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Eine Schar von Menschen, aus allen Himmelsrichtungen auf dasselbe Rätsel stoßend, vereint sich während der turbulenten Jagd nach einem vor Jahrhunderten in Gang gesetzten Experiment, dessen Ziel nicht weniger als der Beweis des Unbeweisbaren ist. Schon bald bilden sich Bündnisse voller Leidenschaft, Intrigen und Gewalt; Stolz und Eitelkeit ringen mit Liebe und Verstand, während die Ereignisse die Suchenden mit- und auseinanderreißen, wieder zusammenführen … an immer neuen Orten – Metropolen der Moderne wie auch überdauernden Stätten der Jahrhunderte. Eingebettet in opulente Sprachmalerei entführt der Autor seine Leser in eine Welt der Emotionen, die die Protagonisten nackt und verletzlich präsentieren, offene Bücher allesamt, den Wendungen des Schicksals scheinbar hilflos ausgeliefert. Doch am Ende entscheiden geheimnisvolle Puzzlestücke, verborgene Absichten und machtvolle Sehnsüchte über den Ausgang eines fünfhundert Jahre währenden Geschehens, das für den Leser gleichsam eine Reise durch Kunst und Kultur, musikalische Anspielungen und Literarisches sowie die Werke großer Köpfe der Geschichte ist. Ein anspruchsvoller Roman, mitreißend und bezaubernd zugleich.
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Seitenzahl: 832
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Cort Eckwind
Roman
Personen, Handlungen und Orte dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen, mit Namen, Schauplätzen oder auch Ideen ist von sagenhafter Zufälligkeit – sei es, dass Fantasien der bezaubernden Realität dienten oder die Realität märchenhaft verzaubert wurde. Denn manchmal ist nicht das die Realität, was Menschen sehen oder als realistisch empfinden, sondern was duftende Klangfarben der Träume als unrealistisch vorgaukeln. Und dann bemerken die Menschen, dass Realität auch traumhaft verzeichnet sein kann und sich Träume in nüchterner Realität oftmals neu erfinden.
Copyright © 2015 by Cort Eckwind Rosenwolke und die Formel der Welt
published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de
ISBN 978-3-7375-5022-2 Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net Covergestaltung: Erik Kinting Konvertierung: www.e-book-erstellung.de
Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind. Auch ich bin schuldig geworden damals. Ich wollte ihm mit Liebe begegnen, als ich gesprochen habe mit ihm. Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht.
Der Pater in Andorra von Max Frisch
Für meine Eltern, mit deren nie vollendetem Brief alles möglich war. Für meine Frau, mit deren Liebe alles möglich ist. Für unsere Kinder, ohne die eine Zukunft nicht möglich wird.
***
Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Victor Hugo
Eine ehemalige kaiserliche Residenzstadt in den Anfängen des Juli.
Ummantelt von listiger Diplomatie, gelangten die beiden Verschwörer zum prunkvollen Palais. Folgenschwere Wimpernschläge später betraten sie schweigend den in dunklem Holz getäfelten Raum. Eine gespenstische Ruhe erfüllte die Atemluft. Nur das sekündliche Klacken eines vergoldeten Pendels, welches die Zeit über ein mehr als dreihundert Jahre altes mechanisches Uhrwerk unerbittlich vorantrieb, unterbrach die unheilvolle Stille. Leuchter aus brüniertem Messing tauchten die Szenerie in ein gedämpftes, düsteres Licht. Inmitten des Zimmers standen zwei barocke Ohrensessel, die rechtwinklig in Armeslänge zueinander blickten. Ihr bordeauxroter Samt sowie die einladend bequemen Lehnen aus gedrechseltem Nussbaum spiegelten die Noblesse des Vergangenen wider. Die rechten Flanken der kaiserlichen Sessel zierten halbhohe Säulen aus schwarzem Marmor, auf denen zum Greifen nah farblose Kristallgläser nebst bauchigen Karaffen thronten, halb gefüllt mit stillem Quellwasser. Und im Halbschatten der eigens inszenierten Ordnung gaben mit geprägtem Leder bespannte Eichenstühle bereits Halt für zwei nur schemenhaft wahrzunehmende ältere Männer: weißhaarig und von großer, eleganter Statur der eine, kahlköpfig und durch eine gedrungene Gestalt übergewichtig erscheinend der andere.
Unvertraut, ohne eine Geste der Höflichkeit, ohne die kleinste Regung in von den Jahren der Macht gezeichneten Mienen, ließen sich die verschwörerischen Eminenzen in den tiefen Sesseln nieder. Ein wenig neigten beide den Kopf seitwärts, um mit einem Ohr ganz nah bei den zuflüsternden Mündern der ihnen beistehenden Schemen zu sein. Denn die Diener der Macht lebten als Hohepriester der Sprache, als Brückenbauer über Welten. Zwei Meister der Verständigung, die es immer wieder schafften, unverständliche Worte und Nuancen aus fremdartig klingenden Tonlagen so verwandelt aufbranden zu lassen, dass Vokale und Mitlaute in einer harmonisch und verständlich klingenden Gemeinsamkeit verglühten.
Unumwunden kam der kleinere und deutlich jüngere der Aufrührer zur Sache. Leise, so als müsse er befürchten, dass die Feinde seines Riesenreiches ihn hören könnten, presste er die Frage, die ihm seit Tagen den Schlaf raubte, über schmale, fast blutleere Lippen: »Er hat Zeugnis abgelegt?«
»Ja.« Die Antwort des Älteren erfolgte asketisch knapp, klar und keinen Zweifel zulassend.
Und doch flogen, wie tödliche Pfeile vom Bogen geschossen, erneut die bohrenden Worte des Fragenden heran. Worte, die alle Macht und seinen tiefen Unglauben ausdrückten. Er schaute an seinem Gegenüber vorbei, würdigte ihn keines Blickes. Die Augen suchten Halt unter den zuckenden Lidern, verloren sich aber in der angespannten Stille des für ihn seelenlosen Raumes: »Sind Sie sicher, dass dieselbe Botschaft, Argumentum pro Existentia Dei, der Beweis Gottes, nach fast fünfhundert Jahren zu Ihnen und uns gelangt ist?«
»Ja«, erwiderte der greise Verschwörer erneut und die unerbittlich feste Stimme klang in ihrer absolutistischen Bestimmtheit so bedrohlich, wie das unbändige Donnern im Zentrum eines gewaltigen Unwetters. »Cygnus Nigra, ein schwarzer Schwan, absolut unwahrscheinlich aber unweigerlich wahr. Sie verstehen, was ich meine?« Ein arrogantes Lächeln huschte über die tiefen Ackerfurchen im bleichen Gesicht des Greises.
»So wie Resurrectio Christi, die Auferstehung Christi?« Der Jüngere wehrte den Angriff des Älteren mit einer gekonnten Parade ab, die ihrerseits den Gegner bis ins Mark traf. Und als wohne der schweren, trockenen Luft noch nicht genug Sprengstoff inne, jederzeit bereit zu einer tödlichen Explosion, forderte der Mann hier und jetzt das Schicksal heraus. Unmissverständlich und mit brutaler Einfachheit stellte er die entscheidende Frage: »Sind Sie bereit, alle und alles zu vernichten?« Die Miene des Mannes blieb kalt und starr, wie leblos, gestählt durch Jahre der Intrigen und Machtkämpfe.
»Ja.«
»Sie wissen, was das bedeutet?« Noch einmal hakte der Jüngere nach, so als bohre er genüsslich mit einem Messer in der klaffenden Wunde des Gegners. »Sprechen Sie auch für Ihren erkrankten Machthaber? Ist er damit einverstanden?«
»Die wahren Mächtigen sind oftmals nicht diejenigen, die man vorne stehen sieht«, entgegnete der Ältere ruhig. »Wären wir sonst hier?«
»Wie wahr. Wenn man nicht mit beiden Händen das Regiment der Verwaltung führt, und stattdessen lieber auf die Straße zu den Armen geht, darf man sich am Ende über die eigene Machtlosigkeit nicht wundern«, erwiderte der jüngere höhnisch. Er nutzte die Situation schamlos aus, um mit seinem Wissen aus scheinbar innersten Zirkeln zu kokettieren: »Ich habe vernommen, dass der oberste Befehlshaber Ihres Staates, so waffenlos er im Augenblick auch sein mag, die schon lange bestehende Ordnung infrage stellt. Es heißt, er wolle den Apparat reformieren, den höfischen Prunk abschaffen, die Korruption verdammen und allen Schmutz und alle Intrigen beseitigen, hin zu einem Weg der brüderlichen Barmherzigkeit und der wahren Werte.« Der Mann lächelte ironisch und die Stimme ertrank fast im beißenden Spott, als er sagte: »Wohl so wie damals, als Ihre Parteigänger Il sorriso di Dio, das Lächeln Gottes wählten?«
»Der Lächler hat nur dreiunddreißig Tage geherrscht«, fauchte der Greis abfällig. »Das Schwache muss man ausmerzen und dann gehört die Macht demjenigen, der sie sich nimmt. Egal, in welchem Rang er steht.«
»Ihr habt ihn ermorden lassen?«
»Zum Teufel mit Ihnen«, schrie der alte Mann voll Verachtung und mit heiserer Stimme. Zwar gehorchte der von den langen Jahren der Ämter ausgelaugter Körper nicht mehr so, wie er sollte, dennoch funkelten die Augen des mit biblischem Alter gesegneten Greises immer noch in wilder Entschlossenheit: »Unsere beiden Reiche existieren Tausende von Jahren, herrschen über Milliarden von Menschen. Nichts und niemand kann uns aufhalten. Dafür stehe ich ein.«
»Dann werden Sie die Allianz mit dem Teufel nicht umgehen können«, sagte der Jüngere unumwunden, während ein hämisches Grinsen über sein Gesicht zog.
