Beschreibung

Die Aufführung von Romeo und Julia in der Betzdorfer Stadthalle ist ein voller Erfolg. Als der letzte Vorhang fällt, ahnt niemand, dass dies tatsächlich das Ende des jungen Romeo ist, dessen Leiche am nächsten Morgen in dem Sarg der Bühnenrequisite gefunden wird. Kommissarin Nina Moretti wird schnell klar, dass der junge Schauspieler, der Sohn eines neapolitanischen Paten, nicht nur Freunde besaß. Auch die Vergangenheit ihrer eigenen Familie scheint sie einzuholen. Ist Antonio, der smarte Commissario aus Neapel, wirklich der Mann, für den er sich ausgibt?

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Beliebtheit


Inhalt

Titelseite

Impressum

Über den Autor

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Nachwort und Danksagung

Micha Krämer

Romeo

Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher des Autors erschienen:

Tod im Lokschuppen

Krähenblut

Tod im Elefantenklo

Über deine Höhen

el toro

GEMA TOD

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de.

© 2014 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Der Umschlag verwendet Motive von shutterstock.com ... red curtain Andrey_Kuzmin 2014, Casket Tsurukame Design 2014

eISBN: 978-3-8271-9864-8

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing www.ansensopublishing.de

Der Roman spielt hauptsächlich in einer allseits bekannten Region im Westerwald, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Über den Autor:

Micha Krämer wurde 1970 in Kausen im Westerwald geboren. 1989 zog es ihn nach Betzdorf, wo er es ganze 15 Jahre aushielt, bevor das Heimweh ihn zurück nach Kausen führte. 2009 veröffentlichte der gelernte Elektroniker kurz nacheinander die beiden Kinderbücher Willi und das Grab des Drachentöters und Willi und das verborgene Volk. Der regionale Erfolg der beiden Bücher, die er eigentlich nur für seine beiden Söhne schrieb, war überwältigend und kam für ihn selbst total überraschend. Einmal Blut geleckt, musste im Jahre 2010 nun ein „richtiges Buch“ her. Im Juni d. J. erschien sein erster Roman für Erwachsene und zum Ende des Jahres 2010 sein erster Kriminalroman, der die Geschichte der jungen Kommissarin Nina Moretti erzählt. Neben seiner Familie, dem Beruf und dem Schreiben ist die Musik eine seiner größten Leidenschaften.

Mehr über Micha Krämer erfahren Sie auf www.micha-kraemer.de

Prolog

Samstag, 17. Mai 2014

Wie besessen kratzten seine Finger über das Holz. Er versuchte sich zu drehen, schaukelte hin und her und begann sich zu winden wie eine Schlange. Doch diese verdammte Kiste war so beschissen eng. Verflucht, er musste wieder hier rauskommen. Seine Haare klebten auf seiner nassen Stirn und er spürte, wie der Schweiß ihm in den Hemdkragen lief. Das Klebeband auf seinem Mund nahm ihm den Atem und verhinderte, dass er schreien konnte. Trotzdem versuchte er es erneut. Doch die Hilferufe hämmerten lediglich in seinem Kopf. Dieses verfluchte Schwein hatte ihn geknebelt. Er hatte keinen Schimmer, wie lang er bereits in dieser Kiste lag. Vielleicht Minuten oder gar Stunden. Wenn er nicht bald herauskäme, würde er sicherlich ersticken. Seine Hände und Beine waren mit einem Kabel so gefesselt, dass er das Klebeband mit den Fingern unmöglich erreichen konnte, ohne seine Beine zu bewegen. Noch einmal versuchte er die Knie anzuwinkeln und die Hände über die Brust zum Gesicht zu führen. Er spürte wie seine Kniescheiben gegen den Deckel des Sarges drückten. Seine Finger betasteten jetzt sein Kinn. Nur noch ein paar Zentimeter. Vielleicht noch zwei oder drei, und er würde das Tape zu fassen bekommen. Doch es gelang nicht. Verdammt! Wie lange reichte die Luft eigentlich in so einem Sarg? Entfernt drangen Lachen und Kichern an sein Ohr. Dann bemerkte er einen leichten Schlag. Sein enges Gefängnis ruckte. Hoffnung keimte in ihm auf. Angestrengt lauschte er in die Dunkelheit. Rhythmisches Stöhnen drang plötzlich an sein Ohr. Lachen! Er erkannte dieses Lachen. Die würden doch nicht etwa ... Nein? Doch, sie taten es! Das Poltern und Stöhnen wurde heftiger. Dann ein Aufschrei. Noch einmal polterte es, dann wurde es schlagartig ruhig. Wenn er hier wieder herauskam, war der Freak reif. Er würde ihn fertigmachen. Ganz bestimmt! Wie ein Wahnsinniger begann er mit geballten Fäusten gegen den Sargdeckel zu schlagen.

Kapitel 1

Sonntag, 18. Mai 2014, 10:30 UhrNeue Straße 35, Kausen im Westerwald

Nina lehnte sich zurück, schloss die Augen und lauschte dem Wind, der die Bäume in dem nahen Naturschutzgebiet Seiferwald kräftig rauschen ließ. Heerscharen von Vögeln zwitscherten rings um sie herum um die Wette.

