Roppongi Ripper - Andreas Neuenkirchen - E-Book

Roppongi Ripper E-Book

Andreas Neuenkirchen

4,4

Beschreibung

Sommer in Tokio: Zwei grausame Morde erschüttern das Rotlichtmilieu der Mega-Metropole, und für die Polizei steht schnell fest: Ein Serienmörder macht das Viertel Roppongi unsicher. Als der Täter sich kurze Zeit später mit einem dritten Mord brüstet, der mit dem bisherigen Schema komplett bricht, steht Inspector Yuka Sato wieder am Anfang. Geht es dem Roppongi Ripper wirklich nur um die Befriedigung dunkler Triebe oder stecken ganz andere Motive hinter seinen Taten? Waren die Opfer nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder wurden sie gezielt ausgewählt? Ob unglücklicher Zufall oder geplanter Racheakt - der Roppongi Ripper mordet schnell und die Zeit rennt der jungen Ermittlerin davon. Als Sato dann noch erfährt, dass der Mensch, dem sie am meisten vertraut, möglicherweise ihre Ermittlungsarbeiten sabotiert, gerät auch ihr eigenes Leben in Gefahr. Ihr bleibt nichts anderes übrig als unterzutauchen - ausgerechnet im Jagdrevier des Rippers ... Yuka Satos zweiter Fall nimmt Sie mit in die glanzvolle und grausame Halbwelt von Roppongi und Shinjuku, in das koreanische Viertel Tokios und in die junge und gar nicht unschuldige Millionenstadt Saitama.

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Roppongi Ripper

Sommer in Tokio: Zwei grausame Morde erschüttern das Rotlichtmilieu der Mega-Metropole, und für die Polizei steht schnell fest: Ein Serienmörder macht das Viertel Roppongi unsicher. Als der Täter sich kurze Zeit später mit einem dritten Mord brüstet, der mit dem bisherigen Schema komplett bricht, steht Inspector Yuka Sato wieder am Anfang. Geht es dem Roppongi Ripper wirklich nur um die Befriedigung dunkler Triebe oder stecken ganz andere Motive hinter seinen Taten? Waren die Opfer nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder wurden sie gezielt ausgewählt?

Ob unglücklicher Zufall oder geplanter Racheakt – der Roppongi Ripper mordet schnell und die Zeit rennt der jungen Ermittlerin davon. Als Sato dann noch erfährt, dass der Mensch, dem sie am meisten vertraut, möglicherweise ihre Ermittlungsarbeiten sabotiert, gerät auch ihr eigenes Leben in Gefahr. Ihr bleibt nichts anderes übrig als unterzutauchen – ausgerechnet im Jagdrevier des Rippers ...

Yuka Satos zweiter Fall nimmt Sie mit in die glanzvolle und grausame Halbwelt von Roppongi und Shinjuku, in das koreanische Viertel Tokios und in die junge und gar nicht unschuldige Millionenstadt Saitama.

Der erste Fall von Yuka Sato: Yoyogi Park (ISBN 978-3-943176-62-9). Überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

Widmung

Im Gedenken an Madame Olive, Lehrerin und Freundin

Dramatis Personae

Yuka Sato: Inspector beim Tokyo Metropolitan Police Department

Shun Nakashima: Inspector Satos Partner beim Tokyo Metropolitan Police Department

Daisuke Kawase: Oberster Leichenbeschauer beim Tokyo Metropolitan Police Department

Akio Maeda: Spezialist der Spurensicherung beim Tokyo Metropolitan Police Department

Samantha Lodge: Satos australische Freundin und Nachbarin

Kentaro Sakamoto: Hacker und Polizei-Informant

Yuji Kato: vermisster Jugendlicher, vermutlich verstorben

Noriko und Goro Kato: seine Eltern

Kuro Ooki: ein Freund Yujis

Tomomi Nishino, Hiruko Akimoto und Takeshi Okamoto: Mordopfer

Hibiki Kosugi: Anführer einer rechtsradikalen Jugend-Gang

Shinji Shiraishi: ehemaliger Anführer der Gangster-Bande Shiraishi-gumi

Chin-Mae Park: südkoreanischer Ermittler in Tokio

Roddy Hyde: Clubbetreiber

Daiki Suzuki: Fernsehreporter

Masaru Iwaki: Einsatzleiter der Bereitschaftspolizei

Katsuaki Yamaguchi: Senior Superintendent des Tokyo Metropolitan Police Department

Sämtliche Namen entsprechen der deutschen und nicht der japanischen beziehungsweise koreanischen Reihenfolge bei der Nennung von Vor- und Nachnamen.

Prolog: Blut auf der Tanzfläche

Sie wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde. Dass sie keine Chance hatte. Dennoch wollte sie nicht bleiben, wollte bloß weg. Weg vom Blut. Als ob sie ihm entkommen könnte. Es verklebte ihr Haar, verschmierte ihr Gesicht, lief ihre Arme hinab, tropfte von ihren Händen. Ihr war schwarz vor Augen. Ihre Beine gehorchten ihr nur widerwillig.

Wie immer um diese Zeit war es laut und überwiegend dunkel im Crystal Bar Room. Die Zeit der lebhaften, weil bezahlten Gespräche zwischen den Gästen und den Hostessen des Clubs war vorbei. Wer jetzt noch hier war, wollte tanzen. Zu einem dumpfen Beat, bei einer Lichtdramaturgie, die einem nur in den Abständen des Stroboskops versicherte, dass die Welt um einen herum noch existierte.

In den meisten Nächten, in denen sie hier arbeitete, tanzte Samantha Lodge gerne mit. Sie war die australische Königin von Roppongi. Es gab kaum jemanden im Vergnügungsviertel, der die junge Hostess nicht kannte. Wenn Sam tanzte, dann wackelten die Pfunde und die Stimmung war auf dem Höhepunkt.

Heute tanzte sie nicht. Heute wackelten nur ihre Knie, als sie die flackernd leuchtende Neontreppe hinunterstakste, hin zur dunklen Tanzfläche, weg vom grellen Waschraum und dem, was sich dort zugetragen hatte. Immer wieder rempelte sie Gäste an, doch die warfen ihr lediglich missmutige Blicke zu, wie einem x-beliebigen betrunkenen Rempler, und widmeten sich wieder ihren Getränken und vorübergehenden Partnern. Den blutigen Gruß, den diese Remplerin an ihrer teuren Kleidung hinterlassen hatte, würden sie erst bemerken, wenn es wieder hell war.

Am Fuß der Treppe, wo die Tanzfläche begann, konnte sie sich endgültig nicht mehr halten. Sie warf sich der nächstbesten Tänzerin an den Hals.

»Hey, Semmu!«, rief die Frau im weißen Kleid freudig überrascht, die japanische Fassung von Samanthas englischem Spitznamen verwendend. Sofort darauf verstummte sie. Semmus Gesicht und Dekolleté waren blutüberströmt. Im irreführenden Licht des Clubs war das Blut so schwarz wie ihr enges Kleid. Trotzdem war offensichtlich, dass es sich nicht um verlaufenes Make-up handelte. Semmus Augenlider flatterten, ihr Mund wollte Worte formen, doch sie kamen ihr nicht über die Lippen.

Mit einem erschrockenen Schrei stieß die Tänzerin Samantha zu Boden. Den Aufprall spürte sie nicht mehr. Da war nur noch Nacht. Sie sah nicht, wie die Menschenmenge um sie herum fluchtartig in die Ecken des Raumes zurückwich, hörte nicht, wie sich der erste Schrei durch den ganzen Saal wie ein Echo fortsetzte.

1. Akt: Ein Todesfall in der Familie

Tag 1

Yuka in der Kälte

Zum ersten Mal seit Langem war Inspector Yuka Sato kalt. Sehr kalt.

Wie angenehm. Wenigstens in den Krankenhäusern, auch in den Gängen des Aiiku-Hospitals in Roppongi, durften die Klimaanlagen noch uneingeschränkt ihren Dienst tun. An so gut wie jedem anderen Ort musste Strom gespart werden. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima waren alle Kernreaktoren des Landes heruntergefahren worden. Auch jetzt, Monate später, war kein einziger wieder in Betrieb. Energiereserven gab es reichlich, doch für einen Luxus wie kühle Luft sollten sie nach Möglichkeit nicht verschwendet werden, glühend heißer Hochsommer hin oder her.

»Verzeihung, was machen Sie hier? Jetzt ist keine Besuchszeit.« Die Stimme einer älteren Krankenschwester riss Yuka aus ihrem meditativen Moment genossener Kühle. Eine Stimme mit einer dünnen Oberfläche aus Freundlichkeit, unter der deutlich autoritäre Strenge schimmerte.

»Ich bin keine Besucherin, ich bin Polizistin.« Sie zeigte ihren Dienstausweis.

