Rote Rache - Joe R. Lansdale - E-Book

Rote Rache E-Book

Joe R. Lansdale

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Beschreibung

Endlich dürfen Hap und Leonard ihren ersten richtigen Auftrag für Marvin Hansons Privatdetektei übernehmen: Sie sollen einen Doppelmord aufklären, der allerdings schon Jahre zurückliegt. Bei ihrer Recherche stoßen sie auf eine bluttrinkende Vampirclique, noch mehr Morde − und überall die rote Teufelsfratze. Tatkräftig unterstützt von einem umtriebigen Reporter und einem Computerprofi müssen sie allmählich erkennen, dass der Fall immer größere Kreise zieht und der Killer von damals jederzeit wieder zuschlagen kann ... "Dann fangen wir mal an zu ermitteln." "Du meinst, ihr fangt an durch die Gegend zu stolpern und hofft, über irgendwas drüberzufallen." "Ja, kommt ungefähr hin." Rote Rache ist das achte spannende Abenteuer der beiden handfesten Helden Hap Collins und Leonard Pine. Wieder erleben wir mit ihnen Menschliches und Allzumenschliches, Freundschaft und Humor, aber auch höchste Gefahr und die Gewalt des Bösen.

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Seitenzahl: 309

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Impressum

Devil Red

Die Originalausgabe ist 2011 bei Alfred A. Knopf erschienen.

© 2011 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2016 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Robert Schekulin

Korrektur: Hannes Riffel

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.wordpress.com]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

[email protected]

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-944720-94-4 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-944720-95-1 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Weitere Bücher aus dem Golkonda Verlag

Phantastik im Golkonda Verlag

Du bist, was du tust.

Altes Sprichwort

Würde ich auf die Menschheit wetten,

würde ich nie einen Gewinn kassieren.

Charles Bukowski

Das hier ist für Karen

Kapitel 1

Wir saßen in Leonards Wagen, der unter einer kaputten Laterne am Straßenrand parkte, und beobachteten ein Haus ungefähr einen Block entfernt. Es war ein dunkles Haus in einer dunklen Straße neben einem anderen dunklen Haus, und dahinter lag ein verlassenes Baseballfeld, überwuchert mit sonnenversengtem Gras, das schon vor zwei Monaten krepiert war, aber immer noch tapfer stand. Die Halme neigten sich wie verbogene Schwertspitzen. Ein frischer Herbstwind schubste totes Laub rum, wir hatten die Fenster runtergekurbelt, und die Luft war angenehm kühl. Hinter dem Baseballfeld gab es nur noch mehr Dunkelheit.

Die ganze Gegend war nicht gerade der ideale Ort zum Rumhängen. Wer trotzdem herkam, musste damit rechnen, am nächsten Morgen mit aufgeschlitzter Kehle im Straßengraben gefunden zu werden, die Taschen geleert und Sperma im Arsch, oder vielleicht einen spitzen Gegenstand. Hier gehörten sogar die Mäuse Gangs an.

Doch da saßen wir, Spielbälle des Schicksals.

»Ich komm mir vor wie ’n Auftragsschläger«, sagte ich.

»Du bist ’n Auftragsschläger«, antwortete Leonard.

»Das wird ’ne echt fiese Nummer.«

»Er hat ’ne alte Frau geschlagen, Hap. Hat ihr das Geld geklaut. Das ist so fies, dass die Fiesheit mit Hut und Schlips rumläuft.«

»Mit Hut und Schlips?«

»Sagt man so.«

»Nee, tut man nicht.«

»Na schön, ich hab’s mir ausgedacht.«

»Ach.«

»Also jedenfalls«, sagte Leonard, »die Bullen haben keinen Finger gerührt.«

»Sie haben ihn zur Vernehmung mitgenommen.«

»Ja, super«, sagte Leonard. »Und dann stand Mrs Johnsons Aussage gegen seine, und jetzt läuft er frei rum und schläft friedlich in dem Haus da drüben, er und sein Kumpel, mit dem Geld von der alten Dame unterm Kopfkissen.«

»Der Kumpel hat sie nicht gehauen«, sagte ich.

»Tja, der Kumpel sollte eben nicht mit den falschen Typen rumhängen.«

»Ich häng ja auch mit dir rum.«

»Aber ich bin charmant«, sagte Leonard und ließ die Knöchel knacken. »Bist du bereit?«

»Weiß nicht.«

»Was gibt’s denn da zu grübeln? Wir haben den Auftrag angenommen.«

»Die Kohle zum Beispiel. Fünfundzwanzig Dollar, geteilt durch zwei. Ernsthaft? Das ist unser Lohn?«

»Seit wann machst du dir Gedanken um die Kohle?«

»Seit es zwölf fünfzig sind.«

»Damit haben wir das Geld für unsere billigen Baseballschläger wieder drin«, sagte Leonard.

»Das kommt noch dazu. Am Ende haben wir vielleicht sogar ’nen Vierteldollar verdient.«

»Was beschwerst ’n dich dann? Du machst Plus.«

»Wir könnten ins Gefängnis kommen. Darüber beschwer ich mich. Du und ich und Marvin und Mrs Johnson, wir könnten alle auf einer Pritsche in einer Zelle sitzen und Wollpullis mit der Aufschrift BLÖDARSCH stricken.«

Seufzend lehnte Leonard sich zurück und schlug einen Ton an wie ein Vater, der seinem Sohn erklärt, warum man mit einem schlechten Highschoolzeugnis im Leben nicht weit kommt. »Der Penner sagt doch keinen Pieps. Er muss seinen Ruf als krasser Typ aufrechterhalten. Meinst du, er will rumerzählen, dass er von einem abgehalfterten Weißpimmel und einer attraktiven, stattlichen Schwuchtel überrumpelt und mit Baseballschlägern vermöbelt wurde?«