Was gab es Schöneres, als einen Sonntagmorgen mit lieben Freunden inmitten der Natur zu beginnen? Noch dazu an einem Tag wie diesem. Einem Tag, an dem alles passte. Das frühsommerliche Wetter war traumhaft. Sie war ausgeschlafen und hatte dienstfrei. Der Kaffee roch nicht nur erstklassig, nein, er war es auch. Selbst die Brötchen aus der Bäckerei waren einigermaßen genießbar, und das, obwohl die nette Bedienung ihr zwei Stück kostenlos dazugegeben hatte. Normalerweise ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Dinger zu klein, hart wie Stein oder total verkohlt waren.

„Nina, gibst du mir mal die Margarine?“, riss die Stimme von Alexandra sie aus ihren Tagträumen.

Nina griff die Dose, deren Inhalt in der Sonne schon langsam in einen flüssigen Zustand überging, und reichte sie der Freundin.

„Schön habt ihr es hier“, stellte sie noch einmal fest und ließ den Blick über das Tal unterhalb der Küblerschen Terrasse schweifen. Das Grün der Wiesen harmonierte herrlich mit den Abertausenden gelber Löwenzahnblüten.

„Wenn du hier mal ein paar Monate wohnst, siehst du das schon nicht mehr“, bemerkte Thomas Kübler trocken und schmatzte dabei. Nina wusste, dass er vermutlich recht hatte, trotzdem ärgerte sie sich über diese Aussage, die ihr Glücksgefühl an diesem wunderbaren Morgen erheblich störte. Aber so war Thomas halt, ein Trampeltier. Der Kollege besaß die Gabe, in jedes noch so kleine Fettnäpfchen mit Anlauf hineinzutrampeln. Trotzdem mochte sie ihn. Er war mehr als nur ihr Partner bei der Kriminalpolizei und der Ehemann ihrer besten Freundin Alexandra. Thomas war so ein richtiger Kumpel.

„Wann kommt denn Klaus heim?“, wollte Alex wissen. Nina nahm ein Brötchen und schnitt es auf, während sie antwortete.

„Am Dienstagabend hol ich ihn vom Bus ab.“

„Du kannst es sicher kaum erwarten?“, meinte Alex grinsend, und Nina glaubte, einen leicht vulgären Unterton in ihrer Stimme zu hören.

„Nee, wieso? Der ist doch erst seit Donnerstag weg“, log sie, da sie sich tatsächlich ein wenig nach ihm sehnte, dies aber nicht unbedingt zugeben mochte.

„Den Job von Klaus wollt´ ich auch nicht geschenkt“, schaltete sich Thomas nun wieder ein.

„Wenn ich mir vorstelle, ich müsste als Lehrer mit einer Truppe von zwanzig pubertierenden Teenagern eine Woche auf Klassenfahrt nach Berlin.“

Er winkte ab.

„Nee danke, Nina. Dann doch lieber Bulle.“

„Was müssen wir denn noch für eure Hochzeit organisieren? Bis zum 4. Juli is’ ja gar nich mehr so lange hin?“, fragte Alex, die gerade damit beschäftigt war, dem dreijährigen Linus ein Brötchen daumendick mit Schokocreme zu bestreichen.

Nina zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung. Viel gab es ja auch gar nicht zu organisieren. Schließlich würden sie und Klaus sich ja nur in kleinem Rahmen das Jawort geben. Auf dem Standesamt, ohne Brimborium und große Feierlichkeiten. Unmittelbar nach der Trauung ging es dann auf Hochzeitsreise. Einfach mit dem Wohnmobil aufs Geratewohl. Ganz ohne Ziel und Zwang.

Ninas Diensthandy klingelte. Sie ignorierte es, obwohl es ihr ein wenig schwerfiel. Auf der einen Seite wollte sie in diesem Moment auf gar keinen Fall gestört werden. Heute war schließlich frei. Andererseits war sie schon neugierig, wer da an einem Sonntagmorgen um halb elf bei ihr anrief. Klaus konnte es nicht sein, der würde es auf ihrem privaten Telefon versuchen, das sich in der anderen, der linken Jackentasche befand. Das Gerät in der rechten trällerte indes munter weiter. Nina trank einen Schluck Kaffee. Da war aber einer hartnäckig. Thomas sah sie vorwurfsvoll an.

„Willst du nicht mal rangehen?“ Nina schüttelte den Kopf und griff dann aber doch in die Tasche, um wenigstens einen Blick auf den Nervtöter zu werfen. Als sie das Gerät in der Hand hielt, verstummte es.

„Siehst du, war gar nicht wichtig“, erklärte sie und ließ dann ein kleines Stück ihres Leberwurstbrötchens unter dem Gartentisch verschwinden. Es dauerte nur Sekunden, bis sie die feuchte Hundeschnauze an ihren Fingern spürte, die vorsichtig an der Leckerei zu knabbern begann.

Thomas schnaufte genervt, während Alexandra belustigt schien.

„Eh, müsst ihr eigentlich den Hund immer vom Tisch füttern? Das Vieh wird ja immer fetter“, polterte er los.

Alex nahm demonstrativ eine Scheibe Wurst und ließ diese ebenfalls unter dem Tisch verschwinden.

