Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine nordhessische Kleinstadt mitten im Märchenland der Gebrüder Grimm. Mit der beschaulichen Ruhe ist es vorbei, als in einer kalten Oktobernacht eine junge Frau vor den Toren des nahegelegenen Klosters Löwenstein ermordet aufgefunden wird. Die frischgebackene Hauptkommissarin Franca Steiner muss ihren ersten Mordfall lösen und tappt zunächst im Dunkeln. Pater Pius, der die Leiche gefunden hat, verhält sich sehr merkwürdig. Doch Franca Steiner merkt schnell, dass nicht nur er etwas zu verbergen hat. Als die vierzehnjährige Tochter von Franca Steiners bester Freundin verschwindet und kurz darauf eine weitere Leiche gefunden wird, gerät die Ermittlerin weiter unter Druck. Geht ein Serienmörder im idyllischen Wolfhagen um? Sie steht vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Polizeilaufbahn und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Ist das verschwundene Mädchen tot oder gibt es noch eine Chance, sie lebend zu finden?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Eine nordhessische Kleinstadt mitten im Märchenland der Gebrüder Grimm. Mit der beschaulichen Ruhe ist es vorbei, als in einer kalten Oktobernacht eine junge Frau vor den Toren des nahegelegenen Klosters Löwenstein ermordet aufgefunden wird. Die frischgebackene Hauptkommissarin Franca Steiner muss ihren ersten Mordfall lösen und tappt zunächst im Dunkeln. Pater Pius, der die Tote gefunden hat, verhält sich sehr merkwürdig. Doch Franca Steiner merkt schnell, dass nicht nur er etwas zu verbergen hat.
Als die vierzehnjährige Tochter von Franca Steiners bester Freundin verschwindet und kurz darauf eine weitere Leiche gefunden wird, gerät die Ermittlerin enorm unter Druck. Geht ein Serienmörder im idyllischen Wolfhagen um? Sie steht vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Polizeilaufbahn und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Ist das verschwundene Mädchen tot oder gibt es noch eine Chance, sie lebend zu finden?
Susanne Brügmann wurde in Hamburg geboren und lebt seit einigen Jahren in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. Sie arbeitet seit vielen Jahren im Personalwesen.
Die faszinierende Welt der Bücher zog sie schon von klein auf in ihren Bann. Seit ihrer Jugendzeit schreibt sie selbst Gedichte, Märchen und Kurzgeschichten. Zwischenzeitlich leitete sie eine Schreibgruppe, mit der sie die Kriminalkomödie Residenz Altenfriede schrieb, die im Oktober 2016 erfolgreich im Theater Lauenburg/Elbe uraufgeführt wurde. Im Jahr 2008 fing sie an, sich auch mit dem Verfassen von Kriminalromanen zu beschäftigen. Rotkehlchen und der Wolf ist ihr erster veröffentlichter Kriminalroman.
Susanne Brügmann ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern e.V. und dem Selfpublisher-Verband e.V.
Die Figuren und die Handlung sowie das Kloster Löwenstein sind fiktiv und frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen wäre rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Für Ralf
Rotkehlchen lat. Erithacus rubecula
Besondere Merkmale:
Orangerote Brustfedern
Perlender Gesang
Dämmerungsaktiv
Singt auch im Winter
Einer Sage nach wollte das Rotkehlchen die Dornen aus dem Haupte des gekreuzigten Christus ziehen und hat sich dabei die Brust mit Blut befleckt.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapital 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapital 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Es begann bereits, dunkel zu werden. Das Mädchen blieb stehen und lauschte. Nichts. Sie hörte nur den stürmischen Wind, der durch die Wipfel der Bäume pfiff. Es schien ihr gelungen zu sein, ihre Verfolger abzuschütteln, obwohl sie bei ihrer panischen Flucht durch den Wald auf dem unebenen Boden mehr gestolpert als gelaufen war. Zitternd vor Erschöpfung versuchte sie, ihren keuchenden Atem zu bändigen. Ihre Lunge fühlte sich an wie ein Stück glühendes Eisen und jeder Atemzug bereitete ihr stechende Schmerzen. Wie gern hätte sie sich auf den weichen Waldboden gesetzt, den Rücken gegen einen der mächtigen Baumstämme gelehnt, um sich auszuruhen, bis ihr Puls nicht mehr in den Ohren pochte und ihr Herz aufhörte zu rasen. Doch dafür blieb keine Zeit, sie durfte den Vorsprung nicht einbüßen!
Todesangst umklammerte sie mit eisigen Fingern. Wenn sie überleben wollte, musste sie um jeden Preis aus diesem Wald heraus, aber nachdem sie mehrmals die Richtung gewechselt hatte, wusste sie nicht mehr, wo genau sie sich befand. Wo war der Waldparkplatz, auf dem sie ihre Vespa zurückgelassen hatte? Wo die Straße, der sie nur zu folgen brauchte, um zurückzukommen in die vertraute Umgebung, die ihr Schutz und Sicherheit bieten würde? Vergeblich versuchte sie, etwas zu finden, das ihr bekannt vorkam. Alles sah gleich aus, Bäume und Büsche, egal, in welche Richtung sie blickte.
Hatten ihre Verfolger ihre Spur verloren oder waren sie in ihrer Nähe und beobachteten sie aus dem Gebüsch heraus? Sofort kroch die Panik wieder in ihr empor und legte sich wie ein Felsbrocken auf ihren Brustkorb. Eine unüberwindbare Schwäche ergriff Besitz von ihr, und um besser atmen zu können, lockerte sie ihren schweißnassen Schal.
Hätte sie nur auf ihren Freund gehört, der sie gewarnt hatte. Jetzt begriff sie warum und verfluchte ihre Neugier, die über die Vernunft gesiegt hatte. Wäre sie ihm nur nicht heimlich gefolgt! Zu allem Überfluss hatte ihr Handy geklingelt, bevor sie sich unbemerkt hatte davon schleichen können, nachdem sie genug gesehen hatte. Bei ihrer überstürzten Flucht hatte sie ihren Rucksack zurückgelassen – und darin war das Telefon. Wie sollte sie jetzt Hilfe herbeirufen?