Der Greis wusste, dass die Situation seine ganze geistige Kraft forderte. Hellwach mühte sich sein scharfer Verstand. Es gab keinen besseren Weg. Er brauchte den Feind, der ihm nun mit starrem Blick gegenübersaß – der ewige Gegner im Kampf um die Herrschaft der Welt. Verteufelt, ein Leben lang. Instinktiv spürte er, dass er gegenüber dem Jüngeren keine Schwäche zeigen durfte. Und so schaffte es die Modulation der in vielen Ränkespielen geübten Stimme noch einmal, die ungeduldig hinausdrängenden Worte so unmissverständlich erklingen zu lassen, dass der andere die machtvolle Forderung nicht abweisen würde: »Wir werden uns also verbünden?«
»Ja, wir sind bereit.« Die Antwort des Jüngeren erfolgte ausdruckslos und ohne jede Regung in den bleichen Gesichtszügen. Deren Schlichtheit entsprach augenscheinlich dem dunkelgrauen, aus feinster und edler Seide bestehenden und auf den Körper des Weltenfürsten maßgeschneiderten Anzug. Dadurch wirkte der Verschwörer väterlicher, als es ihm die unbändige Machtbesessenheit tatsächlich erlaubte.
»So sei es denn«, sagte der Greis knapp und erhob sich mühsam aus dem Sessel. Kein Händedruck, kein Mienenspiel, nur eisige Kälte für den ihm gegenübersitzenden Mann, den er mehr hasste, als die Gebrechen des dem Tod geweihten Körpers. Fünf, sechs kurze Schritte bis zur Tür, den engsten Vertauten hinter sich wissend, entschwand er im Halbdunkel der angrenzenden Räume. Nicht einmal zehn Minuten waren vergangen, seit die Repräsentanten zweier Weltreiche den Raum betreten und ihren Teufelspakt geschlossen hatten. Ein Pakt, der Leben kosten würde. Ein Pakt von schicksalhafter Bedeutung.
Wie unwichtig ist der Einzelne, dachte der greise Fürst nur wenig später, wenn das große Ganze zählt, der Fortbestand der Macht und die Verhinderung von neuem, umstürzendem Denken. Einen zweiten Galilei durfte es nicht geben. Hatte doch dessen Dialogo, die Diskussion über die Weltsysteme, schon vor fast vierhundert Jahren die damals herrschenden Mächte in den Grundfesten erschüttert. Nie wieder durfte solcher Widerspruch geduldet werden. Nie wieder durfte es passieren, dass jemand ungestraft sagte: Epur si muove – und sie bewegt sich doch. Wenige Worte, die eine ganze Welt aus den Angeln hoben. Der alte Mann wusste, dass sein Schicksal ihn auserkoren hatte, das Böse aufzuhalten. Denn nur er war der wahre Fels in der Brandung.
In der ehemaligen kaiserlichen Residenzstadt, die zu Blütezeiten mit den großen Metropolen der Epoche wetteiferte, regnete es schon seit Stunden aus mächtigen, ambossförmigen und sich ständig erneuernden Wolken. Mit elementarer Wucht entlud sich ein unbändiges Sommergewitter. Nach Tagen unerträglicher Hitze, die auch in der Nacht kaum Abkühlung brachte, verschaffte sich die Natur sintflutartige Erleichterung – wie es schon immer geschah, seit Millionen von Jahren. Niemand konnte den Lauf der Dinge abwenden.
Das Treffen der Verschwörer, am sinnbildlichen Ort des Widerstandes eines ganzen Volkes gegen faschistische Diktatoren, blieb völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit. Scheinbar bedeutungslos und dennoch ein Ereignis, wie es intensiver und historischer nicht hätte sein können. Unbemerkt und auf unterschiedlichen Wegen fuhren zwei gepanzerte, tonnenschwere schwarze Kommandozentralen von der Josefstadt über regennasse, teils mit großen Wasserpfützen überspülte Straßen zum nur unweit entfernten Flughafen. Gesicherte Limousinen der Mächtigen, die nicht den geringsten Widerstand duldeten – ebenso wenig wie ihre Befehlshaber: Zwei Männer, unterschiedlich und doch so gleich, die alles voneinander zu wissen glaubten, obschon sie sich niemals zuvor begegnet waren. In raschem Stakkato erfolgten über abhörsichere Telefone die Befehle der beiden Schicksalspartner an die Machtapparate ihrer unendlichen Reiche. Gleichförmig und präzise. Unbarmherzig und von gewissenloser Kälte. Jeder auf seine Art die Erotik der Macht auskostend. Niemand würde sie aufhalten. Nicht heute, nicht morgen – niemals.
Bücher sind nicht tote Dinge, sondern enthalten eine Lebenspotenz, dazu angetan, so tätig zu sein, wie die Seele war, deren Kinder sie sind; ja, sie bewahren wie in einer Phiole die reinste Wirksamkeit und Essenz des lebendigen Geistes, der sie erzeugte.
John Milton
Ein Kleinod, inmitten von Olivenhainen und Weinbergen, am ersten Tag im August.
Das steinalte Anwesen lag oberhalb der hügeligen Landschaft, deren Kontur eine schier unerschöpfliche Ansammlung von altehrwürdigen Kastellen und stattlichen Villen aufwies, die einst den mächtigsten Adelsfamilien als Domizil dienten. Geschützt von immergrünen Kletterpflanzen, wild überwucherten Mauern und einem eisenbeschlagenen Eichentor, öffnete sich Fremdlingen, die den Besitz mit ehrfurchtsvoller Neugier betraten, eine abgeschiedene, eigene Welt:
Hier das herrschaftliche Haupthaus, dessen massive Wände noch aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammten, mit den charakteristischen, weit vorspringenden Dächern. Dort der angrenzende, wehrhafte und mit einem Zinnenkranz versehene Turm, erbaut vor langer Zeit zum Ausspähen feindlicher Nachbarn und zur Überwachung der Feldarbeiter. Gemeinsam mit den Nebengebäuden, die die Pachtbauern mit ihren kinderreichen Familien als Wohnungen nutzten, sowie den zahlreichen Stallungen, bildete der Landsitz ein wohl abgestimmtes Ganzes, gleichsam Zeugnis einer überragenden Baukunst aus längst vergangenen Tagen. Die oberen, schmalen Öffnungen des eckigen Turmes gewährten einen atemberaubenden Fernblick nach Süden, hinweg über sanfte, fruchtbare Hügel, an denen sich großflächige, silbrig glänzende Olivenhaine, steile Weinberge und die herrlichen Wälder der mit ausladenden Kronen gesegneten Steineichen emporzogen. Dazwischen fand der Wanderer immer wieder grüne Futtergraswiesen mit harmonisch in die Landschaft eingefügten malerischen Dörfern, die oft nur aus wenigen Häusern bestanden. Deren zinnoberrote Dächer boten von Sonnenaufgang bis in die späten Stunden der Abendsonne ein wechselndes, noch weithin sichtbares Spiel rötlicher Farbtöne, die im sommerlichen Licht mit dem leuchtenden Rot der blühenden Mohnfelder wetteiferten.
Die junge Doktorin der Philosophie genoss diesen Ort. So sehr sie auch das Leben in der turbulenten und heiteren Stadt mit deren zu Stein gewordener Geschichte und den allerschönsten Plätzen dieser Welt liebte, so sehr erfreuten sie die regelmäßigen Besuche im Anwesen ihrer Eltern. Immer wieder verliebte sie sich aufs Neue in dieses Kleinod, zumal es bei der vor Jahren durchgeführten Renovierung vorzüglich gelungen war, den ursprünglichen Charme der Gebäude durch die Erhaltung architektonischer Besonderheiten zu wahren. Natur und Kunst – hier verbanden sie sich zur belebenden Ewigkeit: Dunkelgrünes Moos überzog besitzergreifend Treppenstufen und Terrassen. Efeu eroberte keck standhafte Mauern, rankte sich behände um Geländer und Gitter, versuchte sich vorwitzig an verwitterten Statuen von steinernen Nymphen und nackten Göttinnen, drang frech in gepflegte Kräuterbeete, umgarnte liebevoll zugeschnittene Buchsbäume und labte sich am Wasser eines ruhig dahinplätschernden Brunnens. Es roch nach Lavendel und wildem Fenchel, nach Salbei, Thymian und frischem Humus. Die üppig blühenden Rosen verströmten einen letzten betörenden Duft und konkurrierten mit zarten Orangenblüten und den vollen Früchten der Zitronenbäume.
Jetzt, in der schweren Sommerschwüle des August, wenn die Stadt wie im Fiebertraum lag, zog es die Frau immer wieder in die kühlenden Gemäuer. Aber mehr als alles andere lockte sie die alte Bibliothek. Denn hinter einer schweren Holztür, reich verziert mit einem adligen Familienwappen, erschloss sich eine Symphonie des Wissens, ein Weltall der Entdeckungen:
Entlang getäfelter Wände stand eine Vielzahl in dunkler Eiche gefasster Bücherregale, die wie unlösbar verbundene Türme bis unter die überhohen Decken ragten. Ein eleganter Kronleuchter mit zwölf ausladend geschwungenen Armen und unzähligen funkelnden Kristallen aus edlem Muranoglas tauchte den großen, aber fensterlosen Raum in ein strahlendes Licht, das alle Düsterheit verbannte. Tausende von ledernen Buchrücken, vereinzelt auch schadhaft oder altersfleckig, erzeugten trotz aller Unterschiedlichkeit in der äußeren Beschaffenheit ein harmonisches Bild der inneren Ruhe. Ein handgeknüpfter, mit roten Ornamenten reich verzierter Perserteppich dämpfte die Schritte der wissbegierigen Doktorin auf den dicken Bohlen naturbelassener Eiche. Immer wieder faszinierte die Frau das gewaltige Wissen der Jahrhunderte, trug doch jedes noch so winzige Buch ein kleines Geheimnis in sich und erzählte von Freud und Leid, von großen Taten und unglaublichen Entdeckungen. Von Liebe und Tod, von den schönen Künsten und den Schrecken der Kriege. Andächtig und voll Demut sog sie den Atem des Vergangenen in sich auf. Die Luft schmeckte trocken und ein wenig staubig, es roch nach altem Papier, nach in ledrige Einbände eingedrungenem Fett und erdigen Farben. Der Geschmack kribbelte in Nase und Hals. Sie hustete kurz, ein kräftiges Niesen schloss sich an – die Gegenwart holte sie zurück.