„Ja, müssen wir“, säuselte sie und sah dann an Thomas hinunter. „Ich meine, du hättest aber auch gut zugelegt über den letzten Winter. Könntest ruhig mal wieder ins Fitnessstudio. Nur vom monatlichen Beitrag-Zahlen geht die Wampe auch nicht weg. Man muss auch schon mal hingehen.“

Der Kollege verdrehte die Augen, sagte aber nichts mehr. Erneut klingelte Ninas Handy. Diesmal zog sie es sofort aus der Jacke und sah auf das Display. „Henning mobil“ stand da. Was zum Kuckuck wollte Hennig Himmrich an einem Sonntagmorgen von ihr? Neugierig nahm sie das Gespräch an.

„Einen wunderschönen guten Morgen, lieber Henning“, trällerte sie gut gelaunt in das Gerät.

„Morgen, Nina“, knirschte der nicht eben in bester Laune. Nina wurde sofort hellhörig und ernst. Ein schlecht gelaunter Henning, ob am frühen Morgen oder zu irgendeiner anderen Tageszeit, war ihr gänzlich unbekannt. In den Jahren, seit sie ihn kannte, hatte es so etwas noch nie gegeben. Henning war im Grunde eine Frohnatur, der natürlich, wenn es sein Job forderte, auch sehr ernst sein konnte.

„Ist was passiert?“, fragte sie vorsichtig.

„Du musst sofort bei mir vorbeikommen, Nina“, polterte er aufgeregt los. „Ich hab hier einen toten jungen Mann in der Firma.“

„Und, Henning? Was ist daran ungewöhnlich? Du hast ständig Leichen bei dir. Du leitest ein Bestattungsinstitut“, versuchte sie ihn zu beruhigen.

„Weiß ich selbst, Nina“, grummelte er. „Aber heute hab ich hier eine Leiche zu viel. Der hier sollte definitiv nicht da sein.“

Das Beerdigungsinstitut Himmrich lag in einem Industriegebiet des kleinen Örtchens Alsdorf, das zur Verbandsgemeinde Betzdorf gehörte. Hinter dem Gebäude floss der kleine Fluss Daade, der einige hundert Meter weiter in die etwas größere Heller mündete.

Henning erwartete Nina und Thomas bereits an der Eingangstür des Instituts und führte sie in eine kleine Lagerhalle, in der mehr als ein Dutzend Särge in einem Hochregal lagerten. Mitten in der Halle parkte der große Mercedes-Leichenwagen. Die Heckklappe stand offen. Hinter dem Wagen lag auf den stählernen Zinken eines Gabelstaplers ein geöffneter Sarg; der Deckel befand sich auf dem Fußboden daneben.

Nina trat an den Sarg und besah sich den Toten. Sie schätzte den dunkelhaarigen Mann auf vielleicht zwanzig. Sein Haar war lockig und etwa schulterlang. Die weit aufgerissenen Augen dunkel. Er trug schwarze Jeans, dazu polierte, teuer wirkende Halbschuhe und ein schwarzes Sakko. Auf dem weißen, weit aufgeknöpften Hemd befanden sich mehrere große Blutflecke.

„Und du hast keine Ahnung, wo der Junge herkommt?“, erkundigte Nina sich. Henning zuckte mit den Schultern.

„Ich hab den Sarg heute Morgen in der Stadthalle abgeholt. Als ich ihn hier eben auf den Gabelstapler zieh, merk ich, dass er zu schwer ist. Ich hab ihn geöffnet, und da lag der Bursche drin“, erklärte der Bestatter.

„Warum holst du einen Sarg aus der Stadthalle?“, hakte Nina nach, da sie die Zusammenhänge nicht verstand.

„Da war gestern am Abend Theaterpremiere. So eine moderne Fassung von Romeo und Julia. Die hatten mich gefragt, ob ich ihnen einen Sarg als Requisite leihe. Ist ja kein Problem. Ich helfe ja gern.“

Nina begann zu verstehen.

„Du hast den Leuten vom Theater also die Kiste geliehen. Heute Morgen holst du sie wieder ab, willst sie einlagern und merkst, dass einer drinnen liegt“, fasste sie zusammen.

Henning nickte hastig. Dann fasste er in seine Sakkotasche, zog ein zusammengefaltetes, buntes Stück Papier hervor und reichte es ihr. Nina klappte es auseinander und überflog den Flyer. Bereits auf der zweiten Seite entdeckte sie ein bekanntes Gesicht. Es bestand kein Zweifel. Der Tote in dem Sarg war Romeo.

*

„Hübscher Bengel“, meinte Oberkommissarin Heike Friedrich, als sie eine gute halbe Stunde später mit Nina vor dem Sarg mit dem Toten stand. Heike gehörte seit nun drei Monaten zum Team der Kriminalinspektion Betzdorf. Sie war, wie Nina fand, eine Bereicherung für die kleine Truppe.

„Wissen wir, wer er ist?“, wollte Heike wissen.

„Daniele Catalano“, mischte sich Thomas ein. „19 Jahre alt. Italienischer Staatsbürger aus Neapel.“

Heike sah erstaunt zu Nina.

