderte Andreas sie gleich auf.

„Aber Sie haben doch den Schlüssel vom Wilhelm“, erwiderte Frau Moosleitner leicht verstört.

„Von dem Schlüssel muss ich erst im Labor die Fingerabdrücke nehmen und Sie brauchen Ihren Schlüssel doch im Moment nicht mehr.“

Widerwillig gab sie Andreas den Schlüssel. Würde jetzt doch alles ans Tageslicht kommen? Sollte sie vielleicht doch reden? Einen Moment zögerte sie, entschied sich dann aber, es doch besser zu unterlassen. „Kann ich dann jetzt gehen?“

„Ja, jetzt können Sie gehen.“ Andreas lächelte die ältere Frau freundlich an und lehnte sich dann gegen die Anrichte.

4

Nimm dir einen Kaffee. Tassen sind hinter dir im Schrank“, sagte Mark, als sie alleine waren. „Was hältst du von der Sache?“

„Es ist noch zu früh, um irgendwas sicher sagen zu können, aber eigenartig ist es schon. Im ganzen Haus kein Insulin, dafür steht alles an seinem Platz. Und dann was Jochen sagt, der Mann hätte locker die Rettung rufen können.“

„Vielleicht ist er ja gar nicht im Wohnzimmer gestorben“, sagte Rita nachdenklich.

„Auf den ersten Blick wirkt es auch auf mich konstruiert“, ging Andreas gleich auf ihre Bemerkung ein.

„Darum hast du dir auch eben von der Frau die Schlüssel geben lassen“, lachte Mark.

„Ich habe ihr doch erklärt, warum.“ Andreas stellte die Kaffeekanne mit Wucht wieder auf die Platte zurück. Seine Laune war dabei, sich zu verschlechtern.

„Sie kannst du damit vielleicht beeindrucken, mich führst du aber nicht hinters Licht.“

„Na schön, die Frau hat mir den Toten etwas zu sehr angehimmelt. Und dann sollte man bei Putzfrauen auch manchmal vorsichtig sein.“

„Du meinst, sonst brechen sie wieder das Siegel und räumen einfach auf.“

„Im Gegensatz zu anderen Leuten lerne ich aus meinen Fehlern“, erwiderte Andreas leicht beleidigt.

„Und wie sieht die Geschichte für dich auf den zweiten Blick aus?“, fragte Rita gespannt. Obwohl sie erst kurz in Garmisch war und die Leitung der Mordkommission innehatte, so hatte sie zumindest Andreas als Kollegen sehr zu schätzen gelernt.

„Alle Türen und Fenster sind verschlossen. Laut Frau Moosleitner war auch die Haustüre heute Morgen abgeschlossen. Wie soll ein Täter da herausgekommen sein?“

Mark nickte. „Es sei denn, er hatte einen Schlüssel.“

„Laut Frau Moosleitner gibt es aber nur zwei Schlüssel zum Haus“, gab Andreas zu bedenken.

„Die du jetzt beide sichergestellt hast.“

„Wo hast du denn Anholt’s Schlüssel gefunden?“, fragte Mark.

„Bis eben hatte er ihn noch in der Hosentasche“, sagte Andreas.

Mark zog seine Stirn in Falten. „Ich trage meinen Schlüssel nicht immer in der Hosentasche mit mir herum, jedenfalls nicht, wenn ich in meiner Wohnung bin.“

„Was darauf schließen lässt, dass Fundort nicht gleich Tatort sein muss.“

„Du hast doch gehört, Anholt war anders“, bemerkte Rita. „Aber was ganz anderes: Wer sagt euch, dass der Täter alleine aus dem Haus heraus ist?“

„Du meinst, Anholt kann ihn noch herausgelassen haben?“, fing Andreas den Gedanken gleich auf.

Rita nickte. „Vielleicht hat der Täter das Insulin heimlich an sich genommen.“

„Dann hätte Anholt aber noch die Rettung rufen können.“

„Also das sind mir eindeutig ein paar ‚hätte‘ zu viel“, winkte Mark ab.

„Und darum sollten wir warten, was Jochen uns morgen zu sagen hat“, schlug Andreas vor. „Vielleicht ist er ja auch an was ganz anderes gestorben.“

„Noch etwas gibt mir zu denken“, fing Rita wieder an. „Wenn die Frau wirklich um halb neun im Haus war, wieso hat es so lange gedauert, bis wir informiert wurden?“

„Du hast doch gehört, was sie gesagt hat.“

„Schon, aber den Mantel ausziehen und die Waschmaschine einschalten dauert keine halbe Stunde“, gab Rita zu bedenken.