In der Mitte des Raumes thronte majestätisch auf vier großen Tatzenfüßen ein wuchtiger Schreibtisch aus dunkler, astfreier Eiche. Ehrfurchtsvoll, fast zärtlich strich die Hand der Frau über die glatt polierte Tischplatte, die ein wenig überstand. »Wenn du erzählen könntest«, murmelte sie vor sich hin, »du würdest von so vielen Herrschaften, Fürsten und Grafen berichten, die wichtige Dokumente auf deinem Rücken unterzeichneten. Sie alle sind tot, du aber lebst, so wie alle Bücher hier, Zeugen einer prachtvollen Vergangenheit.« Sie kam ins Träumen. Sie träumte so gerne von stolzen Prinzen, von verwunschenen Prinzessinnen, von guten und bösen Feen. Mit einem langen Seufzer ließ sie sich in den betagten Lesesessel fallen, dessen Bespannung aus dunkelrotem, abgewetzten Samt immer wieder zum gemütlichen Verweilen einlud. Ihr Blick streifte den großen, auf einem dreifüßigen Holzgestell ruhenden Bibliotheksglobus, der mit einem Kompass aus Messing glänzte – ein stiller Zeuge längst vergangenen Weltensichten. Ehrfürchtig schaute sie die erhabenen Büchertürme hinauf. Schwärmerisch sogen die Gedanken am Odem der Zeit: Niemand konnte erahnen, welche einzigartigen Quellen des Wissens, welche Zeugnisse höchster Buchdruckerkunst sich in den vielen Regalen verbargen. Keiner vermochte das kulturelle Gedächtnis ganzer Epochen auch nur annähernd zu erfassen. Die Bücher, von handwerklich geschickten Buchbindern in reich geschmückte Ledereinbände gefasst, führten ihr eigenes Leben, erwehrten sich erfolgreich aller Neuerungen und wurden um so weiser, je mehr sie an Jahren zählten. Nur die in vollkommener Schönheit ergraute Standuhr schlug mit dumpfer Inbrunst dagegen an, dass die Zeit den Atem hielt.
Im Land der Bücher verteilte sich alles kreuz und quer. Nur hier und da hinterließen – zwischen Buchseiten gesteckte, handschriftlich beschriebene Papierreiter – Spuren interessierter Leser. Kostbare historische Sammlungen, teils Unica, einmalige, teils Rara, seltene philosophische und theologische Werke umfassend, fanden sich neben enzyklopädischen Ausgaben, Chroniken und Reiseberichten. Lexika mit detailgetreuen Abbildungen aus Zoologie und Botanik standen zwischen wunderschönen Kunstbänden mit blattgroßen, zeitgenössischen Kupferstichen, Silberstiftzeichnungen auf Pergament oder aquarellierten Miniaturen. Wertvolle, mit Ornamenten reich verzierte liturgische Handschriften und alte Manuskripte in gotischer Textura, aber auch Stundenbücher mit opulent geschmückten Bildseiten reihten sich an vertrauliche Briefwechsel der Mächtigen, offenherzige Memoiren oder intimste Tagebücher. Die Bücherwelt bewahrte so manches, das niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollte – aber auch Geheimnisvolles, nur darauf wartend, neu entdeckt zu werden.
Am liebsten schmökerte die Philosophin ziellos. Dann konnte sie Zeit und Raum vergessen, tauchte ab in eine andere Welt, vergaß alles um sich herum, essen, trinken und das Leben in der Stadt. Die neu entdeckten Bücherschätze breitete sie dann vorsichtig auf einem in dunklem Nussbaum gefertigten, viereckigen und von gedrechselten Säulchen getragenen Tisch aus, der zum Lesen größerer Werke sogar einen verstellbaren Bücherständer sein Eigen nannte. Ab und an kletterte die Frau auch auf die hölzerne Bibliotheksleiter aus Eiche, um in den Regalen an die oberen, oftmals seit Jahren unberührten und mit einer dicken Staubschicht belegten Bücher zu gelangen.
So wie heute. Ihr Herz klopfte. Wo nur stand jenes autobiografische Manuskript des größten Liebesabenteurers aller Zeiten? Ein Raubdruck, von dem ihr Vater immer so glühend erzählte. Als Erstes griff sie vorsichtig nach einem in dunkelgrünem Ziegenleder gebundenen Folianten, dessen Umfang sich doppelt so groß maß, wie ein gebräuchliches Blatt Papier. Auf dem Rücken trug er ein in Gold geprägtes Wappen. Das kostbare Werk umfasst bestimmt mehr als tausend Seiten, dachte die Philosophin, als der schwere Prachtband in ihren Händen lag. Liebevoll streichelte sie den Einband, den vergoldete florale Ornamente verzierten. Eine silberne Metallschließe schützte das Kunstwerk vor dem Zerfleddern.
Den staubigen Wälzer behutsam an die Brust pressend, stieg sie die Leiter nach unten, zurück auf die Dielen der Gegenwart. Dort pustete sie sogleich kräftig über das neu entdeckte Juwel, sah aber angesichts einer sie umhüllenden dicken Staubwolke schnell die Sinnlosigkeit des Unterfangens ein. Vorsichtig legte sie den Folianten auf den mit dunkelgrünem Samt eingeschlagenen Büchertisch.
»Der dicken Staubschicht nach zu urteilen«, flüsterte sie, »muss die Schwarte hier schon seit Urzeiten unentdeckt herumstehen.« Sorgfältig schlug sie einige Seiten um, manche zeigten sich an den oberen Kanten eingerissen oder zerfranst. Auch sah sie hier und da geknickte Ecken, Kritzeleien am Rand oder braune Flecken, die sich wie Tintenkleckse auf den Seiten verteilten. Offensichtlich Schäden und Verschmutzungen, überlegte sie, die von der lebhaften Nutzung in vergangenen Tagen kundtun. Sie begann zu kichern, stellte sich einen dicklichen Mönch vor, der bei einem guten Glas Wein und schon ein wenig betrunken, unachtsam über den Lesestoff spuckte. »Dann schon lieber Ratten, die vor lauter Hunger an den Seitenrändern knabbern«, gluckste sie grinsend und spekulierte, dass die Nager nur davon abließen, wenn sie etwas Nahrhafteres als handgeschöpfte Papierseiten fänden.
Sie blätterte weiter, vor und zurück, hin und her. Neugierde lugte vorwitzig aus strahlenden Augen. Die Finger ertasteten respektvoll lebendige Kunstfertigkeit längst verstorbener Ahnen. Und der Text des Buches zeigte sein schönes Federkleid in lateinischer Frakturschrift: Die kunstvoll handgezeichneten Initialen, die ersten Buchstaben eines Kapitels, leuchteten großformatig in bunten Farben, umgeben von grüngoldenem Rankwerk und überreich veredelten Bordüren. Aber auch mitten in den gedruckten Texten zeigten sich eingefügte, bauchig gerundete Großbuchstaben. Diese waren der besseren Lesbarkeit halber schmucklos und in roter Farbe gehalten. Solche Lombarden, das wusste die Wissenschaftlerin, dienten vor allem dazu, textliche Teilstücke inhaltlich besser voneinander abzugrenzen – und oftmals sahen sie sich dabei so ähnlich, als seien sie mit einer speziell angefertigten Schablone gezeichnet.
Gespannt nahm die Doktorin jede neue, mit kunstvollen Wasserzeichen versehene Seite auf. Angesichts der vielen pflanzlichen Illustrationen vermutete sie, eine Abhandlung über mittelalterliche Heilkunde gefunden zu haben. »Nun gut …«, sprach sie zu dem Werk, »du offenbarst zwar nicht die erhofften großen Liebesabenteuer und erotischen Affären, aber vielleicht kann ich deinen kunstvollen Texten ein paar Geheimnisse über heilende Kräuter, obskure Mixturen und vielleicht auch tödliche Gifte entlocken.« Ein schelmisches Lächeln zog über ihr vor Anspannung glühendes Gesicht, während sich die Fantasie ein paar gebildete adlige Damen ausmalte, die das Wissen um die Heilkräfte der Natur pflegten und in weisen Büchern niederschrieben. »Männer …«, sprach die Philosophin leise vor sich hin, »denken bei Kräutern immer an bucklige alte Frauen, die durch Wiesen und Wälder streifen, um allerlei Hexenzeug zu sammeln. Warum bloß?« So recht wusste sie auch keine Antwort. Sie war müde. Gerade wollte sie das Buch wieder zuklappen, als ihr ein bei den hinteren Seiten am Rand angebrachtes Stück Leder ins Auge sprang. Ganz bestimmt ein Blattweiser, dachte sie. Sollte dieser vielleicht eine bestimmte Stelle des Werkes markieren und somit das Auffinden erleichtern? Gespannt schlug sie die gekennzeichneten Seiten auf. Zwischen der Verso, der linken Rückseite, und der Recto, der rechten Vorderseite, fand sie lose hineingelegt eine geheimnisvolle Zeichnung.
Die Stadt der schönen Künste am sechsten Tag im August.
Mitten in der hügeligen Landschaft, in einem mit alten Pinien und dunklen, säulengleichen Zypressen sowie knorrigen Olivenbäumen üppig bewachsenen Garten, umwoben von mediterranen Düften aus Rosmarin, Myrte und Zitronenmelisse, lag die Stadt voller Lebenslust in der gleißenden Glut der Mittagssonne. Schon seit dem Morgen lauerte der Mann dem Objekt seiner Begierde auf. Tagelang schlich er bereits durch die malerischen, mit handbehauenen Sandsteinplatten gepflasterten engen Gassen, vorbei an mittelalterlichen Gebäuden mit bogenförmigen Hauseingängen und deren für Fremde verwirrenden blauen, schwarzen und roten Hausnummern. Er trieb sich auf den großen Plätzen und in zahllosen Trattorien herum, immer auf der Suche nach der perfekten Beute. Sein Jagdinstinkt lief auf vollen Touren. Er zog von einem Café in das nächste. Sein geschulter Blick galt nicht den gut gekleideten jungen Männern, die mit verspiegelten Sonnenbrillen müßig an schattigen Kaffeehaustischen saßen und ihren geliebten Espresso tranken. Auch nicht der Heerzahl von anstürmenden Touristen, die die Stadt wie Heuschrecken überfluteten. Nein, seine gierigen Blicke galten nur den lebensfrohen, verführerischen und völlig wildfremden Frauen, denn die heitere Lebensart in den Straßen der Stadt und der wolkenlose Himmel boten eine üppige Auswahl an weiblicher Anmut und Grazie.
