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In "Romola", einem der bedeutendsten Werke von George Eliot, entfaltet sich die dramatische Geschichte einer starken und unabhängigen Frau im Florenz des 15. Jahrhunderts. Der Roman ist in einen reichhaltigen historischen Kontext eingebettet und thematisiert die Herausforderungen von Identität, Ethik und sozialen Normen. Eliot kombiniert eine beeindruckende sprachliche Eleganz mit tiefgründigen psychologischen Einsichten und schafft es, die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Kämpfe des Individuums in einem von politischen Intrigen und moralischen Dilemmata geprägten Umfeld authentisch darzustellen. George Eliot, das Pseudonym von Mary Ann Evans, war eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen des viktorianischen Zeitalters. Ihre eigene Biografie prägt ihr literarisches Werk tief, insbesondere ihre progressive Haltung zu Geschlechterrollen und soziale Gerechtigkeit. Eliot verstand es, diese Themen in "Romola" eindrücklich zu reflektieren, indem sie die zentrale Figur mit den weltlichen und inneren Kämpfen einer aufstrebenden Frau konfrontiert. Ihre umfangreiche Kenntnis der Philosophie und Literatur der Renaissance verleiht dem Text eine besondere Tiefe und Authentizität. "Romola" ist nicht nur ein faszinierender historischer Roman, sondern auch eine exquisite Studie über das menschliche Wesen in seinen verschiedenen Facetten. Leser, die an komplexen Charakteren und tiefgründigen Fragen der Moral und Identität interessiert sind, werden dieses Werk zweifellos schätzen. Epochenübergreifend ermutigt Eliot ihre Leser, über die Rolle des Individuums innerhalb des größeren gesellschaftlichen Gefüges nachzudenken, und bietet damit eine zeitlose Reflexion über das menschliche Dasein. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen Gewissen und Vorteil spannt sich der Bogen dieses Romans. Romola entfaltet eine Erkundung menschlicher Entscheidungen, wenn private Bindungen und öffentliche Umbrüche einander bedrängen. In einer Stadt der Kunst und der politischen Rivalitäten prüft das Buch, wie Charakter entsteht, wenn Loyalitäten kollidieren und Ideale auf den Prüfstand geraten. Nicht als Abstraktion, sondern durch Schicksale, die im Strom der Geschichte treiben, zeigt George Eliot, wie innere Überzeugungen und äußere Zwänge einander formieren. Der Roman verbindet eine präzise historische Oberfläche mit einer moralischen Tiefendimension, die den Leser nicht nur unterhält, sondern zum Nachdenken über Verantwortung und Identität auffordert.
Als Klassiker gilt Romola, weil der Text historisches Erzählen mit psychologischer Genauigkeit verbindet und die Gattung des historischen Romans in englischer Sprache auf anspruchsvolle Weise erneuert. Statt Schlachtenlärm oder Dekor rücken geistige Konflikte, Gewissensprüfungen und soziale Verflechtungen ins Zentrum. Eliot zeigt, wie sich öffentliche Ereignisse in private Biografien einschreiben und wie Handlungen Spuren durch ein Netzwerk von Beziehungen ziehen. Diese Verbindung von umfassender Recherche, erzählerischer Strenge und ethischer Reflexion hat spätere Autorinnen und Autoren ermutigt, Geschichte nicht nur als Kulisse, sondern als moralisches Terrain zu begreifen. Romola ist damit zugleich kunstvolles Zeitbild und intellektuelle Herausforderung.
Verfasst wurde der Roman von George Eliot, dem Pseudonym der englischen Schriftstellerin Mary Ann Evans. Romola erschien ursprünglich 1862–1863 in Fortsetzungen im Cornhill Magazine und anschließend 1863 in Buchform. Das Werk bildet in Eliots Schaffen einen bewussten Schritt vom englischen Provinzmilieu hin zu einer ausgreifenden historischen Bühne. Die Handlung ist im Florenz der Renaissance verortet, in einer Zeit geistiger Gärung und politischer Zäsuren. Die Autorin nutzt die historische Distanz, um Fragen nach persönlicher Integrität, gesellschaftlicher Verantwortung und der Rolle des Glaubens in unruhigen Zeiten zu stellen, ohne die Lebendigkeit konkreter menschlicher Erfahrung aus den Augen zu verlieren.
Die Bühne ist Florenz gegen Ende des 15. Jahrhunderts: ein urbanes Labor für Humanismus, Kunst und Machtkämpfe. Hier treffen das Erbe der Medici, republikanische Bestrebungen und religiöse Reformimpulse aufeinander. Der Prediger Girolamo Savonarola gewinnt Einfluss, Bürger und Eliten ringen um Richtung und Werte, und die Straßen füllen sich mit Debatten, Feierlichkeiten und Furcht. Eliot entfaltet diese Szenerie nicht als bloßes Panorama, sondern als dichtes Geflecht aus Orten, Institutionen und Stimmen, in denen jedes Detail Funktion besitzt. In diesem Spannungsfeld, wo das Öffentliche ständig in das Private dringt, formt sich der Prüfstein, an dem die Figuren sich bewähren müssen.
Im Zentrum steht Romola, die gebildete Tochter eines angesehenen florentinischen Gelehrten, deren Erziehung von Büchern, Argumenten und familiären Pflichten geprägt ist. In die Stadt gelangt zugleich Tito Melema, ein junger Gelehrter griechischer Herkunft, dessen Ankunft neue Verbindungen stiftet und bestehende Ordnungen berührt. Die beiden werden in ein Gemeinwesen hineingezogen, das zwischen Tradition und Umbruch schwankt. Ihre Wege kreuzen sich vor dem Hintergrund gelehrter Haushalte, politischer Versammlungen und kirchlicher Auseinandersetzungen. Eliot entwirft so eine Ausgangssituation, in der persönlicher Ehrgeiz, intellektuelle Neugier und die Strömungen der Zeit einander anziehen und prüfen, ohne die weitere Entwicklung vorwegzunehmen.
Aus dieser Konstellation erwachsen Themen, die das Werk tragen: die Suche nach Wahrheit in einem Meer konkurrierender Deutungen, die Prüfung von Loyalitäten, wenn Verpflichtungen zusammenstoßen, und die Frage, wie Erinnerungen und Versprechen das Selbst formen. Romola stellt die beharrliche Arbeit des Gewissens gegen schnelle Vorteile und zeigt, wie Entscheidungen nicht isoliert, sondern in Gemeinschaften fallen. Die religiösen und politischen Bewegungen bieten dabei keine einfachen Antworten; sie intensivieren die moralischen Dilemmata. Der Roman macht spürbar, wie mühsam es ist, in Zeiten lauter Stimmen dem eigenen Maßstab treu zu bleiben, ohne sich aus der Verantwortung für andere zu stehlen.
Eliots Erzählkunst verbindet eine weite, kenntnisreiche Perspektive mit der Nahsicht auf Gesten, Gespräche und innere Regungen. Die Sprache trägt historische Farbe, bleibt aber präzise und gedankenklar; sie ordnet Fakten, ohne das Rätselhafte der Motive zu glätten. Der Erzähler führt durch Straßen, Werkstätten und Salons, lässt Debatten anklingen und verwebt sie mit stillen Momenten der Selbstprüfung. Statt heroischer Pose findet man eine disziplinierte, empathische Aufmerksamkeit für Handlungsketten und ihre unbeabsichtigten Folgen. So entsteht ein realistisches Gefüge, in dem Charakter nicht als Schlagwort, sondern als Prozess sichtbar wird – tastend, gefährdet, lernfähig.
Im Kontext von Eliots Werk markiert Romola eine Ausweitung ihres Realismus auf eine weit entfernte historische Szene. Die gleiche Genauigkeit, mit der sie ländliche und städtische Milieus ihrer Gegenwart erkundet hat, überträgt sie hier auf die Renaissance und zeigt, dass psychologische Tiefe und historische Weite einander verstärken können. Damit prägt der Roman das Verständnis des historischen Romans als Raum für intellektuelle und ethische Untersuchung mit. Er hat die Erwartung gestützt, dass historische Stoffe nicht bloß Kulisse oder Kostüm sind, sondern eine Methode, um über Gegenwart nachzudenken – über Macht, Sprache, Verantwortung und die Bildung des Urteils.
Die anhaltende Bedeutung des Buches beruht auch auf seiner Widerständigkeit gegenüber schnellen Urteilen. Romola ist kein leichtes Postkarten-Florenz; es ist ein anspruchsvoller Text, der die Leserin und den Leser zu historischer Einordnung und moralischer Selbstbefragung anhält. Diese Dichte hat dem Werk eine stabile Präsenz in der Literaturbetrachtung gesichert. Es wird wegen seiner erzählerischen Konstruktion, seiner reflektierten Figurenzeichnung und seiner Darstellung politischer Rhetorik gelesen und gelehrt. Gerade weil es einfache Identifikationsangebote vermeidet, öffnet es einen Raum, in dem man unterschiedliche Perspektiven prüft und lernt, Ambivalenzen auszuhalten, ohne ins Relativistische zu verfallen.
Wer sich dem Roman nähert, entdeckt ein Werk, das geduldig Kontext schafft und zugleich die Dynamik eines Gemeinwesens erlebbar macht. Man lernt, wie Worte Handlungen vorbereiten, wie Institutionen Charakter formen und wie kleine Entscheidungen zu öffentlichen Wirkungen anwachsen. Das Buch bietet damit nicht nur ästhetischen Gewinn, sondern auch eine Schule des Lesens von Situationen: Welche Kräfte wirken? Welche Verpflichtungen bestehen? Welche Kosten hat Bequemlichkeit? Diese Fragen ergeben sich organisch aus der Darstellung, nicht aus belehrender These. Die historische Distanz erlaubt Klarheit, ohne den Trost der Nachsicht; sie schärft, was auf dem Spiel steht.