Nachdem das Klingeln des Handys sie verraten hatte, war sie aufgesprungen und losgerannt. Instinktiv hatte sie die akute Gefahr gespürt, in der sie schwebte, und war davongelaufen, ohne auf irgendetwas zu achten. Nicht auf die Zweige, die ihr ins Gesicht peitschten und an ihren Haaren zerrten, nicht auf den vorstehenden Aststumpf, der den Ärmel ihres Anoraks zerriss und ihr eine blutende Schramme am Oberarm verpasste. Auch als sie über eine Baumwurzel gestürzt war und sich das Knie aufgeschlagen hatte, hatte sie es in ihrer Panik kaum wahrgenommen. Blitzschnell hatte sie sich hochgerappelt und war weiter gerannt, bis ihre Beine vor Erschöpfung eingeknickt waren und sie nicht mehr getragen hatten.
Ein Windstoß fuhr in die Zweige und ließ sie knacken. Erschrocken zuckte das Mädchen zusammen und spähte um sich. Obwohl sich ihre Augen langsam an das Dämmerlicht unter den Bäumen gewöhnt hatten, war sie nicht in der Lage zu unterscheiden, ob es nur der Wind war, der die Büsche bewegte, oder ein Mensch. Zitternd vor Angst presste sie sich mit dem Rücken so hart gegen den Baumstamm, der hinter ihr stand, dass es wehtat.
»Oh Gott, bitte beschütze mich!«, flüsterte sie und legte beschwörend ihre Hand auf das goldene Kreuz, das um ihren Hals hing, als könnte sie durch diese Geste Hilfe herbeiholen. Ihr fiel ihre Erstkommunion ein, zu der sie es geschenkt bekommen hatte, und beflügelt durch die Erinnerung schoss ihr schlagartig ein Gedanke durch den Kopf: Kloster Löwenstein.
Na klar! Es musste hier in der Nähe sein. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Dort würde sie Schutz finden!
In ihr erwachte der entscheidende Funke Hoffnung, und ein unbändiger Überlebenswille ließ ihre Kräfte neu erwachen. Abrupt löste sie sich von dem Baum und preschte los.
Kurz darauf blieb sie wieder stehen und spähte unschlüssig um sich. In welche Richtung sollte sie laufen? Sie versuchte, sich zu erinnern, woher sie gekommen war. Es half nichts. Sie musste es riskieren und irgendeinen Weg einschlagen. Eine andere Chance hatte sie nicht.
Unter den Bäumen war es inzwischen stockfinster geworden und sie hatte jedes Gefühl dafür verloren, wie lange sie schon auf der Flucht war. Es kam ihr vor, als irrte sie seit Stunden herum. Wahrscheinlich lief sie sogar im Kreis. War sie an diesem umgestürzten Baum nicht schon einmal vorbeigekommen? Immer wieder blieb sie stehen, drehte sich um und lauschte. Niemand schien ihr gefolgt zu sein.
Weil in ihrer Nähe ein Käuzchen rief und sie erschreckte, drückte sie sich in die Büsche. So gelangte sie auf eine schmale Lichtung und erkannte auf der anderen Seite durch eine Lücke in den Bäumen einen Hang. Ihr Blick folgte dem Anstieg und dort, hoch oben, sah sie im Mondlicht die Silhouette des massigen Gebäudes, nach dem sie so lange gesucht hatte. Ein steiler Trampelpfad führte hinauf. Ihr Herz begann erneut wie wild zu klopfen, und hastig machte sie sich an den Aufstieg.
Kurze Zeit später verschwand plötzlich der Mond hinter einer Wolkendecke, und im Dunkeln entpuppte sich der Weg als tückisch. Ständig geriet sie durch lose Steinchen ins Rutschen und kroch bald auf allen vieren mühsam voran. Um nicht abzustürzen, krallte sie sich an Grasbüscheln und Wurzeln fest, bis ihre Finger bluteten. Sie ignorierte es, ebenso wie die Erschöpfung, die inzwischen ihren ganzen Körper überflutete.
Wie sehnte sie sich danach, zuhause in ihrem warmen Bett zu liegen, mit dem beruhigenden Wissen, dass ihre Eltern im Nebenzimmer schliefen. So blöd wie sie war, hatte sie behauptet, sie übernachte bei ihrer Freundin. Sie wagte nicht, sich auszumalen, was passieren würde, wenn ihr Vater herausbekäme, dass sie ihn schon wieder belogen hatte.
»Hör auf zu jammern!«, sprach sie sich Mut zu, »gleich bist du oben und in Sicherheit!«
Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie mit letzter Kraft ihren Körper über den Rand des Abhanges geschoben hatte. Schnaufend blieb sie auf dem Bauch liegen. Aber sie durfte sich hier nicht ausruhen. Die eisige Kälte des Bodens drang durch ihre Kleidung und sie zwang sich aufzustehen. Ihr war so kalt, so erbärmlich kalt.
Hier oben war der Wind stärker, er blies ihr kräftig ins Gesicht. Das Kloster war nur noch ein Steinwurf entfernt, düster und abweisend wie eine Festung sah es aus, trotzdem wünschte sie sich nichts sehnlicher, als innerhalb dieser Mauern zu sein. Quälend langsam gelang es ihr, sich aufzurappeln und mechanisch einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie hatte das Gefühl, gleich umzufallen, aber ein innerer Zwang trieb sie vorwärts. Niemals in ihrem Leben hatte sie sich so gefreut wie in diesem Augenblick, als sie das mächtige Tor erreichte und, so fest sie noch konnte, gegen das alte, rissige Holz hämmerte.
»Danke, lieber Gott! Danke, Jesus! Ich hab's geschafft!«, seufzte sie unendlich erleichtert und trat ein paar Schritte zurück. Sie war sich sicher, dass gleich jemand öffnen würde.
Der Schmerz traf sie so unerwartet und heftig, dass es ihr den Atem raubte. Sie verstand nicht, was passierte und, obwohl sie versuchte, den Ursprung dieser höllischen Pein zu finden, gelang es ihr nicht. Aus ihrer Kehle drang ein gurgelnder Laut, dann sackten ihre Beine unter ihr weg. Verschwommen sah sie, wie sich jemand über sie beugte. Sie hatte ihn nicht bemerkt, jetzt war sie ihm ausgeliefert! Mit letzter Kraft versuchte sie, sich mit den Händen vom Erdboden abzudrücken, aufzustehen und davonzulaufen. Aber ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr und auf einmal war da dieses riesige, schwarze Etwas. Lautlos glitt es über sie hinweg, riss seinen gewaltigen Schlund auf und verschlang sie.
Was war das? Pater Pius spähte durch das vergitterte Fenster in der Seitentür neben dem Tor. Er hatte das Klopfen doch deutlich gehört. Wieso war dort niemand zu sehen?