Immer wieder entdeckte er neue, aufregend junge Schönheiten, die mit schwärmerischen Augen die Modeauslagen der bunten, pittoresken Boutiquen erkundeten oder frivol kichernd an nackten Statuen posierten – dabei unverhohlen die Vollkommenheit männlicher Blößen im Auge haltend. Und nicht zu vergessen: entzückende Wesen aus allen Ländern der Erde, die in aufreizend sommerlicher, teils hauchfeiner Bekleidung und mit im Wind wehenden offenen Haaren auf den Rücksitzen von knatternden und qualmenden Motorrollern dahinrauschten. Hier und da ein paar flirtende Blicke werfend zu adonishaften, aber immer noch halbwüchsigen Kerlen, die aufreizend lässig an einer marmornen Hauswand oder einem eisernen Brückengeländer lehnten. Aber keine der Frauen entsprach dem vollkommenen Ideal des Jägers. Er brauchte das Neue, das Geheimnisvolle.
Der Mann entdeckte seine Beute an der südlichen Flussseite, auf einer jener breiten steinernen Bänke, des aus grob behauenen Steinquadern erbauten Palazzos. Die Luft vibrierte trocken-heiß, erbarmungslos stach die Sonne vom tiefblauen Himmel. Nur einzelne, filigrane Eiswolken durchzogen fadenförmig die Atmosphäre. Das Licht zeichnete scharfe Konturen: Hier spendeten die Mauern der hohen Häuser und die vorspringenden Dächer dunklen, kühlen Schatten. Dort, an ungeschützten Plätzen, blendete das grelle Licht. Die Frau fesselte seine Sinne vom ersten Augenblick. Er konnte sich nicht sattsehen, fasziniert von einer vollendeten, sonnengeküssten Natürlichkeit: Schulterlange, tiefschwarze Haare, leicht gelockt wie Sommerwolken, umschmeichelten das engelhafte, dunkelhäutige Gesicht und wogten bei jeder Bewegung des Kopfs behutsam dahin, wie sanfte Meereswellen in einer wohlig warmen Brise. Sie trug keine Schminke. Ihr makelloser, weicher Teint, die sinnlichen, glutvollen Lippen und die großen dunkelbraunen Augen strahlten eine betörende Anmut aus, die jede Einmischung verbot. Unter Tausenden hätte der Jäger sie wiedererkannt.
Die Schönheit las in einem Buch. Wunderschöne Beine, deren ebenmäßige Haut schwarzbitter-schokoladig in der Sonne strahlte, entspannten sich lässig übereinandergeschlagen. Am nackten rechten Zeh wippte kokett eine edle Plateausandalette aus weißem Glattleder mit funkelnden Ziersteinen auf den gewundenen Riemchen; ein aufreizendes Bild voll von jugendlichem Glamour und ausdrucksstarker, femininer Eleganz. Aber immer wieder störten die vorbeiströmenden Touristenmassen die begehrlichen Blicke des Mannes. Die Fremden, grübelte er, widmen ihre ganze Aufmerksamkeit den Ansammlungen von toten, kalten Steinen und überlebensgroßen Statuen. Und davon gab es wahrlich genug in dieser Stadt. »Schon verrückt«, entfuhr es ihm leise, während er leicht den Kopf schüttelte, ohne dass seine kurzen blonden Haare die Fassung verloren. »Da sitzt Gottes lieblichstes Geschöpf auf Jahrhunderte alten Marmorsteinen, eine Erdgöttin aus dem Herzen der Natur, fleischgewordenes Zeugnis einer unglaublichen Lebendigkeit – und alle huldigen dem Vergänglichen, dem Tod.« Doch er irrte sich. Denn er war nicht der Einzige, der die bildhübsche Frau beobachtete. Vier dunkle Augenpaare verfolgten im Verborgenen die weibliche Fährte.
»Ciao Bella.«
Abrupt wurde der Jäger aus seinen Gedanken gerissen, als sich ein irdisches männliches Wesen lauthals der auserkorenen Göttin näherte – offenbar kein Tourist, wohl eher ein Studiosus, trug dieser doch eine Menge Bücher unter den Armen. Die Frau schenkte dem Jüngling ein bezauberndes Lächeln, erhob sich und begrüßte ihn freundschaftlich mit dem Hauch von zwei zart angedeuteten Wangenküssen. Eine Weile schwatzten sie fröhlich kichernd miteinander, dann legte sie ihren Arm ungezwungen um seine schlanke Taille. Langsam schlenderten die beiden, immer noch anregend miteinander diskutierend, die Straße entlang bis zu der alten, auf drei Bögen ruhenden Brücke. Hier trennten sich ihre Wege wieder.
Die Philosophin überquerte rasch den Fluss, um dann in Richtung Biblioteca Nazionale abzubiegen. Dort wollte sie Näheres zu dem geheimnisvollen Fund aus der Villa erforschen. Eine kribblige Neugierde erfasste sie.
Der Jäger folgte seinem Wild. Erst jetzt fiel ihm auf, wie unverschämt lang die Beine seiner Göttin von der Erde bis zum Himmel ragten. Die hohen Absätze der Schuhe strafften elegant den gesamten Körper, ausdrucksstark in Szene gesetzt durch einen feminin schwingenden, gazellengleichen Gang. Alles war perfekt aufeinander abgestimmt: Zu einer leicht geöffneten, verspielten weißen Rüschenbluse, bewusst weiblich eng anliegend gewählt, trug die Frau einen dunkelroten, knielangen und röhrenförmigen Seidenrock, dessen Schlitze an der Seite die schlanken Beine ins nahezu Unendliche emporwachsen ließen. Hinter der Brücke, auf der anderen Seite des Flusses, schlich der Mann dem Kätzchen nach wie ein läufiger Kater. Sein Instinkt drängte ihn – und nicht das erste Mal.
Die Frau hatte ihn längst bemerkt. Sie wusste, was er beabsichtigte, denn sie kannte Typen wie ihn. Sie spielte mit ihm. Aber noch gab sie ihm keine Gelegenheit, bestanden hingehauchte Posen nur aus kurzen, unverfänglichen Andeutungen. Sie wollte ihn zappeln lassen. Die Katze spielte mit der Maus, auch wenn die Maus dachte, die Katze zu sein.
Sie liebte die Stadt. Vor nunmehr achtundzwanzig Jahren auf dem schwarzen Kontinent geboren, gaben ihr Land und Leute eine innig gefühlte Heimat. Sie war stolz, eine dunkelhäutige Frau zu sein, Gottes Geschöpf aus der Wiege der Menschheit, eine schwarze Sonnenwolke, glücklich, dankbar und sich doch nach der Wurzel ihres Seins sehnend: dem verwaisten Kinderbett in dem Land, dessen unwirtlichen und kriegerischen Lebensraum sie so früh verlassen musste. Jahrelange Dürre, brachliegende Äcker, verminte Straßen und die hinterhältigen Schüsse feiger Heckenschützen hatten Land und Menschen ausgemergelt bis auf die Knochen. Lebenstötend und Ströme von Flüchtlingen ergießend. Eines Tages würde sie in das Land der Väter zurückkehren.
Doch jetzt begehrte sie nur das Hier, ihre Stadt: das bunte Treiben der Händler, die emsigen Handwerker, alle stets darum bemüht, die mehr als zweitausendjährige Vergangenheit des kulturellen Juwels in seiner atemberaubenden Pracht und seinem künstlerischen Ebenmaß zu erhalten. Auch die vielen Touristen, die in aufgeregtem Gedränge und Gewimmel nach Souvenirs und Ansichtskarten schauten und deren gerötete Gesichter vielfach gezeichnet waren von der sengenden Sonne und den Anstrengungen der kolossalen Museen, schreckten sie keineswegs. Gehörten die reisenden Urlauber doch hierher, wie die Luft zum Atmen. Denn ohne die Fremden, das wusste sie, gäbe es nicht das bunte Treiben auf den Märkten. Auch nicht die vielen kleinen Läden in den romantischen Gassen und nicht die Meister der Gilden, die sich gekonnt in alten Traditionen übten: Seidenweber, Schuster und Strohflechter; oder Goldschmiede mit winklig kleinen, wie Balkone vorragenden Geschäften entlang der Prachtstraße über die alte Brücke, die an der schmalsten Stelle über den in Hitzemonaten nahezu ausgetrockneten Fluss führte und in der Mitte dem ehemals größten Virtuosen der güldenen Zunft huldigte. Und damals wie heute blendeten herrliche Auslagen die Sinne: kunstvoll gestaltete Broschen, geschmeidige Ketten und Ringe aus Gold, Machtsymbole einst wie jetzt, von Meisterhand erschaffen.
Als die Frau die Nationalbibliothek erreichte, verschwand sie ohne Umschweife in dem Büchertempel. »Mist«, entfuhr es dem Jäger. Nun musste er warten, seinen Plan verändern. Minuten vergingen, eine Stunde, zwei Stunden. Er wurde ungeduldig, langsam neigte sich die Nachmittagssonne dem abendlichen Gewande zu. Der Mann verspürte Hunger, der Magen knurrte, ausgerechnet jetzt. Aber mit Hungergefühl ließ sich kein Wild erlegen. Er würde es morgen in der Frühe erneut versuchen, auch übermorgen, wenn es sein musste. »Die schwarze Gazelle kommt wieder«, sprach der Jäger voller Zuversicht. »Ich würde Stein und Bein darauf schwören, sie ist Studentin. Kunstgeschichte passt zu ihr. Schließlich ist sie ja selbst ein Kunstwerk, ein weibliches.« Er grinste und machte sich aus dem Staub. Bald wäre sein Auftrag erledigt.