Heute bleibt Romola relevant, weil es Konflikte zeigt, die moderne Gesellschaften weiterhin beschäftigen: die Spannung zwischen persönlichem Vorteil und Gemeinsinn, die Verführbarkeit durch machtvolle Worte, die Mühen, in instabilen Zeiten verlässliche Maßstäbe zu bewahren. Der Roman erinnert daran, dass Integrität nicht als Besitz, sondern als Praxis zu verstehen ist, die sich im Umgang mit anderen bewähren muss. Er macht sichtbar, wie Geschichte nicht fern ist, sondern in Gewohnheiten, Institutionen und Erzählungen fortwirkt. Wer dieses Buch liest, übt das genaue Hinsehen – eine Fähigkeit, die im Lärm der Gegenwart selten und daher umso wertvoller ist.
Romola ist damit ein Klassiker, weil es Schönheit der Form, Weite der historischen Imagination und Ernst der moralischen Frage verbindet. Es bietet eine vielschichtige Welt, deren Details tragen, und eine Reflexion, die nicht altert: über die Bildung des Charakters, die Verantwortung im Gemeinwesen und die Grenzen wie Möglichkeiten von Glauben und Vernunft. Ohne auf Überraschungen zu bauen, lebt der Roman von Erkenntnissen, die sich langsam, aber dauerhaft einstellen. Seine zeitlosen Qualitäten liegen in psychologischer Genauigkeit, intellektueller Redlichkeit und einer Aufmerksamkeit für Ursachen und Folgen, die auch heute Orientierung gibt – im Denken wie im Handeln.
George Eliots Romola ist ein historischer Roman, der das geistige und politische Klima des späten 15. Jahrhunderts in Florenz einfängt. Zwischen Wiedergeburt der antiken Studien, künstlerischer Blüte und religiöser Erneuerung ringen Menschen um Orientierung und Anstand. Im Zentrum steht Romola de’ Bardi, Tochter eines berühmten, erblindeten Gelehrten, deren Bildung und Pflichtgefühl sie zugleich stärken und fesseln. Parallel tritt der junge Gelehrte Tito Melema auf, dessen Anmut und Gewandtheit ihm rasch Türen öffnen. Um sie herum entfaltet Florenz seine Machtkämpfe: die Erinnerung an die Medici-Herrschaft, das Forcieren republikanischer Ideale und die wachsende Stimme Savonarolas prägen das öffentliche Leben.
Tito gelangt, äußerlich mittellos, aber mit glänzendem Verstand und sozialem Geschick, in die gelehrten Kreise der Stadt. Sein Auftreten wirkt wie ein Versprechen auf Aufstieg und Versöhnung der Kulturen, denn er beherrscht Sprachen, antike Quellen und die Kunst des höflichen Umgangs. In Bardos Haushalt findet er erste Anerkennung, indem er die gelehrte Arbeit unterstützt und Zugang zu wertvollen Manuskripten erhält. Zugleich begleitet ihn ein Schatten: eine alte, existenzielle Verpflichtung, deren Einlösung Opfer und Mut verlangte. Aus dieser Spannung zwischen Loyalität und Selbstschutz entsteht ein innerer Konflikt, der Titos Entscheidungen zunehmend bestimmt und den Verlauf seiner Beziehungen prägt.
Romola wächst unter der asketischen Disziplin ihres Vaters auf, dessen Lebenswerk – die Wiedergewinnung klassischer Bildung – sie mit Energie und Sorgfalt mitträgt. Ihre Welt ist von Büchern, Debatten und Gehorsam gezeichnet, doch sie sehnt sich nach einem eigenständigen moralischen Kompass. Ein frühes, eindringliches Warnsignal kommt durch ihren als Dominikaner zurückgekehrten Bruder, der unter geistlichem Namen lebt. Sein Auftauchen verknüpft familiäre Pflicht mit religiöser Mahnung und stellt Romola vor die Frage, ob Intellekt und Gewissen einander genügen. Diese Begegnung wirkt wie eine Prophezeiung: Entscheidungen über Bindung, Wahrheit und Zukunft lassen sich nicht länger aufschieben.
Als Florenz durch auswärtige Mächte und innere Umbrüche erschüttert wird, zeigt sich Titos Anpassungsvermögen als gesellschaftlicher Vorteil. Über Netzwerke, Räte und Gönnerschaften sichert er sich Einfluss, während Romola ihm mit wachsender Erwartung und Vertrauen gegenübersteht. Doch seine Vergangenheit fordert ihn: Er steht vor der Wahl, einem alten Wohltäter treu zu bleiben oder den bequemeren Weg der Verdrängung zu gehen. Die private Verbindung zwischen Tito und Romola verdichtet sich, während die Stadt zwischen republikanischen Hoffnungen und latenten Bedrohungen schwankt. Aus Hinsicht und Rücksicht entstehen Geheimnisse, deren Tragweite beide bald auf sehr unterschiedliche Weise erfahren.
Die neue Ehe wird durch ein zweites, verborgenes Leben Titos belastet: Er knüpft eine heimliche Bindung zu einer schutzbedürftigen jungen Frau, die außerhalb der gebildeten Kreise lebt. Zwischen öffentlicher Tüchtigkeit und privater Verschwiegenheit entsteht ein Doppelleben, das ihn immer tiefer in Ausflüchte, Versprechen und Ausreden treibt. Gleichzeitig rückt eine bedrohliche Gestalt aus Titos Vergangenheit näher: der alte Beschützer, den er im Unglück zurückließ. Dessen stiller, hartnäckiger Zorn durchzieht die Stadt wie ein Schatten. Beobachter wie der exzentrische Maler Piero di Cosimo registrieren die Verwerfungen, doch die Linien der Konfrontation bleiben zunächst unsichtbar.
Mit dem Aufstieg Savonarolas verändert sich der geistige Horizont. Seine Predigten über Erneuerung, Gewissen und bürgerliche Tugend treffen Romola an einem empfindlichen Punkt: Zwischen humanistischer Bildung und ethischer Verantwortung sucht sie nach einer Haltung, die nicht nur ästhetisch, sondern moralisch trägt. Der Gegensatz zu Titos weltkluger Beweglichkeit wächst. In der Ehe treten Misstrauen und Entfremdung offen zutage, als Romola die Risse im Geflecht von Halbwahrheiten erkennt. Savonarola wird so zum Prüfstein, an dem sich private und öffentliche Pflichten berühren: die Frage, ob persönliches Glück ohne Wahrhaftigkeit und Gemeinsinn Bestand haben kann.
Romolas innere Krise kulminiert in einem radikalen Schritt: Sie verlässt Florenz, um Abstand zu gewinnen und den eigenen moralischen Maßstab zu erproben. Auf dieser Reise begegnet sie menschlicher Not, deren Dringlichkeit die Prioritäten verschiebt. Die Erfahrung von Armut, Krankheit und verletzlicher Gemeinschaft lässt die abstrakte Idee des Guten zu einer praktischen Aufgabe werden. Allmählich findet sie eine Richtung, die weniger auf Gehorsam gegenüber Autoritäten als auf Verantwortung gegenüber den Schwachen zielt. Aus dem Bedürfnis nach Flucht wird die Einsicht, dass ethische Treue nicht Entzug, sondern Anwesenheit erfordert – und die Rückkehr nach Florenz verlangt.
In der Heimatstadt spitzen sich die politischen und religiösen Spannungen zu. Savonarolas Autorität wird erst gefeiert, dann heftig angefochten; öffentliche Rituale verwandeln sich in Prüfsteine der Loyalität. Tito versucht, sich in den wechselnden Machtverhältnissen zu behaupten, während die unerledigte Vergangenheit unablässig näher rückt. Die Stadt wird zur Bühne, auf der privates Kalkül und kollektive Leidenschaften kollidieren, und alle Blicke richten sich auf die nächsten Entscheidungen der führenden Stimmen. Ohne die endgültigen Verläufe auszusprechen, verdichtet sich das Gefühl, dass sowohl Romolas Gewissen als auch Titos Verstrickungen an unumgängliche Konsequenzen stoßen.
Am Ende rückt die Frage nach der bleibenden Bedeutung von Pflicht, Wahrhaftigkeit und Gemeinsinn in den Vordergrund. Romola steht für die Möglichkeit, Bildung in tätige Fürsorge zu verwandeln und jenseits von Ideologien ein belastbares moralisches Zentrum zu finden. Tito verkörpert die Versuchung, Begabung zum Zweck kurzfristiger Sicherheiten zu nutzen – mit Kosten, die sich nicht auf Dauer verbergen lassen. Romola zeigt, wie Geschichte Charakter formt, und wie persönliches Handeln in Zeiten der Umbrüche Gewicht gewinnt. So verbindet der Roman die Renaissancewelt mit einer zeitlosen Botschaft: Gewissen, Mitgefühl und Verantwortung stiften Zukunft – privat wie politisch.
Romola spielt in Florenz am Ende des 15. Jahrhunderts, in einer Stadt, die von Zünften, städtischen Magistraten und kirchlichen Institutionen geprägt ist. Die Signoria, der Große Rat und die Gonfalonieri bestimmten die kommunale Politik, während Klöster und Prediger das religiöse und moralische Leben beeinflussten. Die Stadt war ein Knotenpunkt des Handels und der Gelehrsamkeit, deren Wohlstand auf Tuchgewerben, Seide und Bankwesen beruhte. Gleichzeitig prägte ein ausgeprägter Sinn für bürgerliche Ehre, Frömmigkeit und öffentliche Rituale den Alltag. Dieses Gefüge bot den Rahmen für heftige Umbrüche, die George Eliot literarisch verdichtet nachzeichnet.