»Ruf? Er hat eine alte Frau zusammengeschlagen, was für ein Ruf soll das sein?«

»Die Sache hängt er wahrscheinlich nicht so an die große Glocke, bloß dass er ’n großer Gangster ist und so. Der hält sich für ’ne Legende. Wir sind bloß hier, um Mrs Johnsons Geld zurückzuholen.«

»Wir wollen jemanden wegen achtundachtzig Dollar aufmischen?«

»Plus ein bisschen Kleingeld.«

»Ja, vergessen wir das Kleingeld nicht, Leonard. Die fünfundvierzig Cent soll er bloß nicht behalten.«

»Sechsundvierzig. Wenn man monatlich nur eine bestimmte Summe zur Verfügung hat, macht das was aus. Und immerhin kriegen wir fünfundzwanzig Dollar davon, und Marvin, der bekommt auch seinen Anteil.«

»Du weißt genau, dass wir nichts davon annehmen werden, genauso wenig wie er, weil das Ganze ohnehin kein echter Auftrag ist. Marvin tut ihr bloß ’nen Gefallen, und wir ihm.«

»Ja, aber wir können so tun als ob«, sagte Leonard. »Macht doch Spaß. Kurbel mal deine Phantasie an!«

Ich warf Leonard einen mürrischen Blick zu. »Während wir so tun als ob, meinen es die Typen in dem Haus da wahrscheinlich ernst. Und ich hab’s satt, Leute zusammenzuschlagen und zusammengeschlagen zu werden.«

»Na gut. Ich übernehm das Schlagen. Du lässt alles heile, ihn und seine Möbel. Wir machen ihm einfach klar, dass uns seine Aktion nicht gefallen hat, und dann klopf ich ihm vorsichtig auf den Wanst.«

»Das sagst du bloß so, stimmt’s? Du willst ihm doch was brechen.«

Leonard schwieg einen Augenblick. »Er hat ihr die Hand gebrochen, also sollte seine Hand auch dran glauben. Aber aus der Sache kannst du dich raushalten, Bruder. Komm einfach mit und halt mir seinen Freund vom Leib. Den Großen, Chunk. Den will ich nicht auch noch an der Backe haben.«

»Soll das nicht so ’n richtiger Kaventsmann sein?«, fragte ich.

»Möchtest du lieber dem Kerl die Hand brechen und ich gucke nach dem Großen?«

»Nein.«

»Mensch, Alter, du darfst es dir aussuchen. Wie machen wir’s?«

Ich seufzte. »Du übernimmst das Knochenbrechen.«

»Also sind wir dabei?«

»Ja, aber denk dran, wenn wir unsere Zeit in Huntsville absitzen: Ich war dagegen.«

»Ist notiert«, sagte Leonard. »Ich schenk dir sogar mein Brot in der Gefängniskantine.«

»Wie heißt der Typ noch mal?«

»Was spielt das für ’ne Rolle?«

»Ich weiß gern, wen ich vermöble.«

»Thomas Traney hat das Geld gestohlen. Der Große, der heißt Chunk, mehr weiß ich auch nicht. Das hast du doch alles schon mal gehört.«

»Ja, aber ich hab nicht richtig aufgepasst. Mir war nicht klar, dass wir das wirklich durchziehen. Als Nächstes verdrehen wir Grundschülern das Handgelenk, um rauszufinden, wer wem das Milchgeld geklaut hat. Oder vielleicht knöpfen wir ihnen das Milchgeld gleich selber ab, so als die harten Jungs, die wir sind.«

»Fertig gemeckert?«, fragte Leonard, zog ein Paar dünne Handschuhe an und reichte mir auch eins.

Ich nickte, streifte mir die Handschuhe über, holte die Baseballschläger hinterm Sitz vor und gab ihm einen davon.

Kapitel 2

Wir stiegen aus dem Auto, liefen durch den dunklen Vorgarten über das trockene Gras und kletterten auf die hintere Veranda. Ich sah Richtung Baseballfeld und in die Dunkelheit dort, ob jemand uns beobachtete.

Nichts.

Leonard legte ein Ohr an die Tür.

»Stiller als im Hirn eines Politikers«, sagte er.

»Dabei sollten wir’s belassen.«

Probeweise drückte er gegen die Tür. »Ganz dünnes, mieses Holz.«

Ich schwieg. Es war sowieso zu spät. Jetzt ging’s los.

Leonard machte einen Schritt zurück und trat feste gegen die Tür. Das Schloss brach auf, Holz splitterte, die Tür knallte gegen die Wand dahinter, und drin waren wir.

Vor uns lag ein Flur, und wir stürmten rein. Nach links stand eine Tür offen, ich schaute in das Zimmer. Leer, bis auf ein paar Müllhaufen. Ich guckte zu Leonard und schüttelte den Kopf. Es stank nach Zigarette.

Leonard marschierte voraus, ein Mann mit einer Mission. Ich beeilte mich, um nicht den Anschluss zu verlieren. Schwungvoll öffnete er eine Tür nach rechts und ging sofort rein; ich streckte den Kopf vor. Auf dem Boden lag eine Matratze, darauf eine Frau. Durch ein Fenster rechts neben ihr fiel ein bisschen Mondlicht. Ich konnte bloß erkennen, dass sie dunkelhäutig war, mit weit geöffneten Augen und von der Taille aufwärts nackt; der Rest war von Bettzeug bedeckt. Ihr Blick glitt nach links. Das sichere Zeichen, dass noch jemand in der Ecke stand. »Pass auf!«, rief ich.

Leonard wirbelte rum, eine Pistole wurde abgefeuert, und einen Augenblick lang war alles hell und eine Kugel pfiff und schlug in die Wand ein. Leonard flog pfeilschnell quer durch den Raum. Man konnte richtig hören, wie sein Baseballschläger die Luft zerschnitt. Wieder krachte aus dem Halbdunkel die Pistole, dass ich zusammenzuckte. Ich stürmte ins Zimmer, obwohl mir das Ganze gründlich gegen den Strich ging.