„Oh, ein Landsmann von dir“, stellte sie fest. Nina verdrehte die Augen. Sie hasste solche Sprüche. Sie war keine Italienerin, war es niemals gewesen und würde es auch in diesem Leben bestimmt nicht mehr werden. Die Tatsache, dass ihr verstorbener Vater aus dem Land jenseits der Alpen stammte, machte sie noch lange nicht zu einem Staatsbürger desselbigen. Sie sprach noch nicht einmal die Landessprache. Zumindest nicht gut genug, um ein geistreiches Gespräch zu führen. Verstehen konnte sie nahezu jedes Wort, nur wenn sie selbst etwas sagen wollte, fehlte ihr meist das passende Vokabular. Bei ihren wenigen Aufenthalten in Italien fiel es ihr sogar schwer, ohne den Gebrauch von Händen und Füßen eine Pizza zu bestellen. Ihr Papa Marcello Moretti war Anfang der siebziger Jahre als Gastarbeiter nach Betzdorf gekommen, wo er fast vierzig Jahre am Fließband eines ortsansässigen Rasenmäherherstellers gearbeitet hatte. Dort lernte er auch Inge, Ninas Mutter, kennen und lieben. Bei ihnen zu Hause war immer Deutsch gesprochen worden, ihr Papa hatte es so gewollt. Für ihn war es auch nie ein Thema gewesen, zurück in seine Heimat zu gehen. Selbst als Mama gelegentlich darauf drängte, doch einmal Urlaub in Italien zu machen oder die Familie Moretti zu besuchen, lehnte er dies immer kategorisch ab. Warum dies so war, hatte Nina nie verstanden. Denn im Grunde seines Herzens liebte ihr Papa sein Bella Italia und vermisste es, wie sie glaubte, sehr. Sie vermutete, dass damals irgendetwas vorgefallen sein musste, als er das Land bei Nacht und Nebel verließ. Vermutlich eine Familienstreitigkeit. Auf dem Sterbebett bat er Nina, die Urne mit seiner Asche zurück in die geliebte Heimat zu bringen. Zwei Wochen später waren Nina und ihre Mutter in Papas altem marineblauen VW Käfer, den er immer liebevoll Maggiolino genannt hatte, nach Italien gefahren, die Urne auf dem Rücksitz.

Sie bestatteten ihn auf dem Friedhof in Neapel, unterhalb des Vesuvs, mit Blick auf das Meer und nur einige Häuserblocks von seinem Elternhause entfernt, das er vor über vierzig Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Die Familie Moretti hatte Nina freudig und als eine der Ihren empfangen. Ihre Hoffnung, etwas über die Beweggründe und die Vorfälle zu erfahren, die zum Weggang ihres Papas geführt hatten, wurde jedoch enttäuscht. Alle Versuche, das Thema aufzugreifen, wurden von der Familie direkt im Keim erstickt. Das Geheimnis, wenn es denn eines gab, wurde totgeschwiegen.

„Kanntest du den Jungen?“, hakte Heike nun auch noch nach und holte Nina damit in die Gegenwart zurück.

„Woher sollte ich ihn kennen? Du kennst ja auch nicht alle Deutschen, nur weil dein Vater einer ist“, keifte sie patzig und verließ schnellen Schrittes die Halle mit den Särgen. So etwas Blödes. Im Freien angekommen, holte sie erst einmal tief Luft. Sofort ging es ihr besser. Nina konnte nicht sagen warum, aber die Anwesenheit eines Toten zog sie jedes Mal emotional in einen Abgrund. Am Anfang ihrer Polizeilaufbahn hatte sie geglaubt, sie würde sich irgendwann an den Gevatter Tod gewöhnen. Dem war aber nicht so. Heute wusste sie, dass sie sich niemals mit ihm anfreunden oder ihn zumindest respektieren konnte. Manche Leichen und Todesfälle konnte sie sich in ihrem Kopf zumindest annähernd schönreden. Zum Beispiel wenn alte oder kranke Menschen ihren Frieden fanden. Aber bei einem Jungen wie Daniele Catalano gab es nichts, was sich schönreden ließ. Daniele war eindeutig zu früh gestorben. Und wie es schien, hatte da jemand kräftig nachgeholfen. Soweit sie als Laie das erkennen konnte, hatte irgendwer dem Burschen den Schädel eingeschlagen. Die blutverkrustete Wunde am Hinterkopf war nicht zu übersehen. Es lag nun an ihr, den Mörder zu suchen und ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Aber auch das würde Daniele nicht wieder lebendig machen.

Nina ging zu Maggiolino, der auf dem Vorplatz des Instituts parkte, ließ sich auf den Fahrersitz sinken und sah auf die Uhr, die neben dem Tachometer die einzige Anzeige des Oldies war. Es war nun fast eine Stunde vergangen, seit sie Doktor Sebastian Wagner, den Gerichtsmediziner, angerufen hatte. Gerade als sie die Nummer noch einmal wählen wollte, um zu hören, wo er blieb, rollte der silberne Mercedes Combi des Pathologen auf den Parkplatz.

Wagner stieg aus. Er trug eindeutig Tenniskleidung. Weiße Shorts, dazu Turnschuhe und ein ebenfalls weißes Shirt mit dem Krokodillogo auf der Brust. Wie es schien, hatte Nina ihn vom Tennisplatz geholt.

„Sportlich, sportlich“, frotzelte sie. „Ich wusste gar nicht, dass Sie Tennis spielen.“

Wagner lachte.

