Rot wie Schnee - Schwarze Lügen, rotes Blut - Kjell Eriksson - E-Book
Beschreibung

Spannend, intelligent, atmosphärisch dicht: Zwei Fälle für Ann Lindell.

Zwei verzwickte Fälle für Kommissarin Ann Lindell.

Schwarze Lügen, rotes Blut: Kommissarin Ann Lindell ist frisch verliebt – in den Journalisten Anders Brant. Umso fassungsloser reagiert sie, als dieser urplötzlich verschwindet. Als am selben Tag auch noch die Leiche des Obdachlosen Bosse Gränsberg gefunden wird und dieser einen Zettel mit Anders Nummer in der Tasche hat, gerät sie völlig aus der Fassung. Während sie vergeblich versucht, Anders zu erreichen, wird die Ermittlungsarbeit in Uppsala immer komplizierter: Plötzlich scheinen zwei weitere Mordfälle mit dem Tod des Obdachlosen in Verbindung zu stehen.

Rot wie Schnee: In Uppsala wird ein Mann mit durchgeschnittener Kehle im Fluss gefunden. Die Ermittlungen führen Ann Lindell und ihr Team in die Sümpfe der internationalen Drogenkriminalität. Insbesondere das trendige Restaurant »Dakar« gerät in den Fokus der Polizei und jeder dort scheint verdächtig zu sein. Die Kellnerin, die Küchenhilfen, der Chefkoch, der Besitzer: Wer ist hier Strippenzieher und wer Opfer? Während Ann Lindell unter Hochdruck ermittelt, bahnt sich im Restaurant eine zarte Liebesgeschichte an…

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EPUB

Seitenzahl:1042


Kjell Eriksson

Rot wie Schnee

Schwarze Lügen, rotes Blut

Kriminalromane

Rot wie Schnee

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Sigrid Engeler

1

Auf der anderen Seite des Tales senkten sich die Wolken langsam über die Berge. Am späten Nachmittag wanden sie sich in schmalen weißen Streifen durch den Pass im Osten. Wenn dann die Sonne hinter den Gipfeln verschwand, schimmerten sie silbrig. Die Bäume, die sich auf dem Kamm in unvorstellbar weiter Ferne abzeichneten, sahen aus wie eine Kompanie Soldaten, fand Manuel Alavez.

Um Nahrung und Feuchtigkeit aufzunehmen, waren die Wolken bis weit hinaus in die Welt gesegelt, bis an die pazifische Küste der Provinz Oaxaca. Suchten sie Abwechslung, wenn sie nach Nordwesten zogen, um vom Salz der Karibischen See zu kosten? Bei ihrer Rückkehr dampften die Berghänge noch von der Feuchtigkeit, die aus der dichten Vegetation aufstieg.

In Manuels Fantasie erzählten sich Wolken und Berge dann, was im Laufe des Tages vorgefallen war. Zwar hatte der Berg kaum mehr als den Dorfklatsch zu berichten, aber die Wolken waren es zufrieden. Nachdem sie so weit über unruhiges Land voll Verzweiflung und harter Arbeit gesegelt waren, war ihnen nach Alltäglichem zumute.

La vida es un ratito, das Leben ist ein kleiner Augenblick, pflegte seine Mutter zu sagen. Wenn sie dabei lächelte, unterstrich der fast zahnlose Mund ihren Ausspruch und reduzierte ihn gleichzeitig.

Manuel formulierte den Ausdruck später um. La vida es una ratita, das Leben ist eine kleine Ratte, sagte er.

Von der Terrasse, wo sie die Kaffeebohnen trockneten, sahen Manuel, seine Mutter und die Brüder unter sich die sechzig Häuser des Dorfs liegen, deren Ziegeldächer im Abendlicht in warmen Rottönen schimmerten. Rauch stieg auf. Wenn sie zu den Bergen hinüberblickten, konnten sie auf schmalen Pfaden winzige Menschen mit schwer bepackten Mulis erkennen, die unterwegs ins Dorf waren, wo die Hunde sie mit müdem Gebell erwarteten.

Das Dorf lag abseits, wie so viele andere. Bis zur nächsten größeren Straße, auf der man nach Talea gelangte, dauerte es knapp eine Stunde. Der Bus brachte einen dann in fünf Stunden in die Provinzhauptstadt Oaxaca.

Ihr Kaffee wurde in irgendeinem Hafen verpackt und nach »el norte« oder nach Europa verschifft. Sobald die Aufkäufer die Säcke verladen und weggebracht hatten, verloren die Dorfbewohner die Kontrolle darüber. Sie wussten, dass ihr Kaffee gut schmeckte und dass sich sein Preis verzehnfacht, vielleicht verzwanzigfacht haben würde, wenn er die Käufer erreichte.

Manuel lehnte seinen Kopf an das Fenster des Flugzeugs und starrte in die sternenklare Nacht über dem Atlantik. Nach der langen Reise aus den Bergen hinunter nach Oaxaca, weiteren sieben Stunden im Bus zur Hauptstadt und einem halben Tag Warten auf dem Flugplatz war er erschöpft. Nun befand er sich in elftausend Metern Höhe, und seine Unruhe hatte sich in Erstaunen verwandelt. Er flog zum ersten Mal.

Eine Stewardess kam vorbei und bot Kaffee an, aber er lehnte ab. Er hatte nicht gut geschmeckt, der Kaffee, den sie ihm vorher serviert hatten. Manuel betrachtete die Stewardess, als sie die Passagiere auf der anderen Seite des Mittelgangs bediente. Sie erinnerte ihn an Gabriella, die Frau, die er heiraten sollte. Seine Mutter fand, es sei höchste Zeit, in ihren Augen war er alt.

Gabriella und er hatten sich vor einigen Jahren kennengelernt und Briefkontakt gehalten, als er in Kalifornien arbeitete. Ein paar Mal hatte er angerufen. Sie hatte offenkundig auf ihn gewartet. Sicher liebte er sie, das redete er sich jedenfalls ein, aber bei dem Gedanken, sich für immer zu binden, wuchs seine Unruhe.

Kaum war er eingeschlafen, war Angel bei ihm. Sie waren auf einer milpa, wo sie Mais, Bohnen und Squash anbauten. Die Maisernte stand bevor. Ausgelassen hatte sich der Bruder in den Schatten eines Baums gelagert. Er lachte glucksend, wie nur er lachen konnte. Das Glucksen schien aus seinem Bauch zu kommen. Angel war rundlich und drall, als Kind hatte man ihn »El Gordito« genannt, das Dickerchen.

Angel erzählte von Alfreda aus dem Nachbardorf Santa Maria de Yaviche. Sie hatten sich im Februar bei der Fiesta kennengelernt, und Angel beschrieb ausführlich ihr Gesicht und ihre Haare. Bei Details war er immer genau.

Manuel stand auf, das leichtsinnige Schwatzen des Bruders über die junge Frau mochte er nicht. Sie war erst siebzehn. »Du darfst sie nicht an der Nase herumführen.«

»Sie führt doch mich an der Nase herum«, lachte Angel. »Sie bringt mich zum Beben.«

»Wir müssen jetzt zurückgehen«, sagte Manuel.

»Gleich«, sagte Angel, »ich bin noch nicht fertig.«

Manuel konnte nicht anders, er musste einfach lachen. Angel könnte Schriftsteller werden, er kann so gut erzählen, dachte er, und setzte sich wieder hin.

Auf der anderen Seite des kleinen Ackers tollten unbekümmert wilde Kaninchen herum, neugierig und verspielt, und achteten nicht auf den Habicht oben am Himmel.

»Du bist genauso ein Rammler. Aber das Leben ist nicht nur Spiel.« Manuel bereute seine Worte sofort.

Er war der älteste von drei Brüdern. Viel zu oft übernahm er die Rolle desjenigen, der die Verantwortung trägt, des Ermahners. Patricio, der mittlere der drei, und Angel waren eher zu Lachen und kindlichen Streichen aufgelegt, sie waren schnell und oft verliebt. Eigentlich beneidete Manuel sie um ihren Optimismus und ihre Unbeschwertheit.

Angel folgte dem Blick des Bruders und entdeckte den Raubvogel am Himmel, der sich langsam herabsinken ließ. Er hob die Arme, als hielte er ein Gewehr, zielte und schoss. »Päng!«, rief er und lachte Manuel zu.

Manuel lächelte. Dann senkte er den Kopf. Er wusste, dass der Habicht gleich zum Sturzflug ansetzte, und er wollte nicht mit ansehen, wie er seine Jagd erfolgreich beendete.

»Ich habe ihn verfehlt, aber der Habicht muss doch auch leben«, sagte Angel, als hätte er die Gedanken des Bruders gelesen. »Es gibt so viele Wildkaninchen.«

Manuel war auf einmal sehr unzufrieden, dass der Bruder spanisch sprach, aber ehe er ihn noch zurechtweisen konnte, schreckte er hoch. Er richtete sich auf und sah zu der Frau auf dem Nachbarsitz. Sie schlief. Offenbar hatte er sie nicht geweckt, als er beim jähen Aufwachen zusammenzuckte.

Irgendwo dort unten war Patricio. Seit er die Nachricht von Patricios Schicksal bekommen hatte, war er hin und her gerissen zwischen Wut und Trauer. Die Brüder fehlten ihm so. Patricios erster Brief hatte aus drei Sätzen bestanden: »Ich lebe. Sie haben mich geschnappt. Und ich bin zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.«

Der nächste Brief war etwas ausführlicher. Er war zwar sachlich, aber hinter den dürren Worten konnte Manuel schon die Erschöpfung und Verzweiflung ahnen, die in den späteren Briefen vorherrschten.