In der Ecke drückte Leonard jemanden zu Boden, und sein Schläger fuhr auf und ab. Der am Boden schrie, und hinter mir knarrte es. Als ich mich umdrehte, füllte ein schwarzer Koloss in Unterhosen den Türrahmen vollständig aus, bevor er mit einer Machete in der Hand auf mich zukam. Das Mondlicht erhellte einen Gesichtsausdruck, der nicht als humorvoll durchging.

Er riss die Klinge hoch, und ich holte mit dem Schläger aus und traf ihn am Schienbein. Er stolperte mit einem Aufschrei. Ich schlug noch mal zu, diesmal in die Flanke. Ächzend ließ er die Machete vor mir zu Boden fallen. Mit dem Fuß schleuderte ich sie ins Halbdunkel.

Drüben verursachte Leonards Schläger ein Knirschen, und er fragte: »Na, wie gefällt dir das?«

Ich selbst hatte ebenfalls alle Hände voll zu tun. Der Koloss versuchte aufzustehen, und ich drosch auf seinen breiten Rücken ein. Er ließ noch ein Ächzen hören, rappelte sich aber trotzdem hoch, und ich zielte nach seiner Kniescheibe. Schreiend sackte er wieder zusammen, wälzte sich über den Boden und umklammerte sein Knie. Sein Schatten huschte mit ihm zusammen an der Wand hin und her.

»Hast du Geld?«, fragte Leonard seinen Typen.

Der Kerl am Boden, wahrscheinlich Thomas, trug nichts als eine Unterhose. Nur eine Anmerkung in Sachen Mode: Seine und Chunks Unterhose passten nicht zusammen. »Wird das ’n Raubüberfall?«, fragte er.

»Nö«, sagte Leonard. »Ich hol was zurück, was du dir genommen hast, obwohl’s dir nicht gehört. Wo ist dein Geldbeutel? Und du hoffst besser, dass Geld drin ist.«

Thomas hielt eine Hand hoch, um den Schläger abzuwehren. Ansonsten lag er ausgestreckt auf dem Boden, den Kopf leicht angehoben.

»Meine Hose liegt vorm Bett. Geldbeutel ist hinten in der Tasche drin.«

»Ich guck nach«, sagte ich, lief zum Bett, fand seine Hose, friemelte das Portemonnaie raus und ging zum Fenster, ins Mondlicht. Ich stellte mich seitlich hin, damit ich den Großen am Fußboden im Auge behalten konnte. Der wälzte sich immer noch stöhnend umher und hielt sich das Knie. Vermutlich hatte ich es zertrümmert. Da war ordentlich Schmackes hinter gewesen.

»Ungefähr dreihundert Dollar hat er«, sagte ich.

»Nimm hundert raus«, sagte Leonard, der mit erhobenem Schläger über seinem Opfer stand. »Das deckt die Schulden, plus ein bisschen Entschädigung für unseren Zeitaufwand und weil er auf uns geschossen hat, und noch was extra für die Schläger.«

Ich zählte hundert Dollar ab und ließ das Portemonnaie zu Boden fallen. Dann guckte ich zu der Frau. Sie war einigermaßen hübsch, oder wäre es gewesen, mit zehn Kilo mehr auf den Rippen. Sie sah aus, als wäre ihre letzte Mahlzeit aus einer Nadel gekommen und hätte nach nichts geschmeckt. Ich wollte sie natürlich retten. Ich wollte alle retten. Außerdem wollte ich woanders sein und jemand anders sein, und ich wünschte, ich wäre in der Highschool nicht in Mathe durchgerasselt.

Ich hielt die hundert Dollar hoch. »Hab sie.«

»Gut.«

»Du bist verrückt, Alter«, sagte Thomas. »Ich mach dich so was von fertig.«

»Wohl kaum«, antwortete Leonard. »Du bist ’n mieser Feigling.«

Der Kerl drehte sich nach der Pistole um, mit der er auf uns geschossen hatte. Sie lag auf dem Boden, wo Leonard sie hingeschleudert hatte. Knapp zwei Meter entfernt.

»Nur zu, schnapp sie dir«, sagte Leonard. »Ich warte bloß auf die Gelegenheit zu einem Homerun mit deiner Rübe.« Mit dem Schläger tippte er Thomas leicht auf die Schulter.

Thomas sackte zusammen. Die Hoffnung auf die Waffe hatte das gleiche Schicksal ereilt wie seine Jugendträume. Er war am Arsch, und das wusste er.

»Zwei Ratschläge geb ich dir noch mit, einen verbalen und einen handfesten«, sagte Leonard. »Erstens, keine Raubüberfälle auf alte Damen mehr. Zweitens«, und da drosch Leonard mit dem Schläger auf Thomas’ Hand ein. Sein Schrei fuhr mir den Rücken hoch, kroch mir über die Schädelhaut und hinterließ einen Kackehaufen.

»Das war der handfeste«, sagte Leonard. »Damit du weißt, wenn du ’ner alten Dame Ärger machst und ihr wehtust, handelst du dir selber Schmerzen ein. Wenn du wieder bei ihr aufkreuzt oder sie noch mal anrührst, dann finden sie dich nächstes Mal mit dem Schläger hier im Arsch und Chunks totem Schwanz in deiner toten Fresse.«

Thomas hielt sich die Hand, die mir im Mondlicht irgendwie platt vorkam. Sein Atem ging rasch, und er lag flach auf dem Boden. Ein Geräusch wie von einer sterbenden Maus sickerte ihm von den Lippen.

Leonard beugte sich über ihn. »Noch mal in aller Deutlichkeit. Wenn du mir auf den Sack gehst oder jemanden schickst, der mir oder meinem Bruder hier auf den Sack geht, falls du überhaupt weißt, wer wir sind, dann mach ich den Typen kalt, und dann mach ich dich kalt, selbst wenn ich nicht genau weiß, ob du ihn geschickt hast. Und dann mach ich dich noch mal kalt, wenn du tot bist. So gründlich mach ich dich kalt. Kapiert, Arschgeige?«

Thomas lag mit offenem Mund da und hielt sich die Hand. Es sah aus, als wolle er etwas sagen, aber es kam nichts raus.