„Der Notarzt wird sich erst mal selber ein Bild gemacht haben“, meinte Andreas.

„Und dann hat er hier in der Wache angerufen“, sagte Mark. „Kollege Mayr war dann zuerst hier und hat sich alles angehört und dann hat er Eberhard informiert.“

„Und das gibt mir zu denken“, fuhr Rita fort. „Wenn der Notarzt sich so sicher war, dass kein natürlicher Tod vorliegt, wieso informiert er dann nicht gleich die Kriminalpolizei, sondern ruft einen kleinen Beamten aus einer Nebenstelle an?“

Mark zog die Stirn in Falten. „Traust du dem Kollegen nicht?“

„Das wollte ich damit nicht sagen. Aber eigenartig ist es doch schon.“

„Da muss ich Rita leider recht geben“, sagte Andreas. „Der Notarzt hätte es wissen müssen.“

„So, also der Doktor Anholt war am Mittwochmorgen bei Doktor Keller in Krün, hat sich sein Rezept geholt und es anschließend hier in der Edelweißapotheke eingelöst“, kam Wachtmeister Mayr in die Küche. „Es war also genügend Insulin im Haus.“

„Batterie oder die alte Methode?“, fragte Andreas.

„Die alte Methode. Aber eins gibt mir massiv zu denken“, fuhr Mayr fort. „Ich hebe mein Insulin im Kühlschrank auf, die Küche ist im Erdgeschoss. Die Kanülen sollen im Bad liegen, und das befindet sich am anderen Ende vom Haus und dann noch in der ersten Etage.“

„Du meinst, das macht kein normaler Mensch“, meinte Andreas nachdenklich.

„Wo hättest du die Kanülen denn aufgehoben?“, fragte Mayr zurück.

Andreas sah sich in der Küche um. „Wahrscheinlich hier hinter mir im Hängeschrank.“

„Was auch Sinn machen würde.“

„Guter Gedankengang“, lobte Mark den Kollegen gleich.

„Sagen Sie, wann ist denn der Notruf bei Ihnen auf der Wache eingegangen?“, fragte Rita.

„Ich war unterwegs, mein Kollege hat mich über Funk informiert, das war so gegen halb elf. Ich war in der Nähe, es hat also keine fünf Minuten gedauert. Steht aber alles im Protokoll.“

„So lange kann der Notarzt für seine Entscheidung nicht gebraucht haben“, zweifelte Andreas.

„Ihr glaubt, es war zu lange?“ Mayr hatte sich gegen den Türrahmen gelehnt, die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und seine Beine übereinander geschlagen.

Mark nickte. „Zweieinhalb Stunden, bis der Anruf bei uns ankam.“

„Vorausgesetzt die Frau war wirklich um halb neun im Haus“, schickte Rita hinterher.

„Der Anruf in der Notfallzentrale ging um exakt neun Uhr fünfzehn ein“, sagte Mayr.

„Was hat die Frau so lange gemacht?“

„Es war alles so wie immer, warum hätte sie da gleich misstrauisch werden sollen?“, meinte Mayr. „Und dann hat sie doch vorher die Einkäufe ausgepackt und weggeräumt. Erst als sie den Kühlschrank geöffnet hat, ist sie stutzig geworden. Zumindest hat sie es mir so geschildert.“

„Sie muss aber doch gesehen haben, dass Anholt tot war“, meinte Andreas.

„Sie sagt, sie hätte ihn für bewusstlos gehalten.“

„Dann rufe ich aber gleich die Rettung und warte nicht erst eine Viertelstunde ab.“

„Also wenn ich in ein Haus komme, und sehe da einen so liegen, dann bekomme auch ich erst mal einen Schrecken“, meinte Mayr, „und ganz bestimmt bekomme ich einen dicken Schrecken, wenn ich die Person kenne.“

„Gut, eine, vielleicht zwei Minuten“, gab Rita nach. „Aber es muss länger gewesen sein.“

„Vielleicht hat sie erkannt, dass Anholt tot war, und wollte es nicht wahrhaben. Sie sagt doch, sie waren befreundet.“

„Du meinst, darum hat sie die Rettung angerufen?“, zweifelte Rita. Gut, sie wusste schon, dass Menschen in für sie schwierigen Situationen manchmal Dinge taten, die später nicht mehr nachvollziehbar waren. Doch das ging ihr jetzt entschieden zu weit.