Seit Sonnenaufgang lag der Jäger wieder auf der Lauer. Die Piazza aalte sich in der leuchtenden Reinheit des warmen Morgenlichts. Am Rande des Platzes, nur unweit entfernt von der bereits jahrhundertealten Zentralbibliothek, befand sich ein einzigartiges Bauwerk; eine der größten Kirchen der Stadt. Hier wollte er sein Opfer stellen. Die glanzvolle Reinheit des gotischen Stils der Basilika, die beiden malerischen Kreuzgänge des anliegenden Klosterkomplexes mit den weiten Arkadenöffnungen hin zu einem lichtdurchfluteten Garten, die unzähligen, berühmten Kunstwerke und nicht zuletzt die Gräber der Mächtigen – dies alles betrachte der Mann als den einzig würdigen Fleck dieser Erde, um für alle Ewigkeit von der Schönheit seiner Auserwählten und den vollendeten Formen der Weiblichkeit Besitz zu ergreifen.
Die Sonne stand bereits am Zenit, als der Jäger die Frau kommen sah. Jetzt würde er sie fassen. Er öffnete den Reisverschluss, geschmeidig lag das Arbeitsgerät in seinen erfahrenen Händen. Nur noch wenige Augenblicke – doch dann sah er den weißen Lieferwagen. Alles ging blitzschnell. Das klapprige und deshalb unauffällige Lieferauto, Marke geschlossener Kastenwagen mit viel Rost, hielt direkt neben drei sehr beschäftigt agierenden Männern, die offensichtlich ein Filmteam verkörperten: Ein ganz in Schwarz gekleideter, mit beachtlicher Leibesfülle ausstaffierter Kameramann saß auf dem drehbaren Sitz eines lenkbaren Fahrzeugs, bei dem acht kugelgelagerte Rollen für Stabilität und die zum Filmen notwendige Laufruhe sorgten. Von der erhöhten Sitzposition des Kamerawagens überblickte der Mann hervorragend die gesamte Piazza und konnte den beiden anderen Männern, wohl seine Assistenten, die erforderlichen Anweisungen geben. Rasch breitete sich auf dem großen Platz eine traumfabrikähnliche Atmosphäre aus und lockte so manchen Besucher zusätzlich an, immer mit dem Hauch der Idee, vielleicht eine der begehrten Statistenrollen erbeuten zu können. Derweil übten sich die beiden assistierenden Männer in wirrer Hektik: Während der eine scheinbar planlos mit einem langstieligen Richtmikrofon gestikulierte, so als versuche er, allzu neugierige Touristen wie lästige Tauben zu verscheuchen, hielt der dritte Mann des Teams einen goldenen Reflektor hoch – augenscheinlich so, als wolle er mit dem Umformer das gleißende Sonnenlicht zähmen und in die schwarze Digitalkamera seines majestätisch thronenden Meisters lenken.
Für Bruchteile verlor der Fotoreporter das Jagdobjekt aus dem Visier, weil seine schon allzu lange in diesem Metier arbeitenden Gedanken instinktiv abschweiften – spürend, dass die scheinbar geschäftige Szenerie nicht der Wirklichkeit entsprechen konnte. Aber was störte so sehr? War es das fünf Meter lange Mikrofonkabel, das einer der Männer hinter sich herschleifte, ohne zu bemerken, dass keine Verbindung zur Kamera bestand? Oder der goldene Reflektor, den erfahrene Fotografen nur bei bedecktem Himmel gebrauchen würden? Der Reporter stutzte: »Ich würde eine zweiseitige Bespannung in Weiß und Silber vorziehen, schon der besseren Kontraste wegen«, murmelte er vor sich hin, ohne sich von dem Schauspiel losreißen zu können: »Irgendwie Anfänger, nachher werden sie ihren Spaß haben, bei den ausgeprägten Gegensätzen von Licht und Schatten. Das könnte man besser machen, aber was soll's.« Er zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder der himmlischen Erscheinung. Sie kam immer näher. Gleich würde sie die Mitte der Piazza erreichen. Dann konnte er sie ansprechen. Ihn trennten nur noch wenige Meter vom Sommerfoto des Jahres. Es ließe sich bestimmt gut verkaufen. »Sie muss nur noch an dem filmenden Laienspieltrupp vorbei«, flüsterte der Fotoreporter seiner Kamera zu. »Dann kommst du zum Einsatz, meine Liebe.«
Doch genau in diesem Moment verschwand die Frau für zwei, drei Sekunden aus seinem Blickfeld. Er sah nur noch den weißen Lieferwagen, der sich ganz unauffällig ein paar Meter nach vorne bewegte. Dann hörte er das knarrende Geräusch einer sich öffnenden Schiebetür – aber sein Bewusstsein maß diesen Lauten keinerlei Bedeutung zu. Auch das unmittelbar danach zu vernehmende, scharrende Geräusch einer sich wieder schließenden Tür beunruhigte den Instinkt des Reporters nicht. Das Filmteam verfiel in höchste Anstrengung, bemüht, das Geschehen tadellos auf Zelluloid zu bannen. Auf ein Zeichen des Kameramanns schoss der Kastenwagen mit quietschenden Reifen davon. Ganz schön schnell für eine so alte Möhre, dachte der Fotoreporter, froh darüber, endlich wieder freies Blickfeld zu haben. Doch die schwarze Göttin war weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Der Mann schaute sich entgeistert um. Überall stinknormale Touristen, die dem Kamerateam für die gelungene Aktion laut Beifall klatschten. Einige riefen sogar »Da capo!«, als wollten sie alle Details noch einmal und möglichst sogar in Zeitlupe sehen. Aber von einem himmlischen Wesen mit göttlicher Figur fehlte jedes Anzeichen. »Verdammt«, entglitt es den Lippen des Fotoreporters, »wo ist sie hin?« War er überhaupt noch Herr seiner Sinne oder schon verblendet von den hitzigen Strahlen der grellen Sonne?
Seine Augen flackerten unruhig über die seltsam normal wirkende Szenerie. Der Verstand machte Purzelbäume, entwarf die verrücktesten Theorien, konstruierte die abenteuerlichsten Erklärungen, um allesamt sogleich wieder zu verwerfen. Doch seine Überlegungen änderten schlagartig die Richtung, als der Fotoreporter sah, wie der Kameramann nicht lange fackelte, den Wagen eilig und mit wenigen Handgriffen zusammenklappte, zu einer Sackkarre umfunktionierte, darauf den Ausrüstungskoffer und die Kamera packte, um sodann gemeinsam mit seinen Helfershelfern in Windeseile davon zu rennen. Genau in diesem Moment, als ob ein Heer wärmender Sonnenstrahlen den morgendlich schwer über dem Fluss wabernden Nebel auflöste, verloren sich die undurchsichtigen Schwaden im Kopf des Reporters. Schwaden, die den Verstand vernebelt, jeden klaren Gedanken verschleiert und das Gehörte ignoriert hatten. Hektisch blickte er sich um. Was das Kamerateam anging, täuschte ihn sein Gefühl nicht: Laienspieler. Das war die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht lautete: Das Objekt der Begierde befand sich genau vor seiner Nase, verschwunden im Bauch des motorisierten weißen Wals und offensichtlich abgefangen von der hellwachen Konkurrenz. Ärgerlich. Der Fotoreporter war wütend. Zornig über die eigene Unachtsamkeit. Er stampfte mit den Füßen auf, so heftig, dass der seit Wochen ausgelaugte Straßenstaub wolkig aufstob. Das würde er sich nicht gefallen lassen.
In diesem Augenblick unbändiger Empörung, die sich mit kämpferischer Begehrlichkeit paarte, fiel sein tatendurstiger Blick auf einen wie vom Göttervater gesandten, knallrot und silbermetallic lackierten, mit Chromblenden und Alufelgen aufgemotzten Roller. Lasziv lehnte eine vermutlich noch nicht einmal sechzehnjährige Kindfrau gegen das abgestellte Geschoss, dabei mit beiden Armen ihren kaum älteren Lover eng umfassend. Der Zündschlüssel steckte noch – bei beiden Vehikeln.
»Hey du«, der Reporter machte ein paar schnelle Schritte hin zu dem umschlungenen Pärchen und klopfte dem Lover auf die Schultern. »Ist der Bock getunt?«
»Bist du verrückt? Was willst du Alter, hau ab.« Der völlig entgeisterte Junge drehte sich kurz um. »Du störst«.
»Also doch getunt, prima«, der Reporter ließ nicht locker.
»Bist du ein verdeckter Bulle, einer von den spießigen Carabinieri? Oder etwa ein neidischer Spanner, hä?« Der junge Mann ballte die Faust und ließ mit einer unmissverständlich obszönen Geste seinem Ärger freien Lauf, wohl denkend, er könne den dreisten Zeitgenossen damit gehörig einschüchtern: »Hau endlich ab, ich bin beschäftigt.« Der jugendliche Casanova widmete sich wieder dem süßen Kussmäulchen, seine Hände suchten die reifen, kleinen Früchte unter der sommerlich weiten Bluse – unfähig an etwas anderes zu denken. Völlig gelähmt und nicht mehr in der Lage, die alltäglichsten Herausforderungen des Lebens zu meistern.
Im Nu erkannte der Reporter die sich ihm bietende Chance. So wie die Maschine aussah, war sie mit Sicherheit frisiert. Und mit etwas Glück sogar ordentlich. Zwar kamen die meisten Roller mit ihren Zweitaktern höchstens auf fünfzig Stundenkilometern, er wusste aber, dass es nicht schwer war, Geschwindigkeiten von über hundert und mehr auf das Hinterrad zu bringen. Unsanft stieß er das liebestrunkene Pärchen zur Seite und schwang sich behände auf den Roller. Es ließ ihn völlig kalt, dass die jungen Leute völlig verdutzt zu Boden fielen – sie ziemlich hart, er etwas weicher. Den Lieferwagen jagte nun ein Verfolger auf Augenhöhe.