Manuel konnte sich Patricio nicht hinter Gittern vorstellen. Ihn, der die weiten Felder liebte und der seinen Blick immer so weit wie möglich in die Ferne richtete. Patricios Ausdauer und Beharrlichkeit hatten Manuel und Angel immer wieder erstaunt. Er war stets bereit, noch einige Schritte weiter zu gehen, nur um zu sehen, was sich hinter der nächsten Ecke oder der nächsten Kurve verbergen mochte.

Physisch war er der kräftigste der Brüder, gut einen Meter achtzig groß und damit länger als die meisten im Dorf. Seine Größe, seine Haltung und seine Augen hatten dazu beigetragen, dass ihm im Dorf ein gewisser Ruf vorauseilte. Er galt als vernünftiger Mann, auf dessen Wort man hören sollte. Angel war der Schwätzer, der sich nur ungern bewegte, Patricio hingegen war beweglich und wortkarg, nachdenklich in seinem Reden und zurückhaltend in seinen Gebärden. Gemeinsam war beiden eigentlich nur ihr Lachen.

Manuel hatte dem Brief des Bruders entnommen, dass das Gefängnis in Schweden ganz anders als die war, die man in Mexiko kannte. Dass sie in der Zelle einen Fernseher haben dürften und dass sie studieren könnten. Aber was sollte er studieren? Patricio hatte sich nie etwas aus Büchern gemacht. Er studierte lieber die Menschen und die Natur. Die anfallenden Arbeiten erledigte er unwillig, egal ob es um die Aussaat, das Jäten oder Ernten ging. Die Machete führte er oft kraftlos und unkonzentriert.

»Wenn du glaubst, dass ich so ein armer Campesino bleibe, dann täuschst du dich«, wiederholte er jedes Mal, wenn ihn Manuel daran erinnerte, dass er ein Erbe zu verwalten habe.

»Ich will nicht wie ein Ranchero in den Bergen sitzen, Bohnen und Tortillas futtern, einmal in der Woche in die Stadt kommen und mich mit Aguardiente volllaufen lassen. Und dabei die ganze Zeit immer ärmer werden. Siehst du nicht, wie wir übers Ohr gehauen werden?«

Würde er es aushalten, acht lange Jahre eingesperrt zu sein? Manuel fürchtete um das Leben und die Gesundheit seines Bruders. Patricio einzusperren kam einem Todesurteil gleich. Als Manuel ihm schrieb, er käme nach Schweden, hatte der Bruder unmittelbar geantwortet. Er wolle keinen Besuch. Aber darum scherte Manuel sich nicht. Er musste herausfinden, was passiert war, wie alles zugegangen war. Wie und warum Angel umgekommen war und wieso Patricio hatte so dumm sein können, sich auf ein schmutziges Geschäft wie den Drogenschmuggel einzulassen.

Als das Flugzeug durch die Wolken sank, eine Kurve beschrieb und zur Landung ansetzte, dachte Manuel an die Berge, die Mutter und die Kaffeebohnen. Wie schön diese Bohnen waren! Wenn sie getrocknet in offenen Jutesäcken lagerten, mit denen jeder Flur und Durchgang zu Hause verstellt war – sogar neben den Schlafplätzen standen die Säcke –, dann forderten einen die Bohnen förmlich heraus, sie anzufassen, sie zu spüren.

»La vida es una ratita«, murmelte er, bekreuzigte sich und sah zu, wie sich das fremde Land vor ihm ausbreitete.

2

Slobodan Andersson lachte. Das breite Grienen schien das ganze Gesicht zu spalten und enthüllte seine vom Rauchen verfärbten Zähne. Sie erinnerten an angespitzte Holzstifte, nadelspitze Waffen.

Auch wenn Slobodan Andersson oft lachte, hätte ihn niemand als fröhlichen Burschen bezeichnet. Sein Lachen klang eher wie das Kläffen eines kleinen Hundes.

Seine Feinde, und das waren im Laufe der Jahre einige geworden, sprachen verächtlich vom »Jugokläffer«. Slobodan schien das nicht übel zu nehmen. Wenn ihn jemand an seinen Spitznamen erinnerte, entgegnete er: »Der Pinscher ist mit dem Wolf verwandt«, hob ein Bein und kläffte wie ein kleiner Pinscher.

Nicht nur sein Gesicht war breit. Der ganze Mensch war in den letzten beiden Jahrzehnten in die Breite gegangen. Es fiel ihm zunehmend schwer, das Tempo zu halten, für das er als Gastwirt einmal berühmt und gefürchtet war. Allerdings, was er im Laufe der Jahre an physischer Beweglichkeit verlor, kompensierte er mit Erfahrung und zunehmender Rücksichtslosigkeit. Er ließ Menschen einfach hinter sich, und er tat das mit einer Gleichgültigkeit, die weder sein Lachen noch Rückenklopfen zu entschärfen vermochten.

Seine Lebensgeschichte strotzte von Unklarheiten. Mit den erstaunlichsten Details ausgeschmückt erzählten sie die Kneipengänger der Stadt. Slobodan seinerseits unterhielt die Leute gern mit einer Mischung aus vagen Äußerungen, die den unterschiedlichsten Deutungen das Feld überließ, sowie seltsam detaillierten und drastischen Episoden aus gut dreißig Jahren in der Branche.

Sicher war, dass er eine serbische Mutter hatte und einen schwedischen Vater, aber ob sie noch lebten und wenn, wo, wusste niemand. An diesem Punkt war Slobodan Andersson verschwiegen. Er erzählte gern von seiner Jugend in Schonen und davon, wie er als Fünfzehnjähriger angefangen hatte, in einem bekannten Lokal mitten in Malmö zu arbeiten. Er weigerte sich, den Namen des Restaurants in den Mund zu nehmen, er nannte es nur »die Kneipe«. Dort hatte er die ersten drei Monate mit nichts als Scheuern und Schrubben zugebracht. Der Küchenchef war Slobodan zufolge ein Sadist, und es hieß, Slobodan, zum Kochlehrling aufgestiegen, habe ihm ein Fischmesser in den Bauch gerammt. Wenn er darauf angesprochen wurde, unterbrach er sein Kläfferlachen und hielt sich den Bauch. Es kursierten unterschiedlichste Auffassungen, wie diese Bewegung zu deuten sei.

Nach Zwischenstationen in Kopenhagen und Spanien tauchte Slobodan Andersson in der Kneipenszene von Uppsala auf. Er erstaunte alle, weil er zwei Restaurants gleichzeitig eröffnete: »Lido« und »Pigalle«. Geschmacklose Namen, fanden viele, und diese Beurteilung erfuhr auch das Essen. Gemeinsam war beiden Lokalen die aufwendige Einrichtung. Das »Lido« wurde mit einer elf Meter langen Zinktheke ausgestattet. Die Gäste der Bar waren aufgefordert, ihre Bestellungen dort mit extra dafür bereitgehaltenen Schraubenziehern einzuritzen, die aber nach einer gewalttätigen Geschichte einkassiert wurden.

Das »Pigalle« sollte die Gäste an Mallorca in den späten Sechzigern erinnern. Es war im Grunde eine dunkle Höhle, eine misslungene Mischung aus orientalischen Anklängen und Mittelmeerambiente.

Beide Lokale machten nach kaum einem Jahr pleite. Aus der Konkursmasse kaufte Slobodan Andersson die Einrichtung heraus. Vieles brachte er zum Sperrmüll, aber was etwas wert sein konnte, behielt er. Dann startete er das »Dschingis Khan«. Die Ausgangsposition war besser, und auch wenn das Lokal nicht für kulinarische Genüsse berühmt wurde, etablierte es sich doch als populäre Kneipe. Inzwischen ließ sich Slobodan Anderssons Talent erahnen, ein toughes Milieu mit einer fast schon familiären Stimmung zu vereinen. Oft stand er selbst an der Bar. Zugleich großzügig und intrigant wusste er unter den Gästen seine Favoriten zu küren, eben solche, die treu waren und weitere Besucher mitbringen würden.

Das »Dschingis Khan« ging buchstäblich in Rauch auf. Der Anfang vom Ende war ein Brand in der Küche, danach der Kauf neuer Ausstattung. Nach drei Einbrüchen in Folge wurden alle Zahlungen eingestellt.

Slobodan Andersson verschwand aus Uppsala. Es hieß, er sei in Südostasien. Manche sagten, auf den Westindischen Inseln, wieder andere in Afrika. Das Gerücht kursierte, er habe dem Gerichtsvollzieher eine Postkarte geschickt. Nach einem Jahr kam er zurück, braun gebrannt und den Kopf voller neuer Projekte, der Bauch war nicht mehr ganz so umfangreich.

Plötzlich war auch wieder Geld da, viel Geld. Es wurde gemunkelt, er habe dem Gerichtsvollzieher einige hunderttausend Kronen zugesteckt. Bald schon öffnete das »Alhambra« seine Pforten. Das war Ende der Neunzigerjahre, und seither war sein Restaurantimperium stetig gewachsen.

Das »Alhambra« war in einem älteren Haus im Stadtzentrum gelegen, in nächster Nähe zum Stora Torget. Mit Marmortreppe und gehämmertem Kupfer an der Tür, die Initialen des Besitzers sowie der Name des Lokals in schnörkeliger Schreibschrift in Silber – der Eingangsbereich war reichlich pompös geraten.

Küchenchef Oscar Hammer unterbreitete Vorschläge zur Einrichtung des Lokals, aber die wurden mit einem Kläfferlachen zurückgewiesen.

»Das ist zu kühl.« Slobodan Andersson strich sich über die beginnende Glatze, als er die Skizzen Oscar Hammers anschaute.