Die Schwester beugte sich vor und schaute sich das Foto darin ganz genau an. Es war relativ aktuell, kurz nach Yukas 30. Geburtstag aufgenommen, als sie von der Abteilung für Sittlichkeitsverbrechen in die Abteilung für Gewaltverbrechen gewechselt war. Durch eine Verquickung von Stress und Hitze war ihr Gesicht momentan ein wenig schmaler als auf dem Foto, und die langen schwarzen Haare hatte sie hochgesteckt, um Luft an Hals und Nacken zu lassen, doch sie war eindeutig zu erkennen. »Ja, das sind wohl Sie«, räumte die Schwester ein. Ihr Ton wurde jovial. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich bin hier wegen des Vorfalls im Crystal Bar Room.«

»Ach, davon habe ich gehört. Wie schrecklich. Aber die Leiche hat man nicht hierher gebracht, auch wenn wir das nächste Krankenhaus sind. Dafür sind wir nicht ausgestattet. Aber ich kann mich für Sie erkundigen, wenn Sie wollen.«

Yuka winkte ab. »Ich bin nicht wegen der Leiche hier.« – ›Genau genommen bin ich gar nicht dienstlich hier.‹ Aber das musste die Schwester nicht unbedingt wissen. Yuka schilderte ihr Anliegen, und die Schwester wies ihr den Weg. Auf dem Weg durch Gänge und Wartebereiche registrierte sie ein deutlich höheres Patientenaufkommen als üblich. Die meisten der akuten Fälle waren Opfer der Hitze. Die Zahl der saisonalen Hitzschlagpatienten in der Region ging bereits in die Hunderte, vereinzelt hatte es sogar Todesfälle gegeben.

Yuka war erleichtert, heute nicht zu einem Todesfall unterwegs zu sein.

***

»Du siehst schlecht aus«, krächzte Samantha Lodge aus ihrem Bett.

Trotz ihrer großen Sorge um ihre Freundin musste Yuka lachen. »Es ist eine Affenhitze da draußen! Das einzige, was schlimmer ist als der Umstand, dass mein Deo versagt hat, ist, dass das von allen anderen ebenfalls versagt hat.«

»Dann bleibe ich lieber noch etwas hier liegen.« Sam lächelte matt.

Yuka erwiderte das Lächeln. »Das geht nicht. Du musst mir doch bei den Hausaufgaben helfen. Nächste Woche ist der Test.« Sam war nicht nur ihre Freundin und Nachbarin, sondern auch ihre Englischlehrerin. Momentan bereiteten sie Yuka darauf vor, den TOEIC-Test zu machen. Das hieß: Gemacht hatte sie ihn schon öfter. Diesmal hofften sie, dass sie ihn auch bestehen würde.

»Du kannst deine Hausaufgaben ja mit ins Krankenhaus bringen. Hier ist es zumindest klimatisiert.«

»Bei uns zu Hause auch. Da würde ich dich lieber sehen.« Yuka strich ihrer Freundin sanft durchs Haar. An einigen Stellen war es nach wie vor blutverkrustet, trotz der gründlichen Säuberung durch die Krankenschwester. »Du hast allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«

»Tut mir leid.« Seit Yuka Sam kannte, hatte diese nie so leise gesprochen. »Du willst bestimmt ganz genau wissen, was passiert ist. Was ich gesehen habe.«

Yuka schüttelte den Kopf. Die Bewegung war eine Lüge. Selbstverständlich brannte sie darauf, mehr über den Mord zu erfahren, doch sie wollte Sam für den Moment nicht noch größerem Stress aussetzen. »Ich bin hier als Freundin, nicht als Polizistin. Ich weiß auch gar nicht, ob ich den Fall übernehmen kann. Ist nicht gerade mein Revier.«

»Möchtest du denn?«

»Ja. Ich will nicht, dass die Sache verschleppt wird. Ich nehme das irgendwie persönlich.«

»Die hatten es ja nicht auf mich abgesehen ...«

»Trotzdem bist du eine Leidtragende. Als du hier eingeliefert wurdest, haben alle gedacht, es wäre dein Blut.«

»Ich war so fertig, dass ich das selbst geglaubt habe.«

»Du hast gesagt, die hatten es nicht auf dich abgesehen? Waren es mehrere?« Ob Privatbesuch oder nicht, Yuka konnte die Polizistin nicht komplett ausknipsen.

»Ich weiß es nicht. Ich bin davon ausgegangen. Das war so heftig. Da war einfach so viel ...« Sam ließ den Satz unvollendet, setzte neu an. »Ich kam in die Toilette und da sah ich sie über die Kloschüssel gebeugt. Dass der Boden voller Blut war, hatte ich erst gar nicht gesehen. Ich kannte sie flüchtig. Sie war neu. Ich dachte, ihr wäre schlecht, dass sie nervös war oder es etwas mit dem Champagner übertrieben hatte. Ich wollte sie nur fragen, ob alles in Ordnung ist und berührte ihre Schulter und ... da waren nur noch die Schultern. Dann sah ich das Blut überall in der Kabine, und ich fiel rückwärts, auf den Boden, ihr ... ihr Körper fiel auf mich ... ich kroch zur Tür, und sie schien an mir hängen zu bleiben ... ich dachte, ich werde sie nie wieder los ...« In ihren Augenwinkeln sammelten sich Tränen.

Yuka legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen. »Wir reden später darüber. Du solltest jetzt ein bisschen schlafen.«

»Nein! Wenn ich die Augen schließe, sehe ich immer ihren Kopf vor mir. Und die Musik. Ich höre die Musik.«

Der Kopf im Washlet

»Können wir jetzt wenigstens die Musik abstellen?«, fragte Assistant Inspector Shun Nakashima, als er gemeinsam mit Daisuke Kawase, dem Obersten Gerichtsmediziner des Tokyo Metropolitan Police Departments, den Tatort beging.

In ihren weißen Kapuzenanzügen aus sterilem Plastik, auf denen Kawase bestanden hatte, sahen sie aus wie Schneemänner. Insbesondere Nakashima mit seiner wuchtigen Figur und seinem weichen Gesicht.

Kawase funkelte ihn mit verkniffenem Blick an. Schwer zu sagen, ob es sich um seine übliche Verkniffenheit handelte oder ob er immer noch unter Schmerzen von dem Messerstich in den Magen litt, den ihm der Yoyogi-Park-Mörder im Frühjahr verpasst hatte. Immerhin konnte er inzwischen wieder ohne Hilfsmittel und ohne Humpeln gehen. »Also gut, Nakashima. Schalten Sie die verdammte Musik aus.«

Nakashima beugte sich über das Armaturenbrett vom Washlet, der High-Tech-Toilette mit allerlei Zusatzfunktionen, und drückte den rosa Knopf mit der Note. Die süßliche Melodie, die einen makabren Kontrast zum Szenario in der Damentoilette des Crystal Bar Rooms bildete, brach ab.

»Endlich«, seufzte der Polizist. Als machte das Fehlen der Melodie, die dazu gedacht war, peinliche Geräusche bei der Toilettenbenutzung zu überspielen, diesen Ort in irgendeiner Weise erträglicher.

Sahen sie aus wie Schneemänner, so waren sie Schneemänner in der Hölle. Die weiß gefliesten Wände waren rot verschmiert. Der Körper der jungen Frau lag grotesk verwinkelt in einer dunklen Lache auf dem hellgrauen Marmorboden. Der abgetrennte Kopf in der Schüssel schaute mit weit aufgerissenen Augen nach oben, ohne je wieder etwas zu sehen.

»Der Kopf wurde bewusst so positioniert«, sagte Kawase. »Wäre er einfach gefallen, läge er mit dem Gesicht nach unten.«

»Natürlich.« Nakashima wollte sich ein Beispiel an dem älteren Kollegen nehmen, professionell sein, den Fall als Fall sehen, obwohl all seine Reflexe in diesem Moment auf Flucht ausgerichtet waren. Er stand kurz vor der Beförderung, das wusste jeder. Es war zu vermuten, dass er darum hierher zitiert worden war. Obwohl es bestimmt im örtlichen Polizeirevier von Azabu einen Kollegen gegeben hätte, der diesen unangenehmen Ort schneller erreicht hätte als Nakashima, dessen Schreibtisch im Hauptquartier vom Tokyo Metropolitan Police Department in Kasumigaseki stand. Er legte sich den blauen Mundschutz an, in erster Linie damit Kawase weniger von dem Ekel in seinem Gesicht sah. »Wie ... wie mag das geschehen sein? Wurde der Kopf abgeschnitten? Abgesägt? Das muss doch ewig dauern, und hier herrschte zur Tatzeit bestimmt reger Betrieb.«

»Der Kopf wurde abgeschlagen«, erklärte der Gerichtsmediziner.