»Kapiert?!«

»Kapiert.«

»Sehr gut.« Leonard hob die Pistole auf, schob sie sich in den Gürtel und schaute wieder zu Thomas. »Und das ist nicht bloß heiße Luft. Ich mein das ernst.«

»Ja«, sagte Thomas. »Schon verstanden.«

»Aber glaubst du’s mir auch?«

»Ich glaub’s dir.«

»Lass mich ein Amen hören.«

Thomas starrte Leonard an, als hätte er den Verstand verloren. Genau wie ich. Leonard stand einfach da und wartete.

»Amen«, sagte Thomas schließlich.

»Na also, du Scheißhaufen.« Leonard drehte sich zur Tür, hielt inne und betrachtete den Koloss. »Du bist ja vielleicht einigermaßen riesig, Chunk«, sagte er, »aber Augen, Eier und Kniescheiben, das sind sogenannte Schwachpunkte. Sag’s ihm, Hap.«

»Schwachpunkte«, sagte ich.

»Deinen breiten Arsch will ich auch nicht noch mal wiedersehen«, sagte Leonard. »Du könntest ’nen Klimawechsel vertragen. Verstehst du, was ich meine?«

Der Mann antwortete nicht. Es war so still im Raum, dass wir ihre IQs sinken hörten. Tief konnten sie allerdings nicht fallen.

Leonard trat ihm noch mal beherzt gegen die kaputte Kniescheibe. Chunk brüllte auf.

»Also?«

»Ich verstehe«, sagte Chunk.

Selbst im Dunkeln erkannte ich, dass er Leonard genau so ansah wie ich manchmal, als würde er in eine tiefe schwarze Grube gucken, die keinen Boden hatte.

»Gut«, sagte Leonard. »Wir sind fertig hier.«

Ich schaute zu der Frau auf dem Bett. »Versteht sich wahrscheinlich von selber, aber du solltest besser auch nichts rumerzählen oder unternehmen. Und du bist noch ungefähr ein Kilo vom Organversagen entfernt. Iss mal was Fettiges.«

Sie nickte.

»Gut«, sagte ich. »Danke.«

Kapitel 3

Hinterm Haus schleuderten wir die Baseballschläger Richtung Spielfeld und stiegen ins Auto. »Du hast dich bei ihr bedankt?«, sagte Leonard. »Und ihr Ernährungstipps gegeben?«

»Ist mir irgendwie so rausgerutscht«, sagte ich.

»Da wären fast meine guten Sprüche verpufft.«

»Tut mir leid.«

»Na ja«, sagte Leonard. »Kannst eben auch nicht aus deiner Haut. Fahren wir beim Wal-Mart vorbei und holen uns Keks-Sahneeis und dazu ’n paar Vanilleplätzchen zum Reindippen?«

»Geht doch nix über ein bisschen Knochenbrechen mit Nachtisch.«

»Ich hab dem Wichser nur die Hand gebrochen und vielleicht noch ’ne Rippe erwischt«, sagte Leonard. »Du bist derjenige, der dem Kerl das Bein verkrüppelt hat. Die Kniescheibe.«

»Ich hör’s immer noch knacken.«

»Vielleicht holen wir uns gleich ’n paar Eiskartons mehr, Bruder.«

Leonard ließ den Motor an und fuhr los.

»Das hat sich für dich echt gut angefühlt, was, Leonard?«, sagte ich. »Auf diesen Kerl einzudreschen?«

»Keine Ahnung, ob gut das richtige Wort ist, aber befriedigend war’s allemal«, sagte Leonard. »Und er hat mich nicht erschossen, das fühlt sich auch gut an. Der Wichser hätte mit der Knarre lieber nach mir werfen sollen, so wie der gezielt hat.«

Leonard holte Thomas’ Pistole aus seinem Hosenbund und reichte sie mir. Ich nahm das Magazin raus, wischte es mit einem Taschentuch ab und wickelte es anschließend darin ein. Leonard fuhr zu einem Müllcontainer hinter einem Einkaufszentrum, und da ließ ich das Magazin reinfallen. Dann fuhren wir raus an den Stadtrand, ich wischte die Pistole sauber und schlug sie in eine Zeitung vom Rücksitz ein, gab sie Leonard, und der trug sie in den Wald. Als er wiederkam, sagte er: »Na bitte, alles erledigt. Hab sie in ’nen Gürteltierbau gestopft.«

»Wenn wir hören, dass die Gürteltiere das Königreich der Opossums übernehmen, wissen wir, was los war.«

Wir streiften die Handschuhe ab, Leonard fuhr zum Wal-Mart, und wir kauften Eis und Plätzchen. Ich sagte nicht viel, bis wir zu Leonard nach Hause kamen. Er war vor Kurzem erst in diese Wohnung gezogen. Sie war billig, und der Stadtteil war kaum besser als der, aus dem wir gerade kamen. Wir gingen hoch und setzten uns auf Klappstühle in eine Ecke, die als Küche herhielt, an einer Holzkiste, die als Tisch herhielt, und mit je einem Löffel und ein paar Keksen zum Dippen futterten wir Eis und zählten die Küchenschaben, die über den Boden flitzten. Von denen gab es ganz schön viele, und einige waren größer als mein Daumen. Ausnahmsweise war ich mal froh, dass Brett nicht da war. Sie legte sich sogar mit einem Nashorn an, wenn es sein musste, aber beim Tickern von Schabenbeinchen auf Linoleum nahm sie Reißaus und kletterte auf den nächsten Baum.