»Das muss plüschiger werden, plus viel Gold und Kringelkrangel.«

Und so wurde es auch. Viele fanden, der Schwulst sei so konsequent durchgehalten, dass es schon wieder Stil habe. Kleine Lampen hingen an den gold- und magentafarbenen Wänden. Drucke in breiten weißen Rahmen zeigten wie hingetuscht Motive aus der griechischen Mythologie.

Auf alle Einwände Oscar Hammers entgegnete Slobodan Andersson: »Das Lokal heißt schließlich Alhambra.«

Armas, seit Jahren Slobodan Anderssons Vertrauter, sorgte für das Arrangement des Restaurantteils, Tische im Rokokostil und schweres Besteck aus Neusilber.

Und noch einmal stand Slobodan Anderssons Imperium vor einer Herausforderung. Dieses Mal holte er seine Inspiration von einem neuen Kontinent. Das Lokal wurde »Dakar« getauft, und zum ersten Mal stimmte alles. An den Wänden hingen Fotos aus Westafrika, manche bis zu einem Quadratmeter vergrößert, mit Motiven von Märkten, von dörflichem Leben, von Sportveranstaltungen.

Der Fotograf war ein Senegalese aus dem Süden des Landes, der die Region seit vielen Jahren bereiste und fotografierte.

Slobodan Andersson wollte ganz groß herauskommen. Er setzte dabei auf »die feinen Pinkel«, wie er seine Zielgruppe nannte. Diese Leute sollten Svenssons »Guldkant« und »Wermlandskällaren« aufgeben und stattdessen ins »Dakar« kommen.

»Der alte Bolschewik«, sagte er verächtlich über den Inhaber des Fischrestaurants, in dem das bürgerliche Uppsala mittags einzukehren pflegte. »In Zukunft trippeln die Tussis hierher, dafür werde ich schon sorgen. Ich werde so viele Sterne bekommen, dass die Weltpresse auf der Straße Schlange steht. In Lehrbüchern wird man meine Speisekarten als Beispiele für vollendete Kochkunst abdrucken.«

Slobodan Anderssons Visionen und seine Überzeugung, Uppsala und die Welt in Erstaunen versetzen zu können, waren schier grenzenlos.

»Ich brauche Köche!«, rief er beim ersten Treffen mit Hammer und Armas.

»In erster Linie brauchst du mal Geld«, warf Hammer ein.

Slobodan sah ihn nur kurz von der Seite an, und der Küchenchef erwartete die üblichen verbalen Ausfälle, die auf Einwände immer kamen. Aber statt der gewohnten bitterbösen Reaktion lachte Andersson.

»Dafür ist gesorgt«, sagte er.

3

Mal wieder unterwegs«, murmelte Johnny Kvarnheden und drehte die Anlage im Auto lauter. Die untergehende Sonne badete im Vättersee. Die Insel Visingö sah wie ein schlankes Kriegsschiff auf Kurs nach Süden aus, und die Fähre hinüber nach Gränna glich einem Käfer, der über einen goldenen Fußboden krabbelt.

Seine Flucht hatte etwas Filmreifes, als hätte ein Regisseur seine Wehmut in Szene gesetzt. Selbst Beleuchtung und Musik stimmten. Er war sich dessen bewusst und steuerte, genauer: ließ sich von dem Klassischen der Szene steuern und einfangen. Ein einsamer Mann, der sein altes Leben hinter sich lässt und unterwegs ist zu Neuem und Unbekanntem.

Ein Telefonat hatte gereicht, sekundenlanges Überlegen – und schon hatte er sich entschieden. Hatte überstürzt seine wenigen Habseligkeiten gepackt, viel zu wenige im Übrigen, und sich auf den Weg gemacht.

Er wünschte, die Flucht könnte ewig dauern, nur der Inhalt des Benzintanks, der Hunger und die Blase dürften mitentscheiden. Wünschte, die Bewegung würde zur Hauptsache und er könnte immer so weitersausen.

Hätte er eine Kamera einsetzen sollen, würde er sie auf die Straße ausrichten, auf die Schwärze des Asphalts, die sichtbaren Verkehrsspuren darauf, die Riffelungen von den Zähnen der Schneeräumfahrzeuge, aber nicht auf sein Gesicht oder die vorüberflimmernde Landschaft. Die starren Schultern und der krampfhafte Griff der Hände um das Steuer sollten zum Betrachter sprechen. Das rhythmische Pochen der Straße reichte als Lautuntermalung. Nicht Madeleine Peyroux’ Stimme aus dem CD-Player.

Der Enttäuschung und der Trauer war er gewachsen, vermutete er. Aber auch den Hoffnungen und Träumen? Er dachte sich Beschreibungen von Essen aus, stellte Teller mit einem Gericht zurecht, einen nach dem anderen. Dass er Koch war, rettete ihn für den Moment.

Als Geliebter war er unbrauchbar, er bekam ihn nicht mal mehr zum Stehen. Als Partner war er im Übrigen genauso ungeeignet, das war ihm langsam, aber sicher bewusst geworden. Doch als gestern Abend Sofia seine Bemühungen als hohles Geschwätz abgetan hatte, da hatte ihn die Gewissheit schier umgeworfen.

»Du lebst doch nicht«, hatte sie gesagt. »Deine sogenannte Fürsorglichkeit für unsere Beziehung ist lachhaft. Es ekelt mich an. Du kannst doch gar nicht lieben.«

Da hatte er sie gepackt, hatte ihren Körper an seinen gepresst und dabei zum ersten Mal seit Monaten Begierde gespürt. Angewidert hatte sie sich befreit.

»Ekel«, sagte er laut. »Was ist das denn für ein Wort?«

Er fuhr an Linköping vorbei, an Norrköping, raste durch Södermanland. Mit wachsender Verzweiflung fuhr er viel zu schnell. Die Regie funktionierte nicht mehr. Er drehte die Musik noch lauter, spielte dieselbe CD immer wieder.

Als er in die Nähe Stockholms kam, konzentrierte er sich darauf, an den neuen Job zu denken. »Dakar«. Er wusste von dem Lokal nicht mehr, als das, was er in der Nacht darüber im Internet hatte finden können. Die Speisekarte sah auf dem Papier ganz okay aus. Trotzdem stimmte irgendetwas nicht. Es klang, als versuche jemand, fein zu sein, ohne aber seinen eigenen Superlativen gerecht werden zu können. An Selbstbewusstsein fehlte es nicht. Aber der Texter hatte einfach zu dick aufgetragen.

Seine Schwester in Uppsala hatte ihm den Tipp gegeben. Dann hatte er den Besitzer angerufen. Der hatte rasch ein paar Referenzen eingeholt und eine halbe Stunde später zurückgerufen und ihm mitgeteilt, er bekäme den Job. Es war fast so, als wüsste er um Johnnys Lage.

Johnny kannte Uppsala nicht, er wusste nur, dass es dort eine Universität gab. Seine Schwester hatte nicht sehr viel erzählt, aber das war auch nicht nötig. Er sollte … tja, was denn? Kochen natürlich! Aber sonst?

4

Stell dir vor, man könnte da mitsegeln!«

Eva Willman lächelte vor sich hin. Den Zeitungsartikel über das Ferienparadies Westindische Inseln illustrierte das Foto eines Segelschiffs. Die Segel blähten sich im Wind, vor dem Bug schäumte die See. Ein Wimpel flatterte oben im Mast. Achtern stand ein Mann in blauen Shorts und weißem Hemd. Er trug eine blaue Kappe. Er wirkte völlig entspannt, obwohl er die Verantwortung für ein ziemlich großes Schiff hatte. Eva vermutete, dass er es war, der den Kurs bestimmte. Sie meinte zu sehen, dass er lächelte.

»Ich hätte noch nicht mal genug Geld für diese Kappe«, fuhr sie fort und deutete auf das Foto.

Helen, die auf dem Sofa saß, beugte sich vor, um einen Blick auf den Artikel zu werfen, ließ sich aber gleich wieder zurücksinken und feilte weiter ihre Nägel.

»Ich werde seekrank«, sagte sie nur.

»Aber stell dir doch mal diese Freiheit vor!« Eva las weiter.

Es ging in dem Artikel um die Inselgruppe Aruba, Bonaire und Curaçao. Sie wurden als das reinste Paradies beschrieben, als ein Ort, an dem sich die Alltagssorgen vergessen ließen. Und der ein Eldorado für Schnorchler und Taucher war.

»Die Antillen«, murmelte sie. »Wie viele Orte und Plätze es auf der Welt gibt.«

»Schiffe sind nichts für mich«, sagte Helen.

Eva sah eine Weile auf die Karte. Sie folgte der Küstenlinie und las die fremden Ortsnamen. Die Inseln nördlich von Venezuela lagen aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Mehr und mehr störte sie das Geräusch des Feilens.

»Ich würde gern die Fische sehen, diese tropischen in allen Regenbogenfarben.«

Ehe sie weiterblätterte, warf sie einen Blick auf die Digitaluhr des Videorekorders.

Plötzlich sagte sie: »Man sollte bei einem Kurs mitmachen. Um segeln zu lernen, meine ich. Vielleicht ist das gar nicht so schwer.«

»Kennst du jemanden mit einem Segelboot?«

»Nein«, sagte Eva, »aber man kann ja jemanden kennenlernen.«

Ohne etwas wahrzunehmen, starrte sie auf den nächsten Zeitungsartikel. Darin ging es um eine Schule in Südschweden, die abgebrannt war.

»Vielleicht begegnet man ja mal so einem Schätzchen mit einem Schiff. Aber ein Segelboot muss es schon sein, keins mit Motor.«

»Wer sollte das sein?«

»Ein gut aussehender, freundlicher Mann. So ein netter Typ.«

»Der eine nicht mehr ganz junge Frau mit zwei Kindern haben will? Wie?«

Die Worte trafen Eva unerwartet hart.