»Hallo?«
Sein Ruf verhallte ungehört in der Dunkelheit. Pius überlegte nicht lange, holte seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche und schloss die Tür auf. Mit dem Fuß schob er einen Holzkeil so geschickt darunter, dass sie nicht zufallen konnte. Zögernd ging er ein paar Schritte hinaus, um sich umzusehen.
Es war kalt und windig an diesem Oktoberabend und der Pater war müde. Sie hatten heute Erntedank gefeiert und er als Seelsorger der katholischen Gemeinde hatte bei allen Feierlichkeiten dabei sein müssen. Er sehnte sich nach dem knisternden Feuer im Kamin des Kapitelsaals und einer Tasse des heißen Tees, den er gerade aufgegossen hatte, als er meinte, ein Klopfen am Tor gehört zu haben. Er war alt geworden. Das spürte er heute ganz besonders. Nicht nur seine Knochen schmerzten. Nein, er hörte Geräusche, wo keine sein konnten! Pius ärgerte sich über sich selbst und schüttelte unwillig den Kopf, so als wollte er den Gedanken daran abschütteln, dass sein Körper ihn immer mehr in Stich ließ.
Zeit, wieder ins Warme zu kommen. Er zog den Habit enger um sich, drehte sich um und machte sich auf den Rückweg – da drang Feuchtigkeit in seinen Hausschuh ein, durchnässte den Strumpf und ließ ihn noch mehr frösteln. Komisch, es hatte doch seit Tagen nicht geregnet – wieso war es hier nass? Pius beugte sich vor, um besser zu sehen – und wich im gleichen Augenblick erschrocken zurück.
»Oh, heilige Mutter Gottes!«, krächzte er und bekreuzigte sich.
So schnell er konnte lief Pius ins Kloster, warf die Tür hinter sich ins Schloss und drehte den Schlüssel herum. Dann rannte er weiter und blieb erst vor der Tür zum Arbeitszimmer des Abtes stehen. Ohne anzuklopfen und darauf zu warten, dass er hereingebeten wurde, stürmte er polternd in das Zimmer.
Erbost schaute der Abt von der Lektüre auf. Niemand durfte es wagen, ihn um diese Zeit zu stören.
»Bruder, was gibt es so Dringliches?«, fragte er streng und sah dabei über den Rand seiner Lesebrille, was den tadelnden Worten noch mehr Nachdruck verlieh.
»Schnell«, keuchte Pius außer Atem, »du musst sofort die Polizei rufen!«
»Die Polizei? Wieso das denn?«, fragte der Abt begriffsstutzig. Dann sah er das Entsetzen in den Augen des Paters.
»Was ist denn los?« Der Abt war nun doch besorgt.
»Es ist … « Pius versagte die Stimme, vielleicht, weil er so schnell gelaufen war, aber wohl eher, weil das Schreckliche, das er gerade gesehen hatte, ihm die Kehle zudrückte. Stammelnd stieß er hervor:
»Vor dem Kloster, da liegt eine…Leiche!«
Jetzt war es heraus. Pius starrte auf seinen mit Blut besudelten Hausschuh, denn das war es zweifellos, in das er hineingetreten war: Blut.
Der Abt hatte sich, angesteckt durch Pius' Aufregung, halb aus seinem Stuhl erhoben und sank nun, bleich geworden, wieder zurück. Ungläubig fragte er:
»Eine was?«
Langsam fasste sich Pius. Er schluckte mehrmals und sagte mit festerer Stimme:
»Ja, vor dem Kloster liegt ein toter Mensch. Du musst die Polizei rufen.«
Ohne weitere Worte griff der Abt zum Telefonhörer und wählte die Nummer des Notrufes.
Franca Steiners Magen rebellierte. Hätte sie das Essen nicht so herunter geschlungen, würde sie sich jetzt besser fühlen. Sie hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, die Pasta stehen zu lassen. Olaf hatte sich so viel Mühe gegeben, sie mit seinen Kochkünsten zu beeindrucken. Zugegeben, es war reichlich spät für so ein üppiges Mahl wie Spaghetti mit Sauce Bolognese, aber sie hatten sich einfach verquatscht und die Zeit vergessen. Als ihr Bereitschaftshandy unverhofft klingelte, hatte Olaf gerade die Schüssel mit den dampfenden Nudeln auf den Esstisch gestellt.
Franca hatte ihre Enttäuschung zu verbergen versucht und sich einen Job mit geregelter Arbeitszeit und freien Abenden gewünscht. Sie hatte Olaf erst zweimal zuvor getroffen. Dass sie Hauptkommissarin bei der Kriminalpolizei war, wusste er noch nicht. Ihre Erfahrung war, dass viele Männer sich davon abschrecken ließen. Außer es waren Kollegen, und mit denen wollte sie bestimmt nichts anfangen. Sie suchte etwas Festes, einen Partner, zu dem sie nach Hause kommen und sich fallen lassen konnte. Vielleicht war Olaf dieser Mann? Er war ihr mehr als sympathisch. Dass er kochen konnte, war ein weiterer Pluspunkt.
»Ich muss leider gleich weg«, hatte sie bedauernd gesagt, »ein Notfall. Aber vorher esse ich die leckeren Nudeln.«
Das war ein Fehler gewesen. Nun spürte sie, wie die Magensäure langsam ihre Speiseröhre hochkroch und dort brannte wie Feuer. In letzter Zeit hatte sie das öfter. Vielleicht sollte sie sich einmal untersuchen lassen.
Verdammt! Wo war diese blöde Abzweigung zum Kloster! War sie vorbeigefahren? Gab es denn hier kein Hinweisschild?
Franca hatte bisher nicht gewusst, dass es hier in der Gegend ein Kloster gab. Wäre sie nicht gerade auf der anderen Seite von Kassel gewesen, hätte sie nur ein paar Minuten gebraucht, um hierher zu kommen. Sie seufzte und hasste diesen Einsatz jetzt schon. Außerdem hatte sie große Lust umzukehren und den Abend mit Olaf fortzusetzen. Die erste Einladung in seine Wohnung, die sich entgegen ihren heimlichen Befürchtungen als sauber und aufgeräumt herausgestellt hatte. Dieser hastige Aufbruch vorhin passte ihr gar nicht.