Der unmittelbare Hintergrund ist das Ende der Medici-Herrschaft nach dem Tod Lorenzo de’ Medicis im Jahr 1492. Unter seinem Sohn Piero de’ Medici geriet das oligarchische Regime in eine Legitimationskrise. Die Medici hatten über Jahrzehnte Patronage, Diplomatie und Finanzmacht verknüpft, doch fiskalische Belastungen und außenpolitische Spannungen verschärften soziale Gegensätze. In Florenz standen republikanische Traditionen einem faktischen Familienregiment gegenüber. Diese Spannungen trugen dazu bei, dass die Stadt empfänglich wurde für religiöse Erneuerungsappelle und politische Neuordnungen, die im Roman als Konflikt zwischen Kontinuität und Reform erfahrbar werden.
Auslöser der Wende war der Italienzug Karls VIII. von Frankreich im Jahr 1494. Der französische König marschierte über Norditalien, erhob Ansprüche auf Neapel und zwang viele italienische Staaten zu Zugeständnissen. In Florenz führte Piero de’ Medicis unpopuläre Kapitulation gegenüber französischen Forderungen zu seinem Sturz und zur Rückkehr einer republikanischen Ordnung. Die Exilierung der Medici öffnete den Raum für neue Kräfte, die sowohl fromme Erneuerung als auch bürgerliche Beteiligung anstrebten. Eliot spiegelt dieses Wechselspiel der äußeren Bedrohung und inneren Neuordnung als existenziellen Druck auf Gewissen, Netzwerke und Loyalitäten.
In dieser Lage gewann der Dominikaner Girolamo Savonarola aus dem Konvent San Marco große Autorität. Seine Predigten verknüpften Bußaufrufe, apokalyptische Erwartung und Kritik an Luxus wie Korruption. Er interpretierte die französische Invasion als göttliche Strafe und Chance zur Läuterung. Viele Florentiner sahen in ihm einen moralischen Kompass, der Politik und Frömmigkeit neu ausrichtete. Romola verhandelt die Anziehungskraft solch charismatischer Führung, ohne sie zu idealisieren: religiöse Erweckung, soziale Disziplinierung und politischer Einfluss greifen ineinander und erzeugen Pflichtgefühle wie Konflikte im privaten und öffentlichen Leben.
Die republikanische Neuordnung nach 1494 etablierte einen Großen Rat, der breitere bürgerliche Teilhabe ermöglichen sollte, inspiriert vom venezianischen Vorbild. Neben der Signoria entstand so ein Forum für Konsensbildung, das jedoch von Fraktionen umkämpft blieb. Die sogenannten Piagnoni, Savonarolas Anhänger, traten für strenge Sittenreform und eine fromme Republik ein; Gegner, häufig als Arrabbiati oder Compagnacci bezeichnet, vertraten eine weltlichere, elitenfreundliche Ordnung. Diese Lagerbildung strukturierte Ratsentscheidungen, Justizmaßnahmen und Stadtfeste. Eliot knüpft daran an, indem sie zeigt, wie politische Identität den Handlungsspielraum eines Einzelnen bestimmt.
Die moralpolitische Agenda Savonarolas kulminierte in Maßnahmen gegen Luxus und Eitelkeit. Sumptuarische Vorschriften wurden verschärft, und 1497 kam es zu einem spektakulären Scheiterhaufen, bei dem als Eitelkeiten definierte Gegenstände öffentlich verbrannt wurden. In diese Kategorie fielen modische Kleidung, Kosmetik, bestimmte Bilder und Bücher. Kinder- und Jugendgruppen halfen, Verstöße aufzuspüren. Solche Eingriffe veränderten Werkstätten, Haushalte und den Kunstmarkt. Im Roman erscheint diese Atmosphäre als Druck zur Konformität, der zugleich echte religiöse Überzeugung und soziale Kontrolle miteinander verschränkt.
Konflikte zwischen Florenz und dem Papsttum unter Alexander VI. bildeten den politischen Hintergrund von Savonarolas Aufstieg und Fall. Der Papst, selbst in italienische Bündnispolitik verstrickt, betrachtete Savonarolas Einfluss mit Misstrauen, besonders angesichts der anti-kurialen Töne. Exkommunikation und Interdiktdrohungen sollten die Stadt zur Ordnung rufen. Diplomatische Manöver zwischen französischem und päpstlichem Lager setzten Florenz zusätzlich unter Zugzwang. Diese Dynamik macht begreiflich, warum religiöse Autorität, städtische Autonomie und internationale Machtpolitik im Roman unauflöslich miteinander verwoben erscheinen.
1498 scheiterte ein Gottesurteil, das die Glaubwürdigkeit Savonarolas bestätigen sollte, an chaotischen Umständen und politischer Instrumentalisierung. Die Stimmung kippte, es kam zu seiner Verhaftung und nach einem Verfahren, in dem Folter üblich war, zu seiner Hinrichtung auf der Piazza della Signoria. Mit ihm wurden zwei Mitbrüder getötet. Die Hinrichtung markierte nicht nur das Ende eines charismatischen Projekts, sondern auch die Fragilität der florentinischen Republik. Eliot verwebt diese Zäsur mit der Frage, wie kollektive Hoffnungen in Gewalt umschlagen können und Individuen zwischen Loyalität und Gewissen zerrieben werden.
Parallel zur politischen Spannung blühte in Florenz eine Gelehrsamkeit, die klassische Texte sammelte, kommentierte und übersetzte. Humanistische Bildung umfasste Latein und, zunehmend, Griechisch. Emigranten aus dem byzantinischen Raum brachten seit der Mitte des 15. Jahrhunderts philologisches Wissen mit. Das Medici-Mäzenatentum hatte zuvor eine platonische Geisteswelt gefördert, deren Nachklänge fortwirkten. Bibliotheken und Skriptorien, Klöster und Gelehrte bildeten Netzwerke, durch die Bücher und Ideen kursierten. Romola greift diesen Hintergrund auf, indem sie die geistige Arbeit als moralische Praxis und als Teil städtischer Identität zeigt.
Die Verbreitung des Buchdrucks veränderte in den 1490er Jahren auch in Florenz die Wissenskultur. Neben dem fortbestehenden Manuskriptbetrieb entstanden Druckereien; zu den prägenden Häusern zählte bald die Familie Giunti. Gedruckte Predigten, politische Flugschriften und humanistische Ausgaben zirkulierten schneller und breiter. Gleichzeitig blieb die Qualität der Texte von philologischer Sorgfalt, Korrekturarbeit und der Verfügbarkeit von Vorlagen abhängig. Im Roman steht dieser Übergang für das Ringen um Verlässlichkeit und Autorität von Wissen: Schrift kann moralisieren, agitieren oder bilden, je nach Händen, die sie schaffen und verbreiten.
Die florentinische Wirtschaft ruhte auf den Zünften der Wolle und Seide sowie auf Kredit- und Wechselgeschäften. Kaufleute vernetzten die Stadt mit Märkten in Europa und im Mittelmeerraum. Der Verlust Pisas 1494, das vorübergehend die florentinische Oberhoheit abschüttelte, erschwerte den Zugang zum Meer und belastete den Handel. Konjunkturen und politische Unsicherheit trafen Werkstätten und Haushalte. Eliot nutzt diesen Rahmen, um zu zeigen, wie ökonomische Entscheidungen moralische Folgen haben, und wie internationale Risiken – Krieg, Sanktionen, Blockaden – unmittelbar in den Alltag einer Republik hineinwirken.
Die Stadtlandschaft selbst prägte das Gemeinschaftsleben: Plätze, Brücken und Kirchen waren Bühnen der Öffentlichkeit. Die Piazza della Signoria fungierte als Ort der Beratung, des Jubels und der Strafe. Der Dom, das Baptisterium und Prozessionen strukturierten Zeit und Raum, während Bruderschaften karitative und rituelle Aufgaben übernahmen. Stadtviertel unterschieden sich nach Beruf und Status; im Oltrarno lagen viele Werkstätten. Romola benutzt diese Topografie nicht nur dekorativ, sondern als Möglichkeitsraum, in dem politischer Umbruch als sichtbare Veränderung der Wege, Versammlungen und Geräusche erfahrbar wird.
Familienverband und Geschlechterordnung bestimmten die Lebensläufe. Heiraten dienten der Bündnispolitik der Haushalte; Mitgiftfonds wie der seit dem frühen 15. Jahrhundert bestehende Monte delle doti regelten die finanzielle Ausstattung von Töchtern. Frauen aus wohlhabenden Häusern konnten Bildung erhalten, doch blieben öffentliche Ämter ihnen verschlossen. Klöster boten alternative Lebenswege. Im Roman ist die gebildete Frau eine Ausnahme, die reale Spannungen spiegelt: humanistische Ideale kollidieren mit patriarchalen Erwartungen, und das Gewissen einer Einzelnen stößt an Grenzen, die aus Recht, Sitte und Ökonomie geformt sind.
Die bildende Kunst stand im Zeichen der Umbrüche. Werkstätten waren wirtschaftliche Betriebe, die auf Aufträge von Kirche, Bruderschaften und wohlhabenden Familien angewiesen waren. Nach der Exilierung der Medici und unter moralpolitischem Druck verschoben sich Nachfrage und Themenauswahl. Künstler wie Sandro Botticelli wandten sich stärker religiösen Motiven zu; Reformpredigten beeinflussten die Ikonografie. Zugleich blieb das künstlerische Erbe des Quattrocento präsent. Eliot spiegelt diese Spannung, indem sie zeigt, wie Bilder als Träger von Erinnerung und Normen fungieren, aber auch als Streitobjekte im Kampf um die Seele der Stadt.
Rechtspflege und öffentliche Ordnung wurden von Räten und spezialisierten Gremien getragen. Verfahren konnten unter dem Druck der Fraktionen hart ausfallen; Verhöre mit Folter entsprachen der gängigen Praxis. Öffentliche Strafvollzüge in der Piazza sollten abschrecken und die Gemeinschaft symbolisch reinigen. In Krisen verstärkten Sonderkommissionen die Exekutive. Die Darstellung solcher Mechanismen im Roman ist mehr als Kulisse: Sie macht deutlich, wie fragile Gleichgewichte kippen, wenn religiöser Eifer, außenpolitische Bedrohung und institutionelle Machtkonkurrenz zusammenwirken.