»Und was ist mit dir?«, entgegnete sie feindselig.

Das Feilen hörte auf. Eva blätterte weiter. Sie spürte Helens Blick. Sie wusste ganz genau, wie die Freundin aussah: heruntergezogene Mundwinkel, auf der Stirn eine senkrechte Falte und dazu wie der Punkt eines Ausrufungszeichens das Muttermal zwischen den Augenbrauen.

Helen konnte unglaublich unzufrieden aussehen. Irgendwie so, als würde sie jede Sekunde hinters Licht geführt. Was allerdings stimmte, ihr Mann betrog sie dauernd.

»Was meinst du damit?«

»Nichts besonderes«, sagte Eva und warf der Freundin einen Blick zu.

»Du bist ja vielleicht drauf! Ich kann doch nichts dafür, dass du dich abserviert fühlst.«

»Ich bin nicht abserviert! Man hat mir nach elf verdammten langen Jahren gekündigt.«

Eva schob die Zeitung beiseite und stand auf. Helen benutzte nicht zum ersten Mal das Wort »abserviert«. Eva hasste es. Sie war vierunddreißig, und da war man als Mensch doch überhaupt nicht am Ende!

»Ich werde mir einen neuen Job besorgen«, sagte sie.

»Viel Glück«, sagte Helen lakonisch und feilte ungerührt weiter.

Eva ging in die Küche, raffte die Papiere vom Arbeitsamt zusammen und schob sie zwischen die Kochbücher auf der Bank. Patrik würde bald nach Hause kommen.

Das methodische Feilen war bis in die Küche zu hören. Eva blieb vor dem Schrank stehen, in dem die Packung O’boy stand. Langsam wurden schon die alltäglichsten Handgriffe wie Milch und Trinkschokolade bereitzustellen, wichtig und bedeutungsvoll. Sie streckte die Hand zum Schrank aus. Der weiße Rand über dem Handgelenk, wo die Uhr gesessen hatte, erinnerte sie daran, wie die Zeit verrann. Sie bewegte sich abwartend, als sei sie in ihrer eigenen Küche eine Fremde, unterdessen eilten die Sekunden, Minuten und Stunden unerbittlich dahin. Die Hand war warm, aber der Griff war kühl. Der Arm war braun und von kleinen Leberflecken übersät. Es waren in den letzten Jahren immer mehr geworden.

Eva öffnete die Schranktür. Das Feilen hatte aufgehört, und nun war nur noch das Rascheln zu hören, als Helen in der Zeitung blätterte.

Im Schrank standen Zucker, Mehl, Haferflocken, Popcorn, Kaffee und andere Trockenwaren. Sie fixierte jede Verpackung, als sähe sie sie zum ersten Mal.

Erst als Eva hörte, dass Patrik die Wohnungstür aufschloss, erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Schnell nahm sie die Trinkschokolade, öffnete die Kühlschranktür und holte die Milch heraus. Noch knapp zwei Liter. Nur ein kleines Stück Gurke, der Käse uralt, aber genügend Dickmilch und Eier, stellte sie mit einem Blick fest.

»Hallo!«, rief sie und wunderte sich, wie fröhlich sie klang. Schon wenn sie seine Schritte in der Diele hörte, musste sie lächeln.

Er bewegte sich so gemächlich, und er wirkte etwas mürrisch, aber dahinter verbarg sich eine interessierte Aufmerksamkeit, die sie jedes Mal aufs Neue verblüffte. Und er wurde immer gescheiter. Wenn sie das ansprach, wurde er abweisend, und wenn sie ihn lobte, setzte er eine Miene auf, als hätte er keine Ahnung, wovon sie sprach. Als wollte er auf keinen Fall als fürsorglich und umsichtig gelten.

Er kam in die Küche und setzte sich. Eva deckte schweigend den Tisch.

»Wer ist noch hier?«

»Helen. Sie wollte das Bügeleisen ausleihen.«

»Hat sie keins?«

»Das ist kaputt.«

Patrik seufzte und goss sich Milch ein. Eva beobachtete ihn. Die Hosen sahen inzwischen ziemlich abgewetzt aus. Als er behauptete, das solle so sein, lachte sie laut auf. Wenn abgetragene Kleidung modern war, hatten es arme Schlucker auch einmal leicht.

»Ich habe einen Job für dich«, sagte Patrik plötzlich.

Er schmierte sich sein viertes Butterbrot.

»Was?«

Patrik schaute sie an, und Eva meinte, in seinen Augen Beunruhigung zu sehen.

»Simons Mutter hat so was gesagt. Ihr Bruder würde nach Uppsala ziehen. Der hat hier einen Job bekommen.«

Er trank einen Schluck O’boy.

»Was hat das mit mir zu tun?«

»Die brauchen auch eine Bedienung. Er ist Koch.«

»Das heißt Kellnerin. Nicht Bedienung.«

»Aber Koch stimmt.«

»Soll ich als Kellnerin arbeiten? Was hat sie noch gesagt? Hat sie von mir gesprochen?«

Erneut seufzte Patrik.

»Was hat sie gesagt?«

»Du musst einfach selbst mir ihr reden.«

Er stand mit dem Stück Brot in der Hand auf.

»Ich geh heute Abend ins Kino.«

»Hast du denn Geld?«

Ohne zu antworten, schlurfte er zu seinem Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Eva schaute auf die Wanduhr. Simons Mutter, dachte sie und begann abzudecken, aber bedauerte es sofort. Hugo würde bald von der Schule nach Hause kommen.

Helen folgte ihr in die Küche und setzte sich an den Tisch.

»War das Patrik?«

Eva hatte keine Lust, zu antworten. Helen wusste doch ganz genau, dass er es gewesen war. Plötzlich machte Helens Anblick sie wütend.

»Du findest, dass ich dir nichts zutraue. Ja, ich weiß schon«, sagte Helen auf einmal unerwartet laut. »Du träumst von Segelbooten und tollen und netten Männern. Aber hast du dabei eine Sache bedacht?«

Eva starrte sie sprachlos an.

»Dass du nie was dafür tust. Begreifst du das denn nicht? Es bleibt doch immer beim Reden.«

»Ich hab mir einen Job besorgt«, sagte Eva.

»Wie bitte?«

»Bedienung.«

»Und wo?«

»Keine Ahnung«, sagte Eva.

Helen sah sie an, und Eva meinte, auf ihren Lippen ein Lächeln zu erkennen.

Als Helen gegangen war, goss sich Eva den Rest Kaffee ein und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Das ist das Schlimmste, dachte sie, wenn einem nicht geglaubt wird. Oder noch schlimmer, wenn andere einem nichts zutrauen. Helen hatte ja versucht, ihr spöttisches Lächeln zu unterdrücken, denn sie wusste, dass die Freundschaft mit Eva nicht alles vertrug. Aber die aufblitzende Einsicht, dass die Freundin sie in Zukunft hinterlistig an den Kellnerinnenjob erinnern würde, machte sie innerlich wütend. Helen würde sie beiläufig fragen, wie es denn gehen würde, um … Ja, warum? Um sich überlegen zu fühlen? Um ihre Frustration an Eva auszulassen? Die sollte sich doch mal um ihr eigenes Leben kümmern! Helen hatte keinen Job mehr, seit sie vor einigen Jahren als Tagesmutter aufgehört hatte.

Sie trank einen Schluck Kaffee. Aus Patriks Zimmer drang Musik. Eva hätte es gern gehabt, wenn er noch länger bei ihr in der Küche geblieben wäre und ein bisschen mehr von dem erzählt hätte, was Simons Mutter gesagt hatte. Allerdings war das wohl auch nicht viel mehr gewesen, vermutete sie.

Sollte ich denn weniger wert sein?, fragte sich Eva Willman, als sie sich bückte, um unter der Spüle eine neue Mülltüte herauszunehmen. Am Boden des Mülleimers lag eine Bananenschale, die in Auflösung begriffen war und sich in eine klebrige, übel riechende Masse verwandelt hatte, in deren matschigbrauner Mitte neues Leben zu entstehen schien. Sie nahm die neue Mülltüte und kippte den Mülleimer aus, stellte ihn auf die Spüle. Dann hockte sie sich davor und starrte dort hinein, wo sich auch das Abflussrohr befand.

Sie überlegte, ob sie Patrik rufen und ihm zeigen sollte, wie schnell alles schmutzig und verkommen ist, wenn man sich nicht mal um etwas so Einfaches wie den Müll kümmert. Aber warum sollte sie? Ihre Söhne fanden sie doch eh schon nörgelig genug.

Im Rohr rauschte es. Das kam sicher von der Nachbarin ein Stockwerk über ihr, einer Bosnierin, die vor Kurzem eingezogen war und jetzt wohl abwusch. Das Geräusch erinnerte Eva daran, dass sie nicht allein im Haus lebte.

Sie sah all die Wohnungen wie Schubladen vor sich, übereinandergestapelt. Fünf Hauseingänge, vier Stockwerke und drei Wohnungen auf jeder Etage. Sechzig Wohnungen. Etwa zehn Mieter kannte sie mit Namen und vielleicht fünfzig nickte sie wiedererkennend zu. Aber Kontakt hatte sie zu niemandem.

Die Beine taten ihr weh, und sie sank auf den Fußboden, lehnte sich an den Küchenschrank, stützte die Ellenbogen auf die Knie und strich sich vorsichtig mit den Fingerspitzen über die Stirn. Warum saß sie so in ihrer eigenen Küche? Wie angenagelt, als drückte eine unsichtbare Hand sie auf den Küchenfußboden?