Langsam wachte die junge Wissenschaftlerin aus der Betäubung auf. Ihr Kopf brummte wie ein Schwarm Bienen, der augenblicklich einen Honig saugenden Nebenbuhler angreifen wollte. Das Erinnerungsvermögen dämmerte vor sich hin. Studiosi? Nicht auszuschließen. Zwar verwöhnten diese sie hin und wieder mit übermütigen Schelmereien – zumal als attraktive Dozentin von Mitte zwanzig – doch dieser Streich ging jetzt deutlich zu weit – realitätsnahes Fernsehen hin oder her.
»Mist«, murmelte sie ärgerlich, »ich kann mich nur noch entsinnen, dass mich etwas in dieses verdammte Auto gezogen hat.« Unbequem auf dem Boden liegend, spürte sie unter sich das harte, rubbelige Blech des Wagens. »Zumindest eine Decke hätten die Idioten reinlegen können«, fluchte sie laut. Alle Knochen meldeten sich in der Einsatzzentrale des Gehirns wehleidig zu Wort. Sie hegte den schlimmen Verdacht, massenhaft mit schmerzenden und zu alledem noch hässlich blaurot unterlaufenen Blutergüssen übersät zu sein. Tintenklecksartige Flecken, die wie eine Mischung aus ungewollt verschüttetem schwarzbraunem Kaffee und tiefrotem Wein wirkten. Nun ist gut, dachte die Frau unwirsch. Jetzt einfach aufstehen und dem Spuk ein Ende machen. Leichter gesagt als getan, denn erst jetzt bemerkte sie die Fesseln an ihren auf dem Rücken eng zusammengebundenen Händen. Die Gelenke schmerzten. Auch an den fest zusammengezurrten Füßen schnitten die groben Schnüre scharf in die empfindlich dünnen Hautpartien. Sie kam sich vor wie ein handliches Paket, fertig zum Versand. Nur, wohin sollte die Reise gehen? Eine erste, winzig kleine Anmutung von Angst versammelte sich in der Magengrube.
»Seid ihr bekloppt«, fluchte sie erneut, mehr und mehr die zurückkehrenden Lebensgeister spürend. »Macht mich sofort los, es ist genug. Ich habe keine Lust mehr auf eure dämlichen Spielchen.« Sie schrie, inzwischen außer sich vor Zorn. Der dunkle Teint des Gesichts wandelte sich zur brennend roten Glut. Die Augen kämpften sich durch die Dunkelheit, aber nur ein paar kleine Ritzen in den rostigen Blechen des Lieferwagens gewährten vereinzelten, schwachen Lichtstrahlen den Eintritt in das Innere des Gefängnisses.
Sie sah und hörte niemanden. Sie glaubte allein zu sein. Doch sie irrte. Als ihre Sinne die schemenhafte Bewegung bemerkten, die von einem unförmigen Etwas in der hinteren Ecke des Wagens ausging, erschrak die Frau zu Tode. Das Bewusstsein rotierte, die Nebennieren schütteten – der Natur gehorchend – Adrenalin in Hülle und Fülle aus. Sie hörte ihr Herz rasen. »Was soll das? Wer bist du? Was willst du?« Ihre Fragen erfolgten mit brüchiger Stimme im angstvollen Stakkato; laut, lauter, immer lauter – denn die unheimliche Gestalt bewegte sich direkt auf sie zu. Jetzt kroch geballte Angst aus der Magengegend hoch, immer dichter werdend, höher und höher kletternd, bis sie der Frau die Kehle zuschnürte, die Glieder der Gefangenen wie Eis erstarrten – und plötzlich blickten ihre dunkelbraunen Augen in einen hell blendenden und sich fortwährend bewegenden Lichtkegel, vermutlich aus einer Taschenlampe. Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Das weiße Licht wanderte an ihrem Körper entlang. Unverschämt ausgiebig hielt es sich an ihren Brüsten auf. Viel zu lange. Die Frau begann zu zittern. Was sie in den diffus an den Wänden des Wagens zurückgeworfenen Lichtstrahlen zu sehen meinte, sah aus wie eine dunkel gekleidete, mit einer Wollmütze vermummte Gestalt, die sich breitbeinig vor ihr aufbaute. Nach Größe und Körperbau zu urteilen, wohl ein Mann, überlegte die Gefangene kurz, indes sie die offensichtlichen Schwierigkeiten der Kreatur beobachtete, das Gleichgewicht zu halten. Betrunken? Nein, dem heftigen Schlingern nach zu urteilen, bewegte sich der Lieferwagen auf kurvenreicher Strecke einfach viel zu schnell fort.
»Wo fahren wir hin?«, brüllte die Frau, allen Mut zusammennehmend. »Machen Sie mich sofort los, sonst …«
»Was sonst, kleines Fräulein, willst du mir drohen?«, antwortete das unbekannte Wesen barsch.
Ein Mann , schoss es der Frau durch den Kopf. Eindeutig eine dunkle Männerstimme. Aber so gut ihre Ohren auch hörten, den Augen blieb dennoch das hämische Grinsen unter der dreckigen, abgewetzten Vermummung des Fremden verborgen.
Als die dämonische Gestalt den Lichtkegel wieder auf das Gesicht der Gefangenen richtete, versuchte die Frau hektisch der gebündelten Leuchtkraft zu entkommen, bewegte sich wie ein Aal hin und her. Vielleicht gelingt es mir, überlegte sie fieberhaft, die Fesseln zu lockern und freizukommen; mit dem Vermummten werde ich dann schon fertig. Die Körperfunktionen der Philosophin arbeiteten jetzt im Fluchtmodus. Aber je mehr sie sich regte, umso schmerzhafter verspürte sie das Gefesseltsein an Händen und Füssen. Ihre zarte, solche Belastungen nicht gewohnte Haut, wies bereits erste blutige Druckstellen auf. Sie biss die Zähne zusammen. In Schönheit sterben wollte sie nicht – dann lieber kämpfen.
»Bleib still liegen, du blöde Tusse, oder ich knall dir eine.« Der unbekannte Mann beugte sich ein wenig zu seinem Opfer herunter, um den Sitz der Fesseln zu kontrollieren. Die stinkende Wollmütze befand sich nun ganz nah am Gesicht der Frau. Im Halbdunkel sah sie böse Augen, die durch zwei Sehschlitze stechend und begierig auf ihren Körper herabblickten. Das Scheusal roch nach billigem Schnaps. Spielerisch glitt die Lampe durch seine Finger, der Lichtkegel irrte wild umher. Was die Frau nun sah, ließ sie erschauern. Um den Hals des Mannes baumelte ein goldenes Priesterkreuz. Für einen winzigen Augenblick konnte sie die Konturen des gekreuzigten Christus im Ausschnitt eines offenen, weißen Hemdes erkennen. Mein Gott, was ist hier nur los? , fragte sich voller Unglauben ihr Verstand, so als wolle er des Rätsels Lösung von höherer Warte aus erzwingen.
Abrupt hielt der Wagen an. »Wir sind da. Jetzt keine Zicken!« Die Anweisung des Vermummten erfolgte kurz und knapp.
Erst einmal draußen nachsehen, wo wir überhaupt sind , überlegte die Frau mutig. Ich muss nur geduldig auf eine geeignete Möglichkeit zur Flucht warten.
Aber es kam anders. Rabiat und völlig unerwartet zog der Mann mit dem Priesterkreuz der Frau einen Jutesack über den Kopf. Feine Staubkörner und gröbere Faserteilchen verfingen sich in ihren langen schwarzen Haaren und rieselten das Gesicht hinunter. Sie musste husten, die Augen begannen zu brennen. Dann klopfte der Mann dreimal an die Ladetür des Lieferwagens. Blechern klang das vereinbarte Zeichen. Von außen wurde die Tür geöffnet.
»Jetzt raus mit dir.« Der vermummte Mann zerrte die gefesselte Frau am Arm hoch und stieß sie brutal nach vorne. An der Ladekante trat sie ins Leere und fiel nach vorne – geradewegs in zwei große, fest zupackende Hände. Die Finger der zweiten Gestalt bohrten sich fest in das zarte Fleisch der Frau. Sie schrie vor Schmerz. Augenblicklich wurde ihr Körper zum plumpen Mehlsack, kopfüber und wortlos getragen auf breiten, wohl männlichen Schultern. Sie versuchte sich zu bewegen, doch Angst und Schmerz lähmten die Muskeln. In dieser unbequemen Lage ausharrend versammelte sich alles Blut nach und nach im Kopf, der jeden Augenblick zu platzen drohte. Der Körper gehorchte nicht mehr. Sie verlor das Bewusstsein.
Die Gestalt entledigte sich der Last mit einem gekonnten Überschwung. Die Frau knallte auf die Platte eines bereitstehenden Tisches. Dann nahm man ihr den Sack ab. Nun wieder hellwach blinzelte die Gefangene mit den Augen und versuchte hektisch, das Umfeld ihrer misslichen Lage aufzunehmen: Die unverputzten, roten Ziegelsteine wiesen auf ein altes Landhaus hin. Die Luft schmeckte modrig und stickig, offensichtlich wohnten hier schon lange keine Leute mehr. Der Raum erschien nicht sehr groß, nur kärglich mit dem Nötigsten eingerichtet. Keine Bilder an den Wänden, ein paar alte Holzstühle standen neben dem Tisch. Sie sah einen Mann. Auch er benutzte eine schäbige, schmutzig-braune Wollmütze, um das Gesicht zu vermummen. Aber er schien deutlich kräftiger und größer als der Mann im Laderaum.