George Eliot verfasste Romola in den frühen 1860er Jahren und publizierte den Roman 1862–1863 zunächst als Fortsetzungswerk. Ihre Arbeit beruhte auf intensiver historischer Recherche, zu der Aufenthalte in Italien und das Studium von Chroniken, Briefen und Ratsprotokollen gehörten. Zeitgenössische Beobachter und spätere Historiker wie Niccolò Machiavelli oder Francesco Guicciardini liefern das nachprüfbare Gerüst der Ereignisse, auf das der Text verweist. Eliot zielte darauf, nicht bloß die großen Daten, sondern die Denkweisen einer Epoche zu rekonstruieren – eine erzählerische Annäherung an politische Kultur, religiöse Erfahrung und urbane Sozialgeschichte.
Als historischer Roman kommentiert Romola seine Zeit, indem es die Spannungen zwischen Renaissance-Humanismus und religiöser Reform freilegt. Die Erzählung macht sichtbar, wie äußere Invasion, ökonomische Erschütterung und moralische Programme sich in privaten Entscheidungen kreuzen. Sie kritisiert blinde Gefolgschaft ebenso wie zynische Anpassung und fragt, was persönliche Verantwortung im Strudel kollektiver Erregung bedeutet. Damit entsteht ein vielschichtiges Bild der 1490er Jahre, das auch einen zeitlosen Kern hat: die Zerbrechlichkeit bürgerlicher Freiheit und die Kosten, die entstehen, wenn Überzeugung, Macht und Wahrheit in Konflikt geraten.
George Eliot, geboren 1819 als Mary Ann Evans und gestorben 1880, gilt als eine der prägenden Stimmen des viktorianischen Romans. Unter ihrem männlichen Pseudonym schuf sie Werke, die psychologische Genauigkeit, soziale Beobachtung und ethische Fragestellungen zu einer realistischen Kunst verbanden. Ihre Romane erkunden die Wechselwirkungen zwischen individuellem Charakter und gesellschaftlichen Bindungen, häufig in provinziellen Milieus Englands. In einer Epoche rascher Industrialisierung und intellektueller Debatten brachte sie die Möglichkeiten des englischen Romans voran und prägte spätere Autorinnen und Autoren nachhaltig. Ihre erzählerische Autorität, ironische Nüchternheit und moralische Reflexionen machten sie zu einer dauerhaft einflussreichen Figur.
Evans erhielt eine schulische Grundbildung in den 1830er-Jahren und bildete sich anschließend überwiegend autodidaktisch fort. Früh beschäftigte sie sich intensiv mit Theologie, Literatur und Sprachen und wandte sich der deutschen Bibelkritik sowie der Philosophie zu. Ihre vielbeachteten Übersetzungen von David Friedrich Strauss’ Das Leben Jesu (1846) und Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums (1854) zeugen von dieser geistigen Ausrichtung. In Coventry und später in London knüpfte sie Verbindungen zu freisinnigen, wissenschaftlich interessierten Kreisen, die Positivismus, Historismus und literarischen Realismus diskutierten. Diese Begegnungen festigten ihre Überzeugung, dass Kunst moralische Einsicht durch genaue Darstellung sozialer Ursachen fördern könne.
Ab den frühen 1850er-Jahren arbeitete Evans in London journalistisch und redaktionell, besonders für die Westminster Review, deren laufende Geschäfte sie in dieser Zeit wesentlich mitbetreute. Ihre Essays und Rezensionen verbanden philosophische Argumentation mit gesellschaftlicher Analyse. 1857 trat sie erstmals als Erzählerin hervor: Die Erzählungen Scenes of Clerical Life erschienen zunächst anonym, kurz darauf unter dem Namen George Eliot. Das Pseudonym sollte literarische Unvoreingenommenheit sichern und ihr konzentriertes Arbeiten vor neugieriger Öffentlichkeit schützen. Der Erfolg der Skizzen, die provinzielles Gemeindeleben ernsthaft und humorvoll zeichneten, ermutigte sie, den Roman als primäres Ausdrucksmedium zu wählen.
Mit Adam Bede (1859) gelang Eliot der Durchbruch: Der Roman verband genaue Milieuzeichnung, ethische Konflikte und eine souveräne Erzählerstimme zu einem breiten Publikumserfolg. Es folgten The Mill on the Floss (1860) und Silas Marner (1861), die beide das Spannungsfeld zwischen persönlicher Pflicht, Gefühl und gesellschaftlichen Erwartungen ausloten. Besonders charakteristisch wurden ihre analytischen, zugleich empathischen Kommentare, die Handlungen in weite moralische und historische Zusammenhänge stellen. Eliot entwickelte eine realistische Ästhetik, die innere Motive, soziale Ursachen und Folgen sichtbar macht und die Möglichkeiten des britischen Provinzromans als ernsthafte Kunstform neu definierte. Zeitgenössische Kritik würdigte die Wahrhaftigkeit ihrer Figuren.
Die Bandbreite ihres Schaffens erweiterte Eliot mit Romola (1862–1863), einem historisch angelegten Florenz-Roman, der Macht, Gewissen und intellektuelle Erneuerung verhandelt. In Felix Holt, the Radical (1866) wandte sie sich Fragen politischer Reform und bürgerlicher Verantwortung zu; die Novelle Brother Jacob (1864) beleuchtet Täuschung und Selbsttäuschung. Sie publizierte zudem das erzählende Gedicht The Spanish Gypsy (1868). Ihren Ruf als zentrale Realistin des 19. Jahrhunderts festigte Middlemarch (1871–1872), ein vielstimmiges Werk über Verflechtungen privater Ziele und öffentlicher Strukturen in einer Provinzstadt, das für seine Tiefenschärfe, Komposition und intellektuelle Reichweite früh besondere Anerkennung erhielt.
Mit Daniel Deronda (1876) entfaltete Eliot ein weitgreifendes Panorama moralischer Entscheidung und gesellschaftlicher Zugehörigkeit; das Buch erweitert den Rahmen des englischen Romans um neue kulturelle Perspektiven. Ihre späten Prosastücke Impressions of Theophrastus Such (1879) versammeln fiktive Charakterstudien, die Wahrnehmung, Motive und soziale Masken reflektieren. Intellektuell stand sie für eine ethisch orientierte, empirisch informierte Sicht des Menschen, die Sympathie, Verantwortung und kausale Verflechtungen betont. Ihre langjährige Zusammenarbeit und Partnerschaft mit dem Schriftsteller und Kritiker George Henry Lewes bot ihr ein anregendes, diszipliniertes Arbeitsumfeld und festigte die Verbindung zwischen literarischer Praxis, Wissenschaftsbezug und öffentlicher Debatte.
In den späten 1870er-Jahren erlebte Eliot persönliches und berufliches Innehalten; nach dem Tod ihres langjährigen Partners 1878 heiratete sie 1880 John Walter Cross und starb im selben Jahr in London. Ihr Ansehen blieb hoch: Zeitgenössische und spätere Leserinnen und Leser würdigten die außergewöhnliche Verbindung aus intellektueller Strenge, realistischer Darstellung und empathischer Moralanalyse. Middlemarch wird häufig als einer der bedeutendsten englischen Romane bezeichnet; doch auch Adam Bede, The Mill on the Floss, Silas Marner und Daniel Deronda genießen anhaltende Aufmerksamkeit. Eliot gilt heute als kanonische Autorin, deren Werk weltweit gelehrt, erforscht und unvermindert gelesen wird.
Wir sind überzeugt, daß der sternlöschende Engel der Morgenröthe, als er vor mehr als viertehalbhundert Jahren, im Hochfrühling des Jahres 1492, aus langsamen, weiten Schwingen vom Morgenland zu den Säulen des Herkules, und von den Höhen des Kaukasus über alle schneeigen Alpenrücken zur dunklen Kahlheit der westlichen Inseln dahinschwebte, dieselben Umrisse von festem Land und unbeständiger See, dieselben großen Bergesschatten über den nämlichen Thälern erblickte, wie er sie heute sieht, – daß er Olivenhügel, Fichtenwaldungen und die weiten, von jungem Korn oder regenerfrischtem Grase grünen Ebenen, daß er die Dome und Thürme von Städten, die sich am Flußufer erhoben, oder zwischen schilfähnlichen Masten an der vielbuchtigen Seeküste verstreut waren, an demselben Fleck sah, wo sie sich noch heute erheben. Und als das matte Licht seines Fluges in die Wohnungen der Menschen drang, so fiel es, wie noch jetzt, auf die rosige Wärme neugeborener Kinder, auf die verstörte Schlaflosigkeit von Kummer und Krankheit, auf das frühe Aufstehen des rauhhändigen Arbeiters, und auf den späten Schlummer des nächtlich Studirenden, welcher die Sterne, oder die Weisen, oder seine eigene Seele um jene geheime Wissenschaft befragte, welche die Schranken des kurzen Menschenlebens durchbricht, und zeigt, daß sein dunkler Pfad, der in's Wesenlose zu führen scheint, nur der Bogen in einem unermeßlichen Kreise von Licht und Glanz sei. Die großen Flußströmungen, welche das Leben der Menschen gestaltet haben, sind wol schwerlich verändert, und jene anderen Ströme, die Lebenswogen, welche im menschlichen Herzen ebben und fluthen, pulsiren bei denselben Bedürfnissen, bei den gleichen Bewegungen von Liebe und Angst. Wie unser Gedanke das langsame Erwachen des Morgens begleitet, empfangen wir den Eindruck der vollkommenen Gleichheit des Geschicks, welches unwandelbar dasselbe ist in den Hauptmomenten seiner Lebensgeschichte – Hunger und Arbeit, Aussaat und Ernte, Liebe und Tod.