Manchmal überlegte sie, ob sie nicht einfach Hugo und Patrik an die Hand nehmen und zu den sechzig Wohnungen gehen sollte, klingeln und … Nur – was sollte sie sagen? Würden die Menschen überhaupt die Tür aufmachen, so misstrauisch, wie alle nach der Schießerei unten an der Schule waren? Zum Glück war dabei niemand verletzt worden, aber der Nachhall lag noch lange über der Gegend.

Die Frau ein Stockwerk höher war mit ihren beiden Kindern gerade aus dem Bus ausgestiegen, als es passierte. Sie wusste, wie Schüsse klingen, und hatte das Kleinste auf den Arm und das andere an die Hand genommen. Sie war mit ihnen durch verwelktes Gras und Gestrüpp bis in den schützenden Wald gerannt. Sie hatte dort Schutz gesucht, wie Menschen das in unruhigen Zeiten immer getan haben. Eine Gruppe Orientierungsläufer, die Markierungen für den nächsten Hindernislauf aufstellten, fanden sie am nächsten Morgen. Glücklicherweise war es eine milde Nacht gewesen.

Ein Artikel über sie hatte in der Zeitung gestanden. Kurze Zeit hatte die Wohnanlage ihren eigenen Promi.

Würde die Frau aufmachen, wenn Eva klingelte? Oder Pär, der alleinstehende Mann, der jeden Morgen mit einem gequälten Gesichtsausdruck angeradelt kam, aber Eva stets mit einem strahlenden Lächeln begrüßte, wenn sie sich auf dem Hof begegneten. Würde er seine Tür öffnen?

Eva hatte sich mit ihm unterhalten. Er saß immer auf der Bank bei dem kleinen Spielplatz und sah seinem fünfjährigen Sohn zu, der unermüdlich Sandburgen baute. Manchmal war der Sohn weg, und Eva vermutete, dass er dann bei seiner Mutter war. Pär kam aus Nordschweden. Das war alles, was sie von ihm wusste.

Die Frau über ihr kam aus Südeuropa. Von Tuzla hatte sie gesprochen, aber auch noch den Namen eines Dorfs erwähnt, an den Eva sich allerdings nicht mehr erinnerte.

Sie hatte zusammen mit fünfundsiebzig anderen Familien in einem Gebäude gelebt. Eva stellte sich vor, wie alle diese Menschen aus den unterschiedlichen Himmelsrichtungen gekommen waren, wie sie ein ganzes Leben, Familie, Freunde hinter sich gelassen hatten, um in einem Mietshaus am Rand von Uppsala zu landen.

Einem Stadtrand, wo man nachts den klagenden Ruf des Käuzchens aus dem Wald hören konnte.

Früher hatte sie nicht so viel über die Umgebung gegrübelt. Das hatte erst nach der Trennung von Jörgen angefangen. Es kam ihr so vor, als habe sie seitdem überhaupt erst die Möglichkeit, nachzudenken. Als sie zusammenlebten, schien Jörgen alle Zeit und allen Sauerstoff zu verbrauchen und jeglichen Raum mit seinem ewigen Gerede und seinem polternden Lachen auszufüllen. Manche meinten sogar, er sei krank, sein ununterbrochenes Reden habe etwas Manisches und beruhe auf der fixen Idee, Stille sei gleichbedeutend mit Bedrohung. Aber Eva wusste es besser. Das lag in der Familie, sein Onkel und sein Großvater waren genauso.

Vielleicht litt er an zu großem Selbstvertrauen? Das Problem war, dass er meinte, die Nahrung für diese Selbstsicherheit aus seiner Umgebung und eben auch aus Eva beziehen zu können. Um sich selbst zu stärken, saugte er sie aus wie ein Bienenwolf.

Manchmal tat er ihr leid, aber nur manchmal und mit der Zeit immer seltener. Als sie beim Anwalt saßen, um die Scheidung zu diskutieren, empfand sie nur noch Müdigkeit und Verachtung. Jörgen verhielt sich wie immer, als habe er nicht verstanden, dass man sich zusammengesetzt hatte, um die Bedingungen der Trennung und die Sorgerechtsregelung für die Kinder zu diskutieren.

Der Jurist unterbrach Jörgens Redeschwall, indem er ihn fragte, ob er wirklich das Geld hätte, weiter in der Wohnung zu leben, hoch verschuldet, wie er war. Da wurde er still und warf Eva einen erschrockenen Blick zu. Ihr war klar, dass er nicht in erster Linie aus ökonomischen Gründen so erschrocken war, sondern weil er urplötzlich begriffen hatte, dass er in Zukunft allein leben sollte.

Jedes zweite Wochenende kam Jörgen und holte Patrik und Hugo ab. Eva baute eine Mauer aus Gleichgültigkeit und Misstrauen gegenüber seinem Gefasel auf, glücklich, allem entkommen zu sein. Doch sie passte auf, niemals boshaft oder ironisch zu reagieren. Er beklagte sich mehrfach, er und die Jungen hätten keinen guten Kontakt zueinander. Aber als Eva vorschlug, die Söhne könnten über längere Zeiträume bei ihm leben, wich er aus.

Nun hatte sie alle Zeit der Welt. Sie musste lediglich darauf achten, die Termine beim Arbeitsamt einzuhalten, ihre Söhne zu ernähren und dafür zu sorgen, dass sie in die Schule gingen und einigermaßen rechtzeitig ins Bett kamen.

Manchmal war sie für die Kündigung fast dankbar. Ihr war, als hätte der Prozess ihrer Befreiung mit der Scheidung begonnen und als wäre der Grad der Freiheit nach der Kündigung noch anders und intensiver geworden.

Natürlich war das keine wirkliche Unabhängigkeit. Das Geld reichte nicht. Früher hatten sie nur wenige Tage, höchstens mal eine Woche knapsen müssen, bis wieder Lohn kam. Jetzt schien das Geld nie für mehr als das Allernötigste zu reichen, trotz aller Einschränkungen. Vor einem Monat hatte sie das Rauchen aufgegeben. Sie hatte ausgerechnet, dass sie schon vierhundert Kronen gespart hatte. Wo waren die geblieben?, fragte sie sich, wusste aber sofort die Antwort. Allein die Einlagen für Hugos Schuhe kosteten mehr als tausend Kronen.

Die Freiheit mochte größer geworden sein, doch das Selbstwertgefühl war am Boden. Eva meinte manchmal zu spüren, dass die Umgebung sie jetzt mit anderen Augen betrachtete. Sie war eine, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stand. Nur wollte niemand über sie verfügen! Sah man es ihr schon an? Hinterließ die Arbeitslosigkeit physisch sichtbare Spuren? War etwas mit ihrer Haltung, dass die Mädchen im Supermarkt an der Kasse, kaum älter als Patrik, sie wie einen Menschen zweiter Klasse betrachteten, oder die Busfahrer, wenn sie mitten am Tag in den Bus stieg? Sie wollte es nicht glauben, aber das Gefühl, weniger wert zu sein, hatte sich festgebissen.

Und jetzt auch noch Helen. Ergab sich für sie mit der Möglichkeit, Eva kleinzumachen, unbewusst eine Chance, sich für ihr eigenes Zukurzgekommensein zu rächen? Für ihre Unterordnung unter einen Mann, von dem sie sich längst hätte trennen müssen?

Eva traute sich bald nichts mehr zu. Sicher war die Wohnung blitzsauber, alles war an seinem Platz, alles war in schönster Ordnung. Aber wurde sie noch gebraucht?

Falsch!, dachte sie auf einmal. Und ob ich gebraucht werde! Sie hatten auf der Arbeit darüber geredet, wie wichtig es war, das zu wissen. Gebraucht wurde sie zum Beispiel von den Alten, die sich auf der Post geduldig mit Briefen oder Benachrichtigungsscheinen in der Hand in die Schlange einreihten und warteten, bis sie an der Reihe waren. Aber dann hatte irgendwer beschlossen, die Postämter müssten verkleinert und die Zahl der Sitzplätze müsste verringert werden. Eines Tages waren ein paar Handwerker gekommen und hatten eine Wand eingezogen. So fing es an. Nun mussten die Alten im Stehen warten.

Als Nächstes wurden die Öffnungszeiten eingeschränkt. Es wurde in jeder Hinsicht eng. Der Ton wurde schärfer, und immer öfter kamen Klagen. Die Frauen hinter den Schaltern bekamen die Frustration der Kunden zu spüren. Eines Tages war eine Liste im Postamt ausgelegt, wo die Kunden ihre Proteste gegen den schlechteren Service und die Schließung von immer mehr Postämtern dokumentieren konnten. Die Tageszeitung druckte die Leserbriefe ab, aber nichts half, und schließlich wurde Evas Amt geschlossen. Das war vor neun Monaten gewesen.

Gott im Himmel, was hatte sie nicht alles versucht, um einen Job zu finden. In den ersten Wochen war sie in die Geschäfte gegangen, hatte bei Behörden und Ämtern angerufen, hatte Freundinnen angesprochen und sogar Jörgen gefragt, ob er nicht etwas bei der Sanierungsfirma erreichen könnte, wo er arbeitete.

Aber es schien nichts für sie zu tun zu geben. Im Sommer hatte sie einige Wochen lang auf der Sozialstation gearbeitet und danach in einem Großmarkt fast eine Aushilfsstelle für eine Kranke bekommen. Aber die Kranke hatte sich wunderbarerweise vom Krankenbett erhoben und war wieder auf der Arbeit erschienen.

Danach war es still geworden.