Als wir alles leer gekratzt hatten, fragte Leonard: »Willst du nach Hause oder bleibst du?«

»Fahr mich lieber nach Hause«, antwortete ich. »Brett wartet. Außerdem will ich nicht von Küchenschaben gefressen werden.«

»Du bist so was von spießig geworden«, sagte Leonard. »Früher hätt’st du ihnen allen Namen gegeben, kleine Hüte für sie gebastelt und sie als deine Freunde bezeichnet.«

Kapitel 4

Auf der Fahrt zu mir warf Leonard einen Blick in meine Richtung und seufzte. »Du guckst ganz trübselig.«

»Ich bin auch trübselig.«

»Manche Dinge tut man nicht, weil sie schön sind, sondern weil sie getan werden müssen.«

»Aber ich bin mir nicht sicher, ob das dazu gehörte.«

»Du hast einfach zu viele Gefühle, Hap.«

»Kann schon sein.«

»Sieh’s mal so, Bruder. Ich hab auch Gefühle, aber die sind für solche Leute reserviert, die Gefühle verdient haben. Manche Typen haben keine Gefühle, und dann verdienen sie deine auch nicht. Die einzigen Gefühle, die die kennen, sind Angst und Schmerz.«

»Die Taktik fahren die Regierungen auch. Scheint nicht so gut zu klappen.«

»Wir sind keine Regierung«, sagte Leonard und bog in unsere Einfahrt. Ich stieg aus und ging noch mal zu ihm auf die Fahrerseite. »Wir sehen uns morgen bei Marvin«, sagte er durchs offene Fenster.

Ich nickte. Er betrachtete mich einen Moment lang, schien noch etwas sagen zu wollen, tat es dann aber doch nicht. Er setzte auf die Straße zurück, und ich sah ihm hinterher.

Ich ging ins Haus, schloss ab und tappte so leise wie möglich nach oben ins Schlafzimmer. Bretts Umrisse zeichneten sich auf dem Bett ab. Ich zog mir die Klamotten aus, stieg in meine Schlafanzughose und kletterte vorsichtig zu ihr. Als ich lag, fragte sie: »Was hast du getrieben?«

»Hab mein letztes bisschen Seele abgetötet, Schatz.«

Brett drehte sich zu mir um und legte mir den Arm über die Brust. Sie roch gut. »Ihr habt das Geld von der alten Dame wiederbeschafft, oder?«

»Jepp.«

»Hab mir doch gedacht, dass ihr’s durchzieht.«

»Auf dem Weg nach draußen hab ich noch behauptet, dass ich’s nicht mache. Das hab ich mir gesagt, als ich mich mit Leonard getroffen hab. Hab’s mir gesagt, als wir vor dem Haus geparkt haben, wo die Typen drin waren, und hab’s mir gesagt, bis ich mit dem Baseballschläger ausgeholt und ’ne Kniescheibe zertrümmert habe.«

»Ich wusste, dass du’s machst.«

»Aber woher wusstest du das? Was stimmt nicht mit mir?«

»Du findest, es sollte gerecht zugehen auf der Welt, aber das tut’s nicht, und du versuchst sie gerechter zu machen.«

»Ich hab einem Kerl die Kniescheibe ruiniert, dem anderen hat Leonard die Hand gebrochen und vielleicht noch eine Rippe, und wir haben eine junge Frau verschreckt, die zufällig auch da war. Keine Ahnung, wie gerecht das war. Wir waren so fies, dass unsere Fiesheit mit Hut und Schlips rumgelaufen ist.«

»Was?«

»Nix.«

Brett streichelte mir ein bisschen über die Brust, dann fragte sie: »War das ein guter Mensch? Dem du das Knie gebrochen hast?«

»Nicht mal ansatzweise.«

»Habt ihr dem Mädchen was angetan?«

»Nein, natürlich nicht, warum auch.«

»Okay. Der Kerl, dem Leonard die Hand verknackst hat, war das einer von den Guten?«

Ich wusste, worauf das hinauslief, aber ich spielte mit. »Das war der, der der alten Dame die Hand gebrochen und die Knete geklaut hat.«

»Da hast du’s. Wenn er der Böse ist, musst du der Gute sein.«

»Wer sagt das?«

»Ich. Gerade eben.«

»Na ja, du bist ja sowieso irgendwie auf meiner Seite.«

»Aber hallo. Wenn ein Typ einer alten Frau das Geld klaut, ihr die Hand bricht und sie Marvin um Hilfe bittet, was hast du da für eine Wahl? Sie hat ein Recht auf ihr Geld. Das war nicht das erste Mal, dass du jemandem geholfen hast und dabei handgreiflich werden musstest. Mensch, sogar ich musste schon handgreiflich werden.«

»Das weiß ich. Aber diesmal war es keine Selbstverteidigung, und was Persönliches war es auch nicht.«

»Sobald du verhindern kannst, dass jemand schikaniert wird, ist es schon persönlich. Schatz, du musst lernen, die Guten von den Bösen zu unterscheiden.«

»Du klingst wie Leonard.«

»Er kann sehr weise sein, wenn er wie ich klingt.« Wir lagen eine Weile schweigend da. Brett strich mir über die Brust. »Morgen breche ich auf, ganz früh.«

»Mist, das hatte ich ganz vergessen.«

»Dacht ich mir schon. Du warst vollauf mit deiner Ehrlichkeit und deiner Sterblichkeit beschäftigt … Ist aber nicht schlimm. Ich bleib nicht lange weg. Vielleicht eine Woche.«

»Das ist viel zu lang«, sagte ich.

»Mein armer Schatz. Du bist ja richtig depri.«

»Aber voll.«

»Weil du vor ’ner Weile angeschossen wurdest?«

»Tja, das könnte schon was damit zu tun haben«, sagte ich.

»Würde dir eine Mitleidsnummer helfen?«

»Hm«, sagte ich. »Keine Ahnung, ob mir unser Rachefeldzug dann richtiger vorkommt oder ob ich dich weniger vermisse, aber die Laune heben würd’s mir definitiv.«

»Dacht ich’s mir doch«, sagte Brett und streifte sich das Höschen runter.