Selbst wenn unsere Phantasie, statt dem Tagesgrauen zu folgen, an einem gewissen historischen Fleck verweilt und den vollen Morgen abwartet, können wir eine weltberühmte Stadt sehen, deren Umrisse seit den Tagen des Columbus kaum verändert sind, und inmitten des Unbestandes aller menschlichen Dinge als ein fast unverletztes Symbol dazustehen scheinen, welches uns daran mahnen soll, daß wir noch immer unseren Vorfahren mehr ähnlich als unähnlich sind, da die großen technischen Principien, nach denen jene Dorne und Thürme gebaut wurden, eine Aehnlichkeit der menschlichen Bauwerke zeigen, welche breiter und tiefer geht, als alle etwaigen Veränderungen. Und gewiß, wenn der Geist eines florentinischen Bürgers – dessen Augen sich zum letzten Male schlossen, als Columbus noch um die drei armseligen Schiffe, mit denen er aus dem Hafen von Palos fahren sollte, handelte und sich abmühte, – aus dem Reich der Schatten zurückkehren und da weilen könnte, wo unsere Gedanken weilen, so würde er glauben, daß noch immer bei den Erben seiner Geburtsstätte Gemeinschaft und Verständniß für ihn zu finden sein müsse.
Nehmen wir an, daß es einem solchen Schatten gewährt worden sei, den Schimmer des goldenen Morgens wieder zu schauen, und daß er nochmals auf dem berühmten Hügel von San Miniato, der Florenz im Süden überragt, stehe.
Der Geist ist gekleidet, wie er es im Leben war, die Falten seines wohlgefütterten schwarzen Seidengewandes oder lucco hängen in schweren, geraden Linien vom Halse bis zu den Knöcheln hernieder; seine einfache Zeugkappe mit ihrem becchetto oder herabhängendem Tuchstreifen, um nöthigenfalls als Schärpe zu dienen, überschattet ein, wenn auch nicht schönes, aber geistreiches Gesicht mit einem festen, scharfgeschnittenen Mund, und durch glattrasirte Lippen und Kinn ganz und gar menschliche Art zeigend. Es ist ein Antlitz voll Erinnerungen an ein wildes und bewegtes, dort unten an den Ufern des glitzernden Stromes zugebrachtes Leben, und indem er auf das Schauspiel vor sich blickt, ist der Sinn des Bekanntseins damit so viel stärker, als das Bemerken der vorgegangenen Veränderung, daß er glaubt, es sei möglich, noch einmal in die Straßen hinabzusteigen und das geschäftige Leben da wieder aufzunehmen, wo er es verlassen hat. Es sind nicht nur die Berge und der nach Westen hin strömende Fluß, die er wiedererkennt, nicht allein die dunklen Abhänge des ihm gegenüberliegenden Monte Morello und das lange Arnothal, das seine graue, kleinbuschige Ueppigkeit bis zu den fernen Abhängen von Carrara ausdehnt, oder die steile Höhe von Fiesole mit ihrer Krone von Klostermauern und Cypressen, und alle die grünen und grauen mit Villas besetzten Hügelabdachungen, die er mit Namen nennen kann, wie er sie anschaut. Er sieht andere, seinen täglichen Spaziergängen noch näher befreundete Gegenstände, denn obgleich er die siebenzig und noch mehr Thürme vermißt, welche einst jene Mauern überragten und die Stadt wie mit einem Königsdiadem umkränzten, so verweilen seine Augen doch nicht auf jener Lücke; nein, sie werden unwiderstehlich zu dem einzigen Thurm hingezogen, der wie ein hoher, zur Sonne sich emporrichtender Blüthenstengel aus der viereckigen, mit Thürmchen versehenen Masse des alten, in der Mitte der Stadt gelegenen Palastes hervorragt – zu dem Thurme, der während der vier Jahrhunderte, die verflossen sind, seitdem er an seinem Fuße lustwandelte, kein schlechteres Aussehen gewonnen hat. Auch der große Dom, der größte in der Welt, welcher in seiner frühesten Knabenzeit nur ein kühner Gedanke in der Seele eines kleinen, scharfblickenden Menschen war – da erhebt er noch seine großen gewölbten Umrisse und überragt die Anhöhen umher. Und die wohlbekannten Glockenthürme Giotto's, mit den undeutlichen Spuren reicher Färbung, und die Badia mit dem schlanken Thurm, und all' das Uebrige – er hatte das Alles auf dem Arme seiner Amme gesehen.
Gewiß, denkt er bei sich, Florenz kann noch seine Glocken mit dem feierlichen Hammerstreiche läuten, der sonst an die Herzen der Bürger schlug und ihnen Feuer entlockte. Und hier, rechts, steht das lange, düstere Gemäuer von Santa Croce, wo wir unsere berühmten Todten begruben, den Lorbeer auf ihre kalte Stirn legten, und sie mit dem Hauche des Lobes und dem Wehen der Banner fächelten. Aber damals hatte Santa Croce keinen Thurm; wir Florentiner hatten zu viele großartige Baupläne im Kopfe, als daß wir sie alle in Stein und Marmor hätten ausführen können; wir mußten unsere Fresken und Altäre ja bezahlen, um nicht von raubsüchtigen Condottieri, bestochenen Königen und gekauften Ländereien zu sprechen, und so mußten unsere Thürme und Façaden natürlich warten. Aber welchen Architekten können die frati minori[1]1 genommen haben, der ihnen diesen Thurm baute? Wäre er zu meiner Zeit errichtet worden, so hätten Filippo Brunelleschi oder Michelozzo etwas Anderes ausgedacht, als dieser ist – Etwas, das würdig gewesen wäre, die Kirche Arnolfo's zu krönen. –
Dabei läßt der Geist seufzend seine Augen nach den Mauern der Stadt schweifen, und verweilt, staunend über die neuen Zeiten, bei den Veränderungen, die dort Platz gegriffen haben. Warum sind fünf von den eilf so passend angebrachten Thoren abgesperrt, und, vor allen Dingen, warum sind die Thürme, die einst eine Zierde und ein Bollwerk waren, dem Erdboden gleichgemacht worden? Ist die Welt so friedliebend geworden, und leben die Florentiner so einträchtig, daß es keine Verschwörungen: ehrgeizige Verbannte mit ihrem bewaffneten Anhange wieder in die Heimath zurückzurufen, mehr giebt? Das sind schwierige Fragen; es ist leichter und angenehmer, das Alte wieder zu erkennen, als sich Rechenschaft über das Neue abzulegen. Und dort fließt der Arno, mit seinen Brücken, gerade wo sie sonst gewesen waren – der Ponte Vecchio, am wenigsten allen anderen Brücken in der Welt ähnlich, mit denselben curiosen Läden besetzt, wo der Geist sich erinnert, vielleicht auf seinem Wege stillgestanden zu sein, um das Fortschreiten des Baues jenes großen Palastes zu beobachten, welchen Messer Luca Pitti aus großen, aus dem nahegelegenen Berge Bogoli (heute Boboli genannt) gebrochenen Steinen aufführen ließ, oder um irgend ein kleines Geschäft mit den Zeugbereitern in Oltrarno abzumachen. Die ungeheure Länge des Pitti'schen Palastdaches wird von San Miniato verdeckt, aber das Sehnen des alten Florentiners geht nicht dahin, den prunkvollen Palast, den Messer Luca sich selbst erbaute, zu sehen, sondern sich da unten in den engen Straßen und dem geschäftigen Gesumme der Plätze zu befinden, wo er das thätige Leben seiner Väter geerbt hatte. Existirt dort nicht mehr das eifrige Abstimmen mit weißen und schwarzen Bohnen? Wer sind in diesen Monden die Priori, die in dem Palazzo Vecchio die mäßig arrangirten amtlichen Diners aus abgetragenen Kaldaunen und gesottenen Rebhühnern, mit handgreiflichen Späßen gegen die unglückliche Zielscheibe dieser mächtigen Herren, genießen? Wehen die bedeutsamen Banner wol noch von den Fenstern herab – werden sie nicht noch mit geziemender Feierlichkeit alle zwei Monate unter Orcagna's Loggia vertheilt?