»Abgeschlagen?«

»Mit einem Schwert. Einem ziemlich scharfen Schwert.« Er deutete auf die Spuren am Hals. »Würde ich wetten, was ich prinzipiell nicht tue, würde ich alles darauf setzen, dass wir entsprechende Metallpartikel an der Leiche finden.«

Ein dritter Mann betrat den Raum. Er verbeugte sich knapp vor Nakashima, der die Verbeugung etwas weniger knapp erwiderte. Beide murmelten die Begrüßungsformeln, die man austauschte, wenn man sich zum ersten Mal im Leben begegnete. Vor Kawase verbeugte er sich nachdrücklicher, was dieser knapp erwiderte. Das Alter des Neuankömmlings lag zwischen dem des jungen Assistant Inspectors und dem des älteren Leichenbeschauers. Er war groß und schlaksig und trug die gleiche sterile Montur wie seine beiden Kollegen. Seinen Einsatzkoffer stellte er nach einem kurzen Blick dort ab, wo kein Blut auf dem Boden verlaufen war. Sein schwarzes Haar trug er akkurat gescheitelt. Anders als Kawases Scheitel, der unter der weißen Kapuze verborgen war, war es nicht dafür gedacht, einen Mangel an Haupthaar zu kaschieren. Seine Augen schauten durch eine unmodische Brille mit dicken Gläsern. Dieses Gesicht schien wie geschaffen, um als Professorenporträtfoto in Universitätsbroschüren gedruckt zu werden. Tatsächlich war der dazugehörige Mann in erster Linie Universitätsprofessor. Aber nicht nur. Akio Maeda lehrte Kriminaltechnik an der Meiji-Universität und war ein Spezialist auf dem Gebiet der Spurensicherung bei der Tokioter Polizei. Manche fanden: der Spezialist auf dem Gebiet der Spurensicherung. Nakashima war ihm bereits das eine oder andere Mal über den Weg gelaufen, aber sie waren einander nie offiziell vorgestellt worden. Kawase schien ihn besser zu kennen. Kein Wunder, beide waren Koryphäen auf ihrem Gebiet.

Maedas Bewegungen, Blicke und Worte konzentrierten sich auf das Wesentliche. Das hatte er mit dem Gerichtsmediziner gemein. Was bei Letzterem allerdings schroff wirkte, mutete bei Maeda nur ein wenig weltentrückt an. Einer seiner ökonomisch eingesetzten Blicke fand den Lichtschalter links der Eingangstür. Ein Blick an die Decke. Die Neonbeleuchtung war eingeschaltet. Der Raum hatte keine Fenster. »Haben Sie die Lichtschalter betätigt?«, fragte er.

»Selbstverständlich nicht«, antwortete Nakashima. »Aber wir wissen nicht, ob jemand anderes es nach dem Mord getan hat – vor unserem Eintreffen.«

»Das ist richtig. Gehen wir davon aus, dass es nicht so war.« Das Opfer war schließlich gestorben, als im Club Hochbetrieb geherrscht hatte. Eine andere Lichtquelle als die elektrische gab es nicht. »Bei dieser Präzision kann der Täter nicht im Dunkeln gemordet haben.«

Nakashima fiel etwas ein. »Wir haben zwar den Lichtschalter nicht betätigt, aber ich habe den Ton abgestellt.«

Maeda legte die Stirn in Falten. »Welchen Ton?«

»Diese ... Damentoiletten-Melodie, Sie wissen schon.«

»Nein, weiß ich nicht.«

Nakashima versuchte, sich peinlich berührt im Nacken zu kratzen, was in seinem Kapuzenanzug schwierig war. »Ich glaube, das ist, um unangenehme Geräusche ...«

Maeda unterbrach ihn. Nicht barsch, aber doch ungeduldig. »Ich weiß, wofür der Ton gedacht ist. Ich meine: Ich verstehe nicht, warum Sie ihn ausgeschaltet haben.« Übersetzung: Dies ist immerhin ein Tatort, an dem wir vorerst nichts verändern sollten.

Nakashima senkte den Blick. »Tut mir leid. Uns beiden ging die Melodie auf die Nerven.«

Kawase fügte hinzu: »Sie wiederholte sich. Nachdem wir sie mehrfach gehört haben, fand ich sie für die Beweisaufnahme nicht mehr relevant.«

»Aha.« Ein Blick zur Armatur des Washlets.

»Ich kann den Ton wieder einschalten, wenn Sie wollen«, bot Nakashima an.

»Danke, das mache ich selbst.« Maeda stieg über die Leiche, hin zu dem Knopf. »Sie haben hoffentlich Handschuhe benutzt?«

»Selbstverständlich.«

Mit seinem ebenfalls behandschuhten Finger drückte Maeda den Knopf. So weit an der Außenkante, wie es ihm möglich war. Die Melodie spielte erneut. Er kehrte mit behutsamen Schritten zurück auf seine Ausgangsposition in der Mitte des Raums. Ein Blick auf den Hals der Leiche, ein Blick auf den Kopf im Klosett. Acht ruckartige Blicke über den ganzen Tatort. Maeda unterteilte den rechteckigen Raum in gleichgroße Bereiche – zuerst nur im Geiste. Dann öffnete er seinen Koffer und markierte die Abschnitte mit gelben Schildern aus Metall, auf denen in Schwarz die Zahlen 1 bis 8 standen. Er nahm eine kleine Digitalkamera von Casio und fotografierte jeden Winkel ab. Die Kamera war türkis-metallic, was Assistant Inspector Nakashima als unpassend auffiel, wenngleich er sich nichts anmerken ließ. Das glaubte er zumindest. Ohne sich ihm zuzuwenden, sagte Maeda entschuldigend: »Die Kamera ist ausgezeichnet. Ich wollte unbedingt dieses Modell, es war nur leider nicht mehr in Schwarz verfügbar.«

Nakashima erschrak, fühlte sich ertappt. »Macht ja nichts. Ist doch ... schön. Welche anderen Farben wären denn noch verfügbar gewesen?«

»Glauben Sie mir, das wollen Sie gar nicht wissen.« Nachdem Maeda eine für ihn befriedigende Anzahl von Fotos gemacht hatte, kramte er einen Block Papier, verschiedene Bleistifte, Zirkel und Formen hervor und zeichnete den Tatort.

Nakashima war verblüfft. Er flüsterte Kawase zu: »Er zeichnet den Tatort?«

Statt des Angesprochenen antwortete Maeda selbst, ohne von seinem Block aufzusehen: »Ich kann Sie hören! Ich bin kaum einen Meter von Ihnen entfernt.«

»Oh, verzeihen Sie! Ich dachte, Sie wären ganz in Ihre Arbeit vertieft.«

»War ich auch.«

»Nochmals: Bitte verzeihen Sie.«

Maeda lächelte, weiterhin ohne aufzusehen. »Es sei Ihnen verziehen. Wenn ich den Tatort zeichne, muss ich mich dabei stärker konzentrieren, als wenn ich nur die Fotos mache. Vielleicht bemerke ich dabei etwas, was mir sonst nicht aufgefallen wäre.«

»Und? Bemerken Sie etwas?«

»Lassen Sie den Mann zeichnen!«, ging Kawase dazwischen.

»Meine hauptsächliche Arbeit beginnt erst später im Labor. Momentan sehe ich eine ganze Menge Blut«, erläuterte Maeda.

»Das sehe ich auch«, sagte Nakashima. Er hoffte, dass aus seinem Ton nicht der Klartext herauszuhören war: Das sieht ja nun jeder.

»Das ist wahrscheinlich das Blut einer einzigen Person«, fuhr Maeda fort. Er legte den Block fort. »Wenn hier ein Kampf stattgefunden hat, dann war es ein sehr ungleicher.«

Nakashima konnte sich nicht zurückhalten. »Ist ja auch unwahrscheinlich, dass das Opfer ebenfalls ein Schwert bei sich gehabt hat und es zu einem ebenbürtigen Duell in einer öffentlichen Toilette gekommen ist.« ›Oder waren das Highlander?‹, fügte er in Gedanken hinzu und rügte sich im nächsten Moment selbst dafür.

»Stimmt.« Maeda wirkte ungerührt. »Allerdings tragen viele dieser Hostessen Messer bei sich.« Er schaute sich um, machte eine komplette Drehung, deutete mit dem Finger. »Dort liegt ihre Handtasche, in Quadrant 2.« Er bezog sich auf seine eigene Nummerierung, eine weit von der Leiche entfernte Ecke des Raums. »Dort hat er sie nicht angegriffen.«

»Er? Wissen wir, dass es ein Mann war? Vielleicht war der Täter eine Frau«, unterbrach Nakashima. »Ist schließlich ... eine Damentoilette«, fügte er hinzu und kam sich sogleich blöd vor.

Maeda überlegte, vielleicht nur aus Respekt, oder Mitleid. »Das können wir nicht wissen, es ist aber unwahrscheinlich. Der Angriff wurde mit großer Kraft ausgeführt. Die Handtasche hat einen zerrissenen Riemen ...«

»Dann hat er ihr die Handtasche erst entrissen und so weit wie möglich weg geworfen. Vielleicht ahnte er, dass sie darin eine Waffe hat.« Nakashima fand, dass das seine erste qualifizierte Äußerung zu diesem Fall war.

Maeda schien dasselbe zu denken. Er lächelte ihm ermutigend zu. »Sehen Sie sich diese Blutflecken an.« Er deutete auf eine bogenartige Formation nahe der Toilettenschüssel, in der der Kopf lag.

Nakashima kam nicht umhin, er schaute sich die Flecken an.