5

So hatte sich Manuel ein Gefängnis vorgestellt: graue Mauern und ringsum oben auf einem hohen Zaun Stacheldraht. Er hatte auch eine Art bemanntes Schilderhäuschen erwartet, wo er sein Begehren vorbringen müsste. Aber hier gab es nur ein riesiges Tor und darin eine kleinere Tür.

Unentschlossen ging er näher, schaute nach oben und zu den Seiten. Er meinte, von Kameras überwacht zu werden. Plötzlich piepte es in einem Lautsprecher. Als er kein Mikrofon sehen konnte, sprach er einfach ins Blaue, brachte sein Anliegen auf Englisch vor, und danach knackte es in der Tür. Sie gab nach, und er war drinnen.

»Sprichst du Schwedisch?«

Manuel sah den jungen Mann hinter dem Schalter fragend an. Er ähnelte Javier zu Hause im Dorf, dunkel, mit freundlichen Augen und einem Pferdeschwanz.

»English?«

Manuel nickte. Der Mann betrachtete ihn eingehend. Dann erklärte er ihm, um jemanden in der Anstalt zu besuchen, brauche er eine Bescheinigung aus seinem Heimatland, dass er nicht vorbestraft sei. Man könne nicht einfach auftauchen und glauben, man hätte Zutritt zu einem Gefängnis.

Manuel erklärte, er habe an seinen Bruder geschrieben, und der habe mit der Anstaltsleitung gesprochen und ihm daraufhin geschrieben, alles sei in Ordnung.

»Bist du Patricios Bruder?«

Manuel nickte. Er war dankbar, dass jemand den Namen seines Bruders nannte. Patricio war also nicht nur eine Nummer, einer unter Hunderten von Gefangenen.

»Das ist kein normales Ziel für Touristen«, sagte der Mann hinter dem Schreibtisch verbindlich. Ganz offenkundig wollte er Manuel beruhigen. Während er von den Regeln berichtete, die für die Anstalt galten, sah er Manuel prüfend an.

Er war gar nicht abweisend, im Gegenteil. Manuel fand ihn freundlich, und ein wenig ließ seine Spannung nach. Trotzdem lief ihm der Schweiß den Rücken hinunter.

Schon bald würde er Patricio treffen. Das erschien ihm fast unwirklich. Hinter ihm lagen so viele unruhige Nächte voller Fragen. Wie mochte es dem Bruder gehen? Wie mochte das fremde Land sein, in dem Patricio im Gefängnis war?

Als er den Mietwagen vor dem Gefängnis geparkt hatte, verließ ihn beinahe der Mut. Wenn man ihn nun verhaften würde. Er wusste so wenig von Schweden. Vielleicht betrachtete man ihn als eine Art Mitschuldigen?

»Da kannst du deine Wertsachen einschließen«, sagte der Mann und deutete auf einen grün gestrichenen Schrank. Manuel wählte das Fach mit der Nummer neun, seiner Glückszahl, und legte Brieftasche und Pass hinein. Der Gefängniswärter bat um Manuels Tasche.

»Dein Bruder studiert Schwedisch«, sagte er und leerte den Inhalt der Tasche auf den Tisch aus. »Das klappt ziemlich gut. Sein Verhalten ist gut. Wenn alle wie Patricio wären, gäbe es keine Probleme.«

»No problemos«, sagte er und lächelte. »Sind das Geschenke?«

Manuel nickte. Dass sein Bruder Schwedisch lernte, überraschte ihn sehr. Irgendwie kam es ihm verkehrt vor.

»Was ist das? Ein Geschenk?«

»Das ist eine Vase«, sagte Manuel, »von unserer Mutter.«

»Patricio kann sie nicht sofort bekommen. Wir müssen sie erst überprüfen.«

Manuel nickte, erstaunt, dass ein Gegenstand aus Keramik so genau untersucht werden musste.

»Wenn du wüsstest, wie viele Vasen wir hier schon bekommen haben, die sich prima als Haschpfeifen eignen«, sagte der Beamte, als könnte er Manuels Gedanken lesen.

Auf einmal erschien im Korridor vor dem kleinen Ankunftsraum ein Hund.

Manuel erhob sich von seinem Stuhl.

»Hallo, Charlie«, sagte der Beamte, »wie sieht’s aus?«

Der Hund winselte und wedelte mit dem Schwanz. Manuel tat einen Schritt rückwärts und starrte auf den Labrador, der jetzt den Kopf durch den Metalldetektor an der Tür steckte und Manuel aus beruflichem Interesse zu betrachten schien.

»Hast du Angst vor Hunden?«, fragte ihn der Hundeführer.

Manuel nickte.

»Habt ihr in Mexiko keine Hunde?«

»Polizeihunde sind nicht freundlich«, sagte Manuel.

»Das hier ist kein Polizeihund. Das ist Charlie. Wir müssen ihn an dir schnuppern lassen.«

»Warum denn?«

Der Hundeführer schaute in den Raum und betrachtete Manuel.

»Drogas«, sagte er grinsend.

»No tengo drogas«, rief Manuel erregt. Schreckensstarr sah er den Labrador näher kommen.

Der Hund schnupperte an seinen Schuhen und seinen Hosenbeinen. Manuel zitterte, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er dachte an die Demonstration in Oaxaca, wo einige Schäferhunde die Menschenmenge angegriffen und blindlings zugebissen hatten.

»Du scheinst clean zu sein«, sagte der Hundeführer und rief Charlie, der inzwischen jedes Interesse an Manuel verloren hatte.

Manuel wurde in einen Besuchsraum geführt. Die Einrichtung bestand aus einer mit rotem Plastik überzogenen Pritsche und ein paar Stühlen. In einer Ecke gab es ein Waschbecken. Er setzte sich und wartete. Die Sonne schien durch das vergitterte Fenster. Über der Mauer und dem Stacheldraht war ein Stückchen blauer Himmel zu sehen.

Die Tür ging auf, und da stand Patricio. Im Hintergrund war der Mann mit dem Pferdeschwanz zu erkennen. Er lächelte und nickte Manuel zu.

Die Brüder betrachteten sich quer durch den Raum. Patricios Haare waren kurz geschnitten, fast wie rasiert – genau wie Manuel es erwartet hatte. Er sah verändert aus. Er hatte zugenommen, und um den Mund zeigte sich ein Zug von traurigem Pessimismus, der Manuel an ihren Vater erinnerte. Patricio war gealtert. Das grüne Hemd spannte über dem Bauch, die blauen Hosen waren zu kurz und die Latschen kamen ihm am Bruder total fremd vor.

»Alle lassen dich grüßen«, war das Erste, was Manuel sagte.

Patricio fing sofort an zu weinen und konnte minutenlang nicht sprechen. Manuel ging nicht darauf ein. Er wollte den starken großen Bruder markieren, und irgendwie war er auch wütend, dass der Jüngere wegen einer Situation weinte, in die er sich selbst gebracht hatte.

Aber er umarmte Patricio und klopfte ihm auf den Rücken, und dieser schnupperte an seiner Schulter, als wolle er dort den Duft des Heimatlandes finden. Manuel fiel auf, dass die Ohren des Bruders runzlig geworden waren.

Sie setzten sich auf die Pritsche. Manuel sah sich um.

»Nehmen die auf, was wir sagen?«

»Das glaube ich nicht«, sagte Patricio.

»Wie ist es?«

»Es geht gut. Aber was machst du hier?«

»Hast du deine Familie vergessen?« Wütend stand Manuel auf, aber Patricio reagierte nicht.

»Mutter redet von nichts anderem als von dir und Angel. Die Nachbarn sagen, sie wird noch verrückt.«

Ein Vogel flog dicht an dem vergitterten Fenster vorbei. Manuel schwieg und betrachtete den Bruder.

»Wie behandelt man dich?«

»Die sind nett«, sagte Patricio.

Nett, dachte Manuel, was für ein Wort für Menschen, die in einem Gefängnis arbeiten. Jetzt, da er die Möglichkeit hatte, seine Neugier zu befriedigen, war sein Interesse für Patricios Leben im Gefängnis auf einmal verschwunden. Manuel wollte nicht hören, was Patricio tat, womit er die Zeit zubrachte.

»Was ist mit Angel passiert?«

Manuel hatte gar nicht vorgehabt, den Bruder direkt zu fragen, denn er wusste, dass es Patricio wehtat, über das Geschehene zu sprechen. Patricio hatte in seinen Briefen immer wieder von seiner Schuld geschrieben, davon, dass er für Angels Tod mitverantwortlich sei.

Seine Stimme klang fremd, als Patricio nun berichtete. Die Zeit im Gefängnis hatte ihn nicht nur physisch verändert. Ob es die Wiedersehensfreude war? Oder war er vielleicht deshalb so offenherzig und gesprächig, weil er Zapotekisch sprechen konnte?

Man hatte Angel wahrscheinlich schon auf dem Weg von Spanien nach Deutschland beschattet. Er hatte Patricio, der sich noch in San Sebastián aufhielt, von irgendwo in Frankreich angerufen. Dabei hatten sie fest verabredet gehabt, unterwegs keinen Kontakt aufzunehmen. Aber Angel war völlig aufgewühlt, und er sagte, er würde verfolgt. Er wollte nach San Sebastián zurückkommen, aber Patricio hatte ihn überredet, wie vereinbart weiter nach Frankfurt zu fahren.

Angel wollte das Paket wegwerfen, aber Patricio hatte ihn ermahnt, er solle sich beruhigen. Wenn er das Kokain wegwerfen würde, bekämen sie Ärger.

»Wie starb er?«

»Ich glaube, er wollte vor der Polizei türmen. Er rannte über die Gleise und … da kam ein Zug.«

»Angelito«, seufzte Manuel.

Er konnte den Bruder vor sich sehen, wie er rannte, vorwärtsstolperte. Patricio mit seinen langen Beinen hätte es vielleicht geschafft. Aber Angel war nicht zum Rennen geboren.