„Ihnen auch einen wunderschönen guten Morgen, liebe Nina. Und nein, ich spiele kein Tennis, sondern Squash“, bemerkte er spitz und öffnete den Kofferraum des Wagens. Während sie zusah, wie Wagner sich einen Papieranzug überzog, erklärte Nina ihm in kurzen Worten den Sachverhalt.

„Also ist der Tatort definitiv nicht hier, sondern eher in der Stadthalle zu suchen“, schlussfolgerte der Pathologe.

Nina nickte.

„Ja, wir vermuten das zumindest. Torsten Liebig ist mit einigen Kollegen der Spurensicherung bereits dort, um eventuelle Beweise zu sichern.“

Wagner folgte ihr, nachdem er fertig angezogen war, in die Halle zur Leiche. Am Eingang trafen sie auf Thomas.

„Du Nina, ich fahr schon mal zu Torsten und den anderen in die Stadthalle und sehe mich da auch um“, erklärte er und hielt ihr die Hand hin. Nina sah irritiert auf die ausgestreckte Handfläche.

„Schön, Thomas, mach das.“

Der Kollege hielt ihr immer noch die ausgestreckte Hand hin.

„Ich bräuchte dann mal die Wagenschlüssel.“

Widerwillig griff sie in ihre Jackentasche und zog den Schlüsselbund hervor. Als Thomas danach greifen wollte, zog sie ihn wieder zurück.

„Wehe, der Kleine hat nachher auch nur einen Kratzer“, zischte sie.

Thomas verdrehte die Augen und schnaufte. „Ehrenwort. Ich werd den alten Karren pfleglich behandeln.“

„Maggiolino ist kein alter Karren, sondern ein sensibler kleiner Wagen“, zischte sie und überließ ihm dann die Wagenschlüssel.

„Sorry. War nicht so gemeint“, zischte Heike ihr wenig später ins Ohr, als sie gemeinsam zusahen, wie Doktor Wagner die Leiche von Daniele begutachtete.

Nina nickte knapp. Natürlich wusste sie, dass Heike es nicht so gemeint hatte.

„Und, was meinen Sie, wie lange er schon tot ist?“, fragte Nina den Pathologen.

Wagner sah auf das Thermometer in seiner Hand und wiegte den Kopf hin und her.

„Ich würde sagen, der Tod ist irgendwann zwischen Mitternacht und ein Uhr heute Morgen eingetreten. Ist aber schwer zu schätzen, ohne die genaue Temperatur des Lagerortes zu kennen“, erklärte der Pathologe und besah sich die Finger der Leiche.

Nina studierte derweil gespannt Wagners Gesicht. Irgendetwas schien dem Arzt zu missfallen.

„Ist was?“, kam Heike Friedrich ihr zuvor. Sebastian legte die leblose Hand des Toten zurück auf dessen Brust und sah sich die Innenseite des Sargdeckels an, auf dessen hellem Holz auch einige Blutstriemen zu sehen waren.

„Sieht fast so aus, als ob sich jemand die Fingerkuppen an dem Holz blutig geschlagen hat“, erklärte er.

„Sie meinen, er hat noch gelebt, als der Deckel geschlossen wurde?“, entfuhr es Nina. Wagner schüttelte den Kopf.

„Nein, Nina, das glaube ich nicht. Die Finger der Leiche sind unversehrt. Außerdem würde ich sagen, dass der Schlag, der die Schädeldecke zertrümmerte, unbedingt tödlich war.“

Nina verstand nicht und ging in die Hocke, um den Deckel des Sarges aus der Nähe zu betrachten. Anschließend besah sie sich die Hände der Leiche. Sie waren unversehrt.

„Das Blut und die Kratzer im Holz stammen von jemand anderem“, schlussfolgerte sie.

Henning Himmrich hockte im Garten hinter dem Institut und trank Kaffee. Nina setzte sich zu ihm.

„Sach mal, Henning. Der Sarg da draußen, war der neu?“, fragte sie geradeheraus.

Der Bestatter sah sie verdattert an.

„Natürlich war der neu. Särge werden in der Regel nur einmal benutzt, Nina, solltest du eigentlich wissen.“

„Ja klar, Henning. Ich mein ja nur, ob du den, in dem der Romeo liegt, schon mal für ein Theaterstück verliehen hattest oder ob es das erste Mal war?“

„Der war fabrikneu, Nina. Hab ihn am Freitagabend, kurz bevor ich ihn zum Theater gebracht habe, erst ausgepackt.“

„Du hast ihn also am Freitag schon in die Stadthalle gefahren?“

„Ja, so gegen achtzehn Uhr. Die Theatertruppe hatte an dem Abend Generalprobe.“

„Die Kiste stand also von Freitag achtzehn Uhr bis heute Morgen ununterbrochen in der Stadthalle?“, fasste sie noch einmal zusammen.

„Genau so.“

„Du weißt nicht zufällig, wer von den Schauspielern sich in den Sarg legen musste?“, wollte Nina wissen.

„Klar weiß ich das. Meine Frau und ich waren ja gestern in der Vorstellung“, erklärte Henning.

Nina wurde hellhörig.

„Und wer war es?“

Der Bestatter zeigte in Richtung hinter sich auf das Firmengebäude.

„Na, der Romeo zusammen mit der Julia.“

*

Als Thomas den Raum hinter der Bühne betrat, waren Torsten und die anderen bereits fündig geworden.