Maeda positionierte sich parallel zu ihnen und machte ausholende Bewegungen, als schlüge er mit einem Schwert auf jemanden ein. »Hier wurde sie getötet. Hier ist das Blut am höchsten gespritzt. Sehen Sie!« Er zeigte auf einen blutigen Abdruck relativ weit oben an der Wand. »Das ist ihre Hand. Hier ist sie zu Boden gegangen. Sie hat versucht sich abzustützen.« Er malträtierte die Luft mit weiteren Schlägen seines unsichtbaren Schwertes. »Da wird ihr Hals bereits durchtrennt gewesen sein. Sehen Sie sich den Körper an!«

Nakashima tat auch das. Und auch das tat er widerwillig. Der Körper ohne Kopf, der ausgefranste Hals, das verschmierte Cocktailkleid, der hilflose Winkel der Arme und Beine – dieser Anblick war fast noch unerträglicher als der des abgetrennten Kopfs.

»Was fällt Ihnen auf?«

Nakashima wusste, dass Schlussfolgerungen von ihm erwartet wurden, wenn auch nicht von beiden Spezialisten an seiner Seite. Kawase bestand regelmäßig darauf, dass er lediglich für die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchungen zuständig sei, nicht für die kriminologischen und juristischen Schlüsse, die daraus gezogen wurden. Maeda war anders. Häufig musste er sich selbst bremsen, so wie jetzt, um dem Assistant Inspector das aussprechen zu lassen, was er zu gern selbst herausposaunen würde. Er war ein Enthusiast. Maeda war nicht festangestellt bei der Polizei, hauptberuflich saß er auf seinem Lehrstuhl für Forensik an der Universität. Er war froh, wenn er mal rauskam. Nakashima sagte: »Sie ist auf den Bauch gefallen. Ein ganzes Stück vom Washlet entfernt. Ich schätze ... eineinhalb Quadranten.« Er hoffte, seine Verwendung von Begriffen, die er für forensisches Vokabular hielt, würde wie eine Selbstverständlichkeit klingen. »Ihr Kopf wird nicht durch den Raum geflogen und in der Schüssel gelandet sein. Das ist erstens physikalisch unwahrscheinlich, zweitens wäre das Gesicht uns in dem Fall nicht zugewandt.« Er schaute auf den Boden. »Der Kopf wurde dort abgetrennt, wo die Leiche liegt. Er wurde also zum Klo gebracht. Wäre es umgekehrt, wären auf dem Fußboden Schleifspuren.«

»Sehr richtig.«

»Außerdem liegt die Leiche mit dem Kopf ... mit dem Hals ... dem Stumpf ... von den Toilettenkabinen abgewandt und dem Ausgang zugewandt. Das Opfer hat dem Täter also gegenübergestanden. Ihm vermutlich in die Augen gesehen.«

»Und was bedeutet das? Wollte der Täter sie von hinten erschlagen, sie hat sich aber umgedreht, bevor er zur Tat schreiten konnte?«

Nakashima verneinte. »Das passt zu ihm.« Ihm wurde bewusst, dass er vom Täter sprach, als hätte er bereits ein psychologisches Profil erstellt. So forsch war er normalerweise nicht. Er wusste nicht, ob er seine Kollegen damit beeindrucken konnte oder sich der Lächerlichkeit preisgab. Er ließ es drauf ankommen. »Ich habe mich von Anfang an über die Kaltblütigkeit und Furchtlosigkeit des Täters gewundert. Jemanden auf diese Weise zu verstümmeln und umzubringen, ist eine Sache. Aber es an einem derart öffentlichen Ort zu tun, ist noch mal eine ganz andere Liga. Dazu passt, dass er sein Opfer direkt konfrontiert. Wahrscheinlich wollte er gesehen werden. Er wollte, dass ihr Richter das letzte ist, was die junge Frau in ihrem Leben zu sehen bekommt. Vielleicht kannte er sie sogar. Vielleicht war es etwas Persönliches. Eifersucht. Rache.«

Kawase schaltete sich ein. »Wenn Sie ihn so gut kennen, wo ist er dann jetzt?« Das war nicht die Art von Frage, die er für gewöhnlich stellte. Er wollte ihn zurechtweisen.

Nakashima überging die Spitze. »Das ist die entscheidende Frage. Erst muss er sich unbehelligt Zutritt verschaffen, dies ist schließlich nicht die Herrentoilette. Dann darf er hier drinnen keinen Tumult auslösen. Und er muss sich drauf verlassen, dass während der Tat niemand hereinplatzt. Dass er hier reinkommt und seine Anwesenheit keinen Skandal auslöst, ist einigermaßen vorstellbar. Im Club war es zur Tatzeit dunkel, es war Hochbetrieb und, nun ja, man weiß ja, dass es hier moralisch nicht immer nach dem gesellschaftlichen Konsens zugeht. Aber wie hat er es bewerkstelligt, dass er während der Tat ungestört bleibt? Und wie ist er entkommen? Unübersehbar mit Blut verschmiert? Womöglich hat er Überkleidung getragen. Wie wir jetzt gerade. Einen Moment.« Er nahm sein Mobiltelefon und wählte eine Kurzwahlnummer. Ins Telefon sagte er nach kurzer Begrüßung: »Bitte stellen Sie den Inhalt sämtlicher Müllbehälter zwischen dem Crystal Bar Room und den Haltestellen der wichtigsten öffentlichen Verkehrsmittel sicher. Ja, jetzt gleich. Bevor der Müll abgeholt wird.« Er beendete das Gespräch.

Maeda nickte anerkennend.

Nakashima fuhr fort: »Vielleicht hat er Überkleidung getragen, die er auf der Flucht losgeworden ist. Eine andere offene Frage: Wie hat er das Schwert herein- und wieder hinausbekommen?« Diese Frage stellte er offen in den Raum. An Maeda gewandt fragte er: »Oder wurde das Schwert gefunden?«

»Nein. Allerdings kann uns der Türgriff weiterhelfen. Und der Schmutz auf dem Boden, in den Quadranten 1, 3 und 5.«

Nakashima schaute sich den Türgriff an.

Maeda reichte ihm ein kleines, schlichtes Vergrößerungsglas. »Nehmen Sie das.«

Er nahm es und sah hindurch. Ein Fremdkörper. Nicht winzig. Das Vergrößerungsglas war nicht notwendig, um ihn ausfindig zu machen. Doch es betonte seine Fremdartigkeit, schien ihm Bedeutung zu verleihen. Es sah aus wie ein kleines, zerfranstes Stück schwarzer Stoff. »Da ist etwas. Da steckt etwas fest, zwischen Klinke und Tür.«

»Genau. Lassen Sie mich.« Mit einer Pinzette entfernte Maeda vorsichtig den kleinen Fetzen, legte ihn auf seine weiß behandschuhte Handfläche. »Was halten Sie davon?«

»Sieht aus wie ein Stofffetzen. Vielleicht von einem Kleid.«

»Möglich. Ich würde aber eher schätzen, dass es sich um Kunststoff handelt.«

»Könnte trotzdem von einem Kleid sein. Sie glauben gar nicht, was die Mädels hier für Kleider tragen.«

»Aber Sie wissen das?«

Nakashima seufzte, er war es leid, sich dafür zu rechtfertigen, dass er das eine oder andere vom Leben wusste. »Ja, ich weiß das. Ich bin schon mal ausgegangen.«

»Das ist sehr gut.« Maeda ließ sich nicht anmerken, ob er von Nakashimas sarkastischer Erwiderung beleidigt oder belustigt war – oder ob er den Unterton überhaupt wahrgenommen hatte. Er steckte das kleine schwarze Fundstück in ein etwas größeres transparentes Plastikgefäß, auf dessen Papieretikett er einen kryptischen Code schrieb. Vielleicht war auch nur seine Handschrift kryptisch. »Vielleicht bedeutet es nichts. Doch könnte ich mir vorstellen, dass dieses Teil Stoff oder Kunststoff von einem Gegenstand stammt, mit dem der Täter die Klinke fixiert hat, damit niemand ihn bei seiner Arbeit störe. Nun sehen Sie auf den Boden.«

Nakashima tat es. Die Leiche, die Blutlache, Blutflecken, verwischtes Blut und Schmutz. »Jede Menge Schuhabdrücke. Müssen nicht unbedingt die des Täters sein.«

»Nein. Aber die des Täters sind garantiert darunter.«

Nakashima sah genauer hin. »Ich weiß auch welche.« Er deutete auf einige große, besonders prominente Exemplare.