»Die haben elftausend Pesos geschickt«, sagte Manuel.

Patricio sah ihn an und wiederholte stumm die Summe. Seine Lippen formten »elftausend Pesos«, als wenn es sich um eine Formel handelte.

»Steckt der Dicke dahinter?«

Patricio nickte. Manuel sah, dass er sich schämte, er dachte wohl an jenen Tag im Dorf. Wie der Große, der sich Armas nannte, zusammen mit einem dicken weißen Mann in einen Van einstieg. Manuel erinnerte sich vor allem daran, wie sehr der Dicke schwitzte.

»Wo ist er?«

Patricio sah sich im Raum um.

»Hast du was zu schreiben?«

Patricio riss ein Stück von dem Geschenkpapier ab, in das die kleine Tonvase eingepackt war, die Manuel mitgebracht hatte, schrieb einige Zeilen und schob den Zettel Manuel zu.

»Restaurante Dakar Ciudad Uppsala« stand da.

Manuel sah seinen Bruder an. Ein Restaurant.

»Der Dicke und der Lange?«, fragte er.

»Ja«, antwortete der Bruder. »Die haben mir zehntausend Dollar versprochen, selbst wenn ich geschnappt würde. Sie wollten dafür sorgen, dass Maria das Geld bekommt.«

Als er den Namen der Mutter erwähnte, senkte Manuel den Blick.

»Zehntausend Dollar«, wiederholte er still, wie um die Menge des Geldes abzuschmecken, und übertrug das sofort auf Pesos, einhundertzehntausend.

»Das sind mehr als siebentausend Stunden Arbeit«, sagte er und versuchte auszurechnen, wie vielen Jahren das entsprach.

»Wie haben sie dich geschnappt?«

»Auf dem Flugplatz. Sie hatten einen Hund.«

»Hast du der Polizei was gesagt?«

Patricio schüttelte den Kopf.

»Warum nicht? Du würdest schneller rauskommen.«

Bisher hatten sie Patricios harte Strafe noch nicht berührt.

»Ich glaube, das funktioniert hier nicht so«, sagte er bedrückt.

»Das funktioniert doch überall«, entgegnete Manuel heftig. Die passive Haltung des Bruders regte ihn immer mehr auf.

»Nicht in Schweden.«

Manuel versuchte es auf andere Weise.

»Vielleicht kannst du Erleichterungen bekommen, größere Zelle, besseres Essen?«

Der Bruder lächelte, sah aber trotzdem immer noch traurig aus.

»So gut wie hier habe ich in meinem ganzen Leben nicht gegessen«, sagte er. Aber Manuel glaubte ihm nicht.

»Sooft ich darf, gehe ich in die Kapelle. Ein Priester kommt, und wir beten zusammen. Das ist eine sonderbare Kirche«, fuhr er wie in Gedanken fort, verstummte aber plötzlich.

»Wieso?«

»Es gibt hier alle Religionen. Wir sind hier mehr als zweihundert Gefangene, und alle beten sie zu ihrem Gott. Das macht mir nichts aus. Ich spreche in der Kapelle immer mit einem Iraner. Er hat in den USA gelebt. In der Kirche gibt es eine Glocke, die kommt aus Jerusalem, und wenn ich sie ansehe, denke ich an das Leiden Christi, daran, dass meine Leiden nichts sind verglichen mit dem, was Gottes Sohn auszustehen hatte. In der Kapelle werde ich ruhig.«

Manuel sah den Bruder an. So viel hatte er früher nie über Religion geredet.

»Aber das Geld?«, fragte er, um das Gerede über die Kapelle zu beenden. »Für zehntausend Dollar kann man es besser haben.«

»Du weißt nicht, wie das funktioniert«, sagte Patricio. »Die Grünen würden mir hier nichts nützen. Es ist besser, wenn sie das Geld nach Hause schicken. Wie steht es zu Hause?«

»Gut«, sagte Manuel.

Patricio beobachtete ihn schweigend.

»Ich werde das Dorf nie wiedersehen«, sagte er. »Ich werde hier sterben.«

Manuel stand abrupt auf. Was sollte er bloß sagen, damit der Bruder nicht immer tiefer in die Depression sank? Im Brief hatte er davon gesprochen, sich das Leben zu nehmen, und dass ihn nur der Glaube davon abhielte. Wenn Manuel nun Patricio betrachtete, sah, wie sich dessen Blick und Körperhaltung verändert hatten, ahnte er das Ausmaß der Verzweiflung. Dass er an dem Tag, wenn der Glaube nachlassen und der Zweifel in den Körper des Bruders eindringen würde, verkümmern und sich vielleicht das Leben nehmen würde.

Manuel glaubte, der Bruder bereitete ihn und vielleicht auch sich selbst mit seinen Worten unbewusst auf eine solche Lösung vor.

»Natürlich kann es dir hier mit Geld besser gehen«, wiederholte er.

»Um Drogen zu kaufen, oder wie?«

»Nein, das hab ich nicht gesagt!«

»Sag mir eines …«

»Patricio, du bist fünfundzwanzig Jahre und …«

»Sechsundzwanzig. Ich hatte gestern Geburtstag.«

Unter dem Blick des Bruders verstummte Manuel.

»Patricio, Patricio, ach, mein Bruder«, murmelte Manuel, als er wieder auf dem Parkplatz neben dem Mietwagen stand. Er hatte es kaum fertiggebracht, das Gefängnis zu verlassen. Er starrte das Gebäude an, versuchte sich vorzustellen, wie der Bruder durch endlose Korridore zurück zu seiner Zelle eskortiert wurde und wie die massive Tür hinter ihm zufiel.

Es war, als gäbe es den Bruder nicht. Er war hinter Mauern aus Beton versteckt, von allen vergessen, außer von den Wächtern und von ihm, Manuel.

Patricio hatte sich verändert, und seine Resignation hatte Manuel schockiert. Er schien nichts tun zu wollen, um seine Situation zu verbessern. An das Gerede, dass es ihm gut ginge, glaubte Manuel keinen Augenblick. Zehntausend Dollar würden die Bedingungen verbessern, davon war er überzeugt. So war es in Mexiko, und die Menschen waren überall auf der Welt gleich. Aber Patricio hatte nichts getan, um an das Geld zu kommen.

Manuel faltete den Zettel auseinander, den Patricio geschrieben hatte, und las den Namen des Restaurants. Er schloss die Autotür auf, nahm aus dem Handschuhfach eine Landkarte und fand fast sofort Uppsala. Die Stadt lag vielleicht eine Autostunde vom Gefängnis entfernt.

Manuel legte die Karte auf das Autodach und starrte wieder zu den Gefängnismauern und dem Tor, hinter dem Patricio eingeschlossen saß. Plötzlich begriff er, warum der Bruder keinen Anspruch auf das Vermögen erhob. Er schämte sich und wollte sich selbst bestrafen. Er könnte es besser haben und vielleicht sogar früher rauskommen, aber er versagte sich diese Möglichkeiten. Erfüllt von Scham- und Schuldgefühlen wollte er lieber in seiner Zelle verkommen.

Manuel studierte die Landkarte, bemühte sich, die Ortsnamen auf dem Weg nach Uppsala auswendig zu lernen: Rimbo, Finsta, Gottröra und Knivsta. Es war, als spräche die Gegend auf der Karte zu ihm. Die unregelmäßigen grünen und gelben Flächen bildeten Muster, die er sich vor Augen zu führen versuchte. Er sah sich um. Die Bäume rings um die Anstalt schwankten im Wind. Alles ähnelte so sehr ihrem Zuhause und war doch so fremd.

Seit neun Stunden war er nun in Schweden. Er war mit einem einzigen Vorsatz gereist: sich um seinen Bruder zu kümmern. Um Geld für das Ticket zu haben, hatte er Schulden gemacht. Er hatte ihrer Mutter versichert, vorsichtig zu sein und nichts Ungesetzliches zu tun. War es ungesetzlich, die beiden Drogendealer, den Dicken und den Langen, dazu zu bringen, Patricio die zehntausend Dollar zu bezahlen, die sie ihm versprochen hatten?

Wenn Patricio sie nicht haben wollte, wären sie doch immerhin für Maria eine Absicherung im Alter. Sie würde sich nie mehr Sorgen ums Geld machen müssen. Als er mit seinen Gedanken so weit gekommen war, fasste er einen Entschluss.

Er faltete die Karte zusammen, setzte sich ins Auto und rollte vom Parkplatz.

6

Dakar« – der Name und drei Sterne blinkten abwechselnd in Rot und Grün. Eva Willman lehnte ihr Fahrrad an die Wand, trotz des Verbotsschildes.

Sie hatte Patrik gebeten, Dakar im Internet nachzuschlagen. Er hatte Tausende Treffer gefunden. Dakar war die Hauptstadt des westafrikanischen Staates Senegal. Sie holten den Atlas, und als sie ihn aufschlugen, kam es Eva vor, als ginge sie auf eine Reise.

Patrik beugte sich über den Küchentisch und fuhr mit dem Zeigefinger über die Seite. Die verschiedenfarbigen Länder, gerade Linien, die Ländergrenzen anzeigten, und blaue Linien, die den Gegebenheiten der Natur folgten und sich über die Landkarte kringelten, sich anderen Adern anschlossen, bis sie in einem fein verzweigten Netz ins Meer mündeten. Patrik lachte leise.

»Timbuktu«, sagte er auf einmal.