Das Leben hatte seinen Reiz für den alten Florentiner, als auch er noch jene Marmorstufen betrat und an jenen Würden einen Antheil hatte. Seine Politik hatte ein eben so weites Feld wie sein Handel, welcher sich von Syrien bis England erstreckte; sie besaß aber auch jenes leidenschaftliche Uebermaß, das nur einem engeren Gebiete corporativer Thätigkeit, nur den Mitgliedern einer, von Bergen und Mauern von ungefähr einmeiligem Umkreis eingeschlossenen Gemeinde eigenthümlich sein konnte, wo die Leute, wenn sie einander in den Straßen vorbeigingen, sich gegenseitig kannten, jeden Tag die Bücher ihres Gemeindewesens einsahen, und wußten, daß sie nicht nur das Recht, zu wählen, sondern auch die Aussicht, gewählt zu werden, hatten. Er liebte seine Ehrenstellen und seinen Verdienst, das Geschäft seines Comptoirs, seiner Zunft und des öffentlichen Rathssaales; er liebte auch seine Feindschaften, und handhabte die weiße Bohne, welche einen verhaßten Namen von der Borsa fern halten sollte, wohlgefälliger, als wäre sie ein Goldgulden. Er mochte seine Familie gern durch eine gute Verbindung stärken, und ging mit triumphblitzenden Augen heim, wenn er ein passendes parentado (eine Partie) für seinen Sohn oder seine Tochter geschlossen hatte unter seiner Lieblings-Loggia in der Abendkühle; er machte gern sein Schachspiel in derselben Loggia, so wie auch seinen beißenden Witz und seine groben Späße, die er nicht unter der Würde eines zu den höchsten Stellen der Magistratur wählbaren Mannes hielt. Er hatte einen Einblick in alle einheimischen und auswärtigen Angelegenheiten erworben; er hatte zu den »Zehnen« gehört, welche das Kriegsdepartement verwalteten, zu den »Achten«, welche die inneren Angelegenheiten leiteten, zu den Signori oder Priori, welche die Häupter der Executivgewalt waren, er hatte es bis zu dem hohen Posten eines Gonfaloniere gebracht, er war einer der Gesandten an den Papst und die Venetianer gewesen, so wie auch Commissär der Miethstruppen der Republik, und hatte die ruhmlosen, unblutigen Schlachten geleitet, in welchen Niemand an tapferen Wunden auf der Brust ( virtuosi colpi), sondern an einem zufälligen Sturz und Zertretenwerden umkam. Auf diese Weise hatte er gelernt, ohne Bitterkeit den Menschen zu mißtrauen, das Leben hauptsächlich als ein Geschicklichkeitsspiel betrachtend, aber darum nicht abgestorben für Traditionen von Heldenmuth und unbefleckter Ehre. Die Menschenseele ist ja gastfrei und beherbergt widersprechende Gefühle und entgegengesetzte Meinungen mit großer Unparteilichkeit. Außerdem war er stolz darauf, daß er den gehörigen Anstrich von der Gelehrsamkeit seiner Zeit besaß, und daß sein Urteil nicht mit dem des großen Haufens, sondern mit dem der Alten harmonirte; er hatte sich auch in seinen jüngeren Jahren um die correctesten Manuscripte bemüht, und manchen Gulden bezahlt für antike Vasen und ausgegrabene Büsten der unsterblichen Alten – einige vielleicht defect an den Nasen ( truncis naribus), aber darum nicht weniger echt, und in seinen alten Tagen hatte er sich beeilt, sich nach den ersten Bogen der schönen Ausgabe von Homer, welche zu den ersten rühmlichen Leistungen der florentinischen Druckerpresse gehörte, umzuthun. Trotz alles dessen hatte er es aber nicht verabsäumt, ein wächsernes Bild oder ein Portrait seiner selbst unter dem Schutze der Madonna Annunziata aufzuhängen, oder durch reiche Gaben an die Altäre von Heiligen, deren Leben nicht nach dem Studium der Alten geregelt war, Buße für seine Sünden zu thun; ja, er hatte sogar nicht unterlassen, großartige Schenkungen für die Wohnungen der Mönche, gegen die er so manchen Witz losgelassen hatte, zu machen.
Waren ja doch die Unsichtbaren mächtig! Wer wußte, wer konnte wissen, daß ihnen irgend ein Name gegeben wurde, hinter dem nicht eine zürnende Macht zu beschwichtigen, eine vermittelnde Barmherzigkeit zu gewinnen war? Waren nicht Edelsteine heilkräftig, wenn sie auch nur den Finger berührten? Waren nicht alle Dinge voll geheimer Kräfte? Lucretius konnte Recht haben – er war ein alter und ein großer Dichter. Luigi Pulci sogar, den man im Verdacht hatte, daß er an Nichts glaube, was über die Dächer ging ( dal tetto in sù), schien am Abendtisch, wenn der Wein und die riboboli 2 freier kreisten, wirklich auch Recht zu haben, obgleich er nur ein Dichter in der Volkssprache war. Es gab selbst gelehrte Leute, welche behaupteten, daß Aristoteles, der weiseste der Menschen (wenn nicht am Ende Plato weiser war), ein durch und durch irreligiöser Philosoph war; und ein freisinniger Gelehrter muß allen Speculationen Raum gewähren. Aber die Regirenden konnten doch vielleicht im Irrthum sein; ja, sie schienen ihm offenbar fehl zu gehen, je mehr die kreisenden Stunden an ihm vorüberflogen und ihn immer ernster anblickten. War denn nicht die Welt christlich geworden? War er nicht in San Giovanni getauft, dessen Kuppel finster herabschaut mit den Symbolen des kommenden jüngsten Gerichts, und dessen Altar ein Bildniß des Gekreuzigten trägt, das die vollkommene Selbstgefälligkeit und Weltliebe beunruhigen kann? Unser wiedererstandener Geist war kein heidnischer Philosoph oder philosophirender heidnischer Dichter, sondern ein Mann des fünfzehnten Jahrhunderts, ein Erbe von dessen seltsamem Gemisch von Glauben und Unglauben, von epikuräischem Leichtsinn und fetischistischer Angst, von pedantischer, unwahrer, mechanisch nachgesprochener Moral, und rohen, mit kindischem Drang wirkenden Leidenschaften, voll Neigung zu einem gegen sich selbst nachsichtigen Heidenthum und zu einer unausweichlichen Unterwerfung unter jenes menschliche Gewissen, welches in der Unruhe eines neuen Heranwuchses die Luft mit seltsamen Prophezeiungen und Ahnungen füllte.
Er hatte vielleicht dazu gelächelt und zweifelnd das Haupt geschüttelt, als er schlichte Leute von einem Papst Angelicus reden hörte, welcher später kommen und eine neue Ordnung der Dinge einführen würde, um die Kirche von der Simonie, und das Leben der Geistlichen vom Skandal zu befreien – ein Zustand, zu sehr von dem verschieden, der unter Innocenz dem Achten herrschte, als daß ein kluger Kaufmann und Politiker es der Mühe werth gehalten haben könnte, auf solch eine Aussicht zu bauen. Er fühlte aber nichtsdestoweniger die Gebrechen der Zeit, denn er war ein Mann des Gemeingeistes, und der Gemeingeist kann niemals ganz unsittlich sein, da seine Hauptwesenheit in der Sorge für das allgemeine Beste besteht. Noch zur Fastenzeit des Jahres 1492, in welcher er in noch kräftigem Greisenalter starb, hatte er in der Kirche San Lorenzo nicht ohne eine gewisse Freude die Predigt eines Dominicanermönchs 3 mit angehört, der mit einer seltenen Kühnheit die Weltlichkeit und das sündige Gebahren des Clerus offen darlegte, und darauf drang, daß es die Pflicht von Christen sei, nicht zu ihrer eigenen Gemächlichkeit zu leben, wenn in den oberen Kreisen das Unrecht triumphirte, und ihren Reichthum nicht für äußere Pracht, und sei es selbst in Kirchen, zu vergeuden, während ihre Mitbürger von Mangel und Krankheiten heimgesucht wären. Für Leute in älteren Jahren trieb der frate seine Lehren doch zu sehr auf die Spitze, aber es blieb immer etwas Merkwürdiges, zu sehen, wie ein Prediger seine Zuhörer dermaßen in Aufregung versetzte, daß die Weiber sogar ihre Schmucksachen abnahmen und sie zum Besten der Nothleidenden dahingaben.
»Es war ein merkwürdiger Mann, dieser Prior von San Marco[2],« dachte unser Geist bei sich, »etwas anmaßend und vielleicht zu übertreibend, namentlich in seiner Verkündigung schneller Strafen. Ach, Iddio non paga il Sabato!4 der Lohn für die Sünden der Menschen bleibt oft lange aus, und ich habe selbst so manche wirkliche Schlechtigkeit in langdauerndem Glücke gesehen. Aber wie konnte auch ein frate predicatore (ein Predigermönch), der das Volk ergreifen will, gemäßigt sein? Er hätte indessen doch wohl etwas weniger herausfordernd und kurzangebunden gegen Lorenzo de' Medici sein dürfen, dessen Familie die Gründer von San Marco gewesen waren! Ist der Streit wohl je beigelegt worden? Und unser Lorenzo selber mit seinen matten äußeren Augen und dem scharfen inneren Blick, ob er wohl jene Krankheit in Coreggi überstanden hat? Er mußte doch ein trauriges und verstörtes Gesicht aus der Welt, die ihm so viel gegeben hat, mitnehmen, und es waren starke Vermuthungen da, daß sein schöner Sohn die Rolle des Rehabeam spielen würde. Was mag aus allem Dem geworden sein? Welche Partei mag sich jetzt wohl vertrieben und ihre Häuser geplündert sehen? Ist irgend ein Nachfolger da für den unvergleichlichen Lorenzo, gegen den der Großtürke so zuvorkommend ist, daß er ihm Geschenke von seltenen Thieren, seltenen Reliquien, seltenen Manuscripten oder flüchtigen Feinden schickt, Geschenke, die dem Geschmack eines christlichen Magnifico, der zugleich gelehrt, fromm und auch ein wenig rachsüchtig ist, zusagen? Und welcher berühmte Gelehrte verfaßt jetzt die lateinischen Briefe der Republik? Welcher feurige Philosoph hält jetzt im Duomo Vorlesungen über Dante, und geht dann nach Hause um bittere Schmähungen gegen den Vater und die Mutter des schlechten Recensenten zu schreiben, der einen Fehler in seiner Orthographie gefunden hat? Neigen sich unsere reiferen Häupter einem Bündniß mit dem Papst und dem Königreich 5 zu, oder öffnen sie ihre Ohren den Rednern Frankreichs und Mailands?