»Sehr gut!« Maeda, der enthusiastische Lehrer. »Und warum diese?«

Da fühlte Nakashima sich schon ein wenig gönnerhaft unterfordert. »Weil es die einzigen Herrenschuhe sind. Und es ist immerhin die Damentoilette. Die Abdrücke sind im Blut hinterlassen worden. Also war derjenige, der hier in den Schuhen rumgelaufen ist, nach dem Mord hier. Und nach dem Mord waren hier nicht viele, weil nach dem Alarm der Zeugin alles abgesperrt wurde. Danach waren erst wieder wir hier. Und von uns trägt keiner solche Schuhe.«

»Genau. Und was für Herrenschuhe sind das?«

»Sehen aus wie Sneakers.«

Maeda lächelte. »Sneakers werden es nicht sein, damit dürfte man in diesen Laden gar nicht reinkommen.«

»Möglich, dass er sie mitgebracht und irgendwo gewechselt hat. Lauschige Plätzchen gibt es hier genug. Er muss außerdem das Schwert irgendwo versteckt haben.«

»Da ist was dran. Aber halten wir uns nicht zu lange mit dem genauen Schuhmodell auf. In einer Hinsicht haben Sie auf jeden Fall recht: Es sind definitiv sportliche Schuhe, nicht unbedingt elegante. Was sagt uns das?«

»Dass er kein Salary Man ist. Zumindest keiner, der hier direkt nach der Arbeit vorbeischaut oder einen Geschäftstermin wahrnimmt.«

»Richtig.«

Jetzt schüttelte Nakashima den Kopf. »Wenn er allerdings die Schuhe hier gewechselt hat, könnte er vorher alle möglichen Arten von Schuhen und Kleidung getragen haben.«

Maeda seufzte kaum hörbar. »Auch wieder wahr.« Er machte sich wieder an die Arbeit, drehte den Kollegen den Rücken zu, widmete sich dem Blut an den Wänden. »Wenn er die Schuhe hier gewechselt hat, finden wir sie vielleicht noch vor Ort.«

»Ich werde mich darum kümmern.« Nakashima machte sich eine Notiz.

Maeda maß die Blutspritzer mit dem Zentimetermaß und notierte die Größen millimetergenau in elegant unleserlicher Handschrift.

»Ist etwas ungewöhnlich an den Blutflecken?«, fragte Nakashima.

»Das kann ich noch nicht sagen«, antwortete Maeda, während er weiterarbeitete. »Sieht mir aber nicht ungewöhnlich aus. Der Umfang der Spritzer kann uns Auskunft darüber geben, wo das oder die Opfer gestanden haben.«

»Die Opfer? Glauben Sie, es wurde noch jemand ermordet und die Leiche beseitigt?«

»Nein. Ich meine, wenn es einen Kampf gegeben hat, dann wissen wir nicht, ob das hier ausschließlich das Blut der Ermordeten ist.«

»Selbst wenn sie dem Täter ein paar mitgegeben haben sollte, würde ich ihn nicht als Opfer bezeichnen.«

Maeda wandte sich ihm zu. »Sie haben recht. Der Begriff ist unpassend. Unsensibel. Verzeihen Sie.« Er deutete eine Verbeugung an, knapp, aber aufrichtig. Dann arbeitete er weiter.

Nakashima zwang sich, der Toten, ihrem Kopf, ein letztes Mal ins Gesicht zu sehen. »Hat sie eigentlich einen Namen?«

»Wie bitte?«

»Einen Namen. Wissen wir, wie die Tote geheißen hat? Beziehungsweise wie sie immer noch heißt? Wer sie war?«

Kawase meldete sich: »Tomomi Nishino. Den Namen hat uns der Betreiber des Clubs mitgeteilt. Sie war Hostess hier. Nach allem Anschein nicht unbeliebt.«

Nakashima schluckte und wandte sich ab. Genau, was er gedacht hatte, als er den ersten kurzen Blick in das tote Gesicht geworfen hatte. Tomomi. Sie war es.

Seine nächsten Schritte wollten wohlüberlegt sein.

***

Nach wenigen Minuten effektiver Arbeit waren Fingerabdrücke und Blutproben von Wänden, Türen und Boden genommen, katalogisiert und verstaut. Der Kopf des Opfers war endlich aus seiner unwürdigen Lage befreit und in einem Plastiksack verschweißt worden. Auch nicht gerade das würdigste Behältnis, aber ein Fortschritt, fand Nakashima.

»Gut, dann dürfte unsere Arbeit hier erledigt sein.« Kawase verließ den Toilettenbereich, zog sich im Waschraum die Handschuhe aus und entledigte sich der Sicherheitskleidung. Seine Kollegen taten es ihm gleich.

Ein uniformierter Polizist, durch sein silbern eingefasstes Abzeichen mit einem einfachen goldenen Streifen als einfacher Officer zu erkennen, nahm ihnen die Kleidung ab und verstaute sie diskret in Wäschesäcken. Die Beweisstücksammlungen nahm er ebenfalls an sich.

Nakashima war erstaunt, dass Kawase unter seiner weißen Montur einen kompletten, adretten Anzug trug. Der Mann schwitzte offenbar nie. Außerdem überraschte es ihn, nicht Kawases übliche Überkämmfrisur zu sehen, sondern eine glänzende Glatze mit ein paar dunkel schimmernden Schatten, wie verblassende Erinnerungen an vergangene Behaarung. Seine Kollegin Yuka Sato hatte recht gehabt, als sie einmal ihm gegenüber behauptet hatte, Kawase würde ganz ohne Haare bestimmt gar nicht schlecht aussehen.

Als die drei Männer sich daran machten, den Club durch den Haupteingang zu verlassen, sagte der junge Officer, der ihnen beim Ablegen der Schutzkleidung geholfen hatte: »Verzeihen Sie – Sie sollten da jetzt nicht rausgehen! Nehmen Sie lieber den Hinterausgang!«

Kawase murrte: »Der Ruf dieses Ladens ist mir herzlich egal. Mein Wagen steht da vorn und ich muss so schnell wie möglich zurück in meine Leichenhalle.«

»Es geht nicht um den Ruf – « Doch es war schon zu spät. Kawase hatte die Tür aufgerissen und eine Welle aus Kameraklicken und aufgeregtem Geschnatter rollte über die Polizisten hinweg.

»Stimmt es, dass ein neuer Serienmörder in der Stadt ist?«

»Ist es ein Yakuza-Verbrechen?«

»Hat die Tat etwas mit den Bandenkriegen in Roppongi zu tun?«

»Haben Sie schon eine heiße Spur?«

»Stimmt es, dass er Trophäen seiner Opfer behält?«

»Wurde das Opfer vor oder nach der Tat vergewaltigt?«

»Haben Sie einen Namen für uns?«

Unter Aufbringung all seiner Kräfte schloss Nakashima die Tür mit vollem Körpereinsatz und heftigem Schnaufen.

»Presse!«, japste Kawase in einem Ton, als würde er sagen: Außerirdische!

»Nehmen wir den Hinterausgang«, sagte Nakashima.

»Dahin dürften die Kollegen von der Presse genau jetzt unterwegs sein«, warf Maeda ein.

»Nicht zu dem Hinterausgang, den ich meine.« Nakashima konnte sich ein siegessicheres Grinsen nicht verkneifen. »Den kennt nicht jeder.«

Maeda nickte Zustimmung. Sein Gesichtsausdruck war zu 75 Prozent Respekt und zu 25 Prozent Misstrauen. Irgendwas an diesem Nakashima war ihm nicht geheuer.

In des Kaisers Garten

Shun Nakashima war nicht mit dem üblichen zivilen Nissan Bluebird zum Tatort gefahren, sondern mit einem regulären Streifenwagen, einem alten Nissan Cedric, um sich im Verkehr größere Autorität zu verschaffen. Mit diesem setzte er Akio Maeda vor den hohen, modernen Gebäuden der Meiji Universität in Chiyoda ab, wo dessen Büro lag, bevor er selbst in die die Polizeizentrale in Kasumigaseki fuhr. Die meisten Menschen rissen sich sicherlich nicht darum, von einem Polizeiwagen vor der Tür des Arbeitgebers abgesetzt zu werden. Maeda allerdings war nicht wie die meisten Menschen. Er schien über diesen Umstand von einer kindlichen Freude erfüllt.

In Kasumigaseki fuhr Nakashima durch mehrere kontrollierte Schranken auf einen der Parkplätze auf der Rückseite des keilförmigen, 18-stöckigen Komplexes und begab sich sofort in das Gemeinschaftsbüro, das er mit Inspector Sato und ihrem Team teilte. Dies bildete zwar nicht die Spitze des Gebäudes, lag aber hoch genug, um einen herrlichen Blick auf die Gartenanlagen des Kaiserpalastes zu haben, was für so manchen alltäglichen Berufsfrust entschädigte. Hatte der Frust mit geköpften Hostessen zu tun, funktionierte es leider nicht. Besonders nicht, wenn man das Opfer gekannt hatte.

An Satos Schreibtisch traf er seine Vorgesetzte nicht an. Da stand nur der wackelköpfige Pipo-kun, der ihn von ihrem Schreibtisch aus niedlich anstrahlte, das Maskottchen vom Tokyo Metropolitan Police Department. Ein mauseähnliches Getier ungeklärter Herkunft, der Name zusammengesetzt aus den englischen Begriffen people und police. »Du weißt wohl auch nicht, wo Inspector Sato steckt?«, fragte Nakashima ihn, bekam aber keine Antwort. Stattdessen summte sein Mobiltelefon. Er hatte inzwischen aufgegeben, es mit originellen Klingeltönen auszurüsten, nachdem keiner seiner Favoriten den Segen seiner Chefin gefunden hatte. Nicht, dass sie ihm seine Töne verbieten konnte. Doch der Spott war es irgendwann nicht mehr wert. Auf dem Display des iPhone 4 erschien eine Nachricht aus der LINE-Applikation: Inspector Sato hat einen Sticker gesendet. Nakashima öffnete das Programm und sah, dass sie nicht nur einen Sticker gesendet hatte, sondern auch die Frage: Brot auf der Bank? Darunter eine Abbildung, die die rundgesichtige Cartoon-Figur Moon beim Verzehr eines dreieckigen Sandwichs zeigte. Moon blickte verschlagen. ›Der blickt immer verschlagen‹, dachte Nakashima. Er mochte Moon nicht, aber er mochte die Nachricht. Er tippte zurück: Gern. Wann?