Es hatte sofort zwischen Olaf und ihr gefunkt, als sie vor ungefähr einem Monat auf der Straße umgeknickt war und er sie auffing, weil sie den Halt verloren hatte. Eine ganz zufällige Begegnung, die dazu führte, dass sie sich gemeinsam in ein Café setzten, damit Francas Fuß sich erholen konnte. Sie hatten ziemlich heftig miteinander geflirtet und zum Schluss ihre Telefonnummern ausgetauscht. Bisher hatten sie sich zwar nur freundschaftlich geküsst, aber Olaf war nicht nur nett, er war auch attraktiv. Franca hatte das Gefühl, mit ihm könnte es ihr gelingen, ihre ungewollte Abstinenz zu beenden. In seiner Nähe fühlte sie sich mit einem Mal wieder sexy. So hatte sie sich nicht mehr gefühlt, seit Lars sie vor fast zwei Jahren Hals über Kopf verlassen hatte, und es war ein ziemlich tolles Gefühl. Heute Abend hätte es passieren können. Sie seufzte erneut und blinzelte, als die Scheinwerfer ihres Wagens ein Hinweisschild anstrahlten und das reflektierte Licht ihre Augen traf. Kloster Löwenstein, 200 Meter rechts, stand dort.
»Na endlich! Warum nicht gleich so?«, murmelte sie gereizt.
Ungeduldig lenkte sie das Auto um die enge Kurve und fuhr direkt in eine Nebelbank. Sie konnte kaum die Hand vor Augen sehen.
»Scheiße!«, fluchte sie, »auch das noch!«
Doch Franca war eine zu versierte Autofahrerin, um sich durch ein bisschen Nebel ernsthaft irritieren zu lassen. Sie nahm Gas weg und schaltete einen Gang zurück. Schon als Kind hatte sie das Autofahren geliebt. Seit der Zeit, als ihr Vater sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Bella immer im Auto spazieren gefahren hatte, wenn sie nicht einschlafen konnten. Sobald er den Motor angelassen hatte und angefahren war, war sie durch das leise Brummen und die sanften Bewegungen in den Schlaf gewiegt worden.
Das ging ihr heute noch so, jedenfalls als Beifahrerin. Sie saß noch nicht ganz auf dem Sitz neben dem Fahrer, da war sie schon fast eingeschlafen. Ihre Schwester Bella hatte ihr kürzlich verraten, dass es bei ihr genau so sei.
Franca nutzte jede sich bietende Gelegenheit, um sich hinters Lenkrad zu setzen und dem Bürodienst zu entwischen. Das hatte ihr eine Rüge ihres Vorgesetzten und der Abrechnungsstelle eingebracht. Sie fuhr zu viele Kilometer, deshalb ließ sich ihr Dienstwagen, den sie von ihrem Vorgänger übernommen hatte, nicht mehr gewinnbringend weiterverkaufen. Sie störte das nicht. Als Hauptkommissarin musste sie vor Ort sein und nicht hinterm Schreibtisch. Basta!
Der Nebel lichtete sich so plötzlich, wie er gekommen war, und jetzt ging es in Serpentinen den Berg hinauf. Kurze Zeit später tauchte hinter der letzten Kurve unvermittelt der massige Umriss des Klosters auf. Ohne Mühe fand Franca den Parkplatz. Dort warteten bereits mehrere Polizeifahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht. Sie parkte ihren Wagen neben einem Kombi. Durch die geöffnete Heckklappe des Fahrzeugs sah sie einen Zinksarg.
Beim Aussteigen blies Franca ein kalter Ostwind ins Gesicht und fröstelnd stellte sie den Kragen ihres Mantels auf. Sehnsüchtig erinnerte sie sich an die warme, von Kerzenlicht erhellte Wohnung, die sie vor einer knappen Stunde verlassen musste.
Lass diese albernen Wünsche, ermahnte sie sich und eilte auf das rotweiße Absperrband zu, das ihre Kollegen routinemäßig gespannt hatten. Sie wussten, dass die Meute der Reporter hier auftauchen würde, sobald sie Wind von der Sache bekämen, und alles zertrampelten, was es an Spuren gäbe. Geschickt tauchte Franca unter dem Band hindurch. Gut, dass sie zum Autofahren andere Schuhe trug und ihre Highheels aus rotem Wildleder im Kofferraum ihres Wagens gelassen hatte.
»Da bist du ja, Franca! Was hat dich aufgehalten?«
Ihr Assistent, Michael Krazkowski, winkte sie unwirsch zu sich heran.
»Kein Generve, Micha«, bat Franca, »nur Fakten. Was ist passiert?«
Mit knappen Worten erläuterte ihr Michael, was er vorgefunden hatte. Franca kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er innerlich kochte, weil es so lange gedauert hatte, bis sie am Tatort erschienen war. Barbara Mertens, die Sekretärin ihres Vorgesetzten Dr. Kurt Springer, hatte Franca gleich an ihrem ersten Arbeitstag gesteckt, dass Michael sich lange Zeit selbst Hoffnung auf den Posten gemacht habe. Sechs Monate sei er vertretungsweise als Hauptkommissar eingesetzt gewesen, nachdem sein Chef überraschend an einem Herzstillstand gestorben sei. Acht Monate arbeitete Franca nun mit Michael zusammen. Eine schwierige Zeit, wie sie im Nachhinein feststellte, denn er schien zudem ein Problem damit zu haben, dass seine neue Vorgesetzte eine Frau war. Immer wieder zweifelte er ihre Kompetenz an und warf ihr vor, falsche Entscheidungen zu treffen. Ganz zu schweigen von den Machosprüchen, die er immer wieder fallen ließ.
Vor ein paar Tagen hatte Michael ihr mitgeteilt, dass sein Antrag auf Versetzung bei Dr. Springer auf dem Schreibtisch läge. Sei es drum, sie würde ihm keine Träne nachweinen, denn das Verhältnis zwischen ihnen schien ihr von Anfang an vergiftet zu sein. Sie wollte sich auf ihre Arbeit konzentrieren und sich keinen Kleinkrieg mit ihrem Assistenten liefern.
»Hast du die Bewohner des Klosters schon befragt?«, wandte Franca sich an Michael.
»Mönche, Franca, es sind Mönche.«
»Von mir aus. Hast du sie nun befragt oder nicht?«
Wenn Michael sich streiten wollte, ihr war es recht.
»Nein, ich habe auf dich gewartet. Ich weiß ja, wie gern du es tust.« Der Sarkasmus in Michaels Stimme war nicht zu überhören.
Franca verkniff sich ein Grinsen. Dieser alte Sack! Seine Eifersucht auf ihre Position stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sollte er ruhig toben!