Anarchisch abstruse Gedanken durchzuckten den Kopf der Philosophin; es kam ihr vor, als läge sie auf einem Operationstisch. Ihre Organe, jung und gesund, würden sicherlich einen hohen Preis auf dem Schwarzmarkt erzielen – konnte man doch immer wieder Berichte über Menschen lesen, die ausgeweidet und einfach liegen gelassen wurden. Eine Horrorvorstellung. Sie zitterte wie Espenlaub. Die beiden Entführer sehen aber nicht aus wie Mediziner, widersprach der Verstand den ersten Befürchtungen. Oder würden die Experten vielleicht noch kommen? Unsinn. Die Frau verwarf den Gedanken. Das passte alles nicht zusammen, schließlich war man hier nicht in der Wildnis. Aber was dann? Lösegeld von den Eltern? Vielleicht.Aber es gibt wohlhabendere Familien in der Umgebung, überlegte sie, und die beiden Kerle machen den Eindruck, sich in den Örtlichkeiten gut auszukennen. Blieb letztlich nur eine Absicht … Schon allein der Gedanke daran ließ sie erneut erschauern und ihr Inneres bebte vor Entsetzen, während sie sich ausmalte, was die beiden Grobiane mit ihr anstellen könnten. Wenn auch der andere Mann zu den Pfaffen gehört, dann gibt es keine Chance, deren Geilheit Einhalt zu gebieten, wisperte ihre Seele. »Macht es euch Spaß, über wehrlose Frauen herzufallen, bloß weil ihr sonst keine abbekommt?«, schrie sie hysterisch, schrie sich die Angst aus der Lunge: »Ihr seid Schweine! Schweine! Elende Schweine!«
»Halt's Maul«, die Pranke des Größeren, offensichtlich der Rädelsführer, klatschte laut auf ihre rechte Wange.
Sie schrie wieder, diesmal vor Schmerz. Panik kroch hoch.
»Ich mach es dir jetzt gemütlicher«, säuselte der Grobian scheinheilig, während er die Fesseln an den Händen löste. Für einen kurzen Augenblick überkam die Frau ein Anflug von Erleichterung. Sie spürte die Entlastung in den Schultergelenken, spürte, wie das Blut wieder durch die Adern in die tauben Fingerspitzen floss. Kurz massierte sie ihre Arme, so als wolle sie jede einzelne Zelle beruhigen und die wiedergewonnene Normalität verkünden. Dann traute sie sich aufzurichten, doch der Mann stieß sie wieder zurück.
»Liegen bleiben, ich will es dir doch bequem machen.« Er lachte höhnisch. Der Peiniger nahm das linke Handgelenk der Frau, knotete eine Schnur darum, zog den Arm seines Opfers über den Kopf nach hinten und band die Fessel am unteren Tischbein fest. Dann wiederholte die Tortur mit der rechten Hand der Gefangenen. Gefühlskalt, ohne mit der Wimper zu zucken.
Bequem ist anders , dachte die Frau mit einem letzten Schuss Galgenhumor. Für einen kurzen Moment genoss sie es, nicht mehr auf ihren zusammengebundenen, am Rücken verrenkten Händen zu liegen. Bloß jetzt nicht die Nerven verlieren, mahnte ihr Verstand und versuchte, den hämmernden Puls nach unten zu fahren. Als aber der Peiniger die Fesseln an den nackten Füßen der Frau löste, dann den Körper auf der Tischplatte vorzog, bis die Pobacken am Rande des Holztisches lagen und die bloß liegenden, dunklen Schenkel mit seinen starken Armen nach außen drückte, wusste die Frau, was ihr bevorstand. Sie versuchte sich zu wehren, befahl allen Muskeln höchste Gegenwehr, doch sie kämpfte umsonst. Den wie Schraubstöcke wirkenden Händen des Vermummten konnte sie nicht das Geringste entgegensetzen. Am Rande ihres Gesichtsfeldes meinte sie, auf der Innenseite seiner rechten Handfläche eine Tätowierung zu erkennen: ein Pentagramm, einen fünfzackigen Stern, der sich deutlich von der hellen Haut abhob. Aber das unverschämte Grinsen des Mannes unter der ihn abschirmenden Mütze blieb ihr erneut verborgen.
Sie begann zu weinen. »Brauchst du es so? Kannst du nur so kommen?« In der mit schluchzender Stimme herausgepressten, aber nach keiner Antwort verlangenden Frage der gepeinigten Frau schwang panische Angst. Angst, die aus allen Poren tropfte. Schweißnasse Angst, die man riechen und an den zu unförmigen Nestern verklebten Haaren sogar sehen konnte. Aber sie würde sich wehren, bis zuletzt, mit maßloser Wut.
»Wo denkst du hin? Wir sind Ehrenmänner. Wir vergewaltigen keine Frauen.« Die Antwort des Mannes klang völlig unwirklich.
»Ach so?«, fragte sie zurück und setzte schrill nach: »Ja, ich vergaß, ihr treibt es lieber mit kleinen Jungs, die sind gefügiger.« Den ironischen Beigeschmack der Stimme sehr wohl bemerkend, klatschte der Mann die hohle Hand erneut auf die Wange der Gefangenen, diesmal links. Sie schrie auf. Laut. Noch lauter als zuvor. »Was wollt ihr dann, ihr Schweine?«
»Wo ist die Zeichnung?«
Die einfache, nur aus vier Wörtern bestehende Frage, traf die Frau völlig unerwartet und viel härter als die vorherigen Schläge – als sause ein gusseiserner Dampfhammer mit voller Wucht hernieder. Sie war völlig perplex. »Was für eine Zeichnung? Seid ihr verrückt? Ihr veranstaltet den ganzen Zinnober hier nur wegen einer Zeichnung? Ich weiß nichts davon«, log sie tapfer.
»Wo ist die Zeichnung?« Der Tonfall des Mannes wurde gefährlich ungeduldig. »Du weißt genau, was ich meine, tu nicht so dumm, die Zeichnung mit der Formel des Lebens.«
Die Philosophin versuchte krampfhaft, die in einem verschwommen Brei wabernden Gedanken zu ordnen. Ahnungen, Vermutungen, Befürchtungen durchzuckten ihr Denken wie Nadelstiche: Wieso wussten die Männer von der Zeichnung? Und was wollten die Kerle damit anfangen? Verkaufen, weil wertvoll? Handelten die Vermummten auf eigene Rechnung oder als gedungene Schergen? Und wenn ja, für wen? Egal, sie würde ihre Entdeckung niemals hergeben, unter keinen Umständen – der Schatz gehörte ihr.
»Ich weiß von keiner Zeichnung«, behauptete sie frech, allen verzweifelten Mut zusammennehmend. »Leck mich doch, du Schwein«, entfuhr es ihr. Doch es dauerte nur wenige Augenblicke, dann merkte die Doktorin der Philosophie, dass Mut zur falschen Zeit ein manchmal verhängnisvoller Fehler sein kann.
»Das haben wir gleich. Du Schlampe hast es nicht anders gewollt.« Mit einer geschickten, kraftvollen Drehbewegung warf der Mann die Gefangene auf den Bauch. Sie knallte mit dem Kinn und dem rechten Ellbogen auf die Tischplatte, ihr Becken stieß genau auf die Kante. Verdammt, noch mehr blaue Flecken, dachte sie lakonisch, ehe sie mit schmerzverzehrtem, fratzenhaftem Gesicht erneut laut aufschrie. Die Knöpfe ihrer stark verdreckten, vormals schneeweißen Bluse hatten bereits das Weite gesucht und boten keinen Halt mehr. Der dunkelrote Rock, an mehreren Stellen gerissen, sah schäbig aus. Die Arme überkreuz lang ausgestreckt und gefesselt, gab die gequälte Frau ein elendes Bild ab. Der Mann zog sie sich passend zurecht. Die Schnüre an den Händen spannten immer mehr, die nackten Beine hingen an der Kante des eisenharten Tisches herunter, gerade soweit, dass die Zehenspitzen den Fußboden berühren konnten. Die Frau versuchte zu treten, irgendeinen Gegenstand zu treffen – vergeblich.
»Hey, hilf mir mal.« Der Anführer winkte mit einer auffordernden Handbewegung zu seinem sich bisher im Hintergrund haltenden Kumpan: »Binde den Fuß am Tischbein fest, aber so, dass man die Sohle sehen kann«, er zeigte auf die rechte Tischseite, während er sich selbst am linken Fuß der Frau zu schaffen machte. »Nun, mein Täubchen, jetzt werden wir deinen Wunsch erfüllen«, sagte er genüsslich. »Denn Lecken ist unsere Spezialität.«
Die Frau konnte nicht sehen, wie der Mann die Mütze vom Kopf zog und sich mit der Hand durch die fettigen, verschwitzten Haare fuhr. Festgezurrt wie auf der Schlachtbank, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, versuchte sie verzweifelt bei Bewusstsein zu bleiben.
»Hol sie.« Wieder gab der größere der beiden Männer den kurzen Befehl.
Für ein paar Sekunden herrschte gespenstische Ruhe, dann vernahm die Frau geschäftige Schritte – offensichtlich verließen die Entführer den Raum. Sie lag nun völlig wehrlos auf dem Foltertisch. Ihre missliche Position ließ nur geringe Drehungen des Kopfes zu. Keiner konnte sie hören. Niemand würde ihr helfen. Tränen flossen über ihr Gesicht, erst wenige, dann immer mehr. Ein kleiner See des Elends bildete sich auf dem Tisch und versank langsam in den Jahresadern des alten Holzes. Nur noch ein letzter Funke Stolz züngelte in ihr. Aber auch dieser Funke drohte zu erlöschen, wie die Flamme einer abgebrannten Kerze. Dann sah sie schemenhaft aus durchnässten Augenwinkeln, den Kopf leicht zur Seite geneigt, wie der größere der beiden Männer zurückkehrte. Er hielt etwas in der Hand, aber sie konnte es nicht erkennen. Sekunden später spürte sie, wie der Mann eine leicht klebrige Paste auf ihren hellen Fußsohlen verstrich, erst links dann rechts. Es kitzelte ein wenig, wirkte für den Augenblick sogar beruhigend – zeigte es doch, dass sie noch lebte, dass Sinne und Reflexe noch funktionierten. Dann roch sie das billige Parfüm des Peinigers. Es stinkt nach Nuttenparfüm, dachte sie abschätzig. An deinem süßlichen Geruch werde ich dich wiedererkennen … Dann hörte sie das laute Meckern einer Ziege.
»Komm her, Pepino, du alter Bock.« Der größere der beiden Männer schnalzte mit der Zunge, während er den stattlichen, schwarz und weiß gefleckten Ziegenbock an der Leine bis vor die Füße des hilflosen Opfers zog. »So ist's brav, hier ist deine Leckerei.« Liebevoll tätschelte der Mann über das zottelige Fell der Ziege.