Kapitel 5

Nach dem Sex schlief ich ein Weilchen, wachte schließlich wieder auf, stieg vorsichtig aus dem Bett und ging kurz ins Bad. Dann setzte ich mich auf den Stuhl am Fenster und sah in den Garten, wo ein Zaun aufragte; dahinter stand das nächste Haus, teilweise verdeckt von einem großen Baum und seinen Schatten. Durch die Dunkelheit vom Baum her wirkte das Haus wie ein natürliches Gebilde. Mondlicht fiel in den Nachbargarten. Kein einziger Baum wuchs auf dem Rasen, aber eine Kinderschaukel stand dort; sie sah aus wie ein lauerndes Marsinsekt.

Ich drehte mich um und betrachtete Brett im Schlaf. Ein Fensterkreuz teilte unsere Fensterschreibe in vier Rechtecke, durch die das helle Mondlicht aufs Bett schien, und die dünnen Querstreben zergliederten ihre Gestalt wie dunkle Einschnitte. Ihr Gesicht war friedlich, der Mund stand leicht offen, und sie schnarchte leise. Ich sah ihre weißen Zähne und ihr langes rotes Haar, dunkel wie die Schatten; es legte sich ihr ums Kinn und ergoss sich über das Kissen wie eine Öllache.

Ich fand sie wunderschön, fand den Sex mit ihr wunderschön, fühlte mich pudelwohl mit ihr. Trotzdem stand es einfach nicht in ihrer Macht, mich mit dem zu versöhnen, was ich getan hatte. Jedenfalls nicht heute Abend.

Ich überlegte, mich ins Wohnzimmer zu setzen und zu lesen, vielleicht ein bisschen Musik über die Kopfhörer zu hören, konnte mich aber nicht dazu aufraffen. Also ging ich wieder ins Bad, schloss die Tür, knipste das Licht an und nahm eine Zeitschrift vom Spülkasten. Dann setzte ich mir die Wal-Mart-Brille auf, die ich hier deponiert hatte – ich hatte mehrere über das ganze Haus verteilt –, und seufzte, weil ich ohne das blöde Teil nicht mehr lesen konnte. Ich war zu müde und zu alt, um Leute zu verprügeln. Ein Mann, der eine Lesebrille brauchte, sollte einen Schreibtischjob in einem klimatisierten Büro haben, und sein gröbster Akt der Gewalt sollte darin bestehen, sich den Hosenstall aufzuzippen.

Ich las zwei, drei Artikel, aber es blieb einfach nichts hängen. Schließlich gab ich auf, nahm ein paar leichte Schlaftabletten und ging zurück ins Bett, und als ich aufwachte, war es später Vormittag, und Brett war weg.

Kapitel 6

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mir eine Schusswunde eingehandelt, und bei derselben Gelegenheit hatten Leonard und ich einen ganzen Batzen Geld einkassiert. Also keine Ahnung, warum ich überhaupt arbeitete. Es war nicht mein Stil, mich anzustrengen, wenn noch Geld auf dem Konto rumlungerte. Verzweiflung und überfällige Rechnungen waren mir als Arbeitsanreiz lieber.

Ich duschte, machte mich fertig und dachte an Brett und ihre Tochter, die Hure. Brett war schon öfter zu ihr gefahren und hinterher immer tagelang bedrückt und ziemlich pampig gewesen, und dann kriegte sie irgendwann einen klaren Blick auf die Sache, rappelte sich auf, und es ging ihr ein paar Monate gut. Irgendwann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, oder die Tochter schickte ihr eine E-Mail oder sonst was in der Art, und Brett fiel wieder in ein bodenloses Loch. Ich konnte nicht das Geringste für sie tun, wenn sie so drauf war. Sie musste mit diesen Untiefen und allem, was da noch so lauerte, auf ihre eigene Weise klarkommen, in ihrem eigenen Tempo, genau wie ich. In so einer Stimmung benahm sie sich völlig anders als sonst, und es war wirklich das Beste, dass sie mich für ein Weilchen allein ließ. So fand sich wenigstens nicht eines Tages mein abgeschlagenes Haupt auf dem Kopfkissen.

Aber bei ihr lief es immer anders als bei mir. Sie fand immer irgendwo in sich die Wahrheit. Ich dagegen war mir nie sicher, wo oben und wo unten war, ganz zu schweigen davon, an welchem Ende die Wahrheit steckte.

Während ich meine Klamotten anzog, dachte ich auch daran zurück, wie ich an das Geld geraten war, das jetzt bei mir auf Halde lag. Vanilla Ride, die schöne Auftragsmörderin, auf deren To-do-Liste ich gestanden hatte, hatte es Leonard und mir vermacht. In einer Hütte in Arkansas hatten wir uns erstaunlich gut verstanden, sie und Leonard und ich. Nicht so versaut, wie das jetzt klingt. Wir drei hatten uns kurzfristig zusammengetan, um uns eine Schießerei mit den Gorillas von Clete Jimsons Dixie-Mafia zu liefern. Die Gorillas schlugen sich nicht so bravourös. Ich kam mit einer Wunde davon, um die sich ein netter Tierarzt gekümmert hat. Aber was die Hauptsache war, am Ende hatten wir einen Waffenstillstand mit Vanilla und einen Haufen Kohle in der Tasche, die ein paar zwielichtigen Gestalten gehört hatte, und ich redete mir gerne ein, dass sie sie nur für zwielichtige Dinge ausgegeben hätten. Trotzdem kam mir das alles immer noch total absurd vor, und völlig unbegreiflich, dass jemand wie Vanilla so tödlich und gleichzeitig auf ihre eigene Art so ehrenhaft vorging.

Obendrein schloss ausgerechnet der Mann, der uns töten lassen wollte, Cletus Jimson, ebenfalls einen Waffenstillstand mit uns, hauptsächlich weil er sich nicht mehr mit uns rumschlagen wollte. Außerdem drohte Vanilla im Hintergrund, und das Risiko wollte Jimson nicht eingehen. Niemand bei klarem Verstand würde das wollen.