Sie räusperte sich und goss weiter Öl in das Feuer, indem sie ihn aufforderte: »Okay, dann komm, wir wollen die Herren um diese Zeit ja nicht noch länger warten lassen.«
Man sah es auf den ersten Blick. Das Kloster Löwenstein hatte die besten Zeiten längst hinter sich. In seinen Glanzzeiten hatte es bis zu fünfzig Brüder beherbergt, aber außer Abt Thomas und Pater Pius waren gerade mal fünf von ihnen übrig geblieben, und alle hatten die Lebensmitte bereits weit überschritten.
Seit Jahren gab es keinen Bewerber, der die strengen Regeln des Ordens auf sich nehmen wollte. Die Zimmer der Brüder waren zwar keine kargen Zellen mehr, denn die Errungenschaften des modernen Lebens wie Bäder und Heizungen hatten auch hier Einzug gehalten. Aber das wog die Entbehrungen nicht auf, die ein Dasein im Dienste Gottes unweigerlich mit sich brachte. Allen war bewusst, dass bald das Klosterleben hier zu Ende sein würde. Das hatte sie noch enger zusammenrücken und ihr Leben vollkommen auf ihre Gemeinschaft und die gemeinsame Arbeit ausrichten lassen.
Von dieser Entwicklung hatten die beiden Polizisten, die das Kloster durch das Haupttor betraten, natürlich keine Ahnung. Einer der Mönche nahm sie am Tor in Empfang und stellte sich ihnen als Bruder Franz vor.
»Kommen Sie«, sagte er, »ich bringe Sie zum Abt und den anderen Brüdern.«
»Vielen Dank, das ist sehr nett«, bedankte sich Franca, »sagen Sie, was ist das für ein Kloster?«
»Das Kloster Löwenstein wurde vor fünfhundert Jahren von unserem katholischen Orden gegründet«, antwortete Franz bereitwillig, »damals baute man noch für die Ewigkeit, wie die dicken Mauern bezeugen. Dem Kloster ging es recht gut. Manch ein Sünder glaubte tatsächlich, er könne sich mit einer Schenkung oder einer Erbschaft seinen Seelenfrieden und einen Platz im Himmel erkaufen. Von dem Reichtum ist, wie sich unschwer erkennen lässt, nicht mehr viel übrig geblieben. Gegenwärtig gibt es im Kloster nur noch Repliken von den Kunstschätzen, die es früher besessen hat.«
»Aha«, sagte Franca, als er einen Moment lang schwieg, »das ist interessant. Und wo sind diese Kunstschätze geblieben?«
»Man nimmt an, dass die Originale in einem der vielen Kriege entwendet wurden. Was danach noch übrig war, wurde verkauft, um die immensen Erhaltungskosten aufzubringen. Aber wir schätzen uns dennoch glücklich, dass das Kloster niemals säkularisiert wurde und seine Bestimmung als Haus des Schöpfers erhalten geblieben ist. Wir glauben fest daran, dass Gott seine schützende Hand über uns hält«, sagte Bruder Franz mit Nachdruck.
Darauf wusste weder Franca noch ihr Kollege etwas zu erwidern und nach einer kurzen Pause fuhr Bruder Franz fort: »Die weltliche Sicht ist wohl eine andere. Ich habe im Internet gelesen, dass es Historiker gibt, die davon überzeugt sind, dass unser Kloster in den Zeiten der großen politischen Umbrüche wirtschaftlich und strategisch zu unbedeutend war. Sie glauben, dass man es schlicht übersehen hat.«
Bruder Franz schnaubte verächtlich. Er blieb stehen, bevor er weitersprach: »Immerhin ist unsere Bibliothek ziemlich bekannt, wissen Sie, wenn auch nur in Fachkreisen. Wir verstehen es, alte Handschriften und Bibeln zu restaurieren. Früher gehörte die Herstellung von Schriften und Büchern zu den Aufgaben jedes Klosters, es konnte ja sonst kaum einer Lesen und Schreiben. Das hat außerdem für Reichtum und Ansehen gesorgt. Das Können wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Es macht mich rasend, dass heutzutage keiner mehr bereit ist, dieses kostbare Wissen aufzunehmen und zu bewahren. Darum wird es in absehbarer Zeit für immer verlorengehen.«
»Wirklich schade«, sagte Franca. Das war ehrlich gemeint, denn auch sie hatte schon öfter darüber nachgedacht, dass vieles sang- und klanglos verschwand. Dies war jedoch nicht der Zeitpunkt für eine Diskussion über die Entwicklung der Zivilisation. Es gab einen Mord, den sie aufklären musste.
Aber Bruder Franz war nicht zu bremsen. Er hatte sich in Rage geredet und fuhr nun unerbittlich fort: »Jeder glaubt, die Bewohner eines Klosters wären weltfremd, die lebten hinterm Mond. Aber das ist ein Irrtum! Wir haben hier alle Zugang zu Computern und Internetanschluss. Wir wissen, was in der Welt los ist, das können Sie mir glauben. Sehr viele Anfragen, in denen es um die Wiederherstellung alter Bücher geht, kommen inzwischen per E-Mail, und moderne, wissenschaftliche Methoden werden auch hier genutzt. Notfalls können wir die Geräte diverser katholischer Universitäten nutzen.«
Franca bedauerte bereits, dass sie Interesse bekundet hatte. Sie wollte Bruder Franz stoppen, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Wir konzentrieren uns auf unsere Arbeit und verbringen die übrige Zeit mit den klösterlichen Exerzitien«, fuhr er fort, »das ist richtig. Aber die Regeln, die der Ordensgründer vor Jahrhunderten niedergeschrieben hat, geben uns Halt und unserem Tag eine Struktur. Das ist es, was vielen Menschen heutzutage fehlt.«
Endlich verstummte Franz, denn inzwischen hatten sie den Kapitelsaal erreicht, in dem alle Brüder auf die Befragung durch die Polizeibeamten warteten. Es war schon nach Mitternacht, doch da sie es gewohnt waren, mit wenig Schlaf auszukommen, ertrugen sie die späte Stunde mit Gleichmut. Nur Pater Pius ging unruhig vor dem Kamin auf und ab.
Als Franca Steiner und Michael Krazkowski mit Bruder Franz den Raum betraten, stürzte der Abt auf sie zu.