»Das Alles wird man wol da unten in den Straßen auf den lieben Marmi vor den Kirchen, und unter den schirmenden Loggien erfahren können, wo unsere Bürger gewiß noch ihre Klatschereien und ihre Streitigkeiten, ihre harmlosen und ihre boshaften Witze wie in früheren Tagen zum Besten geben; denn stehen nicht noch alle die wohlbekannten Häuser da? Die Veränderungen in diesen ungezählten Jahren sind nicht so erheblich gewesen. Ich will also hinuntergehen und hören – ich will das mir so wohlbekannte Pflaster wieder betreten, – will wieder einmal die Sprache der Florentiner hören.« –
Steige nicht hinab, guter Verstorbener! denn die Veränderungen sind erheblich, und die Sprache der Florentiner wird wie ein Räthsel zu Deinen Ohren tönen. Oder wenn Du schon hinabgehst, so laß Dich nicht mit Politikern auf den Marmi, oder sonst wo, ein; erkundige Dich nicht nach Handelsangelegenheiten in der Calimara, mache Dich nicht mit Untersuchungen in gelehrten Dingen, amtlichen oder geistlichen, verrückt. Schaue einzig und allein das Sonnenlicht und die Schatten an den großen Mauern an, die so fest gebaut und in ihrer Größe fest stehen geblieben sind; sieh' Dir die Kindergesichter an, welche auch ein Sonnenblick zwischen den Schatten des Alters sind, blicke, wenn Du willst, hinein in die Kirchen, und höre dieselben Gesänge, sieh' dieselben Bilder, wie vor alten Zeiten – die Bilder freiwilligen Märtyrerthums für einen großen Zweck, mildthätiger Liebe und himmlischen Ruhms; sieh' die Häupter der Lebenden himmelwärts gerichtet, und die Lippen dieselben alten Gebete stammelnd, um Hilfe zu erflehen! Diese Dinge sind keinem Wechsel unterworfen gewesen. Sonnenlicht und Schatten bringen ihre alte Schönheit und erwecken die alten Herzensklänge am Morgen, am Mittag wie am Abend; die Kindlein sind noch immer das Symbol der ewigen Vermählung von Liebe und Pflicht; und die Menschen sehnen sich noch immer nach dem Reiche des Friedens und der Gerechtigkeit, noch immer bekennen sie, daß dasjenige Leben das höchste sei, welches ein selbstbewußtes, freiwilliges Opfer ist – denn der Papst Angelicus ist noch nicht gekommen.
Die Loggia de Cerchi[3] befand sich inmitten des alten Florenz[1q], in einem Labyrinth enger Gassen hinter der Badia, welche jetzt nur selten von Fremden betreten werden, außer bei einer zweifelhaften Forschung nach einer gewissen höchst einfachen Thüre, welche die Inschrift trägt:
Vor dem Ohre Dante's widerhallten diese Straßen von dem Getöse und Geklirr wilder Kämpfe zwischen feindseligen Familien; aber im fünfzehnten Jahrhundert wurden sie nur von dem unhistorischen Gezank und den platten Witzen der Wollkratzer in den tucherzeugenden Stadtvierteln von San Martino und Garbo durchlärmt.
Unter dieser Loggia hatten am frühen Morgen des 9. April 1492 zwei Männer die Augen auf einander geheftet; der Eine beugte sich ein wenig herab und sah mit dem Forscherblick der Neugier niederwärts, während der Andere, der auf dem Pflaster lag, mit dem unruhigen Stieren eines plötzlich aus dem Traum Erweckten empor sah.
Der stehende Mann brach zuerst das Schweigen; er hatte graue Haare, breite Schultern, und war von jener Statut, welche, wie die Toscaner sich ausdrücken: »mit der Faust gemodelt und mit der Spitzhacke polirt ist«; aber die selbstbewußte Wichtigthuerei, die sich in den tiefen Linien auf seiner Stirn und um seinen Mund ausdrückte, schien darauf berechnet, jede unliebsame Schlußfolgerung aus der übereilten Arbeit, welche die Natur in seiner äußeren Erscheinung gezeigt hatte, abzuwenden. Er hatte einen großen, wohlgefüllten Ranzen aus Thierfellen auf das Pflaster gelegt, und vor sich trug er ein Hausirerkästchen, zum Theil mit kleinen Damentoilettegegenständen, wie z. B. Zwirn und Nadeln, zum Theil mit Stücken Glas, die er wahrscheinlich im Tausch gegen jene Waare bekommen hatte, gefüllt.
»Junger Mann,« sagte er – indem er auf einen Ring an der Hand des Liegenden deutete –, »wenn Euer Kinn erst einen stärkeren Haarwuchs haben wird, so werdet Ihr etwas Gescheidteres thun, als mit solchem Ring am Zeigefinger an den Straßenecken ein Schläfchen machen. Bei den heiligen Evangelien! wenn es ein Anderer gewesen wäre als ich, der hier seit zwei Minuten über Euch gelehnt dasteht – aber Bratti Ferravecchi ist nicht der Mann, der da stiehlt. Die Katze könnte ihre Maus nicht fressen, wenn sie sie nicht lebendig finge, und Bratti hätte keine Freude an einem Gewinn, wenn derselbe nicht einen Beigeschmack von Geschäft hat. Wißt, junger Mann, an einem San-Giovannitage, es sind drei Jahre her, sandte mir der Heilige einen Leichnam, einen blinden Bettler, dessen Kappe mit Geld reich gefüllt war – aber, Ihr könnt mir glauben, ich hatte einen Ekel vor den testoni (Groschen), für die ich kein Geschäft gemacht hatte, bis es mir einfiel, daß mir San Giovanni eigentlich jenes Geld für Alles, was ich zu seinem Feste ausgebe, schuldete. Ueberdem begrub ich die Leiche und bezahlte eine Seelenmesse, und so sah ich, daß es ein ehrlicher Handel war. Aber wie kommt es, daß ein junger Mensch gleich Euch, mit dem Gesichte von Messer Sant Michael, auf einem Steinbette, mit dem Wind als Vorhang, schläft?«
Die tiefen Kehllaute des Sprechenden waren dem eben erwachten, noch ganz verwirrten Zuhörer kaum verständlich, aber er begriff, was Jener, indem er auf seinen Ring deutete, meinte; er ließ seine Blicke darauf hingleiten, und nachdem er ihn, der Warnung halb automatisch gehorchend, abgenommen hatte, steckte er ihn in sein Wamms, indem er zugleich aufsprang und sich reckte.
»Eure Tunica und Euer Beinkleid passen sehr schlecht zu dem Edelstein, junger Mann,« fuhr Bratti langsam fort. »Man könnte sagen, die Heiligen hätten Euch eine Leiche zugeschickt, aber ich hoffe, daß, wenn Ihr schon das Juwel genommen, Ihr ihn auch begraben habt, und Ihr dürft immerhin noch für ihn eine oder zwei Messen in den Kauf lesen lassen.«
Etwas wie ein schmerzliches Zucken schien die Gestalt des Hörers zu durchbeben und dem sorglosen Dehnen der Arme und der Brust plötzlich ein Ende zu machen. Einen Augenblick lang sah er Bratti scharf und finster an, aber im nächsten gewann er seine gleichgiltige Miene wieder, nahm die rothe levantinische Kappe, die wie ein großer Beutel über sein linkes Ohr hing, ab, strich seine langen, dunkelbraunen Locken zurück, und sagte lächelnd, indem er auf seinen Anzug blickte:
»Ihr habt Recht, Freund! meine Kleider sind vom Wetter beschmutzt wie ein altes Segel; dabei sind sie aber gar nicht einmal alt, sondern, gerade wie ein altes Segel, von der See und vom Regen durchnäßt. Ich bin nämlich hier fremd in Florenz, und als ich gestern Abend hier mit wunden Füßen ankam, warf ich mich lieber in einer Ecke dieses gastfreien Portals hin, als daß ich noch länger irgend eine beliebige Herberge ausgesucht hätte, die am Ende ein Nest von Blutsaugern von mehr als einer Gattung gewesen wäre.«
»Ein Fremder? Das muß wahr sein«« sagte Bratti, »denn die Worte kommen so schmelzend aus Eurer Kehle herausgeflossen, daß ein Christenmensch und ein Florentiner nicht weiß, ob Ihr Angel oder Haken meint. Aber Ihr seid wohl nicht aus Genua? eher, nach dem Schnitt Eurer Kleider, aus Venedig, he?«
»Für den Augenblick,« entgegnete der Fremde »ist es lang' nicht so wichtig, woher ich komme, als wohin ich gehen soll, um einen Mund voll Frühstück zu mir zu nehmen. Eure Stadt schneidet mir hier ein häßliches Gesicht, könnt Ihr mir nicht den Weg zu einem lebhafteren Viertel zeigen, wo ich Wohnung und Essen bekommen kann?«
»Das kann ich,« sagte Bratti, »und es ist Euer Glück, junger Mann, daß ich zufällig heute Morgen von Rovezzano hereinkam und von meinem Wege nach dem Mercato Vecchio[5] abgewichen bin, um ein Ave Maria in der Badia zu sagen. Das ist, ich wiederhole es, Euer Glück. Aber ich muß nun sehen, was ich dabei verdiene. Für Nichts ist Nichts, junger Mann. Wenn ich Euch den Weg nach dem Mercato Vecchio zeige, so müßt Ihr mir bei Eurem Schutzpatron schwören, daß ich das Angebot auf Eure schmutzigen Kleider bekomme, wenn Ihr, wie es doch gewiß der Fall ist, Euch bessere anschafft.«
»Abgemacht, beim heiligen Nicolaus!« rief der Andere lachend. »Aber jetzt laßt uns fort und nach dem besagten Markt, denn ich versicherte Euch, daß ich das Bedürfniß nach einem besseren Futter für das Wamms hier, nach dem Ihr so gierig seid, verspüre.«
»Gierig? warum nicht gar!« sagte Bratti, indem er seinen Ranzen über die Schulter warf und ausschritt – aber er unterbrach seine Erwiderung, indem er laute und schrille Töne, wie das Knarren und Aechzen eines Wagenrades, ausstieß: » Chi abbaratta – baratta – b'ratta – chi abbaratta cenei e vetri – b'ratta ferri vecchj?7«