Kurz vor Mittag war ich also aufbruchbereit, saß mit einer Tasse koffeinfreiem Kaffee am Tisch und wartete auf Leonard. Unser Freund Marvin Hanson hatte eine Privatdetektei gegründet. Er wollte uns hier und da als Hilfskeulen anheuern, was auch gut so war, denn als Detektive gaben wir sehr gute Hilfskeulen ab.

Heute sollten wir mit ihm im Büro einen echten Auftrag besprechen, keine Rückholaktion für das Geld einer alten Dame. Dann sollten wir beim gemeinsamen Mittagessen einen Schlachtplan aushecken. Ich wäre am liebsten zurück ins Bett gekrochen, hätte gelesen oder ferngeguckt oder einfach auf dem Sofa rumgelümmelt. Aber wenn Kühe fliegen könnten, würde es Milch regnen.

Gegen zwanzig nach elf tauchte Leonard auf und kutschierte uns zu Marvins Büro. Das Auto hatte ein paar Vogelkleckse auf der Windschutzscheibe, und Leonard versuchte sie mit dem Scheibenwischer wegzukriegen, wodurch sich glitschige weiße Schlieren auf der gesamten Scheibe verteilten. Leonard fluchte, schaltete den Scheibenwischer noch mal ein und machte es noch schlimmer.

Merke: Versuche nie, Vogelkacke mit dem Scheibenwischer von der Windschutzscheibe zu entfernen. Funzt nicht. Und durch Fluchen wird sie auch nicht sauber.

Kapitel 7

Marvins Büro lag in einer netten Gegend abseits des Stadtverkehrs in einer von Häusern gesäumten Straße. Wir parkten vor einer riesigen, breiten Eiche und stiegen aus. Ein Stück Brachland war als seltenes Beispiel für Stadtplanung übrig gelassen worden. Irgendjemand hatte ein gebrauchtes Kondom und eine Chipstüte an dem Eichenstamm hinterlegt, möglicherweise als eine Art Opfer für die Waldgötter, und es roch nach Pisse, aber ansonsten sah die Eiche sehr hübsch und natürlich aus und spendete knorrigen Schatten.

Wie wir so die Pisse in der Herbstluft erschnupperten, rieselte braunes Eichenlaub runter und wirbelte mit einem Knistern über das Grundstück, als würde jemand auf Papiertüten treten oder einem großen Kerl das Knie mit einem Baseballschläger zertrümmern.

Auf dem Bürgersteig hatte ein Amberbaum klebrige Gummikugeln über den Beton verteilt, sodass ich um seine Zukunft nach der nächsten Kommunalwahl bangte.

Marvins Büro lag in einem zweigeschossigen Gebäude, daneben ein Comicgeschäft in einem Flachbau mit einem großen, blauen aufblasbaren Gorilla auf dem Dach. Mal war es eine riesige rote Ameise, mal ein großer silberner Alien. Einmal stand da oben ein großer Braunbär in Bermudashorts, einen Fisch zwischen den luftgefüllten Zähnen und eine Angel in den Tatzen.

Unten in Marvins Haus befand sich ein Fahrradladen. Das Gebäude hatte einen hellgelben Anstrich. Eine junge blonde Frau, die, ihren Waden nach zu urteilen, selbst viel Fahrrad fuhr, stand davor und trotzte der Kühle in Shorts, einem T-Shirt und Flipflops. Als wir ankamen, schloss sie gerade die Ladentür auf. Sie drehte sich zu uns um, warf das lange blonde Haar nach hinten und schenkte uns ein Lächeln, das einen familientreuen Republikaner dazu bringen könnte, mit einem Klappmesser auf die Heilige Schrift einzustechen.

Die Metallstufen waren ein bisschen rutschig von dem Regen, der vorhin runtergedröppelt war. Wir gingen hoch. An der Tür hing ein Schild, schwarze Buchstaben auf einer grünen Tafel: PrivatermittlungenHanson.

Drinnen hockte Marvin hinter seinem neuen Schreibtisch, und eine Frau mittleren Alters saß auf dem Besucherstuhl und drehte sich zu uns um, als wir eintraten. Sie hatte das gepflegte Äußere einer treuen Kirchgängerin oder der netten Nachbarin von nebenan. Sie war gut, aber nicht schick angezogen, und ihre Haare leuchteten ein bisschen zu rot, genau wie ihre Wangen. Anscheinend hatte sie gerade geweint. In der Hand hielt sie ein zusammengeknülltes Taschentuch, und ein Zipfel lugte zwischen ihren Fingern vor, als käme die Polsterung aus ihr raus. Wahrscheinlich war das die Klientin, die wir treffen sollten.

Sie hatte einen jungen Mann mitgebracht, der sich gerade Kaffee in einen Styroporbecher schenkte. Er war groß, hatte verwuschelte schwarze Haare und eine sportliche Figur. Man merkte ihm gleich an, dass er sich nicht die Butter vom Brot nehmen ließ; gleichzeitig wirkte er wie der absolute Frauenschwarm.

Er rührte mit einem Plastiklöffel in seinem Kaffee und setzte sich auf einen anderen Besuchersessel. Damit waren alle Besuchersessel belegt, und Leonard und ich mussten stehen. Darauf hatte ich keine Lust, also ging ich hin und schob meinen Hintern auf Marvins Schreibtischkante. Jetzt hockte ich genau dem jungen Kerl vor der Nase. Leonard lehnte sich an die Wand bei der Tür, nicht weit von der Dame entfernt, und schob die Hände in die Hosentaschen.

Marvin, der vor einem Monat seinen Gehstock losgeworden war, stand auf, humpelte zum Wasserspender, machte einen Pappbecher voll und reichte ihn der Dame.