Wenig später erschien eine weitere Sprechblase: Bin schon da. Das Brot vielleicht nicht mehr lange.

Er tippte, bereits auf dem schnellsten Weg aus dem Gebäude: Bin schon unterwegs.

Eine weitere Nachricht von Sato: Bitte bringen Sie etwas zu trinken mit, ich dehydriere.

***

Yuka Sato und Shun Nakashima saßen auf ihrer üblichen Parkbank am Spazierweg, der rund um das Grundstück des Kaiserpalastes führte, und aßen mit Ei, Thunfisch und Schinken belegte Sandwiches aus weißem, weichen Brot. Den Palast selbst konnte man vor hier nicht sehen, überhaupt durfte man ihm nur an wenigen Tagen im Jahr, zu besonderen Anlässen, richtig nahe kommen. Der Schlossgraben und seine begrünten Ufer waren allerdings auch ohne Palast ein erhabener Anblick. Ohne die Geräuschkulisse könnte man dabei fast den niemals endenden Kreisverkehr vergessen, der im Rücken der Polizisten Stoßstange an Stoßstange durch diesen zentralen Stadtteil mal raste, mal kroch.

Die einzige Bewegung, die Sato und Nakashima vor Augen hatten, waren die Jogger, die auf dem Fußweg um das Palastgrundstück trabten. Angesichts des Wetters glänzten sie vor Schweiß.

»Ganz schön bekloppt, oder?«, sagte Sato zwischen zwei Bissen.

»Was denn?«, fragte Nakashima.

»Jogging.«

Er war verwirrt. »Es ist doch gar nicht so lange her, dass Sie das selbst regelmäßig gemacht haben. Und zwar genau hier.«

»Ich meine ja nicht generell, sondern bei dieser Affenhitze. Ich bekomme schon vom Zusehen Kreislaufschwäche.« Sie nahm einen Schluck aus der Flasche CC Lemon, die ihr Kollege ihr aus einem der Getränkeautomaten in der Zentrale mitgebracht hatte, und stieß ein Geräusch des Wohlgefallens aus. »Köstlich! Ich bin heilfroh, dass man die Kühlung der Getränkeautomaten wieder eingeschaltet hat.«

»Zumindest unsere.« Das Einstellen der Kühlung in den Automaten nach der Kernreaktorhavarie in Fukushima im März des Jahres und dem Herunterfahren aller Atomkraftwerke gehörte zu den landesweiten Stromsparmaßnahmen. Sie waren keineswegs beendet, doch war man wohl davon ausgegangen, dass zumindest Polizisten in den heißen Sommermonaten gut gekühlt ihren Dienst verrichten müssen.

Als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, wechselte Yuka Sato abrupt das Thema, als halte sie sich an einen strengen Zeitplan. Jetzt war die Mittagspause vorüber, es folgte der nächste Programmpunkt: »Hören Sie Nakashima: Ich will diesen Fall.«

Er wusste natürlich, welchen Fall sie meinte. »Finden Sie nicht, dass Sie schon genug Publicity haben? Oder haben Sie Angst, dass die schon wieder abnimmt?« Er und Sato hatten eher ein freundschaftliches als ein dienstliches Verhältnis, darum wusste er, dass er sich diese gut gemeinte Spitze erlauben konnte.

»Um Publicity geht es mir überhaupt nicht. Es geht mir um Sam.«

»Sam?«

»Samantha Lodge ... Sie kennen doch meine Nachbarin!«

»Selbstverständlich kenne ich sie! Sie ist ja jetzt ständig im Fernsehen.« Es stimmte, dass Sam als Kommentatorin bei einem Lokalsender arbeitete, obwohl der Begriff ›ständig‹ für ihre Bildschirmpräsenz reichlich hoch gegriffen war. »Ich weiß auch, dass sie als Hostess arbeitet. Aber verzeihen Sie, überreagieren Sie da nicht ein wenig? Es gibt Abertausende Hostessen in dieser Stadt, da wäre es schon großer Zufall, wenn sich der Täter ausgerechnet Sam schnappen würde. Außerdem wissen wir noch gar nicht, ob der Mord Teil einer Serie ist oder ob es ein konkretes Motiv gab, mit dem die Sache für den Täter erledigt ist.«

»Erstens möchte ich selbst zufällige Mordfälle vermeiden, insbesondere an meinen Freundinnen. Zweitens wäre es ein so großer Zufall nun auch wieder nicht. Wussten Sie nicht, dass Sam die einzige Zeugin ist?«

Nakashima zuckte zusammen. »Was?«

Sato nickte. »›Zeugin‹ ist vielleicht übertrieben, aber sie hat die Leiche gefunden. Vielleicht hat sie etwas gesehen, was uns weiterhilft, auch wenn sie sich momentan nicht an viel erinnert.« Sie erzählte ihm, was Sam ihr im Krankenhaus gesagt hatte. Das rückte den Tathergang, wenn auch nur geringfügig, in ein neues Licht, waren Maeda und Kawase doch davon ausgegangen, dass das Opfer nicht in der Toilettenkabine ermordet worden war, sondern ein paar Meter davor und nur der Kopf dort platziert worden war.

»Das ist ja ... schrecklich ...« Nakashima teilte ihr mit, was er in Erfahrung gebracht hatte. Er verhielt sich überaus nervös, nervöser noch als sonst.

Seine Anteilnahme und Nervosität kamen Sato seltsam vor. Doch diese Reaktion war ihr lieber als die abgebrühte Sachlichkeit älterer Polizisten.

»Sam wird schon drüber hinwegkommen, so wie ich sie kenne. Aber Sie verstehen jetzt, warum ich diesen Fall will?«

»Natürlich verstehe ich das. Aber gerade Ihr persönlicher Bezug dürfte die Sache schwierig machen.«

»Ich weiß, dass es gegen die Regeln ist, einen Fall zu übernehmen, in den man emotional involviert ist. Aber eigentlich ist das doch Unsinn. Bei solchen Fällen ist man früher oder später ohnehin emotional involviert. Ich hätte Sie gern dabei, aber Sie können nein sagen.« Sato wusste, dass ihr Partner trotz seiner handfesten Idealvorstellung eines Polizisten ein ziemliches Sensibelchen sein konnte. Und dieser Fall schien noch weniger für Sensibelchen geeignet als ihr letzter. »Allerdings möchte ich Sie um eines bitten: Verraten Sie Senior Superintendent Yamaguchi nichts von meiner persönlichen Beziehung zu Sam.«

»Sie können ganz beruhigt sein. Von mir erfährt niemand ein Wort. Und selbstverständlich bin ich dabei.« Er schaute zu Boden, als wäre ihm sein Mut peinlich. »Ehrlich gesagt wollte ich sowieso vorschlagen, dass wir den Fall übernehmen ... wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Habe ich offensichtlich nicht!« Sato strahlte. »Dann sollten wir jetzt mit dem Senior Superintendent sprechen!« Ihr Strahlen endete abrupt, als ihr etwas einfiel. »Geht nicht. Ich muss erst zu Kawase.«

»Geht es um den Fall?«

»Selbstverständlich. Oder glauben Sie, wir wären plötzlich gute Freunde geworden?«

»Bestimmt nicht. Es wundert mich nur, dass er Sie herbestellt hat, wenn das noch gar nicht Ihr Fall ist.«

»Vielleicht weiß er nicht, dass es nicht mein Fall ist. Und von mir wird er das auch nicht erfahren.«

Satos Partner grinste. »Von mir auch nicht.«

»Außerdem hat er mich gar nicht herbestellt. Aber ich kann ihm doch trotzdem einen kollegialen Besuch abstatten.« Sie lächelte. »Als alte Freundin.«

»Darf ich mitkommen?«

»Das halte ich für keine gute Idee, das sähe doch sehr offiziell aus.«

Er schien ehrlich enttäuscht. Und ein bisschen besorgt. »Also gut. Aber informieren Sie mich bitte sofort, wenn Sie etwas herausfinden.«

»Das mache ich gern.« Nakashimas Entschlossenheit, einen derart blutrünstigen Fall zu übernehmen, und zwar am besten sofort, überraschte Sato. Dann ging ihr ein Licht auf. Sam. Es ging um Semmu. Die beiden kannten sich flüchtig. Sie waren ein paarmal zu dritt ausgegangen, und dabei war Nakashima immer sehr angetan von Sam gewesen. Er war offensichtlich in sie verknallt – und würde trotz des guten Verhältnisses zu seiner Vorgesetzten davor zurückscheuen, ihr in dieser Sache etwas von seinen Gefühlen zu verraten.