Mit vorsichtiger Neugier näherte sich das mit zwei imposanten Hörnern ausgestattete Tier den rosig schimmernden Fußsohlen. Ungeduldig meckernd schnupperte der Ziegenbock mit seiner feinen, dunkelgrauen Nase zaghaft an den Füßen der Frau. Begierig begann das Tier mit langer, flinker Zunge, das angefeuchtete Salz hastig von den Fußsohlen zu lecken.
Die gefesselte Frau zuckte wie elektrisiert, als sie die feuchte Zunge, rau wie Schleifpapier, an der empfindlichen Haut spürten. Es kitzelte. Der Körper antwortete reflexartig mit einem unfreiwilligen Lachen. Aber der Ziegenbock leckte unbeirrt weiter. Das Lachen der Frau wurde heftiger, lauter, fast wie Freudenschreie in Erwartung höchster körperlicher Genüsse. Sie jauchzte, das Kleinhirn schüttete wild Endorphine, drogengleiche Glückshormone aus – so wie es die unbewusste Steuerung immer tat, wenn sich seine Herrin im erregend erotischen Spiel hemmungslos ihren Trieben und Gefühlen hingab. Ganz kurz empfand die Frau ein angenehmes Wohlgefallen. Aber dennoch, sie mochte keine wehrlosen, sadistischen Fesselspiele.
Der alte Bock leckte genüsslich weiter. Sein Opfer quietschte vor Lachen. Aber mehr und mehr verstärkte sich das Lachen zu einem unnatürlichen Wiehern und Gackern. Das kitzlige, jetzt quälende Gefühl an den zarten Füßen wurde schier unerträglich. Die Frau kreischte, versuchte sich aufzubäumen, die Füße wegzuziehen. Vergeblich. Die Arme nach hinten gespannt, die Fesseln straff, schnitten sich die Schnüre umso schärfer ins Fleisch, je mehr sie sich wehrte. Blitzartige Reflexe, bis ins innerste Mark gehend, durchzuckten den wehrlosen Körper wie Peitschenhiebe. Die Muskeln schmerzten, Atemnot stellte sich ein. Die Überreizung war kaum noch auszuhalten. »Aufhören, hört auf, ich kann nicht mehr«, flehte die geschundene Frau mit gebrochener Stimme und wild hechelnd.
»Wir kommen deinen Wünschen gerne nach, Herzchen, das weißt du doch.« Der Scherge ruckte am Halsband der Ziege, zog sie fort.
Die Füße der Frau, der ganzer Körper empfanden es als einzigartige Wohltat, nichts mehr zu spüren. Ganz leicht entspannten sich die Muskeln. Wider die Vernunft überkam die Frau ein Gefühl von Dankbarkeit. Lange hätte sie die Tortur nicht mehr ausgehalten.
»Wo ist die Zeichnung?«, fauchte der Entführer ungeduldig. Er stellte die Frage noch unmissverständlicher als zuvor.
Die Doktorin keuchte. Hektisch jagten mal halb bewusstlose, mal glasklare Gedanken hin und her, unsicher schwankend zwischen Preisgabe und Verteidigung des Schatzes, entdeckt in der Bibliothek des Vaters. Nein, ihre Eltern, die sie als kleines Kind adoptierten, dem Hunger, den grausamen Wirren des Bürgerkrieges und den Unbillen des elendigen Flüchtlingslagers entrissen, durfte sie unter keinen Umständen hineinziehen. Sie verdankte ihnen so viel. Sie liebte Vater und Mutter – und deshalb wollte sie kämpfen, bis der letzte Atemzug entwich, so wie es ihre Ahnen in Tausenden von Jahren taten – im lebensfeindlichsten Umfeld, Jahr um Jahr, Tag um Tag.
Die Frau unterdrückte die Tränen, widerstand der Versuchung, sich dem Leid zu ergeben. Das Gehirn leistete Schwerstarbeit. Doch so sehr sie sich auch den Kopf zermarterte, sie fand keine Lösung aus der ausweglosen, wahrlich kitzligen Situation. Denn was konnte noch helfen? Ein rettender Zufall? Wie lange sie die Tortur mit dem Ziegenbock wohl noch ertragen würde? Unmöglich einzuschätzen. Vielleicht fügte sich ja das Glück und dem Bock schmeckte das Salz bald nicht mehr. Irgendwann musste das Tier doch genug haben. Alle Kräfte zusammennehmend sagte sie stolz: »Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.«
»Dann musst du weiter leiden.« Der Mann verzog spöttisch die Mundwinkel. »Wir gehen inzwischen nach nebenan, Squadra Azzurra. Du weißt schon, Männersache. Und wenn es dir wieder einfällt, das mit der Zeichnung, und du genug Vergnügen hattest, rufst du einfach. Wir kommen dann und erlösen dich.« Fast zärtlich strich er über die vom Schweiß klebrigen Haare der Frau, ließ seine Finger mit sanftem Druck über deren Rücken gleiten, an dem der durchnässte Stoff der Bluse wie eine zweite Haut pappte. »Wir sind doch keine Unmenschen.« Mit einer ruckartigen Kopfbewegung versuchte die schweißnasse Frau, die Hand des Peinigers wie eine lästige Schmeißfliege abzuschütteln. Doch der Mann reagierte nur mit einem anzüglichen Grinsen. »Pepino wird dich weiter bedienen, solange du möchtest. Ich beneide dich, Chérie. Die größten Glücksmomente stehen dir noch bevor. Warte nur, bis allmählich die Haut vom vielen Lecken wund und durchgescheuert ist, dann wird es erst richtig scharf.« Aus den Worten des Mannes sprach blanker, sadistischer Hohn. Er nahm den Ziegenbock bei den Hörnern und zerrte ihn wieder zu den Füßen der Frau, band die Leine um ein Tischbein und verschwand mit seinem Helfer, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, im Zimmer nebenan.
»Fahrt zur Hölle, ihr Schweine«, brüllte die Frau den Kerlen aus vollem Halse hinterher – doch die tauben Ohren der Schergen blockten die Flüche ab, als seien sie winzige, sachte dahingleitende Federn. Unterdessen wurde das kitzlige Gefühl an den weiblichen Fußsohlen immer unerträglicher und Pepino machte keine Anstalten, von dem Salz abzulassen. Der Bock leckte gierig weiter, als habe er seit Ewigkeiten keine Gelegenheit mehr dazu gehabt. Lange würde die Frau das schier unerträgliche Gefühl nicht mehr aushalten. Sie schrie. Wilde, undefinierbare Laute, ein Gemisch aus Angst, Pein und Wollust verließen ihre Lippen. Dann betete die Philosophin zum Himmel: »Oh mio Dio, lieber Gott, bitte lass mich ohnmächtig werden.« Sie verspürte einen fürchterlichen Durst, denn die stickige Luft lag wie Blei in der Lunge. Und sie fürchtete, den Verstand zu verlieren, vollkommen irrezuwerden, überwältigt von einer Reizfülle, die Körper und Verstand nicht mehr verarbeiten konnten. Bedeutete jeder einzelne stimulierende Zauber für sich genommen das vollkommene, sinnliche Glücksgefühl, so beinhalteten alle zusammen am Ende nur das Schlimmste: den tödlichen Krampf, den Atemstillstand. Aber sie wollte sich nicht totlachen. – Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Mit dem aufgemotzten Motorroller blieb der Reporter dem Lieferwagen problemlos auf den Fersen. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, die alte Karre einzuholen, aber er musste auf Distanz bleiben. Der Fahrer des Wagens durfte nicht merken, dass ihm jemand folgte. Der Fotoreporter vermutete, dass neben der entfleuchten Studentin noch mindestens zwei weitere Leute in dem Auto saßen.
Zunächst ging es in östlicher Richtung hinaus aus der Stadt, auf der belebten Hauptstraße immer entlang des Flusses, den sie nach ungefähr zehn Minuten überquerten. Dann bog das Auto in südliche Richtung ab. Die wenig befahrene, schmale Landstraße schlängelte sich durch sanft gewellte Hügel, vorbei an zwei malerischen, kleinen Ansiedlungen. Hier und da gackerten ein paar Hühner am Wegesrand. Die Verfolgten machten aber keine Anstalten anzuhalten. Stattdessen änderten sie an einer Straßengabel nochmals die Richtung nach Südwesten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wechselten sie von der gut zu befahrenden Asphaltstraße auf eine nur schwer zugängliche, ungepflasterte Nebenstraße, ausgelegt mit grobkörnigem Schotter. Dann überquerte der Lieferwagen eine kleine Rampe, die als Brückenersatz für ein unschuldig dahinfließendes kleines Bächlein diente, und fuhr einen Hügel hinauf durch die Weinberge, bis zu einem mit unzähligen Säulenzypressen bewachsenen Plateau. Hinter einer scharfen Rechtskurve tauchte ein verfallenes Landhaus auf, umgeben von einem im leichten Wind wogenden gelben Meer üppiger Sonnenblumen, die stolz den Blick zu ihrer Licht spendenden Namenspatronin richteten. Die Landschaft offenbarte sich als einzigartiges Idyll sich immer wieder wandelnder Farbflächen, deren starke Kontraste dennoch ein harmonisches Ganzes bildeten, in dem Mensch und Natur zu etwas Vollkommenem verschmelzen konnten.
Es war wie ausgestorben, nicht eine Menschenseele weit und breit – der Fotoreporter konnte nur schätzen, wie viele Kilometer zurücklagen, seit er das Stadtgebiet hinter sich ließ; vielleicht zwanzig oder gar dreißig? Er zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung, jedenfalls ist es ganz schön einsam hier draußen. Ideal für eine Ménage-à-trois, dachte er mit einem verschmitzten Lächeln und ertappte sich dabei, eifersüchtig zu sein. Vielleicht versteckt sich hinter meinem Engel in Wirklichkeit ein kleines, hintertriebenes Teufelchen mit Sinn für das Außergewöhnliche? Er fing an Spaß an diesem Gedanken zu hegen und begann sich allerlei Erotisches vorzustellen. Du Idiot