„Hier muss es passiert sein“, erklärte Torsten und zeigte auf die Stelle direkt am Durchgang zur Bühne. Deutlich war die große Lache dunklen Blutes zu sehen, mit dem sich der abgenutzte Holzboden vollgesogen hatte. Torsten leuchtete den Boden bis zum Ausgang mit einer Speziallampe ab. Die getrockneten Blutflecke begannen unter dem Licht zu leuchten wie Phosphor.

Thomas sah sich um und versuchte sich vorzustellen, was hier passiert sein musste. Der Schlag, der Daniele tötete, musste von hinten gekommen sein. Er hatte den Täter also vermutlich nicht kommen sehen. Anschließend hatten der oder die Täter ihn gepackt und ihn quer durch den Raum gezogen, die Treppe hinunter bis zu der Tür, die nach draußen auf den Parkplatz führte, wo vermutlich der Sarg fertig zur Abholung stand.

Keine fünf Meter entfernt, neben einer weiteren Tür, die zu den Garderoben führte, lag ein Stapel mit Aluminiumrohren, die zu einem Bau- oder Bühnengerüst zu gehören schienen. Thomas nahm Torsten die Lampe aus der Hand, ging hin und leuchtete die Rohre damit ab. Nichts. Keine Spuren von Blut. Trotzdem hob er eines der etwa ein Meter langen Rohre auf, wog es in der Hand und schwang es wie einen Baseballschläger. Eigentlich eine perfekte Waffe um jemandem den Schädel einzuschlagen.

„Wir nehmen eins davon für Wagner mit. Vielleicht kommt es als Tatwaffe in Frage“, beschloss er.

Torsten nickte und winkte zwei der uniformierten Kollegen herbei.

„Schnappt euch ein paar Leute und sucht die Umgebung nach solch einem Rohr ab. Vielleicht hat der Täter es mitgenommen und irgendwo in der näheren Umgebung weggeworfen.“

Die beiden nickten und setzten sich in Bewegung. Thomas sah ihnen nachdenklich hinterher. „Die Stadthalle ist verdammt groß“, meinte Torsten hinter ihm.

Genau dies waren auch die Bedenken von Thomas gewesen. Bis sie hier mit der Sicherung der Spuren durch waren, war der Sonntag gelaufen. Was für ein blödes Wochenende.

*

Die freie Theatergruppe gehörte zur örtlichen kommunalen Jugendpflege. Zumindest irgendwie, hatte ihnen der zuständige Jugendpfleger Ingo Molly am Telefon zu erklären versucht. Es war nicht ungewöhnlich, dass die Kommune private Gruppen wie diese förderte und unterstützte. Jugendarbeit lebte, wie Ingo betonte, schließlich auch in hohem Maße vom Ehrenamt und dem Engagement der Bürger.

Verantwortlicher für die Theatergruppe war ein gewisser Johannes Hempel, der diese Aufgabe ehrenamtlich in seiner Freizeit ausübte. Hempel war nicht nur Initiator des Theaterprojekts. Nein, er war auch gleichzeitig Drehbuchautor, Bühnenbildner, Regisseur und so ziemlich alles, was ein Theater außer den Schauspielern sonst noch brauchte. Das Ableben seines Romeos war ein Schock für den engagierten Mann, und Nina überlegte sogar für einen Moment, einen Notarzt zu rufen, als Hempel vor ihren Augen in der Schwelle seiner Haustür zusammenbrach. Gemeinsam mit Heike schleifte sie den Mittvierziger unter den wachsamen Augen seiner Frau in das Hempel’sche Wohnzimmer und legte ihn auf die Couch. Frau Hempel sank kraftlos in den einzigen Sessel und begann zu heulen.

Nina sah Hilfe suchend zu Heike, die aber auch nur dastand und nicht wusste, wie sie auf die Situation reagieren sollte. Natürlich kam so etwas öfters vor. Besonders dann, wenn sie Menschen über das Ableben eines nahen Verwandten wie dem Ehepartner oder gar eines Kindes informieren mussten. In solch einem Moment wusste Nina, wie sie reagieren musste, weil sie in diesen Fällen von vorneherein von einem Zusammenbruch der Hinterbliebenen ausging. Hier und heute bei den Hempels, die ja lediglich Bekannte des Opfers waren, hatte sie damit nicht gerechnet. Sie selbstwürde sich an die Überbringung solcher Nachrichten, genau wie an den Tod selbst, nie gewöhnen. Jetzt war es das Beste, einen Moment abzuwarten, bis die Hempels sich wieder einigermaßen gefangen hätten.

„Möchten Sie ein Glas Wasser?“, fragte Heike die beiden.

Während Herr Hempel den Kopf schüttelte, begann Frau Hempel sachte zu nicken. Nina ging in die Küche, die direkt gegenüber dem Wohnzimmer lag, und öffnete den Hängeschrank oberhalb der Spüle. Zu ihrer eigenen Verwunderung wurde sie sofort fündig, da dort tatsächlich genau wie bei ihrer Mama zu Hause die Gläser standen. Sie nahm eines heraus, füllte es mit kaltem Leitungswasser und brachte es Frau Hempel, die sofort einige Schlucke trank. Herr Hempel hatte sich mittlerweile aufgerichtet und saß nun zusammengesunken auf dem Sofa.