Sato stand auf und verabschiedete sich mit einer knappen, herzlichen Verbeugung. »Vielen Dank für das erfrischende Getränk und das ermutigende Gespräch.« Sie warf die Plastikflasche, die Verpackung des Sandwiches, die feuchte Serviette und die trockene Serviette sowie die Verpackung von beidem in die Plastiktüte, in die der Mitarbeiter des konbini der Popular-Kette ihren Einkauf gepackt hatte. Den Müll würde sie am nächsten Container in die dafür vorgesehenen Recycling-Schächte einsortieren. Sie zögerte einen Moment, dann legte sie ihrem Kollegen die Hand auf die Schulter. »Und, Shun-kun, machen Sie sich keine Sorgen um Sam. Sie ist stark, und wir beide werden sie schon beschützen.« Dann ging sie zur U-Bahn-Station Sakuradamon, die zwischen der Polizeizentrale mit ihrer in die Jahre gekommener Modernität und dem zeitlos altmodischen roten Backsteinbau, der das Justizministerium beherbergte, lag.

Im klimatisierten Reich der Toten

Yuka Sato fuhr in zwei Minuten mit der Yurakucho-U-Bahnlinie bis Yurakucho, dort stieg sie um in die Yamanote-Eisenbahnlinie, die in einem neunzigminütigen Kreis durch den innerstädtischen Bereich fuhr. Nach neun Minuten stieg sie am Bahnhof Ueno aus. Für den kurzen Weg zur Pathologie auf dem Universitätsgelände in Hongo, wo Kawase seine Arbeit verrichtete, nahm sie ein klimatisiertes Taxi. Angesichts der Schwüle erfüllte sie weder der Gedanke an einen stickigen Linienbus noch der an einen Spaziergang mit unbändiger Vorfreude. Vor dem mächtigen Holztor, durch das man den Campus betrat, bedeutete sie dem Fahrer in seiner adretten Uniform und den Handschuhen anzuhalten. Sie bezahlte exakt den angegebenen Fahrpreis und ließ sich eine Quittung aushändigen. Der Fahrer betätigte am Armaturenbrett den Knopf, der die Hintertür öffnete und automatisch wieder schloss. Sato ging durch eine breite, von Bäumen und Gebäuden zwischen Beinahe-Barock und schnöder Sachlichkeit gesäumte Allee zu dem Bau, in dem sie den Obersten Leichenbeschauer des TMPD zu treffen hoffte. Hoffentlich nicht über eine frisch geöffnete Leiche gebeugt.

***

Cool Biz. So hatte bisher das offizielle Stichwort gelautet, das die Politik nutzte, um in den Sommermonaten Strom zu sparen. Es bedeutete, dass die Klimaanlagen nur bis 28° C herunterkühlten und man im Büro das Jackett ablegen durfte. Unter dem Jackett durfte sogar die Krawatte fehlen.

Im Sommer 2011 reichte das nicht mehr. Das Stichwort, das jetzt ausgegeben wurde, lautete: Super Cool Biz. Die Phase der gedrosselten Klimatisierung wurde um zwei Monate verlängert. Sie ging nun von Mai bis Oktober anstatt von Juni bis September. Angestellte, die nicht gerade unentwegt Kundenkontakt hatten, durften sogar Hawaii-Hemden tragen. Gerüchten zufolge arbeiteten einige Unternehmen bereits an der nächsten Steigerung, dem Ultra Cool Biz, das kurze Hosen vorsah.

Super Cool Biz hin oder her, Sato hatte nicht erwartet, Kawase in seinem stets gleich kalten, verspiegelten und sauber gefliesten Reich der Pathologie im Hawaii-Hemd anzutreffen. Sie würde nicht einmal auf Hawaii erwarten, Kawase im Hawaii-Hemd anzutreffen – wobei sie ohnehin nicht davon ausging, dass er jemals dort gewesen war oder plante, jemals dort hinzureisen. Umso erstaunter war sie, als sie es unter seinem aufgeknöpften Kittel tatsächlich bunt blühen sah. Schnell schaute sie auf seine Beine, doch die Hose war lang, wie es sich gehörte.

»Inspector Sato«, stellte Kawase fest. Es sollte wohl eine Begrüßung sein.

»Es freut mich auch, Sie zu sehen«, erwiderte Sato, obwohl sie nicht wusste, ob das ›auch‹ angebracht war. »Es freut mich, dass Sie wieder auf den Beinen sind.« Nach seiner Verletzung bei ihrem gemeinsamen Fall im Frühjahr hatte er eine Weile im Rollstuhl gesessen. Seitdem hatten sie sich nicht mehr gesehen. Dass es schon so lange her war, wurde ihr erst jetzt klar.

Er ging nicht auf ihre vermeintliche Höflichkeitsfloskel ein, die durchaus aufrichtig gemeint war. »Was bringt Sie hierher?« Dabei wusste er es ganz genau.

»Die Tote aus dem Club in Roppongi.«

»Sie wurden mit dem Fall betraut?«

»Noch nicht.«

»Dann dürften Sie gar nicht hier sein.«

Sato war bewusst, dass Kawase den Konjunktiv mit Absicht benutzte. Er hinderte sie nicht daran, trotz der fehlenden Befugnis dort zu sein, wo sie in diesem Moment war. Er hatte ihr schon einmal geholfen, einen Fall zu bekommen – damals gegen ihren Willen. Durch seine Hilfe hatte sie sich zu jener Zeit überhaupt erst hilflos gefühlt. Da fand sie es nur fair, nun seine Hilfe anzufragen. Zumindest indirekt. Ihre Anwesenheit hier war Anfrage genug, und Kawase wusste es. Dass er sie nicht fortschickte, bedeutete sein Einverständnis. Das wiederum wusste Sato. Er würde ein gutes Wort für sie einlegen, falls er nach seiner Meinung zur Vergabe des Falls gefragt wurde. Und das war mehr als wahrscheinlich.

»Ich danke Ihnen, dass ich trotzdem hier sein darf.« Sie verbeugte sich rasch.

Er grunzte, was alles oder nichts bedeuten mochte. Da er noch immer keine Anstrengungen unternahm, sie rauszuwerfen, durfte sie es wohl als akzeptierendes Grunzen werten. Kawase starrte eine Weile auf die starrende Sato. Dann fragte er: »Warum starren Sie mir eigentlich die ganze Zeit auf die Brust?«

Sie erschrak. »Ich! Ich meine ... das Hemd ...«

Er schaute an sich herunter, als sei er sich nicht bewusst, wovon sie sprach. »Ach das. Das trage ich öfter.«

»Ich habe es noch nie an Ihnen gesehen.«

»Normalerweise knöpfe ich den Kittel zu. Es ist allerdings doch recht warm geworden in den letzten Tagen.«

»Ist mir auch aufgefallen.«

»Durch dieses Hemd fühle ich mich mit meinem Land und meiner Kultur verbunden. Manchmal zweifle ich und brauche in dieser Hinsicht ein wenig Rückversicherung.«

Sato war sich nicht sicher, aber sie glaubte, Kawase sprach damit auf die Klasse der burakumin an. Menschen, die in Berufen arbeiteten, die nach alten religiösen Ansichten als unrein galten. Unter anderem zählten dazu Berufe, bei denen man mit Toten in Berührung kam. Offiziell waren diese gesellschaftliche Zuordnung und die damit einhergehende Diskriminierung schon lange abgeschafft. Doch die Gedanken waren frei, und leider waren nicht alle freien Gedanken gute Gedanken.

Kawase hatte sicher auch im aufgeklärten 21. Jahrhundert noch mit einigen Vorurteilen seiner Landsleute zu kämpfen. »Das finde ich schön, dass Sie Ihr Hawaii-Hemd mit patriotischem Stolz erfüllt«, sagte sie. »Ich wusste nur nicht, dass Sie aus Hawaii kommen.«

»Komme ich auch nicht. Ich komme aus Hokkaido.«

»Wie ...« Sie hätte beinahe gesagt: ›Wie passend, dort ist es immer recht kalt‹, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. »Warum dann ein Hawaii-Hemd?«

Sein Seufzen war die Art von Seufzen, die besagte: ›Muss man Ihnen denn wirklich alles erklären?‹ – »Das Hawaii-Hemd ist eine urjapanische Erfindung, die von Kyoto, unserer wahren Hauptstadt, nach Hawaii wanderte. In Mode kam es hierzulande wieder durch den japanischen Schauspieler Shinichi Chiba, der in Todeskampf in Hiroshima eines trug.«

»Shinichi Chiba mögen Sie bestimmt.«

»Ja.« Ausführlichere Erörterungen dazu hielt er anscheinend nicht für angebracht.