»Was glauben Sie, was Sie hier tun?«, rief er aufgebracht, »wir leben hier in Ruhe und Frieden und Sie kommen daher, machen Lärm und tauchen alles in grelles Blitzlicht. Und jetzt wollen Ihre Kollegen auch noch in unsere Klausur einbrechen und dort alles auf den Kopf stellen. Das geht doch nicht! Die dürfen nur wir betreten. Niemand sonst!«
Franca schluckte die bissige Antwort hinunter, die ihr auf der Zunge lag, und mühte sich, die richtigen Worte zu finden, um den Abt zu beschwichtigen, ganz so, wie sie es gelernt hatte.
»Guten Abend, ich verstehe sehr gut, dass es für Sie schwer zu ertragen ist, was hier gerade passiert. Wäre vor dem Tor des Klosters nicht ein Kapitalverbrechen geschehen, müssten wir das nicht machen. Aber so sind wir verpflichtet, jeder Spur nachzugehen, und sei sie noch so klein. Dazu gehört auch, dass wir alle Räume untersuchen, die im Zusammenhang mit dem Mord stehen könnten. Wir bitten um Ihr Verständnis.«
Der Abt war keineswegs besänftigt. Erst als Franca ihm die gesetzlichen Vorschriften unter die Nase rieb, gab er klein bei.
»Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leute hier nichts durcheinanderbringen oder kaputt machen«, knurrte er.
Franca reichte es. »Setzen Sie sich jetzt dahin und lassen mich meine Arbeit machen, sonst müssen Sie den Raum verlassen.« Die Schärfe in Francas Stimme ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie es ernst meinte.
Wiederstrebend nahm der Abt Platz, sagte aber nichts mehr. Franca atmete tief durch. Was für ein aufgeblasener Heini! Sie sah auf die Uhr. Sie mussten endlich anfangen. Es war zwar schon spät, aber es war wichtig, dass sie die Befragung jetzt durchführte, damit die Eindrücke der Zeugen noch frisch waren. Wenn sie erst eine Nacht geschlafen hätten, wäre es mehr als ungewiss, dass sie sich richtig an die Ereignisse erinnern könnten.
Nachdem sie sich kurz mit Michael besprochen hatte, zogen sie sich zurück in einen Nebenraum und baten den ersten Mönch zu sich herein.
Zuerst rief Franca Pater Pius auf. Ein Polizist in Uniform führte ihn in den Raum, den sie für die Befragungen okkupiert hatten. Franca stand auf und kam auf ihn zu.
»Guten Abend, ich bin Hauptkommissarin Franca Steiner. Ich leite die Ermittlungen in dem Mordfall. Bitte setzen Sie sich.«
Pius nahm vor dem Tisch Platz, während Franca fortfuhr: »Sie sind der, der das tote Mädchen gefunden hat, nicht wahr?«
Der Pater nickte.
»Wann genau?«
»Gegen zehn«, begann er stockend, »ich kam gerade aus der Küche, wo ich einen Kräutertee aufgegossen hatte, und dachte, ich hätte ein Klopfen am Tor gehört. Deshalb ging ich nachschauen. Aber es war niemand zu sehen und so öffnete ich die Seitentür und sah mich draußen um. Als ich eben zurückgehen wollte, weil ich glaubte, mich getäuscht zu haben, da… da sah ich sie … vor mir liegen.«
Pius stockte und räusperte sich.
»Sie war es«, sagte er dann mit zitternder Stimme, »ich meine, ich habe es mir nicht eingebildet, oder? Sie hat tatsächlich ans Tor geklopft. Wäre ich nur etwas früher da gewesen, hätte ich sie vielleicht retten können! Ich konnte ja nicht ahnen … «
Pius sprach nicht weiter, sondern zog ein Taschentuch aus seinem Gewand und schnäuzte sich.
»Ich bezweifle, dass Sie etwas hätten ausrichten können«, versuchte Franca, den Pater zu beruhigen, »Sie hätten sich nur selbst in Gefahr gebracht.«
»Entschuldigen Sie«, sagte Pius, »ich habe schon viele Menschen sterben sehen. Als Priester gehört es ja zu meinen Pflichten, Todgeweihte in das Reich Gottes zu geleiten, aber dies übersteigt meine Kräfte. Die kleine Isabel so zu sehen, war wohl das Schlimmste, was ich je erlebt habe.«
Franca horchte auf. »Sie kannten die Tote?«, fragte sie betont sachlich und bemühte sich, ihre Erleichterung zu verbergen. So konnten sie wenigstens die Frage der Identität schnell klären.
»Ja, ich habe sie getauft, wissen Sie. Später dann, nach Isabels Firmung, sind ihre Eltern aus der Kirche ausgetreten. Sie wollten wohl die Kirchensteuern sparen, das ist ja heute so üblich. Was die Kirche im Gegenzug leistet, will keiner mehr wahrhaben.«
Franca glaubte eher, dass es an den vielen Missbrauchsfällen läge, die in letzter Zeit ans Licht gekommen waren. Oder an der Verschwendungssucht mancher Kirchenfürsten. Aber sie war nicht hier, um darüber zu urteilen, geschweige denn, das mit dem Priester zu diskutieren.
»Und obwohl es draußen dunkel war, haben Sie gleich erkannt, dass es sich um … wie sagten Sie? … Isabel handelte?«, brachte Franca das Gespräch wieder zurück zum Thema.
»Nein, da noch nicht. Erst als Ihre Mitarbeiter die Scheinwerfer auf ihr Gesicht richteten, musste ich erkennen, dass es Isabel war.«
»Wie hieß Isabel mit Nachnamen?«, fragte Franca.
»Kaufmann. Ihr Name ist Isabel Kaufmann«, antwortete Pius.
»Und wissen Sie, wo sie wohnt?«
»Nein, ich … es ist mir entfallen. Ich könnte in den Büchern nachsehen, aber dazu müssten wir ins Kirchenbüro unten in der Stadt.«
»Das wird nicht nötig sein. Jetzt, wo wir den Namen kennen, finden wir die Adresse heraus, vielen Dank.«
Franca notierte sich den Namen des Opfers in ihr Notizbuch und fragte weiter: »Kannten Sie Isabel näher? Ich meine, außer dass Sie sie vor vielen Jahren getauft haben?«
»Na ja, man kann nicht sagen, dass ich sie gut kannte. Das wäre zu viel gesagt«, antwortete er zögernd, »ab und zu kam sie in die Messe. Heimlich zwar, weil ihre Eltern es nicht wollten, aber sie glaubte fest an Gott und ließ es sich von ihnen nicht verbieten. Hinterher half sie mir manchmal, die Gesangsbücher einzusammeln. Dabei haben wir uns ein wenig unterhalten.« Pius stockte erneut. »Wer tut bloß so einem lieben Mädel so etwas Grausames an? Sie war doch noch fast ein Kind!«, brach es aus ihm heraus.