Dann schaute er zu uns. »Das ist Mrs Christopher, und neben ihr sitzt ein Freund der Familie, Cason Statler. Er arbeitet für die Zeitung von Camp Rapture. Mrs Christopher, das sind Hap Collins und Leonard Pine. Wenn sie was Peinliches von sich geben, bedenken Sie bitte, es sind meine Freunde und ich muss sie die ganze Zeit ertragen.«

»Nette Vorstellung«, sagte ich.

Mrs Christopher lächelte zaghaft und trank einen Schluck Wasser.

Zu uns sagte Marvin: »Das sind meine Klienten. Wir sollen was für sie überprüfen.«

So wie die Frau sich benahm, ging es vermutlich um irgendwelche Beziehungsprobleme, einen Ehemann auf Abwegen, oder vielleicht war der Mann unter undurchsichtigen Umständen gestorben, und wir sollten Licht ins Dunkel bringen. Jedenfalls nahm ich an, dass es einfache und fast so was wie ehrliche Arbeit werden würde.

»Und, werden Sie die Sache untersuchen?«, fragte die Dame.

»Ja, werde ich«, antwortete Marvin. »Ich setze diese beiden hier sofort darauf an.«

»Sie sehen aus wie zähe Burschen«, sagte sie.

»Sind sie auch.«

»Was ich eigentlich wissen wollte, sind sie auch Detektive?«

»Sie sind die Spezialisten«, sagte Marvin.

Yeah, Baby, dachte ich. Die Spezialisten, genau das. Wir sind so speziell, dass unser Spezialismus mit Hut und Schlips rumläuft.

Ich warf einen Blick neben mich auf den Tisch, wo ein Scheck vor Marvin lag. Unterschrieben von Juanita Christopher. Besser noch, es prangte eine saftige Summe drauf. Ich fragte mich, wie viel davon für mich und Leonard abfiel.

»Sie werden zufrieden sein, andernfalls bekommen Sie die Hälfte Ihres Geldes zurück«, sagte Marvin. »Nebenbei gefragt, wie sind Sie eigentlich auf uns aufmerksam geworden?«

»Ich habe Ihre Anzeige in Casons Zeitung gesehen.«

»Nur aus Neugierde«, sagte Marvin, »damit ich weiß, wie meine Werbung wirkt. Was hat Ihr Interesse an der Anzeige geweckt?«

»Ihr Nachname. Mein Mädchenname war Hanson, aber da Sie schwarz sind und ich weiß, besteht da wahrscheinlich keine Verbindung.«

Vielleicht doch, dachte ich. Hier in der Gegend hatte der reichere Zweig der Familie Hanson Sklaven gehalten, daher könnten dem Stammbaum allemal ein paar inoffizielle Seitentriebe gesprossen sein.

»Oh«, sagte Mrs Christopher, »das klang jetzt völlig verkehrt.«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Marvin. »Machen Sie sich keine Gedanken.«

Sie erhob sich und reichte Marvin die Hand über den Schreibtisch hinweg.

Danach nahm sie weder Platz noch schüttelte sie uns die Hände. »Dann habe ich wohl alles erklärt, Mr Hanson. Ich überlasse es Ihnen, Ihre Männer ins Bild zu setzen.«

Marvin nickte, sie ging zur Tür, und Statler stand ebenfalls auf. »Macht es Ihnen was aus, wenn ich gleich nachkomme, meine Liebe? Ich will noch ein Wort mit den Herren wechseln. Sie schaffen die Treppe alleine, nicht wahr? Passen Sie auf, sie ist rutschig.«

»Ich bin doch kein Pflegefall«, erwiderte sie. »Nur in Trauer.«

»Natürlich.« Noch anderthalb Watt, und Casons Lächeln hätte das örtliche Stromnetz lahmgelegt.

Nachdem sie draußen war, wartete er noch einen Augenblick, klaubte den Scheck vom Schreibtisch, setzte sich wieder hin und hielt den Scheck auf seinem Knie fest. Wir alle beobachteten das Stück Papier wie Bussarde, die gerade merkten, dass etwas Totgeglaubtes vielleicht doch noch Leben in sich hatte und eventuell davonkam.

»Ich weiß, das Ganze klingt nach einer unlösbaren Aufgabe, wegen des Zeitfaktors«, sagte er. »Der Fall ist steinalt. Aber lassen Sie sich eins sagen, sie meint es bitterernst. Ich hab sie hergebracht, weil sie eine Freundin meiner Mutter ist und weil ich ein bisschen was zu dem Thema weiß. Ich bin Zeitungsreporter. Ich hab mir den Fall angeguckt, irgendwas stimmt da wirklich nicht.«

»Sie meinen also«, sagte Leonard, »wir sollen nicht einfach bloß den Scheck einlösen, uns hier den Arsch plattsitzen und Käffchen trinken?«

»So was in der Richtung.«

Marvin sagte: »Das ist eine Unterstellung, die ich Ihnen vielleicht sogar eigenhändig aus dem Leib prügle. Selbst wenn mich einer der Jungs hier dabei stützen muss.«

»Könnte schwerer werden, als Sie glauben«, erwiderte Cason.

»Du liebes Lieschen«, sagte Leonard, »da hat wohl jemand ’ne Extraschüssel Müsli gefrühstückt.«

»Wollen Sie als Erster drankommen?«, fragte Cason.

»Hey, Cason«, sagte ich. »Sie sehen aus, als könnten Sie was einstecken, aber wenn Sie sich mit Leonard anlegen, schnippelt man Sie auf und steckt Ihre gerissene Leber in ein Schauglas, und dann wird Ihr Geist sich immer noch wundern, wo plötzlich der Laster herkam.«

Cason betrachtete Leonard, und der sagte: »Für den gilt dasselbe.«

Cason lächelte, ohne den Blick abzuwenden. »Ihr zwei seid Kumpel. Wie süß.«

»Ja«, sagte ich, »wir sind knallhart, und wenn schwere Zeiten kommen, nähen wir uns die Klamotten selber und legen ’nen Gemüsegarten an.«

»Echt?«

»Nee. Aber knallhart sind wir trotzdem.«