»Dann ist das ein japanisches Hawaii-Hemd?«

»Nein, es kommt aus Hawaii.«

»Ich kann Sie mir auf Hawaii gar nicht vorstellen.«

»Flitterwochen.«

Daher wehte der Wind. Wahrscheinlich erinnerte ihn das Hemd eher an seine verstorbene Frau als an seine patriotische Ader. Vielleicht war es ein Kommunikationshemd, ein ›Frag-mich-nach-meinem-Hemd‹-Hemd. Womöglich war das seine Art, außerberufliche Konversation zu betreiben. Oder irgendwann bei solcher anzukommen. Erste, kleine Babyschrittchen. Außerdem fiel ihr auf, dass er sich den Kopf rasiert hatte. Sie selbst hatte schon länger darüber fantasiert, dass Kawase recht apart aussehen könnte, so er sich nur zu seiner voranschreitenden Glatze bekennen würde, anstatt sie unter einer klassischen Überkämmfrisur erfolglos zu verstecken. Ausgesprochen hatte sie diese Fantasie ihm gegenüber selbstverständlich nie, sie war ja nicht lebensmüde. Nun stellte sie mit innerer Genugtuung fest, dass sie recht gehabt hatte. Er sah gut aus, jetzt, wo er die Frisur trug, mit der der Mann von heute seinen Haarausfall kaschierte. Die Glatze – Überkämmfrisur des 21. Jahrhunderts.

»Ich verstehe«, riss er sie aus ihren Gedanken.

»Was?«

»Ich verstehe. Jetzt starren Sie krampfhaft auf meinen Kopf, um nicht krampfhaft auf mein Hemd zu starren.«

»Nein! So ist das nicht.«

»Wie dem auch sei, wenden wir uns dem zu, weswegen Sie hier sind.« Er ging zu der Wand, die von Kühlfächern gesäumt war. Stählerne Kühlfächer in strengen Reihen, groß genug für das, womit sie normalerweise befüllt wurden.

Sato entdeckte an einer Wand der Leichenhalle einen butsudan, einen kleinen, schwarzen buddhistischen Altar für die Verstorbenen, wie er für gewöhnlich in Privathaushalten stand. Auf der obersten Stellfläche symbolisierten drei Schriftrollen Buddha und die Vordenker des Zen-Buddhismus, in unteren Fächern waren die Namen Verstorbener festgehalten beziehungsweise die buddhistischen Namen, die sie nach dem Tod tragen sollten. Ein paar Mitgaben für das Totenreich, größtenteils Lebensmittel, waren ebenfalls vorhanden. »Der butsudan hier ist mir noch nie aufgefallen ...«, sagte Sato. Sie war dankbar für seine Anwesenheit und konzentrierte sich lieber auf ihn als auf die Kühlfächer. Er wirkte in seiner familiären Wärme, seinen Wohnzimmer-Assoziationen wie ein Anachronismus in dieser in mehr als einer Hinsicht kalten Umgebung. Wie ein sehr willkommener Anachronismus.

»Er steht auch nicht immer hier. Manche Angehörige bestehen darauf. Manchen Angehörigen hilft er.« Er ließ nicht durchblicken, wie er in dieser Angelegenheit dachte, ob er den Fremdkörper als Störfaktor empfand oder er ihm ebenfalls bei etwas half.

»Haben die Angehörigen von Tomomi Nishino ihr etwas ins Totenreich mitgegeben?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Sato schaute sich den Altar genauer an. »Sieht nicht so aus. Waren sie überhaupt hier?«

»Bei mir nicht.«

»Aber sie haben ihr Einverständnis zur Autopsie gegeben?«

»Soweit ich weiß, ja. Ansonsten hätte ich ein Problem.« Er zog eines der Kühlfächer auf. Es enthielt die zweiteilige Leiche von Tomomi Nishino. Kopf und Köper waren separat in milchig-transparentes Plastik verpackt, was ihren schattigen Konturen etwas Gespenstiges, Ätherisches gab. Sato erschrak. Kawase seufzte. »Womit haben Sie denn gerechnet?«

»Entschuldigung ... ich hatte irgendwie nicht damit gerechnet, dass beides beieinander aufbewahrt wird. Obwohl ich mir eigentlich nicht sicher bin, ob ich die Alternative bevorzugen würde.«

Ohne Vorwarnung riss der Mediziner die Reißverschlüsse der Behältnisse auf. Er hatte jetzt nur noch Augen für die Tote, sprach aber weiter zu seinem lebenden Gast. »Damit Sie sich nicht weiterhin den Kopf zerbrechen und sich stattdessen auf das Wesentliche konzentrieren: wegen der Hitze.«

»Was?«

»Ich habe es wegen der Hitze getan.«

Getan? War das ein makabrer Scherz? Hatte Kawase es immer noch nicht verwunden, dass sie ihn in ihrem letzten gemeinsamen Fall kurzzeitig verdächtigt hatte, ein Serienmörder mit einem Lolitakomplex zu sein? Das lag Monate zurück. Konnte er so nachtragend sein? »Ich verstehe nicht ...«

»Ich habe mir den Kopf wegen der Hitze rasiert.«

Sie lachte und hörte sofort wieder auf, weil sie ihn nicht auf falsche Gedanken bringen wollte. Sie war sich selbst nicht sicher, was die richtigen Gründe für ihr Lachen waren. Dass sie so falsch mit ihren Mutmaßungen über seine Gedankengänge gelegen hatte? Oder die Fadenscheinigkeit seiner Begründung? Es war schließlich nicht der erste heiße Sommer und sein Arbeitsplatz hatte den einen einzigen Vorteil, dass er immer penibel gekühlt wurde, egal welches Sparprogramm die Regierung gerade allen anderen verordnete. Und schließlich hatte er auch vorher schon nicht so viele Haare gehabt, dass es einen großen Temperaturunterschied gemacht hätte.

Als hätte er ihre Gedanken erraten, sagte Kawase: »Je älter ich werde, desto hitzeempfindlicher werde ich. Kommen wir aber nun zu Fräulein Nishino. Es besteht kein Zweifel daran, dass sie an den schweren Verletzungen gestorben ist, die ihr mit einer großen Hieb- und Schnittwaffe beigebracht wurden, wahrscheinlich einem Schwert.« Er zeigte mit einem edlen Kugelschreiber auf die Wunden am Hals. Am Hals des Kopfes und am Hals des Rumpfes.

»›Schwere Verletzung‹ ist auch eine Art, einen abgetrennten Kopf zu beschreiben«, murmelte Sato. Sie musste an Ichiro Hayashi denken, den Yoyogi-Park-Mörder. So nannte sie ihn jetzt, und so hatte sie allen Kollegen eingebläut ihn zu nennen. In der Presse war der Täter als ›der Yuka-Sato-Mörder‹ gehandelt worden, weil er auf einen TV-Star dieses Namens fixiert war. Inspector Sato war die Namensgleichheit unheimlich, insbesondere in Kombination mit dem Begriff Mörder. Auch der Yoyogi-Park-Mörder hatte für seinen letzten großen Auftritt ein Schwert gewählt. Ein Schwert allerdings, das kein Blut sehen sollte. Zumindest nicht so viel wie vorgesehen. Den Wächter der prominenten Yuka Sato hatte es schwer verletzt, doch er hatte überlebt.

»Es ist die schwerste Wunde, die ich am Opfer finden konnte«, sprach Kawase das Offensichtliche aus. »Aber ich bin sicher, dass ich noch mehr über sie herausfinden werde, wenn ich sie mir genauer ansehe.«

»Gibt es denn noch andere Wunden?«

»Sehen Sie hier ... sie hat blaue Flecken.« Er deutete mit dem Kugelschreiber auf ein paar Hautverfärbungen. »Die sind frisch, aus der Nacht, in der sie gestorben ist.«

»Es hat also einen Kampf gegeben. Oder er hat sie einfach vorher verprügelt. Oder jemand anders hat sie vorher verprügelt. Oder es hat vorher einen Kampf mit jemand anderen gegeben.«

»Mir gefällt, wie Sie denken. Aber Sie denken zu viel. Was haben Sie als Erstes gedacht und gesagt?«

»Es hat einen Kampf gegeben.«

Er zeigte auf die Fingernägel der Leiche. Sie waren mit Nailart verziert, sehr kunstvoll, inzwischen allerdings stark beschädigt. Lack, Verzierungen und Nägel waren an vielen Stellen zersplittert. »Wir haben Hautpartikel unter ihren Nägeln gefunden. Und wie die Nägel aussehen, sehen Sie ja selbst.«

»Das heißt, es hat einen Kampf gegeben, und zwar mit dem Täter. Hätten die Beschädigungen an den Nägeln frühere Ursachen, hätte sie sie behoben. Insbesondere, wenn man ihren Beruf bedenkt.«

Kawase grunzte Zustimmung. Etwas sagte ihr, dass er sich einen Kommentar über weibliche Instinkte verkniff. Das Verkneifen war womöglich ein gutes Zeichen, ein kollegiales Entgegenkommen.

»Sie wurde nicht einfach so überrumpelt«, fuhr Sato fort. »An einem Ort, an dem es leicht ist, überrumpelt zu werden. Auf der Damentoilette rechnet man ja nicht mit so was. Der Täter wird also kein eiskalter, berechnender Killer sein, der das jeden Tag macht.« Sie dachte nach. »Nun gut. Eiskalt kann er trotzdem sein, selbst wenn ihm die tägliche Routine fehlt. Sie sagten, Sie haben Hautpartikel unter den Fingernägeln gefunden? Dann können wir einen DNA-Test machen?« Ein solcher hatte sie im letzten Fall auf die richtige Spur geführt, seitdem war sie ein glühender Fan dieses Verfahrens.