Franca wartete, bis Pater Pius sich wieder gefangen hatte und fragte schließlich sanfter als gewohnt:
»Können Sie uns noch mehr über Isabel erzählen? Zum Beispiel, ob sie einen Freund hatte?«
»Ich glaube, sie hatte einen. Sie sprach manchmal von einem Benjamin. Aber mehr weiß ich nicht darüber.«
»Fällt Ihnen sonst noch etwas ein, das wichtig für uns sein könnte?«
Pius dachte nach. Fast eine Minute verstrich.
»Nein, ich glaube nicht«, antwortete er schließlich.
»Gut, dann war es das für den Moment. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«
Der Pater erhob sich mühsam und wandte sich zur Tür.
»Ach, eine Frage habe ich noch, Herr … äh … Herr Pius.« Franca hatte keine Ahnung, wie man einen Vertreter der Kirche ansprach. Egal, Herr Pius konnte wohl nicht ganz verkehrt sein.
Der Pater drehte sich zu ihr um: »Ja?«
»Sie sagten vorhin, ›Wer tut Isabel so etwas an?‹. Woher wissen Sie, dass Isabel ermordet wurde?«
»Ich dachte … das viele Blut … ich weiß es nicht … ich dachte … nur… «, stotterte Pius verwirrt.
»Haben Sie sich das Mädchen genauer angesehen?«
»Nein, habe ich nicht«, sagte Pius, »ich hatte es einfach angenommen.«
»Na ja, Isabel hätte ja auch gestürzt sein können und sich den Kopf aufgeschlagen haben«, schlug Franca vor.
»Ja, das wäre natürlich möglich gewesen«, erwiderte Pius arglos, »aber da sind weit und breit keine großen Steine oder Ähnliches, an denen das passiert sein könnte.«
Franca stellte keine weiteren Fragen. Nachdenklich sah sie Pius zu, wie er die Tür öffnete, mit schweren Schritten hindurch schlurfte, und sie leise schloss. Er wirkte verstört und niedergeschlagen auf sie, doch das konnte täuschen. Zu oft hatte Franca in ihrer Dienstzeit bei der Polizei erfahren müssen, dass Trauer und Leid nur gespielt waren. Sie hatte auch diesmal ein Gefühl, als ob mit dem alten Priester etwas nicht stimmte. Ihr Gespür für Unaufrichtigkeit und Lügen hatte sie bisher selten getäuscht. Pater Pius schrieb sie in ihr Notizbuch und setzte ein Fragezeichen dahinter, zögerte kurz und fügte ein Ausrufungszeichen hinzu. Vielleicht war er ja auch so einer, der Kinder liebte. Mehr als es erlaubt war. Der sie gern anfasste und sich von ihnen anfassen ließ. Und ihnen drohte, dass er sie töten würde, falls sie etwas verrieten. Das hatte es alles schon gegeben. Wer weiß, vielleicht waren die Dinge mit einem Mal völlig außer Kontrolle geraten und er hatte seine Drohung wahr gemacht? Was immer es ist, ich werde es herausbekommen, dachte Franca.
Es dauerte nicht lange, bis sie alle Mönche befragt hatten. Keiner außer Pius konnte etwas zu den Ermittlungen beitragen. Franca schloss ihr Notizbuch und erhob sich. Michael war schon hinausgegangen und hatte den anderen Polizisten Bescheid gegeben, dass sie sich entfernen durften. Jetzt stand ihnen noch der Besuch bei Isabels Eltern bevor. Die Nachricht vom gewaltsamen Tod ihrer Tochter musste überbracht werden.
Das wird nicht leicht, dachte Franca.
Pius ahnte nichts von Francas Überlegungen. Er fand die Kommissarin sympathisch mit ihrem platinblonden Bubikopf und den rot geschminkten Lippen – eine Spur zu rot für seinen Geschmack und die Haare waren bestimmt gefärbt, so viel konnte er immerhin erkennen – aber durchaus attraktiv. Ihr Gesicht erinnerte ihn an jemanden aus einem anderen Leben, das wie hinter einem Schleier verborgen lag. Die strahlenden Augen, der eindringliche Blick, als würde sie bis auf den Grund seiner Seele vordringen. Wie alt mochte sie sein? Ende zwanzig, Anfang dreißig vielleicht.
Du alter Narr, schalt er sich, was geht dich das an? Du solltest dich nicht mit den weiblichen Reizen einer Polizistin befassen! Geh schlafen!
Es war sinnlos, an Schlaf zu denken. Nicht in dieser Nacht. Ruhelos wanderte Pius durch die Gänge des Klosters, in das nun wieder Stille einkehrte, nachdem die Polizei mit all ihren Gerätschaften, Fuhrpark und Scheinwerfern endlich abgezogen war.
Kurz bevor die Nacht endete, nahm Pius wie von selbst den Weg zur Marienkapelle. Dort verbrachte er die Zeit bis zur ersten Messe im Gebet. Er kniete vor der Madonna, die wie immer ihr tröstliches Lächeln zu ihm herunter sandte. Alles verstehend, alles verzeihend. Er betete für Isabels Seele. Wie grausam, ein junges Leben auszulöschen. Und so sinnlos. Er zweifelte nicht an seinem Glauben, aber heute fragte er sich, warum Gott dieses furchtbare Verbrechen nicht verhindert hatte.
Unruhig ging Pius in der Kapelle umher, rückte das Altartuch zurecht und ordnete die weißen Lilien in der Vase neu. Der süßliche Duft, den die Blumen verströmten, verursachte ihm Übelkeit. Es roch ein bisschen nach Verwesung. Pius entfernte sich ein paar Schritte und ließ sich schließlich auf einer Holzbank nieder. Er versuchte, sich damit zu beruhigen, dass das Böse manchmal übermächtig wurde, und dann passierten solche schrecklichen Dinge. Trösten konnte ihn diese Erkenntnis allerdings nicht, nur zu gut kannte er die Abgründe der menschlichen Seele, die immer wieder Unschuldige ins Verderben stürzten.
Die Glocke riss ihn aus seinen Gedanken und rief ihn zur Messe. Die Nacht war vorbei. Bruder Franz hatte in dieser Woche die Pflicht zu läuten, um die Brüder zu den Gebeten zu rufen. Eilig erhob sich Pius und zuckte sofort vor Schmerz zusammen. Das lange Knien vorhin war nicht gut gewesen für seine arthritischen Gelenke. Humpelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht machte er sich auf den Weg in die Sakristei, um das Habit gegen das Messgewand zu tauschen und sich für die Messe vorzubereiten.