Durch das Küchenfenster fiel blasses Sonnenlicht. Der Wechsel aus Licht und Schatten auf Patriks jungem Gesicht verwandelte es in einen Kontinent aus Hoffnungen. In der Küche war es vollkommen still. Eva hätte gern Patriks helles Haar und sein Gesicht mit dem zarten Flaum gestreichelt, aber sie ließ ihre Hand auf dem Stuhlrücken liegen.

»Dakar liegt am Meer«, sagte Patrik und sah sie an. Seine Miene war schwer zu deuten. »Westlich davon gibt es bis Amerika nichts als Wasser.«

Nun stand Eva vor einem »Dakar« weit entfernt vom Meer. Der Fluss war das Einzige, was ans Meer hätte erinnern können, aber der Fyrisån teilte die Stadt lediglich, Träume weckte er selten. Eva musste an ihren Großvater denken. Der Vater ihres Vaters war sein Leben lang Bauarbeiter, Kommunist und Alkoholiker gewesen, was besonders für seine Frau eine lebensgefährliche Kombination darstellte. Sie musste sowohl die Frustration wie den Hass des Großvaters auffangen. Erst als sie über sechzig war, schaffte sie es, sich von ihm zu trennen.

Evas Vater wählte aus Protest die Rechten, und aus alter Gewohnheit tat er das auch noch lange, nachdem sein »roter« Vater gestorben war.

Eva hatte doppelt geerbt: einerseits Abscheu vor Verstellung und Verlogenheit, vor Machtmenschen, andererseits Glauben an die persönliche Verantwortlichkeit eines jeden Menschen für sein Wohlergehen. Mit Kollektiven hatte sie es immer schwer gehabt. Mit denen, die sich im Namen der Vielen äußerten, aber nicht immer so lebten, wie sie es verkündeten. Von der Sorte waren ihr bei der Post genug Menschen begegnet.

Die Großmutter hatte in ihrer Jugend als Kellnerin im »Gillet« gearbeitet. Auf diese Erfahrung verwies sie ständig. Sie erinnerte sich weniger an die müden Füße und an die ungehobelten Gäste als mehr an das Gefühl, Arbeit und damit einen Wert zu haben. Als sie heiratete, verbot ihr Mann ihr, weiter als Kellnerin zu arbeiten. Er war eifersüchtig und fest davon überzeugt, dass die Männer sie mit ihren Blicken besudelten.

Jetzt stand Eva vor dem »Dakar«. Sie hatte die Großmutter angerufen, die in einem Haus für betreutes Wohnen lebte, und erzählt, dass sie sich um Arbeit in einem Restaurant bewarb.

»Da kann ich dir noch das eine oder andere beibringen«, hatte die alte Frau gelacht.

Eva hatte einen halben Tag gebraucht, ehe sie den Mut aufbrachte, im »Dakar« anzurufen. Sie hatte mit einem Mann namens Måns telefoniert, aber sie musste ja den Chef selbst treffen, Slobodan Andersson.

»Der kann schon mal ein bisschen knifflig sein«, sagte Måns, und Eva meinte zu hören, dass er lächelte. »Kümmere dich nicht um sein Lachen, und sieh ihm immer in die Augen, nie zu Boden, auch wenn er dich beleidigt.«

»Wie, beleidigen? Ich will mich doch um einen Job bewerben.«

»Du wirst es schon merken«, sagte Måns.

Sie hielt eine Weile die Türklinke in der Hand, dann holte sie tief Luft und ging ins Lokal. Der Geruch nach Bier und Zigarrenrauch schlug ihr entgegen. Ein schwaches Surren wie von einer Bohrmaschine war zu hören. Gespannt, was dort los sein mochte, ging sie tiefer ins Lokal hinein. Dabei achtete sie auf ihren Atem. Sie durfte keinesfalls zu eifrig klingen.

Ein Handwerker montierte im Anschluss an die Bar Regale. Hinter dem Tresen stand ein dicker Mann, lässig lehnte er sich an und beobachtete den anderen bei der Arbeit. Offenbar hatte er sie nicht kommen gehört. Er sagte etwas, das Eva nicht verstand. Das muss er sein, dachte sie und betrachtete sein breites Gesicht und die fleischige Hand auf dem Tresen.

Sie hüstelte, und der Mann schaute sie an und deutete mit einer Hand auf einen Sessel. Eva setzte sich. Wie er da stand, wirkte er gutmütig. Er lachte und nickte zwischendurch, wie um zu bekräftigen, dass alles gut aussah. Als die letzte Schraube festgezogen war, wandte er sich Eva zu.

»Regale kann man doch nie genug haben, oder?«

»Das ist wahr«, sagte Eva und dachte an Måns’ Worte, sie solle seinem Blick nicht ausweichen.

»Ich bin Slobodan Andersson, und das dort ist Armas, der Regalmeister«, sagte der Dicke und nickte in Richtung Handwerker.

Der trat aus dem Schatten und warf ihr einen Blick zu. Er war um etliches größer als Slobodan Andersson, hatte eine Glatze, und sein Gesicht zeigte so viel Ausdruck wie eine steinerne Statue.

»Ja, Sie sind also das kleine Fräulein von der Post, das einen Job haben will?«

Eva nickte.

»Die wachsen nicht auf den Bäumen«, fuhr der Wirt fort. »Wieso glauben Sie, das ›Dakar‹ ginge unter, wenn Sie hier nicht arbeiten dürfen? Sind Sie etwa so schrecklich gut im Auftischen?«

»Ich tue nichts anderes«, entgegnete Eva.

»Aha?«

»Ich habe zu Hause zwei halbwüchsige Söhne.«

Er nickte und lächelte.

»Sind die denn fleißig und hübsch ordentlich?«

»Ja, das sind sie.«

»Ich kann Hooligans nicht leiden. Wie heißen sie?«

»Patrik und Hugo.«

»Gut«, entschied Slobodan Andersson. »Stehen Sie auf!«

Unschlüssig stand Eva auf.

»Spazieren Sie dort zwischen den Tischen durch.«

»Wenn Sie glauben, Sie könnten mich wie einen Roboter dirigieren, irren Sie sich«, sagte Eva und bemühte sich, ihm in die Augen zu sehen. Sein Blick war schwer zu ertragen, nonchalant und spöttisch, als spiele er mit ihr.

»Aber natürlich kann ich einen Spaziergang machen.«

Sie ging ein Stück zwischen den Tischen durch, registrierte dabei die riesigen Fotografien an den Wänden und kehrte um. Slobodan Andersson beobachtete sie so wachsam, als wollte er sehen, ob sie lange Finger machte.

»Schöne Bilder«, sagte sie.

Slobodan sah Armas an und seufzte laut. Eva fiel das Einstellungsgespräch bei ihrem letzten Arbeitgeber ein. Da war es um Formulare und endlose Gespräche, um Einführungen und Kurse gegangen.

»Dort drüben befindet sich das Herz«, sagte Slobodan Andersson plötzlich und deutete ins Innere des Lokals. »Die Küche! Ihr hier draußen seid nichts als Sklaven der Küche. Nichts anderes als Laufburschen oder, wenn Sie so wollen, Laufmädchen. Sind Sie eine Emanze?«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Dieses Frauengerede, Sie wissen schon.«

»Ich bin eine Frau und reden tue ich.«

Slobodan Andersson betrachtete sie nachdenklich. Armas, der bislang kein Wort gesagt hatte, hustete und nickte dem Wirt zu, dann verschwand er wieder im Schatten. Slobodan sah ihm nach und lächelte dann Eva an.

»Wann können Sie anfangen?«

»Heute«, sagte Eva rasch, ohne auch nur einen Moment zu zögern.

»Und die Hooligans?«

»Die kommen zurecht.«

»Sie müssen was mit den Haaren machen. Armas, ruf Elisabeth an!«

Eva schluckte und griff sich unwillkürlich an den Kopf.

Sie radelte wie eine Verrückte durch die Stadt. Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel, und bei den Ampeln schien sie grüne Welle zu haben.

Aber jetzt hatte sie vor allem Sehnsucht nach Patrik und Hugo. Gestern Abend hatten sie über den Job als Kellnerin geredet, oder richtiger, Eva hatte geredet, während die Söhne ihre Chancen gleich null einschätzten. Nun konnte sie die zwei mit guten Nachrichten überraschen!

Der einzige Wermutstropfen waren die Arbeitszeiten. Zweimal in der Woche musste sie mittags arbeiten, dreimal hatte sie abends Dienst, außerdem jedes zweite Wochenende. Der Lohn, 85 Kronen in der Stunde für den Anfang, war geringer als sie erwartet hatte, aber sie hatte ohne zu protestieren akzeptiert. Der Wirt hatte angedeutet, dass es nach einer Weile vielleicht mehr werden könnte. Wie viel das Trinkgeld ausmachte, hatte sie nicht gefragt. Aber Slobodan Andersson hatte erklärt, das würde zwischen allen geteilt, auch denen aus der Küche, einschließlich der Lehrlinge und Praktikanten.

Am Ultunagärdet holte die Müdigkeit sie ein, und sie stieg ab und schob das Rad. Ein Mähdrescher fuhr über das Feld und ließ eine goldgelbe Fährte aus Stroh hinter sich. Über der breiten Fläche, in der Halme und Ähren verschwanden, ahnte sie durch den Staub hindurch den Fahrer in seiner Kabine. Eva winkte. Sie fühlte eine Art von Zusammengehörigkeit mit dem Erntearbeiter. Köche und Bäcker würden den Weizen zu Nahrungsmitteln verarbeiteten, und sie, Eva, würde servieren, was hier und jetzt gedroschen wurde.

Ein Bus fuhr dicht an ihr vorbei. Demnächst würde sie auf dem Weg zur und von der Arbeit darin sitzen.

»Arbeit!«, rief sie laut, als sie an Kuggebro vorbeistrampelte.