„Das kann nicht sein. Das muss ein Albtraum sein“, stammelte er. „Was ist denn geschehen? Wie ist es passiert? War es ein Unfall?“, wollte er an Nina gewandt wissen.

Sie überlegte kurz und entschied sich dann für eine Halbwahrheit.

„Das können wir noch nicht genau sagen, Herr Hempel. Herr Himmrich vom Bestattungsinstitut hatte Daniele heute Morgen in dem Sarg gefunden, den Sie bei ihm für die Vorstellung geliehen hatten.“

Während die Augen von Herrn Hempel sich weiteten, begann Frau Hempel erneut heftig zu schluchzen.

„Ich hab es euch gesagt, Johannes. Ich hab es euch von Anfang an gesagt. Dieser verdammte Sarg bringt Unglück“, kreischte sie. „Meine Großmutter hat immer gesagt, man legt sich da nicht zum Spaß hinein. So etwas bringt Unglück. Mit dem Tod spielt man nicht.“

Nina war nicht abergläubisch. Nein, wirklich nicht. Trotzdem hatte sie in den letzten Stunden mehrfach überlegt, ob sie sich an der Stelle von Romeo und Julia in die Kiste legen würde. Es erschien ihr reichlich makaber, den Platz einer Leiche einzunehmen. Vermutlich hätte sie sich geweigert, da mitzumachen.

„Das ist doch Quatsch, Martina“, schimpfte Herr Hempel nun. „So ein Sarg ist doch nur eine Kiste aus gewöhnlichem Holz und kein dämonischer Kasten. Die Bretter, die dafür verwendet wurden, hätten genauso gut ein Schrank werden können.“

Nina fand, dass das kleine Wortgefecht mit seiner Gattin Herrn Hempel gut tat. Langsam kehrten die Farbe und ein wenig Leben zurück in das Gesicht des Mannes.

„Daniele Catalano war Italiener und in Neapel gemeldet, Herr Hempel. Können Sie uns irgendetwas über ihn sagen? Hatte er eine Wohnung hier oder lebte er bei Verwandten?“, sprach Heike die Themen an, derentwegen sie eigentlich hergekommen waren. Herr Hempel sprang auf und lief nun wie ein aufgescheuchtes Huhn im Zimmer herum. Dabei nickte er immer wieder.

„Daniele machte eine Ausbildung als Kaufmann oder so etwas in der Art. Sein Onkel besitzt hier im Industriegebiet diesen Großhandel für italienische Delikatessen. Haben einen komischen Namen. So etwas wie Prinzipin oder so. Er hat auch bei diesen Leuten gewohnt“, erklärte Hempel.

Nina kannte den Mercato Italiano Principi, obwohl sie dort noch nie zum Einkaufen gewesen war. Soviel sie wusste, belieferte die Firma auch keine Privatpersonen, sondern nur andere Geschäfte und die Gastronomie.

„Wissen Sie auch, wo die Familie Principi wohnt?“, hakte sie nach. Herr Hempel nickte und griff nach einem Adressbuch, das neben dem Telefon auf dem Sideboard stand. Er diktierte Nina die Adresse und Telefonnummer.

„Wir bräuchten dann noch eine Liste sämtlicher Akteure Ihrer Theatergruppe und wer von denen an der Veranstaltung gestern teilgenommen hat“, erklärte Nina.

Die Eheleute Hempel wechselten kurze Blicke.

„Sie glauben doch nicht, dass irgendwer von den Jugendlichen ...“, begann Frau Hempel, brach den Satz aber dann ab.

Nina schüttelte den Kopf. „Im Augenblick glauben wir noch gar nichts, Frau Hempel. Im Moment ermitteln wir lediglich in alle Richtungen und versuchen, so viele Fakten wie möglich zusammenzutragen. Wichtig ist, dass wir die letzten Stunden des Opfers so gut wie möglich rekonstruieren können“, erklärte sie.

„Und diese Liste brauchen Sie jetzt sofort ...?“, fragte Herr Hempel.

Nina schielte zu der Uhr, die über dem Fernseher an der Wand hing. Es war kurz nach zwei am Nachmittag.

„Nein, Herr Hempel. Es würde reichen, wenn ich sie mir in etwa zwei Stunden abholen könnte“, erklärte sie.

„Wissen Sie, ob Daniele eine Freundin hatte?“, wollte Heike wissen, und diesmal antworteten die beiden Hempels wie aus einem Mund. Nur mit dem Unterschied, dass sie die Frage bejahte, während er verneinte.

„Was denn nun? Ja oder nein?“, hakte Nina nach und sah dabei ihn an.

Hempel schien mächtig verlegen.

„So genau wissen wir das nicht. Das Liebesleben der Jugendlichen geht uns ja auch nichts an“, stotterte er.

„Aber man bekommt doch sicher das eine oder andere mit?“, half Nina.

„Ähm ja, ähm natürlich ... Also der Daniele ist bei den Mädchen ... wie soll ich sagen ...?“, er machte eine Pause.

„Ist er schwul gewesen?“, fragte Heike.