Obwohl er das Habit nicht mehr ständig tragen musste, hatte Pius es nicht abgelegt. Es gefiel ihm, die Schwere des groben, leicht kratzigen Wollstoffes auf den Schultern zu spüren und seine Bewegungen an die Fülle des Gewandes anzupassen. Beides erinnerte ihn daran, wie beschwerlich das Leben sein konnte. Er empfand es als Mahnung, auf dem Boden zu bleiben. Zu Beginn seines Lebens im Kloster hatte er sich dahinter verstecken können, aber das brauchte er nun schon lange nicht mehr. Er fühlte sich inzwischen zum Priester berufen und fand darin seit vielen Jahren Halt und Sicherheit.
In der Sakristei gab es einen kleinen Raum mit Toilette und Waschbecken. Dort wusch sich Pius jetzt Gesicht und Hände. Die Zähne putzte er sich mangels einer Zahnbürste und Zahnpasta mit dem Zeigefinger und spülte den Mund gründlich mit Wasser aus. Mit den Papiertüchern, die auf der Ablage über dem Waschbecken lagen, trocknete er sich ab und betrachtete widerwillig sein Gesicht in dem schon etwas blind gewordenen Spiegel. Das Leben hatte tiefe Furchen in seine Stirn und um die Mundwinkel eingegraben, aber das war es nicht, was ihn störte. Es war dieser Ausdruck von Hoffnungslosigkeit in seinen Augen, den er dort schon lange nicht mehr gesehen hatte.
Hinter ihm hüstelte jemand. Erschrocken fuhr er herum. In der Tür stand Bruder Franz.
»Pius, bist du fertig? Wir warten auf dich«, sagte er mit dem für ihn typischen, ungeduldigen Unterton.
»Ja, natürlich, ich komme sofort«, antwortete Pius.
Hastig ordnete er seine Kleidung, kämmte mit den Fingern das schüttere Haar und kehrte seinem Spiegelbild entschlossen den Rücken. Das Gehen fiel im sichtlich schwer, aber die Jahre im Kloster hatten ihn gelehrt, dass Disziplin und eiserner Wille ihn schützten. So ging er erhobenen Hauptes an Bruder Franz vorbei, der ihm die Tür aufhielt. Noch ein paar Schritte und er nahm seinen Platz vor dem Altar ein. Er empfand sogar ein bisschen Genugtuung, dass es ihm gelang, seine Pflichten zu erfüllen, trotz des Aufruhrs in seinem Inneren.
»Nein, die Befragung des Abtes und der Mönche hat keine weiteren Erkenntnisse gebracht. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. – Ja, wir mussten die weiteren Untersuchungen verschieben, bis es hell wurde. Die KTU ist gerade wieder draußen und durchsucht die Umgebung.«
Dr. Kurt Springer Rede und Antwort stehen zu müssen, ging Franca gehörig gegen den Strich. Um sich nichts anmerken zu lassen, sprach sie betont ruhig in den Hörer ihres Diensttelefons. Aber wer sie gut kannte, sah ihr an, dass sie ihr aufbrausendes Temperament nur mühsam beherrschte. Die Telefonate mit Springer gehörten zu den Aufgaben, die ihre Geduld auf eine harte Probe stellten. Warum wartete er nicht, bis sie ihren schriftlichen Bericht abgeliefert hatte? Er hielt sie auf mit Fragen, die sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten konnte. Sie war gerade auf dem Weg zu Benjamin Winter gewesen, dessen Adresse sie von den Eltern des toten Mädchens erhalten hatte. Das war doch wirklich wichtiger als diese unsinnige Befragung durch ihren Chef.
»Gab es denn heute Morgen schon Ermittlungserfolge?«, fragte Kriminalrat Springer, seinerseits ungeduldig.
»Nein. Es gibt bisher kaum verwertbare Spuren. Niemand hat das Mädchen an dem Abend gesehen. Wir wissen nicht, ob sie vor dem Kloster ermordet wurde oder ob der Täter sie kurz nach ihrem Tod dort abgelegt hat, was wiederum neue Fragen aufwerfen würde. Wenn es so wäre, warum hätte man sie dann ausgerechnet vor das Kloster gelegt?«
»Das ist wirklich nicht sehr ergiebig. Sorgen Sie dafür, dass es bald erste Ergebnisse gibt«, bellte Springer ins Telefon, »und halten Sie mich auf dem Laufenden.«
»Selbstverständlich.«
Franca ließ sich dazu hinreißen, zu salutieren und die Hacken zusammen zu knallen. Gut, dass Dr. Springer sie nicht sehen konnte. Doch er hörte sie auch nicht mehr, denn er hatte schon aufgelegt. Franca warf den Hörer auf das Telefon und schnappte sich ihre Tasche. Sie hatte höchstens vier Stunden geschlafen und fühlte sich wie durch den Wolf gedreht. Es wäre wohl besser gewesen, gar nicht ins Bett zu gehen. Der extra starke Kaffee, den sie morgens, noch im Pyjama, getrunken hatte, war ihr auch nicht bekommen. Schon wieder dieses Sodbrennen.
Auch das Gespräch mit Isabels Eltern steckte ihr noch in den Knochen. Darauf hätte sie gut verzichten können. Die Eltern waren total ahnungslos gewesen. Sie wussten nur, dass ihre Tochter die Nacht bei einer Freundin hatte verbringen wollen. Die verzweifelte Mutter war völlig zusammengebrochen. Nur gut, dass Franca einen Arzt und den Seelsorger mitgenommen hatte, die sich sofort um sie kümmern konnten. Der Vater behielt äußerlich die Fassung, obwohl Franca spürte, wie viel Kraft es ihn kostete und dass nur eiserner Wille dazu im Stande war, in so einer Situation die Fassade aufrecht zu erhalten. Er bot ihr sogar etwas zu trinken an. Etwas, das Menschen nach so einer niederschmetternden Nachricht eigentlich nie taten.
Eine halbe Stunde nach dem Gespräch mit Springer parkte Franca ihren Wagen vor einem weiß gestrichenen Einfamilienhaus. Benjamin Winter wohnte nur ein paar Straßen von Isabels Zuhause entfernt und doch wirkte die Gegend hier noch vornehmer.