»Es ist,« fuhr er, in die frühere Unterhaltung einlenkend, fort »nicht viel werth; Beinkleider und der ganze Rest miteinander ist sogar sehr wenig werth. Wollt Ihr aber eine Laute haben, die mehr werth ist, als eine ganz neue, oder ein Schwert, das von einem Ridolfi getragen wurde, oder einen Rosenkranz nach der neuesten Mode, so könnt Ihr durch mich einen sehr guten Handel machen, wenn Ihr mir die Kleider überlaßt; denn wie Ihr mich hier seht, so habe ich den bestassortirten Laden in den Ferravecchj (Trödelmarkt), und zwar dicht neben dem Marktplatz. Es ist, der heiligen Jungfrau Dank! kein Kürbis, was ich da auf dem Rücken trage. Aber ich stehe nicht den ganzen langen Tag in meiner Boutique eingepfercht. Ich habe ein Weib und einen Raben, die zu Hause sind und auf die Sachen passen. – Chi abbaratta – baratta – b'ratta? – Und nun sagt mir, junger Mann, woher kommt Ihr, und was wollt Ihr in Florenz?«
»Ich denke, Ihr mögt Nichts, was Ihr nicht durch ein Geschäft erlangt,« erwiderte der Fremde, »und Ihr habt mir noch Nichts für diese Mittheilung angeboten.«
»Gut, gut! Ein Florentiner bietet gern einen anständigen Preis für Neuigkeiten; sie stillen den Hunger, wenn er auch keines Strumpfes Werth dabei verdient. Wenn ich Euch nun zu dem hübschesten Mädchen auf dem Markt bringe, wo Ihr eine Schale Milch haben könnt – das wird doch ein guter Handel sein?«
»O nein, die kann ich schon selbst finden, wenn eine solche auf dem Mercato ist, denn hübsche Köpfchen gucken gern aus Thüren und Fenstern heraus. Also nichts da! Uebrigens sollte ein so schlauer Handelsmann wie Ihr doch wissen, daß Der, welcher auf Nüsse und Neuigkeiten bietet, Gefahr läuft, Nichts darin zu finden.«
»Ach, junger Mann,« sagte Bratti mit einem bewundernden Seitenblick, »Ihr war't wohl kaum an einem Sonntag geboren, und die Salzläden waren offen, als Ihr zur Welt kam't. Ihr seid doch nicht etwa ein Hebräer? he? aus Spanien oder Neapel gekommen? wie? Dann muß ich Euch sagen, daß die Minoriten danach trachten, Florenz eben so heiß wie Spanien für diese Höllenhunde zu machen, die allen Nutzen aus Wuchergeschäften an sich reißen wollen, ohne für Christenmenschen Etwas übrig zu lassen; und wenn Ihr über die Calimara mit einem Stück gelben Tuches an Eurer Mütze geht, so möchte das Eurer Schönheit mehr Eintrag thun, als ein Schwerthieb über Eure glatten, braunen Wangen. – Abbaratta, baratta, chi abbaratta? – Ich sage Euch, junger Mann, graues Tuch ist feindlich gegen gelbes Tuch, und es ist jetzt in Florenz so viel graues Tuch, daß man einen Rock und eine Kapuze für den Dom daraus machen könnte, und dagegen so wenig gelbes, daß es nicht zu einem Beinkleid für den heiligen Christoph – gesegnet sei sein Name, und laß mich ihn heut' noch erblicken! – ausreichen würde. – Abbaratta, baratta, b'ratta – chi abbaratta?«
»Das ist eine sehr unterhaltende Mittheilung, die Ihr mir da ganz umsonst macht,« rief der Fremde mit etwas verächtlicher Miene »sie geht mich aber gar nichts an, denn ich bin kein Hebräer.«
»Ah, sieh' da!« rief Bratti triumphirend aus, »habe ich da ein gutes Geschäft nur mit Worten gemacht! Ich habe da Etwas von Euch herausgelockt, junger Mann, obgleich Ihr so schwer zu packen seid, wie eine Lamprete. Gelobt sei San Giovanni! ein blinder Florentiner nimmt es mit zwei Einäugigen auf! Aber hier sind wir auf dem Marktplatze!«
Sie waren jetzt aus den engen Gassen auf einen großen, den älteren Florentinern unter dem Namen Mercato Vecchio (Alter Markt) bekannten Platz gelangt. Diese Piazza, obgleich sie seit undenklichen Zeiten der Platz für einen Markt von Lebensmitteln gewesen war (und vielleicht, wie die thörichte Phantasie spricht, der Ort gewesen sein mag, wohin die fesulischen Vorfahren der Florentiner von ihren hohen Besten hinabstiegen, um mit der ländlichen Bevölkerung des Thales zu handeln), wurde dennoch von den reichen Florentinern nicht als Wohnort verschmäht. In den ersten Jahrzehnten des fünfzehnten Säculums, welches jetzt seinem Ende nahe war, hatten die Medici und andere mächtige Familien der, popolani grassi oder des Geldadels dort ihre Häuser, da sich ihre Ohren vielleicht nicht von dem lauten Gekreische gemischter Mundarten, und die Augen nicht von den Fleischerläden (welche der alte Dichter Antonio Pucci als Hauptzierde eines Marktes nennt, der nach seinem Dafürhalten alle anderen Marktplätze der Erde verdunkelte) beleidigt fanden. Aber diese Zierde von Hammel- und Kalbfleisch (und daß es das Fleisch dieser Thiere wirklich war, ließ sich nicht bezweifeln; denn sah man nicht die Bälge mit den Köpfen daran, vorschriftsmäßig nach den Anordnungen der Signoria, aufgehängt?) fehlte eben jetzt dem Markte, da die Fastenzeit noch nicht vorüber war. Für die stolze Zunft oder »Kunstgenossenschaft« der Schlächter war die Zeit noch nicht gekommen, und es war die große Erntezeit der Gemüsegärtner, der Käsehändler, der Verkäufer von Maccaroni, Eiern, Milch und getrockneten Früchten – eine Veränderung, welche dazu beitrug, daß die Weiberstimmen die vorherrschenden im Chorus waren. Aber zu allen Jahreszeiten hörte man das klingende Probiren von Töpfen und Pfannen, das Klimpern der Geldwechsler, das Anrufen der Würfelspieler, das laute Anpreisen neuer Leinen- und Wollenstoffe, von ausgezeichneten Holzwaaren, Kesseln und Bratpfannen; es gab da stets eine Versperrung der schmalen Seitengäßchen durch Maulthiere und Wagen mit so manchen unhöflichen Vorstellungen in Ausdrücken, die merkwürdig mit den, auch noch heut' zu Tage bei dem schönen Geschlechte unter ähnlichen gesichtsverdüsternden und aufregenden Umständen im Schwange seienden Schimpfreden, übereinstimmten. Herren und Damen, welche auf den Markt gingen, sahen in größerer Anzahl, als es in späteren Zeiten zu geschehen pflegte, einem Dilettantenkampfe zu, und blickten auf ekelhaftere Lumpen, Bettelkram und Schurkerei, als moderne Familien sich denken können. Wie der Tag verging, konnte ein zufällig vorübergehender Zuschauer das widerwärtige Drama des Spielhauses, die behende Begier, die baare Verzweiflung, den Jammer, die Gotteslästerung und die Thätlichkeiten mit ansehen:
Dennoch hatte man auch den Trost lieblicher Bilder; da waren Zuchtkaninchen, die nicht minder unschuldig und verschüchtert darein sahen wie zu unserer Zeit, da waren Tauben und Singvögel zum Verkauf als Geschenk für Kinder, sogar Kätzchen zum Verschleiß, und hier und dort ein schöner gattuccio oder »Hans« mit dem besten Zeugniß für das Mäusefangen, und besser als alles Dieses, es waren auch junge, sanft gerundete Wangen und glänzende Augen da, die noch durch den frühzeitigen Aufbruch vom Castello 9 lebendiger strahlten, um gar nicht von älteren Gesichtern mit dem unverwelkbaren Reiz ehrlicher Gutmüthigkeit – wie sie bei den Scenen menschlicher Industrie niemals ganz fehlen – zu reden. Und hoch auf einer Säule inmitten des Platzes – und eine ehrwürdige Säule war es, aus der Kirche von San Giovanni hierhergebracht – stand Donatelli's steinerne Statue des Ueberflusses, mit einem Springbrunnen daneben, wo, wie der alte Pucci sagt, die guten Marktweiber ihre Gefäße und ihre Kehlen spülten, nicht etwa, weil sie nicht im Stande waren, Wein zu kaufen, sondern weil sie das Geld für ihre Männer sparen wollten: » ma pe' mariti voglion risparmiare.«
Aber gerade an diesem Morgen schien ein plötzlicher Wechsel das ganze Aussehen des Marktes befallen zu haben. Die deschi oder Standbuden waren allerdings schon zum Theil mit ihren verschiedenen Waaren belegt, und bereits waren Käufer versammelt, die darauf paßten, die schönsten, frischesten Gemüse und die tadelloseste Butter zu erstehen. Als aber Bratti und sein Begleiter auf die Piazza kamen, schien es, als ob man allgemein mit einem Gegenstande beschäftigt wäre, der die Aufmerksamkeit der Käufer so wie der Verkäufer von ihrem Gewerbe abgezogen hatte. Die meisten Handelsleute hatten ihren Waaren den Rücken gekehrt und sich den Gruppen von Sprechenden, die sich an verschiedenen Punkten des Marktplatzes zusammenthaten, angeschlossen. Ein Kleiderhändler, der eben ein Paar lange Hosen aufhängen wollte, hatte sie wie ein Toller, im Eifer, zur nächsten Gruppe zu gelangen, um den Hals genommen; ein schönrednerischer Käsehändler, mit einem Stücke Käse in der einen und einem Messer in der andern Hand, machte unvorsichtigerweise Zeichen seiner emphatischen Pause auf der vortrefflichen Marzolnokäse-Probe, und ältliche Marktweiber, ihre Eierkörbe in einer gefährlich schiefen Stellung, gaben eine wehklagende Ausrufungsfuge zum Besten.