„Schwul? Der Daniele?“, mischte Martina Hempel sich nun wieder ein. „Nein, bestimmt nicht. Der hat den jungen Dingern einer nach der anderen den Kopf verdreht.“

Nina stutzte. Die Stimme von Frau Hempel hatte sich mit einem Mal verändert. Nina spürte den Zorn zwischen ihren Worten. Die Trauer, der Schock von vorhin war wie weggeblasen.

„Sie wollen sagen, er hatte häufiger wechselnde Bekanntschaften“, versuchte Nina es zu umschreiben.

Martina drehte den Kopf weg und sah aus dem Fenster.

„Ich will gar nichts sagen. Mein Mann hat recht. Es geht uns nichts an, was die jungen Leute in ihrer Freizeit treiben.“

„Wissen Sie, ob er eine feste Freundin hatte, ja oder nein?“, wiederholte Heike noch einmal die entscheidende Frage.

„Nein. Wir wissen es nicht“, antwortete Herr Hempel mit fester Stimme.

„Was meinst du, wie es bei den Hempels unter dem Sofa aussieht?“, flachste Heike, als sie wieder alleine im Auto waren. Nina begann laut zu lachen. Natürlich kannte auch sie die Redewendung.

„Du, Heike, ob du es glaubst oder nicht, der doofe Gedanke kam mir auch, als wir den Alten eben auf die Couch gewuchtet haben.“

„Weißt du eigentlich, warum es heißt: ‚Hier sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa‘?“

Nina hob die Schultern.

„Nee du, keine Ahnung. Aber ich könnte wetten, dass bei denen eben nicht alles in Ordnung war. Hast du gemerkt, wie aggressiv die Hempel wurde, als es um das Liebesleben von unserem toten Romeo ging?“

„Jepp, hab ich“, meinte Heike und lenkte den Wagen auf die Wilhelmstraße in Richtung Betzdorfer Kolonie.

„Vielleicht war sie eifersüchtig auf die Mädchen, die was mit dem Daniele hatten?“, überlegte Nina laut.

Heike starrte sie entsetzt an.

„Du spinnst, Nina. Die Hempel ist doch gut und gerne schon Mitte vierzig. Was soll denn die mit so einem neunzehnjährigen Bubi?“, empörte sich Heike.

Nina amüsierte der Gedanke irgendwie.

„Wieso? Die Martina ist doch eine attraktive Frau im Gegensatz zu ihrem Alten. Überleg mal: Wenn du die Wahl hättest zwischen dem hübschen, gut gebauten italienischen Romeo oder dem alten Hempel mit seiner Bierwampe, wem würdest du denn da den Vorzug geben?“

Heike sog die Luft ein.

„Boah, Nina, hast du eine schmutzige Fantasie.“

„Was hat denn das bitte schön mit schmutziger Fantasie zu tun? Was meinst du, wie viele alte Schachteln es gibt, die im Urlaub alleine nach Afrika oder in die Karibik fliegen, um es sich da für ein paar Euro von einem braun gebrannten jungen Kerl noch einmal richtig besorgen zu lassen, während ihr Alter besoffen zu Hause auf dem Sofa hockt und Fußball gafft?“

Nina beobachtete die Kollegin genau, der die Gesichtszüge gerade total entgleisten. Sie entschied sich, noch einen draufzusetzen.

„Also, Heike, wer wäre dir lieber? Der alte Hempel oder der junge braun gebrannte Bursche?“

„Die Frage stellt sich für mich überhaupt nicht, da ich mit Torsten derzeit sehr glücklich bin“, wich die Kollegin sehr energisch aus.

Nina nickte.

„Ja, ja, Heike. NOCH!“

Dann konnte Nina nicht mehr ernst bleiben und begann laut zu lachen. Heike boxte ihr auf den Oberarm, und für einen Moment glaubte Nina, die Kollegin würde die Kontrolle über den Wagen verlieren und in den Gegenverkehr steuern.

„Weißt du was, Nina Moretti? Du bist voll blöd“, schnaufte Heike gespielt empört, als sie wieder mit beiden Händen das Steuer hielt.

„Hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich es toll finde, dass du jetzt zu unserem Team gehörst?“, fragte Nina, als sie beide wieder ernst wurden. Heike lächelte.

„Nein. Hast du nicht. Stellt sich allerdings die Frage, ob du froh darüber bist, dass ich zu euch gekommen bin oder dass Torsten nicht weggegangen ist?“

„Beides, Heike. Beides!“

Kapitel 2

Sonntag, 18. Mai 2014, 13:30 UhrStadthalle, Betzdorf/Sieg

„Und Sie sind sicher, dass Sie kurz nach dreiundzwanzig Uhr wirklich alle Türen verschlossen haben?“, fragte Thomas nun zum vierten Mal den Hausmeister der Halle. Der Mann nickte. Thomas kratzte sich am Kinn. Verflucht, wie waren der Italiener und sein Mörder bloß in die Halle gekommen? Es gab nirgends Einbruchspuren. Alle Türen und Fenster waren angeblich über Nacht verschlossen gewesen. Torsten und die anderen Kollegen waren immer noch damit beschäftigt, sämtliche Zugänge auf Fingerabdrücke zu untersuchen. Es gab Hunderte Abdrücke von den unterschiedlichsten Personen, was bei einem öffentlichen Gebäude wie der Stadthalle mit Sicherheit nicht ungewöhnlich war.

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