„Es war ihr erster Toter“, erwiderte Mayr, „meiner übrigens auch.“

„Und?“, fragte Rita gleich.

„Ich bin ins Haus, habe mir angehört, was der Notarzt zu sagen hatte, und habe dann vorsichtshalber selber noch mal im Bad und im Kühlschrank nachgesehen und dann habe ich bei euch in Garmisch angerufen.“

„Wo kam der Notarzt her?“, fragte Rita.

„Aus Mittenwald“, sagte Mayr spontan.

„Kennen Sie den Mann?“

„Ja, er ist Unfallchirurg, hat dort eine Praxis. Er muss aber schon vorher als Notarzt gearbeitet haben.“

„Besorgen Sie doch mal das Protokoll von seinem Einsatz“, bat Rita.

„Das hat Wachtmeister Eberhard an sich genommen.“

„Gut, dann lassen Sie sich das Band mit dem Notruf vorspielen.“

„Geht klar“, sagte Mayr sichtlich erfreut. Damit hatte er nicht gerechnet, dass die beiden Beamten der Mordkommission ihn so intensiv in ihre Ermittlungen einbeziehen würden.

„Sagen Sie, wissen Sie auch etwas über seinen Freund?“, ging Mark jetzt einen Schritt weiter.

„Die Gärtnerei ist sehr heruntergekommen, weil seine Frau schwer krank ist. Ich kann nicht mal sagen, ob der Mann nur Gärtner ist oder auch Botaniker. Mein Vater könnte Ihnen da sicher besser Auskunft geben.“

„Was macht Ihr Vater?“, fragte Rita neugierig.

„Bürgermeister hier in Wallgau.“

„Dann hat er auch Doktor Anholt gut gekannt?“

„Nein, den kannte hier niemand gut“, sagte Mayr verächtlich. „Wir waren ihm zu gewöhnlich. Er hat nicht viel von uns Menschen gehalten.“

„Und warum hat er dann hier gelebt?“, fragte Mark.

„Weil seine Frau sehr reich war und er ihr Geld für seine Karriere brauchte, sagt man jedenfalls.“

Rita nickte. „Sie sind hier geboren?“

„Ja.“

„Dann sind Sie doch mit seinem Sohn aufgewachsen?“, fragte Mark.

„Nach der Grundschule haben wir uns aus den Augen verloren. Manfred ist in die Schweiz aufs Internat und ich bin nach Garmisch aufs Gymnasium. Außerdem hat Anholt keine anderen Kinder auf seinem Grundstück geduldet. Wir würden nur alles zerstören.“

„Kein Wunder, dass sein Sohn keinen Kontakt mehr mit ihm haben soll“, sagte Mark und stand auf. „Danke Kollege, kann sein, dass wir Sie später noch mal brauchen.“

„Jederzeit. Ich löse Wachtmeister Eberhard dann mal bei der Befragung der Nachbarn ab.“

„Helfen Sie lieber Andreas, damit es schneller geht“, meinte Rita.

„Was ist jetzt mit dir?“, wollte Mark dann von ihr wissen.

„Ich fahre noch mit und höre mir an, was dieser Freund zu sagen hat, und dann sehen wir weiter“, sagte Rita.

„Wo sollst du denn hin?“

„Die Kollegen vom Wirtschaftsdezernat haben mich angefordert. Ich bin wohl die einzige Beamtin, die perfekt italienisch spricht.“

„Also führt die Spur tatsächlich nach Italien“, triumphierte Mark.

„Exakt nach Rom“, sagte Rita.

„Dann muss ich im Ernstfall alleine weitermachen?“

„Maybach ist der zuständige Staatsanwalt.“

„Hat er ein Ermittlungsverfahren eingeleitet?“

„Dazu braucht er erst mal Fakten“, erwiderte Rita. „Und bis jetzt dürfte es für ein Ermittlungsverfahren wohl kaum reichen. Es kann genauso gut auch Selbstmord gewesen sein.“

„Davon gehen wir aber nicht aus“, warf Mark ein.

„Was wir bis jetzt haben, reicht nicht für eine Ermittlung. Darauf lässt sich kein Staatsanwalt ein.“

„Und wie machen wir hier weiter?“

„Andreas nimmt die Fingerabdrücke, und das war es erst mal.“

„Also abwarten, was Jochen morgen für uns hat. Und warum fahren wir dann zu seinem Freund?“